Aufsätze aus Puschkins »Zeitgenossen« (»_Sowremennik_«)

I

Über die Strömungen in der Zeitschriftenliteratur

der Jahre 1834-1835

Die Zeitschriftenliteratur, diese lebendige, frische, geschwätzige,

feinfühlige Literaturgattung, ist ebenso notwendig für die Wissenschaft

und die Kunst, wie die Verkehrsmittel für einen Staat, und wie die

Messen und die Börsen für den Handel und die Kaufmannschaft. Sie leitet

und lenkt den Geschmack der Menge, setzt alles in Umlauf und bringt

alles in Verkehr, was sich in der Bücherwelt ans Licht wagt und was ohne

sie in der einen wie in der anderen Beziehung nur totes Kapital wäre.

Sie stellt den schnellen, eigenwilligen Austausch aller Anschauungen,

das lebendige Wechselgespräch alles dessen dar, was unter der

Buchdruckerpresse hervorkommt; ihre Stimme ist die wahre Repräsentantin

der Ansichten einer ganzen Epoche und eines Jahrhunderts, solcher

Ansichten, die ohne sie ungehört verhallen würden. Sie ergreift und

zieht mit Absicht oder selbst, ohne es zu wollen, neun Zehntel alles

dessen in ihr Bereich, was Eigentum der Literatur wird. Wie viele Leute

gibt es nicht, die nur deshalb reden, kritisieren und Urteile fällen,

weil alle diese Urteile ihnen schon beinahe fertig zugetragen werden,

und die von sich aus nie eine Ansicht geäußert, über etwas geredet oder

etwas kritisiert hätten! Und daher hat die Zeitschriftenliteratur

jedenfalls ein Recht auf unsere größte Aufmerksamkeit.

Vielleicht hat sich der Mangel einer journalistischen Betätigung und

einer lebendigen modernen Bewegung bei uns seit langem nicht so deutlich

bemerkbar gemacht, wie in den zwei letzten Jahren. Der größte Teil

unserer Zeitschriften zeichnete sich durch eine große Farblosigkeit aus.

Viele von den alten Journalen waren eingegangen, andere vegetierten matt

und langsam weiter, neue erschienen nicht, außer etwa der

»Lesebibliothek« und dem neueren »Moskauer Beobachter«, obgleich sich

gerade um diese Zeit ein allgemeines Bedürfnis nach geistiger Nahrung

fühlbar machte, und die Zahl der Leser um ein bedeutendes zugenommen

hatte. So arm diese Epoche auch war, sie hat dasselbe Anrecht auf unsere

Aufmerksamkeit, wie vielleicht eine solche voller Leben und Bewegung,

denn sie gehört in gleicher Weise unserer Literaturgeschichte an. Die

Leser hatten völlig recht, wenn sie sich über die Dürftigkeit und Armut

unserer Zeitschriften beklagten: »Der Telegraph« hatte schon längst den

scharfen Ton nicht mehr, der durch seine feindliche Stellung gegenüber

den Petersburger Journalen bedingt war. »Das Teleskop« war mit Aufsätzen

angefüllt, denen es an jeder Frische und lebendigen Aktualität fehlte.

Um diese Zeit entschloß sich der Buchhändler Smirdin, der sich schon

längst durch seine Regsamkeit und Gewissenhaftigkeit bekannt gemacht

hatte, all seine kurzsichtigen Kollegen durch seine Unternehmungslust

beschämte und durch seine Wirksamkeit eine gewisse Bewegung in den

Buchhandel gebracht hatte, zu der Herausgabe einer großen allumfassenden

Zeitschrift; dazu wollte er sämtliche Literaten, die es in Rußland gab,

gewinnen und sie veranlassen, sich an seinem Unternehmen zu beteiligen.

Der Prospekt umfaßte nahezu alle Namen unserer russischen

Schriftsteller. Der Professor der arabischen Literatur, Herr Ssenkowski,

erklärte sich bereit, die Leitung der Zeitschrift zu übernehmen. Herr

Gretsch, der bereits seit langem als Herausgeber zweier Journale, der

»Nordischen Biene« und des »Sohnes des Vaterlandes« bekannt war, wurde

ihm als Redakteur zur Seite gestellt. Wir wissen nicht, ob sie sich

dieser Sache freiwillig annahmen, oder ob Herr Smirdin sie durch sein

Bitten dazu bewogen hatte; wie dem auch sei, jedenfalls war man im

allgemeinen darüber einig, daß der Buchhändler ein wenig unvorsichtig

vorgegangen sei. Da er eine so große Anzahl von Literaten für seine

Zeitschrift gewonnen hatte, hätte er die Wahl eines Redakteurs ihrem

Gutachten überlassen müssen. Überdies ließen alle Beteiligten eine sehr

wichtige Frage außer acht: sollte die Zeitschrift auf einen bestimmten

Ton abgestimmt sein, sollte sie eine bestimmte, im voraus festgelegte

Richtung vertreten oder sollte sie ein Sammelplatz aller möglichen

Anschauungen und Meinungen werden? Die Antwort, die die Zeitschrift auf

diese Frage gab, war sehr zweifelhaft; wie gewöhnlich erklärte sie, die

Kritik werde sehr wohlwollend und unparteiisch sein und sich jeder

persönlichen Invektiven und unvornehmer Allüren enthalten; ein

Versprechen, das jeder Journalist abzugeben pflegt. Aber schon mit dem

Erscheinen des ersten Heftes überzeugte sich das Publikum sofort, daß

die Zeitschrift durch den Ton, die Meinung und die Gedanken »eines

einzelnen« beherrscht wurde, und daß die Namen der Schriftsteller, deren

glänzende Reihen eine halbe Seite des Titelblatts einnahmen, nur

leihweise ausgeborgt worden waren, um eine größere Zahl von Abonnenten

anzulocken.

