‚Protestantisch‘ ziemt uns ein Blick zurück auf die Ursprünge des
Christentums, ihr Christen. Was nämlich diese Ursprünge anbetrifft,
so kann uns der vielleicht doch nicht erwartete Umstand nicht länger
entgehen, daß sie selbst unleugbar protestantischer Beschaffenheit
sind. Ein neuer Gott ist es, im Kampf mit sämtlichen alten Göttern,
der hier die Tat der Welt- und Seelenrettung auf sich nimmt. Ein neuer
Gott, im Kampf mit sämtlichen alten Göttern, sag’ ich, nimmt die
Tat auf sich: aber doch nur dadurch, daß er in menschlicher Person
erscheint und das Menschliche mit seinen Bitternissen menschlich
teilt. Der Held des Christentums -- und das ist keineswegs sein
Stifter! -- ist Gott und wird Mensch, weil er einzig in seiner
Eigenschaft Mensch zu vollenden vermag, was Jahve-Hypsistos der
Unmenschliche unter keinen Umständen zu vollenden fähig ist. Möget
daher ihr Christen Ursprung und Herkunft des Christentums ansetzen,
wie es euch zweckmäßig oder wie es euch richtig zu sein dünkt, --
diese Grund-Tatsache liegt allem zugrunde, was immer auch später
auf sie errichtet und getürmt sei. Der Gott mußte Mensch werden, um
den Menschen fortan noch Gott zu sein; der Gott mußte des Menschen
Kreuz auf seine Schulter bürden, damit der Mensch den Heiland bei
sich glauben könnte: _Deum de deo, lumen de lumine, deum verum de deo
vero, genitum non factum, consubstantialem Patri: per quem omnia facta
sunt. Qui propter nos homines et propter nostram salutem descendit
de coelo. Et incarnatus est de Spiritu sancto ex Maria virgine: Et
homo factus est..._ Dies war von allen Götterstürzen der Jahrtausende
der weithin schmetterndste und abgründlichste. Nicht daß Jesus der
Mensch in den Olympos eingedrungen ist, wo Zeus der hochbetagte und
längst nicht mehr hochdonnernde Vater Kronion wachträumend schon
eine lange Weile auf seinem Hochsitz eingedämmert war (wie Greise
vor Tisch oder nachher ein wenig einzunicken pflegen), und wo Psyche
fürbittend und vermittelnd die Hand des Eindringlings voll Demut
greift, indes die anderen Olympier wie ein aufgestöbertes Volk Ameisen
wild durcheinanderwirren, -- dieses wahrhaftig nicht! Vielmehr daß
dieser ‚vom heiligen Geist aus der Jungfrau Maria fleischgewordene‘
Gott und Nicht-mehr-Gott, menschlich aus der Sphäre seiner Gottheit
herausgetreten, nun auch den alten Jahve-Hypsistos, bisherigen
Schöpfer- und Herrschergott schlechthin, aus dem Bewußtseinsraum
eines gleichsam neu belichteten Menschheitgewissens unwiderstehlich
verdrängte. Das war die große Tatsache der neuen Religion, die
bahnbrach; und Gnostiker, paulinische Urchristen, Marcioniten, Arianer
haben dies auf ihre verschiedene Weise alle mit Bestimmtheit begriffen,
ehe die Kirche die klare Wahrheit dogmatisch beschattete und von allen
ketzerischen Abweichungen die am grausamsten unterdrückte, welche in
Jesus dem Gott-Menschen wesentlich den Menschen und nur diesen sah.
Damit aber war schließlich das Merkwürdige geschehen, daß in eben
dieser Kirche weder der Katholizismus noch der Protestantismus religiös
zum völlig reinen Austrag gelangen konnte. Auch die Kirche, die sich
die allgemeine nannte und ‚in diesem Zeichen‘ siegte, mußte in ihr
Credo das christliche Urerlebnis aufnehmen: _Et homo facius est_.
