So also verhält sich dieses. Protestantismus im Wortverstand unserer

christlichen Abendländerschaft erweist sich herkömmlich zwar als der

geschichtliche Gegenbegriff der Kirche, die sich vom καθόλου her

benannt hat, -- sinngemäß aber weiterhin auch als der geschichtliche

Gegenbegriff jeder Vereinigung, Gemeinschaft, Verbrüderung solcher

Frommen, die abseit der Kirche selbst eine Kirche zu bilden

übereingekommen sind. Protestantismus ist darnach innerhalb des

Christentums jeweils Protestantismus irgend wessen in bezug auf

irgend wen, und wer sich von der rein verhältnismäßigen Bedeutung

dieser Tatsache Protestantismus überzeugt hätte, dürfte sich weder

Irriges noch Falsches angeeignet haben. Eingeengt und beschränkt wäre

seine Auffassung von Protestantismus aber trotzdem, eingeengt und

beschränkt durch den stieren Hinblick auf das Christentum allein und

ausschließlich, ihr Christen: auf das Christentum, welches weder die

ersten der großen Religionen dieses Festlandes in sich begriffen hat

noch die letzten in sich begreifen wird. Vom Christentum gilt wohl

der Sachverhalt, daß es als Kirche geschichtlich in Erscheinung trat,

und so bleibt der christliche Protestantismus recht und schlecht

gekennzeichnet, ja ausgezeichnet durch seine religiöse Kampfstellung

gegen die Kirche sowohl wie gegen die Kirchen. Aber das Christentum,

ihr Christen, ist nicht ewig! Oder wenn schon ewig, dann nur ewig in

der Zeit, mit einem Anfang in der Zeit und einem Ende in der Zeit

und zeitlos allein in einem Sinne, den keine Zeit jemals umfaßt. Was

jedoch ewig ist nur in der Zeit, das bleibt eine Versuchung für die

Zeit, Ewiges mit Zeitlichem je und je zu verwechseln und Merkmale des

einen für die Wahrzeichen des andern irrig zu nehmen und zu geben.

Hiergegen haben wir uns, wir Nicht-mehr-Christen oder vielleicht

auch Noch-nicht-Christen, scharf zu entsinnen, daß es europäische

Religionen von hohem Rang ohne kirchliche Kristallisationen gab, heute

noch gibt und künftighin erst recht geben wird: finden wir nicht auch

in ihnen etwas wie Protestantismus? Und wenn Ja, -- worin bezeugt es

sich als Protestantismus, wofern es als Protestantismus mangels einer

vorhandenen Kirche auch nicht eine Kampfstellung zur Kirche einnehmen

und in dieser Kampfstellung nicht mehr sein Kennzeichen und Merkmal

finden kann? Da nennen wir die Religionen etwa des griechischen

Altertums, griechischen Jugendtums, zahlreich und blühend wie die

hellenischen Stadtstaaten einst und dennoch nie Staats-Religionen in

einem späteren oder gar gegenwärtigen Wortverstande: unterschiedlich

und gegensatzreich wie die griechischen Landschaften und dennoch

großherzig einander gelten lassend und duldend. Diese vormaligen

Religionen, haben sie sich nun dem Widersatz versagt von katholischer

und protestantischer Frömmigkeit, nur weil sie Zeit ihres wundervoll

fließenden und flüssigen Lebens niemals zur Kirche und nicht einmal

zu Kirchen vereist oder versteinert sind? Oder stoßen wir nicht just

auch dort auf die Gestalten unleugbar prophetischen Wuchses und

unleugbar protestantischer Gebärde, die ohne Vorbehalt, wer fühlte es

nicht, wüßte es nicht, der Zahl der bahnbrechenden Protestanten aus

europäischen Vergangenheiten zugezählt werden müssen? Zugestanden euch

Christen, der protestantische Geist habe seine kantigste Ausschnitzung

dort erfahren, wo er den furchtbaren Kampf des Ketzers wider eine

hochmögende, herrische, unbeugsame Kirche zu führen hatte, von Stunde

zu Stunde der Bannflüche, Folterkammern, Scheiterhaufen, Ölkessel,

Schand- und Marterpfähle gewärtig, -- wo also _ecclesia militans_

innig im unverfälschten Sinn des Nazoräers Jesus zu handeln glaubte,

wahrhaftig glaubte, ihr Gleichgültigen, Lauwarmen und Glaubenslosen!

