Auf diese sämtlichen, beliebig noch zu vermehrenden Fragen b

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Anmerkungen zur Transkription:

Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung

und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend

korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden

beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich

waren oder im Text mehrfach auftreten.

Fremdsprachige Begriffe und Zitate wurden ohne Änderungen aus

dem Originaltext übernommen; lediglich in einem Fall wurde

der griechische Begriff ‚αὑτὸ καδ’ αὐτό‘ zu ‚αὑτὸ καθ’ἁυτό‘

harmonisiert.

Kursive Passagen wurden mit _Unterstrichen_ gekennzeichnet,

fett gedruckte Namen und Begriffe in den Buchanzeigen sind von

+Pluszeichen+ umgeben.

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[Illustration]

[Illustration]

LEOPOLD ZIEGLER

DER

EWIGE BUDDHO

EIN TEMPELSCHRIFTWERK

IN VIER UNTERWEISUNGEN

DARMSTADT 1922

OTTO REICHL VERLAG

GEDRUCKT IN DER SPAMERSCHEN BUCHDRUCKEREI

IN LEIPZIG

ALLE RECHTE VORBEHALTEN,

BESONDERS DAS DER ÜBERSETZUNG

COPYRIGHT 1922 BY OTTO REICHL VERLAG

IN DARMSTADT

DEN

‚BÜRGERN DER VIER WELTGEGENDEN‘

INHALT

EINFÜHRUNG 11

DIE ERSTE UNTERWEISUNG: BUDDHO DER PROTESTANT 37

DIE ZWEITE UNTERWEISUNG: BUDDHO DER ERLEBENDE 123

DIE DRITTE UNTERWEISUNG: BUDDHO DER WISSENDE 223

DIE VIERTE UNTERWEISUNG: BUDDHO DER ÖST-WESTLICHE 343

EINFÜHRUNG

Es jährt sich nun heuer rund das einhundertdreißigste Mal, daß die

Sakontalâ des Kâlidâsa ihre erste deutsche Übersetzung fand, von

Goethe wie von Herder sofort als geistige Begebenheit ersten Ranges

mit Bewunderung, ja mit Ergriffenheit gewürdigt und begrüßt. Ein

paar Jahrzehnte später, und die Kenntnisnahme der Bhagavad-Gîtâ,

als θεσπέσιον μέλος erstmals lateinisch von August Wilhelm

Schlegel ausgegeben, macht in Wilhelm von Humboldts Leben warm

beglückende Epoche, die er uns mit unvergeßlichen Worten schildert.

Schopenhauer zwar findet den Zugang zu den ‚Geheimen Lehren‘, das ist

‚Upanischaden‘, erst über den etwas krummen Umweg einer lateinischen

Übersetzung des persischen Oupnek’ hat, -- auf ähnlich krummen und noch

krümmeren Umwegen ist dereinst der Stagirit zum Schicksal der Theologie

und Philosophie des späteren Mittelalters geworden! -- trotzdem aber

werden jene wunderlich vermummten Urkunden ihm der Trost seines armen

Lebens: indes er selber in vorgeschrittenerem Alter noch Scharfblick

und Urteil genug aufbringt, Spence Hardys erste zuverlässige

Darstellungen des zeilonischen Buddhismus in ihrer grundlegenden

Wichtigkeit zu erkennen. Aus Köppens Religion des Buddha scheint

sich Wagner ahnungweis ein erstaunlich zutreffendes und wesenhaftes

Bild von Beschaffenheit und Art der Religion zu machen, die ihn in

den unverfälschtesten und lautersten Jahren seines Daseins wie keine

zweite tief und echt berührt. Was endlich Paul Deussens Lebenswerk

angeht, so ist es in mehr wie einem Betracht dem Antrieb Nietzsches

zu verdanken, der dauernd bemüht bleibt, eine zulängliche Kennerschaft

seiner weltgeschichtlichen Gegenspieler im indischen Osten zu erwerben.

_In summa_: der Einbruch Asiens, insonderheit der Einbruch Indiens in

Europa erfolgt vor mindestens hundertunddreißig Jahren und wird bereits

von allen Deutschen repräsentativer Geltung klar aufgenommen und

sicher gedeutet als das, was er ist: der Aufgang eines funkelnd neuen

Weltsterns an dämmernden Europahorizonten...

Bald aber geschieht befremdlich Unerwartetes, Nie-Zu-Erwartendes! Das

Jahr 1896 bringt den ersten Band einer Verdeutschung des sogenannten

Majjhimanikâyo von Karl Eugen Neumann, und zwar gleich als Probestück,

Gesellenstück, Meisterstück zu einer weitausgreifenden Lebensaufgabe.

Diese setzt sich die womöglich lückenlose Übertragung des Suttapitakam,

will heißen der ältesten und wertvollsten Urkunden der Reden Gotamo

Buddhos zum Ziel, wie sie in den heiligen Schriften des Pâli-Kanons

gesammelt und überliefert sind. Bis zu Neumanns Tod, der allzu früh

an seinem fünfzigsten Geburtstag (am 18. Oktober 1915) in Wien

erfolgt, ist denn auch wirklich diese Riesenaufgabe in der Hauptsache

schier bezwungen: ist die Längere und Mittlere Sammlung vollständig,

die Kürzere Sammlung wenigstens in ihren gewichtigsten Stücken

übersetzt, wovon die kleine, ihres Alters wegen jedoch hochgeschätzte

Spruchsammlung des Dhammapadam zu erwähnen wäre, indes aus anderen

Bezirken der indischen Seele der Mythos von Krischnas Weltengang

hinzutritt. Alles in allem bietet mithin Karl Eugen Neumann einer

großen europäischen Nation zum erstenmal die ungeheuere Gelegenheit,

aus tausend verflachenden, entstellenden, verzerrenden, umwuchernden

Übermittelungen des Buddhismus heraus die Stimme des Buddho selber

sprechen zu hören, -- und das ist fast, wie wenn wir Christen heute

unverhofft ein fünftes Evangelium entdeckten, älter und urwüchsiger als

die andern vier und an vielerlei Stellen geradezu die treu erinnerten

Urworte des evangelischen Herrn enthaltend. Solche religiösen Urkunden

werden jetzt jedem gebildeten Deutschen zugänglich gemacht, und dies

obendrein in einer Fassung der Sprache, welche alleinig hätte genügen

müssen, alle mit der Sachwalterschaft dieses höchsten irdischen Gutes

Betrauten aufhorchen, wenn nicht aufjubeln zu machen. Hat doch an

diesem indischen Idiom der Reden Buddhos sich die deutsche Sprache --

wer hört es nicht, der nur ein einziges dieser vollkommenen Kunstwerke

mit den Ohren (und mehr noch mit dem Gehör) liest: wer hört es nicht?

