Sieh dir den Blitz an, wenn er durch kohlschwarze Wolken bricht und
schier unerträglich aufleuchtet in einer wahren Flut von Licht: so sind
die Augen der Albanerin Anunziata. An ihr erinnert alles an jene alten
Zeiten, als der Marmor aufzuleben begann und der Meißel in der Hand des
Bildhauers blitzte. Ein schwerer Zopf dichter, pechschwarzer Haare
schlang sich in zwei Ringen hoch um das Haupt, um in vier langen Locken
auf den Hals herabzufallen. Wem sie den leuchtenden Schnee ihres
Antlitzes zuwenden mochte -- ihr Bild prägte sich jedem tief ins Herz
hinein. Wandte sie jemand ihr Profil zu -- so strömte ein wunderbarer
Adel von ihm aus, und der schöne Schwung der Linien übertraf alles, was
je eines Malers Pinsel geschaffen hat. Oder drehte sie einem den Rücken
und ließ sie ihm ihren Hinterkopf mit dem herrlichen, aufwärts gekämmten
Haar, den leuchtenden Hals und die überirdische, nie gesehene Schönheit
ihrer Schultern sehen -- so wirkte sie auch da wie ein Wunder. Aber am
herrlichsten war sie, wenn sie ihre Augen auf jemand richtete, ihn ansah
und kalte Schauer in sein Herz goß. Hell wie Erz tönte ihre volle
Stimme. Kein geschmeidiger Panther hätte es an Kraft, Stolz und
Schnelligkeit der Bewegungen mit ihr aufnehmen können. In jedem Teile
ihres herrlichen Körpers erschien sie wie die Krone der Schöpfung, von
den Schultern bis hinab zu dem lebenatmenden Fuß von antiker Bildung --
ja bis zur letzten Zehe dieses Fußes. Wohin sie gehen mochte -- stets
ließ sie ein Bild vor dem Auge erstehen: wenn sie abends mit der
getriebenen Bronzevase auf dem Haupte zum Brunnen eilte, so schien sich
die ganze Umwelt mit einer wunderbaren Harmonie zu erfüllen: die
herrlichen Linien des Albanergebirges verloren sich sanfter in der
Ferne, blauer als sonst erschien die Tiefe des römischen Himmels,
schlanker strebte die Zypresse zur Höhe, und der schönste unter den
Bäumen des Südens, die römische Pinie, hob sich mit ihrer schirmartigen,
wie in der Luft schwebenden Spitze zarter und reiner vom Himmel ab. Und
alles, der Brunnen, wo auf den Marmorstufen die Albanermädchen, eine
größer und schlanker als die andre, in Haufen beieinander standen und
mit ihren kräftigen, silbernen Stimmen durcheinanderschwatzten, während
in klingendem, diamantenem Strahl das Wasser emporsprang und
nacheinander die untergehaltenen kupfernen Krüge füllte, -- der Brunnen,
die Mädchengruppen, -- alles schien allein um ihretwillen da zu sein, um
ihre sieghafte Schönheit noch heller erstrahlen, um erkennen zu lassen,
daß sie über alles herrscht und gebietet, wie eine Königin über ihr
Hofgesinde. Oder, wenn an einem Feiertage die dunkle Baumgalerie, die
von Albano nach Castel Gandolfo führt, voll festlich gekleideter
Menschen ist, wenn unter ihrer dunklen Wölbung die Minenti stutzerhaft
in Sammetkleidern mit leuchtenden Gürteln und einer goldfarbenen Blume
an ihrem Kastorhut einherspazieren, wenn zahlreiche Esel mit
halbgeschlossenen Augen schlanke, kräftige Albanerinnen und
Frascatanerinnen in malerischer Haltung mit weithin schimmerndem, weißem
Kopfputz im Schritt oder im Galopp vorübertragen, oder mühsam,
fortwährend stolpernd und so gar nicht malerisch mit einem langen,
unbeweglichen, in einen erbsgrauen, undurchdringlichen Mantel gehüllten
Engländer vorüberziehen, der aus Furcht, seine Füße könnten die Erde
berühren, mit spitzwinklig emporgezogenen Beinen dasitzt, oder mit einem
Künstler in einer schlichten Bluse, einem an einem Riemen befestigten
Holzkasten und einem kecken Van-Dyk-Bärtchen vorbeitraben, während
Schatten und Sonnenlicht abwechselnd über die ganze Gruppe huschen --
selbst dann, d. h. selbst an solch einem Feiertage ist es einem weit
wohler zumute, wenn sie da ist, als wenn sie fehlt. Die Passage läßt sie
strahlend und ganz in Licht gehüllt aus ihrer finstern, dunklen Tiefe
heraustreten. Der Purpurstoff ihres albanischen Kleides flammt wie Gold,
das ein Sonnenstrahl berührt hat. Eine wundersame Feiertagsstimmung
leuchtet einem jeden von ihrem Anlitz entgegen, und wer ihr begegnet,
bleibt wie angewurzelt stehen: der stutzerhafte Minenti mit der Blume am
Hut stößt einen Schrei der Überraschung aus, das Gesicht des Engländers
im erbsgrauen Mantel verwandelt sich in ein Fragezeichen, und der
Künstler mit dem Van-Dyk-Bärtchen ...; doch dieser bleibt viel länger
auf einem Flecke stehen, als alle andern, wie wenn er sich dächte: ja,
das wäre ein herrliches Modell für eine Diana, eine stolze Juno, eine
verführerische Grazie wie überhaupt für jede Frau, die jemals auf einer
Leinwand dargestellt ward! Und er fügt wohl in Gedanken kühn hinzu: ja,
das wäre ein Paradies, wenn ein solches Wunder mein bescheidenes Atelier
für immer schmücken könnte.
Wer aber ist _er_, dessen Blick sich so viel leidenschaftlicher und wie
gebannt an ihre Spuren heftet! Wer ist er, der jedes ihrer Worte, jede
ihrer Bewegungen und Gedankenregungen so aufmerksam auf ihrem Gesichte
verfolgt. Ein fünfundzwanzigjähriger Jüngling, ein römischer Fürst, der
Nachkomme einer Familie, die einst die Ehre, den Stolz und die Schmach
des Mittelalters bildete und die nun in einem wunderbaren alten Schloß
auf ihr nahes Ende wartete. Dieses mit Fresken von Guercin und Caracci
gezierte Schloß beherbergte eine Bildergalerie voll nachgedunkelter
Gemälde, verblichener Stoffe, lazurblauer Tische und wurde von einem
_Maestro di casa_ verwaltet, der selbst grau wie ein Falke war.
Vor kurzem erst hatten ihn die römischen Straßen erblickt: diese
schwarzen Augen, die hinter dem über die Schulter geworfenen Mantel
Blitze hervorschleuderten, diese Nase von antiker Kontur, das Elfenbein
seiner Stirn und die auf sie herabfallende wehende Locke seidenen
Haares. Nach fünfzehnjähriger Abwesenheit war er wieder in Rom
aufgetaucht; nun ein stolzer Jüngling, er, der noch vor kurzem ein Kind
gewesen war.
Aber der Leser muß unbedingt erfahren, wie das alles geschah, und daher
wollen wir schnell die Geschichte dieses jungen, aber an starken
Eindrücken schon so reichen Lebens an uns vorüberziehen lassen. Seine
frühste Jugend hatte der Fürst in Rom verlebt; er erhielt eine
Erziehung, wie sie bei den hohen römischen Würdenträgern, deren Leben
sich seinem Ende entgegenneigt, üblich ist. Ein Abbé vertrat bei ihm die
Stelle des Lehrers, Aufsehers, Gouverneurs usw.; dieser war ein strenger
Klassiker, ein Verehrer der Briefe Pietro Bembos, der Werke des Giovanni
della Casa und einiger fünf oder sechs Gesänge Dantes, die er beim Lesen
stets mit lebhaften Ausrufen wie: »_Dio che cosa divina!_« begleitete,
um nach ein paar Zeilen gleich wieder hinzuzufügen: »_Diavolo che divina
cosa!_« Darin bestand das ganze künstlerische Werturteil und die ganze
Kritik der von ihm so bewunderten Werke -- im übrigen aber sprach er nur
über Broccoli und Artischocken, -- dies war sein Lieblingsthema, und er
wußte ganz genau, zu welcher Jahreszeit das Kalbfleisch am besten sei
und in welchem Monat man damit beginnen könne, junges Ziegenfleisch zu
essen; über all diese Gegenstände unterhielt er sich am liebsten auf der
Straße, wo er gewöhnlich einen andern Abbé zu treffen pflegte; er trug
schwarze seidene Strümpfe, in die er zuvor ein Paar wollene
hineinstopfte, wodurch er seine dicken Waden geschickt zur Geltung zu
bringen wußte, nahm regelmäßig einmal im Monat eine Portion _Olio di
ricino_ in einer Tasse Kaffee als Purgiermittel ein und wurde, wie alle
Abbés, mit jedem Tag und jeder Stunde wohlbeleibter. Es ist begreiflich,
daß sich der junge Fürst bei einer solchen Erziehung kein großes Wissen
aneignete. Er erfuhr nur, daß die lateinische Sprache die Mutter der
italienischen sei, daß es drei Arten von Monsignori gibt: solche in
schwarzen Strümpfen, solche in violetten Strümpfen und endlich solche,
die beinahe so viel bedeuten, wie ein Kardinal; er lernte einige Briefe
Pietro Bembos -- meist Glückwunschschreiben an die zu jener Zeit
lebenden Kardinäle -- kennen, machte nähere Bekanntschaft mit der
Corsostraße, wo er häufig mit dem Abbé spazierenging, sowie ferner mit
der Villa Borghese und mit zwei bis drei Läden, vor denen der Abbé
haltzumachen pflegte, um sich Papier, Federn und Schnupftabak zu kaufen,
und endlich noch mit der Apotheke, wo jener sein _Olio di ricino_ bezog.
Das war der ganze Horizont, der das Wissen des Zöglings umschloß. Von
den anderen Ländern und Staaten hatte der Abbé nur in ganz unklaren und
unsicheren Andeutungen gesprochen: er hatte erwähnt, daß es ein sehr
reiches Land, Frankreich, gäbe, daß die Engländer gute Kaufleute seien
und eine große Vorliebe für das Reisen hätten, daß die Deutschen -- sehr
viel tränken und daß im Norden ein barbarisches Land Moscovien liege, in
dem eine furchtbare Kälte herrsche, bei der ein menschliches Gehirn
leicht in die Brüche gehen könne. Wahrscheinlich hätte der Zögling bis
zu seinem fünfundzwanzigsten Jahre kaum noch etwas über diese Tatsachen
hinaus erfahren, wenn es dem alten Fürsten nicht plötzlich eingefallen
wäre, die alte Erziehungsmethode fallen und dem Sohne eine europäische
Bildung geben zu lassen, was wohl zum Teil dem Einfluß einer
französischen Dame zuzuschreiben war, auf die der Fürst seit einiger
Zeit überall -- im Theater wie auf Spaziergängen -- beständig seine
Lorgnette richtete, wobei er alle Augenblicke sein Kinn in sein
ungeheures weißes Jabot versenkte und sich eine schwarze Locke auf
seiner Perücke zurechtstrich. So wurde denn der junge Fürst nach Lucca
geschickt, um hier die Universität zu beziehen. Dort entfaltete sich
während eines sechsjährigen Aufenthaltes seine lebhafte italienische
Natur, die unter der langweiligen Aufsicht des Abbés nur geschlummert
hatte: Es zeigte sich, daß der Jüngling eine nach erlesenen Genüssen
dürstende Seele und eine starke Beobachtungsgabe besaß. Die italienische
Universität, wo die Wissenschaft unter der harten Hülle trockener,
scholastischer Formen dahinvegetierte, befriedigte die jüngere
Generation nicht mehr, an deren Ohr schon die Kunde von dem lebendigen
Geiste gedrungen war, die hie und da über die Alpen kam. Der Einfluß
Frankreichs machte sich bereits in Oberitalien bemerkbar: er wurde
zugleich mit allerhand neuen Moden, Vignetten, Vaudevilles und
gekünstelten Produkten der zügellosen, ungeheuerlichen und
leidenschaftlichen französischen Muse, die aber dennoch Spuren eines
starken Talentes erkennen läßt, hierher getragen. Die starke politische
Bewegung, die sich seit der Julirevolution in den Zeitschriften
bemerkbar machte, fand auch hier ihr Echo. Man träumte von der
Wiederherstellung der entschwundenen ruhmvollen italienischen
Vergangenheit und blickte voller Empörung auf die verhaßte weiße Uniform
der österreichischen Soldaten. Aber die zu ruhigen Genüssen reizende
italienische Natur machte sich nicht Luft in einem Aufstand, zu dem sich
der Franzose ohne lange Bedenken entschlossen hätte: all diese Gefühle
strömten nur in dem einen unbestimmten Wunsch zusammen, das wahre Europa
jenseits der Alpen kennen zu lernen. Die ewige Bewegung, die es
durchflutete, und sein heller Glanz erschienen in lockender Ferne. Dort
war alles neu, stand alles im Gegensatz zu dem ehrwürdigen Alter
Italiens, dort hatte das XIX. Jahrhundert und das wahre europäische
Leben begonnen. Ein heißes Sehnen riß die Seele des jungen Fürsten
dorthin; er träumte von hellem Licht und Abenteuern, und jedesmal
umwölkte ein drückendes Gefühl der Wehmut seinen Geist, wenn er der
Unmöglichkeit inne wurde, seinen Wunsch erfüllt zu sehen: er kannte den
unbeugsamen, despotischen Willen des alten Fürsten, und er fühlte sich
außerstande, es mit ihm aufzunehmen -- da erhielt er plötzlich einen
Brief von dem Fürsten, in dem dieser ihm befahl, nach Paris zu reisen,
seine Studien in der dortigen Universität zu beendigen und nur in Lucca
die Ankunft eines Onkels abzuwarten, um sich mit diesem zusammen auf die
Reise zu begeben. Der junge Fürst sprang vor Glück in die Höhe, küßte
seine sämtlichen Freunde ab, gab ihnen in einer Osterie, die in der
Umgegend der Stadt lag, ein Festmahl und war zwei Wochen später bereits
unterwegs mit einem Herzen, das jedem Gegenstand mit frohem Pochen
entgegenschlug. Als man den Simplon passiert hatte, leuchtete ein
freudiger Gedanke in seinem Kopfe auf; er befand sich auf der andern
Seite der Alpen: er war in Europa. Die wilde Unform der Schweizer Alpen,
die sich ohne weite Perspektiven und ohne jene weich in der Ferne
verlaufenden Tiefen in die Höhe türmten, erschreckte zunächst seinen an
die hohe Ruhe und an die heitere wollüstige Schönheit der italienischen
Natur gewöhnten Blick. Aber er erheiterte sich mit einem Schlage beim
Anblick der europäischen Städte, der prachtvollen hellen Gasthöfe und
des Komforts, der jeden Reisenden erwartete, so daß er sich's bequem
machen konnte, wie wenn er zu Hause wäre. Diese kokette Sauberkeit und
dieser Glanz -- das war ihm alles neu. In den deutschen Städten fühlte
er sich ein wenig überrascht durch den etwas seltsamen Körperbau der
Deutschen und den Mangel an Grazie, Harmonie und Schönheit, für die der
Italiener ein angeborenes Gefühl im Busen trägt; auch die deutsche
Sprache machte einen unangenehmen Eindruck auf sein musikalisches Ohr,
aber nun lag die französische Grenze vor ihm, und sein Herz erbebte. Die
leichten, hüpfenden Laute einer modernen europäischen Sprache trafen
zärtlich kosend sein Ohr, und mit Wonne suchte er ihr sanft gleitendes
Geräusch aufzufangen; schon in Italien waren ihm diese Laute als etwas
Hohes erschienen, befreit von allen krampfhaften Bewegungen, wie sie den
starken Sprachen aller Völker der gemäßigten Zone eigen sind, die sich
noch nicht gewöhnt haben, sich in maßvollen Grenzen zu halten. Einen
noch größeren Eindruck aber machten auf ihn die Frauen, diese seltsamen,
leicht dahinschwebenden Geschöpfe. Er war überrascht über diese
flüchtigen Wesen mit den kaum hervortretenden zarten Formen, den kleinen
Füßen, dem feinen ätherischen Gliederbau, dem Feuer der Augen, das
Hingabe und Sympathie ausströmte, und ihrem leichten, kaum über
Andeutungen hinausgehenden Geplauder. Voller Ungeduld erwartete er die
Ankunft in Paris, das er in seiner Einbildung mit Türmen und Palästen
ausschmückte; er machte sich ein eigenes Phantasiebild von dieser Stadt,
und mit pochendem Herzen gewahrte er endlich die ersten Anzeichen der
Nähe der Hauptstadt: Plakate an den Mauern, Buchstaben von ungeheurer
Größe, immer zahlreicher werdende Omnibusse und Diligencen, -- und nun
erschienen die ersten Häuser der Vorstadt. Doch jetzt war er in Paris
und fühlte sich dunkel von der ungeheueren Außenseite der Stadt
umfangen; Staunen erfaßte ihn, als er die Bewegung und all den Glanz in
den Straßen erblickte, dies wirre Durcheinander der Dächer, den Wald der
Schornsteine, die dichten stillosen Häusermassen mit den eng
beieinanderstehenden bunten Läden, die häßlichen nackten,
zusammenhangslosen Fassaden, diese zahllose bunte Menge goldener
Buchstaben, die alle Wände bedeckten, bis auf die Dächer und sogar auf
die Schornsteine emporkletterten, die hellen unteren Stockwerke, die aus
lauter Spiegelgläsern bestanden, und in die man bequem hineinsehen
konnte. Dies also war Paris, dieser ewig kochende Krater, dieser
Springbrunnen, der eine wahre Funkengarbe von Neuigkeiten, von
Aufklärung, Moden, erlesenem Geschmack und winzigen, aber mächtigen
Gesetzen ausspie, denen sich selbst die Tadler nicht zu entziehen
vermochten: diese große Ausstellung aller Erzeugnisse der Kunst,
höchster Meisterschaft und aller Talente, die sich in den
unbedeutendsten Winkeln Europas verbergen, die drängende Sehnsucht und
der schönste Traum eines Zwanzigjährigen, diese Wechselstube und dieser
Jahrmarkt Europas. Ganz betäubt und unfähig, sich zu sammeln, streifte
er durch die Straßen, die von allerlei Volk wimmelten und von
zahlreichen Rinnen, die die Räder vorüberrollender Omnibusse
hinterließen, durchfurcht waren, bald gefesselt durch den Anblick eines
Cafés und seiner wunderbaren, geradezu königlichen Ausstattung, bald
wieder überrascht durch die berühmten gedeckten Passagen, wo ihn das
dumpfe Geräusch von einigen tausend Fußgängern betäubte, meist jungen
Leuten, die sich wie eine kompakte Masse vorwärts bewegten, und völlig
geblendet von dem flimmernden Glanz der Kaufläden, die von oben her
durch ein auf das Glasdach der Galerie fallendes Licht erleuchtet
wurden. Zuweilen auch blieb er vor einem der vielen Plakate stehen, die
in Millionen Exemplaren und dicht nebeneinanderhängend, das Auge durch
ihre Buntheit beunruhigten: das waren laute Ankündigungen von etwa
vierundzwanzig Vorstellungen, die hier täglich stattfanden, und einer
schier unendlichen Anzahl aller möglichen Konzerte; und als nun endlich
dies ganze märchenhafte Durcheinander gegen Abend bei der zauberischen
Gasbeleuchtung aufflammte -- als alle Häuser plötzlich gleichsam
durchsichtig wurden und von unten herauf lebhaft zu leuchten begannen,
da geriet er vollends in Verwirrung: die Fenster und die Gläser der
Magazine schienen ganz verschwunden, ja überhaupt nicht mehr vorhanden
zu sein, und das ganze Innere schien unbewacht unmittelbar an der Straße
zu liegen, einen flimmernden Glanz um sich zu verbreiten und sich tief
innen in den Gläsern zu spiegeln. _Ma quest' è una cosa divina!_
wiederholte der lebhafte Italiener fortwährend.
