Es ist schwer, die allgemeine Physiognomie von Petersburg zu schildern.
Es hat etwas, das an eine amerikanische Kolonie in Europa erinnert:
ebensowenig ursprüngliche Nationalität und ebensoviel fremdländische
Mischlinge, die sich noch nicht zu einer festen Masse zusammengefügt
haben. Soviel verschiedene Nationen sich hier zusammen finden,
ebensoviel Gesellschaftsschichten gibt es hier. Diese Kreise sind streng
voneinander geschieden: Aristokraten, Beamte im Dienste, Handwerker,
Engländer, Deutsche, Kaufleute, sie alle bilden Kreise, die sich nur
ganz selten miteinander vereinigen, gewöhnlich aber für sich leben und
sich unterhalten, ohne daß einer von dem andern etwas weiß.
Jeder von diesen Kreisen besteht, wenn man genauer zusieht, wieder aus
einer Menge kleiner Kreise, die gleichfalls nicht miteinander
zusammenhängen. Nehmen wir z. B. die Beamten. Die jungen Gehilfen der
Tischvorsteher bilden ihren eigenen Kreis, und nie wird der
Abteilungschef zu ihnen herabsteigen. In Gegenwart eines Kanzleibeamten
hebt wiederum der Tischvorsteher seinen Kopf um ein paar Zoll höher. Die
deutschen Handwerker und die deutschen Beamten bilden auch ihren
besonderen Kreis. Die Lehrer bilden einen Kreis, die Schauspieler einen,
ja sogar die Literaten, die noch immer recht zweideutige und
zweifelhafte Persönlichkeiten darstellen, stehen abseits für sich da.
Mit einem Wort, es ist fast so, wie wenn eine riesengroße Postkutsche
bei einem Gasthause vorgefahren wäre, in der alle Gäste während der
Fahrt in ihre Mäntel gehüllt dagesessen hätten, und nur darum zusammen
in den allgemeinen Saal träten, weil eben kein anderer Raum vorhanden
ist. Der Versuch, öffentliche Vereine zu gründen, hat bis jetzt keinen
Erfolg gehabt. Der Petersburger besucht auch den Klub nur, um dort
Mittag zu essen, und nicht, um seine Zeit dort zu verbringen. Daß
Petersburg noch nicht zu einem Gasthaus geworden ist, das liegt allein
an einer inneren Naturanlage des Russen, der, trotzdem er sich beständig
an den Fremden abschleift, sich immer noch eine gewisse Originalität
bewahrt hat. Um von jedem dieser einzelnen Kreise erzählen zu können, um
ihr Leben, das in Genüssen und Vergnügen, Hoffnungen und Schmerzen
dahinfließt, zu studieren, müßte man zu den Leuten gehören, die gar
nicht schreiben, weil diese Leute -- dies ist der Lohn für ihre
Tätigkeit -- absolut keine Zeit haben. Also lassen wir die Bälle und
Soireen beiseite. Ich will mich den Vergnügungen zuwenden, die eine
längere Erinnerung an sich zurücklassen und die von allen
Gesellschaftsklassen mitgemacht werden. Die Theater und Konzerte -- das
sind die Punkte, wo alle Klassen der Petersburger Gesellschaft
zusammenstoßen, wo sie genug Muße haben, sich aneinander sattzusehen.
Das Ballett und die Oper -- sind der König und die Königin der
Petersburger Theater. Sie waren noch prächtiger, rauschender,
hinreißender als in den früheren Jahren, und die entzückten Zuschauer
hatten völlig vergessen, daß es auch noch eine gewaltige Tragödie gibt,
die den gleichgestimmten Herzen der stumm lauschenden Menge
unwillkürlich die erhabensten Gefühle einhaucht, daß es eine Komödie
gibt, die das getreue Abbild der sich vor uns hin und her bewegenden
Gesellschaft ist: eine tief durchdachte Komödie, die durch die Tiefe
ihrer Ironie uns zum Lachen reizt; nicht zu jenem Lachen, das durch
einen oberflächlichen Eindruck, durch einen flüchtigen Witz oder durch
einen Kalauer hervorgerufen wird, auch nicht zu jenem Lachen, das die
rohe Menge in unserer Gesellschaft bewegt, die nach Verrenkungen und
fratzenhaften Verzerrungen der Natur verlangt, sondern zu jenem
elektrisierenden, belebenden Lachen, das, durch den blendenden
Gedankenblitz erschüttert, unwillkürlich, frei, ungewollt, unmittelbar
aus der Seele hervorströmt, das aus dem ruhigen Genuß geboren wird und
nur durch einen hohen Verstand hervorgerufen werden kann. Die Zuschauer
hatten recht, wenn sie von dem Ballett und der Oper entzückt waren ...