-- hat doch an diesem Pâli sich das deutsche Wort, der deutsche Satz

noch einmal märchenhaft erneuert. Hier zeigt sich unsere Muttersprache

plötzlich um eine ganze Anzahl von Möglichkeiten des Ausdrucks

bereichert, die ihr vorher niemand so leicht zugestanden hätte. So,

um an dieser Stelle nur das Auffälligste herauszuheben, zeigt sie

sich im höchsten Grad des _Andante Maëstoso_ hieratisch fugenden

Stiles fähig, bisher im religiösen Leben unseres Festlandes so gut

wie ausschließlich dem Latein vorbehalten. Tempelfeierlich hört man

dagegen hier die deutschen Laute in vollausatmenden Posaunenstößen

pausenlos dahinorgeln und dann allmählich zart vertönen, -- dennoch

wiederum höchst zwanglos zu vielen Kadenzen melodisch aufgelöst und

von anmutigen Figuren reich umtrillert... Dieser Sprachgestalter

Neumann aber und sein Buddho, diese ganz einmalige und ganz

unvergleichbare indisch-deutsche Doppelschöpfung macht niemanden im

weiten Vaterland aufhorchen und noch weniger jemanden aufjubeln. Wo

vor hundert Jahren noch eine rauschende Bewegung durch den Geist,

oder sag’ ich wirklichkeitentsprechender durch die Geister der Nation

gefahren wäre, da spürest du keinen Hauch. Die Herren vom Fach,

immer mit dem Wichtigeren ernst beschäftigt und darum geschworene

Feinde alles Wichtigsten, schweigen sich mit ihrer altbewährten

Zurückhaltung hinsichtlich ‚persönlicher Werturteile‘ auch über diese

große Sache fast ganz aus; gebildete Laien, welche diese berufenen

Hüter wissenschaftlicher Geheimnisse (oder Geheimniskrämerei?) zum

Sprechen hätten zwingen wollen und hätten zwingen können, gibt es in

jenen Jahren schauriger Verödung nirgends. Und dies bleibt die Lage,

solange Neumann selber lebt. Bis kurz nach seinem unbemerkten Hingang

der einzige Rudolf Pannwitz die Schmach dieses Schweigens bricht und

endlich das befreiende Wort spricht über die weltgeschichtliche Tat

eines Brückenschlages zwischen West und Ost...

Wie aber, wird der unbefangene Sinn hier fragen, war dies möglich?

Wie war dies möglich zu einer Zeit, wo man diesseit wie jenseit

des atlantischen Meeres wahrhaftig schon mehr Ursach’ hatte, wenn

irgendwo die Rede ‚_de propaganda fide_‘ ging, an den Buddhismus und

seine unwiderstehliche Werbearbeit in allen Kontinenten zu denken

als hergebrachtermaßen an die Kirche Roms? Wie war dies möglich

in den Jahrzehnten vor dem Krieg, wo bereits mit aller Stärke die

theosophisch-anthroposophische Bewegung eingesetzt hatte, die

ihrerseit absichtlich oder unabsichtlich, willig oder unwillig stets

den Buddhismus mit verbreiten und mit fördern helfen muß? Wie war es

möglich, wie war es überhaupt nur denkbar, daß zwar die Geheimlehren

aller Religionen Asiens seit den Babyloniern durch ungezählte

Rinnsale, sichtbare und unsichtbare, saubere und schmutzige, in die

spiritistisch-okkultistischen Zirkel des Westens sickern konnten, aber

daß das Wort des wirklichen Buddho in seiner oft immerhin ältesten und

ehrwürdigsten Gestalt nirgends aufmerksameres Gehör, ja nicht einmal

ein wenig -- Neugierde fand?