Sein Leben floß schnell dahin, wie das Leben vieler Pariser und das der
zahlreichen jungen Ausländer, die nach Paris kommen. Bereits um neun Uhr
befand er sich, kaum, daß er aus dem Bett gesprungen war, in einem
prachtvollen Café mit modernen Fresken unter Glas und einer von Gold
strotzenden Decke. Auf den Tischen lagen ganze Stöße von Zeitungen und
Zeitschriften gewaltigen Formats, und ein Kellner von vornehmem Äußern
schritt mit einer wundervollen Kaffeekanne in der Hand an den Gästen
vorbei. Hier trank er mit der Genußsucht eines Sybariten aus einer
ungeheuren Tasse den fetten Kaffee, lehnte sich wohlig in das weiche
elastische Sofa zurück und dachte an die niedrigen, dunklen
italienischen Cafés mit ihren unsauberen Bottegas und ihren schmutzigen,
ungewaschenen Gläsern. Dann vertiefte er sich in die Lektüre der
ungeheuren Zeitungen und gedachte der schwindsüchtigen kleinen
Zeitschriften Italiens, des »Diario di Roma«, des »Il Pirato« und
ähnlicher, in denen nichts wie harmlose politische Nachrichten und
womöglich Anekdoten über die Thermopylen und den Perserkönig Darius zu
lesen waren. Hier dagegen spürte man überall die glühende Leidenschaft,
die dem Schriftsteller die Feder geführt hatte. Hier überstürzten sich
die Fragen förmlich, jede Erwiderung rief eine neue hervor -- hier
schien sich ein jeder nach Kräften durchzusetzen, sich recht breit zu
machen und großzutun: irgendeiner drohte mit einer baldigen politischen
Umwälzung und verkündigte einen Zusammenbruch des Staates, jede kaum
merkliche Bewegung in der Kammer und im Ministerium, jede ihrer Aktionen
wuchs sich zu einer gewaltigen, machtvollen Bewegung der hartnäckigen
Parteien aus und hallte als lautes, wütendes Geschrei aus den Journalen
wider. Ja, der Italiener verspürte etwas wie Furcht, wenn er dies las
und daran dachte, daß vielleicht schon morgen die Revolution ausbrechen
könnte; wie von einem Dunst umnebelt verließ er das Lesezimmer, und erst
die Straßen von Paris vermochten es, den ganzen Ballast in einem
Augenblick aus seinem Kopfe zu vertreiben. Dieser über alle Gegenstände
dahinhüpfende Glanz, diese bunte Bewegung erschienen ihm nach der
schweren Lektüre fast wie zarte Blumen, die sich an dem Rande eines
Abgrundes angesiedelt hatten. Mit einem Schlage befand er sich wieder
ganz auf der Straße und war bald gleich allen andern in jeder Hinsicht
ein müßiger Flaneur. Er sah sich die fröhlichen, graziösen
Verkäuferinnen an, die gleich kaum erblühten Knospen im ersten Lenz der
Jugend prangten, und die alle Pariser Kaufläden anfüllten, als wenn die
rauhe Gestalt des Mannes etwas Anstößiges an sich hätte und hinter den
großen Fensterscheiben wie ein schwarzer Fleck erschienen wäre. Er sah,
wie die bis zur Koketterie schmalen, mit den feinsten Seifen gewaschenen
Händchen ihm lockend entgegenglänzten, wie sie damit beschäftigt waren,
das Konfektpapier zu falten, während die Augen hell und unverwandt auf
die Vorübergehenden gerichtet waren; er sah, wie sich an einer andern
Stelle ein blondes, lieblich geneigtes Köpfchen, die langen Wimpern tief
in die Seiten eines Moderomans versenkt, am Fenster abzeichnete, und wie
die Schöne gar nicht bemerkte, daß bereits ein ganzer Haufen junger
Leute vor ihr stand, ihren schneeweißen Hals, ja, jedes Härchen auf dem
Kopfe betrachtete, und selbst das leise Wogen des Busens belauschte, das
die Lektüre begleitete. Er blieb auch vor einem Bücherladen stehen, wo
ihm seltsame Buchstaben gleich Hieroglyphen entgegenblickten, oder wo
sich dunkle Vignetten gleich schwarzen Spinnen von dem dicken glänzenden
Papier abhoben, Vignetten, die meist mit einem solchen Schwung und einer
solchen Leidenschaft hingeworfen waren, daß es oft ganz unmöglich war,
herauszubekommen, was sie eigentlich darstellten. Oder er sah sich eine
Maschine an, die für sich allein einen ganzen Laden ausfüllte und die
hinter der großen Spiegelscheibe in voller Tätigkeit war, indem sie eine
ungeheure Walze, die Schokolade zerrieb, hin und her wälzte. Er blickte
auch in die Läden hinein, vor denen die Pariser Krokodile, die Hände in
den Taschen und mit offenem Munde, stundenlang herumstehen: da sah man
wohl einen gewaltigen roten Hummer aus dem grünen Gemüse hervorgucken,
oder eine getrüffelte Pute mit der lakonischen Überschrift »300 Frank«
thronen, oder gelbe und rote Fische mit goldigen Flossen und Schwänzen
in Glasvasen herumschwimmen. Oder er schlenderte auf den breiten
Boulevards herum, die das ganze enge winklige Paris majestätisch
durchquerten; da sah man, wie sich mitten in der Stadt gewaltige Bäume
bis zur Höhe eines sechsstöckigen Hauses emporreckten, und wie sich
Scharen von Fremden und ein Haufen urwüchsiger Pariser Löwen und Tiger,
die in den Novellen und Erzählungen nicht immer richtig dargestellt
sind, auf dem Asphalttrottoir drängten. Und wenn er genug herumflaniert
und des Schauens satt war, dann begab er sich in ein Restaurant, wo die
mit Spiegelscheiben ausgeschlagenen Wände längst im Glanze des Gaslichts
erstrahlten und unzählige Gruppen von Damen und Herren widerspiegelten,
die hinter den kleinen im Saale verstreuten Tischen saßen und sich
geräuschvoll unterhielten. Nach dem Diner eilte er sogleich ins Theater,
wobei ihm nur die Wahl schwer wurde, für welches er sich entscheiden
sollte: denn jedes hatte seine eigene Berühmtheit, jedes seinen
hervorragenden Autor, jedes seine besonderen Schauspiele. Überall wurden
Novitäten aufgeführt. Dort gab es ein glänzendes Vaudeville,
lebensprühend, oberflächlich und jeden Tag neu, wie der Franzose selbst,
ein Stück, das vielleicht in drei müßigen Minuten entstanden war, und
beim Publikum, dank der unerschöpflichen Laune des Schauspielers, von
Anfang bis zu Ende unaufhörliche Lachstürme entfesselte. Dort wieder gab
man ein Drama voller Glut und Leidenschaft. -- Und unwillkürlich
verglich er die trockene, dürftige Schaubühne Italiens, wo der alte
Goldoni, den schon alle auswendig konnten, unaufhörlich wiederholt, oder
allerhand neue Komödien aufgeführt wurden, deren Harmlosigkeit und
Naivität selbst ein Kind hätten langweilen müssen -- unwillkürlich
verglich er jene mageren Erzeugnisse mit dieser lebendigen, hastigen
dramatischen Flut, wo das Eisen geschmiedet wurde, solange es noch heiß,
und wo jedermann besorgt war, seine Novität könne vorzeitig kalt werden.
Wenn er sich dann gründlich ausgelacht, aufgeregt und satt gesehen
hatte, kehrte er müde und ganz überwältigt von all den Eindrücken nach
Hause zurück und sank ins Bett, den einzigen Gegenstand, den der
Franzose bekanntlich in seiner Stube nicht entbehren kann. Wenn er ein
Arbeitszimmer, ein Mittagessen und des Abends einen beleuchteten Raum
braucht, dann sucht er ein öffentliches Gebäude auf. Aber der Fürst
unterließ es trotzdem nicht, mit diesem abwechslungsreichen Müßiggang
auch die geistige Betätigung zu verbinden, nach der seine Seele voller
Ungeduld dürstete. Er besuchte auch die Vorlesungen sämtlicher berühmter
Professoren. Das lebendige, oftmals Begeisterung ausströmende Wort, die
neuen Gesichtspunkte und die neuen Seiten, die der redegewandte
Professor den Dingen abzugewinnen wußte, hatten für den jungen Italiener
etwas Überraschendes. Er fühlte plötzlich, wie eine Hülle von seinen
Augen sank, wie die Gegenstände, die er früher kaum bemerkt hatte, nun
plötzlich in einem neuen, hellen Lichte erstrahlten, und wie der alte
Plunder von allerhand Kenntnissen, die er sich bisher angeeignet hatte
und die bei der übergroßen Zahl der jungen Leute gewöhnlich wieder
spurlos in Vergessenheit geraten, da es ihnen an Gelegenheit zur
Anwendung fehlt, plötzlich lebendig zu werden begann und nun, mit neuem
Auge angesehen, sich für immer in seinem Gedächtnis befestigte. Er
unterließ es auch nicht, sich alle berühmten Prediger, Publizisten und
Redner, die Diskussionen in der Kammer und überhaupt alles anzuhören,
was den Ruhm von Paris bildet und in Europa laut von sich reden macht.
Und trotzdem es ihm häufig an den Mitteln fehlte, da er vom alten
Fürsten nur einen geringen Wechsel erhielt, wie er wohl einem Studenten,
aber keinem Fürsten angemessen ist, fand er dennoch Gelegenheit, sich
alles anzusehen, sich Zutritt bei allen Zelebritäten zu verschaffen,
deren Ruhm die europäischen Blätter beständig ausposaunen, indem eins
das andre wiederholt, ja, er lernte sogar die Modeschriftsteller
persönlich kennen, deren seltsame Schöpfungen, wie die vieler andrer,
einen so starken Eindruck auf seine junge leidenschaftliche Seele
gemacht hatten, und in denen alle Welt eine bisher noch nie
angeschlagene Saite und bislang noch von niemand erfaßte Regungen der
Leidenschaften zu vernehmen glaubte. Mit einem Wort, das Leben des
jungen Italieners nahm eine große, vielgestaltige Wendung und ward von
dem mächtigen Glanze europäischen Lebens umstrahlt. Welche Unzahl von
Eindrücken an einem einzigen Tage: sorgloser Müßiggang und ein unruhiges
Erwachen, eine leichte Beschäftigung der Augen und eine angestrengte
Arbeit des Geistes, ein Vaudeville im Theater, eine Predigt in der
Kirche, der politische Wirbel in den Zeitschriften und in der Kammer,
das Händeklatschen in den Auditorien, der erschütternde Donner des
Konservatoriumsorchesters, der ätherische Glanz der tanzenden Bühne, der
laute Lärm auf den Straßen -- welch ein mächtig flutendes Leben für
einen fünfundzwanzigjährigen Jüngling! Es gibt keinen herrlicheren Punkt
als Paris, und für nichts in der Welt hätte er ein solches Leben
hingegeben. Wie angenehm und lustig ist's doch, mitten im Herzen Europas
zu leben, wo man immer höher emporsteigt, während man vorwärtsschreitet,
wo man fühlt, daß man ein Glied der großen universellen Gemeinschaft
ist. Ja mitunter kam ihm sogar der Gedanke, Italien gänzlich Valet zu
sagen und sich für immer in Paris niederzulassen. Italien erschien ihm
jetzt wie ein finsterer, mit Schimmel bedeckter Winkel Europas, wo alles
Leben und jede Bewegung erstorben war.
So entflohen vier heiße Jahre seines Lebens -- vier Jahre von ungeheurer
Bedeutung für einen Jüngling -- doch am Schluß dieses Abschnittes
erschien ihm gar manches schon nicht in demselben Lichte wie ehemals.
Von vielem fühlte er sich enttäuscht. Dasselbe Paris, das unaufhörlich
neue Fremde anzog, diese nie erlöschende Leidenschaft der Pariser machte
auf ihn längst nicht mehr den Eindruck wie früher. Er sah, wie diese
große Vielseitigkeit und Bewegtheit des Lebens verging, ohne Folgen
blieb und in der Seele keinen fruchtbaren Niederschlag hinterließ. In
dem Wirbel dieser ewigen siedenden Bewegung und Tätigkeit entdeckte er
nun eine furchtbare Untätigkeit und ein schreckliches Vorherrschen des
Wortes über die Tat. Er sah, wie jeder Franzose scheinbar nur mit dem
erhitzten Kopfe arbeitete, wie diese Lektüre der mächtigen
Zeitungsblätter den ganzen Tag in Anspruch nahm und keine Stunde für das
praktische Leben übrigließ, wie jeder Franzose in diesem seltsamen
Strudel einer von Druckerschwärze beherrschten papierenen Politik
erzogen wurde und ohne jede Kenntnis des Standes, dem er angehörte, ohne
alle die ihm zukommenden Rechte und Lebensverhältnisse auch in der
Praxis kennen gelernt zu haben, sich schon der einen oder andern Partei
anschloß, sich all ihre Interessen feurig und leidenschaftlich zu Herzen
nahm, und seinen Gegnern heftig entgegentrat, ohne seine Interessen,
noch seine Gegner von Angesicht zu kennen -- und das Wort _Politik_ fing
schließlich an, unserem Italiener lebhaften Ekel zu erregen.