wenn sie zahlreiche Ketzervölker (wie einst jene arianischen Goten

der Nachfahren des erlauchten Theoderich) von der langmütigen Erde

tilgte und darüber hinaus das ergriffene Gedenken im Gedächtnis aller

Folgezeiten löschte... Dies also schlankweg zugestanden, braucht doch

Protestantismus noch lange nicht dort zu fehlen, wo die Kirche fehlt

und kraft selbstgesetzter Autorität über statthafte oder unstatthafte

Auslegungen der Glaubenslehre befindet. Schließlich geschieht ja der

Protest gegen die Kirche nicht ihres Kirch-Seins halber, nicht ihres

Kirch-Seins an und für sich: vielmehr weil diese Kirchlichkeit eine

Religion vertritt, die dem Geist anderer Religion widerläufig ist.

Verwerfung der Kirche aus den Antrieben einer Frömmigkeit heraus,

die innerhalb der Kirche nicht gestillt wird, ist das Wahrzeichen

des christlichen Protestantismus gewesen, -- nicht aber ist sie

Wahrzeichen des Protestantismus schlechthin. Dieser Protestantismus

schlechthin hört aber mit nichten auf, Protestantismus zu sein, wenn

er eine Religion oder vielleicht eher noch eine Religiosität verwirft,

die aus inneren oder aus äußeren, aus sachlichen oder aus zufälligen

Gründen zur Kirche nicht ausgeformt ist. In dieser Bezugnahme nun,

wir sehen das und greifen es mit Händen, gärt im Griechenland des

sechsten und fast mehr noch des fünften Jahrhunderts ein Wirbel von

leidenschaftlichster Gewalt, dessen Protestantismus gar nicht in Frage

gestellt werden kann. Es gärt hier ein Wirbel, durchaus vergleichbar

dem anderen, der zwei oder drei Jahrhunderte früher Israel jene

Gottesmänner, Gottesknechte (_nêbiim_) gebar, in welchen sich seine

Frömmigkeit am edelsten verkörpert zeigt. Für uns besteht die hohe

Schwierigkeit nur darin, zu erkennen, wogegen diese hellenischen

Protestanten eigentlich ihren Protest erhoben, gegen wen oder gegen

was, da es in Griechenland weder eine allgemeine und allein sälig

machende Kirche religiös zu überwinden gab, noch Priesterschaften

oder Gemeinden der Baalim Syriens und Phöniziens. Herakleitos und die

Eleaten, die Orphiker und die Tragöden sind Protestanten gewesen. Sie

alle haben auf ihre Weise wider ein Fromm-Sein Verwahrung ausdrücklich

und heftig eingelegt, welches aus guten Gründen nicht länger mehr ihr

Fromm-Sein bleiben konnte. Nur daß diese guten Gründe heutzutag nicht

leicht zu ergründen sind, nachdem sich seither so viel Wassers über

diesen Gründen sammelte und über ihnen stand und sie zu braunen Sümpfen

dickte...