Werfe ich diese Frage auf diese Weise auf, so ist vielleicht aus

ihr schon die eigentliche Antwort herauszuhorchen. Denn wie ich

vermute, ist es eben diese vielsinnig buddhistische, neubuddhistische,

afterbuddhistische Strömung gewesen, welche die voll ausgemeißelte

Bildsäule des Buddho mit sich fortschwemmte und in der Masse

mitgewälzten Gerölles und Geschlämmes unkenntlich ganz und gar

begrub. Dieser Buddho ficht leibhaftig wider den Buddhismus, wie der

synoptische Jesus leibhaft wider das Christentum ficht, -- oder

vielmehr jener ficht wider den Buddhismus noch mit viel härterer

Bestimmtheit wie dieser wider das Christentum, weil er mitsamt

seiner religiösen Schöpfung sich in diesen Reden viel greifbarer und

lebendiger erhalten zeigt wie der Christus in den Evangelien. Τἀλητὲς

ἀεὶ πλεῖστον ἰσχύει λόγου, -- dies von den Schülern Hegels einst

dem Werk ihres Meisters als Leitspruch wohlbedacht vorausgestellte

Kernwort des Sophokles verdiente wie kein zweites den heiligen Texten

des Pâli vorausgestellt zu werden. Denn hier wie kaum noch sonstwo

dauert das Wahre allein durch die Gewalt des Wortes: nur daß man,

ehe man das ‚Wahre‘ dieser Reden unbefangen auf sich wirken lassen

will, zuvörderst alle die ungefügen und grobschlächtigen Schlagworte

vergessen haben muß, mit welchen seit Jahrzehnten jeder Europäer

dumm geprügelt wird, der in Gesellschaft den Begriff Buddhismus zu

erwähnen sich getraut. Diese Schlagworte fahren hier alle ungeschickt

daneben und treffen statt den Nagel auf den Kopf nur die Finger des

Hämmernden, der auf den Nagel zielte. Hat man es zum Beispiel niemals

anders läuten hören, als daß der Buddhismus eine Religion, ja sogar

die Religion schlechtweg des Pessimismus sei, so wird man zum eigenen

Erstaunen den Buddho ganz im Gegenteil von einem unerschütterlichen

Optimismus tief beseelt und besäligt finden, wie ihn vielleicht bisher

kein Mensch von dieser schonunglosen Welt- und Lebenskenntnis zu

vertreten wagte, -- wenn ich dabei von Hartmanns immerhin vergröbernder

Europäisierung dieses sinnreich verzahnten Pessimismus-Optimismus,

Optimismus-Pessimismus absehen darf. Wirkt und lehrt doch dieser Buddho

inmitten einer Welt, welche sogar ein Leibniz in Person als die ‚beste

aller möglichen Welten‘ durchaus anerkennen müßte, und zwar eben darum,

weil ein jedes ihrer Wesen und Geschöpfe grundsätzlich mit der Anlage

zu einem Buddho ausgestattet ward und folglich zu der Hoffnung stets

berechtigt ist, im Ablauf seiner Wiederverkörperlichungen stufenweis

zu dieser übermenschlich-übergöttlichen Würde hinanzusteigen: wenn

es nämlich dieses ernsthaft will! Und solch übermäßiger Optimismus

gibt allerdings ein überraschend Gegenstück zu dem abgründlichen

Pessimismus christlicher Gnadenwahl, die vor allem Anfang schon

etliche Wenige für die Ewigkeit zur Säligkeit erkiest, eine unnennbare

Mehrzahl jedoch gleichzeitig für die Ewigkeit verdammt.... Oder hat

man fernerhin den Buddhismus jeweils als eine ausgemachte Praxis der

Weltverneinung unserer europäisch vollbrachten Weltbejahung kurzerhand

entgegengesetzt, so wird man nicht umhin können, selbst an dieser

_cause jugée_ stark irr’ zu werden, wenn man etwa den Buddho des

Pâli-Kanons von einer so mütterlichen Zärtlichkeit erfüllt findet

für alle Kreatur, wie sie gleich innig und gleich ausnahmlos kaum

im Herzen unseres lieblichen _poverello_ schlug: „O daß ich den

kleinen verirrten Wesen ja nicht Schaden zufüge!“ So spricht meines

Bedünkens bedingunglose Weltverneinung nicht; so zärtlich mitwesend

und mitwebend spricht sie wahrlich nicht; so oder ähnlich hat es eher

aus der Seele eines Weltverklärers, Weltliebhabers, Weltumarmers wie

Jean Paul engelhaft gefiedelt und geharft. Weltverneinend hingegen im

unmenschlichsten und verstocktesten Wortverstand erscheint durchweg

der Kalvinismus, der jeden Eigenwert irdischer Erschaffenheiten _ad

majorem Dei, ad majorem Diaboli gloriam_ leugnet und in engster

Übereinstimmung mit solch’ gehässigem Weltfühlen (wenn anders Max

Webers vielbeachtete Untersuchungen über die protestantische Ethik

und den Geist des Kapitalismus zu recht bestehen) den lieblosesten

und darum auch weltvernichtendsten Typus Mensch in Gestalt des

amerikanisch-europäischen Unternehmers heraufgezüchtet hat... Oder um

ein letztes Beispiel anzuführen, man hat in dem Buddhismus schlecht

und recht eine der geschichtlichen Spielarten des aus der Mystik aller

Zeiten und Völker fließenden Quietismus zu erblicken sich gewöhnt,

und wird jetzt, angesichts dieses Buddho, überraschend inne, daß

Gotamo von der Person des dem Orden verpflichteten _bhikkhu_ eine

unausgesetzte Höchstanspannung und Höchststeigerung sämtlicher Kräfte

des Leibes und des Geistes und der Seele fordert; eine Höchstanspannung

und -steigerung, die, wenn sie auch nicht geradezu Arbeit im Sinn

des europäischen Berufsmenschen zu nennen ist, doch auch erst recht

nicht als Ruhe oder gar als Müßiggang, am ehesten vielleicht noch als

‚tätige Muße‘ bezeichnet werden darf, und die zu ihrem Teil den Mönch,

dem es bitter ernst ist, ausschließlich Tag und Nacht beansprucht,

bis jeder Rest von Kraft für andere Lebensäußerungen aufgezehrt ist.

„Wohlan denn, ihr Mönche: unermüdlich mögt ihr da kämpfen,“ -- das

ist die Summe der Gebote, das ist das Gebot aller Gebote, in welches

der Buddho selbst im Augenblick der Erlöschung die gesamte Lehre

knapp und einprägsam zusammenfaßt. Und abermals untersteh’ ich mich

zu behaupten, daß so kein Quietismus und nicht einmal die Mystik an

und für sich sprechen würde!... Alle derartigen Formeln, die man sich

bei uns zurechtgelegt hat zu einem bequem handlichen Verständnis des

Buddhismus, versagen infolgedessen kläglich vor diesem Buddho, der zwar

eine der größten, stolzesten, ewigsten Formen des Lebens, aber mit

nichten eine Formel ist und am wenigsten eine bequem zu handhabende.

Was vielmehr jede Rede des Kanons eindringlicher zu erkennen gibt,

das ist eine Menschlichkeit schlechthin _sui generis_, die jeder

Einordnung in eine _species_ oder _classis_ durchaus spottet: eine

Menschlichkeit von einer wunderbaren Fähigkeit der Selbstbegütigung

ganz ohne Vorgängerschaft und Nachfolgerschaft. Hier ist ein Mensch

und nichts weiter als ein Mensch, der dennoch die unmenschliche

Wirklichkeit der Welt vollkommen meistert. Meistert freilich um den

notwendig zu entrichtenden Preis des Verzichtes, der Entsagung,

-- aber eines Verzichtes, einer Entsagung, die ihn wiederum keine

einzige seiner echt menschheitlichen Eigenschaften kostet und ihn

keinesfalls jenen frommen Ungeheuern zugesellt, welche zu ihrem Teil

die Heiligengeschichte anderer Religionen so zahlreich wie widerwärtig

bevölkern. Der düster lohende und rußig schwälende Kienspan Mensch,

hier glüht er sich himmlisch rein zum mildschimmernden Lichtgleichmaß

einer Metallfadenlampe. Er selber schafft einen luftleeren Raum um

sich, er selber gießt eine gläserne Glocke um sich, damit er fortab

von Luftdruck, Zugwind, Nässe, Staub, Schmutz, Ungeziefer unbewegt und

unbetrübt bleibe...