In den Bewegungen des Geistes, des Handels ... überall und in allem
glaubte er nur gewaltsame Anstrengungen und ein ewiges Streben nach
neuen Sensationen zu entdecken. Der eine suchte aus allen Kräften dem
andern, wenn auch nur für einen Moment, den Rang abzulaufen. Der
Kaufmann verwandte sein ganzes Kapital auf die Ausstattung seines
Ladens, um die Menge durch seinen Glanz und seine Pracht anzulocken. Der
Buchhandel nahm seine Zuflucht zu allerhand Bildern und Illustrationen,
mit denen die Bücher ausgestattet wurden, sowie zu einem luxuriösen
Buchschmuck, um hierdurch die erkaltende Aufmerksamkeit wieder auf sich
zu lenken: In ihren Romanen und Novellen suchten die Schriftsteller den
Leser durch die Seltsamkeit unerhörter Leidenschaften und durch
Darstellung häßlicher Ausgeburten der menschlichen Natur zu fesseln.
Alles schien sich einem frech und ohne Aufforderung von selbst
anzubieten und aufzudrängen, wie eine Dirne, die die Männer nachts auf
der Straße einzufangen sucht; alles streckte in wildem Wetteifer seine
Hand möglichst weit aus, wie ein drängender Haufe zudringlicher Bettler.
Selbst in der Wissenschaft und in den so durchgeistigten Vorlesungen,
deren Wert er unbedingt anerkennen mußte, glaubte er die Absicht
herauszufühlen, Vorzüge ans Licht zu stellen, mit ihnen zu prahlen und
sich selbst in Szene zu setzen: überall gab es glänzende Episoden, aber
dem Ganzen fehlte doch der mächtige, feierliche, erhabene Fluß. Überall
das Bestreben, bisher unbeachtete Tatsachen aufzuspüren und ihnen eine
ungeheure Bedeutung beizulegen, oft zum Nachteil der Einstimmigkeit und
Harmonie des Ganzen, nur um sich den Ruhm einer Entdeckung zu sichern;
und schließlich dieses fast durchgängige, dreiste Selbstbewußtsein,
dieser völlige Mangel einer Erkenntnis unserer Unwissenheit -- und
unserem Italiener fiel ein Vers ein, in dem der italienische Dichter
Alfieri in einer boshaften Laune den Franzosen den Vorwurf macht:
_Tutto fanno, nulla sanno,_
_Tutto sanno, nulla fanno._
_Gira volta son Francesi,_
_Piu gli pesi, men ti danno._
Eine trübselige Stimmung bemächtigte sich des jungen Fürsten. Vergebens
versuchte er es, sich zu zerstreuen und Menschen aufzusuchen, die er
achtete, aber seine italienische Natur wollte nicht mit der
französischen zusammenstimmen. Er schloß zwar schnell Freundschaften,
aber ein Tag genügte, um den Franzosen bis zur letzten Faser seines
Wesens kennen zu lernen; am nächsten Tage gab es schon nichts mehr an
ihm zu erforschen. Weiter als bis zu einer gewissen Tiefe konnte man
keine Frage in seine Seele versenken, und die scharfe Klinge des
Gedankens wollte nicht weiter eindringen, und doch hatte der Italiener
ein viel zu tiefes Gefühl, um eine ihm völlig befriedigende Antwort bei
einem leichtsinnig veranlagten Menschen finden zu können. So stieß er
auf eine seltsame Leere, selbst in den Herzen derer, denen er seine
Achtung nicht versagen konnte. Und er erkannte zuletzt, daß die ganze
Nation, bei all ihren glänzenden Eigenschaften, ihrem edlen Streben,
ihren ritterlichen Aufwallungen, dennoch blaß und unvollkommen blieb:
ein leichtes Vaudeville, daß sie selbst geschaffen hatte. Über ihr ruhte
keine erhabene Idee von hoher Würde. Überall gab es nur Andeutungen von
Gedanken, aber die _eigentlichen_ Gedanken fehlten: überall gab es nur
halbe und keine ganzen Leidenschaften, alles blieb unvollendet, flüchtig
hingeworfen, mit rascher Hand skizziert; die ganze Nation war eine
glänzende Vignette, und nicht das Bild eines großen Meisters.
War es nur eine melancholische Stimmung, die ihn plötzlich überfallen
hatte und ihn nun alles in einem solchen Lichte sehen ließ, oder lag der
Grund dazu in dem wahrhaften, frischen, inneren Gefühl der Italiener --
genug, dies Paris mit all seinem Lärm und Glanz wurde ihm bald eine
drückende Wüste, und unwillkürlich flüchtete er sich bis an die ödesten
und entlegensten Enden der Stadt. Nur die italienische Oper besuchte er
noch; nur da allein schien seine Seele auszuruhen, und die Klänge der
heimatlichen Sprache wuchsen jetzt für ihn bis zu ihrer ganzen Macht und
Fülle empor. Immer häufiger sah er jetzt sein ihm fast gänzlich aus dem
Gedächtnis entschwundenes Italien vor sich: dort irgendwo in weiter
Ferne und in einem eigentümlichen, verlockenden Lichte; sein mahnender
Ruf wurde mit jedem Tage deutlicher vernehmbar, und so entschloß er sich
denn am Ende, an seinen Vater zu schreiben, er möge ihm erlauben, nach
Rom zurückzukehren, da er kein Bedürfnis empfände, länger in Paris zu
bleiben. Zwei Monate lang blieb jede Antwort, ja sogar der gewohnte
Wechsel aus, den er schon längst zu erwarten hatte. Anfänglich wartete
er geduldig, da er den launischen Charakter seines Vaters kannte,
endlich aber bemächtigte sich seiner eine gewisse Unruhe. Er ging jede
Woche mehrmals zu seinem Bankier und erhielt doch immer nur die gleiche
Antwort, daß keinerlei Nachrichten aus Rom eingetroffen seien. Schon war
seine Seele der Verzweiflung nahe. Die Mittel zur Bestreitung seines
Lebensunterhalts waren schon seit langer Zeit erschöpft, schon hatte er
mehrfach beim Bankier eine Anleihe machen müssen, doch auch dies Geld
war bereits ausgegeben, und schon lange Zeit aß, frühstückte und lebte
er auf Kredit; man begann ihn bereits schief und unfreundlich anzusehen,
-- aber nicht einmal seine Freunde wollten das geringste von sich hören
lassen. Ein Gefühl tiefer Vereinsamung überfiel ihn. Voller Erwartung
und Unruhe irrte er durch diese ihm tödliche Langeweile einflößende
Stadt. Jetzt im Sommer erschien sie ihm noch weit unerträglicher; die
große Menge der Reisenden hatte sich in die Bäder begeben, oder befand
sich in den großen europäischen Gasthöfen und unterwegs. Eine gewisse
Öde und Leere warf ihre Schatten auf alles. Die Gebäude und Straßen von
Paris waren unerträglich; die Gärten verschmachteten elend inmitten der
Häuser, auf die die Sonne heiß herniederbrannte. Halbtot blieb er an der
Seine auf einer schweren, lastenden Brücke oder am schwülen Ufer stehen,
und versuchte es, sich selbst zu vergessen, oder sich durch irgendeinen
Anblick zu zerstreuen; eine unendliche Langeweile verzehrte ihn, und ein
unbekannter Wurm nagte an seinem Herzen. Endlich erbarmte sich das
Schicksal seiner -- und eines Tages überreichte ihm sein Bankier einen
Brief. Er stammte von seinem Onkel, der ihm mitteilte, daß der alte
Fürst nicht mehr am Leben sei, und daß er nun kommen könne, um über die
Erbschaft zu verfügen; dies erfordere seine persönliche Anwesenheit,
weil die Vermögensverhältnisse sich in großer Unordnung befänden. Der
Brief enthielt auch noch eine magere Banknote, die gerade dazu reichte,
die Reise und den vierten Teil seiner Schulden zu bezahlen. Der junge
Fürst wollte keinen Augenblick länger zögern, er wußte den Bankier, wenn
auch nicht ohne Mühe, dazu zu bewegen, auf die Bezahlung der Schuld zu
warten, und besorgte sich einen Platz im Postwagen. Eine schwere Last
schien von seiner Seele genommen zu sein, als Paris in der Ferne vor ihm
versank und die frische Luft der Felder ihn anwehte. Zwei Tage darauf
war er schon in Marseille; er wollte jedoch nicht eine einzige Stunde
ruhen und bestieg noch am selben Abend das Dampfschiff. Er fühlte sich
durch das Mittelmeer heimatlich berührt; umspülte es doch die Küsten
seines Vaterlandes, und schon beim Anblick seiner unendlichen Wogen
fühlte er sich erfrischt. Es ist schwer, die Empfindung zu schildern,
die ihn beschlich, als er die erste italienische Stadt -- das
prachtvolle Genua erblickte. Doppelt so schön erschienen ihm nun die
mächtig emporstrebenden bunten Glockentürme, die gestreiften Kirchen aus
weißem und schwarzem Marmor und das ganze Amphitheater mit den vielen
Türmen, das ihn beim Einlaufen des Dampfers plötzlich von allen Seiten
umgab. Nie zuvor hatte er Genua gesehen. Diese funkelnde Buntheit der
Häuser, Kirchen und Paläste inmitten dieser feinen ätherischen Luft, die
in einer fast unbegreiflichen Bläue erstrahlte, -- war ganz
unvergleichlich. Er stieg ans Ufer und befand sich sogleich in diesen
dunklen, wunderbaren, engen, mit Fliesen ausgelegten Straßen, über denen
oben nur ein ganz schmaler Spalt blauen Himmels sichtbar war. Dieses
dichte Nebeneinander der hohen gewaltigen Häuser, dieser Mangel jeden
Wagengerassels, diese kleinen dreieckigen Plätze und dazwischen die
gewundenen Linien der Straßen, die wie kleine Korridore aussehen und
unzählige Läden Genuesischer Gold- und Silberschmiede beherbergen, --
das alles hatte für ihn etwas Überraschendes. Die malerischen
Spitzenmäntel der Frauen, die kaum merklich von dem warmen Siroccowind
hin und her bewegt wurden, ihr fester Tritt, der helle Klang der Stimmen
auf den Straßen, die offenstehenden Tore der Kirchen, der Weihrauchduft,
den sie ausströmten -- dies alles wehte ihn an wie ein Hauch aus fernen,
längst vergangenen Zeiten. Es fiel ihm ein, daß er schon seit vielen
Jahren nicht mehr in der Kirche gewesen war, in der Kirche, die in jenen
aufgeklärten Gegenden Europas, wo er geweilt hatte, ihre hohe, reine
Bedeutung eingebüßt hatte. Vorsichtig trat er ein und sank stumm neben
dem prachtvollen, marmornen Säulengang auf die Knie; er betete lange,
ohne selbst zu wissen, um was er bat -- er dankte Gott dafür, daß
Italien ihn wieder in seinen Schoß aufgenommen, daß ihn wieder ein
Bedürfnis nach dem Gebet überkommen hatte, daß seine Seele so feierlich
gestimmt war ..., und das war sicherlich das schönste Gebet. Mit einem
Wort, er ließ Genua wie eine wundervolle Station hinter sich zurück:
hier hatte er den ersten Kuß Italiens empfangen. Und mit demselben
heiteren Gefühl sah er Livorno, das öde Pisa und das von ihm bisher so
wenig gekannte Florenz an sich vorüberziehen. Majestätisch grüßten ihn
die schwere facettierte Kuppel des florentinischen Doms, die dunklen
Paläste einer königlichen Architektur und die strenge Größe der kleinen
Stadt. Dann ging's weiter über den Apennin, auch hier begleitete ihn
dieselbe heitere Seelenstimmung, und als dann endlich nach einer
sechstägigen Reise in klarer Ferne auf blauem Himmelsgrunde eine sich
herrlich rundende Kuppel aufleuchtete -- oh! wie viel Gefühle drängten
sich da plötzlich in seiner Brust! Nie hatte er ähnliche gekannt, und er
hätte sie auch nicht aussprechen können. Aufmerksam betrachtete er jeden
Hügel und jede Erhebung. Und nun waren endlich auch der Ponte Molle und
das Stadttor da, jetzt nahm ihn der schönste aller Plätze auf, die
Piazza del Popolo; der Monte Pincio mit seinen Terrassen, Treppen,
Statuen und den sich oben ergehenden Menschen tauchte auf! Gott! wie
fing da sein Herz an zu pochen! Der Vetturino jagte über die Corsostraße
dahin, auf der der Fürst einst so unschuldig und treuherzig mit dem Abbé
spazierengegangen war, als er noch nichts andres wußte, als daß die
lateinische Sprache die Mutter der italienischen sei. Und nun zogen auch
wieder alle Häuser an ihm vorbei, an denen er jede Einzelheit auswendig
kannte: der Palazzo Ruspoli mit seinem ungeheueren Café, die Piazza
Colonna, der Palazzo Sciarra, der Palazzo Doria, und endlich bogen die
Reisenden in die engen Gassen ein, auf die die Ausländer so schimpfen;
hier lärmte es nicht und wimmelte es nicht von Menschen, und nur selten
begegnete man dem Laden eines Barbiers mit ein paar gemalten Lilien über
der Tür, oder dem eines Hutmachers, der einen breitkrempigen
Kardinalshut vor dem Eingang aufgehängt hatte, oder endlich einem Laden
mit geflochtenen Stühlen, die gleich hier am Ort und mitten auf der
Straße hergestellt wurden. Endlich machte der Wagen vor einem
großartigen Palais im Stil Bramantes halt. In dem kahlen, noch nicht
aufgeräumten Flur ließ sich niemand sehen. Auf der Treppe wurde der
Ankömmling von dem alten gebrechlichen _Maestro di casa_ begrüßt, weil
der Portier wie gewöhnlich mit seinem Stab ins Café gegangen war, wo er
die größte Zeit zu verbringen pflegte. Der Alte öffnete eilig die Läden,
und allmählich wurde es hell in den gewaltigen, altertümlichen Sälen.
Ein trauriges Gefühl bemächtigte sich des Fürsten -- ein Gefühl, das ein
jeder versteht, der nach einer Abwesenheit von mehreren Jahren nach
Hause zurückkehrt, wo einem alles so viel älter und verödeter vorkommt,
und wo jeder Gegenstand, den wir seit unserer Kindheit kennen, eine so
trübselige Sprache redet. Und je heiterer die Erinnerungen sind, die
sich an ihn knüpfen, um so drückender ist das Gefühl der Wehmut, das bei
seinem Anblick unser Herz ergreift. Der Fürst durchschritt die lange
Flucht der Säle, betrat flüchtig das Arbeitszimmer und das Schlafzimmer,
wo vor noch gar nicht langer Zeit der alte Besitzer des Schlosses auf
einem Bett einzuschlafen pflegte, über dem sich ein Baldachin mit
Quasten und einem Wappen erhob, und aus dem er gewöhnlich in Pantoffeln
und im Schlafrock ins Arbeitszimmer trat, um ein Glas Eselsmilch zu
trinken, da er gern dick werden wollte. Dann besichtigte er das
Ankleidezimmer, wo der Alte sich einst mit der peinlichsten Sorgfalt
einer alten Kokette geputzt hatte; pflegte er sich doch von hier aus in
seinem Wagen, begleitet von seinen Lakaien zum Corso nach der Villa
Borghese zu begeben, wo er seine Lorgnette unaufhörlich auf eine
Engländerin richtete, die gleichfalls hier ihre Spazierfahrt machte. Auf
den Tischen und in den Schubladen konnte man noch die Reste von
Schminke, Puder und aller möglichen Farben finden, mit deren Hilfe sich
der Greis zu verjüngen suchte. Der _Maestro di casa_ erzählte, er habe
noch zwei Wochen vor seinem Tode den festen Entschluß gefaßt, zu
heiraten, und hätte sogar ausdrücklich zu diesem Zwecke eine
Konsultation mit ausländischen Doktoren abgehalten, um mit diesen zu
beraten, wie man wohl _con onore i doveri di marito_ erfüllen könne,
aber eines schönen Tages sei er nach einem Besuche bei einigen
Kardinälen und einem Prior ganz müde nach Hause zurückgekehrt, habe sich
in seinen Lehnsessel gesetzt und sei den Tod der Gerechten gestorben,
obwohl sein Tod noch seliger gewesen wäre, wenn es ihm nach den Worten
des _Maestro di casa_ ein paar Minuten früher eingefallen wäre, nach
seinem Beichtvater _il padre_ Benvenuto zu schicken. Der junge Fürst
hörte sich das alles zerstreut an, ohne mit seinen Gedanken bei der
Sache zu sein. Nachdem er sich von der Reise und den seltsamen
Eindrücken erholt hatte, machte er sich daran, seine Angelegenheiten zu
ordnen. Er war erschrocken über die Verwirrung, die hier herrschte.