Auf der dramatischen Bühne gab es Melodramen und Possen und zugereiste
Gäste, die sich auf der französischen Bühne zu Hause fühlten, aber auf
der russischen eine recht merkwürdige Rolle spielten. Es ist ja eine
längst anerkannte Tatsache, daß die russischen Schauspieler sich recht
seltsam ausnehmen, wenn sie Marquis, Vicomtes und Barone spielen, ebenso
wie die französischen Schauspieler wahrscheinlich recht komisch wären,
wenn sie versuchen wollten, russische Bauern darzustellen. Und wie
machen sich Bälle, Abendgesellschaften und moderne Routs, die in den
russischen Stücken vorkommen, auf der Bühne? Und die Possen? Die Posse
hat sich schon längst die russische Bühne erobert und bildet die
Unterhaltung der Mittelklassen, denn diese Leute wollen eben lachen. Wer
hätte gedacht, daß wir nicht nur Übersetzungen, sondern auch
Originalpossen auf der russischen Bühne zu sehen bekommen würden? Eine
russische Posse! Es ist wirklich sehr merkwürdig, und zwar deshalb, weil
dieses leichte, farblose Spiel nur bei den Franzosen entstehen konnte,
bei einer Nation, deren Charakter keine tiefen, unwandelbaren Züge
besitzt; aber wenn man den immer noch etwas schwerfälligen und rauhen
russischen Charakter zwingt, sich als »_petit maître_« zu bewegen, dann
kommt es mir immer so vor, wie wenn einer von unseren wohlbeleibten,
pfiffigen und langbärtigen Kaufleuten, der bis dahin nichts anderes als
schwere Stulpenstiefel getragen hat, statt dieser den einen Fuß mit
einem schmalen Schuh und Strümpfen _à jour_ bekleiden wollte, während
der andere noch im Stiefel steckt, und dann in diesem Aufzuge im ersten
Paar der Française erscheinen wollte.
Es sind schon fünf Jahre, seit sich das Melodrama und die Posse alle
Theater der Welt erobert haben. Welch eine Nachäfferei! Sogar die
Deutschen .... wer hätte das gedacht, daß selbst die Deutschen, dieses
gediegene, zu tiefen, ästhetischen Genüssen geneigte Volk, daß die
Deutschen jetzt Possen schreiben und spielen und geschwollene, kalte
Melodramen zusammenkleistern und für die Bühne bearbeiten. Ja, wenn
dieses Miasma noch auf den Wink eines mächtigen Genies hergetragen
worden wäre! Als alle Welt der Leier Byrons nachahmte, war dies
keineswegs lächerlich; im Gegenteil, in diesem Streben lag etwas
Tröstliches. Aber daß Dumas, Dulange und andere -- universale
Gesetzgeber werden konnten! ... Ich möchte schwören, das XIX.
Jahrhundert wird sich dieser fünf Jahre schämen! O Molière! großer
Molière! du, der du deine Charaktere so großzügig ausstattetest, mit
einer solchen Vollkommenheit entwickeltest, der du ihre Schatten so
eingehend studiert hast, und du strenger, umsichtiger Lessing, und du
edel glühender Schiller, der du die Menschenwürde in so poetisch
verklärtem Lichte dargestellt hast! schaut hin, was jetzt nach euch auf
eurer Bühne geschieht, seht, was für ein seltsames Ungeheuer sich unter
dem Namen des Melodramas unter uns eingeschlichen hat! Wo ist denn unser
Leben? wo bleiben wir mit all unseren heutigen Leidenschaften und
Seltsamkeiten? Wenn wir doch nur einen schwachen Widerschein davon in
unseren Melodramen erblicken könnten! Aber unser Melodrama lügt in der
schamlosesten Weise ....
Welch unbegreifliche Erscheinung: nur das große, tiefe, ungewöhnliche
Talent bemerkt und entdeckt das, was uns alltäglich umgibt, was
unzertrennlich mit uns verwachsen ist, das Gewöhnliche; das dagegen, was
nur selten geschieht, was eine Ausnahme bildet, was uns durch seine
Häßlichkeit, durch seine Unförmlichkeit inmitten der Ordnung in
Erstaunen setzt, ist gerade das, wonach die Mittelmäßigkeit mit beiden
Händen greift. Und so fließt das Leben eines großen Talents wie ein
großer breiter Strom in voller Regelmäßigkeit, rein wie ein Spiegel,
dahin und reflektiert mit derselben Klarheit die dunklen und die hellen
Wolken: bei der Mittelmäßigkeit dagegen fließt es hin wie eine trübe und
schmutzige Welle und spiegelt weder die Helligkeit noch die Finsternis.
Das _Seltsame_ ist der Gegenstand des heutigen Dramas geworden. Es kommt
vor allem darauf an, eine Begebenheit darzustellen, die unbedingt neu,
unbedingt merkwürdig, noch nie dagewesen und ganz unerhört sein muß: ein
Mord, eine Feuersbrunst, die allerwildesten Leidenschaften, an die man
in der modernen Gesellschaft gar nicht einmal denkt! Wie wenn die Söhne
des glühenden Afrika europäische Fräcke angezogen hätten; Henker und
Gift -- nichts als Effekt, dieser ewige unvermeidliche Effekt, und doch
weckt keine Gestalt unsere Teilnahme. Noch nie hat ein Zuschauer das
Theater gerührt und tränenden Auges verlassen, im Gegenteil, er setzt
sich eilig und in einer seltsamen Erregung in den Wagen, und es dauert
lange, bis er seine Gedanken sammeln und sich klar über sie werden kann.