Von außen gesehen, das versteht sich ja von selber, war es die Religion

Homers, die der Frömmigkeit jener Zeitläufte widerstrebte, und eben

dieser Tatbestand hat Propheten so weltverschiedener Artung wie

Herakleitos, Xenophanes, Aischylos wenigstens in der Geste der Abwehr

durchaus geeinigt. In der Geste der Abwehr sage ich, sicherlich! Aber

darum nicht auch schon in den bestimmenden Beweggründen, die ganz ohne

Frage bei den verschiedenen dieser ragenden Protestanten bei weitem

verschieden waren. Wenn der marsrotglutende Leuchtturm über die Meere

Asiens und Europens, Heraklit, die Götter Homers in seiner dunkeln

Flamme verbrannt hat wie ein Leuchtturm halt nächtlich flatterndes

Gefalter, nächtlich schwirrendes Gevögel zu verbrennen pflegt, so

geschah dies aus anderen Notwendigkeiten und aus anderen Nöten, als

wenn der Kolophonier Xenophanes, kein Leuchtturm, aber ein Erleuchter,

Fackelvoranträger und Aufklärer, Homers menschhafte Vielgestalten zur

Kugel-Einheit unpersönlich zusammenballte und ‚mit dem All‘ verwachsen

ließ. Und wiederum: wenn die ältesten der Tragöden von Eleusis nach

ihrer Art Homerzerstampfer und -zertrümmerer waren wie nur je einer

der Weisheitkünder zu Ephesos, Milet, Elea, so mögen sie vielleicht

den Philosophen dabei noch mindere Beachtung geschenkt haben als die

Philosophen ihnen. Orphisch gestimmt durch und durch, und das will

fast schon sagen buddhistisch gestimmt und im Leiden des Gottes, im

Leiden des Menschen selbst schon etwas wie ‚des Leidens Überwindung

und Verlöschung‘ erfühlend und den Weg ertastend zu ‚des Leidens

Aufhebung‘, brauchen diese ältesten Tragöden darum noch lange keine

Orphiker gewesen zu sein. Hier bleibt vermutlich das Wichtigste für

immer Geheimnis und mag für immer Geheimnis, wohl versiegeltes, bleiben

-- (und vielleicht nicht ohne tiefere Bedeutung für Verständige und

Verstehende hieß dereinst in den kalifischen Reichen das Haupt aller

staatlichen Geschäfte von Amts wegen ‚Verwahrer des Siegels‘)... So

hat das eigentliche und persönlichste Warum seines Protestantismus

jeder dieser Protestanten verschwiegen mit in sein Grab genommen samt

allem übrigen, was nur an ihm persönlich, was nur sterblich an ihm war.

Aber darüber hinaus getraue ich mir doch zwei unsterbliche Motive zu

erraten, die für sie von ausschlaggebenden Gewichten gewesen sind. Sie

alle, die Philosophen und die Mysten, die Tragöden und Propheten, litt

es unter dem honighellen Himmel Homers nicht länger aus einem Grund

unter den zweien: entweder weil ihnen diese Götter allzu menschlich

waren und darum schon nicht mehr Gott genug, um menschlich-welthafte

Geschicke kundig und weise, gütig und göttlich zu lenken, -- oder

umgekehrt, weil diese Götter ihnen in anderem Betracht nicht menschlich

genug erschienen, um menschlich zu leisten und vollbringen, was der

Mensch von sich selber fordert und von sich selber heischt, wenn

er seine eigene Vergöttlichung mit Ernst betreibt und mit Ausdauer

fördert. Entweder allzu menschlich oder nicht menschlich genug, ihr

Christen, deuchte jenen gewaltigen Heiden der Gott, und eins von beiden

machte die Tragöden und die Philosophen, die Propheten und die Mysten

von damals zu den Protestanten von damals. Und dieser Protestantismus,

er wiegt und wuchtet, gewogen in der freien Hand, goldschwer genug,

um auf der Wage unserer morgigen Weisheit noch einmal nachgewogen zu

werden. Nachgewogen von den Morgigen unter uns, die sich Schwer-Nehmen

zur Pflicht der Stunde gemacht haben, nachdem wir zu leicht, zu leicht

befunden, vom ersten Windstoß weithin entrafft und verschlagen wurden,

-- wer weiß, in welche brennenden Durst- und Glutwüsten Sahara, Schamo,

Estakado hinein oder gar in den Feuersee Kilauea, wo unsere Seelen etwa

dann gefegt werden...

