In dieser Ansprache, unsäglich zart die Andacht zum Gott fädelnd an die

Anklage wider Gott, in ihr, wie glatt und anmutig sie auch dahinfließe,

gärt und siedet dennoch eines der stärksten unterirdischen Beben,

welche die Religiosität der indischen Menschheit je erschüttert

haben. Noch ist Krischna Meister, Herr und Mahâdeva, noch ist er

Gott aller Götter und Auge der Welt, noch ist er Eins-und-Alles und

All-Eines, noch ist er Urselbst und Kern der drei Reiche. Aber schon

meldet sich der bedürftige Mensch und mehr noch die menschliche

Bedürftigkeit, welche beide der Gott, aller Allmacht unbeschadet, nicht

zu stillen weiß. Hinter den vielkantig geschliffenen Worten dieser

Andacht-Anklage geistert eine unausgesprochene und unaussprechliche

Hinterwelt von schweren Zweifeln und Anfechtungen, wie hinter den

Rautenflächen eines vielkantig geschliffenen Diamanten die Urfeuer

der Tiefe sprühen. Denn je mehr Gott Er selber ist, desto weniger ist

es ihm gegeben, die menschliche Bedrängnis wirklich zu teilen, und

je weniger er diese teilt, desto weniger vermag er sie abzustellen.