Solch ein Schauspiel bietet man unserer verfeinerten, gebildeten
Gesellschaft! Unwillkürlich steigen die blutigen Wettkämpfe, zu denen
ganz Rom während der Epoche höchster Macht und stumpfer Übersättigung
zusammenströmte, vor einem auf. Aber, Gott sei Dank, wir sind noch keine
Römer und stehen nicht vor dem Untergang unseres Daseins, sondern im
Morgenrot des Lebens! Wenn man alle Melodramen, die in unserer Zeit
gegeben worden sind, zusammennimmt, so könnte man glauben, in ein Museum
geraten zu sein, in dem absichtlich alle Mißgeburten und Auswüchse der
Natur vereinigt sind, oder besser gesagt -- man glaubt einen Kalender
vor sich zu haben, in dem mit kalendermäßiger Kaltblütigkeit alle
merkwürdigen Ereignisse eingetragen sind, und wo unter jedem Datum zu
lesen steht: heute geschah an dem und dem Orte folgender
Spitzbubenstreich; heute wurde der Räuber und Brandstifter Soundso
geköpft; dann und dann hat der Handwerker X. seine Frau umgebracht ....
und dergleichen mehr. Ich kann mir das Staunen eines unserer Nachkommen
vorstellen, der das Leben unserer Gesellschaft aus unseren Melodramen
studieren wollte.
Da ist es denn nicht zu verwundern, daß das Ballett und die Oper noch
eine erfreuliche Erscheinung sind und einem eine gewisse Erholung
bieten: hier findet man doch noch einen ruhigen Genuß. Die Oper wird bei
uns mit einem gierigen Enthusiasmus aufgenommen. Bis heute noch ist die
Begeisterung nicht vorüber, mit der sich ganz Petersburg auf die
lebendige, feurige Musik der »Fenella« und die wilde, von höllischen
Genüssen erfüllte Musik »Robert des Teufels« stürzte. -- »Semiramis«,
die noch vor fünf Jahren vom Publikum sehr kühl aufgenommen wurde,
versetzt heute, wo die Musik Rossinis fast einen Anachronismus bildet,
dasselbe Publikum in Verzückung. Über den Enthusiasmus, den die Oper
»Das Leben für den Zaren« hervorgerufen hat, will ich gar nicht erst
reden: er ist begreiflich und ganz Rußland bekannt. Über diese Oper
müßte man entweder sehr viel oder gar nichts sagen.
Ich rede jedoch nicht gern über die Musik oder über den Gesang. Mir
scheint, alle musikalischen Traktate und Rezensionen müssen die Musiker
von Fach langweilen; in der Musik ist das allermeiste unaussprechlich
und beruht auf einer unbewußten Wirkung. Die Leidenschaften der Musiker
-- sind keine irdischen Leidenschaften; die Musik ist nur hin und wieder
der Ausdruck unserer Leidenschaften oder besser gesagt: sie ahmt ihre
Stimme nach, um auf sie gestützt, sich wie ein perlender, singender
Springquell gänzlich anderer Leidenschaften in eine andere Sphäre
emporzuschwingen. Ich will nur noch bemerken, daß sich die Melomanie
immer mehr verbreitet. Leute, denen man gar keine musikalische Denkart
zutrauen würde, sitzen beständig in dem »Leben für den Zaren«, im
»Robert«, in der »Norma«, in »Fenella« und in »Semiramis«. Beinahe
zweimal in jeder Woche wird eine Oper aufgeführt; jede von ihnen erlebt
unzählige Aufführungen, und trotzdem ist es häufig schwer, ein Billett
zu bekommen. Ist das nicht eine Folge unserer slawischen zum Gesang
neigenden Natur? Und ist es nicht eine Rückkehr zu unserer alten Zeit,
nach einer Reise durch das fremde Land der europäischen Kultur, wo alles
um uns herum eine fremde Sprache sprach und wo sich lauter fremde
Menschen um uns drängten -- eine Rückfahrt in einem russischen
Dreigespann mit seinen klingenden Glocken -- ist es nicht so, als
erhöben wir uns von unserem Sitz, und als riefen wir, unsere Mützen
schwenkend, aus: »In der Fremde ist es schön -- aber zu Hause ist's doch
noch besser.«
Was für eine herrliche Oper könnte man nach unseren nationalen Motiven
komponieren! Zeigt mir ein Volk, das mehr Lieder hätte! Unsere Ukraine
hallt wider von Liedern. Auf der Wolga, von ihrer Quelle bis zum Meere,
ertönen -- die ganze Reihe der dahintreibenden Barken entlang -- die
Lieder der Schiffsknechte. Unter Gesang werden in ganz Rußland aus
Balken von Fichtenholz die Hütten gezimmert. Mit Gesang fliegen die
Ziegel von Hand zu Hand und wachsen Städte wie Pilze empor. Alte Frauen
singen, wenn der kleine Russe in Windeln gewickelt wird, wenn er sich
verheiratet und wenn er begraben wird. Alles, was reist, Adlige und
Bürgerliche, fliegen beim Gesang des Kutschers dahin. Am Schwarzen Meer
singt der bartlose braune Kosak mit dem pechschwarzen Schnurrbart,
während er seine Flinte ladet, ein altes Lied; und dort am anderen Ende
Rußlands erlegt der russische Händler rittlings auf einer Eisscholle
sitzend, den Walfisch mit seiner Harpune und singt ein Lied dazu. Und da
sollte es uns an Stoff zu einer nationalen Oper fehlen! Die Oper Glinkas
ist nur ein schöner Anfang. Er hat es mit viel Glück verstanden, in
seinem Werk zwei slawische Tonsprachen zu vereinigen; man hört es
deutlich, wo der Russe und wo der Pole spricht; aus dem Gesang des einen
hört man die freie, weite Melodie des russischen Liedes heraus, aus dem
des anderen den kecken, schnellen Rhythmus der polnischen Mazurka.
