Noch hat es aber damit für den Aufmerkenden eine andere Bewandtnis. Die

abendländische Vernunft, Jahrtausende um dieses Rätsels Enträtselung

sich befleißigend, sie hat sich bekanntermaßen zu ihrem eigenen

Gebrauch etliche Hand- und Fußschellen angelegt, oder richtiger

eigentlich Haupt- und Geistschellen, die sie an jeder freieren

Beweglichkeit behindern müssen. Mit diesen Haupt- und Geistschellen

fesselte die Vernunft des Abendlandes sich selber und nannte ihre

Fesseln die Grundsätze der Logik, als da ist die Grundregel von

der sogenannten Identität, Einerleiheit oder Dieselbigkeit, wonach

jeder Denkinhalt mit sich selber einerlei, und zwar lediglich mit

sich selber einerlei sei; -- die Grundregel ferner vom Widerspruch,

wonach von zwei einander ausschließend widersprechenden Urteilen nur

eins wahr sein könne. Der Grundsatz von der Einerleiheit und der

Grundsatz vom Widerspruch, das war der Bleikiel, der die schwanke

Jacht des europäischen Denkens vor dem Kentern wahren sollte, wenn

sie auslief. Denn offenbar erschien sich dieses Denken selber mit

allzuwenig Gewicht beschwert, um die Gefahr des Kippens und Kenterns

nicht vor allen Gefahren zu fürchten. Was nun allerdings die zweite

dieser Vernunftregeln betrifft, die angeblich zeitlos gültig und

allgemein sind, so kann es dem halbwegs vorurteilfreien Beobachter der

europäischen Wissenschaften auf die Dauer ganz unmöglich ein Geheimnis

bleiben, daß sämtliche Systeme der großen Dialektik den Satz vom

Widerspruch entweder ausdrücklich mit Worten oder aber tatsächlich

außer Kraft gesetzt haben. Von Herakleitos dem Hellen bis auf Nietzsche

und von dem Stagiriten bis auf Kant, Hegel, Marx ist die abendländische

Philosophie zuletzt nichts anderes gewesen als das mit mehr oder

minder tauglichen Mitteln unternommene Wagnis, wenigstens diese

hinderlichste aller Fesseln einer unbefangenen Erkenntnis zu sprengen:

mit immer größerer Rücksichtlosigkeit ward der Vernunftwiderspruch,

die Kontradiktion und Kontraposition, die Antithesis und Antinomie

wie ein Sporn in die Flanke der Welt gebohrt, der sie vorwärts zu

rasender Bewegung stachelt. In ihrer sogenannten Logik scheint mithin

die Abendlandwissenschaft den Satz vom Widerspruch nur aufgestellt zu

haben, damit sie ihn in ihrer sogenannten Dialektik wieder aufzuheben

vermöchte, und gleichsam um sich für diese freche Verwegenheit selbst

zu strafen, hat dann die Vernunft des _homo europaeus_ an dem anderen

Grundsatz von der Dieselbigkeit und Einerleiheit mit desto strengerer

Treue festgehalten. Jedweder Denkinhalt ist mit sich selber einerlei

und lediglich mit sich selber, so urteilt die westländische Vernunft

in der unerschütterlichen Überzeugung, hier als ‚Vernunft überhaupt‘

zu urteilen, -- und noch hat sich keine Dialektik und noch nicht

einmal eine Sophistik erdreistet, das Zeichen der Frage auch hinter

diese Denkfessel und Denkhemmung zu setzen. Jeder Denkinhalt ist

mit sich selber einerlei, urteilt nun freilich auch die Vernunft

jener indischen Rasse, welcher wir Veda, Upanischaden und die großen

Epen zu danken haben, -- aber der Denkinhalt Gott, fügt dieselbe

Vernunft eilends berichtigend hinzu (und eilends beschwichtigend), der

Denkinhalt Gott ist einerlei mit sich selber und zugleich einerlei

mit allen Denkinhalten und Weltinhalten sonst. Gott ist er selber,

und hinsichtlich dieser Unumstößlichkeit bleibt der Satz von der

Identität durchaus gültig. Aber Gott ist außerdem alles, was ist und

doch nicht Gott ist, und hinsichtlich dieser Unumstößlichkeit gilt der

Satz von der Identität für Gott nicht. Alles was ist und Gott nicht

ist, ist letzthin doch Gott, ist letzthin doch Gott-Selbst; Gott als

dem Urselbst ist es gemäß, Er-selbst und Es-selbst zu sein und daneben

noch sämtliche Wesenheiten und Dinge, benennbare und unbenennbare,

wahrnehmbare und unwahrnehmbare. Gott ist es gemäß, sich in das

Doppel- und Wider-Sein des Ich-Nichtich zu spalten und jedwede Gestalt

des Leibes, jedwede Gestalt des Geistes gütig anzunehmen und alle

aneinander zu reihen, ohne sich mit einer einzelnen Gestalt der Reihe

oder auch mit allen zusammen seinem Begriff nach zu decken. Gott ist

Gott und Gott ist nicht Gott und Nicht-Gott, beides auf seine göttliche

Weise. Gott ist Gott, aber Gott ist auch Ich-Nichtich, Gott ist auch

Subjekt-Objekt, Gott ist auch Puruscha und Prakriti, Gott ist auch

‚Feldkenner‘ und ‚Feld‘, Gott ist auch Prajâpati und Mahâmâyâ, Gott

ist auch Sein und Nicht-Sein, Gott ist auch die fünf Elemente und die

Qualitäten, Gott ist auch das Wesen und die Wesen zumal. Wohl sagt

Gott: Ich bin Ich. Aber Gott sagt imgleichen: Ich bin Du und Du bist

Ich, und Ich bin Es und Es ist Ich. In der Kauschîtaki-Upanischad wird

der abgeschiedenen Seele die nie zu vergessende Antwort, das nie zu

vergessende Urwort gleichsam als Lösewort in den Mund gelegt, wenn ihr

der Himmelspförtner Mond die Frage aller Fragen vorlegt: Wer bist Du?

-- Du bin Ich! Mit diesem ‚Du bin Ich‘ kann die abgeschiedene Seele in

den Himmel eingehn, von welchem sie herkommt, und mit dieser Antwort

ist Indiens unsterbliche Seele wahrlich in den Himmel eingegangen. Du

bin Ich, Mond bin Ich, Himmelspförtner bin Ich, alle Himmel selber bin

Ich und aller Dinge Himmel und Überhimmel. Also vollendet sich die

indische Schauung der Identität, indem sie alle Identitäten sprengt;

also erfüllt die indische Selbst- und Gotterfahrung den Satz von der

Einerleiheit und Dieselbigkeit, indem sie ihn aufhebt. Alles Seiende

ist eins mit sich und eins mit allem anderen Seienden: Nichts ist

eins mit sich allein und Nichts ist nicht eins mit allem anderen.

Und nicht empedokleisch, ihr Christen, dürfen wir dies verstehen,

als ob der indische Mahâdeva zu sich selber spräche: Einst war Ich

Knabe und Mädchen und Busch und Vogel und flutenttauchender stummer

Fisch. Sondern vedisch und upanischadisch und episch sollen wir es

verstehen: Stets bin Ich Knabe und Mädchen und Busch und Vogel und

flutenttauchender stummer Fisch: stets bin Ich alles, was ist und

nicht ist zumal und jetzt und immerdar, und nicht etwa nach der Reihe

im Nacheinander der Zeit. Dieweil der indische Gott Er selber und

darüber hinaus das ist, was nicht Er selber ist, erweist er sich in

der Sprache der Vernunft als einerlei und vielerlei in einem, als

dieselbig und unterschieden in einem. Seine Identität aber beruht

darauf, daß in bezug auf ihn alles die eigene Identität verliert, um

die Identität Gottes zu gewinnen, die offenbar höher und tiefer ist

als alle Vernunft. Daß ein Denkinhalt er selber ist und zugleich

noch anderer, -- das ist mithin in Rücksicht auf Gott die indische

Fassung des Grundsatzes von der Einerleiheit und Dieselbigkeit,

auf das Bedeutsamste unsere abendländische Fassung ergänzend und

vervollständigend, aufhebend und überwindend.