Der Gott also schon allzu menschlich, allzu unheilig, allzu wenig

Gott: dies ist die große Verwahrung solcher, deren Frömmigkeit

Anstoß nimmt an der erstmals durch Homer vollendeten Vermenschung,

Verpersönlichung, Vergestaltung der Götter, und aus diesem nicht

widerleglichen Fühlen heraus alles (und sich selber zuerst!) daran

setzt, in der Folge jegliche Anthropomorphik und Anthropopathik Gottes

wenigstens im Gedanken abzustreifen und als die alte Haut Gottes an

der Straße faulen zu lassen. Dies ist die Verwahrung solcher, denen

unter den Händen die Religion als Religion Philosophie geworden ist

und der Gott, entmenschlicht, entpersönlicht und entstaltet, mit dem

Wesen der Welt in eins fließt, -- mit dem Wesen der Welt, mit dem

Geist der Welt, mit der Unendlichkeit der Welt, mit der Seele der

Welt, mit dem Atem der Welt, mit dem Ursein der Welt, mit dem Kern

der Welt. Wenn vormals die Göttin der Liebe und Schönheit homerisch

gestaltet und plastisch gegliedert dem Samen-Schaum des Weltmeers

enttauchte, so taucht jetzt der homerisch gestaltete, plastisch

gegliederte Götter- und Menschenvater Zeus als pherekydeischer ‚Zas‘

in die flutenden Wirbel der Schöpfung namenlos zurück. Menschhaft

geformt und geworden aus dem mystisch geahnten Element, entformt

sich und entwird der menschlich gebildete Gott von neuem zum nunmehr

freilich gnostisch erfaßten Element, zum Pan und Henkaipan: eine

überall verbreitete und gleichsam ewige Spielart des Protestantismus,

auf die wir bei allen höheren, will sagen bei allen philosophierenden

Völkern stoßen, wo eines Tages die alternde Theologie durch die

erneuernde Kosmognosie von mehr oder weniger wissenschaftlicher

Haltung verdrängt wird und wo in feierlicher Wandlung der Theos

zum Kosmos sich verjüngt. Der Gott ist Welt und strahlt welthaft

in des Äthers Strahlen, so spricht und kündet der Protestantismus

dieser philosophischen Protestanten, den menschheitlichen Gott als

unzulänglich vor Geist und Erkenntnis verdächtigend und bald sogar

nicht einmal dem Nichtwissen mehr verzeihend. Wohingegen derselbe

und nämliche Gott, der diesen Weisheitfreunden und Wissenseiferern

allzu menschenähnlich und menschengebrechlich, allzu menschenwinzig

und menschenwitzig ein Ärgernis ward, den anderen noch lang nicht

genug menschartig erscheint, wofern er als Gott zwar genug und

übergenug von menschlicher Schwachheit befallen, von menschlicher

Torheit ergriffen, von menschlicher Lasterhaftigkeit besudelt, von

menschlicher Leidenschaft getummelt ward: dennoch aber der Menschheit

in jenem anspruchvollsten Sinn ermangelt, als er die Heilung von

diesen Übeln und die Wiederherstellung von diesen Mißschaffenheiten

von sich aus nicht zu bewirken versteht. Möglich, daß der Gott diese

Heilung und Wiederherstellung vormals bewirkt hat, -- denn wozu hätte

er selber sonst getaugt in einer Wirklichkeit, wo auch die Götter

noch zu etwas taugen müssen, um sich vor den Menschen auszuweisen.

Seither jedoch ist Unsägliches, Welterschütterndes, Verhängniswaltendes

geschehen. Der Gott hat sich der Sünde hingegeben oder ist sonstwie

von seiner Götterhöhe hinabgeglitten, unmerklich erst, dann schneller

und jäher stürzend. Oder was möglicherweis dasselbe ist, der Mensch

hat seinerzeit den Gott im Ablauf seiner eigenen Reifwerdung

eingeholt und überstiegen, endlich in sich selbst die Fähigkeit zur

Selbstvergöttlichung gewahrend; -- wie denn die einen Wesenheiten

hienieden aufwärts steigen, wenn die andern Wesenheiten fallen, die

einen aber fallen, wenn die andern aufwärts steigen: ein jegliches

nach eigenem Antrieb und Gesetz, wie Feuer aufwärts wirbelt und Wasser

abwärts rinnt, ein jegliches nach seinem Ort, den es sich suchet...