Der Buchhändler Smirdin tat seinerseits alles, was das Publikum _von

ihm_ zu erwarten berechtigt war. Die Ehrlichkeit, die ihn immer

ausgezeichnet hatte, bewies er auch wieder bei der Herausgabe der

Zeitschrift. Die Zeitschrift erschien mit ungewöhnlicher Pünktlichkeit:

am Ersten jedes Monats erhielten die Abonnenten einen so dicken Band

zugesandt, wie ihn ehedem keine von unseren Druckereien in zwei Monaten

hätte herstellen können. Statt der angekündigten achtzehn Bogen gab er

manchen Monat doppelt so viele. Sehen wir nun aber zu, ob auch die

Männer, denen er die innere Organisation der Zeitschrift anvertraut

hatte, ihre Pflicht erfüllten. Die Hauptperson, der _Spiritus rector_

der ganzen Zeitschrift war Herr Ssenkowski. Der Name des Herrn Gretsch

war nur _pro forma_ mit herangezogen; jedenfalls war nichts davon zu

merken, daß er an der Sache beteiligt war. Herr Gretsch ist schon seit

langem der unvermeidliche Ehrenredakteur jeder neubegründeten

Zeitschrift: wie man gewöhnlich einen würdigen, älteren Herrn

auffordert, bei allen Hochzeiten den Brautvater zu spielen. Aber was für

ein Ziel hatte die Redaktion dieser Zeitschrift im Auge, welches Problem

beabsichtigte sie zu lösen? Hier werden wir unwillkürlich nachdenklich,

und ebenso wird es wohl auch dem Leser ergehen. Herr Ssenkowski hat im

Programm nichts davon gesagt, was er sich für ein Ziel gesteckt habe und

welche Richtung er einzuhalten gedenke; nur das eine war für alle klar

ersichtlich, daß er sich sozusagen unbemerkt in die erste Nummer

einschlich, um sich am Ende des Bandes ganz als Herr im Hause zu

gebärden.

Übrigens darf man sich hierüber nicht beklagen: vielleicht ist ein

gewisser scharfer Ton, und sogar eine gewisse Frechheit für den

Journalisten unentbehrlich, was wir freilich keineswegs billigen,

obgleich es uns bekannt ist, daß ein Journalist durch derartige

Eigenschaften im Urteil der Menge immer nur gewinnt. Worauf aber

richtete dieser neue Herr seine besondere Aufmerksamkeit? welch ein

Gedanke beherrschte bei ihm alle anderen? wofür hatte er eine besondere

Vorliebe? war etwas zu merken von jenen unverrückbaren Grundsätzen, ohne

die ein Mensch charakterlos wird, die ihm eine gewisse Originalität

verleihen und die seine Physiognomie bestimmen?

Wenn man alles, was er in dieser Zeitschrift veröffentlicht hat,

durchliest, wenn man allen Worten, die er sagt, tiefer nachgeht, so kann

man sich unwillkürlich einer gewissen Verwunderung nicht erwehren: was

hat das zu bedeuten? was veranlaßt diesen Mann zum Schreiben? Wir sehen

einen Menschen vor uns, der sich sein Geld keineswegs ohne Gegenleistung

erwirbt, der im Schweiße seines Angesichts arbeitet, der sich nicht nur

um seine eigenen Aufsätze kümmert, sondern auch die fremden korrigiert

und verbessert -- mit einem Wort: einen Menschen, der unermüdlich tätig

ist. Wozu dient nun diese ganze Tätigkeit? Sehen wir uns einmal den

Leiter der Zeitschrift, wie er sich uns in den verschiedenen Gattungen

seiner literarischen Werke darstellt, näher an, und sagen wir dann

einige Worte über die Haupteigenschaften seiner Aufsätze, denn das ist

durchaus und in jeder Beziehung eine Notwendigkeit.