Das Petersburger Ballett ist hervorragend. Bei dieser Gelegenheit muß
ich ein paar Worte über das Ballett überhaupt sagen. Die
Ballettaufführungen in Paris, Petersburg und Berlin haben eine hohe
Vollendung erreicht; aber man muß gestehen, daß der Fortschritt nur in
der wachsenden Pracht der Kostüme und der Dekorationen besteht, das
eigentliche Wesen des Balletts, jedoch, die Erfindung hält nicht Schritt
mit der Ausstattung, die Ballettschreiber bringen nur wenig Neues in den
Tänzen. Bisher fehlt es noch an dem eigentlich Charakteristischen. Sehen
wir einmal zu: an allen Enden der Welt gibt es überall Nationaltänze;
der Spanier tanzt ganz anders als der Schweizer, der Schotte wiederum
anders als der Deutsche (bei Teniers), der Russe anders als der Franzose
und der Asiate. Selbst in den verschiedenen Provinzen desselben Staates
wechseln die Tänze. Der Russe des Nordens tanzt nicht so wie der
Kleinrusse, wie der Südslawe, der Pole oder Finne; der Tanz des einen
ist ausdrucksvoll, der des andern gefühllos, der eine ist wild und
rasend, der andere ruhig, der eine gewaltsam und schwerfällig, der
andere leicht und ätherisch. Woher stammt diese Mannigfaltigkeit der
Tänze? Sie stammt aus dem Charakter der Völker, aus ihrer Lebensweise
und der Art ihrer Beschäftigung. Ein Volk, das ein stolzes,
kriegerisches Leben führt, bringt diesen Stolz auch in seinem Tanz zum
Ausdruck; bei einem sorglosen, freien Volk spiegelt sich auch in den
Tänzen eine grenzenlose Freiheit und eine poetische Selbstvergessenheit;
ein Volk, das in einem heißen Klima lebt, läßt auch in seinen
Nationaltänzen Glut, Leidenschaft und Eifersucht spüren. Der Schöpfer
eines Balletts kann zur Charakterisierung seiner tanzenden Helden, wenn
er sich nur von einem feinen Geschmack leiten läßt, aus diesem reichen
Stoffe wählen, soviel er will. Es versteht sich von selbst, daß er, wenn
er erst einmal den Grundcharakter erfaßt hat, ihn noch weiter entwickeln
und sich weit über sein Original emporschwingen kann, so wie ein
musikalisches Genie aus einem einfachen Liede, das es auf der Straße
hört, ein ganzes Gedicht macht. Wenigstens wird der Tanz erst dann einen
tieferen Sinn erhalten, und so kann diese leichte, luftige und feurige
Sprache, die bis jetzt immer noch etwas beengt und beschränkt erscheint,
sich zu höherer Form und Plastik entwickeln.
Die Petersburger sind große Freunde des Theaters. Wenn Sie einmal an
einem frischen, kalten Morgen, während der rosig goldene Himmel von
durchsichtigen Rauchwolken, die aus den Schornsteinen aufsteigen,
durchzogen wird, auf dem Newsky-Prospekt spazieren sollten, dann treten
Sie um diese Zeit ins Foyer des Alexandra-Theaters: Sie werden erstaunt
sein über die hartnäckige Geduld, mit der die hier versammelte
Volksmenge in dichten Haufen den Billettverkäufer belagert, der seine
Hand aus dem Kassenfenster herausstreckt. Wie viel Lakaien aller Art
drängen sich hier, der eine im grauen Mantel mit einer bunten seidenen
Krawatte, aber ohne Mütze, und ein anderer, bei dem der dreistöckige
Kragen der Livree einem bunten Tintenwisch aus Tuch in Gestalt eines
Schmetterlings gleicht. Hier drängen sich auch jene Beamten, die sich
die Stiefel von ihren Köchinnen putzen lassen, und die niemand haben,
den sie nach einem Theaterbillett schicken können. Hier können Sie auch
sehen, wie ein echtrussischer Held plötzlich die Geduld verliert, auf
den Schultern der ganzen Menge bis zur Kasse vordringt und sein Billett
empfängt. Dann erst wird Ihnen klar werden, wie sich bei uns die Liebe
zum Theater bemerkbar macht. Und was wird auf unseren Bühnen gegeben? --
Melodramen und Vaudevilles! ... Ich hasse diese Melodramen und
Vaudevilles.