Der vollkommene Gott, vollkommen, weil nichts ihm gebricht und er an

jeder Stelle dicht ist und stätig, rund und ausgefüllt, er gleicht

fürwahr dem ewigen Sphairos jenes griechischen Xenophanes: wie sollte

er da der unvollkommenen Menschlichkeit ‚in ihres dritten, zweiten,

ersten Viertels bedauerlicher Schwindung‘ innewerden, -- wie sollte

er gewahren, was diesem armen Menschen taugt und frommt. Aus Laune,

Zufall, Spielerfreude oder aus Gott weiß für Gründen oder Ungründen

schuf der vollkommene Gott diese Welt; aber diese Welt geriet ihm

leider minder vollkommen, als er selbst, der Gott, vollkommen ist, und

so leidet der Mensch, auf unvollkommener Welt der unvollkommene Nächste

seines Gottes, schwer unter der Unvollkommenheit der Welt und am

schwersten unter der Unvollkommenheit des Menschen. Die Gürtel, Zonen

und Striche dieser Welt füllt Gott mit seinem Atem, aber des Menschen

Atem bläst unendlich schwächer als der Atem Gottes, und so bläst er

schnell sich leer, und leer geblasen deucht ihn seine Umwelt. Gewiß ist

da verkündigt und gewiesen: wer den Erkenntnis-Vertiefungs-Pfad eifrig

und treu bis ans Ende wandelt, dem winkt Vergottung, und gleicherweis

wer den Verehrung-Andachts-Pfad eifrig und treu bis ans Ende wandelt,

dem winkt Vergottung. Wer Brahman-Âtman durchaus kennt und erkennt,

wird Brahman-Âtman; wer Brahmâ-Wischnu-Schiva von ganzem Herzen verehrt

und liebt, wird Brahmâ-Wischnu-Schiva. Aber das ist es ja eben, daß

weder das Brahman jenseit aller Maske und Gestalt noch die heilige

Trimûrti oder Gottdreigestalt einen Finger rühren oder auch nur eines

Fingers Glied, damit der Gottsucher an seinem Ziel anlange. Das Brahman

zu wissen, das ewige Es und Überstaltige, dies ruht ausschließlich auf

dem Menschen, der des Brahmans bedürftig ist, nicht aber umgekehrt

das Brahman des Menschen, -- und genau so ruht es auf dem Menschen,

den höchsten Brahmâ und Brahmâs Trimûrti, das ewige Du aller Götter

und in der Eigenschaft des Du der Eingestaltig-Vielgestaltige, in

Liebe zu umfangen: _qui deum amat conari non potest, ut deus ipsum

contra amet..._ Nicht zieht Gott den Menschen zu sich, und noch viel

weniger zieht Gott den Menschen an, vielmehr ziehet der Mensch Gott

an, wie es in den paulinischen Schriften auch geschrieben steht, --

der Mensch ist’s, der da in Gott einzugehen, in Gott aufzugehen, in

Gott unterzugehen trachtet, aber mit seinem armsäligen Tröpflein den

vollen Krug Gottes nimmer überfließen macht. Was also ist es zuletzt,

das Heil erwirkt und befördert? Die menschliche Tat ist es, menschlich

getätigt und getan, heiße die Tat Wissen oder Liebe, Erkenntnis oder

Andacht, Ehrfurcht oder Vertiefung, ja heiße sie Tat selber oder auch

Werk. Wer diesen Sachverhalt in seiner Strenge erfährt und erfaßt, wer

sich mit allen seinen Seelenkräften mit ihm durchdringt, wer sich mit

allen seinen Seelenkräften zu ihm durchringt: der bringt als Protestant

den unausgetragenen Widerstreit im Mythos Krischnas klar und bewußt

zum Austrag und das Zeitalter einer rein katholischen oder gemischt

katholisch-protestantischen Religiosität zum einstweiligen Abschluß.

Als Täter der Heilstat löst er den Gott ab, der dem Menschen dauernd

das Eine schuldig bleibt, was einzig Not wendet: jene ‚ewige Erlösung‘,

um welche die Himmelskönigin und Weltmutter Aditi den blonden Gott

vergeblich anfleht. So löst der Mensch Gotamo, gezeugt vom Fürsten

Suddhodano, das ist verdeutscht der ‚saubere Milchreis(-Spender)‘,

und empfangen von der Fürstin Mâyâ, geboren zu Kapilavatthu auf der

königlichen Burg und als Krieger, nicht als Priester auferzogen,

-- so löst der Mensch Gotamo den Gottmenschen Krischna auf dem

Weltenschauplatz ab, und mit ihm gleichsam der Mensch überhaupt den

Gott überhaupt. Und die indische Seele, die wahrhaft allwissend alles

weiß, allahnend alles ahnt, allfühlend alles fühlt, was Gott und Götter

betrifft oder betreffen könnte, vergegenwärtigt sich auch diesen

entwicklunggeschichtlichen, gestaltwandlerischen Sachverhalt auf eine

eindruckvolle Weise. Im Wischnu-Mythos nämlich verkörpert sich Wischnu

im ersten Weltalter viermal in gewissermaßen organisch aufsteigender

Lebensform als Fisch und Schildkröte, als Eber und Mensch-Löwe, um

jedesmal die Welt von einer dämonischen Plage oder Zwingherrschaft zu

befreien; im zweiten Weltalter einmal als Zwerg; im dritten Weltalter

zweimal als Krischna und Râma; im vierten Weltalter aber wiederum

einmal als Buddho, ehe er im fünften und eisernen Weltalter, abermals

im Tier verleiblicht, als das weiße Pferd Kalki die Welt vernichtet und

verjüngt und aller Dinge Wiederherstellung vollbringt: ein Mythos von

so unausdenklichen Adspekten auf den Wechsel von Weltzeitaltern und

Wiederkunftkreisläufen hin, daß ihn bis heute noch keine Konzeption

westlicher Wissenschaft genügend deuten könnte. Auf Krischna-Râma die

Gottmenschen folgt Buddho der Mensch als Vorsteher seiner Zeit und

als Verrichter dessen, was bisher Gott verrichtet oder auch nicht

verrichtet hat, -- dies ist die mythische Umschreibung des historischen

Tatbestandes, daß mit Gotamo Buddho der Protestant in Erscheinung trat!

(Denn für den indischen Geist gibt es eben historische Tatbestände

nur in mythisch-mythologischer Umschreibung und Umdeutung). Mit Gotamo

Buddho ist der Protestant als solcher, der Protestant schlechthin in

die geschichtliche Erscheinung getreten, zunächst für das mittlere

und nördliche Indien. Dann für das indische Festland und Inselland,

dann für Südasien, Mittelasien, Ostasien, und am Ende, wer kann es

heute wissen, für diese ganze runde Erdenmenschenwelt, die gegenwärtig

mehr, als sie selber ahnt und ahnen kann, mit ihrem inneren Gehör

nach Magadhâ hinhorcht und dem vernehmlich durch die Jahrtausende

hindonnernden Löwenrufe lauscht...