Alles, vom Kleinsten bis zum Größten, befand sich in einem geradezu
unmöglichen Durcheinander. Vier nie enden wollende Prozesse wegen ein
paar verfallener Schlösser und Güter in Ferrara und Neapel, alle
Einnahmen schon auf drei Jahre im voraus völlig erschöpft; Schulden und
tiefste Armut inmitten von höchstem Prunk und Luxus -- das war das Bild,
das sich den Augen des Fürsten darbot. Der alte Fürst war eine
unbegreifliche Mischung von Geiz und Verschwendung gewesen. Er hielt
sich ein großes Personal von Bedienten, die er nicht bezahlte, die
nichts außer ihrer Livree erhielten und sich mit den Trinkgeldern der
Ausländer begnügen mußten, die beim Fürsten erschienen, um sich die
Galerie anzusehen. Der Fürst hatte Jäger, Offizianten, _Lakaien_, die
hinter seinem Wagen herfuhren, und _Lakaien_, die nirgends hinfuhren und
nur tagelang in einem nahegelegenen Café oder in einer benachbarten
Osteria saßen und schwatzten. Der junge Fürst entließ sofort das ganze
Gesindel, all diese Lakaien und Jäger, und behielt nur den alten
_Maestro di casa_; er hob fast den ganzen Marstall auf, verkaufte alle
Pferde, die nie gebraucht worden waren, berief die Rechtsanwälte zu
sich, um weitere Beschlüsse über die Prozesse zu fassen, und wußte es so
einzurichten, daß von den vier Prozessen nur noch zwei übrigblieben; auf
die übrigen Prozesse verzichtete er, da sie ja doch gänzlich
aussichtslos waren. Er nahm sich vor, sich von nun ab in allem
einzuschränken und in seinem Leben die strengste Ökonomie walten zu
lassen. Das wurde ihm nicht sehr schwer, da er sich schon früh gewöhnt
hatte, sich einzuschränken. Es wurde ihm auch nicht schwer, dem Verkehr
mit seinen Standesgenossen zu entsagen; -- übrigens bestand diese ganze
Gesellschaft nur aus zwei oder drei aussterbenden Familien, deren
Erziehung ganz auf ein paar dürftigen Brocken französischer
Bildungselemente beruhte, ferner aus einem reichen Bankier, um den sich
ein Kreis von Ausländern scharte, und in ein paar unnahbaren,
zugeknöpften, unfreundlichen Kardinälen, die ihr Leben in größter
Zurückgezogenheit beim Tresettspiel (einer Art Schafskopf) mit ihrem
Kammerdiener oder Barbier verbrachten. Mit einem Wort, er sonderte sich
gänzlich von allen Menschen ab, widmete sich ganz dem Studium Roms und
erinnerte in dieser Beziehung sogar an die Ausländer, die zunächst durch
die unbedeutende schmucklose Außenseite der Stadt mit ihren dunklen
fleckigen Häusern überrascht sind und sich, von Gasse zu Gasse irrend,
erstaunt fragen: wo ist denn das gewaltige, alte Rom? um es erst später
wahrhaft kennen zu lernen, wenn das antike Rom allmählich aus den engen
Gassen hervorzutreten beginnt: hier in Form einer dunklen Arke, dort in
Form marmorner, in die Mauer eingelassener Karniese, einer verwitterten
Porphyrsäule, eines Giebels inmitten eines übelriechenden Fischmarkts;
oder als ein vollständiger Porticus vor einer neueren Kirche, oder
endlich ganz abseits und dort in der Ferne, wo die bewohnte Stadt ein
Ende nimmt; hier wächst es plötzlich aus tausendjährigem Efeulaub und
Aloen mitten aus der offenen Ebene in seiner ganzen Größe hervor: als
ungeheures Kolosseum, als Triumphpforte, als Ruinen der unübersehbaren
Cäsarenpaläste, der kaiserlichen Bäder, der Tempel und Gräberhallen, die
auf dem offenen Felde verstreut liegen; jetzt bemerkt der Fremde schon
nichts mehr von den neuen engen Straßen und Gassen, ganz umfangen von
der antiken Welt; in seiner Erinnerung erstehen die gewaltigen Gestalten
der Cäsaren, und sein Ohr glaubt den Schrei und das Beifallsgeklatsch
des römischen Volks zu vernehmen.
Aber es ging ihm doch auch wieder nicht so, wie dem Ausländer, der
allein für seinen Titus Livius und Tacitus schwärmt, an allem
vorübersieht und für nichts Sinn hat, außer für die Antike, und der in
einer edeln und pedantischen Aufwallung gern die ganze neue Stadt
niederreißen würde -- nein, er fand alles gleich schön, die antike Welt,
die sich unter dem dunklen Architrav regte, das gewaltige Mittelalter,
das überall die Spuren gigantischer Künstler und einer wunderbaren
Freigebigkeit der Päpste hinterlassen hatte, und endlich die an dieses
sich anschließende neue Zeit mit ihren zahlreich sich drängenden neuen
Völkern. Ihm gefiel diese wunderbare Verschmelzung zu einem Ganzen,
dieser Charakter einer dicht bevölkerten Hauptstadt und dieser Charakter
einer einsamen Wüste, die sich hier miteinander mischten, diese Paläste
und Säulen, dieses Gras und das wilde Gebüsch, das sich an den Mauern
dahinzog, der lärmende Markt inmitten dunkler, einsamer, unten
verdeckter Massen, das helle Geschrei des Fischhändlers in der
Säulenhalle, der Limonadenverkäufer vor dem Pantheon mit seiner
fliegenden und mit grünem Laub geschmückten Bude; ihm gefiel selbst die
Unscheinbarkeit dieser dunklen, unordentlichen Straßen, der Mangel aller
hellen, gelben Farbe an den Häusern, dieses Idyll inmitten der Stadt,
die Ziegenherde, die auf dem Straßenpflaster ausruhte, das Schreien der
Kinder und diese reine feierliche Stille, die unsichtbar auf allen
Dingen zu liegen schien, und die auch den Menschen umfing. Ihm gefielen
diese unaufhörlichen Überraschungen, diese Plötzlichkeiten, die einem in
Rom so auffallen. Wie ein Jäger, der am frühen Morgen auf die Jagd geht,
oder wie ein alter Ritter, der auf Abenteuer auszieht, so machte er sich
jeden Tag auf, um neue und immer neue Wunder aufzusuchen; er blieb
unwillkürlich stehen, wenn sich plötzlich inmitten einer ärmlichen Gasse
ein Palast vor ihm auftürmte, der eine finstere und strenge Größe
atmete. Seine schweren unerschütterlichen Mauern waren aus dunklem
Travertin errichtet, seine Spitze krönte eine prachtvolle, wunderbar
ausgeschmückte, kolossale Karniese, die mächtige Tür war mit marmornen
Tragbalken ausgelegt, und die Fenster mit ihrem herrlichen
architektonischen Schmuck boten einen majestätischen Anblick dar. Oder
es blickte ihm plötzlich auf einem kleinen Platz ein malerischer Brunnen
entgegen, der sich selbst und seine vom Moos verunstalteten granitenen
Stufen mit feuchtem Naß besprengte, oder eine finstere, schmutzige
Straße endete plötzlich mit einer glänzenden architektonischen
Dekoration eines Bernini, mit einem gen Himmel strebenden Obelisk, mit
einer Kirche oder einer Klostermauer mit ihren kohlschwarzen Karniesen,
die auf dem dunkelblauen Himmel im Glanze der Sonne aufflammten; je
weiter sich die Straßen in die Tiefe verloren, um so häufiger wurden die
Paläste und die architektonischen Schöpfungen eines Bramante, Borromini,
Sangallo, della Porta, Vignola, Buonarotti, und es wurde ihm endlich
klar, wie man nur hier in Italien das Gefühl hat, daß es eine
Architektur gibt, und etwas von ihrer strengen künstlerischen Größe
ahnt. Aber noch größer war der geistige Genuß, wenn er in das Innere der
Kirchen und Paläste trat, wo sich Arken, flache Pfeiler und runde Säulen
aus allen möglichen Marmorarten, unterbrochen von blauen
Basaltkarniesen, von Porphyr, Gold und antiken Steinen, miteinander zu
einer wundervollen Harmonie verbanden, sich einstimmig einem tief
durchdachten Plane fügend, und wo sich hoch über dies alles die
unsterbliche Schöpfung des Pinsels erhob. Sie waren von einer hohen
Schönheit, diese tief durchdachten Ausschmückungen der Säle, voll von
einer königlichen Größe und architektonischen Pracht, die sich in diesem
fruchtbaren Zeitalter überall ehrfürchtig vor der Malerei zu beugen
wußte, als der Künstler noch Architekt, Maler und sogar Bildhauer in
einer Person war. Diese mächtigen Schöpfungen des Pinsels, wie sie heute
schon nicht mehr vorkommen, erhoben sich finster vor ihm auf den dunklen
Mauern, sie, die noch immer aller Nachahmung unerreichbaren,
unbegreiflichen Vorbilder. Und wenn er nun in das Innere eines solchen
Gebäudes eintrat und sich immer tiefer in dem Anblick versenkte, dann
glaubte er zu fühlen, wie sich sein Geschmack, dessen Keim seine Seele
schon immer barg, beinahe merklich entwickelte. Wie kleinlich und
armselig erschien ihm gegenüber dieser majestätischen, wunderbaren
Pracht aller Prunk des XIX. Jahrhunderts, der höchstens brauchbar war,
Läden auszuschmücken, und der nichts als Möbeltischler, Tapezierer,
Zimmerleute, Vergolder und einen ganzen Haufen von Handwerkern
hervorgebracht, die Welt -- der Raffaele, Tiziane und Michelangelos
beraubt und die Kunst bis zum Handwerk herabgedrückt hatte! Wie elend
erschien ihm jetzt all dieser Luxus, der einen nur beim ersten Blick
verblüfft, und den man bald mit Gleichmut betrachtet, angesichts dieses
erhabenen Einfalls, seine Mauern mit unsterblichen Gebilden des Pinsels
auszuschmücken, dieser wunderbaren Idee der Besitzer jener Paläste --
sich einen ewigen Gegenstand des Genusses zu verschaffen in Stunden, wo
man ausruht von der Arbeit und von den lärmenden Sorgen des Lebens, sich
in einen Winkel zurückzieht, weit abseits von allen Menschen, in ein
altertümliches Sofa zurückgelehnt, seinen Blick stumm auf die Wand
richtet und mit der Seele tief in die Geheimnisse des Pinsels eindringt,
ganz in die Betrachtung der in der Schönheit webenden geistigen Ideen
verloren! Denn unendlich erhebt die Kunst den Menschen, indem sie den
Regungen unserer Seele eine wunderbare Schönheit und einen hohen Adel
verleiht. Wie klein erschien ihm vor dieser unerschütterlichen,
fruchtbaren Pracht, die den Menschen mit Gegenständen umgab, die seine
Seele mit Bewegung erfüllten und veredelten, der heutige kleinliche
Schmuck, wie er alljährlich von der unruhigen Mode ausgespien und wieder
zerstört wird, diesem seltsamen, unbegreiflichen Produkt des XIX.
Jahrhunderts, vor dem sich die Weisen stumm beugen, dieser verheerenden
Vernichterin alles dessen, was ungeheuer, erhaben und heilig ist. Wenn
er sich derartigen Überlegungen hingab, schoß ihm unwillkürlich der
Gedanke durch den Kopf: »Rührt nicht vielleicht daher jene gleichgültige
Kälte, die unser gegenwärtiges Zeitalter umfängt, jenes gemeine
Geschäftsinteresse und diese vorzeitige Abstumpfung der Sinne, die noch
nicht einmal Zeit hatten, zu erwachen und sich zu entwickeln? Man
beraubte den Tempel seiner Heiligtümer, und der Tempel ist kein Tempel
mehr. Fledermäuse und böse Geister haben ihre Wohnstätte in ihm
aufgeschlagen.«
Je tiefer sein Blick in die Dinge eindrang, um so mehr überraschte ihn
die ungewöhnliche Fruchtbarkeit jenes Zeitalters, und unwillkürlich
mußte er ausrufen: »Wie und wann vermochten sie nur all dies zu
erschaffen?« Dieser wunderbare Charakter, der Rom auszeichnete, wuchs
für ihn mit jedem Tag zu immer mächtigerer Größe empor. Eine Galerie
neben der andern, und immer noch wollten sie kein Ende nehmen. Dort jene
Kirche barg irgendein Wunderwerk des Pinsels, dort jene verwitternde
Mauer entzückte den Blick durch eine Freske, deren Farben bereits zu
erlöschen drohten, und dort auf den hoch emporgetürmten Marmorblöcken
und Säulen, die aus alten heidnischen Tempeln hierher gebracht worden
waren, leuchtete einem ein von einem unsterblichen Pinsel
ausgeschmückter Plafond entgegen. Das alles glich einer tief verborgenen
Goldader, die mit gewöhnlicher Erde bedeckt und nur dem Bergmann allein
bekannt war. Wie voll war seine Seele jedesmal, wenn er nach Hause
zurückkehrte, und wie verschieden war dieses von ruhiger, feierlicher
Stille erfüllte Gefühl von jenen unruhigen Eindrücken, mit denen Paris
seine Seele so sinnlos bestürmt hatte, wenn er müde und abgespannt nach
Hause zurückkehrte und nur selten fähig war, sich über das Ergebnis
dieser Empfindungen Rechenschaft abzulegen.
Jetzt erschien ihm die unscheinbare und dunkle Außenseite Roms, über die
die Ausländer so sehr klagen, noch mehr zu diesen innern Schätzen der
Stadt zu stimmen. Es wäre ihm geradezu peinlich gewesen, nach alledem
auf eine moderne Straße mit ihren prunkvollen Läden, den stutzerhaft
gekleideten Menschen und den eleganten Equipagen hinauszutreten: dies
wäre ihm fast wie eine unheilige Zerstreuung, ja wie eine
Tempelschändung vorgekommen. Diese bescheidene Stille, dieser
eigentümliche Charakter der römischen Bevölkerung, dieser Schatten des
XVIII. Jahrhunderts, der noch in Form eines schwarzen Abbés in einem
Dreimaster mit schwarzen Strümpfen und Schuhen oder eines purpurnen
altertümlichen Kardinalswagens mit seinen vergoldeten Achsen, Rädern,
Karniesen und Wappen durch die Straßen huschte, gefiel ihm weit besser,
denn dies alles stimmte so gut mit der Gravität und Würde Roms überein:
dieses lebendige, nie hastende Volk, das ruhig und malerisch durch die
Straßen schritt, den Mantel über den Arm geschlagen oder die Jacke über
der Schulter, ohne jenen schwerfälligen Ausdruck in den Gesichtern, der
ihm so seltsam bei den blauen Blusenträgern und überhaupt an der ganzen
Bevölkerung von Paris aufgefallen war.
Hier erschien selbst die Armut in einem heiteren Lichte, sorglos und
unbekannt mit Qualen und Tränen streckte sie unbefangen und schön ihre
Hand aus; hier wirkte alles schön und heiter: die malerischen Regimenter
von Mönchen, die in langen weißen und schwarzen Kleidern über die
Straßen gingen, ein schmutziger rothaariger Kapuziner, der plötzlich in
seinem hellen kamelfarbenen Kleide in der Sonne aufleuchtete, endlich
dieses ganze Künstlervolk, das sich hier von allen Weltenden
zusammenfand, die engen Fetzen europäischer Kleidung fortwarf und in
freien, malerischen Kostümen einherging, ihre würdigen majestätischen
Bärte, wie wir sie auf den Porträts Leonardo da Vincis und Tizians
finden, und die so wenig Ähnlichkeit mit dem häßlichen, schmalen
Bärtchen haben, das sich der Franzose zurecht schneidet und dann fünfmal
im Monat stutzen lassen muß. Hier bekam der Künstler ein Gefühl für das
lange wallende Haar, das er sich in dichten Locken herunterfallen ließ.
Hier erhielt selbst der Deutsche mit seinen krummen Beinen und seinem
ungegliederten Körperbau einen bedeutenden Ausdruck, ließ sich seine
goldenen Locken über die Schultern fallen und kleidete sich in eine
leicht gefaltete griechische Bluse oder einen Sammetrock, wie er unter
dem Namen Cinquecento bekannt ist und wie ihn nur die Künstler in Rom
tragen. Auf ihren Gesichtern lagen die Spuren einer strengen Ruhe und
einer friedlichen Arbeit. Selbst die Gespräche und Meinungsäußerungen,
die man auf den Straßen, in den Cafés, in den Osterien vernahm, hatten
keine Ähnlichkeit mit denen, die der Fürst in den anderen Straßen
Europas gehört hatte, ja sie waren ihnen geradezu entgegengesetzt. Hier
hörte man nichts von gefallenen Fonds, von Kammerdebatten oder von der
spanischen Frage. Hier sprach man nur von einer neuerdings entdeckten
antiken Statue, von der Kraft des Pinsels der großen Meister, hier
stritt man sich und diskutierte über das neu ausgestellte Werk eines
modernen Künstlers, über Volksfeste, oder man hörte hier Reden, in denen
der Mensch sein Inneres preisgab, und die in Europa durch langweilige
Salongespräche und politische Unterhaltungen verdrängt sind, die selbst
jeden beseelten Ausdruck aus den Gesichtern vertrieben haben.