Dieser Buddho des Pâli-Kanons _contra_ den landläufigen Buddhismus,

aber auch: dieser Buddho der südlichen Überlieferung _contra_ die

nördlich verherrlichten Scharen kosmischer und metakosmischer

Mittlererscheinungen, die reihenweis geordnet und gestuft als

Bodhisattvas, Dhyânibodhisattvas, Manushbuddhas, Dhyânibuddhas bis

hinauf zu Mañdschuçri dem Demiurg, bis hinauf zu Avalokiteçvara dem

Paraklet, bis hinauf zum Âdhibuddha dem schon wieder brahmanisch

rückgedeuteten Âtman-Brahman einen katholischen Gnaden- und

Errettunghimmel zwischen Mensch und Weltgrund göttlich füllen, -- in

solch’ ausgeprägter Gegenstellung darf man wohl eine der Ursachen

vermuten, warum man auch bei uns die Reden des Gotamo Buddho ein

Vierteljahrhundert lang nicht für der Rede wert hielt. Aber kaum

dürfte dies die einzige Ursache gewesen sein und sicherlich nicht

die ausschlaggebende. Noch kommt anderes dazu, das ernstlich

beachtet sein will. Abgesehen nämlich von dem etwas hanebüchenen und

derben Interesse, welches Theo- und Anthroposophie, Spiritismus und

Okkultismus am Buddhismus als solchem zu nehmen pflegen, ein Interesse,

welches unverhohlen zur dunkleren Hälfte geradezu der Magie, zur

helleren Hälfte jedoch dem Apathanatismos gewidmet ist, -- ich sage

dies aber ohne jeden mißbilligenden Seitenblick oder Seitenhieb,

weil es fürwahr eine Magie und erst recht einen Apathanatismos im

Buddhismus gibt und beides sogar bei unserem Buddho! -- abgesehen

also von diesem eher irreligiösen als religiösen Interesse ist es im

Abendland doch fast ausnahmlos das wissenschaftliche, das gelehrte

Interesse gewesen, welches sich mit wachsender Vorliebe den Religionen

des Ostens zugewandt hat. Diese wissenschaftlichen, diese gelehrten

Interessen nun sind es, die in diesen Reden, wie ich vermute, weniger

als sonstwo auf ihre Rechnung kommen. Gewiß gibt es keine historische,

keine philologische, keine archäologische, kurz und gut überhaupt

keine kritische Frage, die in Ansehung dieser gotamidischen Reden

nicht mit ebendemselben Aufwand an Forscherscharfsinn aufzuwerfen und

zu erörtern wäre, wie dies in Ansehung des Alten und Neuen Testaments

längst geschah und immer noch geschieht. Und Karl Eugen Neumann selbst

betrachtet es als erwünschtes, ob freilich auch noch fernes Ideal der

Wissenschaft, einstmals die Reden des Kanons mit einem fortlaufenden

Glossarium und Kommentar historisch-philologisch-archäologischer

Feststellungen zu versehen. Wer fühlt indes gerade bei der Erwähnung

solch gelehrtenhafter Ideale nicht vollkommen deutlich, wie belanglos

sich alles bloße Wissen eben dieser religiösen Schöpfung gegenüber

ausnehmen muß, die ihrerseit alles Forschen und Untersuchen als

unwesentlich von der Hand weist, wenn anders es nicht mittelbar oder

unmittelbar dem ‚heiligen Ziel‘ dient. Wie kaum ein zweites religiöses

Dokument der Vergangenheit werben diese Reden des Buddho um religiöse

Wertung, religiöse Stellungnahme, religiöse Verarbeitung: mithin just

um das, was ihnen der Westen bisher am hartnäckigsten geweigert hat!

An alle Bedürfnisse unserer Art darf sich der Buddhismus wenden,

seien es selbst unsere rückständigsten, unsere unrühmlichsten, unsere

niedrigsten. Nur wolle uns kein Buddho mit dem unbescheidenen Anspruch

lästig fallen, daß er innerhalb dieser geographisch und kulturell

abgegrenzten Zone, die gewohntermaßen dem Christentum und seinen

erlöserischen Kräften allein vorbehalten ward, etwa seinerseit ein

religiöses Werk zu vollbringen habe... Europa den Europäern! -- dies

ungeschriebene Gesetz, welches bei uns verhängnisvollerweise seinen

Monroe noch immer nicht gefunden hat, tritt zwar gerade dann mit

allzugroßer Leichtigkeit außer Kraft, wenn Europas Söhne blindwütig

und menschenfresserisch im gegenseitigen Vernichtungkrieg begriffen

sind und zu diesem frommen Ende die Völkerschaften aller dunkeln

und dunkelsten Erdteile aufbieten. Aber Europa den Europäern, --

das ist ein unbedingtes, unverbrüchliches Gesetz, wo sich’s um das

uralt-unantastbare Grundvorrecht des Christentums handelt, dem

europäischen Menschen ausschließlich von sich aus die ihm zukömmlichen

religiösen Antriebe mitzuteilen: ist doch dies Christentum, wer weiß

es nicht, von seinen ersten Anfängen Jesus, Paulus, Augustinus an das

heimische Erzeugnis unvermischten Europäertums... Wie schändlich, ja

wie hochverräterisch wär’ es da, auf solch ein streng umhegtes Leben

sorgfältigster Inzucht den heidnischen Asiaten loszulassen!...

Inzwischen ist bei allem grimmigen Hohn über die abstoßende Heuchelei

einer derart gehandhabten Monroe-Doktrin dennoch das Eingeständnis

geboten, daß in dieser Abwehr gegen asiatische Einflüsse in unserer

gegenwärtigen Lage ein gesunder Instinkt wachsam zu werden scheint.

Aus hunderterlei Gründen dürften wir selbst dann keine Buddhisten

werden oder auch nur zu werden wünschen, wenn dies überhaupt im Bereich

unserer seelischen Möglichkeiten läge: das versteht sich für jeden

Einsichtigen von selbst und bedarf keiner besonderen Beweise. Und auch

das andere versteht sich gleichermaßen von selbst, daß nämlich auch der

Buddho in den herrlichen Texten des Pâli-Kanons keine der furchtbar

drängenden Aufgaben löst oder lösen hilft, die uns heute auf den Nägeln

brennen und zu deren Bewältigung uns leider einstweilen noch alle

Kräfte fehlen. Stumm bleibt uns auch dieser Buddho auf die Fragen,

wie wir den Staat abbauen und die Gesellschaft aufbauen sollen,

wie Staat und Gesellschaft wieder auf religiöse Grundlagen zu stellen

wären,

wie der Staatenbund (oder Bundesstaat) europäischer Völker gegen die

Dummheit und Bosheit dieser Völker selbst und mehr noch gegen die

Ruchlosigkeit ihrer Führer zu erzwingen sein möchte,

wie neue Zellen späterer Vergemeinschaftung nach innerlichen

Wachstumgesetzen in ihrem Entstehn begünstigt werden könnten,

wie die Wirtschaft zum Dienen und der Geist zum Herrschen zu bringen

sei,

wie wir wieder zu einem beispielgebenden Adel (nicht der Geburt und

nicht des Besitzes) kommen möchten,

wie wir Erzieher erziehen lernten,

wie den Henkern der europäischen Gesittung die Maske des Richters vom

Gesicht zu reißen sei,

wie die lebenswichtigen Sachgüter am zweckmäßigsten erzeugt und am

gerechtesten verteilt würden,

wie aus dem Gegeneinanderleben aller gegen alle wieder ein

Miteinanderleben, Füreinanderleben zu entwickeln wäre, oder mit andern

Worten

wie das losgelassene Mensch-Vieh wieder zu bändigen und die

weltverheerende Masse zu ent-massen wäre, und so weiter, und so

weiter...