Herr Ssenkowski tritt in seiner Zeitschrift auf als Kritiker, als

Erzähler, als Gelehrter, als Satiriker, als Verkünder der neuesten

Ereignisse usw. usw., und zwar unter den Namen Brambeus, Morosow,

Tjutjundschu Oglu, A. Belkin und endlich in eigner Person. Als Gelehrter

hat Herr Ssenkowski einen recht umfangreichen Aufsatz über die Sagen

verfaßt -- einen Aufsatz, der voller Hypothesen ist, und zwar nicht

seiner eigenen, sondern solcher, die er auf gut Glück bei der flüchtigen

Lektüre einiger Bücher aufgelesen hat; diese Hypothesen gehören nicht

der russischen Geschichte an. Diese Sagen, die der scharfsinnige

Schlözer, der bis jetzt in bezug auf die Strenge und die Tiefe seines

kritischen Blicks nicht seinesgleichen gesunden, für Märchen erklärt

hat, die keine Beachtung verdienen, diese Sagen macht Herr Ssenkowski

zum Ecksteine der russischen Geschichte, ohne auch nur _einen_ Beweis

dafür anzuführen, der der Kritik standhält; es fällt ihm nicht ein,

ihren einzigartigen, wahren Wert festzustellen. Die Sagen sind poetische

Erzeugnisse eines Volkes, das eine große Rolle in der Geschichte

gespielt hat. Dieser Aufsatz, der voll theoretischer Figuren ist, hat

vielen braven, aber ein wenig beschränkten Leuten gefallen, und Herr

Bulgarin hat sogar eine Rezension über ihn geschrieben, in der er Herrn

Ssenkowski noch über Schlözer, Humboldt und alle Gelehrten stellt, die

jemals existiert haben. Ein anderer Gegenstand, auf den Herr Ssenkowski

sich sehr viel einbildet, und der sein eigentliches Steckenpferd ist,

ist der Orient. Hier hat er schon von jeher seine Stimme erhoben, und

sobald irgendein Artikel über den Orient erschien, oder dieser irgendwo

erwähnt wurde, und sei es auch nur in einem Gedicht, wurde er zornig und

behauptete, der Autor könne kein Urteil über den Orient haben, er dürfe

nicht über ihn urteilen, denn er kenne den Orient gar nicht. Man

verzeiht einem Menschen, der in seinen Gegenstand verliebt ist und der

erkennt, wie wenig die anderen ihn verstehen, gern ein Wort der

Empörung; aber dieser Mensch muß doch wenigstens eine anerkannte

Autorität sein. Herr Ssenkowski hätte tatsächlich etwas über den Orient

veröffentlichen sollen. Einem Menschen, der noch nichts geleistet hat,

glaubt man nicht so leicht aufs Wort, besonders wenn seine Urteile so

leichtfertig und vom Geist der Unduldsamkeit erfüllt sind; übrigens

findet man in seinen kleinen Aufsätzen über den Orient dieselben Fehler,

die er beständig bei anderen tadelt. In diesen Aufsätzen sagt er

tatsächlich nichts Neues über den Orient -- da findet man auch nicht

einen kräftigen Zug, keinen großen Gedanken, ja nicht einmal eine

geniale Vermutung! Es läßt sich nicht leugnen, daß Herr Ssenkowski ein

großes Wissen hat; im Gegenteil, man merkt sofort, daß er viel gelesen

hat; aber man spürt nirgends etwas von jener bewegenden, alles

beherrschenden Kraft, die ihn auf ein bestimmtes Ziel hin dirigiert.

Dieses ganze Wissen ist in einer Art Gärung begriffen, eins widerspricht

dem andern und verträgt sich nicht mit dem andern. Untersuchen wir

einmal seine Ansicht über die moderne schöne Literatur. In seinen

Kritiken läßt Herr Ssenkowski einen vollständigen Mangel an einer festen

Anschauung erkennen, so daß keiner seiner Leser mit Bestimmtheit zu

sagen vermöchte, was dem Rezensenten am besten gefällt, wovon seine

Seele ergriffen ward, woran er Geschmack findet: er verrät in seinen

Rezensionen _weder einen positiven noch einen negativen Geschmack --

sondern gar keinen_. Das, was ihm heute gefällt, wird morgen zur

Zielscheibe seines Spotts. Er war der erste, der Herrn Kukolnik neben

Goethe gestellt hat, um dann zu erklären, er hätte dies nur aus einer

gewissen Laune heraus getan. Folglich sind seine Rezensionen nicht die

Frucht seiner Überzeugung oder seines Gefühls, sondern nur das Produkt

von Stimmungen und Verhältnissen. Walter Scott, dieses große Genie,

dessen unsterbliche Werke ein so umfassendes und vollendetes Bild des

Lebens geben, Walter Scott wurde von ihm ein Charlatan genannt. Und das

mußte Rußland lesen -- das wurde zu Leuten gesagt, die bereits eine

gewisse Bildung besaßen und die Walter Scott gelesen hatten. Man darf

überzeugt sein, daß Herr Ssenkowski das unabsichtlich und nur aus

Übereilung gesagt hat, denn er hat sich noch nie viel darum gekümmert,

was er sagt, und er weiß im folgenden Artikel schon nicht mehr, was er

im vorhergehenden geschrieben hat.

In seinen Analysen und Kritiken sprach Herr Ssenkowski auch niemals von

dem inneren Charakter des Werkes, das er gerade untersuchte; nie gab er

eine genaue und präzise Bestimmung seines wahren Wertes: seine Kritik

bestand entweder in einem bedingungslosen Lob, in dem der Rezensent sich

von Herzen an seinen eigenen Phrasen berauschte, oder in einem Tadel,

aus dem eine seltsame Bitterkeit sprach. Sie drehte sich um lauter

Kleinigkeiten und beschränkte sich darauf, zwei oder drei Sätze zu

zitieren und sie dem Spott und Hohn preiszugeben. Nie wurde etwas davon

erwähnt, was sich der Schriftsteller in seinem Werke für eine Aufgabe

gestellt, wie er sie ausgeführt, und wenn er sie nicht ausgeführt hatte,

wie er sie hätte ausführen sollen. Vor allem aber beschäftigte sich Herr

Ssenkowski mit allerhand literarischem Unrat und einer großen Menge

aller möglichen seichten Bücher -- über sie machte er sich lustig, ergoß

er seinen Spott und ließ bei dieser Gelegenheit jenem Witz freien Lauf,

der einigen Lesern so wohl gefällt. Schließlich erhob er sogar ein

großes Geschrei wegen der zwei Fürwörter »dieser« und »jener«, die ihm

aus einem unbekannten Grunde mit dem Geiste der russischen Sprache

unvereinbar schienen. -- Über diese zwei Fürwörter schrieb er ganze

Traktate, und alle Aufsätze, die er über irgendein Thema verfaßte,

schlossen immer damit, daß die Fürwörter »dieser« und »jener« durchaus

zu verwerfen wären. Dies erinnerte an den alten Prozeß Tredjakowskis

gegen den Buchstaben y (_is hiza_) und das i (den zehnten Buchstaben des

russischen Alphabets), eine Sache, die erst vor kurzem von einem

Professor von neuem aufgenommen wurde. Ein Buch, in dem Herr Ssenkowski

diesen beiden Wörtlein begegnete, wurde feierlich als schlecht

geschrieben abgelehnt.

Seine eigenen Werke, seine Erzählungen und dergleichen erschienen unter

der Firma Brambeus. Diese Erzählungen und Aufsätze in Form von

Erzählungen fielen allgemein auf durch ihre sklavische und übertriebene

Nachahmung moderner französischer Autoren, besonders weil Herr

Ssenkowski die ganze zeitgenössische französische Literatur schlecht zu

machen suchte. Es ist unbegreiflich, wie wenig Scharfsinn er in diesem

Fall entwickelte und für wie einfältig er seine Leser hielt. Außerdem

ist es ganz unverständlich, weshalb er einigen seiner Aufsätze das

Prädikat »phantastisch« verlieh. Ein absoluter Mangel an Wahrheit, Natur

und Wahrscheinlichkeit genügt noch nicht, um das Prädikat »phantastisch«

zu rechtfertigen. Die phantastischen Werke des Barons Brambeus erinnern

an jene Bücher, die einige Zeit lang in großer Menge erschienen, wie

etwa das folgende: »Wenn's dir nicht paßt, so hör' nicht zu, doch stör'

mich nicht im Lügen« und ähnliche. Hier finden wir dieselbe

Leichtfertigkeit, ja, der Autor macht nicht einmal den Versuch, seine

Gedanken zu rechtfertigen. Erfahrene Leser wollen oft eine ganze Reihe

von Entlehnungen entdeckt haben, die sich der Autor in der Eile und in

der Hast, mit der er weiterstürmte, gestattete; er kümmerte sich nur

wenig um ihren Zusammenhang, und so verlor das, was im Original noch

einen Sinn hatte, in der Kopie jegliche Bedeutung.