Enthülsen wir dieses aber, ihr westlichen Protestanten, als den

überwestlichen, aber wesentlichen Kern des Protestantismus, sofern

er in die kosmischen Ordnungen hineingehört, daß nämlich der Mensch,

eben durch seine Menschlichkeit zur Tat getrieben, wo sich der Gott

keinerlei Tat bedürftig fühlt, -- daß der Mensch eine Melodie in

diesem unendlichen Orchester spiele, wenn der Gott gewissermaßen eine

Pause macht: alsdann verschiebt der Protestantismus alle Gewichte

des religiösen Interesses selbsttätig zugunsten des Menschen.

Alsdann leuchtet ein verborgener (und bisher mit einer gewissen

Geflissentlichkeit verborgen gehaltener) Zusammenhang auf zwischen

Protestantismus und Atheismus; alsdann ist der Protestant kraft

seines Protestantismus in irgendwelcher Rücksicht ein Atheist,

Atheismus schlecht und recht für Gott-Losigkeit, Gott-Ledigkeit,

Gott-Entbehrlichkeit genommen. Diese Gott-Losigkeit, Gott-Ledigkeit,

Gott-Entbehrlichkeit ist sozusagen auf der linearen Verlängerung

des Protestantismus gelegen, wenngleich auch vermutlich auf einer

Verlängerung, die in keinem Endpunkt ihr Ende und Ziel findet,

sondern fort und fort ins Unendliche läuft und darin verlaufen muß:

weil ja die Vorstellung des verneinten Gottes menschliche Denkkraft

offenbar nicht weniger übersteigt und überflügelt wie die Vorstellung

des bejahten Gottes. Ändern doch Vorzeichen in dieser Beziehung an

den Begriffen nichts und können nichts ändern, und kaum dürfte das

Minus-Unendlich minder unendlich sein wie das Plus-Unendlich, o

unendlich-ewiges Geheimnis!... So aber ist von vornherein zu erwarten,

Buddho der Protestant, in der Zeitreihe indischer Weltalter der Erbe,

Vollstrecker und Nachfolger des Gottmenschen Krischna, er werde sich

in dieser oder in jener Bezugnahme als Buddho der Atheist erweisen,

-- Buddho der Atheist freilich in einem Denk- und Sprachsinn, wie

er dem Abendländer bislang kaum zugänglich und jedenfalls alles

andere als geläufig gewesen ist. Waren wir Abendländer doch, um der

Wahrheit nicht ins Gesicht hineinzulügen, der Regel nach Atheisten

aus Frechheit oder Flachheit oder Unfähigkeit oder Überheblichkeit,

selten nur aus Ehrfurcht, und bis auf verschwindende (aber doch nicht

verschwundene) Ausnahmen niemals in den Jahrtausenden seit den Griechen

aus Frömmigkeit und Göttlichkeit. Wo wir die Götter leugneten, da

leugneten wir in der übergroßen Mehrzahl der Fälle auch die göttliche

Bindung und Treue (_religio_); da leugneten wir mit furchtbarem Erfolg

unser eigenes besseres Leben und besseres Bewußtsein mitsamt seinen

Niederlagen und Siegen. Nur einmal vielleicht vernahm ich ein Gebet von

einem Gottlosen unserer späten Zeit, das die Gebete aller Gläubigen

an Innigkeit und wahrer Liebe zu Gott ganz unermeßlich übertroffen

hat: „... Nicht wahr, du bist doch nicht? Du würdest nicht so müßig

sein mit Allmacht? Du würdest ruhen nimmer wie ein träger Faulpelz,

der’s nüchtern ansieht, wie die Untat herrscht? Wie Niedrigkeit

erhöht steht, und was hoch ist, niedrig? Du würdest deine Arme nicht

so lässig kreuzen, als ginge dich das Weltall, dein Geschöpf, nichts

an? Du bist doch nicht, nicht wahr?... Auf, auf, du Gott, der nicht

besteht, hilf mir!“... Gottlos und ehrfurchtvoll, gottlos und gläubig,

gottlos und fromm, gottlos und heilig, gottlos und göttlich, das in

der Tat reimt sich europäischen Ohren, den mit soviel Schmalz und

Schmutz und Kot und Seim verklebten, so schlecht wie nur immer möglich,

und wer auf diesem Reim zu dichten wagte, dem antwortete entrüstet

jedermann: Hab’ ich recht gehört?... Als Sklaven einer unduldsamen

Vernunft und engstirnigen Weisheit erblickten wir schlechten Europäer

ein herrisches Entweder-Oder, wo die duldsame Vernunft Asiens und

die weitstirnige Weisheit des Asiaten ein Sowohl-Als-Auch vernimmt

und wahrnimmt mit noch so mancherlei Zwischentönen. Wer Atheist war

in unseren mehr mäßigen als gemäßigten Breiten, der strich gar zu

gern wie der entlassene Schulmeister im Grünen Heinrich landauf und

-ab durch Berg und Tal und lehrte und überredete und beschwor und

verkündigte und beschrie als ein echter Schulmeister: Gott ist tot! Und

noch Zarathustra, der Gepriesene und Hochpreisliche, glich er fürwahr

in diesem Betracht nicht allzusehr noch einem Schulmeister? Wo aber

Gott noch ein weniges lebte und heimlich mit den Gliedern zappelte

und leisen Atems röchelte, vielleicht von gefährlicher Ohnmacht schon

umnachtet, da schlug ihn der Atheist flugs vollends tot und warf ihn

ins Dickicht und erregte allenthalben Ärgernis gegen sich, daß er

einen Schlafenden zu Tod schlug: Weh’, Macbeth mordete den Schlaf,

den heiligen Schlaf!... Denn wie gesagt, wir sind allzu steil auf

Nein und Ja gestellt, wir Abendländer. Wir wandeln auf einer Brücke

von Rasierklingenschärfe über den offenen Abgründen des Lebens und

mehr noch des Todes dahin, und stoßen gnadenlos in den Abgrund, was

auf der schmalen Schärfe zwischen Nein und Ja ausruhen will. Und wer

da sein Haar um ein Tausendteil einer Haaresbreite dünner oder dicker

spaltet wie wir selber und um diese tausendstel Haaresbreite von

uns abzuweichen sich gedreistet, den bellen wir hart an mit unseren

wütendsten Worten und erdolchen ihn stracks mit unseren giftigsten

Blicken: Pack’ dich, Hund, und scher’ dich dem Teufel zu, von welchem

du herkamst! Was hab’ ich mit dir zu schaffen? _Apage Satanas! Anathema

sis!..._ Also wandeln wir zwischen Ja und Nein auf der Brücke von

Rasiermesserschärfe und fluchen lästerlich jedem Begegnenden, dieweil

uns der Raum fehlt, um freundlich zur Seite zu weichen. Und jeder

Begegnende ist unser besonderer Feind und jeder Erwidernde unser

besonderer Widersacher, und unser Leben gleicht einem fort- und

fortgesetzten Zweikampf, dessen grausamer Ausfall von Tag zu Tag aufs

neue heißt: Du -- oder Ich. Ich -- oder Du...