Kurz und gut also, der Gott Homers war wohl sehr menschlich, aber

konnte das Urgeheimnis aller Menschheit nicht erraten, daß nämlich der

Mensch selber göttlich zu werden trachte nach Wille und Bestimmung,

Wunsch und Wahl. Der Lüfter dieses Urgeheimnisses geworden und damit

aus dem Diener der Vollstrecker Gottes geworden, blieb dem Menschen

nichts übrig, als den Gott von vorhin zur Abdankung zu zwingen und

seine Entthronung zu verfügen, -- und wahrlich! es geschah dies

schweren Herzens und mit zitternden Knien! Das griechische Sinnbild

aber dieses Protestantismus (es ward euch Christen seither geschildert

und dargelegt, erläutert und gewiesen im Buch vom Gestaltwandel der

Götter), das griechische Sinnbild richtete der Tragöde Aischylos auf in

seinen Eumeniden, woselbst die Pflicht der Sühne und Wiederheiligung

nach geschehenem Blutfrevel, ehemals eine der göttlichsten Pflichten

von allen, dem Sühngott Apollon abgenommen und in festlicher

Einsetzung dem Richtergewissen attischer Bürger auf dem Hügel des

Ares anvertraut wurde. Hier entkleidet der protestantische Tragöde

den Gott auf offener Szene gleichsam seines Kaiserpurpurmantels und

legt ihn schwer um menschliche Schultern; hier salbt und krönt der

Mensch den Menschen in unsterblicher Zeremonie zum Statthalter und

Stellvertreter, zum Sachwalter und Treuhänder Gottes. Was Phoibos

Apollon dereinst hinsichtlich der Erinnyen vollzogen, das vollzieht der

tragische Prophet hinsichtlich Apollons. Als jüngerer, als jüngster

Gott tritt er die Erbfolge, Nachfolge, Tatfolge des älteren Gottes

an und schließt dadurch die vielen Götterstürze aufgewühltester

Jahrhunderte mit einem letzten Göttersturze ab. Der Protestantismus

der Philosophen hat den Fortgang wachsender Vermenschung des Gottes

unterbrochen und zum Fortgang wachsender Entmenschung mit mehr und

mehr Entschiedenheit gewendet. Der Protestantismus der Tragöden führt

die homerische Vermenschung Gottes in freilich stark unhomerischem,

ja widerhomerischem Geiste völlig zu Ende, nun den Gott erst recht

vermenschlichend: der Gott fortab nicht mehr der nur ein wenig

mächtigere, ein wenig dauerhaftere, ein wenig heiligere Mensch,

vielmehr umgekehrt der Mensch ein zwar schicksalunterworfener und

schuldbetroffener, aber auch schuldsühnender und schicksalüberwindender

tragischer Halbgott, dionysischer Gott...