Die Lage der russischen Schauspieler ist sehr traurig. Vor ihnen zittert
und brodelt ein aufnahmefähiges Publikum, und sie müssen Leute
darstellen, die sie noch nie gesehen haben. Was sollen sie mit diesen
seltsamen Helden anfangen, die weder Franzosen noch Deutsche sind,
sondern halbverrückte Leute, die weder eine bestimmte Leidenschaft noch
eine charakteristische Physiognomie haben? Wie soll man da zeigen, was
man kann, wie sollen sich unter solchen Verhältnissen Talente
entwickeln? Gebt uns um Gottes willen wahrhaft russische Charaktere,
gebt uns uns selber, unsere Gauner und unsere Querköpfe! herauf mit
ihnen auf die Bühne und gebt sie dem Gelächter aller preis! Das Lachen
-- ist etwas wahrhaft Großes, es raubt uns weder das Leben, noch unser
Eigentum, und doch steht der Schuldige da wie ein Hase, dem man die
Beine zusammengebunden hat. Wir haben uns so sehr an die farblosen
französischen Stücke gewöhnt, daß wir uns beinahe fürchten, unsere
eigenen zu sehen. Wenn man uns einen lebendigen Charakter vorführt, so
glauben wir gleich, das sei eine persönliche Anspielung, weil die
dargestellte Person weder einem _Paysan_, einem Theater-Tyrannen, einem
Reimschmied, einem Richter oder dergleichen verbrauchten Typen gleicht,
die von zahnlosen Autoren förmlich in ihre Stücke geschleppt werden, so
wie man etwa einen jener unvermeidlichen Figuranten auf die Bühne
schleppt, die vor dem Publikum mit dem gleichen stereotypen Lächeln ihre
im Laufe von vierzig Jahren bis zur Virtuosität einstudierten »Pas«
herunterholzen. Wenn man z. B. sagt, daß es in einer Stadt einen nicht
ganz nüchternen Hofrat gibt, so fühlen sich gleich alle Hofräte
beleidigt, und manch ein anderer »Rat« sagt wohl gar: »Wie ist das nur
möglich, ich habe einen Verwandten, der ist Hofrat: ein vortrefflicher
Mensch! wie kann man denn sagen, daß es einen betrunkenen Hofrat gibt!«
Als ob ein einziger einen ganzen Stand um seine Ehre bringen könnte! Und
solch eine Empfindlichkeit ist bei uns tatsächlich in allen
Gesellschaftsklassen verbreitet. Braucht es etwa noch der Beispiele? Man
denke nur an den »Revisor«.
Es ist wirklich peinlich. Es wäre doch wirklich höchste Zeit,
einzusehen, daß nur eine getreue Darstellung von Charakteren -- nicht in
ihren längst bekannten immer aufs neue wiederholten allgemeinen Zügen --
sondern in einer Form von wahrhaft nationalem Gepräge, die uns durch
ihre Lebendigkeit überrascht, so daß wir ausrufen: »Ja aber, mir
scheint, das ist doch ein Bekannter von mir!« -- daß nur solch eine
Darstellung einen wesentlichen Nutzen bringt. Wir haben aus dem Theater
ein Spielzeug in der Art jener Rasselchen gemacht, womit man Kinder
herbeilockt, wir haben vergessen, daß das Theater ein Katheder ist, von
dem aus man einer ganzen großen Menge eine lebendige Lehre vorträgt, auf
ein Beispiel hinweist, wo uns beim festlichen Lichterglanz, beim Lärm
der Musik, unter einstimmigem Gelächter, ein weitbekanntes, verstecktes
Laster gezeigt wird, und wo, begleitet von der geheimen Stimme der
allgemeinen Teilnahme, ein allbekanntes, sich ängstlich verbergendes,
edles Gefühl ans Licht gezogen wird.
Aber genug vom Theater. Ich habe schon zuviel davon geredet. Der
Winterkarneval schließt mit einer lauten und lärmenden Woche ab; dann
fliegt die eine Hälfte der Petersburger auf Schaukeln durch die Luft
oder saust wie der Wirbelwind die Rodelbahn hinunter, während sich die
andere Hälfte in eine lange Kette von Wagen verwandelt, die sich kaum
vorwärtsbewegt, immer wieder aufgehalten von dem für Ordnung sorgenden
Gendarmen; da gibt's den ganzen Tag über und am Abend alle möglichen
Vorstellungen, und der ganze Admiralitätsplatz ist mit Nußschalen
bedeckt ....
Still und finster ist die Zeit der großen Fasten. Es ist einem, als
vernehme man eine Stimme, die einem zuruft: »Halt ein, Christenmensch:
sieh zu, wie du lebst.« Die Straßen sind leer. Man sieht keine Wagen.
Ein sinnender Zug liegt auf den Gesichtern der Vorübergehenden. Ich
liebe dich, du Zeit der Nachdenklichkeit und des Gebets! Freier und mit
mehr Überlegung werden meine Gedanken dahinfließen, und diese ganze
seichte, eitle Gesellschaft wird sicherlich müde und verschlafen
daliegen und vergessen, zu mir zu kommen und mich mit ihrem trivialen
Gerede über Whist, Literatur, Auszeichnungen und Theater zu plagen.
Die Fastenzeit in Petersburg ist das Fest der Musik. Um diese Zeit
kommen hier Musiker aus allen Teilen Europas zusammen. Das
Monstre-Konzert zum Besten der Invaliden hat immer etwas Gewaltiges;
vierhundert Musiker! das macht einen mächtigen Eindruck! Wenn der
harmonische Zusammenklang von vierhundert Tönen unter dem dröhnenden
Gewölbe emporhallt, dann muß, wie mir scheint, auch die Seele jedes
Zuhörers, und wäre sie noch so armselig, von einer ganz ungewöhnlichen
Erschütterung durchzittert werden.
Während der Fastenzeit fällt dann und wann ein Sonnenstrahl in die
Petersburger Atmosphäre. Der westliche Teil, der dem Meere zugewandt
ist, wird heller. Der Norden blickt von der Wiborger Seite weniger
finster herüber. Immer häufiger halten die Wagen auf der Straße, und die
Insassen steigen aus, um auf dem Trottoir spazierenzugehen. Seit dem
Jahre 1836 ist der Newsky-Prospekt, dieser laute, ewig bewegte, emsige,
vorwärtsdrängende Newsky-Prospekt ganz heruntergekommen: der Treffpunkt
der vornehmen Welt ist an den Englischen Kai verlegt worden. Der
verstorbene Kaiser liebte den Englischen Kai. Er ist auch wirklich
wundervoll. Aber jetzt, wo der Korso dahin verlegt worden ist, habe ich
erst bemerkt, daß der Kai etwas zu kurz ist. Die Spaziergänger sind
trotzdem noch im Vorteil, denn die Hälfte des Newsky-Prospekts war immer
von Handwerkern und Beamten besetzt, und man hatte hier die Aussicht,
dreimal soviel Püffe zu bekommen, wie an irgendeinem anderen Ort.