Und dennoch ist diese tiefste und fruchtbarste aller Paradoxien,

Paralogien irgendwie eingedrungen auch in unsere westliche Welt, wenn

nicht in die Wissenschaften und wenn nicht in die Religionen, so doch

wenigstens in unsere Märchen, und zwar am duftigsten, ahnungreichsten,

erinnerndsten, ihr Deutschen, in unser deutsches Märchen. Im deutschen

Märchen, welches sich selbstherrlich seine eigenen Gesetze und seine

eigene Vernunft zu schaffen wußte, im deutschen Märchen säuselt

und wispert ein Hauch dieses indisch-unnennbaren Fühlens und hebt

sehnsüchtig an zu singen und zu klingen, wie eine Quelle in der Nacht

zu singen und zu klingen anhebt, da untertags der Tag dem Tag allein

Gehör gab. Erinnerungen, köstliche und nie versiegte sind es, wenn

beispielweise in den Volksmärchen des Musäus der Berg- und Erdgeist

Rübezahl brahmanisch hinüber- und herüberwechselt in Gestalt und Person

eines Riesen, eines Köhlers, eines Ritters, eines Handwerksburschen,

eines Prinzen, eines Ratsherrn, und sich bald wischnuhaft als Erhalter

und Beschützer, bald schivahaft als Verderber und Zerstörer kundgibt.

Und lebhaftere, stärker glühende Erinnerungen an Indien sind es,

vielfach schon am Bewußtsein der eigenen Sehnsucht bewußtgenährt

und gekräftigt, wenn etwa in Hoffmanns romantisch-klassischem Kunst-

und Künstlermärchen vom Goldenen Topf der Geheime Archivarius

Lindhorst gar wundersam proteisch behaust ist in seinem Bücher- und

Handschriftenzimmer zu Dresden, jetzt Archivarius und Beamter in

Königlich Sächsischen Diensten, jetzt Element, jetzt Feuergeist,

jetzt Geisterfürst, jetzt Salamander, jetzt Feuerlilienbusch, jetzt

brennender Arrak; wenn ferner (und wer weiß wie ferne schon?)

dieses Gemaches azurne Schimmerwände von goldenen Pilastern brauner

Palmbaumschäfte edel aufgeteilt erscheinen, die Blattrippen aber der

Palmbaumkronen sich zur runden Kuppel wölben aus Smaragd und Schaft

wie Blatt und Krone in einem sanften Mittagwind sich wiegen; wenn

unter dieser Kuppel dann von Smaragd Student Anselmus manch magisch

Pergament mit Fleiß kopieret (als welches Lindhorst in Gestalt von

Blättersprossen aus dem Schaft der Palmen zog), um sich das Schlänglein

Serpentina, des Salamanders Tochter, durch peinlichst saubere,

peinlichst genaue Nach- und Abschrift der unleserlichen Hieroglyphe

‚Schöpfung‘ gleichsam zu erschreiben... Wenn irgendwo, so steigt es

hier, ihr Abendländer, wahrhaftig in uns Abendländern purpurn auf mit

einer Melodie, die Herz und Seele wie eine Traube herbstlich schwellen

macht vom Saft des eigenen Bluts: Kennst du das Land?...

Als Krischna der Hirtenjüngling, als Krischna der Held, als Krischna

der Wohl- und Wundertäter abenteuert also, verstehen wir endlich

diesen Sachverhalt in seiner unermessenen Wichtigkeit richtig, der

ewige Gott Wischnu in der Welt umher, -- gleichsam einem tiefsinnigen

Wort zur vollkommenen Erläuterung, welches Hegel zur Kennzeichnung

des indischen Geistes nutzte: „Es ist Gott im Taumel seines Träumens,

was wir hier vorgestellt sehen.“ Es ist Gott im Taumel seines

Träumens, ihr Christen, der hier als Krischna-Wischnu gottmenschlich

die Welt durchstreift. Und eben weil dieses sich so verhält, wird

nicht nur jedes Abenteuer des Helden Krischna zugleich als Heilswerk

und Heilstat Gottes selbst gewerkt, sondern muß außerdem auch von

der nachträglichen Betrachtung in solcher Doppelsinnigkeit durchaus

gewürdigt werden. Unmöglich zu sagen, ob der Mensch als Mensch oder

ob der Gott als Gott Urheber dieser Werke und Vollbringer dieser

Taten sei. Entscheiden wir uns für Gott, so ist es Gott doch nur

in der Gestalt des Hirtenjünglings Krischna, welchem kraft dieser

angenommenen Gestalt des Menschlichen nichts fremd geblieben ist.