Ein doppelter und doppelsinniger Protestantismus ist es, den der Kampf

wider Homer auf der hellenischen Erde zeitigt. Ein Protestantismus

erstens, der die gleichsam ‚geistige‘ Leistung des Gottes, den Geist,

den Sinn, das Sein der Welt in sich zu sammeln und darzustellen,

auf die Welt selber übergehen läßt und darnach diesen Welt-Gott

vorzugweis als den allgemeinen Erkenntnis- und Erklärunggrund der

einzelnen Welt-Erscheinungen aufgefaßt wissen will, -- in des Wortes

Buchstäblichkeit wirklich ‚wissen‘ will. Ein Protestantismus zweitens,

der die gleichsam ‚tathafte‘ Leistung des Gottes, nämlich dem Menschen

Heil und Heiligung, Tröstung und Rettung, Wiederherstellung und

Erlösung zu erwecken, allmählich auf den Menschen selber überträgt, im

Gott künftig höchstens noch den Vorläufer, Wegbahner, Vortäter ehrend,

der aber im Gang der Zeiten vom Menschen in allen Stücken zunehmender

Seelenreifung eingeholt, ja überholt wird. In geschichtlichem

Betracht ist jener erste Protestantismus mit immer bestimmterer

Eindeutigkeit die Sache reiner Erkenntnis, reiner Wissenschaft, reiner

Wahrheitforschung geworden, welche dann nach und nach die Religion in

Philosophie, in Scholastik, in Kritik umgesetzt hat, den Mythos aber

in Metaphysik, in Kosmologie, ja in Physik und alles, was dem heutigen

Europäer mit Physik zusammenhängt. Und dies wiederum mußte notgedrungen

dazu führen, daß diese Sorte Protestantismus in den Wandlungen der

eigentlichen Religionen die vormals ausschlaggebende Bedeutsamkeit in

dem Maße einbüßte, als er selber sich in Philosophie und Metaphysik,

in Scholastik und Kosmologie, in Kritik und Physik verlor; -- wie

denn vor allem er es war, der jene verhängnisvolle Spaltung von

Religion und Wissenschaft hauptsächlich mitverursachte, welche die

ehemals unteilbaren und ganzen Seelenkräfte des Abendländers in so

viel zusammenhanglose Teile elend zerstückt und zerstückelt hat...

Der Protestantismus zweiter Prägung hingegen ist der gewaltige

Antrieb geblieben in all den religiösen Gegenbewegungen, die sich

als Religionen der Selbstführung, Selbstheiligung, Selbstvergottung

den ‚katholischen‘ Religionen der Fremdführung, Fremdheiligung,

Fremdvergottung mehr oder weniger siegreich widersetzen; -- in ewigem

Widerstreit und Widerspiel zu ihnen scheint er die Kraft zu sein,

welche die große Wirklichkeit europäischer _religio_ überhaupt erst

eigentlich in Schwung und Umschwung bringt. Derselbe Protestantismus

ist es denn auch, der in den reformatorischen Versuchen unseres

christlichen Mittelalters die Kirche an allen Ecken und Enden des

Festlandes mit unter den nämlichen Forderungen bekämpft, die man in

ihrer geheimsten Bedeutung erst verstanden hat, wenn man diese Absicht

auf Selbstführung, Selbstheiligung, Selbstvergottung verstanden hat.