Auch die Kirche konnte den heimlichen Protestantismus, der in diesem
_Credo_ wie in verbotener Schwangerschaft keimte, höchstens in seinem
Wachstum hemmen, aber nicht töten, -- sie hätte denn mit dem Kind
die Mutter selbst getötet. Gott ist Mensch geworden, um den Menschen
göttlich zu erlösen; das Wort ist Fleisch geworden, um das Fleisch zu
kreuzigen und im Wort zu geistigen: dies bleibt in allem Katholizismus
der Kirche ein protestantischer Rest- und Rückstand von unzerstörbarer
Keimkraft und Gärkraft in allen Jahrtausenden. Und wiederum mußte
sich dieser selbe Protestantismus umgekehrt in seinem eigenen Dogma
mit dem ‚katholischen‘ Artikel vom Schöpfer Himmels und der Erden und
vom Vater des Erlösers und Herrn durch alle Zeiten hindurchschleppen,
stets unter dem Zwang, diesen Katholizismus grundsätzlich nicht
leugnen zu dürfen oder nicht leugnen zu können, vielmehr als ‚Christ
überhaupt‘ ausdrücklich anerkennen, ja billigen zu müssen: _Credo
in patrem omnipotentem, factorem coeli et terrae, visibilium omnium
et invisibilium..._ In der Lehre vom dreieinigen Gott hat mithin
die Kirche die glückliche Formel gefunden, welche Katholizismus und
Protestantismus als die gegenwirkenden Potenzen jeglicher Religion,
nicht nur der christlichen allein, in einem stätigen Gleichgewicht zu
erhalten ermöglichte. Im Besitz dieser dogmatischen Lehre ist seither
die katholische Kirche in Wahrheit nicht minder protestantisch wie
katholisch, sind seither die protestantischen Kirchen und Sekten in
Wahrheit nicht minder katholisch wie protestantisch. Mit ungeheuerer
Kunst hat das christliche Glaubensbekenntnis bis zur Stunde die
zwei unversöhnlichen Ur- und Widerkräfte des religiösen Lebens zu
binden verstanden, also daß keine noch so eigensinnig protestantische
Verwahrung den katholisch-judäischen Weltengott Jahve-Hypsistos dem
christlichen Bewußtsein hat entfremden, hat entwenden können, -- wie
auf der anderen Seite keine noch so katholische Wiederherstellung des
echten und wahren Glaubens den protestantisch-judäischen Gottmenschen
Jesus preiszugeben oder zu opfern gewagt hat.
Wie nun, ihr Christen?
Bei uns westlichen Menschen ist es die Kirche gewesen, welche die
Religion des fleischgewordenen Wortes als Mythos, als Dogma, als
Liturgie zur Herrschaft gebracht hat, durch eben diese Tat einer
gleichsam vorbeugenden Klugheit, die etwa doch schon als vorbeugende
Weisheit verehrt, als vorbeugende Weisheit gepriesen zu werden
verdiente. Die Kirche ist damit jeder einseitigen Entscheidung
über eine ausschließliche Katholizität oder eine ausschließliche
Protestantik frühzeitig zuvorgekommen, möchte dies nun zum Segen
oder zum Unsegen westlicher Menschheit ausgeschlagen sein. Dieses
in seiner unendlichen Fruchtbarkeit bedenkend und erwägend, wollen
wir indes nicht übersehen, daß die von der Kirche gewissermaßen
synkretistisch vollbrachte Lösung des drohenden Zwiespaltes -- wenn
diese Lösung nicht doch schon eine synthetische gewesen ist? --
keineswegs christlicher Abstammung oder Erfindung gewesen ist, nicht
einmal hellenischer oder hellenistischer, ja nicht einmal europäischer.