Entscheiden wir uns aber für den Menschen, so ist es der Hirtenjüngling

Krischna nur im Vollbesitz der göttlich in ihm angehäuften, angestauten

Weltenkräfte, der soviel Wunderbares tut. Darin besteht eben nach

indischem Erleben das Mysterium der Gottmenschheit, daß es in keinem

Augenblick gottmenschlichen Daseins möglich ist, den Nachdruck

allein aufs Göttliche oder allein aufs Menschliche zu legen: Gott

ist Mensch, und Mensch ist Gott auf Grund einer nichtidentischen

Identität beider, indes der abendländische Mythos den Heiland

Mensch geworden sein läßt vermöge einer mehr wie fragwürdigen

geschichtlichen und einmaligen Vaterschaft des Heiligen Geistes, der

gewissermaßen in Stellvertretung des Jahve-Hypsistos den Schoß der

Jungfrau Maria in übergeschlechtlicher Begattung schwängert. Derart

ist Jesus bei Lebzeiten eigentlich nur Mensch, Gott aber wesentlich

nur vor der Empfängnis im Fleische der Mutter Maria und abermals

nach seiner Himmelfahrt, wohingegen Krischna just bei Lebzeiten und

während des irdischen Wandels Gott ist. Mangels einer zureichenden

Metaphysik bleibt Jesus im Weltbild des Abendländers eine einmalige

Ausnahme-Erscheinung der Zeit, die wenigstens für den verständigen

Christen etwas Anstößiges, ja Unheimliches nie ganz abzustreifen

vermag: jedoch in Indien kann sich der Vorgang Krischnas unendlich

und grundsätzlich wiederholen und hat sich wirklich auch wiederholt.

In unterschiedlosem Durchdrungensein ist Krischna durchaus Mensch

und durchaus Gott, dieweil es Gottes tiefste und höchste Eigenheit

bedeutet, Er selbst und ein anderer zumal zu sein. Ob er aber für den

Zuschauer von außen im Augenblick mehr dieser oder im Augenblick mehr

jener sei, das hängt vom Zuschauer ab und des Zuschauers Stellungnahme,

-- das hängt von des Zuschauers Kraft der Zusammensichtung ab und von

seiner Gabe der Ineinanderschau. In der religiösen Geographie und

Kosmographie jedenfalls bedeutet Krischna die Mittaglinie oder den

Gleicher, wo die Weltkugelhälfte Gott mit der Weltkugelhälfte Mensch

in ihrem größten Kreis Berührung und Gemeinsamkeit findet, also daß

eine bessere Ausgleichung zwischen Gott und Mensch schlechterdings

nicht mehr vorstellbar ist. Dieser Mythos gibt mit unübertrefflicher

Gerechtigkeit Gott, was Gottes ist, und dem Menschen, was des Menschen

ist. Und wenn jemals auf dieser Erde die katholischen und die

protestantischen Grundmächte der Religion in ihrer _balance of power_

verharren, so geschieht es hier im Indien des epischen Weltalters

und jener epischen Weltfrömmigkeit, von der uns die Bhagavad-Gîtâ

eine Probe kosten läßt. Wäre ein menschlicher Zustand denkbar, in

welchem alle geistleiblichen Spannungen gelöst erscheinen und wo kein

innerlich-äußerliches Gefälle mehr zu bemerken ist, dann wäre kein

Absehn, warum mindestens die führenden Religionen des Südostens diesen

in seiner Art vollkommenen Urstand erworbenen Gleichgewichts der beiden

Hauptgewichte des religiösen Daseins hätten aus freier Entschließung

je preisgeben sollen. Gesetzt, ein solch vollkommener Urstand wäre

auf die Dauer möglich oder könnte selber Dauer werden, -- der Mythos

vom Gottmenschen Krischna wäre als höchstgültige, ja endgültige

Stufe menschlicher _religio_ überhaupt zu werten, als schlechthin

reifste Kristallisation religiöser Lebens- und Seelenmächte: ein für

allemal dadurch ausgezeichnet, daß er katholische und protestantische

Strebungen noch auf ganz andere Weise miteinander zu versöhnen weiß

als der Mythos vom Christus. In diesem Fall verkörperte der Mythos

vom Krischna die Religion als solche, die einzige, die uns Menschen

völlig gemäß wäre und frömmstes Hingegebensein an Gott mit innigstem

Hingegebensein an den Menschen für immer verschmölze zu einer Formung,

Bindung und Verpflichtung ohne Vorgang und Vergleich. Hier gattete sich

höchstes Schöpferglück über ein welthaft irdisches Gestalten ohne Maß

und Schranke mit tiefster Erlöserlust an weltlich-irdischer Entstaltung

und Verlöschung. Hier brauchte sich nicht länger schmerzlich mehr der

Gott des Menschen oder der Mensch des Gottes zu schämen und einer den

anderen dreimal verleugnen, ehe daß es Tag wird...