Dies waren die Tätigkeit und die Leistungen des Leiters der

»Lesebibliothek«. Wir hielten es für nötig, etwas ausführlicher auf sie

einzugehen, da er in der »Lesebibliothek« Alleinherrscher war, und weil

seine Ansichten sich mit großer Geschwindigkeit zugleich mit den

viertausend Exemplaren des Journals über das ganze Rußland verbreiteten.

Eine Zeitschrift, die mit den vom Buchhändler Smirdin zur Verfügung

gestellten Mitteln herausgegeben wurde, konnte unmöglich ganz schlecht

sein. Sie hatte schon den großen Vorzug, daß jede Nummer einen großen

Umfang hatte und als dicker Band erschien. Das war eine angenehme

Neuerung für die Abonnenten, besonders für die Bewohner unserer Städte

und die Gutsbesitzer auf dem Lande. Die »Bibliothek« brachte mitunter

interessante Aufsätze aus ausländischen Zeitschriften, und in dem

lyrischen Teile begegnete man den Namen der Leuchten unseres russischen

Parnasses. Am besten aber war stets die Rubrik »Vermischtes«, die eine

bunte Menge der neuesten Neuigkeiten enthielt. Dieser Teil hatte etwas

Lebendiges und echt Journalistisches. Die schöne Prosaliteratur, sowohl

die Originale wie die Übersetzungen, die Erzählungen usw. ließen auf

wenig Geschmack und wenig Verständnis bei der Auswahl schließen. In der

»Lesebibliothek« pflegte auch etwas vorzukommen, was bis dahin in

Rußland unerhört war. Der Leiter korrigierte und arbeitete fast alle

Aufsätze um, die in ihr zum Abdruck kamen, und merkwürdigerweise gestand

er das ganz kühn und offen ein: »Bei uns in der >Lesebibliothek<

herrscht ein anderes Prinzip als bei anderen Zeitschriften,« erklärte er

einmal, »wir behalten keine Erzählung in ihrer ursprünglichen Form bei,

alle werden umgearbeitet, zuweilen ziehen wir zwei, zuweilen auch drei

zu einer zusammen, und die Aufsätze gewinnen außerordentlich durch

unsere Umarbeitungen.« Solch eine seltsame Bevormundung war bisher in

Rußland nicht üblich.

Viele Schriftsteller fingen an zu fürchten, das Publikum könne Aufsätze,

die häufig ganz ohne Unterschrift erschienen, oder mit fingierten Namen

gezeichnet waren, für Arbeiten von ihnen halten, und zogen sich deshalb

von der Mitarbeit an dieser Zeitschrift zurück. Die Zahl der Teilnehmer

schmolz so zusammen, daß die Herausgeber bereits im zweiten Jahre keine

lange Liste von Namen aufstellen konnten, sondern nur dunkel andeuteten,

daß sie die besten Schriftsteller zu ihren Mitarbeitern zählten, ohne

sie jedoch zu nennen. Und obgleich die Zeitschrift weder ihr Format noch

auch ihr Wesen änderte, wurden doch die Aufsätze merklich schlechter:

ein gewisser Mangel an Sorgfalt machte sich fühlbar. Schon wurde die

»Bibliothek« in den Hauptstädten weniger gelesen, in der Provinz dagegen

fand sie noch denselben Absatz, und die in ihr vertretenen Anschauungen

verbreiteten sich ebenso rasch. Wenden wir uns jetzt zu den anderen

Zeitschriften.

»Die Nordische Biene« brachte alle offiziellen Nachrichten und erfüllte

in dieser Beziehung ihre Aufgabe. Sie enthielt politische Mitteilungen

und die neuesten Nachrichten des Aus- und Inlands. Ihr Redakteur, Herr

Gretsch, erreichte bei ihrer Leitung eine hohe Stufe der Pünktlichkeit

und Gewissenhaftigkeit, sie erschien immer zur rechten Zeit; in

literarischer Hinsicht aber fehlte es ihr an jeder festen und bestimmten

Note und sie ließ keine starke Hand erkennen, die den in ihr vertretenen

Anschauungen eine bestimmte Richtung gab. Das war eine Art Korb, in den

ein jeder hineinwarf, was ihm gerade in den Sinn kam. Die

Bücherrezensionen, die fast immer wohlwollend waren, wurden von den

Freunden und mitunter von den Schriftstellern selbst geschrieben. In der

»Nordischen Biene« erprobten mancherlei anonyme Autoren, die sich hinter

verschiedenen Buchstaben versteckten, die Schärfe ihrer Federn -- ohne

Zweifel noch recht junge Leute, denn in ihren Aufsätzen machte sich ein

erhebliches Maß von Keckheit bemerkbar. Meist richteten sie ihre

Angriffe auf Leute, die sich gar nicht verteidigen konnten, und auf arme

hilflose Waisen. Auch las man da allerhand geistreiche Bosheiten, die

sich übrigens alle ziemlich ähnlich sahen und gegen allerhand unsaubere

Publikationen richteten. Das Wesen dieser Rezensionen bestand gewöhnlich

darin, daß man das Buch nach allen Richtungen lobte und dann zum Schluß

alle Verantwortung mit den Worten ablehnte: »Übrigens wäre es

wünschenswert, daß der verehrte Herr Autor einige kleine stilistische

und sprachliche Fehler verbessere« oder »Ein gutes Buch verlangt auch

eine gute Ausstattung« und dergleichen, woraufhin sich der Verfasser des

rezensierten Buches gewöhnlich gekränkt fühlte und sich über die

Parteilichkeit des Kritikers beklagte. Die Bücher wurden häufig von

denselben Rezensenten besprochen, die Berichte über die Eröffnung einer

neuen Tabaksfabrik in der Hauptstadt, über Pomoden usw. schrieben; diese

Berichte waren mitunter sehr geistreich, und die darin enthaltenen Witze

ließen auf wohlerzogene Leute schließen, die ohne allen Zweifel gute

Gründe hatten, mit den Fabrikbesitzern zufrieden zu sein. Übrigens

konnte man von der »Nordischen Biene« auch nicht mehr verlangen; dies

war eine stets pünktlich erscheinende, alljährliche Affiche, ihre

Aufgabe bestand darin, das Publikum einzuladen, das Urteil aber überließ

sie dem Leser selbst.