Auf diese sämtlichen, beliebig noch zu vermehrenden Fragen bleibt uns

der Buddho jede Antwort schuldig, indes wir uns wohl zu der Erwartung

berechtigt glauben, daß eine Religion, die unserm innersten Bedürfnis

eines Tages voll entsprechen würde, in großen Linien wenigstens die

Wege auch in diese ungebahnte Zukunft zu weisen fähig sein müsse.

Denn was war es doch in Wahrheit, das das Christentum unseres

Mittelalters fast ein Jahrtausend lang in den Seelen unserer Ahnen

so tief die Wurzeln hat einsenken lassen, daß niemand bis zur Stunde

sie hat ergraben können? Das eine war es, daß dieses Christentum

zwar im höchsten Betracht Religion war und dies sogar in einer

durchaus weltjenseitigen Bedeutung, -- daneben und außerdem aber

just kraft seiner Eigenschaft als Religion gleichzeitig eine Lebens-

und Gesellschaftformung größten Stils. Hier ging die Bruderschaft

in Christo fast ohne eine Stelle merklicher Unstätigkeit in die

Genossenschaft, in die Gilde über. Hier wuchs der geistliche Orden

nicht selten sich zur machtvoll weltbeherrschenden Partei aus, --

ich nenne nur den Namen Cluny, für die europäische Politik zeitweis

geradezu ein Programm (und wieviel mehr noch und Entscheidenderes als

nur ein Programm!), deutsche Kaiser vom Rang des dritten Heinrich zu

manchem wichtigsten Entschlusse nötigend... Vollends der Priester

aber oder Mönch, in jenen Tagen ganz ohne Zweifel eigentlicher

_homo religiosus_, ist er nicht Lehrer und Gelehrter, Staatsmann

und Verwalter, Grundherr und Städtegründer, Landwirt und Siedler,

Lehensträger und Landesfürst, Geschichtschreiber und Geschäftsmann,

Seelsorger und Richter in seiner einzigen Person? Eine solche Religion,

daran ist nicht zu zweifeln, wird uns Europäern langsam, langsam

wieder wachsen, eine Religion, die alle Wirklichkeiten wieder göttlich

gründet, göttlich ründet, -- oder wir werden eines Tages nicht mehr

sein, weil eine solche Religion nicht mehr aus uns wachsen konnte.

Und niemand in Ost und West wird uns diese späte Religion offenbaren

oder vorleben, wenn wir nicht beides selber tun. Wofern wir also

eine Tat, deren Vollbringen durchaus uns obliegt, von irgend einem

religiösen Künder der Vergangenheit getan erwarteten, und heiße er

Gotamo Buddho, gäben wir uns freilich einem unverzeihlichen Irrtum

gefangen, und in diesem Fall wären offenbar diejenigen im Recht, welche

uns in dem Gedanken an unsere höchste europäische Aufgabe warnend

und abmahnend zuriefen: Europa den Europäern! Denn dieses Europa von

übermorgen, blank gefegt von der großen Sturmflut, die heute über ihm

zusammenbrandet, -- dieses Europa unserer frömmsten Europäer-Sehnsucht

wird uns weder von Indien noch von Syrien und Palästina her geschenkt;

es wird allein aus unserm Leib gebaut und aus unserm Geist gefügt...

Nur mögen wir nicht vergessen, -- bis diese Abtei Thelema errichtet

sein wird, werden eher Jahrhunderte als nur Jahrzehnte vergehen,

in welchen der Europäer auch religiös nur von der Hand in den Mund

leben wird. Was aber den Buddho der Heiligen Texte des Pâli anlangt,

so kommt er ja nicht zu jener künftigen _Europa felix_ des Jahres

2200, sondern zu dieser gegenwärtigen _Europa deserta_. Er kommt

mithin in einer Stunde, wo sich der Komplexus der abendländischen

Gesellschaft in seine Elemente zersetzt und mit ihm gleichzeitig

alle anderen Komplexe der Auflösung verfallen, welche vormals die

geschichtlichen Verwirklichungen der Gesellschaft darstellten.

Kurz, dieser Buddho nähert sich uns in einem Augenblick, wo alles

lebendig Gewordene unserer Kulturzone verwest und wo nur endgültig

schon Versteinertes diese Verwesung übersteht oder was zur Zahl

der unsterblichen Grundeinheiten des Lebens gehört. In diesem

Augenblick und in keinem anderen wird uns der Buddho zugeführt: und

wer wäre flach und weltunkund genug, um hier an pure Zufälligkeit zu

denken? Jetzt aber konnte, jetzt mußte es geschehen, daß eben die

Religion, früher einmal die stärkste gesellschaftstiftende Tatsache

überhaupt, von allen persönlichen Angelegenheiten des Lebens die

persönlichste wird und höchstens noch auf sehr mittelbare Weise

gesellschaftliche Erheblichkeit gewinnt. Religion, das ist heute (und

auf absehbare Zeit hinaus) die Unruhe und Unstäte, die Ratlosigkeit

und Schwerpunktlosigkeit der Einzelnen, Abseitigen und Vereinzelten.