Gotamo jedoch, der Protestant des südöstlichen Festlandes Indien, er

wandelt nicht zwischen Ja und Nein. Er wandelt, auch hier durchaus Erbe

und Rechtsnachfolger Krischnas, wie es in der Bhagavad-Gîtâ wörtlich

heißt: „über die Paare hinausgegangen oder der Gegen- und Widersätze

ledig: _dvantvâtîta, nirdvandva_“... Vor die Frage des Du-oder-Ich,

will meinen Gott-oder-Mensch gestellt, würde Gotamo uns mutmaßlich

desselbigen Lächelns gar fein zulächeln, mit welchem Gott Krischna, der

Blondlockige, der Göttermutter Aditi zuzulächeln geruhte. Denn dieses

weiß Gotamo besser als irgend ein Sterblicher und Unsterblicher der

östlichen oder westlichen Halbkugel, daß Gott und Göttern nichts so

verhaßt ist als zwischen die Schere allzumenschlichen Ja-oder-Neins

geklemmt und von ihr entzweigeschnitten zu werden. Wo Gott geglaubt

wird, dieses hat wohl Gotamo der Protestant, Gotamo der Atheist tiefer

und gewisser erfahren als alle Protestanten und alle Atheisten vor,

neben oder nach ihm, da ist Gott auch und da gibt es Gott. Die Frage

ist nicht, ob es Gott gäbe oder nicht gäbe, die Frage ist, ob Gott

geglaubt oder nicht geglaubt wird. Gott aber, ihr Christen, und dies

sei uns das ewig christliche und das überchristliche Faktum aller

Religion überhaupt, Gott selber wird ewig sowohl geglaubt wie nicht

geglaubt und so ist Gott selbst darum ewig und ist ewig nicht, -- dies

sei uns schlechthin die Gewißheit in Ansehung Gottes, in Ansehung der

Götter. Dies sei uns die vornehmste und unumstößliche und ‚unpaarige‘

Gewißheit jenseit von Ja und Nein, oder strenger und richtiger

noch diesseit von beidem und in diesem Diesseit gegensatzentrückt,

_dvantvâtîta, nirdvandva_... Wo Gott also geglaubt wird, da ist auch

Gott; wo Gott nicht geglaubt wird, ist Gott nicht. Umsonst sucht daher,

wer in den Heiligen Schriften des Pâli-Kanons ein glattes, rundes

Urteil sucht, ob es Gott gäbe oder nicht gäbe. Just dieses Ur-Teil

deucht einen Weisen wie Gotamo, einen Erwachten wie Gotamo -- „‚der

Erwachte, o Keniyo, sagst du?‘ ‚Der Erwachte, o Selo, sag’ ich‘... Da

gedachte nun Selo der Priester: ‚Das ist ein Wort, das man gar selten

vernimmt in der Welt, der Erwachte!‘“ -- just dieses Ur-Teil, sag’ ich,

deucht einen ‚Buddho‘ also wie Gotamo allzusehr ein Nur-Teil, um das

Ganze zu umspannen.

In der Neunzigsten Rede zwar aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo

frägt der König Pasenadi von Kosalo den Erhabenen geradezu: „Wie aber,

o Herr, gibt es Götter?...“ Die Antwort jedoch ist eine Gegenfrage:

„Warum denn, großer König, sprichst du also: ‚Wie aber, o Herr, gibt

es Götter?‘“ ... Diese Gegenfrage und ihren tiefsten Sinn würde kein

westlicher Mensch verstanden haben und vielleicht kann sie auch heute

noch kein westlicher Mensch verstehen, denn der Westen hat bisher von

der Entscheidung über diese Frage alles abhängig gemacht, nicht allein

die Religion, vielmehr jedes höhere Leben des Geistes und der Seele,

das aus Religion hervorblüht. Er sagte sich: Wenn schon Gott nicht

ist, dann will ich ein Vieh, ein Tiger, ein Haifisch, ein Werwolf, ein

Ungeheuer sein, -- dann will ich bei Gott diese ganze Welt mit meinen

Zähnen zerreißen und mit meinem Maul verschlingen... Der Buddho aber

wirft diese selbe Frage wie einen ihm zugeworfenen Ball anmutig auf

den Fragenden zurück und spielt gleichsam ein weniges mit ihr, weil er

sie in ihrer Bedeutunglosigkeit durchschaut hat. Ob Götter, ob keine

Götter: ihm liegt es unter allen Umständen ob, die Welt zu retten und

zu tun, was Gott nicht tun kann. Der leichte Spott, die leise Ungeduld,

die aus der Gegenfrage an den König etwa herauszulesen wäre, hat nichts

anderes zu besagen als: Sprechen wir von wesentlichen Dingen, o König,

und schweifen nicht zu unwesentlichen ab...