Die Zeitschrift, die den Titel der »Sohn des Vaterlandes« und das

»Nördliche Archiv« trug, blühte die ganze Zeit über im Verborgenen.

Niemand sprach von ihr, niemand berief sich auf sie, trotzdem aber

erschien sie regelmäßig einmal die Woche und war auf ihrer Rückseite ein

so ungeheures Programm abgedruckt, wie man es schwerlich noch

irgendwoanders finden wird. Der »Sohn des Vaterlandes« (so versprach das

Programm) würde Aufsätze über Archäologie, Medizin, Jurisprudenz,

Statistik, russische Geschichte, allgemeine Geschichte, russische

Literatur, ausländische Literatur und endlich noch über Literatur

überhaupt, über Geographie, Ethnographie usw., eine historische Galerie

usw. bringen. Manch ein Leser wird die Hände zusammenschlagen, wenn er

ein solch fürchterliches Programm liest, und meinen, dies wäre die

gewaltigste Enzyklopädie gewesen, die es je in der Welt gegeben hat.

Aber keine Spur davon: statt dessen erschien ein mageres, dünnes

Büchlein im Umfang von drei Bogen, das meist mit einem Aufsatz über

irgendeine Krankheit begann, der nicht einmal von Medizinern gelesen

wurde. Kritische Aufsätze und gar solche von lebendigem aktuellem Inhalt

gehörten keineswegs zu den gewöhnlichen Erscheinungen. Die politischen

Nachrichten dieser Zeitschrift bestanden in denselben trockenen Fakten

aus der »Nordischen Biene« und waren infolgedessen schon alle bekannt.

Dazwischen kamen auch recht merkwürdige Originalerzählungen zum Abdruck;

sie waren ungeheuer kurz und völlig farblos. Und selbst wenn dann einmal

etwas Bemerkenswertes darunter vorkam, so blieb es doch gänzlich

unbeachtet. Die Namen der Redakteure, der Herren Bulgarin und Gretsch,

prangten nur auf dem Titelblatt, und es gab nichts, was darauf

hindeutete, daß sie wirklich an der Herausgabe mit beteiligt waren.

Trotzdem aber existierte das Journal nun einmal, also mußte es doch

Leser und Abonnenten haben. Diese Leser und Abonnenten bestanden aus

allerhand ehrenwerten, alten Herren, die in der Provinz lebten und die

ebensosehr das Bedürfnis hatten, etwas zu lesen, wie nach dem

Mittagessen ein Stündchen zu schlafen und sich zweimal wöchentlich

rasieren zu lassen.

Während dieser ganzen Zeit erschien in Petersburg noch eine rein

literarische Zeitung, die sich gegen das Eindringen wissenschaftlicher

Interessen und anderer ernster Beiträge zu schützen wußte; sie war weder

politisch noch statistisch noch enzyklopädisch, sie trat für die alten

Überlieferungen ein, hatte aber bei alledem einen besonderen Charakter.

Diese Zeitung trug den Titel: »Literarische Beilage zum Invaliden«. In

ihr erschienen kleine Erzählungen und Unterhaltungen ländlicher

Gutsbesitzer über Literatur, diese waren häufig recht trivial,

enthielten jedoch mitunter auch allerhand Bosheiten, die der Wahrheit

sehr nahe kamen: der Leser bemerkte zu seiner Verwunderung, daß die

Gutsbesitzer sich gegen Ende der Artikel in richtige Literaten

verwandelten, die sich das Schicksal der modernen Literatur sehr zu

Herzen nahmen und ihre Urteile mit ätzendem Spotte würzten. Diese

Zeitschrift bekämpfte alle erfolgreichen Literaten, obwohl ihre ganze

Taktik darin bestand, irgendeinen Passus zu zitieren, der auf eine

gewisse Voreiligkeit, wie sie den Journalisten eigen ist, schließen

läßt, und dann von sich aus eine recht boshafte Bemerkung hinzuzufügen,

die nicht länger als eine Zeile und mit einem Ausrufungszeichen versehen

war. Herr Wojeikow war ein eifriger Jäger; er saß wie ein Fischer mit

seiner Angel am Ufer, ohne je die Geduld zu verlieren, obwohl meist nur

kleine Fische auf seinen Köder anbissen, während sich die großen wieder

losrissen und ins Wasser zurückschwammen. Man fühlte deutlich, daß der

Redakteur eine wahrhafte literarische Ader besaß; sein Blick war stets

mit nie erlahmender Aufmerksamkeit auf das journalistische Getriebe

gerichtet. Ich weiß nicht, ob seine Zeitung viele Leser hatte,

jedenfalls aber verdiente sie es, daß man hin und wieder einen Blick in

sie warf.

In Moskau erschien nur eine Zeitschrift: »Das Teleskop« mit einer

kleinen Beilage von einigen Seiten, unter dem Namen »Fama«; diese

Zeitschrift, die zu Anfang sehr lebhaft einsetzte, flaute jedoch sehr

schnell ab und bildete ein buntes Gemisch von allerhand Artikeln ohne

jede literarische Bedeutung. Es war augenfällig, daß die Herausgeber

sich nicht die geringste Mühe gaben und die einzelnen Nummern auf gut

Glück und ohne jede Sorgfalt erscheinen ließen.