Aber gerade diesen Einzelnen, Abseitigen und Vereinzelten vermag nun

der Buddho ungleich bedeutsamer zu werden als je einer geschlossenen

Gemeinschaft, die auf unserem Kontinent bisher doch immer wieder

auf die Heilslehren des Christentums zurückgriff. Dem Einzelnen,

Abseitigen, Vereinzelten hingegen stellt sich der Buddho als eine

religiöse Möglichkeit dar, welche von den religiösen Möglichkeiten

des Christentums weder entbehrlich gemacht, noch widerlegt wird: eben

diesem Einzelnen, durch Abseitigkeit und Vereinzelung empfänglicher

Gewordenen und gleichsam religiös Bereiteten wird jetzt der Buddho

nicht selten zum Ereignis, manchmal sogar zum Schicksal seines

Lebens... Der einsam Bedrängte und Beklemmte, der in Anfällen

grimmiger Verzweiflung an allem und zumeist an sich selbst etwa

nach dem Majjhimanikâyo, nach dem Mahâparinibbânasuttam greift,

wird unwiderstehlich durchwärmt von einem sanft wiegenden Gefühl

der Weltgeborgenheit und Selbstunverletzlichkeit. Er findet sich

beschwichtigt und geschlichtet, geeinigt und versöhnt, entspannt und

zu sich selbst gebracht. Ihm wird zumut wie einem hitzig Fiebernden,

dem eine linde Hand sich kühlend wie ein Umschlag auf die Stirne

legt. Hier spricht uns (nunmehr ganz in unserer deutschen Zunge) ein

Mensch zu, der jede Weltangst von sich abtat und jetzt wie aus dem

Jenseit mit einer süßen Geisterstimme tröstend auf uns einsingt. Was

wollen wir Umgetriebenen und Gehetzten, die wir zu liegen kamen, wie

wir uns selber betteten? Hier gibt es Rat für hunderterlei Notlagen

und Notstände, die schließlich insgesamt verursacht sind durch jene

harte Selbstentfremdung, in welche wir Europäer uns zeitweis oder

dauernd zu verlieren pflegen. Auf Grund einer seelischen Erfahrenheit

ohnegleichen wird hier in einem Sinn Seelsorge betrieben und geübt,

wie ihn der Abendländer bisher nicht und nirgends geahnt hat: und

Seelsorger ist denn dieser Buddho auch in einer nirgends sonstwo

anzutreffenden Vollkommenheit. Als Seelsorger gehört er längst nicht

mehr seiner Rasse, seinem Festland, seiner Weltzeit (_buddhakalpa_)

an; als Seelsorger gehört er der Menschheit schlechthin, gehört

schlechthin ihm die Menschheit in ihrer zeitlosen Wesentlichkeit

und Alleinschließlichkeit. Geschichtliche Wandlungen, welche seine

Weisungen und Winke, wie man des Lebens Herr wird, außer Kraft hätte

setzen können, gab es bisher nicht. Sie sind auch kaum ausdenkbar, und

nicht einmal von kommenden Religionen Europas erwarte ich, daß sie

dies tun werden. Unser eigenes religiöses Ziel könnte von demjenigen,

welches sich der Buddho stellte, beliebig weit abweichen, ja es könnte

ihm vielleicht geradezu entgegengerichtet sein, ohne daß dadurch die

religiöse Allgemeingültigkeit dieser Seelsorgerschaft im mindesten

nur beeinträchtigt oder geschmälert wäre. Wie ich persönlich mir

diese religiöse Zielsetzung für ein späteres und besonnteres Europa

vorstelle, habe ich (vorläufig noch freilich mit unzulänglichen

religiösen Kräften) in den Mysterien der Gottlosen, Gestaltwandel der

Götter, Sechste Betrachtung, darzulegen unternommen. Ebendort glaube

ich wenigstens für unbefangene Leser (ich rede nicht von befangener

Kritik) keinen Zweifel übriggelassen zu haben, daß diese europäische

Zielsetzung einer mensch-göttlich zu vollbringenden Welt-Schöpfung

der gotamidischen Zielsetzung zwar nicht geradewegs widerspricht, --

denn Religionen widersprechen sich zuletzt noch nicht einmal dann,

wenn sie anscheinend wie Nein und Ja zueinander stehen! -- daß sie

diese aber gleichsam in dynamischem, oder wie Platon vielleicht

lieber sagen würde, in poietischem Betracht bei weitem noch übersteigt

und übersteigert, übertrifft und überflügelt: ποίησις als Schöpfung,

als Erschaffung buchstäblich genommen und verstanden. Dieses

entscheidendsten und entschiedensten Unterschiedes beider Zielsetzungen

jedoch unerachtet, könnte sich, ich wiederhole es, zu jenen drei

ewigen Mysterien unserer europäisch gereiften Religiosität ohne die

kleinste Gewaltsamkeit als viertes Mysterium der Buddho und seine

Heilstat innig gesellen. Das gotamidische Mysterium der Seelsorge ist

ein unvergängliches und immer wiederkehrendes, sogar dann erst recht,

wenn es auf Europas Erde eines Tages mit einem zutiefst poietischen,

zutiefst dionysischen Mysterium zusammen gefeiert werden sollte. Denn

was uns auch in diesen entfesselten Zeitläuften zustoßen möge: die

eine Hoffnung wollen wir Europäer uns doch heilig wahren, daß unser

letzter Gott Dionysos nicht nur in dem Zwiegespräch mit Indiens Buddho,

das diese kargen Blätter hier beschließt, das letzte Wort zu sprechen

haben wird. Nur mit dieser Einschränkung bedeucht mich Nietzsches

Ausspruch im Willen zur Macht ein zukunfterratender Wahrspruch, wonach

„ein europäischer Buddhismus vielleicht nicht zu entbehren sein

könnte.“ Niemals wird uns Europäern dieser Buddho der Herr sein, der er

Millionen von Asiaten ist, wie uns denn auch der Christus selber längst

nicht mehr Herr ist. Aber möglicherweis wird den Besten unter uns der

Buddho wieder dazu verhelfen, daß sie sich selber wieder Herren nennen

dürften, Herren des Diesseit und Herren des Jenseit und Herren all der

bleichen Schrecknis, die uns zwischen beiden quält und ängstigt...