Was der Kirche des Abendlandes und in tiefstem Einverständnis mit ihr
den abendländischen Kirchen und sogar Sekten möglich ward, das ist
schon viele Jahrhunderte vor dem entstehenden Christentum und seinen
Urgemeinden daheim und in der Zerstreuung in Indien eine herrliche
Wirklichkeit gewesen. Der indische Mythos vom Gottmenschen Krischna
hat das nie mehr übertroffene, nie mehr erreichte Sinnbild vollendeter
Durchdringung und Verschmelzung katholischer mit protestantischer
Frömmigkeit aller Welt zum ewigen Muster dargestellt. Und wo wir vorhin
der zusammensichtenden Leistung der Kirche Bewunderung zollten, ist
jetzt die Besinnung auf jene Begebenheit am Platze, die im günstigsten
Fall von der Kirche wiederholt, ob ich auch keineswegs sage: nachgeahmt
wurde. Was dabei den indisch-brahmanischen Mythos vom christlichen
einmal für alle mal auszeichnend unterscheidet, ist der Umstand,
daß er keineswegs der metaphysisch unzulänglichen und philosophisch
unhaltbaren Deutung einer Gott-Vaterschaft bedarf, um dem Verstand das
Wunder des Mensch-Seins Gottes verstandesmäßig anzunähern. Keineswegs
wird es hier für geboten oder auch nur für passend erachtet, daß
der Eine Gott in die zwei Gegen-Tätigkeiten, Gegen-Wesenheiten der
_Paternitas_ und _Filiatio_ zerspalten werde, um dem Begriff den
Vorgang von Gottes Erdenwallen ein wenig begreiflich zu machen. Zum
Behufe eindringlicheren Verstehens glaubte sich der Abendländer auf
das plumpe und rohe Gleichnis beziehen zu müssen von der doppelten
Geburt Jesu Christi in der Ewigkeit und in der Zeit, bewirkt durch eine
geschlechtlich-übergeschlechtliche Zeugung im Schoß des göttlichen
Vaters und durch eine geschlechtlich-übergeschlechtliche Empfängnis im
Schoß der menschlichen Mutter: _Et ex patre natum ante omnia saecula;
Et incarnatus est de Spiritu sancto ex Maria Virgine..._ Wo der
Europäer sich in dem Labyrinth dieser halbwegs supernaturalistischen,
halbwegs superspirituellen Ungeheuerlichkeiten hoffnunglos verirrt,
da genügt dem so viel denkgeübteren Geist des Inders der schlichte
Hinweis, daß dieser so und so gestaltige Krischna die diesmalige
Erscheinung sei des ewigen Wesens, die diesmalige Verkörperlichung
des körperlosen Eins-und-Alles, die diesmalige Versinnlichung und
Versichtbarung des unsinnlich-unsichtbaren Urselbstes. Auch hier
ruht die katholische und die protestantische Religiosität in einem
feierlichen Gleichgewicht, aber dies Gleichgewicht ward hergestellt auf
einer ungleich höher gelegenen, freieren, reineren Ebene der religiösen
Erfahrung wie dort...
Gott Krischna ist Mensch geworden aus dem ritterlichen, aus dem
abenteuerlichen Bedürfnis des echten Helden. Gott Krischna ist
Mensch geworden, um den Schutzlosen beizustehen, um die Übeltäter
zu bestrafen, um die Gewaltherrscher zu stürzen, um die Leiden der
Wesen zu lindern, um den Edeln eine Stätte zu sein, um die Elenden
zu trösten, um die Kranken zu heilen. Gott Krischna, ihr Christen,
ist Mensch geworden, weil jedes Weltalter verloren geht, dem nicht
zur rechten Zeit der Held geboren wird, -- dem nicht zur rechten Zeit
der Held sich selbst gebiert: denn wer würde je als Held geboren?
Die Welt am Ende jedes Weltalters ist verloren, bis daß sie sich in
der Geburt des Helden wiedergebiert und in des Helden Jugend selber
sich verjüngt: also, ihr Christen, ist Krischna Mensch, ist Krischna
Held geworden! Oder am Ende ist dieser Krischna Mensch geworden,
damit ihm, dem Gott, zuletzt des Menschlichen nichts fremd geblieben