Oft verließ er die Stadt, um sich in der Umgegend umzusehen, und dann
setzten ihn neue Wunder in Erstaunen. Wie herrlich waren diese stummen
Wüsten der römischen Felder, die mit Ruinen antiker Tempel übersät, sich
mit unbeschreiblicher Ruhe ringsherum erstreckten. Bald ließ die dichte
Decke gelber Blüten sie ganz wie in Gold getaucht erscheinen, bald
wieder ließen die roten Blüten wilden Mohns sie aufglühen wie eine
neuentfachte Kohle. Nach vier verschiedenen Seiten bot sich ein
vierfacher wunderbarer Anblick dar. Auf der einen Seite flossen die
Felder unmittelbar in einer scharfen ebenen Linie mit dem Horizont
zusammen. Die Arken der Wasserleitungen schienen in der Luft zu schweben
und gleichsam auf den glänzenden silbernen Himmel aufgeklebt zu sein.
Auf der andern Seite sah man hinter den Feldern die Berge
hindurchschimmern. Sie türmten sich nicht wild und jäh aus der Ebene
empor, wie in Tirol oder in der Schweiz, sondern in harmonischen
fließenden Linien, sich hebend und senkend und umstrahlt von der
herrlichen Klarheit der Luft, schienen sie zum Himmel emporfliegen zu
wollen. An ihrem Fuße zog sich eine lange Arkade von Wasserwerken gleich
einem langgestreckten Fundament dahin, der Gipfel der Berge glich der
luftigen Fortsetzung eines wunderbaren Gebäudes, und die Farbe des
Himmels war hier schon nicht mehr silbern, sondern hatte jenen
unbeschreiblichen Ton des jungen Flieders. In einer dritten Richtung
wurden diese Felder gleichsam durch Berge begrenzt, aber hier traten sie
näher an sie heran, türmten sich höher empor, traten mit ihren
Vorderreihen noch stärker hervor und verschwanden in sanften Abstufungen
in der Ferne. Die dünne blaue Luft ließ ihre Farben wunderbar abgetönt
erscheinen, und durch diese blaue ätherische Hülle hindurch sah man kaum
merklich die Häuser und Villen von Frascati durchschimmern, hier leise
und sanft berührt von den Strahlen der Sonne, dort untertauchend in dem
Helldunkel kaum erkennbarer Heine, die in der Ferne erglühten. Aber wenn
man sich plötzlich umdrehte, dann lag mit einemmal ein neues Bild vor
einem. Die Felder gingen unmittelbar in die Stadt Rom über. Die Ecken
und die Linien der Häuser zeichneten sich scharf und klar ab, in
scharfen Konturen rundeten sich die Kuppeln, die Statuen des
lateranischen Johann und die majestätische Kuppel der Peterskirche, die
immer höher und höher emporstrebte, je mehr man sich von ihr entfernte,
und die endlich den ganzen Horizont einsam beherrschte, wenn die ganze
Stadt bereits verschwunden war. Noch mehr aber liebte er es, diese
Felder während eines Sonnenunterganges von der Terrasse einer der Villen
von Frascati oder Albano zu betrachten. Dann erschienen sie wie ein
unübersehbares Meer, das hinter dem dunklen Gitter der Terrasse
erglänzte und aufstieg. Alle Unebenheiten und Linien verschwanden in dem
sie umspielenden Lichte. Anfangs erschienen sie noch grünlich, und hie
und da erkannte man noch die Arken und Grabmäler, die auf ihnen
verstreut waren, dann aber spielten sie plötzlich in regenbogenfarbenem
Lichte, in hellen, durchscheinenden, gelben Tönen, und kaum noch konnte
man die Ruinen der antiken Baudenkmäler erkennen. Endlich aber färbten
sie sich immer tiefer purpurrot, verschlangen selbst die unendliche
Kuppel und flossen in ein tiefes Himbeerrot zusammen, und nur noch der
in der Ferne glänzende goldene Streifen des Meeres trennte sie von dem
Horizont, der ebenso purpurrot dalag, wie sie. Niemals aber hatte er
gesehen, daß die Felder gleich dem Himmel wie in Flammen getaucht waren.
Lange stand er, ganz erfüllt von einer unbeschreiblichen Wonne, in
diesen Anblick versunken, da, und dann hatte er wieder alles vergessen,
selbst sein Entzücken. Und wenn dann auch die Sonne untergegangen war,
der Horizont schnell erlosch und sich noch schneller, ja beinahe
plötzlich die Felder verdunkelten, wenn dann der Abend sein finsteres
Antlitz zeigte, Leuchtkäfer in feurigen Fontänen über den Ruinen
emporschwirrten und jenes plumpe geflügelte Insekt, das aufrecht
herangeflogen kommt wie ein Mensch und unter dem Namen Teufel bekannt
ist, ihm plötzlich sinnlos ins Auge flog, dann erst merkte er, daß die
Kälte der südlichen Nächte bereits herabgesunken war und ihn ganz
durchschüttelte, und er beeilte sich, in die Straßen der Stadt zu
kommen, um nicht an dem Fieber, wie es hier im Süden verbreitet ist, zu
erkranken.
So floß sein Leben in dem Genuß der Natur, der Künste und der Antike
dahin. Bei dieser Lebensweise erfaßte ihn plötzlich stärker als je der
Wunsch, sich tiefer in die Geschichte Italiens zu versenken, die er
bisher nur fragmentarisch und in einzelnen Episoden kennen gelernt
hatte. Ohne dies wäre ihm die Gegenwart unvollständig und unvollkommen
erschienen, und so machte er sich gierig daran, die Archive, die
Chroniken und Memoiren zu studieren. Er konnte sie jetzt nicht bloß so
lesen wie irgendein Italiener, der ewig in der Stube hockt, sich mit
Leib und Seele in die beschriebenen Vorgänge versenkt und über der
großen Zahl der Personen und der Ereignisse, die sich um ihn drängen,
die große Masse, das Ganze übersieht; -- er konnte jetzt alles ruhig
überschauen, wie aus einem Fenster des Vatikan. Sein Aufenthalt
außerhalb Italiens inmitten des Lärms und der Bewegung tätiger Völker
und Staaten diente ihm als strenge Prüfung und Probe bei allen Schlüssen
und Folgerungen, und verlieh seinem Auge eine reiche Vielseitigkeit und
einen allumfassenden Blick. Wenn er jetzt in den Geschichtsbüchern las,
war er noch mehr und ohne alle Voreingenommenheit überrascht durch die
Größe und den Glanz der italienischen Vergangenheit. Er war ganz
erstaunt über die schnelle und vielseitige Entwicklung des Menschen auf
einem so schmalen, engbegrenzten Fleckchen Erde, durch die mächtige und
kraftvolle Regsamkeit aller Kräfte. Er sah, wie hier der Mensch in
voller Tätigkeit war, wie jede Stadt ihre eigene Sprache sprach und ihre
große Geschichte besaß, die ganze Bände ausfüllte, und wie hier mit
einem Schlage alle Arten und Gestalten des bürgerlichen Lebens und der
Regierungsformen entsprangen: -- ewig bewegte Republiken voll starker
unbotmäßiger Charaktere, und mitten unter ihnen -- allmächtige Despoten,
eine ganze Stadt voll königlicher Kaufleute, von geheimen Fäden der
Regierung umsponnen unter der monarchischen Scheingewalt des einen
Dogen; die Fremden, die herbeigerufen worden waren und nun inmitten der
einheimischen Bewohner lebten, die starken Zusammenstöße und
Abwehrmaßregeln im Schoße eines unbedeutenden Städtchens, der fast
märchenhafte Glanz der Herzöge und Monarchen winziger Länder, alle die
Mäzene, Protektoren und Inquisitoren, diese ganze Reihe großer Männer,
die um ein und dieselbe Zeit zusammentrafen, die Lyra, der Zirkel, das
Schwert und die Palette, diese Tempel, die mitten im Streit, im Kampf
und während mächtiger Unruhen errichtet wurden, diese Feindschaften, die
Blutrache, diese Züge des Großmuts und diese ganze Masse romantischer
Ereignisse im bürgerlichen Leben, mitten im Wirbel des politischen,
gesellschaftlichen Daseins, und das wundersame Band, das sich um dies
alles schlang, eine so erstaunliche Entfaltung aller Seiten des
politischen und bürgerlichen Lebens, ein solches Erwachen aller
menschlichen Elemente in einem so engen Bezirk, die an andern Orten
immer nur in Bruchstücken und auf großen Flächen zur Darstellung kamen!
-- Und das alles war plötzlich verschwunden, plötzlich dahin, alles war
erloschen wie erkaltete Lava und von Europa selbst aus seinem Gedächtnis
getilgt, wie ein alter unnützer Plunder.
Nirgends, nicht einmal in den Journalen läßt uns das arme Italien seine
des Diadems beraubte Stirn sehen; mit seiner politischen Bedeutung hat
es jeden Einfluß auf die Welt verloren.
»Wie aber,« dachte er, »wird denn sein Ruhm nie wieder auferstehen? Gibt
es denn gar kein Mittel, ihm seinen entschwundenen Glanz wiederzugeben?«
Und er gedachte der Zeit, als er noch als Student der Universität, als
er in Lucca von der Zurückführung der ruhmreichen Vergangenheit geträumt
hatte; er erinnerte sich, wie dies der liebste Gedanke der italienischen
Jugend gewesen war und wie sie gutmütig und treuherzig beim vollen
Becher davon geschwärmt hatten. Und nun mußte er erkennen, wie
kurzsichtig diese jungen Leute gewesen waren und wie kurzsichtig die
Politiker sind, die dem Volke Trägheit und Sorglosigkeit vorwerfen. Und
eine dunkle Ahnung des mächtigen Fingers, vor dem der Mensch verstummt
und sich demütig beugt, des mächtigen Fingers, der den Weltereignissen
ihr Ziel und ihren Gang vorschreibt, bemächtigte sich seiner und
erfüllte sein Gemüt mit Staunen und Ehrfurcht. Aus dem Schoße Italiens
hatte Er den armen von seinem eigenen Heimatlande verfolgten Genueser
emporsteigen lassen, der allein sein ganzes Vaterland zugrunde richten
sollte, indem er ein neues unbekanntes Land und neue weite Seewege
entdeckte. Der Horizont der Welt erweiterte sich; das Leben Europas
erhielt einen mächtigen Schwung und ward erfüllt von lebhafter Bewegung.
Schiffe begannen die Welt zu umsegeln und machten die mächtigen Kräfte
des Nordens frei. Das Mittelmeer verödete, und wie das versandende Bett
eines Flusses, versandete Italien, das in dem Wettstreit zurückgeblieben
war. Noch steht Venedig, noch spiegeln sich seine erloschenen Paläste in
den Wellen des Adriatischen Meeres, und ein herzzerreißender Schmerz
erfüllt die Seele des Fremden, wenn ihn der Gondelführer gebeugten
Hauptes an den kahlen Mauern und zerstörten Brüstungen stummer marmorner
Balkone vorüberrudert. Stumm liegt Ferrara da und schreckt uns mit dem
drohend finstern Anblick seines herzoglichen Schlosses. Traurig und öde
stehen in ganz Italien die gebeugten Türme und die architektonischen
Wunder inmitten einer Generation, die gleichgültig zu ihnen emporsieht.
Laut schallt das Echo durch die einst so lebhaften Straßen, und der
ärmliche Vetturino hält vor einer schmutzigen Osteria, die sich in einem
prunkvollen Schloß angesiedelt hat. Im härenen Bußkleid des Bettlers
wandelt das heutige Italien einher, und wie staubige Lumpen hängen an
ihm die Fetzen seines verblichenen Königsmantels.
In einer Aufwallung tiefen Seelenschmerzes hätte er mitunter sogar
Tränen vergießen können. Aber dann bemächtigte sich seiner von selbst
ein großer trostreicher Gedanke, und ein höheres Ahnungsvermögen gab ihm
die Gewißheit, daß Italien noch nicht gestorben sei, daß die Spuren
seiner ewigen unerschütterlichen Macht über die ganze Welt sich noch
fühlbar machten, daß sein gewaltiger Genius ewig über dem Lande schwebt,
er, der von Anbeginn das Schicksal Europas in seinen Busen gelegt hatte,
der das Kreuz in die finsteren europäischen Wälder trug, der mit dem
Schifferhaken der bürgerlichen Ordnung den an ihren fernen Grenzen
hausenden halbwilden Menschen an sich zog, der die Glut des Verkehrs und
des Welthandels entfachte, die Listen der Politik und das verwickelte
Federwerk der bürgerlichen Verhältnisse spielen ließ, all seine
geistigen Kräfte glanzvoll entfaltete, seine Stirn mit dem heiligen
Kranze der Poesie umwand, und als der _politische_ Einfluß Italiens
bereits zu schwinden begann, die Welt mit herrlichen Wundern erfüllte:
mit Kunstwerken, die den Menschen mit nie geahnten Genüssen und
göttlichen Gefühlen beschenkten, wie sie bisher noch nie den Schächten
seiner Seele entstiegen waren. Und als nun auch das Jahrhundert der
Kunst zur Neige ging und die ganz von ihren Rechnungen und Geschäften in
Anspruch genommenen Menschen für sie erkalteten, da schwebt er über der
Welt und wird er getragen von den klagenden Seufzern der Musik, und an
den Ufern der Seine, an der Newa, an der Themse, an der Moskwa, am
Mittelmeer und am Schwarzen Meer, an den Küsten Algeriens und auf
fernen, vor kurzem noch halbbarbarischen Inseln ertönt begeisterter
Beifall zum Preise der unser Ohr mit Wohllaut erfüllenden Sänger. Und
endlich beherrscht er selbst durch sein ehrwürdiges Alter und als Bild
des Verfalls und der Verwesung drohend die Welt: diese erhabenen
architektonischen Wunder blieben uns erhalten wie ein mahnender
Schatten, als ein ewiger Vorwurf, um Europa seinen kleinlichen
chinesischen Luxus und seine kindliche, spielerische, geistige
Zersplitterung entgegenzuhalten. Dieser ganze Haufen untergegangener
Welten und diese wunderbare Mischung mit der ewig blühenden Natur -- das
alles existiert nur zu dem Zweck, um die Welt aufzurütteln, um den
Bewohner des Nordens zuweilen wie im Traum diesen Süden sehen zu lassen,
es existiert nur, damit der Gedanke an ihn, ihn aus dem kalten Leben und
all der Geschäftigkeit, die die Seele verhärtet und erstarren läßt,
herausreiße und über sich emporhebe, indem sich plötzlich ein
leuchtender, den Menschen weit mit sich forttragender Ausblick vor ihm
auftut, ihm eine coliseische mondbeglänzte Nacht, das in Schönheit
sterbende Venedig, ein unsichtbares Leuchten des Himmels und das warme
Gekose der herrlichen Luft vorzaubert -- auf daß er wenigstens _einmal_
in seinem Leben ein _schöner Mensch_ sei.