Ist demnach zwar nicht eigentlich der europäische Buddhismus, den

Nietzsche für unentbehrlich hält, wohl aber der europäische Buddho mit

Neumanns Eindeutschung des Pâli-Kanons geschichtlich in Erscheinung

getreten, so wolle der Leser dies Werk als einen ersten Versuch

bewerten, die Tatsache des europäisch umgestalteten Buddho religiös

zu bezeugen. Wofern es mir an allen unumgänglichen Kenntnissen und

Fähigkeiten gebrach, etwa als Wissenschafter, Forscher, Gelehrter

zu diesem Ereignis Stellung zu nehmen, konnte ich mich desto

unbehinderter und unbelasteter als _homo religiosus_ mit Neumanns

Buddho auseinandersetzen. Vermutlich hätte dieses Buch darum eines

Tages auch dann geschrieben werden müssen, wenn die Anregung dazu von

seiten des Herrn Verlegers ausgeblieben wäre: zu aufrüttelnd waren die

Eindrücke dieser Reden aus dem Pâli, um nicht auf eine (einstweilen)

abschließende Verarbeitung zu drängen. Stellte ich mir aber meine

Aufgabe wesentlich als _homo religiosus_ und kaum als Philosoph, am

wenigsten als Historiker, dann ergab sich zwingend für die Form des

Buches, diese religiöse Absicht so rein und voll und stark wie irgend

nur zum Ausdruck zu bringen. In keinem Augenblicke durfte der Leser die

Vermutung hegen, es handle sich hier um eine Vermehrung der belehrenden

Schriften über diesen Gegenstand, -- und alles, was den Leser

vielleicht zunächst befremdet, alles, was ihn vielleicht sogar abstößt,

ergibt sich streng aus der Notwendigkeit, eine religiöse Absicht

nicht mit wissenschaftlichen Mitteln zu verwirklichen. Ein der Form

nach Neues galt es hier zu schaffen, für welches in unserm Schrifttum

nicht so leicht ein Beispiel oder Muster zu entdecken war. Als dieses

Neue aber schwebte mir, seltsam genug! sofort etwas Ähnliches vor wie

eine sehr freizügige, sehr eigenmächtige Übertragung jener Statue vom

Boro-Budur, welche diesem Buch gleichsam als προοίμιον vorangegeben

ist, aus ihrer bildhaften in eine worthafte Erscheinung. Ein

Tempelbildwerk gleichsam umzusetzen in ein Tempelschriftwerk mit den

Mitteln meiner Sprache und dadurch die plastische Gestalt zu wandeln

in eine pneumatische Gestalt: das war, soviel ich selber davon weiß

und wissen kann, mein heiß angestrebtes Ziel, -- Tag und Nacht sah ich

wenigstens nur noch diesen thronenden Buddho vor dem innern Auge, --

Tag und Nacht, wer wird dies recht verstehen? war ich nur noch dieser

Buddho... Unwiderstehlich fand ich mich gezogen zu jenem hieratischen

Stil, der zuletzt einer ist in allen höchsten Versinnbildlichungen

des asiatischen Gestaltungwillens: einer in den Sprüchen Lao-Tses

und den Reden Gotamos, einer in den Veden und Upanischaden, einer in

den Psalmen des Alten Testaments und in den Suren des Korans, einer

in den Götterbildern und Tempeln Indiens, Chinas oder Japans. Diesen

Stil freilich nachahmen zu wollen, wäre von allen europäischen

Abgeschmacktheiten so ziemlich die abgeschmackteste. Aber muß er sich

schließlich nicht auch bei uns gesucht oder ungesucht einstellen in dem

Maß, als wir wieder zu begreifen beginnen, was Religion ist? Fünf oder

sechs Jahrhunderte haben dies immer gründlicher vergessen lassen, und

das Ergebnis war die Zerbröckelung jeder großen Form im Leben noch mehr

wie in der Kunst. Sobald indes Religion wieder in uns lebendig wird, --

wie kann sie sich dann wohl anders ausdrücken als in der echten Sprache

der Religion, die wir europäischen Ästheten abwegig und unzutreffend

genug eben nur als ‚hieratischen Stil‘ zu bezeichnen wissen?...

DIE ERSTE UNTERWEISUNG:

BUDDHO DER PROTESTANT

DAS HEILIGE JA LASST UNS BEKENNEN DAS HEILIGE JA ÜBER DIE AUF- UND

NIEDERGÄNGE -- DAS HEILIGE JA ÜBER GEBURT UND TOD, GESTIRN UND

SCHICKSAL -- DAS HEILIGE JA ERSCHAFFE DIESE WESEN UND ERHALTE SIE,

DAMIT SIE IN DER FÜLLE STEHN WIE EINE HUNDERTBLÄTTERROSE IN IHRES

MITTSOMMERS MITTAGGLÜCK - DAS HEILIGE JA ZERSCHMELZE DIESE WESEN IN

SEINES EWIGEN FEUERS TIEGEL UND HÄRTE SIE DARIN, BIS SIE GEDIEHEN

SIND, BIS SIE GEDIEGEN SIND -- UND ALSO VERLÖSCHE DAS HEILIGE JA

DIESE WESEN IN SEINES EWIGEN WASSERS BORN UND BRING IN IHM DIE WESEN

WIEDER EWIGLICH -- WILLKOMMEN DEM JA-SELBST ALLE WESEN UND WILLKOMMEN

IHM GLEICHERMASSEN DIE GEGEN- UND WIDERWESEN ALLE -- DIES IST DAS

HEILIGE JAWORT UND FROHWORT UND DES FROHWORTES HEILIGE GRUSSSPENDE,

ANDACHTSPENDE, OPFERSPENDE -- DIES IST GELÄUTERTEN HERZENS ERSTGEBURT,

DARGEBRACHT IM FESTWEIHTEMPEL DER WELT -- WER DU AUCH BIST, O MENSCH,

IN VIERTEN VIERTELS EDLER MONDSCHWELLUNG DEINER MENSCHLICHKEIT ODER IN

IHRES DRITTEN, ZWEITEN, ERSTEN VIERTELS BEDAUERLICHER SCHWINDUNG:

-- ICH WILL DIR WOHL --

DIES IST DIE ERSTE UNTERWEISUNG

Geschieden, ihr Christen, in die Getreuen und die Ungetreuen der

allgemeinen und allein sälig machenden Kirche, dünkt uns Christen

Protestantismus die Frömmigkeit derer, die abseit von der Kirche als

Abseitige das Heil ihrer Seele gesucht haben und noch heute suchen,

gefunden haben und noch heute finden. Unübersehbar aber an Zahl und

Mannigfaltigkeit ist die Art der Protestanten, welche der Mutter-Kirche

die Zugehörigkeit künden mußten, um sich selber zugehörig bleiben zu

können; unübersehbar an Zahl und Mannigfaltigkeit sind die Arten des

Protestantismus, weil fast ein jeder Protestant allein seine eigene

und bevorzugte Art von Protestantismus als die echte und wahre gelten

lässet. Ob freilich die Frömmigkeit des Einzelnen von Fall zu Fall

innerhalb der sichtbaren und allgemeinen Kirche noch auszuharren

vermochte oder sich außerhalb ihrer den selbst erwählten Stock- und

Steinpfad bahnen mußte, -- dieses hing häufig genug von mancherlei

Zufälligem ab und durchaus nicht von einem Hang zum Protestantismus

als solchem. Es konnte wohl geschehen und ist geschehen, daß sich im

Geist und Gemüt des Christen eine Bewegung regte, die als Gegenbewegung

beabsichtigt war zu einem augenblicklichen Zustand der Kirche und von

der Kirche selbst im Braus der ersten Überraschung und Zornwallung

als ketzerisch verfemt, als protestantisch verworfen ward: und

dennoch nach einiger Frist von der Kirche großmütig zurückgenommen

und ihrem Gesellschaftkörper einverleibt. Möglicherweis waren alle

ernsten und eingreifenden Reformen der Kirche seit Cluny in Kern

und Ursprung protestantisch, und nicht selten haben die unwägbarsten

Kräfte der Zeiten und Persönlichkeiten darüber entschieden, ob dieser

Protestantismus dazu kam, rückwirkend die gesamte Verfassung der Kirche

zu beeinflussen, ja umzugestalten, oder ob er veranlaßt wurde, jenseit

der Kirche eine unkirchliche Gemeinschaft zu gründen, eine unkirchliche

Bruderschaft zu verkörpern, eine unkirchliche Kirche zu stiften. Wie

hing es doch an einem schwachen Haar, daß dem heiligen Franziskus die

Orden, so auf die Entsagung des Besitzes gegründet waren, gestattet

oder verboten wurden. In unserm blonden Norden vollends versah der

Meister Eckhart von Hochheim noch das weithin reichende und weithin

wohl sogar gefürchtete Amt eines Provinzialen der Dominikaner, als

seine Jünger und Jüngerinnen schon grausam verfolgt und hingerichtet

wurden. Trotzdem sind in der Folge die Bettelorden zum Pfeiler und

Eckstein der Kirche geworden, insonderheit in den eben herrlich

aufblühenden Städten und städtischen Genossenschaften, und ihrer

halbwegs ketzerischen Herkunft unerachtet haben sie der Kirche das

tauglichste Mittel dargeboten, sich einer neuen Zeit und Gesellschaft

anzupassen. Was allerdings unsere Mystik betrifft, ward sie als

schleichende Gefahr der Kirche mit äußerstem Mißtrauen stets betrachtet

und in gewissen Abständen immer wieder mit ketzergerichtlichen

Maßnahmen geängstigt und betroffen. Gegen die Albigenser wurde der

Kreuzzug nicht nur gepredigt, und die Kriege mit den Husiten stürzten

das mittlere Festland aus einer lebensgefährlichen Krisis in die

nächste. Schwankend und schwebend blieb darnach der Inbegriff des

Protestantismus. Wer heute sich selber verdächtig schien, in seinem

Herzen der Ketzerei zu frönen, der fand sich etwa morgen schon völlig

wieder in einer erneuerten und wiedergeborenen Kirche. Wer aber heute

noch seine strengste Rechtgläubigkeit mit jedem Eid beschworen hätte,

dem konnte es zustoßen, daß er morgen den großen Bann als Urteil (und

als Unheil!) furchtbar über sich verhängt fand, fortab geschieden in

einem Atem vom Frieden Gottes wie der Menschen.

Die deutsche Reformation zusammen mit den anderen Reformationen des

sechzehnten Jahrhunderts war es nachher, die endgültig den Typus,

den ‚Schlag‘ des Protestanten wie einen Stempel prägte oder wie

einen Holzstock schnitt. Sie schuf den neuen Christen, der weder

in der allgemeinen und allein sälig machenden Kirche seinen Platz

länger einnehmen konnte, noch dessen sich dieselbige Kirche durch

eine Maßregel gewaltsamer Unterdrückung, gewaltsamer Bekehrung,

gewaltsamer Vernichtung zu entledigen imstande war. Seither ist der

christliche Protestantismus eine religiöse und gesellschaftliche

Wirklichkeit, beliebt oder mißfällig, geduldet oder verworfen:

eine Wirklichkeit wie die Kirche selbst und durch keine Acht oder

Ausstoßung aus den Tafeln der Wirklichkeit zu tilgen. Erst bei

einem Einzigen und Einzelnen, dann bei Wenigen, dann bei Vielen,

versagte der unendliche Aufwand von Dogmen, Sakramenten, Liturgien,

Messen, und ihre Frömmigkeit spottete der Wohltaten der Seelsorge

und Seelpflege; -- auf Grund dieses nämlichen Umstandes aber fanden

sie sich zusammen zu einer neuen Gemeinschaft, zu einer neuen Kirche

abseit der bisherigen, und sie genossen neuer, will sagen urältest

wiedererneuter Heils- und Gnadenmittel auf neue Weise: wenn sie nicht,

wie beispielweis die Quäker, diese Mittel insgesamt als Magie verwarfen

und das gemeinschaftstiftende Ereignis in einer Art geselliger und

gleichzeitiger Erleuchtung fanden. Einmal soweit, konnte sich diese

vollzogene Abkehr von der allgemeinen und allein sälig machenden

Kirche ohne Ende wieder vollziehen und hat sich dann, wer wüßte es

nicht, in der Tat ohne Ende bis auf den heutigen Tag wieder und

wieder vollzogen. Und wie man, ihr Christen, in französischer Sprache

das Sprichwort gesprochen hat, daß man stets der Rückschreiter und

Rückschritter irgend jemands, _toujours le réactionaire de quelqu’un_

sei, so dürfte man dies Treffwort ins Deutsche übertragen: daß man

stets der Einsprecher, Widersprecher und Verwahrer, kurz der Protestant

irgend jemands sei. Denn wie es unveräußerliches Recht jeder religiös

verpflichteten Gemeinschaft ist, sich als die allgemeine und allein

sälig machende, ja als die allein rechtgläubige Kirche aufzurichten,

bleibt es gleichermaßen Recht aller auf abweichende Art Frommer, sich

als Protestanten davon freiwillig auszuschließen, nachdem sie durch

ihre eigene Erfahrung, unwiderleglich für jedwede andere und fremde

Erfahrung, inne geworden waren, daß sie inmitten jener Genossenschaft

dauernd des Heils entbehren würden und derart durch die Tathandlung des

Protestes den Protestantismus zu besiegeln sich gedrungen fühlten.

Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen · 第 1 / 26 段