Inzwischen gibt es nirgendwo ein Leben, seines Namens würdig, das

auf die Dauer ohne Unterschiede der inneren und äußeren Spannung,

des leiblichen und seelischen Gefälles bestehen könnte. Nirgendwo

gibt es ein solches Leben, weder im Umkreis des bloß gelebten, recht

eigentlich noch pflanzenhaft-tierhaften Lebens, noch im Umkreis des

schon vollbringenden und wirkenden, recht eigentlich menschlichen

Lebens, -- so wenig wie es eine Musik aus lauter Pausen gibt. Wer

näher an den Krischna-Mythos herantritt und die Goldworte dieses

himmelschönen Gedichtes auf der Goldwage des Geistes prüfend wägt,

der gewahrt denn auch bald in ihm die Kräfte schon heimlich am Werk,

welche die Gewichte früher oder später nach der einen, nach der anderen

Richtung hin verschieben müssen. Es mag vielleicht der seltensten,

reichsten, reinsten Ahnung da oder dort enttagen, daß Gott und Mensch,

Wesen und Wirklichkeit, Selbst und Dasein in Wahrheit Eins-und-Alles

sind. Derartiger Ahnung mag es in gnädiger Geberstunde wohl enttagen,

daß Gottes Urselbst gewissermaßen drei Gürtel, drei Zonen, drei Lagen

mit sich selber fülle: nämlich die Zone der gestaltlosen Gottheit

oder auch die Brahman-Âtman-Zone; die Zone ferner der gestalthaften

Götter oder auch die Brahmâ-Wischnu-Schiva-Zone oder schlechtweg die

Krischna-Zone; die Zone endlich der Weltwirklichkeit-Menschwirklichkeit

oder auch die Prakriti-Zone, das ist die Zone der natürlichen Schöpfung

oder _natura naturata_. Diese drei Zonen, Gürtel oder Lagen des

Seins, sag’ ich, fülle das göttliche Urselbst mit seines Urselbstes

Götterkräften, und daß sich dieses also verhält, werde der Erkenntnis

in Offenbarungstunden offenbar. Ob aber indes Gottes Urselbst auch

diese Lagen der Dreiwelt zu seinem Teil stätig fülle, wie etwa ein und

derselbe Wind das Segel der oberen, das Segel der mittleren, das Segel

der unteren Ra füllt, -- der Mensch ist zu seinem Teil doch zu wenig

Gott, um die Dreiwelt gleichmäßig und stätig zu seinem Teil zu füllen.

Sicherlich! Für Gott und von Gott her schließen sich mitnichten aus:

Krischna das ewige Selbst der Welt, Krischna-Brahmâ Krischna-Wischnu

Krischna-Schiva jenseit hiesiger Menschenwelt, und Krischna der blonde

Hirtenjüngling auf den Gefilden der Yamunâ. Für Gott und von Gott her

schließen sich diese drei nicht aus und vielleicht auch nicht für den

Brahman-Kenner und vom Brahman-Kenner her, wenn sich auch freilich

hier schon Schwierigkeit auf Schwierigkeit türmt. Jedoch der tätige

Erdensohn, der es im Wissen allein und ununterbrochen nicht aushält,

ja der nicht einmal als Brahman-Kenner und -erkenner den Zustand

Brahman-Âtman dauernd aushält: er drängt zu eindeutiger Entscheidung,

welch einer der Dreiwelten Gottes er sich nun seinerseit heilstätig und

werksälig zu widmen habe. Zwar gibt es der Zugänge zu dieser ummauerten

Feste der göttlichen Dreiwelt gleichfalls drei, sämtliche ins Herz der

Feste führend. Zum Âtman-Brahman führt der Erkenntnis-Vertiefungs-Pfad

empor oder sonst _jñâna-mârga_ geheißen; zum

Brahmâ-Wischnu-Schiva-Krischna führt der Verehrung-Andacht-Pfad empor,

sonst etwa Minne-Liebes-Pfad oder _bhakti-mârga_ geheißen; und wo Gott

nicht ist, vielmehr Prakriti die Natur alleinig waltet und neben,

außer, mit ihr vielleicht Puruscha, der Geist, das Ich noch, da führt

am ehesten der Taten-Werke-Pfad zum Heil, sonst wohl auch _karma-mârga_

geheißen. Von diesen drei Pfaden bewirkt nun freilich jeder einzelne

auf völlig gleiche Weise das, was Not tut und Not wendet, und kein

Suchender geht fehl, der einen von ihnen auswählt und diesem in Treuen

folgt. Aber das ist es ja eben, daß von diesen dreien ein einziger

erwählt sein muß, da unmöglich alle drei von ein und demselben Menschen

zugleich: mit einiger Hoffnung auf Erfolg nicht einmal nacheinander

beschritten werden können. Keineswegs gedeiht ja jedes Wesen in

jeglicher Umwelt; keineswegs bewegt sich ja dasselbe Lebendige im

Wasser, auf der Erde, in der Luft mit ähnlicher Leichtigkeit und

Behendigkeit; keineswegs wohnt ja ein und derselbe Mensch in jedem

Gürtel der göttlichen Dreiwelt mit demselben Behagen, mit derselben

Angemessenheit. Die Bhagavad-Gîtâ zwar, ihr Christen, sie finden

wir mit übermenschlicher Gerechtigkeit beflissen, allen drei Pfaden

die nämliche Wahrheit, Zuverlässigkeit, Richtigkeit zuzugestehen,

und wenig indische Fragen haben der europäischen Gelehrsamkeit so

viel fruchtlos scharfsinniges Kopfzerbrechen verursacht wie diese

großmütige Unbefangenheit, mit welcher hier das Geheimnis menschlicher

Erlösung _sub specie_ Gottes und göttlicher Allgerechtigkeit durchaus

erörtert und gewiesen wird. Nur dürfen wir nie vergessen, daß hier Gott

Krischna von seinem göttlichen Adspekt aus spricht, und wem würde es

entgehen, wie unermeßlich hoch und fern dies göttlich Lied über das

Menschengehör Arjunas hinaustönt! In unausschöpflicher Symbolik ist es

gerade hier der Gott, der Erkenntnis-Vertiefung, Verehrungs-Andacht,

Taten-Werke gleichmäßig gelten läßt, indes schon Arjuna dies übermäßige

Gleich-Maß Gottes nicht fassen und noch weniger zum Muster nehmen kann

und kann, -- und dieser sehr fromme Prinz Arjuna ist doch wahrhaftig

nicht jeder Beliebige, wahrhaft noch nicht ‚Mensch schlecht-weg‘ oder

‚Mensch schlecht-hin‘... Wie wahr und richtig, -- der Herr der drei

Reiche wählet nicht: denn seiner sind ja die drei Reiche! Wie wahr und

richtig, -- vor Gott ist alles gleich, denn schon wofern es ‚ist‘,

wird es von Gott mit gleicher Kraft gesetzt, mit gleicher Kraft

erhalten! Aber den Menschen schielt alles aus einer Ecken an und wird

darum schief und verkürzt sich und verwinkelt sich, -- ewig bleibt dem

Menschen die Welt als Gleichung unausrechenbar mit ihrer Einen und

Ewigen Unbekannten. So hat denn in der Folge geschichtlich die Religion

des Vedânta die Heilsübung Erkenntnis-Vertiefung vorwiegend geübt und

die Heilsübung Verehrung-Andacht oder Taten-Werke vernachlässigt. So

hat die Religion der Bhagavatas die Heilsübung Verehrung-Andacht oder

Minne-Liebe vorzüglich geübt und die Heilsübung Erkenntnis-Vertiefung

und Taten-Werke vernachlässigt. So hat die Religion des Sânkhyam

die Heilsübung Taten-Werke mit Vorliebe geübt und die Heilsübung