In einem solchen feierlichen Augenblick söhnte er sich mit dem
Niedergang und Verfall seines Vaterlandes aus, und nun glaubte er,
überall Keime des ewigen Lebens und einer besseren Zukunft zu erblicken,
die uns der ewige Schöpfer der Welt unablässig bereitet. In solchen
Augenblicken dachte er auch häufig über die Bedeutung des römischen
Volkes für die Gegenwart nach; und es schien ihm, als ob hier noch ein
ganz unverbrauchtes Material vorliege. In den Epochen des Glanzes hatte
es auch nicht ein _einziges_ Mal eine bedeutende Rolle gespielt; nur die
Päpste und die adligen Familien hatten ihre Namen ins Buch der
Geschichte eingezeichnet, das Volk aber war unbeachtet geblieben. Das
Spiel der Interessen in ihm und um es herum hatte nicht in seinen Kreis
eingegriffen und es nicht mit sich fortgerissen; noch war es unberührt
von jeglicher Bildung geblieben, die wie ein Sturmwind die in ihm
schlummernden Kräfte aufgerüttelt hätte. Etwas von kindlicher Güte und
Vornehmheit lag in seiner Natur. Dieser Stolz auf den römischen Namen,
der Grund weshalb ein großer Teil der Bürger, die sich für Nachkommen
der alten Quiriten hielten, nie eine ehrliche Verbindung mit andern
Bevölkerungsklassen einging; dieser aus Gutmütigkeit und Leidenschaft
gemischte Charakter, ein Beweis für seine Schönheit und Reinheit (der
Römer vergißt nie das Gute oder Böse, das ihm angetan wird; er ist
entweder gut oder böse, verschwenderisch oder geizig, seine Laster und
Tugenden ruhen noch in ihren ursprünglichen Schächten und haben sich
noch nicht zu einem unbestimmten Ganzen vermischt wie beim Menschen
unserer Zivilisation, der alle möglichen Leidenschaften, jedoch nur in
ganz geringen Dosen besitzt und bei dem sie alle unter der
Oberherrschaft des Egoismus stehen); diese Unmäßigkeit und diese
Neigung, aus dem Vollen zu genießen -- ein allgemein verbreiteter Zug
bei allen starken Völkern -- das alles wurde für ihn von großer
Bedeutung. Und dann diese strahlende ungekünstelte Heiterkeit, wie wir
sie heute kaum bei einem andern Volke finden, überall, wo der Fürst
hingekommen war, hatte er den Eindruck gewonnen, als mache man mühsame
Anstrengungen, das Volk zu _zerstreuen_ und zu unterhalten; hier dagegen
unterhielt es sich selbst, hier wollte es selbst mit teilnehmen; während
des Karnevals war es kaum zu zügeln; alles, was es im Laufe eines Jahres
zurückgelegt hatte, war es bereit, in diesen einundeinhalb Wochen wieder
durchzubringen; für ein Kostüm konnte es sein ganzes Geld ausgeben; der
einfache Mann verkleidet sich als Bajazzo, als Weib, als Poet, als
Doktor oder Graf, schwatzt euch allerhand törichtes Zeug vor oder hält
euch wohl gar eine Vorlesung, ob ihr nun zuhört oder nicht -- und diese
Fröhlichkeit ergreift alle miteinander wie ein Wirbel, vom
vierzigjährigen Mann bis zum jüngsten Burschen, der letzte Bettler, der
nichts hat, was er anziehen könnte, wendet seinen Kittel um, schwärzt
sich sein Gesicht mit Kohle, schließt sich dem bunten Haufen an und
läuft mit. Und diese Heiterkeit entspringt ganz einfach seiner Natur,
sie ist kein Produkt des Rausches, denn dasselbe Volk pfeift einen
Betrunkenen aus, wenn es ihm auf der Straße begegnet. Und dann -- diese
Züge eines angeborenen künstlerischen Instinkts und Gefühls! hatte doch
einmal in Gegenwart des Fürsten eine einfache Frau einen Künstler auf
einen Fehler in seinem Gemälde aufmerksam gemacht; er sah, wie dieses
Gefühl sich in der malerischen Kleidung und in dem Schmuck der Kirchen
ausprägte, sah wie das Volk in _Gensano_ die Straßen mit Blumenteppichen
bedeckte, wie die vielfarbigen Blumenblätter sich zu bunten Flecken und
Schatten verwandelten und auf dem Pflaster zu allerhand Figuren
gruppierten -- zu dem Wappen eines Kardinals, zum Bilde des Papstes, zu
einem Namenszug, zu Vögeln, Tieren und verschieden gestalteten
Arabesken; er sah, wie die Eßwarenhändler, die Pizzicaruoli am Abend vor
Ostersonntag ihre Läden ausschmückten: die Schinken, die Würste, die
weißen Schweinsblasen, die Zitronen und allerhand Blätter ordneten sich
zu einem bunten Mosaik zusammen, das einen _Plafond_ darstellte. Die
zylindrischen Parmesankäse und andere Käsesorten bildeten ganze
Säulenreihen, indem sie sich übereinander türmten; Talgkerzen
gruppierten sich zu dem mosaikartigen Gewebe eines Vorhanges, der die
inneren Wände schmückte; da sah man ganze Statuen und historische
Gruppen, die einen christlichen oder biblischen Stoff darstellten, aus
schneeweißem Talg gegossen, den der erstaunte Beschauer für Alabaster
halten mußte -- der ganze Boden verwandelte sich in einen heiteren
Tempel, in dem vergoldete Sterne erstrahlten, der von kunstvoll
aufgehängten _Ampeln_ erleuchtet wurde und in dessen Spiegelscheiben
sich zahllose Haufen von Ostereiern spiegelten. Zu alledem ist ein
gewisser Geschmack erforderlich, und der Pizzicaruolo machte das nicht,
weil es ihm etwas einbrachte, sondern nur um andere und sich selbst an
diesem Anblick zu erfreuen. Und endlich war dies ein Volk, das sich
seiner eigenen Würde bewußt war: hier bildete es das Volk: _il popolo_,
und nicht den gemeinen Pöbel; es war sich bewußt, die wahren Urelemente
des ersten Quiritenzeitalters in sich zu tragen; nicht einmal die
fremden Reisenden, diese Verführer, die die Korruption in die müßig
dahinlebenden Völker tragen, -- brachten es fertig, dies Volk zu
verderben, obwohl sich freilich infolge der Überflutung mit fremden
Gästen die Gasthäuser und die Landstraßen mit einer Klasse von
verächtlichen Leuten bevölkern, nach denen sich der Reisende häufig ein
Urteil über das ganze Volk bildet. Sogar die Torheit der
Regierungsmaßnahmen, dieser zusammenhanglose Haufen aller möglichen
Gesetze, die zu den verschiedensten Zeiten und unter ganz
verschiedenartigen Verhältnissen entstanden waren, und noch bis heute
nicht wieder aufgehoben sind, unter denen es sogar Edikte gibt, die aus
der alten römischen Republik stammen, selbst sie haben es nicht
vermocht, in diesem Volke das hohe Rechtsbewußtsein zu entwurzeln. Er
verfolgt den unehrlichen Gläubiger mit seinem Tadel, begleitet den
Leichenzug der Verstorbenen mit Pfeifen und spannt sich großmütig vor
den Leichenwagen, der den Leib eines vom Volke geliebten Mannes mit sich
führt. Selbst das Betragen der Geistlichkeit, das häufig Ärgernis
erregen könnte und in andern Ländern Sittenlosigkeit und Korruption zur
Folge haben würde, scheint keinen Eindruck auf das Volk zu machen: denn
es versteht die Religion von ihren heuchlerischen Dienern zu
unterscheiden und ist noch nicht angekränkelt von dem kalten Geist des
Unglaubens. Und schließlich haben es selbst die Not und die Armut, diese
unvermeidlichen Begleiterscheinungen eines stagnierenden Staates, nie zu
finsteren Übeltaten verleitet: dieses Volk bleibt immer heiter, erträgt
alles mit Ruhe, und nur in Romanen und Erzählungen lesen wir von
Mordtaten und Messerstechereien auf den Straßen. Aus diesen Zügen ersah
der Fürst, daß er es hier mit einem starken, noch unberührten Volke zu
tun hatte, dem sich offenbar in der Zukunft noch ein großes Feld der
Betätigung eröffnen mußte. Die europäische Bildung hatte es, wie es
schien, mit Absicht übergangen und keine ihrer Vollkommenheiten in
seinem Busen Wurzeln schlagen lassen. Selbst die geistliche Herrschaft,
dieses seltene Schattengebilde, das sich aus einer vergangenen Zeit
herübergerettet hatte, hatte sich gleichsam nur zu dem Zwecke erhalten,
um die Nation vor fremden Einflüssen zu behüten, damit keiner der
ehrgeizigen Nachbarn sich an ihm vergreife, und damit sein stolzes
Volkstum in stiller Einsamkeit warte, bis seine Stunde kommen werde. Und
dennoch hatte man hier in Rom nicht den Eindruck der Totenstarre; selbst
diese Ruinen und die prunkvolle Armut strömten nichts von jener
peinigenden, wühlenden Stimmung aus, die uns bei der Betrachtung der
Überreste einer bei lebendigem Leibe verwesenden Nation befällt. Hier
war man von dem entgegengesetzten Gefühl beherrscht: von einer heiteren,
feierlichen Ruhe. Und jedesmal, wenn der Fürst an dies alles dachte,
versank er unwillkürlich in Sinnen, und es schien ihm, als läge eine
seltsame geheimnisvolle Bedeutung in dem Worte: »das ewige Rom«.
Die Folge davon war, daß er sich mit immer größerem Eifer dem Studium
seines Volkes hingab. Er beobachtete es auf den Straßen und in den
Cafés, von denen jedes sein eigenes Publikum hatte; in dem einen
verkehrten die Antiquare, in einem andern die Jäger und die Schützen, in
einem dritten die Bedienten der Kardinäle, in einem vierten die
Künstler, in einem fünften die ganze römische Jugend und die römischen
Dandys. Er beobachtete es in den Osterien, in den echten römischen
Osterien, in die sich nie ein Fremder verirrt, wo sich ein römischer
_Nobile_ zuweilen neben einem _Minente_ niederläßt, und wo an heißen
Tagen alle Anwesenden ihre Röcke und Krawatten ablegen; oder er besuchte
eine jener kleineren ärmlichen aber malerischen Vorstadtschenken mit
ihren luftigen Fenstern ohne Glasscheiben, wo die Römer mit ihren
Familien oder in zahlreicher Gesellschaft einkehrten, um dort zu Mittag
zu essen, oder, wie sie sich ausdrückten, __per far allegria__. Er ließ
sich neben ihnen am Tische nieder, speiste mit ihnen zu Mittag und
beteiligte sich an ihren Unterhaltungen, immer wieder erstaunt über
ihren schlichten, gesunden Menschenverstand und über die Lebhaftigkeit
und Originalität, mit der diese ungebildeten Leute zu erzählen
verstanden. Die beste Gelegenheit jedoch, sie kennen zu lernen, bot sich
ihm während der Zeremonien und Festlichkeiten, wenn die ganze
Bevölkerung Roms plötzlich an der Oberfläche erscheint und eine schier
unendliche Menge holder Schönheiten vor einem auftauchen, von deren
Existenz man bisher keine Ahnung hatte, und wie man ihnen nur noch auf
den Basreliefs und in den Anthologien der Alten begegnet. Diese großen,
tiefen Augen, diese Alabasterschultern, diese pechschwarzen Haare, die
sich in tausendfältigen Formen ums Haupt schlingen oder auf die
Schultern herabfallen, malerisch durchbohrt von einem goldenen Pfeil,
diese Hände, dieser stolze Gang -- dies alles erinnerte ihn an die
ernste, klassische Schönheit, und hatte nichts gemein mit dem
leichtsinnigen Reiz graziöser Frauen. Hier glichen die Frauen mehr den
Bauten Italiens: sie glichen entweder Palästen oder ärmlichen Hütten,
sie waren entweder vollendete Schönheiten oder ganz häßlich; die
Mittelmäßigkeit war hier überhaupt nicht vertreten, _hübsche_ Frauen gab
es hier nicht. Und er genoß ihren Anblick, wie er die Verse einer
herrlichen Dichtung genoß, deren Schönheit sich noch weit über die der
andern erhebt, und die in der Seele einen kühlen, erfrischenden Schauer
hervorrufen.
Allein, bald gesellte sich zu all diesen Genüssen ein Gefühl, das all
den andern den Krieg erklärte -- ein Gefühl, das die mächtigsten
Leidenschaften aus ihrem geistigen Schlummer erweckte, Leidenschaften,
die sich in demokratischer Rebellion gegen die hohe Seeleneinheit
auflehnten: er erblickte Anunziata. Und so sind wir denn endlich bei dem
hehren Bildnis angelangt, das sein helles Licht über den Anfang unserer
Erzählung verbreitete.
Es war zur Zeit des Karnevals. »Heute gehe ich nicht zum Corso,« sagte
der Principe zu seinem _Maestro di casa_, während er aus dem Hause trat,
»der Karneval fängt an, mich zu langweilen; ich finde die Gartenfeste
und die Aufzüge, wie sie im Sommer stattfinden, viel schöner.«
»Ja ist denn das ein Karneval?« versetzte der Alte. »Das ist ein
Karneval für Kinder. Ich erinnere mich eines Karnevals! Da sah man auf
dem ganzen Corso auch nicht einen Wagen, und auf den Straßen gab's die
ganze Nacht Musik; die Maler, die Architekten und Bildhauer stellten
ganze Gruppen und veranstalteten große Aufführungen, und das Volk -- der
Herr Fürst verstehen doch -- das _ganze_ Volk, alle -- alle Vergolder,
Rahmenbauer, Mosaikleger, sämtliche schönen Frauen, die ganze Signoria
und alle Nobili -- sie alle, alle ... machten mit ... _o quanta
allegria_! Das war ein richtiger Karneval. Aber heutzutage, was ist denn
das für ein Karneval! Ach! ...« sagte der Alte, zuckte die Achseln, und
dann sagte er noch einmal »Ach«, zuckte nochmals die Achseln und fügte
schließlich hinzu: »_E una porcheria!_« -- Der _Maestro di casa_
unterstützte seinen Ausruf in einer lebhaften Aufwallung seines
Temperaments mit einer äußerst kräftigen Geste, beruhigte sich aber
sogleich wieder, als er bemerkte, daß der Fürst schon längst nicht mehr
vor ihm stand, sondern sich schon lange auf der Straße befand. Da er
keine Lust hatte, sich am Karneval zu beteiligen, hatte er weder eine
Maske mitgenommen noch auch ein Drahtnetz vors Gesicht gelegt. Er hüllte
sich tief in seinen Mantel und wollte sich über den Corso nach dem
andern Stadtteil begeben. Aber das Menschengewühl war zu groß. Er
drängte sich zwischen zwei Menschen hindurch, wobei ihm eine Ladung Mehl
auf den Kopf geschüttet wurde; ein bunter Harlekin schlug ihm während er
mit seiner Kolombine an ihm vorbeistürmte mit seiner Knarre auf die
Schulter, von allen Seiten flogen ihm »_confetti_« und Blumensträuße ins
Gesicht, von beiden Seiten flüsterte ihm jemand ins Ohr, von rechts ein
Graf und von links ein Arzt, der ihm eine lange Vorlesung über den
Inhalt seines Blinddarmes hielt. Es war völlig unmöglich zwischen all
den Menschen hindurchzukommen, denn die Volksmenge wuchs immer mehr an,
und die lange Kette der Wagen machte halt, da sie nicht mehr vorwärts
kommen konnte. Jetzt richtete sich die Aufmerksamkeit der Menge auf
einen mutigen Burschen, der auf Stelzen die Häuserreihen entlang
schritt, obwohl ihm jeden Augenblick die Stelzen unter den Beinen
weggeschlagen werden konnten und er Gefahr lief, sich auf dem Pflaster
zu Tode zu fallen. Aber deswegen schien er sich keine Sorge zu machen.
Er trug einen ausgestopften Riesen auf seiner Schulter, den er mit einer
Hand festhielt, und in der andern Hand ein Stück Papier mit einem Sonett
und einem darangehefteten Schwanz, wie man sie bei Papierdrachen findet,
und schrie dazu aus voller Kehle: »_Ecco il gran poeta morto! Ecco il
suo sonetto colla coda._« (Da ist der verstorbene große Dichter! Das ist
sein Sonett mit dem Schwanz [_coda_][17].) Der verwegene Bursche hatte
eine so dichte Menschenmenge um sich geschart, daß der Fürst in dem
Gedränge kaum noch zu atmen vermochte. Endlich setzte sich die ganze
Menge hinter dem toten Poeten in Bewegung, auch die lange Wagenreihe,
worüber der Fürst sehr erfreut war, obgleich ihm in dem Gedränge der Hut
vom Kopfe geschlagen worden war, nach dem er jetzt eilig griff. Als er
noch damit beschäftigt war, den Hut aufzuheben, schlug er die Augen auf
und blieb wie angewurzelt stehen: vor ihm stand ein Mädchen von einer
unbeschreiblichen Schönheit, sie hatte ein leuchtendes albanisches
Kostüm an und kam in Gesellschaft von zwei andern gleichfalls schönen
Frauen daher, die aber neben ihr verblaßten, wie die Nacht vor dem Tage.
Das war ein herrliches Wunderbildnis. Alles mußte vor ihrem Glanze
dahinschwinden. Wenn man sie ansah, wurde es einem klar, warum die
italienischen Dichter schöne Frauen mit der Sonne verglichen. Ja, das
war eine Sonne, das war die vollkommenste Schönheit! Aller Glanz, der
uns zersplittert und auf die einzelnen Schönen dieser Welt verteilt
entgegenstrahlt, war hier in einer einzigen vereinigt. Wenn man ihren
Busen und ihre Büste ansah, erkannte man sogleich die Mängel des Busens
und der Büste anderer schöner Frauen. Im Vergleich mit ihrem dichten
glänzenden Haar mußte jedes andere Haar dünn und farblos erscheinen.