Das Monopol, das die »Lesebibliothek« an sich gerissen hatte, mußte alle

übrigen Zeitschriften an ihrer empfindlichen Stelle treffen. Aber die

»Nordische Biene« wurde von demselben Herrn Gretsch herausgegeben,

dessen Name eine Zeitlang auf dem Titelblatt der »Bibliothek« stand,

deren Chefredakteur er angeblich war, obgleich dies Amt, wie wir schon

gesehen haben, nur ein Ehrentitel war; es war daher nur natürlich, daß

die »Nordische Biene« alles, was in der »Bibliothek« erschien, loben und

ihren wahren _Spiritus rector_, der unter einer Reihe von Decknamen

schrieb, einen russischen Humboldt nennen konnte. Aber auch ohne dies

wäre diese Zeitschrift wohl kaum als kräftige Gegnerin in Betracht

gekommen, da sie von keinem einheitlichen Willen geleitet wurde; die

verschiedenen Literaten blickten dort nur hin und wieder, wenn sie es

gerade nötig hatten, hinein. Auch der »Sohn des Vaterlandes« mußte

nachsprechen, was die »Biene« sagte. Und so konnten nur zwei

Zeitschriften gegen seine Anschauungen Front machen. Herr Wojeikow nahm

in der »Literarischen Beilage« einen Anlauf zur Opposition; aber diese

Opposition bestand lediglich in kleinen Bemerkungen über allerhand

journalistische Schnitzer und in ein paar glücklichen Witzen, die sich

in wenigen kurzen Worten und in einem Spott äußerten, der von einzelnen

Literaten sehr gut verstanden, von den Uneingeweihten aber kaum bemerkt

wurde. Niemals ließ er eine ausführliche und gründliche Kritik

erscheinen, die die Richtung der neuen Zeitschrift in irgendeiner Weise

kennzeichnete. »Das Teleskop« arbeitete in Gemeinschaft mit der »Fama«,

und zwar gegen die »Lesebibliothek«, aber es tat dies ohne jede Energie,

Ausdauer und ohne die dazu notwendige Geduld und Kaltblütigkeit. Seine

kritischen Aufsätze waren oft von Ärger über einen glücklichen Neuling

erfüllt; es spottete über den Barontitel des Herrn Ssenkowski, machte

einige richtige Bemerkungen über sein seltsames Kopieren der

französischen Schriftsteller, traf aber nicht den Kern der Sache. In der

»Fama« wiederholten sich dieselben Anspielungen auf Herrn Brambeus, und

zwar oft in der Analyse völlig belangloser Werke. Außerdem schadete sich

»Das Teleskop« außerordentlich durch das verspätete Erscheinen der

Nummern und die mangelnde Sorgfalt, mit der es redigiert wurde; und so

kam es, daß seine kritischen Artikel noch weniger verbreitet waren.

Es ist klar, daß die Kräfte und Mittel dieser Zeitschriften gegenüber

der »Lesebibliothek« kaum in Betracht kamen, die unter ihnen wie ein

Elefant unter winzigen Vierfüßlern erschien. Der Kampf war zu ungleich,

und, wie es scheint, zog man nicht in Erwägung, daß die »Lesebibliothek«

gegen fünftausend Abonnenten hatte, daß die von ihr vertretenen

Anschauungen selbst in solche Gesellschaftskreise drangen, wo man noch

nie etwas von der Existenz des »Teleskops« und der »Literarischen

Beilage« gehört hatte, und daß die Ideen und die in der »Lesebibliothek«

erscheinenden Aufsätze von den Herausgebern derselben »Lesebibliothek«,

die sich hinter verschiedenen Namen versteckten, aufs höchste gelobt und

herausgestrichen wurden, und zwar mit einem Enthusiasmus, der seine

Wirkung auf einen großen Teil des Publikums nie verfehlte; denn was dem

Gebildeten lächerlich scheint, das nimmt der beschränkte Leser in all

seiner Einfalt für bare Münze, und man konnte annehmen, daß bei der

Abonnentenzahl der Bibliothek die Anzahl der letzteren weit größer war;

dazu kommt, daß die meisten Abonnenten der »Lesebibliothek« Neulinge

waren, d. h. solche, die früher noch keine Journale gelesen hatten und

infolgedessen alles für die lauterste Wahrheit hielten, und daß endlich

die »Lesebibliothek« eine starke Stütze in den viertausend Exemplaren

der »Nordischen Biene« fand.

Die Entrüstung über dies unerhörte Monopol wurde schließlich sehr stark.

Endlich entschlossen sich einige Literaten in Moskau dazu, ihre eigene

Zeitschrift herauszugeben. Diese neue Zeitschrift war eine Notwendigkeit

nicht sowohl für das Publikum, d. h. für die größte Zahl der Leser, als

vielmehr für die Literaten, die in verschiedenem Maße unter der

»Bibliothek« zu leiden hatten. Sie war eine Notwendigkeit erstens für

die, die einer Freistatt bedurften, in der sie ihre Anschauungen äußern

konnten, denn die »Lesebibliothek« nahm keine kritischen Aufsätze auf,

wenn sie nicht dem Geschmack des Chefredakteurs entsprachen, und

zweitens für die, die zu ihrem Erstaunen erfahren mußten, wie der

Redakteur die Hand an ihre eigenen Werke legte; denn Herr Ssenkowski war

bereits so weit gelangt, daß er alle der Bibliothek eingesandten Artikel

ohne Ansehen der Person ihrer Autoren einer Bearbeitung unterzog. Er

korrigierte Aufsätze militärischen, historischen, literarischen,

nationalökonomischen Inhaltes usw., und das tat er alles ohne jede böse

Absicht, ohne sich weiter Rechenschaft abzugeben, oder sich dabei von

einem Gefühl der Notwendigkeit und des Anstandes leiten zu lassen, ja,

er dichtete sogar zu einer Komödie von Von-Wisin einen eigenen Schluß

hinzu, ohne zu berücksichtigen, daß diese ja schon ohnedies einen Schluß

hatte.