Der Priester soll hier künftig nicht mehr des Kelchs allein genießen,

sondern auch der Laie soll des Kelchs genießen, -- das will besagen,

daß jeder Christ ausnahmlos des magisch-sakramentalen Mittels der

Vergottung ohne Abzug, ohne Minderung teilhaftig werden will. Der

Priester soll hinfort nicht mehr die Ohrenbeichte entgegennehmen

dürfen, sondern der Laie soll seine läßlichen und tödlichen Sünden

seinem Herr-Gott selber beichten, -- das will besagen, daß sich

jeder Christ ausnahmlos die Kraft der Lossprechung und Entsündigung,

der Sühne und der Buße selber vorbehalten weiß. Der Priester

soll fürder nicht die Entscheidung treffen dürfen, was da in

Glaubensangelegenheiten statthaft und verwehrt, was sinngemäß oder

verkehrt sei, -- das will besagen, daß die Vernunft jedes Christen

ausnahmlos erleuchtet genug, daß sein Gewissen geschärft genug sei,

um das für ihn gültige Urteil über die Lehre selbst zu fällen. Und

wenn der Priester, wenn die Kirche ihre grenzenlose Macht über

den mittelalterlichen Menschen ausschließlich dadurch erlangt und

erhalten hatten, daß sie sich die alleinige Sachwalterschaft über die

Gnadenmittel anmaßten und mit der Verweigerung dieser jeden einzelnen

Christen außerhalb der christlichen Gemeinschaft stellten als einen

nicht nur gesellschaftlich, sondern auch religiös Friedlosen und

Geächteten, so trifft der folgerichtige Protestantismus diese Macht

zu Tode, wenn er zuletzt die Gnadenmittel selbst verwirft. Nicht

durch Brot und Wein vergöttlicht sich nach seiner Auffassung der

Mensch, vielmehr er ist vergöttlicht vor Urbeginn der Zeiten durch

die Auswahl Gottes, oder er ist’s nicht. Ausgewählt aber ist zuletzt

jeder, der ausgewählt sein will: ausgewählt ist jeder, der sein Leben

als ein Auserwählter selbst zu führen, selbst zu gestalten, selbst zu

verantworten fähig ist. Der von Gott Erwählte erweist sich dieser Art

ganz wesentlich als der von sich selbst Erwählte. Unerschütterlich

bemüht, in allen Dingen des Wandels dem Urbild des Begnadeten gerecht

zu werden, bestätigt er sich als der Begnadete. Augenscheinlich also

in Kern und Wesen der Persönlichkeit bis zu einem schauerlichen

Grade von Gott abhängig, von Gott erlesen oder von Gott verworfen und

jedenfalls nur Gottes totes Werkzeug, verlegt in Wahrheit doch eben der

kalvinistische, der independentistische, der puritanische Protestant

die letzte Entscheidung über sich selbst durchaus in sich selbst: er

selber hat es ja in der Hand, sich als Erlesener oder Verworfener zu

bezeugen durch die Art, wie er sein Leben führt und meistert. Wer da

der Herr seines Lebens ist, wie ein steingemeißelt Standbild auf sich

selber fußend und für sich selber wesend, niemandem untertänig als der

Pflicht schlechthin, als Auserwählter, als Begnadeter, als Erlesener

sich zu bewähren, der ist wahrhaftig auserwählt, der ist begnadet, der

ist erlesen...

Aus diesem Sachverhalt heraus wage ich Protestantismus ganz allgemein

die grundsätzliche Überzeugung zu nennen, wonach die religiöse Tat der

Welt- und Seelenrettung dem Menschen selbst, dem diesseitigen in Zeit

und Raum, obliege. Und dementsprechend heiße ich Katholizismus jede

Zuversicht und jeden Glauben, wonach die religiöse Tat von Gott und

Göttern, weltherrschenden und heilfördernden, vollbracht wird: dann

aber von ihnen her dem Menschen magisch, liturgisch, sakramental auf

Gnadenwegen übermittelt wird, genau wie dem Kommunikanten die Tat des

Gott-Opfers in der Gestalt der Hostie als Speise zubereitet dargereicht

und gespendet wird... Katholizismus also finden wir allerwärts, wo das

ewige Mysterium der Heilstat in Himmeln und Überhimmeln weltrettendes

Ereignis wird; Protestantismus finden wir imgleichen allerwärts, wo

dasselbe Mysterium diesseit der Himmel inwendig in uns gefeiert wird,

diesseit der Himmel und inwendig in mir, diesseit der Himmel und

inwendig in dir, o Christ! Um einerlei Ding handelt sich’s darum beim

Protestantismus unserer europäischen Wirklichkeit bei allen Völkern

und zu allen Zeiten. Einerlei Ding ist zuletzt gemeint und einerlei

Ding ist es bei Heiden und bei Christen, wenn der Prophet Aischylos

die Sühne für Blutfrevel weder durch fletschende Erinnyen bewirkt

werden läßt noch durch Apollon Phoibos, und solchermaßen die üblichen

Sakramente der Wiederherstellung als unnütz kraft eigener Entscheidung

kurzerhand verwirft; -- und wenn Bruder Martinus in wütender

Herzensqual die vollkommene Unwirksamkeit aller Gnadenmittel der Kirche

an seiner sündigen Seele erfährt. Einerlei Sache ist gemeint bei Heiden

und Christen, ob Aischylos einen attischen Areiopagos sinnbildlich

einsetzt als Gewissens-Gericht, oder ob Luther das evangelische Urwort

von der Sinnesänderung innig begrüßt als das Loswort von seinen Ängsten

und Wirbeln. Es ist dies einerlei Ding, einerlei Sache, einerlei Sinn

gewesen, für welches freilich der dröhnende Glockenmund des attischen

Tragöden zuletzt so wenig das zutreffende Wort zu erstammeln wußte wie

die erzschmelzende Flammenzunge des erfurter Doktors...

Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen · 第 2 / 26 段