Ihre Hände mußten jeden Menschen zum Künstler machen! denn wie ein
Künstler hätte er sie ewig anschauen mögen und es nie gewagt, sie
anzuhauchen. Im Vergleich mit ihren Füßen mußten die Füße aller
Engländerinnen, aller Deutschen, aller Französinnen und der Frauen aller
andern Nationen wie Holzspäne erscheinen, nur die antiken Bildhauer
haben die hehre Idee ihrer Schönheit in ihren Statuen festgehalten. Ihre
Schönheit war vollkommen und wie dazu geschaffen, jedermann in gleicher
Weise zu blenden. Hierzu bedurfte es nicht eines besonderen Geschmacks;
angesichts solcher Vollendung mußten alle Geschmacksrichtungen
zusammentreffen; vor ihr mußten alle andächtig auf die Knie sinken, der
Gläubige wie der Ungläubige wären vor ihr niedergefallen, wie vor einer
plötzlichen Erscheinung der Gottheit. Der Fürst sah, wie die ganze Menge
und alle Anwesenden, soviel ihrer da waren, sie anstarrten, wie sich ein
unwillkürliches mit Entzücken gemischtes Staunen in den Zügen der Frauen
malte, wie sie immer wieder ausriefen: »_O bella!_« wie alle ohne
Ausnahme sich in Künstler verwandelt zu haben schienen und ganz im
Anschauen des schönen Wesens verloren waren. Aber im Gesicht des
Mädchens war nichts zu lesen, außer einem lebhaften Interesse für den
Karneval: sie sah nur die Menge und die Masken, merkte nichts von den
auf sie gerichteten Augen und hörte kaum auf die hinter ihr stehenden
Herren in Sammetjacken, anscheinend ihre Verwandten, die sie
wahrscheinlich hieher begleitet hatten. Der Fürst suchte von den Leuten,
die neben ihm standen, zu erfahren, wer und woher wohl dies wunderschöne
Mädchen sei, aber man antwortete ihm überall bloß mit einem Achselzucken
und einer unbestimmten Geste und fügte vielleicht noch hinzu: »Ich weiß
nicht, wahrscheinlich ist's eine Fremde[18].« Unbeweglich und mit
angehaltenem Atem schien er sie mit seinen Blicken verschlingen zu
wollen. Endlich richtete auch das schöne Mädchen ihre tiefen Augen auf
ihn, um sie jedoch sogleich verlegen von ihm abzuwenden. Ein Schrei
weckte ihn aus seinen Träumereien: vor ihm stand ein mächtiger Wagen.
Eine Anzahl Masken in roten Blusen rief ihn beim Namen, bestreute ihn
mit Mehl und begleitete ihre Späße mit dem langgezogenen Rufe »hu ... hu
... hu!« In einem Nu war er unter dem lauten Gelächter der Umstehenden
von Kopf bis zu den Füßen mit Mehl überschüttet. Ganz weiß wie Schnee,
ja selbst mit weißen Augenwimpern, eilte der Fürst nach Hause, um sich
umzuziehen.
[Fußnote 17: In der italienischen Poetik gibt es eine besondere Form,
die unter dem Namen Sonett mit dem Schwanz (_con la coda_) bekannt ist
-- sie wird dann angewandt, wenn das Gedicht den ganzen Gedanken nicht
zu fassen vermag und daher ein Zusatz erforderlich wird, der oft größer
ist als das eigentliche Sonett.]
Als er zu Hause angekommen war und sich umgekleidet hatte, war soviel
Zeit verstrichen, daß nur noch einundeinhalb Stunden bis zum Ave-Maria
übrigblieben. Die Wagen kehrten bereits leer vom Corso zurück: die
Insassen hatten sich auf die Balkons zurückgezogen, um sich das Volk
anzusehen, das sich in Erwartung der Pferderennen noch immer durch die
Straßen drängte. Als er in den Corso einbog, stieß er auf einen Wagen,
der mit Männern und Frauen angefüllt war. Die Männer trugen Jacken, die
Frauen hatten Blumenkränze auf dem Haupt und Zimbeln und Kastagnetten in
den Händen. Die Insassen des Wagens schienen in heiterer Stimmung nach
Hause zurückzukehren, er war an der Seite mit Girlanden geschmückt, und
die Speichen und Reifen der Räder waren mit grünen Zweigen umwunden.
Aber das Herz des Fürsten wurde kalt, als er sah, daß im Wagen, inmitten
der Frauen, das schöne Mädchen saß, das einen so tiefen Eindruck auf ihn
gemacht hatte. Ein strahlendes Lächeln erleuchtete ihr Antlitz, und
unter Schreien und Singen rollte der Wagen schnell an ihm vorbei. Sofort
machte der Fürst sich auf und eilte ihm nach, aber ein langer Zug von
Musikanten kam ihm in den Weg: eine Geige von schreckenerregender Größe
kam auf einem sechsrädrigen Wagen dahergefahren. Ein Mann saß rittlings
auf dem Gestell, und ein anderer, der ihr zur Seite ging, strich mit
einem gewaltigen Fiedelbogen über vier dicke Stricke, die die Saiten
darstellen sollten. Die Herstellung dieser Geige hatte wahrscheinlich
viel Mühe und große Unkosten an Zeit und Geld verursacht. Voran schritt
ein Mann mit einer ungeheueren Trommel. Eine große Menge Volks, junge
Burschen und Knaben folgten in hellen Scharen dem Musikantenaufzug, und
die ganze Prozession wurde beschlossen durch einen in Rom wegen seiner
Leibesfülle bekannten Pizzicaruolo, der eine Klistierspritze von der
Größe eines Kirchturms in der Hand trug. Als der Zug die Straße
verlassen hatte, sah der Fürst, daß es schon zu spät war und daher
keinen Sinn mehr hatte, hinter dem Wagen herzulaufen; zudem wußte er ja
auch nicht, welchen Weg er eingeschlagen hatte. Dennoch aber konnte er
den Gedanken nicht aufgeben, das schöne Mädchen wieder aufzufinden.
Seine Einbildungskraft zauberte ihm immer wieder dieses strahlende
Lachen und den offenen Mund mit der langen Reihe wundervoller Zähne vor.
»Das ist ein Blitzstrahl und kein Weib!« sagte er immer wieder zu sich
selbst und fügte stolz hinzu: »Sie ist eine Römerin: ein solches Weib
konnte nur in Rom geboren werden. Ich muß sie unbedingt wiedersehn; ich
trage Verlangen nach ihrem Anblick, nicht um sie zu lieben -- nein, ich
möchte sie nur ansehen, ihre ganze Gestalt betrachten: ihre Augen, ihre
Hände, ihre Finger, ihre glänzenden Haare. Ich will sie nicht küssen,
ich möchte sie nur ansehen. Wie nur? So muß es doch auch sein, das liegt
im Wesen der Natur; sie hat kein Recht, ihre Schönheit zu verbergen und
mit sich fortzutragen. Die vollendete Schönheit ward der Welt ja darum
geschenkt, damit jeder sie anschaue, und auf daß er ihr Bild ewig in
seinem Herzen trage. Wenn sie nur _schön_, nur eine gewöhnliche
Schönheit und kein Wesen von dieser höchsten Vollkommenheit wäre, dann
hätte sie wohl das Recht, einem _Einzelnen_ anzugehören, er könnte sie
in eine Wüste forttragen und der Welt ihren Anblick vorenthalten. Aber
die vollkommene Schönheit muß jedem sichtbar sein. Läßt denn ein
Architekt einen prachtvollen Tempel in einer engen Gasse errichten?
Nein, er stellt ihn auf einen offenen Platz hin, damit der Mensch ihn
von allen Seiten betrachten und sich an ihm erfreuen könne. >Ward etwa
deshalb das Licht angezündet,< sagt der göttliche Meister, >auf daß man
es verberge und unter den Scheffel stelle. Nein das Licht ward
angezündet, auf daß es auf dem Tische stehe, allen Helligkeit spende und
auf daß sich alle im Lichte bewegen.< Nein, ich muß sie unbedingt
sehen!« So sprach der Fürst zu sich selbst, dachte dann lange nach und
ging alle Mittel durch, die ihn zu seinem Ziele führen könnten; endlich
schien er eins gefunden zu haben: sofort und ohne einen Augenblick zu
zögern begab er sich in eine der entlegenen Gassen, deren es in Rom sehr
viele gibt, wo es nicht einmal einen Kardinalspalast mit einem gemalten
Wappen auf dem ovalen Holzschilde gibt, wo sich über jedem Fenster und
jeder Tür der engen Häuschen eine Nummer befindet, wo sich das Pflaster
bucklig emportürmt und wieder senkt, und wohin sich von Fremden
höchstens ein geriebener deutscher Künstler mit seinem Feldstecher und
seinem Farbenkasten verirrt, oder etwa noch ein Ziegenbock, der hinter
der vorübergehenden Herde zurückgeblieben ist und stehenbleibt, um sich
diese merkwürdige Straße anzuschauen, die er noch nie gesehen hat. Hier
hört man die sonoren Stimmen der Römerinnen; in allen Fenstern ertönt
Geplauder und lebhafte Wechselrede. Hier herrscht volle Aufrichtigkeit,
und der Passant kann hier alle häuslichen Geheimnisse erfahren; selbst
Mutter und Tochter sprechen hier nicht anders miteinander, als indem
beide ihre Köpfe zum Fenster hinausstecken. Männer sieht man hier
überhaupt nicht. Kaum erglänzt der erste Strahl der Morgensonne, und
schon öffnet sich das Fenster, und _siora_ Susanna blickt auf die Straße
hinaus. In einem anderen Fenster erscheint _siora_ Grazia, noch damit
beschäftigt, sich den Rock anzuziehen, sodann öffnet _siora_ Nanna das
Fenster, auf sie folgt _siora_ Lucia, die sich das Haar kämmt, und
endlich streckt _siora_ Cecilia ihre Hand aus dem Fenster, um sich die
Wäsche zu holen, die auf einer Schnur vor dem Hause hängt und nun ihre
Strafe dafür erhält, daß sie so widerspenstig war und sich so schwer
erreichen ließ: denn Donna Cecilia drückt sie zornig zusammen und wirft
sie mit den Worten: _che bestia!_ auf den Boden. Hier lebt alles, hier
ist alles in Bewegung, hier fliegt plötzlich ein Schuh aus dem Fenster,
um einen unartigen Jungen oder einen Ziegenbock zu treffen, der mit
einem einjährigen Kind an einem Korb steht, es beschnuppert und seinen
Kopf vorbeugt, um ihm zu zeigen, was zwei Hörner sind. Hier blieb nichts
unbekannt, hier wußte man alles. Die Signoras waren über alles
unterrichtet, was auf der Welt passierte, sie wußten, was _siora_
Giudita sich für ein Tuch gekauft hatte, bei wem es heut Fisch zum
Mittagessen gab, wer Barbaruccias Geliebter und welcher Kapuziner der
beste Beichtvater war. Nur selten flocht auch der Gatte ein Wort ein,
der meist auf der Straße an die Mauer gelehnt dastand, eine kurze Pfeife
in den Zähnen hielt, und es für seine Pflicht hielt, wenn er von einem
Kapuziner reden hörte, ein paar Worte wie: »Das sind alles Gauner!«
hinzuzufügen, worauf er wieder fortfuhr, seine Nase in Rauchwolken
einzuhüllen. Hier kam nie ein Wagen vorbeigefahren, außer etwa ein
zweirädriger Rumpelkasten, der von einem Maultier gezogen wurde und Mehl
für den Bäcker mitführte, gewöhnlich wurde er auch von einem schläfrigen
Esel begleitet, der kaum dazu zu bewegen war, seinen Korb mit den
Broccoli bis an seinen Bestimmungsort zu schleppen, trotz aller Hühs der
Straßenjungen, die seine unempfindlichen Lenden mit Steinwürfen
regalierten. Hier gibt es keine Magazine außer ein paar kleinen Läden,
wo Brot, Bindfaden und Glasflaschen feilgeboten werden, und einem
dunklen, engen Café, das sich in einer Straßenecke befindet, da konnte
man stets den Anblick eines beständig auf die Straße herauslaufenden
Bottegas genießen, der den Signoris in kleinen Blechkannen Kaffee oder
eine in Ziegenmilch gekochte Schokolade, die unter dem Namen »Aurora«
bekannt ist, servierte. Alle Häuser gehörten hier zwei, drei, mitunter
aber auch vier Hausbesitzern, von denen der eine nur den
lebenslänglichen Nießbrauch, ein zweiter nur eine Etage besaß, deren
Mietzins er jedoch nur zwei Jahre lang erheben durfte, wonach der Stock
auf Grund eines Testaments auf zehn Jahre an den _padre_ Vincenzo fiel,
dessen rechtlicher Anspruch jedoch von einem Verwandten des
ursprünglichen Besitzers, der in Frascati wohnte, und der schon
rechtzeitig für die Einleitung eines Prozesses gesorgt hatte,
angefochten wurde. Es gab auch solche Hausbesitzer, die nur ein einziges
Fenster in einem bestimmten Hause und zwei andere in einem andern Hause
besaßen, und die Einkünfte von dem Fenster, für das der unordentliche
Mieter übrigens den Mietzins meist schuldig blieb, mit einem Bruder
teilten, -- mit einem Wort, hier gab es in Hülle und Fülle Material für
unaufhörliche Prozesse und reichen Broterwerb für die Advokaten und
Kuriale, die Rom überschwemmten. Alle Damen, von denen soeben gesprochen
wurde, sowohl die vornehmsten, die stets mit ihrem vollen Namen genannt
wurden, wie die geringeren Ranges, die nur mit Diminutiven beehrt
wurden: alle Tettas, Tuttas, Nannas usw. hatten meistens gar nichts zu
tun; das waren Gattinnen von Rechtsanwälten, kleinen Beamten, kleinen
Kaufleuten, Trägern, Facchinos, gewöhnlich aber Frauen unbeschäftigter
Bürger, deren ganzes Talent darin bestand, sich geschickt mit ihren
nicht mehr ganz intakten Mänteln zu drapieren. Viele von den Signoras
standen den Malern Modell. Hier gab es Modelle aller Arten. Wenn sie
Geld hatten, verbrachten sie ihre Zeit mit ihren Männern oder in großer
Gesellschaft in den Osterien, hatten sie kein Geld -- so waren sie
deshalb auch nicht betrübt, sondern saßen am Fenster und blickten auf
die Straße hinaus. Heute war die Straße stiller als sonst, weil ein Teil
der Bewohner mit der Volksmenge nach dem Corso gezogen waren. Der Fürst
ging auf die alte verfallene Tür eines Häuschens zu, die zahlreiche
Löcher aufwies, so daß selbst der Hauswirt lange mit dem Schlüssel nach
dem Schlüsselloch suchen mußte. Er war eben im Begriff, nach dem Ring zu
greifen, als er plötzlich die Worte vernahm: »Signor Principe will Peppe
sehen?« Er hob das Haupt und erblickte _siora_ Tutta, die ihren Kopf aus
dem dritten Stock hervorstreckte.
[Fußnote 18: Die Römer nennen alle, die nicht in Rom leben, Fremde
(_forestieri_), auch wenn sie nur zehn Meilen außerhalb der Stadt
wohnen.]
»So ein vorlautes Frauenzimmer!« rief _siora_ Susanna aus dem
gegenüberliegenden Fenster. »Der Principe ist vielleicht gar nicht
deswegen gekommen, um Peppe zu sehen!«
»Natürlich, um Peppe zu sehen! Nicht wahr, Herr Fürst? Doch nur um Peppe
zu sprechen? Nicht wahr? Herr Fürst? Um Peppe zu sprechen?«
»Ach was, Peppe! Was für einen Peppe,« fuhr _siora_ Susanna, mit beiden
Händen gestikulierend, fort. »Der Fürst hat gerade Zeit, jetzt an Peppe
zu denken! Jetzt ist doch Karneval. Der Fürst will sicher mit seiner
Cousine Marchesa Montelli, und mit seinen Freunden eine Wagenfahrt
unternehmen und in die Stadt fahren, _per far allegria_. Peppe! Peppe!«
Der Fürst war höchst erstaunt, solche Details über die Art, wie er seine
Zeit verbringen wollte, zu vernehmen, aber er hat keinen Anlaß, sich zu
wundern, denn _siora_ Susanna wußte alles.
»Nein, meine lieben _signore_,« sagte der Fürst, »ich muß in der Tat
Peppe sprechen.«
Diesmal jedoch war es _siora_ Grazia, die die Antwort erteilte; sie
hatte schon längst ihren Kopf aus einem Fenster der zweiten Etage
herausgestreckt und saß lauschend da. Sie schnalzte zur Antwort ein
wenig mit der Zunge und machte eine bezeichnende Bewegung mit dem Finger
-- das gewöhnliche Zeichen der Verneinung bei den Römerinnen -- und
fügte dann hinzu: »Er ist nicht zu Hause.«
»Aber vielleicht wissen Sie, wo er ist, wohin er gegangen ist?«
»Eh, wohin wird er gegangen sein!« versetzte _siora_ Grazia, indem sie
ihren Kopf ein wenig auf die Seite neigte, »vielleicht -- in die
Osteria, am Platz beim Brunnen; wahrscheinlich hat ihn jemand
aufgefordert; er ist halt irgendwohin gegangen: _chi lo sa_ (wer will es
wissen).«
»Wenn der Principe ihm irgend etwas zu bestellen hat,« fiel hier Signora
Barbaruccia ein, die am gegenüberliegenden Fenster saß und im Begriff
war, sich einen Ohrring ins Ohr zu hängen: »Sie brauchen es mir nur zu
sagen, ich will es ihm ausrichten.«
»Nein, lieber nicht,« dachte der Fürst und dankte für ein solches
Entgegenkommen. In diesem Augenblick lugte aus einer Nebengasse eine
mächtige schmutzige Nase hervor, die wie eine ungeheure Axt über den
gleich darauf zum Vorschein kommenden Lippen und über dem ganzen Gesicht
schwebte: das war Peppe in eigener Person.