Umsonst also sucht, wer hier nach jenen gesalzenen Schmähungen,

Schimpfreden, Grobheiten sucht, wie sie die protestantischen Hellenen

beliebten, die es unter dem Himmel Homers nicht länger aushalten

konnten, zu schweigen von den klobigen und klotzigen Flegeleien, mit

welchen der große Rüpel Martinus die Kirche Roms und ihren Papst

gleichsam wie mit Kübeln überschüttete. In diesen Schriften wird

nirgends geschimpft, es sei denn von einem unbelehrigen Brahmanen; in

diesen Schriften wird niemand beschimpft, es sei denn der Erwachte

selber von einem blindwütigen Priester. Hier, wo es in vieler Hinsicht

keine Gläubigen und weniger noch Recht-Gläubige gibt, hier gibt es

erst recht keine Anders-Gläubigen, denen man eins wischen müßte. Die

europäischen Propheten des Protestantismus haben an den Anhängern

des Katholizismus jeweils gehaßt, was sie in sich selber überwunden

(oder auch nicht überwunden) hatten, -- aber der indische Protestant

Buddho weiß nichts von diesem Haß gegen die eigenen Überwindungen.

Der weltgeschichtliche Kampf zwischen den Urformen der Religiosität

wurde und wird in Europa der bösen Beschaffenheit des Europäers

entsprechend mit vergifteten Waffen geführt, aber Gotamo führet ihn

nicht einmal mit Waffen, geschweige denn mit vergifteten. Der indischen

Haupttugend vollendeter Herzenshöflichkeit wie kein zweiter religiöser

Stifter mächtig, verliert der Erhabene kein Wort gegen die unendlichen

Götterreihen, welche der Brahmanismus wie einen Berg unendlich

gestaffelt und gestuft bis zum Himmel und Überhimmel aufgetürmt hatte.

Der Berg wuchtet und ruht in ihm selber heilig weiter, aber Gotamo

nimmt auf seinem höchsten Gipfel Platz, um dort die Weihe der vier

Schauungen (_jhânâni_) zu begehen. So redet der Buddho in jeder Rede

ohne Befangenheit von den unzähligen Göttern des Veda, und was etwa

noch wichtiger scheinen könnte, so schweigt er ohne jede Befangenheit

von ihnen, wo ihm das Schweigen angebracht zu sein deucht. Er redet und

er schweigt in seinen Reden von den Göttern mit Takt, mit Wohlwollen,

ja mit Großmut, wie ein erzogener Abendländer über abwesende Gäste

redet und auch schweigt, deren Menschliches er längst durchschaut hat.

Dieser unbedingteste Protestant aller Vergangenheiten, gewissermaßen

ein protestantisches Absolutum, verfährt mit göttlicher Milde gegen

die Götter, deren schöne Überflüssigkeit in Ansehung dessen, was Not

wendet, er als der erste Mensch menschheitlicher Gattung erkannt

hat. Für oberflächliche und grobkörnige Beobachter hat sich in den

Jahrhunderten zwischen dem Veda, den Upanischaden, den großen Epen und

dem Auftritt Gotamos, was die Götter anbetrifft, nichts Besonderes

zugetragen. _Ex officio_ bleiben sie in allen Hoheitrechten ungekränkt

und unbehelligt, in die sie eine fromme Urzeit einst göttersälig

eingesetzt hatte. Noch wimmelt Welt, Unterwelt und Überwelt von den

Heerhaufen der Heiligen und Vollendeten und Engel und Genien und

Dämonen und sinnlichen und himmlischen Gottheiten bis herauf zum

Himmelsjüngling Brahmâ selber, -- erst die Zone des Brahman-Âtman

ist es, die ernsthaft in Frage gestellt, ja verneint erscheint, und

zwar aus Gründen, die sich gewissermaßen ganz von selbst in eine

doppelte Gruppe scheiden und die schließlich an dieser Stelle wo nicht

ausführlich entwickelt, doch wenigstens grundsätzlich erwähnt werden

müssen.