Andacht-Verehrung und Erkenntnis-Vertiefung vernachlässigt. Was hilft

es uns Heils-Wählern und Heils-Wägern also, das göttliche Urselbst

der Welt Krischna als den Herrn der drei Reiche zu preisen, indes wir

uns gezwungen sehen, die eindeutige Auswahl unter den drei Reichen

ohne Schwanken zu treffen? Was hilft uns der göttliche Adspekt des

göttlichen Lieds, indes wir sehr menschlich eins dem andern vorzuziehen

haben und eins vor dem andern zu bewerten, indes wir die Rangordnung

zu wahren, die Gewichte zu verteilen, das Wichtigere hervorzuheben

und auszuzeichnen, die Stelle zu beziffern, die Stufe zu zählen, das

Wahre vom Falschen zu sondern und die Gewißheit vom Wahn, das Seiende

am Nicht-Seienden zu prüfen und den Schein vom Wesen abzuschäumen

haben, und dies alles, wir mögen uns drehn und wenden wie wir wollen,

so menschlich als irgend nur möglich? Was nützt und hilft es uns

Heils-Wählern und Heils-Wägern, Krischna das hohe Selbst der Welt

als Wissen zu verehren, wenn sich das Wissen sofort im Geist dem

Nicht-Wissen paart und widerpaart; -- was nützt und hilft es, Krischna

als die Wahrheit anzubeten und zu verkünden: Gott ist die Wahrheit,

wenn sich der Wahrheit unverzüglich im Geist die Täuschung zugesellt

und widergesellt: also daß Krischna der Gott Wissen und Nicht-Wissen,

Wahrheit und Irrtum zumal ist! Dem Diener Gottes obliegt es, zwischen

diesen leidigen Gegenwelten genau zu scheiden und was der Gott göttlich

zusammensichtet, menschlich zu entzweien. Krischna, ja Krischna ist

alles. Aber welcher Mensch wäre Krischna und welcher Mensch wäre --

alles? Im Ozean von Krischnas Dreiwelt treibt der Mensch als Wrack und

sucht mühsälig ein Steuer, um etwas wie einen Kurs einzuschlagen und

eine Richtung zu halten auf seiner Fahrt, die wahrlich nicht gefahrlos

ist...

Mit einem erhabenen Freimut, der in unseren eigenen Heiligen Schriften

nirgends seinesgleichen hat, offenbart gerade der Mythos diesen

fragwürdigen Sachverhalt. Wo die Bhagavad-Gîtâ einen köstlichen

Atemzug lang die exzentrische Stelle einzunehmen imstand ist, von

welcher her der Mensch die Welt als göttliches Erlebnis seiner

menschlichen Tat anpaßt, verfährt der Mythos umgekehrt sehr menschlich,

indem er den Gott schonunglos just dort entblößt, wo diesem die

Blöße am peinlichsten sein muß. Gegen Ende des Mythos nämlich hält

Krischna-Wischnu seinen Reitvogel Greif vor der Burg des Himmels an,

um dort gemäß der guten Sitte der Göttermutter Aditi seine Aufwartung

zu machen. Bei diesem Empfang nun geschieht es, daß seltsame Worte von

der Göttin zum Gott gesprochen werden, vorwurfsvolle und anklägerische

Worte, die den Gott aufs äußerste belasten müssen, wenn anders er

hinter ihre Höflichkeit zu horchen feinhörig genug ist, die auch

hier eine indisch vollendete ist. „Du bist alle Götter“, mit dieser

Gebetformel leitet auch Aditi ihre Ansprache huldigend ein, „du bist

alle Götter, alle Genien und Menschen; du bist alle Tiere, Bäume und

Gräser: alles Große, Mittlere und Kleine, alles Ungeheure und Winzige,

alles Einfache und alles Zusammengesetzte. In Trug hüllst du die ein,

die deine wahre Art nicht kennen, die Toren, wenn sie im Wesenlosen

das Wesen suchen. Die Vorstellung ‚Ich bin‘ und ‚Das gehört mir‘ sind

trügerischer Schein, den die Mutter des Wandeldaseins im Verein mit

dir, o Herr, hervorbringt. Die tüchtig sind und dich verehren, gelangen

über diesen Trug hinweg und finden Freiheit im Herzen. Brahmâ und

alle Götter, Menschen und Tiere sind insgesamt einzeln in das dichte

Dunkel des Wahns getaucht, in den Abgrund deiner Täuschungen. Daß

einer, der dich verehrt, doch Wünsche hegt und am Leben hängt, auch

das, o Herr, ist nur ein Trugbild, von dir geschaffen. Du spielst mit

deinem Zauber und verführst die Menschen, daß sie, dich verehrend,

Ruhm und Nachkommen und Vernichtung der Feinde begehren statt ewiger

Erlösung. Es ist die Folge ihrer falschen Taten, daß Toren dich um

solches anflehn, gleichwie als ob man, um seine Blöße zu bedecken,

den Wunschbaum, der alles gewährt, um einen Fetzen Tuch anflehte! Sei

gnädig, Unvergänglicher, du Urgrund des Irrtums, der die Welt einhüllt!

Zerstöre den Trug, der sich aus der Wahrheit erhoben hat“...