»Da ist Peppe!« rief _siora_ Susanna. »Da kommt Peppe, _sior_ Principe!«
rief Signora Grazia lebhaft aus ihrem Fenster.
»Er kommt, Peppe kommt!« trompetete _siora_ Cecilia aus einer
Straßenecke.
»Principe, Principe! Das ist ja Peppe! Da ist Peppe! (_ecco_ Peppe,
_ecco_ Peppe!)« schrien die Kinder auf der Straße.
»Ich seh, ich sehe,« sagte der Fürst, ganz betäubt von dem lauten
Geschrei.
»Da bin ich, _eccellenza_. Da bin ich!« sagte Peppe, indem er die Mütze
abnahm. Man merkte es ihm an, daß er schon etwas vom Karneval abgekriegt
hatte. Er war auf einer Seite mit einer Ladung Mehl bedacht worden: der
ganze Rücken und eine Seite waren ganz weiß, der Hut war eingekeilt und
das ganze Gesicht mit weißen Tupfen bedeckt. Peppe war schon deswegen
merkwürdig, weil er sein ganzes Leben lang den Diminutivnamen Peppe
getragen hatte. Er hatte sich durchaus nicht bis zum Giuseppe
aufschwingen können, obwohl er bereits grau zu werden begann. Er stammte
sogar aus einer guten und wohlhabenden Kaufmannsfamilie, aber er hatte
sein letztes Häuschen in einem Prozeß verloren. Schon sein Vater, ein
Mensch von derselben Gattung wie Peppe, trotzdem er _sior_ Giovanni
genannt wurde, hatte sein ganzes Vermögen aufgezehrt, und nun fristete
Peppe gleich vielen andern notdürftig sein Leben, so wie es gerade kam:
bald nahm er Dienste bei einem Ausländer, bald spielte er den Boten bei
einem Rechtsanwalt, bald brachte er einem Künstler das Atelier in
Ordnung, bald wieder diente er als Wächter in einem Weinberg oder in
einer Villa und je nach dem Amt, das er bekleidete, wechselte er auch
beständig sein Kostüm. Mitunter begegnete man Peppe in einem weiten Rock
und einem runden Hut auf der Straße, bald wieder in einem engen Kaftan,
der an zwei drei Stellen geplatzt war, und so enge Ärmel hatte, daß
Peppes lange Arme wie zwei Besenstiele aus ihnen hervorguckten, zuweilen
aber erschien er in einem ganz undefinierbaren Kostüm, wobei er die
einzelnen Kleidungsstücke noch nicht einmal richtig angezogen hatte:
mitunter konnte man fast glauben, er habe die Jacke an Stelle der Hosen
angezogen und sie hinten, so gut es eben ging, zugebunden. Er war stets
zu allen möglichen Diensten bereit und übernahm allerlei Aufträge,
häufig sogar, ohne daß dabei etwas für ihn abfiel. Er lief hin und
verkaufte für die in seiner Straße wohnenden Damen allerhand alten
Plunder: in Pergament gebundene Bücher eines verarmten Abbés oder
Antiquars oder das Gemälde eines Künstlers; er ging morgens zu den Abbés
und nahm ihre Hosen und Schuhe, um sie zu putzen, mit sich nach Hause,
wobei er es dann meist vergaß, sie zur rechten Zeit wieder
zurückzubringen, bloß aus dem übereifrigen Wunsch, sich irgendeinem
Dritten gefällig zu erweisen, und die Abbés hatten dann den ganzen Tag
über Zimmerarrest, da sie ja nicht ohne Hosen und Stiefel ausgehen
konnten. Oft fiel ihm eine beträchtliche Geldsumme zu. Aber er verfügte
über sie nach römischer Art, d. h. schon am folgenden Tage war fast
nichts mehr davon übrig, und dies nicht etwa deshalb, weil er das Geld
für sich verbrauchte oder verschwendete, sondern weil er alles in der
Lotterie verspielte, für die er eine große Leidenschaft besaß. Es gab
kaum eine Nummer, mit der er es nicht schon versucht hatte. Jede
unbedeutende, ganz alltägliche Begebenheit erhielt für ihn eine große
Bedeutung. Wenn es sich einmal ereignete, daß er irgendeinen Plunder auf
der Straße fand, so sah er gleich in seinem Wahrsagebuch nach, unter
welcher Nummer er dort verzeichnet stand, um sich sofort das
entsprechende Lotteriebillett zu besorgen. Einmal träumte er, daß der
Satan, -- den er ohnedies aus einem unbekannten Grunde jedesmal zu
Beginn des Frühlings im Traume sah -- daß ihn der Satan bei der Nase
gepackt hielt und über die Dächer sämtlicher Häuser schleifte, von der
St. Ignatiuskirche, über den ganzen Corso durch die Tre Ladronigasse bis
nach der Via della Stamperia, bis er endlich auf der Treppe der Trinita
haltmachte und sagte: »Das hast du dafür, daß du zum heiligen Pankratius
gebetet hast, Peppe! Deine Nummer wird nicht gewinnen.« Dieser Traum
machte in der ganzen Straße großes Aufsehen, und besonders _siora_
Cecilia und _siora_ Susanna regten sich sehr über ihn auf; aber Peppe
deutete ihn in seiner Weise: er holte sofort sein Wahrsagebuch und fand
hier, daß der Teufel 13, die Nase 24 und der heilige Pankratius 30
bedeutet, und kaufte sich noch am selbigen Morgen alle drei Nummern.
Dann addierte er alle drei Zahlen zusammen, was 67 ergab und besorgte
sich noch Nummer 67. Wie gewöhnlich waren alle vier Nummern Nieten. Ein
anderes Mal geriet er in Streit mit einem Weinbauer, einem dicken Römer
namens _sior_ Raphael Tomacelli. Was der Anlaß zu diesem Streite war,
das weiß Gott allein; es gab jedoch zwischen ihnen einen sehr lauten,
von lebhaften Handbewegungen begleiteten Disput, und schließlich wurden
beide kreidebleich -- ein drohendes Zeichen, auf das hin gewöhnlich alle
Frauen entsetzt ans Fenster eilen und der vorüberkommende Spaziergänger
sich in Sicherheit zu bringen sucht -- mit einem Wort, ein Zeichen
dafür, daß beide Parteien gleich zum Messer greifen werden. Und in der
Tat, der dicke Tomacelli hatte bereits seine Hand in den ledernen
Stiefelschaft gesteckt, der seine dicke Wade eng umspannte, um sein
Messer hervorzuholen, und rief: »Warte nur, ich krieg dich schon, du
Kalbskopf!« als sich Peppe plötzlich mit der Hand vor den Kopf schlug
und eilig das Schlachtfeld verließ. Es war ihm eingefallen, daß er sich
noch nie ein Lotteriebillett auf das Stichwort »Kalbskopf« gekauft
hatte. Er sah im Wahrsagebuch nach, unter welcher Nummer der »Kalbskopf«
verzeichnet stand, und lief schleunigst nach der Lotteriekollekte, so
daß alle Straßenbewohner, die sich bereits auf ein blutiges Schauspiel
gefaßt gemacht hatten, durch diese unerwartete Wendung aufs höchste
überrascht wurden, ja selbst Raphael Tomacelli ließ sein Messer wieder
in den Stiefelschaft gleiten, wußte lange nicht, was er nun beginnen
sollte und sagte schließlich: »_Che uomo curioso!_« (Seltsamer Mensch!)
Übrigens ließ sich Peppe dadurch, daß die Billette stets Nieten waren,
und daß das Geld weggeworfen war, nicht im mindesten beirren. Er war
fest überzeugt, daß er einmal reich werden würde, und wenn er an einem
Laden vorüberging, unterließ er es nie, zu fragen, was ein jeder
Gegenstand koste. Als er einmal erfuhr, daß ein großes Haus verkauft
werden sollte, begab er sich zum Verkäufer, um sich bei diesem genauer
danach zu erkundigen, und als seine Bekannten sich über ihn lustig
machten, versetzte er treuherzig: »Was lacht ihr, warum lacht ihr? Ich
will es doch nicht gleich kaufen, sondern später einmal, wenn ich Geld
haben werde. Das ist doch gar nicht so seltsam ... Ein jeder sollte sich
ein Vermögen erwerben, um seinen Kindern, den Armen, oder für einen
Kirchenbau und andre schöne Dinge etwas zu hinterlassen ... _Chi lo
sa._« Der Fürst kannte ihn schon lange, sein Vater hatte ihn sogar
einmal als Bedienten engagiert, aber sehr bald wieder davongejagt, weil
Peppe seine Livree bereits in einem Monat aufgetragen und die ganzen
Toiletten des alten Fürsten durch einen unvorsichtigen Stoß mit dem
Ellenbogen aus dem Fenster auf die Straße geworfen hatte. »Hör mal,
Peppe!« sagte der Fürst. »Was befehlen _eccellenza_?« versetzte Peppe,
der barhaupt vor dem Fürsten stand, »der Herr Fürst braucht nur zu
sagen, >Peppe!< und schon bin ich da! Daher brauchen der Herr Fürst nur
zu sagen: >Hör mal, Peppe!< so erwidere ich schon: _ecco me eccelenza_!«
»Du mußt mir folgenden Dienst leisten, Peppe!« ... Bei diesen Worten sah
der Fürst sich um, und bemerkte, daß sich sämtliche _siore_ Grazias,
sämtliche Susannen, Barbarucci, Tettas und Tuttas, soviel ihrer da
waren, neugierig aus dem Fenster lehnten; die arme _siora_ Cecilia aber
war beinahe im Begriff, auf die Straße herunterzufallen. »Hm, die Sache
steht schlimm!« dachte der Fürst, »komm Peppe, folge mir!«
Mit diesen Worten schritt er voran, während Peppe ihm gesenkten Hauptes
folgte und vor sich hinmurmelte: »Eh! diese Weiber sind so neugierig,
weil's eben Weiber sind, weil sie eben neugierig sind.«
Lange schritten sie, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, aus
einer Straße in die andere. Peppe dachte bei sich: »Der Fürst will mir
wahrscheinlich einen wichtigen Auftrag geben, weil er nicht in Gegenwart
der andern davon reden will; folglich habe ich ein schönes Geschenk oder
gar Geld von ihm zu erwarten. Wenn mir der Fürst aber Geld gibt, was
soll ich damit anfangen? Soll ich es dem Cafébesitzer _sior_ Serviglio
geben, dem ich schon lange was schuldig bin? _Sior_ Serviglio wird in
der ersten Fastenwoche sicherlich sein Geld von mir zurückfordern, denn
er hat all sein Geld für den Bau der ungeheuren Geige verbraucht, an der
er drei Monate lang eigenhändig gearbeitet hat, um während des Karnevals
mit ihr durch alle Straßen zu ziehen, jetzt wird _sior_ Serviglio
wahrscheinlich noch lange statt Rostbraten nur Ziegenfleisch und in
Wasser gekochte Broccoli essen, bis er sich wieder mit seinem Café genug
Geld verdient hat. Oder soll ich _sior_ Serviglio noch nicht bezahlen,
sondern ihn bloß zum Mittagessen in eine Osteria auffordern? Denn _sior_
Serviglio ist ein -- _vero Romano_ und wird mir um der ihm erwiesenen
Ehre willen die Rückzahlungsfrist noch ein wenig verlängern; die
Lotterie beginnt bestimmt in der zweiten Woche der Fasten. Wie soll ich
nur bis dahin das Geld verwahren? Die kann ich es so verstecken, daß
weder Giacomo noch Meister Petruccio, der Drechsler, etwas davon
erfährt, die mich sicherlich bitten werden, ihnen etwas zu leihen?
Giacomo hat nämlich all seine Kleider bei den Juden im Gettho versetzt,
Meister Petruccio hat gleichfalls seine Kleider zum Juden ins Gettho
getragen, und hat einen Unterrock und das letzte Tuch seiner Frau in
Stücke gerissen, um sich als Weib zu verkleiden ... wie soll ich es nur
anstellen, daß ich ihnen nichts leihen muß?« Dies waren die Gedanken,
die Peppe durch den Kopf gingen.
Der Fürst seinerseits aber dachte: »Peppe kann herauskriegen, wo das
schöne Mädchen wohnt, wer sie ist und kann sie mir auffinden. Erstens
kennt er alle Menschen und hat daher eher als alle andern Gelegenheit,
in der Menge einem Freund zu begegnen, er kann von diesem etwas
erfahren, kann in alle Cafés und Osterien hineinblicken und kann sogar
jemand ansprechen, da er durch seine Figur bei niemand Verdacht erregt.
Er schwatzt zwar mitunter zuviel und ist recht zerstreut, aber wenn man
ihn bei seiner Römerehre faßt und ihm sein Ehrenwort abnimmt, so wird er
das Geheimnis schon zu bewahren wissen.«
So dachte der Fürst, während er die Straßen durchschritt; endlich blieb
er stehen, als er gewahrte, daß er die Brücke längst überschritten hatte
und sich schon lange auf _der_ Seite Roms befand, die jenseits des
Tibers liegt, daß er bereits bergan ging und daß die Kirche S. Pietro in
Montorio nicht mehr fern war. Um nicht auf dem Wege stehenzubleiben,
betrat er den Platz, von dem aus man ganz Rom überblicken kann und sagte
zu Peppe gewandt: »Hör mal, Peppe: ich muß dich um einen Dienst bitten.«
»Was wünschen _eccellenza_?« versetzte Peppe.
In diesem Augenblick aber sah der Fürst Rom vor sich liegen; wie ein
herrliches, leuchtendes Panorama breitete sich die ewige Stadt vor ihm
aus. Auf der ganzen hellen Masse der Häuser, Kirchen, Kuppeln und
Turmspitzen lag der leuchtende Glanz der herabsinkenden Sonne. Einzeln
und in ganzen Gruppen traten eines hinter dem andern die Häuser, die
Dächer, die Statuen, die schwebenden Terrassen und die Galerien hervor;
dort funkelten die dünnen Spitzen der Türme und Kuppeln einer Masse und
spielten mit der kapriziösen Buntheit bemalter Laternen in tausend
Farben, dort trat ein ganzer Palast hervor, dort die schön geschmückte
Spitze der Antoninussäule mit dem Kapitäl und der Statue des Apostels
Paulus; mehr rechts strebten die Gebäude des Kapitols mit ihren Rossen
und Statuen in den Himmel, noch mehr rechts über der leuchtenden Masse
der Häuser und Dächer erhob sich majestätisch und streng das finstere
Massiv des coliseischen Kolosses, dort wieder funkelte eine Flucht von
Mauern, Terrassen und Kuppeln, in blendendes Sonnenlicht getaucht. Und
über der ganzen blitzenden Masse grüßten die Wipfel steinerner Eichen
fern aus den Villen der Ludovisi und Medici mit ihrem dunklen Laub
herüber, über ihnen ragte ein Wald von römischen Pinien empor, die ihre
zarten Stämme mit den kuppelförmigen Wipfeln in die Luft streckten. Und
dieses ganze Bild wurde seiner ganzen Länge nach begrenzt von
dunkelblauen Bergen, die sich zart und durchsichtig wie die Luft am
Horizont erhoben und von einem phosphoreszierenden Lichte umwoben
wurden. Kein Wort und kein Pinsel hätte die wunderbare Harmonie und den
einträchtigen Zusammenhang aller Züge dieses Bildes schildern können!
Die Luft war so rein und durchsichtig, daß die zarteste Linie der fernen
Gebäude klar hervortrat und daß alles so nahe erschien, wie wenn man es
mit der Hand greifen konnte. Das letzte kleinste architektonische
Ornament, der Arabeskenschmuck eines Gesimses -- alles zeichnete sich
mit einer unbeschreiblichen Deutlichkeit ab. In diesem Augenblick
ertönte ein Kanonenschuß und ein ferner, in eins zusammenfließender
Schrei der Volksmenge -- das Zeichen, daß die reiterlosen Rosse schon
vorbeigaloppiert waren und damit der Karnevalstag seinen Abschluß
gefunden hatte. Die Sonne sank immer tiefer herab und näherte sich dem
Erdrand; ihr Abglanz auf der Masse der Bauwerke wurde immer rosiger und
glühender, die Stadt erschien jetzt noch belebter und näher, die Pinien
noch dunkler, das Blau der Berge wurde noch tiefer, sie
phosphoreszierten noch stärker, und der erlöschende Himmelsäther wurde
noch wundersamer und feierlicher! ... O Gott, welch ein Anblick! Und
ganz hingerissen von all der Herrlichkeit vergaß der Fürst sich selbst,
die Schönheit Anunziatas, das rätselhafte Schicksal seines Volkes und
alles, was es auf dieser Welt gab.