wäre, _humani nihil a se alienum esse_, wie dieses am Schluß der
zwölften Andacht streng wörtlich ausgesprochen wird. „Und was da
immer Menschen bewegt, Menschen erregt und handeln läßt, im Verkehr
untereinander, in ihren verschiedenen Werken, Zwecken und Absichten,
sei es nun, daß sie mit Gewalt oder mit List, durch Überredung oder
durch Geschenke oder selbst durch die Flucht ihre Ziele erreichen: dem
allem wollte der Gott nicht fremd sein.“ Dem allem wollte der Gott
nicht fremd sein, und so schlüpft er gleichsam in Gewand und Rüstung
eines Helden, nicht anders wie in manchen Märchennächten am Tigris
der Kalif Harûn-er-Raschîd in die Verkleidung eines Kaufmanns, eines
Reisenden, eines Pilgrims schlüpfte, halbwegs um nach dem Rechten in
allem Unrechten und Schlechten zu sehen, halbwegs um sich an Abenteuern
zu ergötzen, vornehmlich aber um zu erleben, was sonst nur schlichte
Erdensöhne im Guten oder Schlimmen zu erleben pflegen. Im übrigen, wozu
die Rechtfertigung der hohen Selbstverständlichkeit, daß Gott wesenhaft
alle Gestalten, Personen, Erscheinungen, Wirklichkeiten selber ist,
daß er mithin auch jede einzelne von ihnen zu seiner bevorzugten Maske
ausersehen kann, -- Maske aber ist griechisch πρόσωπον: Eine Usia, Ein
Gott in vielerlei προσώποις! -- die er alsdann mit den unendlichen
Kräften seiner Göttlichkeit zeitweilig lädt und anfüllt. Gott ist ja
alles und verwirklicht sich in allem, warum für dieses eine mal nicht
in der lieblichen Gestalt -- Gestalt aber ist griechisch πρόσωπον:
Eine Usia, Ein Gott, in vielerlei προσώποις! -- dieses halkyonischen
Jünglings? Warum für dieses eine mal nicht im Sohn des Kuhhirten Nanda
und der Mutter Yasodâ, so manchen lieben Tag (wie dann späterhin wohl
auch der evangelische Gottmensch) gewindelt und gewiegt im scharf
duftenden Rinderstall: strahlend in goldener keuscher Fleischlichkeit,
das Herz gewärmt am Busen der zärtlichen Gespielinnen auf den Fluren
der Yamunâ, aber das Haupt geklärt, gekühlt am Gipfelfirn des Himâlayo;
in wonnesamen Vollmond- und Erfüllungnächten mit den Mädchen seiner
Heimat Reihen tanzend und mit ihnen in einem hold bukolischen
Eleusis alle die eigenen Ruhm- und Wundertaten menschlich spielend,
menschlich mimend, die Krischna der Gott begangen. Dieser Hirtenknabe
ist der nämliche und selbe, der die Weltenschlange Kâliya besiegt, den
Stier-Unhold Arischta an den Hörnern packt und auf die Erde schmettert,
die Ringer des Königs Kamsa niederringt und Kamsa-Eurystheus-Herodes
schimpflich tötet. Er ist der nämliche und selbe, der alleinig oder
Schulter an Schulter mit dem Bruder Râma Heersäulen von Feindeskriegern
in die Flucht schlägt und wiederum im anmutigsten, zartesten,
lieblichsten aller Wunder das bucklichte Mädchen schlank und rank
biegt, damit ihm, dem indisch-brahmanischen Herakles in Person, der
zarte evangelische Einschlag nicht mangle vom Heiland als Arzt und
Krankenheiler. Wie denn auch sonst, ihr Christen, evangelische Stimmung
mit soviel Kraft und Reinheit angeschlagen wird, daß sie aus den
Evangelien selbst nur noch wie ein schwacher später Nachklang sterbend
zu uns herüberweht: so in der Schilderung adventischen Himmelfriedens,
adventischer Weltwindstille in der Gnaden-Nacht der irdischen Geburt;
so in der Erzählung vom bethlehemitischen Kindermord, den Kamsa, die
Gottesgeißel, über die Länder verhängt aus Furcht vor dem Stärkeren und
aus Neid auf den Edleren; so im Bericht von Krischnas Taufe durch Indra
auf den Namen Govinda, das ist Rinder-Herr, mit dem heiligen Wasser der
Yamunâ...