Welch ein Gebet aber ist dies, ihr Christen, an dieser denkwürdigen

Stelle von Aditi, der Mutter der zwölf Adityas, der Mutter aller

Götter, zum Gott in höchster Person gesprochen; -- ein Gebet, wie

es gleich erschütternd vielleicht nur einmal noch in den Heiligen

Schriften Indiens emporstieg, und zwar in der Mahâbhâratam-Episode

von Nala und Damayantî, wenn Damayantî, die Liebliche, zu den vier

Himmlischen fleht, die alle die Gestalt ihres Geliebten Nala angenommen

haben, um sie bei der Gattenwahl schmählich zu täuschen: die Götter

möchten sie doch länger nicht mit Trug und List umgaukeln und ihr

die Wahrheit offenbaren... Welch ein Gebet ist dies aus unerhörter

Ratlosigkeit des Herzens und Gewissens, die sich getrieben fühlt, den

Gott selber als Urheber jenes tiefsten Mangels anzuklagen, welcher

recht eigentlich den Menschen zum Geschöpf des Elends stempelt: des

Mangels an zuverlässigen Unterscheidung-Merkmalen zwischen Wissen

und Nicht-Wissen, zwischen Wesen und Un-Wesen, zwischen Wahrheit und

Wahn, -- des Mangels an einem runden Ja-oder-Nein, an einem klippen

Entweder-Oder, an einem lauteren Icht oder Nicht! Welch ein Gebet zum

‚Urgrund des Irrtums‘, der von Aditi auf solch eigene Art gepriesen

noch nach dem Wort des Mythos ‚fein lächelt‘ und fein lächelnd dankt!

Welch ein Gebet des höchsten Gottes zu ihm selber, des All-Einen,

All-Einzigen und Ein-und-Alles zu ihm selber, der diese Dreiwelt

selber ist, aber eben darum das menschlich Unentbehrlichste stets

schuldig bleibt, das zweifellösende, entscheidungfällende: ‚Wähle

dieses und lasse jenes! Bevorzuge vor jenem dieses! Meide solches und

vollbringe solches! Verwirf dies eine um des andern willen!‘ Welch

ein zermalmendes Eingeständnis der grundsätzlichen Unverrückbarkeit

der Grenzen Gottes und des Menschen, der ewigen Geschiedenheit ihrer

Beschaffenheiten und Standorte, ihrer Gewichte und Maße, ihrer Wege und

Ziele. Welch eine Waberlohe, an des eigenen Lebens, an des Eigenlebens

Flamme himmelhoch entzündet, die unüberschreitbar Mensch wie Gott

umlodert und umloht wie jenen alten Vorzeitkönig Mutsukundo in der

Felsenhöhle, den Krischna der Gott selber nicht zu wecken wagen darf,

will er nicht selber stracks zu Asche weiß verbrennen... Gott also ist

es selber, der seinen Zauber lügnerisch spielen lässet den Menschen zur

Verführung, daß sie törichtste Wünsche hegen und statt ewiger Erlösung

entbehrlichste Güter erstreben. Gott selber umgaukelt frevlerisch den

Sinn und umbuhlt die Sinne mit den Fratzen der Gestalt, um von den

Dummen dort am ehesten ernst genommen zu werden, wo er am mutwilligsten

spaßt. Gott selbst pflanzt dem Menschen die blinden Leidenschaften

ein und zieht selbst seine Triebe ab von dem Ziele, was ihm hüben wie

drüben zum Heil gereicht. Gott selbst flößt dem Menschen die Welt ein

wie den Rauschtrank Soma und macht ihn auf den Beinen torkeln und im

Haupte schwindlig, so daß er auf ebener Straße stolpert und über seine

eigene Zunge stürzt. Gott selbst wertet alle Dinge gleichviel, und das

heißt gleichwenig; -- gleichviel, und das heißt gleichwenig, gilt vor

ihm der vedische Gesang und ein Gassenhauer. Gott selbst, der alles

angleichende und ausgleichende, gleicht einem liebestollen Weibe, dem

alle Männer recht sind und alles Mannes-Ähnliche am Weibe, wenn es

nur Wollust schafft und dort am heftigsten kitzelt, wo die Wollust

ihren Nerv hat. Zu allem aber, was du sagst und nicht sagst, o Aditi,

lächelt der ewige Krischna mit jenem ewigen Zynismus, der unstreitig

das göttlichste Vorrecht seiner Götterrechte je gewesen ist. Er lächelt

fein zum Abschied, und unergründlich eher noch als fein, und küßt dir,

menschkundigste Mutter du der Götter, zum Abschied deine liebe Hand und

huldigt seinerseit auch dir, in jeder Geste _uomo galante_ und jeder

Zoll ein _caballero_ (vergebens schau’ ich hier, ihr Deutschen, nach

einem deutschen Worte aus): „Sei gnädig auch du, und gewähre mir deine

Gunst“...

Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen · 第 4 / 26 段