Warum eilt nur unsere Zeit, die durch nichts zu ersetzen ist, so schnell
dahin? Wer ruft sie zu sich? Was bilden doch die großen Fasten für einen
ruhigen, stillen Zeitabschnitt! Was kann man in diesen sieben Wochen
nicht alles vollbringen? Jetzt will ich mich endlich ernstlich an meine
Arbeit machen. Jetzt werde ich endlich vollenden, was mich der Lärm und
die allgemeine Unruhe nicht vollenden ließen. Aber ach, die erste Woche
geht schon zu Ende! Ich habe noch nicht angefangen und schon kommt die
zweite hinter ihr hergejagt, schon ist die erste Hälfte der dritten
vorüber, schon kommt die vierte heran, schon beginnt der große Jahrmarkt
im Gostinnij Dwor[16], und eine ganze Galerie von jungen Weidenruten mit
wächsernen Früchten und Blumen blüht unter den dunklen Hallen auf. Als
ich an dieser bunten Allee, in deren Dunkel eine Menge von roh
geschnitztem Kinderspielzeug aufgetürmt war, vorüberging, wurde mir
recht peinlich zumute. Ich ärgerte mich über die rotwangigen
Kinderfrauen, die sich hier in ganzen Trupps herumtrieben, über die
Kinder, die ganz glücklich vor diesem Haufen eines ihnen so viel
Vergnügen bereitenden Plunders stehenblieben, und über den schwarzen
untersetzten Griechen mit dem großen Schnurrbart, der sich moldauischer
Konditor titulierte und allerhand zweifelhafte und undefinierbare
Leckereien feilbot. Die auf den Tisch ausgebreiteten Stiefelbürsten,
bleiernen Äffchen, Gabeln und Messer, Honigkuchen und kleinen Spiegel
widerten mich an. Die bunte Menge aber drängt sich und schiebt sich
immerfort weiter, überall begegnet man demselben Ausdruck in den Zügen;
mit derselben Neugierde wie im vorigen Jahr, wie vor zwei und drei und
mehr Jahren, blickt man auf all die Dinge; ich aber und jeder einzelne
Mensch von diesem Volk sind schon nicht mehr dieselben, es sind andere
Gefühle, die es heute bewegen, nicht die, die es im vergangenen Jahr
bewegten, die Gedanken sind finsterer geworden, von den Lippen strahlt
uns kein so heiteres Seelenlächeln entgegen wie ehedem, und jeden Tag
verliert es etwas von seiner früheren Lebhaftigkeit!
[Fußnote 16: Eine große Markthalle in Petersburg.]
Auf der Newa gab es früh Eisgang. Ohne von den Winden beunruhigt zu
werden, taute das Eis noch beinahe vor dem eigentlichen Eisgang auf und
war so locker, daß es sich, während es von der Strömung fortgetragen
wurde, von selbst auflöste. Bei nahezu gleicher Zeit sandte auch der
Ladoga-See seine Eismassen hinunter. Die Hauptstadt war plötzlich wie
verwandelt. Die Spitze des Glockenturms der Peter-Pauls-Kirche, die
Festung, die Wilhelmsinsel, die Wiborger Seite und der englische Kai --
alles nahm ein malerisches Aussehen an. Rauchwolken ausstoßend, kam der
erste Dampfer herangeflogen! Von Wassilij Ostrow und nach ihm hin fuhren
die ersten, mit Beamten, Soldaten, alten Kinderfrauen und englischen
Kanzleibeamten besetzten Kähne über die Newa. Ich kann mich nicht
erinnern, daß wir in jüngster Zeit so ein stilles, heiteres Wetter
gehabt haben. Es war am Abend vor Ostersonntag, als ich den Boulevard
der Admiralität betrat und auf ihm bis zum Landungsplatz der Dampfer
schritt, von dem einem zwei Jaspis-Vasen entgegenleuchten; da lag mit
einem Male die Newa offen vor mir, auf der Wiborger Seite schimmerte das
helle Rot des Himmels durch einen blauen Nebel hindurch, die Häuser der
Petersburger Seite waren in ein beinahe violettes Licht getaucht, das
ihr unschönes Äußere verhüllte, die Kirchen, über deren gewölbte Flächen
der Nebel seine monotone Decke breitete, schienen wie auf einen
Hintergrund von hellrosa Stoff gemalt oder aufgeklebt, und in dieser
violetten und hellblauen Finsternis blitzte allein die Turmspitze der
Peter-Pauls-Kirche auf und spiegelte sich im unendlichen Wasserspiegel
der Newa -- da schien mir's, als sei ich gar nicht in Petersburg,
sondern als wäre ich in eine andere Stadt versetzt, in der ich schon
einmal gewesen war, wo ich alles kenne und wo es das gibt, was
Petersburg nicht hat ... Da war auch der bekannte Ruderknecht, den ich
schon mehr als ein halbes Jahr nicht gesehen hatte, er machte sich am
Ufer mit seinem Kahn zu schaffen, vertraute Reden klangen an mein Ohr;
und dann das Wasser und der Sommer, die es in Petersburg nicht gab.