Kurz und gut, es hat Gottes Allmacht hier gefallen, in der Verkörperung
als Hirtenjüngling mit Lächelnsgleichmut Menschenunmögliches zu
vollbringen und das Wunder der Wunder gottmenschlich vorzuleben:
wie der Gott der Götter, wie der Mahâdeva selber, erhaben über alle
Schranken der Gestalt, Persönlichkeit und Bewußtheit und unergründlich
sogar für die Ergründung und Andacht, die Vertiefung und Sammlung,
die Einigung und Anspannung -- Anspannung aber heißt Yoga! -- der
Denker, Büßer, Waldeinsiedler: wie Mahâdeva dennoch Zug für Zug dieser
bestimmte Mensch, Jüngling, Hirte sein könne. Denn fürwahr! Dieser
Mensch, Jüngling und Hirte ist wesenhaft Brahman und wesenhaft Âtman,
ist wesenhaft Brahmâ, ist wesenhaft Wischnu, ist wesenhaft Schiva,
ist wesenhaft Kubera, ist wesenhaft Varuna, ist wesenhaft Yama, ist
wesenhaft alle sinnlichen und himmlischen Götter, ist wesenhaft alle
Halbgötter, Gandharven, Genien, Dämonen, Engel, Elementargeister,
Elemente, Grundstoffe, Gemütskräfte, Lebenserscheinungen,
Weltbegebenheiten, Täter, Taten und Werke. Und wie um diese unendliche
Reihe göttlicher Wesenselbigkeiten und Einerleiheiten ins Unendliche
fortzusetzen, erkennt der hochstaunende Prinz Arjuna in der
Schwesterdichtung des Krischna-Mythos, uns Abendländern seit mehr als
hundert Jahren unter dem Namen Bhagavad-Gîtâ, das ist θεσπέσιον μέλος
oder des Erhabenen Gesang vertraut und teuer wie keine zweite Heilige
Schrift des Ostens geworden, -- erkennt dieser hochstaunende Prinz
Arjuna eben die menschhafte Verleiblichung des _bhagavân_ Krischna
gleichsam als den platonischen ‚Ort‘, den überhimmlischen, aller Arten
und Gattungen, aller Dinge und Wirklichkeiten. Krischna, des Prinzen
Wagenlenker, der ist der Urfeldherr und Urpriester, der Urseher und
Ursänger, der Urstrom und das Urmeer, der Urelefant und das Urrind,
der Urvogel und Urfisch, das Urroß und die Urschlange, das Urwort und
Urwissen, die Urwaffe und das Urwerkzeug. Krischna der Großarmige
mit Wurfscheibe und Schwert, mit Keule, Bogen und Fahne, der ist
Ursprung und Heimgang, Geburt und Tod, Anmut und Einsicht, Entschluß
und Sieg, Größe und Reichtum, Rede und Schweigen, Opfer und Gesang,
Metrum und Ritus, Same und Frucht, Jahrzeit und Luftraum, Wolke und
Stern. Die ewige Entstehung und Vergehung, die ewige Wandlung alles
Geworden-Werdenden, die ewige Stätte in allen Wandlungen ist Krischna.
Die ewige Brunst in allen Zeugungen und Begattungen ist Krischna und
der ewige Rausch der Zerstörungen und Verheerungen: der ewige Schoß
blutender Geburten ohne Maß und Zahl und das ewige Grab faulender
Tier- und Pflanzenleichen. Fratzenhaft schauerlich ist Krischnas, des
goldigen Hirtenjungen, göttlich Gesicht, wie es das übermenschlich
erhellte Auge des Prinzen Arjuna plötzlich neben sich auf dem
Streitwagen vor dem Beginn der Schlacht erspähet: ein tausendgliedrig,
sterneblitzend, flammenrädrig Sonnenlohenungeheuer auf einem Sitz von
Totenschädeln, ohne Einhalt Wesen Wesen Wesen von sich speiend mit
der gebärerischen Wurf- und Schwungkraft jungender Katzen, -- ohne
Einhalt Wesen in sich schlingend mit der scheußlichen Gefräßigkeit
nimmersatter Steppenwölfe... Verehrung aber jenem Seherauge, welches
Krischna den Gott im Menschen Krischna schaute: Verehrung dem
unbestechlichen Auge, welches Gott schaute, wie er ist, und dennoch an
Gott nicht starb! Verehrung jenem Seher, welcher dem unbeschönigten
Gott-Gesicht ehern standhielt, ohne im Irrsinn zu vergehen, ob ihn das
Grausen auch im Eisstrom des eigenen Geblüts erfrieren und gerinnen
ließ! Verehrung ihm, der ehrlich gegen Gott genug und tapfer gegen
sich selbst genug war, um in Gottes Antlitz die Züge teuflischer
Zerstörunglust und -wollust zu gewahren und sie sich selber nicht zu
unterschlagen, wie es die Christen doch wohl (oder übel!) taten, die
ihren Gott zum braven Lämmchen zähmten und zum ‚lieben Gott‘, dem
jedermann sich bierbrüderlich und gemütlich zum Schmollis anbiedern
darf... Verehrung insonderheit auch ihm, der als der erste in der
glorreichen Drei-Gestalt Gottes des Schöpfers, Gottes des Erhalters,
Gottes des Zerstörers just die Vernichtungmächte göttlich zu bejahen
wagte. Und Verehrung endlich denen, die als namenlose Meister diese
Mächte in steinernen Urgesichten sinn-bildender Skulptur zur Majestät
jenes schivaitischen Typus zu gestalten wußten, dessen plastische
Fragmente von der javanischen Hochfläche zu Dieng den späten Europäer
dämonisch tief erschrecken, der sie aus seiner eigenen Selbst-Kenntnis,
Dämon-Kenntnis tief zu erraten weiß...