Dies alles war für die Schriftsteller sehr peinlich, die kein einziges

Organ hatten, in dem sie ihre Klagen vor der Welt und den Lesern

vorbringen konnten.

Aber schon allein das Gerücht von der Gründung eines neuen Journals rief

die Empörung der »Lesebibliothek« wach und veranlaßte sie zu einem

völlig unerwarteten Schritt: sie versicherte ihren Abonnenten und Lesern

mit ungewöhnlichem Eifer, daß die neue Zeitschrift keineswegs gut

gesinnt sei und einen streitsüchtigen Charakter haben würde. Ein

Artikel, der bei dieser Gelegenheit in der »Nordischen Biene« erschien,

war anscheinend von einem Menschen geschrieben, der voller Verzweiflung

seinen vollständigen Zusammenbruch vor Augen sieht. In ihm wurde dem

Publikum mitgeteilt, das neue Journal wolle die »Lesebibliothek«

zugrunde richten, und dies nur deshalb, weil die Herausgeber erklärt

hätten, sie würden eine gleiche Anzahl von Bogen erscheinen lassen wie

die »Lesebibliothek«. Nicht wahr, ein sehr unvorsichtiges Vorgehen? In

solch einem Falle muß man seine selbstischen Gefühle kunstvoll zu

verbergen suchen und den richtigen Moment abwarten, um erst dann dem

Gegner einen wohlgezielten Schlag zu versetzen. Weil ich eine

Zeitschrift herausgebe, soll etwa darum ein anderer keine herausgeben

dürfen? Und wie könnte ich zürnen, wenn mir jemand erklärt, er wolle

mich zum Vorbild nehmen? Sollte ich ihm nicht vielmehr dankbar sein?

Beweist er nicht gerade damit den hohen Grad von Achtung, den ich mir

bei dem Publikum erworben habe? Je mehr Wetteifer, desto mehr Gewinn für

die Leser und die Literaten.

Aber sehen wir zu, in welchem Maße der »Moskauer Beobachter« die

Erwartungen des nach Neuem lüsternen Publikums, die Hoffnungen der

gebildeten Leser, die Erwartungen der Literaten und die Befürchtungen

der »Lesebibliothek« rechtfertigte.

Die neue Zeitschrift hatte, trotz aller ihrer eifrigen Bemühungen, sich

überall bekannt zu machen, doch nicht die Mittel, ihr Erscheinen an

allen Ecken und Enden Rußlands anzukündigen, da die einzigen Herolde und

Verbreiter neuer Nachrichten seine Gegner, die »Nordische Biene« und die

»Lesebibliothek« waren, die natürlich nie eine in wohlwollendem Ton

gehaltene Anzeige über die neue Zeitschrift gebracht hätten. Sie begann

auch erst spät zu erscheinen, nicht zu Beginn des neuen Jahres, also

nicht zu der Zeit, wo gewöhnlich die Abonnements beginnen, und sie

versäumte es, für ein regelmäßiges Erscheinen der Bände und ihre

pünktliche Zustellung zu sorgen. Aber der Hauptgrund für den Mißerfolg

lag doch im Charakter der Zeitschrift selbst. Schon aus den ersten

Bänden, die zur Ausgabe gelangten, konnte man erkennen, daß die Gründung

der Zeitschrift nur die Folge einer leidenschaftlichen Wallung war. Auch

dem »Moskauer Beobachter« fehlte es an einer starken Triebfeder, die die

ganze Zeitschrift im Gange hielt. Der Redakteur ließ sich nur auf dem

Titelblatt sehen. Sein Name war fast völlig unbekannt. Bis dahin hatte

er nur einige wertvolle statistische Aufsätze geschrieben, die indessen

das rein literarisch gebildete Publikum gar nicht kannte. Seine

literarische Richtung war unbekannt. Das war ein großer Fehler der

Herausgeber des »Moskauer Beobachters«. Sie hatten vergessen, daß der

Redakteur immer eine hervorragende Persönlichkeit sein muß. Das ganze

Ansehen einer Zeitschrift ruht auf ihm, auf der Originalität seiner

Anschauungen, der Lebhaftigkeit seines Stils, auf seiner Sprache, die

allgemeinverständlich und immer unterhaltend sein muß, sowie auf der

Frische einer unermüdlichen Wirksamkeit. Aber Herr Androssow trat im

»Moskauer Beobachter« kaum merkbar hervor. Wenn die Herausgeber die

Absicht hatten, einen Redakteur an die Spitze des Blattes zu stellen,

der nur seinen Namen dazu hergab, wie das bei der allgemeinen Trägheit,

die bei uns in Rußland herrscht, üblich geworden ist, dann hätten sie

die redaktionelle Arbeit unter sich verteilen müssen. Aber sie

überließen dem Redakteur die ganze Verantwortung, und der »Moskauer

Beobachter« glich bald einem jener gelehrten Vereine, deren Mitglieder

überhaupt gar nichts tun, ja nicht einmal zu den Sitzungen erscheinen,

während sich der Präsident jeden Tag einfindet, in seinem Lehnstuhl

Platz nimmt und das Protokoll dieser spärlich besuchten Sitzung abfassen

läßt. Immerhin enthielt die Zeitschrift ein paar recht gute Aufsätze und

Gedichte von Jasikow und Baratinski; diese Juwelen unserer russischen

Literatur gereichten ihr zur höchsten Zierde, dennoch aber spürt man in

der Zeitschrift nichts von dem Puls des modernen Lebens oder von einer

regen und bewegten Tätigkeit; auch fehlte es ihr an jener

Mannigfaltigkeit, an der es einem periodisch erscheinenden Blatte nicht

fehlen darf. Die wertvollen Aufsätze, die in dieser Zeitschrift

erschienen, glichen wenigen grünen Oasen, die aus einem ganzen Meer

sandiger Steppen auftauchten. Auch schienen die Herausgeber nur geringe

Kenntnis davon zu haben, was dem Publikum gefällt und was nicht. Oftmals

verfielen auch gute Aufsätze der Langenweile, nur weil sie sich durch

mehrere Nummern hinzogen und stets mit der Unterschrift versehen waren:

»Fortsetzung folgt«. Dies war die Zeitschrift, die die Aufgabe hatte,

den Kampf mit der »Lesebibliothek« aufzunehmen.