Die erste Gruppe dieser Gründe findet sich mit wundervoller Klarheit

herausgearbeitet und zusammengestellt in der Ersten Rede aus der

Längeren Sammlung Dîghanikâyo, ‚Das Priesternetz‘ betitelt, wo der

Buddho auf eine beinah erschöpfende Weise die Trennung zieht zwischen

seiner eigenen Lebensführung und Weltauffassung und der Lebensführung

und Weltauffassung brahmanischer Priester und Asketen. Eine durchaus

kunstgerechte oder gar gelehrtwissenschaftliche Auseinandersetzung à

la Çankara mit der Götter-, Welt- und Seelenlehre des Brahmanismus

darf freilich niemand hier erwarten, denn weder sind Gotamos Zwecke

und Ziele gelehrtwissenschaftliche, noch erhebt er persönlich jemals

den geringsten Anspruch auf maßgebliche Kennerschaft vedischer

Theo-Kosmologie und Scholastik. Trotzdem werden hier mit einer

Dialektik von manchmal glänzender Überlegenheit die wichtigsten

Standpunkte der brahmanischen Götterlehre, Weltlehre, Seelenlehre im

Zusammenhang aufgezeigt und in ihrer Nichtzulänglichkeit erhärtet.

Nicht weil diese Götterlehren, Weltlehren, Seelenlehren falsch wären,

sondern im Gegenteil, weil sie richtig sind, richtig nämlich als eine

Reihe von einander sich ausschließenden Vernunftaussagen, gleichmäßig

zulässig, gleichmäßig ‚wahr‘, -- eben darum sind sie alle zusammen

doch nur als bloße Vorläufigkeiten, wenn nicht als Unerheblichkeiten

(ἀδιάφορα) zu bewerten und zu verwerfen. Als Standpunkt der Erkenntnis

können, ja müssen sie von den Erkennenden eingenommen werden, und

wenn sie sich im einzelnen dann kontradiktorisch widersprechen,

beweist das nicht, daß sie erkenntnismäßig unzulässig sind: aber es

beweist, daß es von Übel sei, wenn sich die Vertreter der einzelnen

Standpunkte innerlich gleichsam mit ihnen für verwachsen erklären

und so ihr persönliches Heil mit einer jeweiligen Ansicht-Sache,

Meinung-Sache verwechseln. Über Götter, Welt und Seele mag jeder

denken, was seinen Verständniskräften am besten entspricht und ihn am

innigsten befriedigt. Und vielleicht gibt es unter allem, was bisher

von menschlichen Wesen über diese Gegenstände ausgeheckt worden ist,

gar nichts, das grundsätzlich und in jedem Sinn falsch oder verkehrt

wäre. Nur ziemt dem Erwachten ein Standpunkt, unendlich über alle diese

Standpunkte erhöht, wofern der Erwachte seinerseit alle einzelnen

Standpunkte durchlaufen und in ihrer verhältnismäßigen Berechtigtheit

durchschaut hat: nun aber sich selbst die unbedingte Freiheit

streng zu wahren entschlossen ist, auf keinem als einem endgültigen

auszuruhen und zu beharren und ihn für den einzig richtigen, den einzig

angemessenen auszugeben. Sich auf keinen erkenntnismäßigen Standpunkt

festzulegen und sich für keinen zu entscheiden, das ist der Standpunkt

des Buddho gegenüber allen üblichen Lehren von Gott, Welt und Seele.

Der Protestant Gotamo protestiert gegen jedwede dogmatische Bindung

zugunsten einer bloßen Ansicht oder Annahme, Meinung oder Auffassung.

Er protestiert dagegen nicht wie der Protestant Kant, um die ewigen

Rechte der Kritik gegen das Dogma zu vertreten, vielmehr aus der tiefen

und religiösen Selbsterfahrung heraus, daß sich mit dem eigenen Wesen

und Wesensziel keine sogenannte Wahrheit wirklich deckt: daß hier

stets und immer eine Leere bleibt, die nach anderer Erfüllung heischt,

als sie die Doktrin gewähren könnte. „Da erkennt denn, ihr Mönche,

der Vollendete: ‚Solche Ansichten, also angenommen, also beharrlich

erworben, lassen dahin gelangen, lassen eine solche Zukunft erwarten.‘

Das erkennt der Vollendete, und erkennt, was darüber hinausreicht.

Bei dieser Erkenntnis beharrt er aber nicht, und weil er dabei nicht

beharrt, findet er Einkehr eben in sich“...

Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen · 第 5 / 26 段