Ich liebe den Frühling außerordentlich. Sogar hier in diesem rauhen
Norden ist er meine liebste Jahreszeit. Mir scheint, kein Mensch in der
ganzen Welt liebt ihn so wie ich. Mit ihm kehrt meine Jugend zu mir
zurück; im Frühling ist meine Vergangenheit mehr als eine bloße
Erinnerung -- sie liegt vor meinem Blick und treibt mir Tränen in die
Augen. Ich war durch die hellen, klaren Tage des Ostersonntags so
berauscht, daß ich den großen Jahrmarkt auf dem Admiralitätsplatz gar
nicht bemerkte. Nur ganz von ferne sah ich, wie eine Schaukel einen
jungen Burschen, Arm in Arm mit einer Dame in elegantem Hut, hoch in die
Luft trug, und an einer Ecke streifte mein Auge das große Schild einer
Schaubude, auf dem ein ungeheurer roter Teufel mit einer Axt in der Hand
abgebildet war. Sonst habe ich nichts mehr gesehen.
Es ist fast, als ob das Leben der Residenz mit dem Ostersonntag seinen
Abschluß findet, und es scheint, als mache sich hierauf alles, was wir
auf der Straße sehen, auf die Reise. Die Vorstellungen und die Bälle
nach Ostern sind nichts als die Reste von denen, die vor der Fastenzeit
stattfanden, oder besser gesagt -- sie sind die letzten Gäste, die
später aufbrechen als die anderen, am Kamin noch einige Worte wechseln,
und die Hand vor den Mund legen, um ihr Gähnen zu verbergen. Die Stadt
trocknet ganz aus, auch die Trottoirs sind trocken. Die Petersburger
Gentlemen spazieren im bloßen Rock, jeder mit einem andern Spazierstock
herum; statt der schweren Kutschen sieht man halbgedeckte Droschken und
Kabrioletts über das glatte Straßenpflaster rollen. Jetzt werden auch
viel weniger Bücher gelesen. Schon sieht man in den Schaufenstern statt
der wollenen Strümpfe Sommermützen und Reitpeitschen ausliegen. Mit
einem Wort, während des ganzen Monats April scheint ganz Petersburg im
Aufbruch begriffen. Es ist so angenehm, die sitzende, seßhafte
Lebensweise aufzugeben und von einem weiten Weg unter einen andern
Himmel nach den grünen Hainen des Südens, nach Ländern, in denen eine
neue Luft weht, zu träumen. Der hat es gut, dem am Ende einer
Petersburger Straße die in die Wolken ragenden Berge des Kaukasus, die
Seen der Schweiz, das mit Lorbeeren und Anemonen geschmückte Italien
oder das trotz seiner Öde noch herrliche Griechenland winkt .... Aber
halt ein, mein Gedanke: noch türmen sich zu meinen beiden Seiten die
Häuser Petersburgs empor ....
III
Italienische Sommernächte
Erste Nacht.
Sie waren so süß und so qualvoll, diese schlaflosen Nächte. Er saß krank
in seinem Lehnstuhl. Ich war bei ihm. Der Schlaf wagte es nicht, meine
Lider zu berühren. Stumm und gehorsam schien er das Heiligtum unseres
nächtlichen Wachseins zu achten. Es war mir so süß, neben ihm zu sitzen
und ihn anzuschaun. Schon seit zwei Nächten sagten wir uns _du_. Wie
viel näher war er mir seitdem gerückt. Er saß immer gleich sanft, still
und ergeben da. Gott! wie freudig, mit welcher Heiterkeit hätte ich
seine Krankheit auf mich genommen! Und wenn mein Tod ihm seine
Gesundheit hätte zurückgeben können, wie bereitwillig hätte ich mich ihm
in die Arme geworfen!
* * * * *
Heute nacht war ich nicht bei ihm. Ich hatte mich endlich entschlossen,
wieder einmal zu Hause zu schlafen. Oh! wie häßlich, wie trivial war
diese Nacht und mein verächtlicher Schlaf! Ich schlief schlecht,
obgleich ich alle Nächte in der vergangenen Woche schlaflos verbracht
hatte. Der Gedanke an ihn peinigte mich. Ich sah ihn vor mir, wie er
mich flehend und vorwurfsvoll anblickte. Ich sah ihn mit den Augen der
Seele. Wie ein Verbrecher eilte ich am nächsten Morgen in aller Frühe zu
ihm. Er erblickte mich von seinem Bett aus und lächelte mit jenem
Engelslächeln, das ihm jetzt eigen war. Er reichte mir die Hand und
drückte sie liebevoll. »Verräter!« sagte er. »Du bist mir untreu
geworden.« -- »Mein Engel,« rief ich aus, »verzeihe mir. Ich habe
gefühlt, wie du gelitten. Ich habe mich die ganze Nacht gequält. Meine
Ruhe war keine Ruhe. Verzeihe mir.« Er war so gütig. Mild drückte er
meine Hand. Wie war ich da für die Qualen meiner so sinnlos verbrachten
Nacht belohnt! -- »Mein Kopf ist mir so schwer,« sagte er. Ich fächelte
ihm mit einem Lorbeerzweig Kühlung zu. »Oh, wie kühl, wie schön das
ist!« sagte er. Seine Worte waren ... ach, wie waren diese Worte ...!