Jetzt also siehst du den Menschen, jetzt siehst du den Gott Krischna
von Angesicht zu Angesicht. Jetzt wiederum siehst du kein Angesicht
mehr, sondern gehst in dich selber, gehst in dein Selbst ein und in
dir selbst ins Selbst und Herz aller Wesen und wirst des Wesens inne.
Dich auf dein Du besinnend, einigst du dich mit dir selbst und mit
dem Selbst der Welt, -- dies ist fürwahr _Om_ das Kleinod aus dem
Lotos, _Om çom_ das All und Selbst des All, ruhend in menschlicher
Gestalt, ruhend in göttlicher Gestalt, ruhend in gar keiner Gestalt
auf der weißen Blume deines Geistes im Tempelteich säliger Erkenntnis.
Dermaßen mischt in diesem Mythos aller Mythen sich innigst katholische
und protestantische Frömmigkeit, daß man in keinem Augenblick mit
zuverlässiger Eindeutigkeit behaupten kann, der Gott, der Mensch sei
Täter der heilwirkenden Handlung. Der Täter selbst verharrt in völliger
Durchdrungenheit von Gott und Mensch; seine Gestalt verleiblicht
in sich die Summe sowohl aller welthaften Gestalt überhaupt, wie
dessen, was jeglicher Gestalt spottet. Und dies alles nicht etwa
auf den Umwegen des Christentums, wo der Mensch Jesus an der Natur
Gottes nur teil hat auf Grund seines Gezeugtseins durch den Heiligen
Geist: vielmehr in einer dem Abendländer gar nicht erreichbaren
metaphysischen Unschuld sozusagen auf Grund der Wesenselbigkeit
lebendiger Gestalt überhaupt mit dem Lebensurgrund selbst und des
Lebensurgrundes Selbst! Im Gegensatz zum Christentum gilt es hier für
völlig selbstverständlich, daß jedes Wirkliche noch etwas anderes sei
als das, was es eben sei und scheine, und der Inder wenigstens hat
sich nie den Kopf zerbrochen über das Mysterium des Westens, wieso
und auf welche Weise der Gott Mensch oder der Mensch Gott geworden
sei. Hier wurde, die Wahrheit zu sagen, weder der Mensch Gott noch der
Gott Mensch: hier war er’s, hier ist er’s von allem Anfang an und vor
allem Anfang und braucht es darum nie zu werden oder nie geworden zu
sein. Unser krampfhaft westliches, allzu westliches Bemühen, alle die
Rätsel der Welt und Überwelt _more historico_ durch die Geschichte
ihres Geworden-Seins aufzulösen, entlockte dem Inder, wo er es
überhaupt begriffe, nur ein Lächeln. Er, der geschichtlos Denkende und
geschichtlos Wissende schlechthin, ist sich genau bewußt, daß nirgendwo
in irdischen oder unirdischen Bezirken etwas wird, das nicht schon
ist: daß folglich auch Gott je und je Mensch war und der Mensch je und
je Gott, -- nie aber Mensch wurde oder geworden ist, nicht einmal im
Jahre Null oder im Jahre Eins einer gar absonderlichen Zeitrechnung,
ihr Christen. Das Jahr des Herrn, da das Wort Fleisch ward, deucht den
Schöpfer des Krischna-Mythos und der Bhagavad-Gîtâ von Ewigkeit her, --
von Ewigkeit her ist der Gott Mensch, ist der Mensch Gott!