Was hätte ich damals nicht dafür gegeben -- auf welche irdischen Güter,
diese verächtlichen, gemeinen, häßlichen Güter hätte ich damals nicht
verzichtet ... nein ... oh, sprechen wir nicht davon! O du, in dessen
Hände diese formlosen, schwachen Zeilen, dieser matte Ausdruck meiner
Gefühle, kommen -- wenn sie überhaupt in deine Hände kommen -- du wirst
mich verstehn. Sonst wirst du sie nie zu sehen bekommen. Du wirst
verstehn, wie häßlich dieser ganze Haufen von Schätzen und Ehren, dieser
tönenden Lockungen der Holzpuppen ist, die man Menschen nennt. Oh! mit
welcher Freude, mit welcher Wut wollte ich alles zerstampfen und
zertreten, was das mächtige Zepter des Kaisers des Nordens zu
verschenken hat, wenn ich nur wüßte, daß ich damit ein Lächeln auf
seinem Antlitz erkaufen könnte, das mir eine kleine Erleichterung
ankündigt.
»Warum hast du mir einen so schlimmen Mai gebracht?« sagte er, als er
erwachte; er saß im Lehnstuhl, er hörte den Wind, der hinter den
Fensterscheiben brauste, die süßen Wohlgerüche wilder Jasminblüten und
weißer Akazien mit sich führte und sie mit den Rosenblättern durch die
Luft trug.
* * * * *
Um 10 Uhr ging ich zu ihm hinunter. Ich hatte ihn vor drei Stunden
verlassen, um selbst etwas auszuruhn und etwas zurechtzumachen, um ihm
eine kleine Abwechslung zu verschaffen, damit mein Erscheinen ihm später
mehr Freude bereite. Ich kam um 10 Uhr zu ihm hinunter. Er saß schon
über eine Stunde allein. Die Gäste, die bei ihm gewesen waren, hatten
ihn längst verlassen. Er saß allein. Die Qual der Einsamkeit war auf
seinem Gesicht zu lesen. Als er mich erblickte, winkte er leicht mit der
Hand. »O du mein Retter,« sagte er. Noch heute klingen mir diese Worte
im Ohre. »O du mein Engel, du hast dich gelangweilt?« »Oh! wie habe ich
mich gelangweilt!« antwortete er. Ich küßte ihn auf die Schulter. Er
reichte mir seine Wange. Wir küßten uns; er drückte noch immer meine
Hand.
Achte Nacht.
Er lag nicht gern im Bett und legte sich fast nie nieder. Er zog seinen
Lehnstuhl und die sitzende Stellung vor. Aber in dieser Nacht sagte ihm
der Arzt, er müsse sich ausruhn. Mißmutig stand er auf, stützte sich auf
meine Schulter und ging zu seinem Bett. Mein liebes Herz! Sein müder
Blick, sein bunter warmer Rock, sein langsamer Schritt, ich sehe das
alles noch, es steht mir vor Augen. Er lehnte sich an meine Schulter und
flüsterte mir ins Ohr, indem er einen Blick auf das Bett warf: »Jetzt
bin ich verlassen.« -- »Wir wollen nur eine halbe Stunde im Bett
bleiben,« sagte ich ihm, »dann setzen wir uns wieder in deinen Stuhl!«
Ich blickte auf dich, du liebe, zarte Blüte! Die ganze Zeit, während du
im Bett oder im Lehnstuhl schliefst oder nur schlummertest, folgte ich
jeder deiner Bewegungen, bei jedem Blick aus deinen Augen wie durch eine
unerklärliche Gewalt an dich gebannt.
Wie seltsam neu war mir damals mein Leben, und doch war mir's, als sei
das alles nur eine Wiederholung von etwas Fernem, längst Dagewesenem!
Aber mir scheint, es ist schwer, eine Vorstellung davon zu geben, mir
war's, als kehre ein flüchtiger, neuer Abschnitt meiner Jugend zu mir
zurück, einer Zeit, wo die junge Seele nach Freundschaft und
Verbrüderung mit ihren jungen Altersgenossen dürstet, nach einer
wahrhaft jugendlichen Freundschaft voller lieber, beinahe kindlicher
Kleinigkeiten und gegenseitiger Beweise einer zärtlichen Anhänglichkeit;
wo es so süß ist, einander Aug' in Auge zu schauen, wo man häufig sogar
zu dem überflüssigsten Opfer bereit ist. Alle diese süßen, jungen,
frischen Gefühle -- die, ach, nur die Bewohner einer unwiederbringlich
verlorenen Welt sind -- alle diese Gefühle kehrten zu mir zurück. Mein
Gott, warum nur? Ich blickte auf dich, meine liebe, junge Blüte! Wehte
mich darum dieser liebliche Duft der Jugend so plötzlich an, um mich
dann mit einemmal in eine noch größere, tödliche Erstarrung der Gefühle
zu stürzen, und um mich plötzlich um zehn Jahre älter zu machen, damit
ich noch verzweifelter, noch hoffnungsloser auf mein dahinschwindendes
Leben sehen sollte? So flammt ein ausgehendes Licht noch ein letztes Mal
in der Luft auf und erleuchtet noch einmal zitternd die düstren Mauern,
um dann für immer zu erlöschen.
Rom
Ein Fragment