Der »Beobachter« begann mit einem oppositionellen Aufsatz von Schewyrew

über die Handelsgeschäfte, wie sie in unserer Literatur aufgekommen

waren. Der Autor zog gegen den Handelsgeist in unserer Gelehrtenwelt zu

Felde, d. h. gegen das allgemeine Bestreben, sich aus der literarischen

Arbeit eine Erwerbsquelle zu schaffen. Der Hauptfehler dieses Aufsatzes

lag darin, daß der Autor seine Aufmerksamkeit nicht auf den Kernpunkt

richtete. Sodann donnerte er gegen alle, die für Geld schreiben, ohne

jedoch die Anschauungen des Publikums über den inneren Wert der Ware zu

widerlegen. Dieser Artikel war nur den Literaten verständlich, bereitete

der »Lesebibliothek« ein Ärgernis, bot jedoch dem Publikum keinerlei

Belehrung, das nicht einmal begriff, um was es sich handelte. Außerdem

war dieser Ausfall sogar völlig unberechtigt, da er sich gegen ein

unverbrüchliches Gesetz jeglicher Tätigkeit richtete. Die Literatur

mußte sich in ein Handelsunternehmen verwandeln, weil die Zahl der Leser

und das Bedürfnis nach Lektüre gewachsen war. Es ist nur natürlich, daß

in solch einem Fall die unternehmungslustigen Menschen, ohne viel

Talent, stets im Vorteil sind, wie bei jedem Handelsgeschäfte; wo ein

gewandter und geriebener Kaufmann einem einfältigen Käufer

gegenübersteht, trägt der erstere den Gewinn davon. Man mußte darauf

hinweisen, worin der Betrug besteht, und nicht die Höhe der Gewinne

abschätzen. Es ist noch kein Unglück, daß ein Literat sich ein

einträgliches Haus oder ein paar Pferde anschafft; das Schlimme ist nur,

daß dem armen Volk schlechte Ware geliefert wurde, und daß es sich noch

etwas auf diese Ware zugute tut. Herr Schewyrew hätte die Aufmerksamkeit

auf die armen Käufer und nicht auf die Händler lenken müssen. Die

Händler sind meist zugereiste Leute; heute sind sie hier und morgen sind

sie weiß Gott wo. Bei dieser Gelegenheit bekam auch der Buchhändler

Smirdin einen sehr ungerechten Vorwurf zu hören: dieser hatte sich

nichts zuschulden kommen lassen und hätte für seinen Unternehmungsgeist

und sein redliches Wirken nichts als Dankbarkeit verdient. Kein Zweifel,

er hat manchen Leuten zuviel Freiheit gelassen, die sich lieber mit

Handelsgeschäften als mit der Literatur hätten beschäftigen sollen. Das

Talent kriecht nicht und schmeichelt nicht, wohl aber die Habgier. Sich

hierüber zu beklagen, wäre ebenso komisch und seltsam, wie wenn man sich

über die Regierung beklagen wollte, wenn man einmal einem kurzsichtigen

Beamten begegnet. Für das Talent ist die Nachwelt da, dieser

unbestechliche Juwelier, der nur reinen Brillanten eine Fassung gibt.

Herr Schewyrew bewies in seinem Aufsatz zwar einen edlen Zorn gegen die

prosaische und unwürdige Richtung in unserer Literatur, aber auf die

Mehrzahl des Publikums machte dieser Artikel nicht den geringsten

Eindruck. Die »Bibliothek« antwortete nur kurz und ganz nach der Art

ihrer gewöhnlichen Taktik; sie wandte sich an die Zuschauer, d. h. an

ihre Abonnenten, und sagte: »Seht, was für eine unvornehme Gesinnung

Herr Schewyrew an den Tag gelegt hat, welchen Mangel an Anstand und an

vornehmen Gefühlen, indem er uns beschuldigte, daß wir nur für Geld

arbeiten, während wir doch ...« usw. Das ist die allgemeine Taktik

unserer Petersburger Zeitschriften und Tagesblätter, sowie ihnen irgend

jemand ihre Habgier und ihre Untätigkeit zum Vorwurf macht, beklagen sie

sich sofort bei dem Publikum über die unanständige Ausdrucksweise und

den unvornehmen Charakter ihrer Gegner und sie erklären, der betreffende

Aufsatz sei nur geschrieben worden, um das Publikum zu reizen und ihm

das Geld aus der Tasche zu locken. Und daher hielten sie es ihrerseits

für ihre heilige Pflicht, das Publikum zu warnen.

Und so kam es denn, daß der Ausfall des »Moskauer Beobachters« an der

»Lesebibliothek« abprallte wie eine Flintenkugel am dicken Fell eines

Nashorns, wobei der plumpe Vierfüßler nicht einmal nieste. Nachdem der

»Moskauer Beobachter« seine Kugel abgeschossen hatte, hüllte er sich in

Schweigen -- ein Beweis dafür, daß er noch gar keinen wohlüberlegten

Aktionsplan entworfen hatte und absolut nicht wußte, wie und womit er

anfangen solle. Man hätte entweder gar nicht anfangen sollen, oder, wenn

man einmal begonnen hatte, nicht so bald wieder aufhören dürfen. Nur

durch eine unablässige Tätigkeit hätte der »Beobachter« durchdringen und

seinen Namen im Publikum bekannt machen können, wie das einstmals dem

»Telegraph« gelungen war, der in der gleichen Weise und unter beinahe

gleichen Verhältnissen gewirkt hatte. Der »Beobachter« ließ bald darauf

noch einige Nummern erscheinen, ohne jedoch auch nur in einer etwas zur

Verteidigung und zur Begründung seiner Anschauungen zu sagen. Endlich,

nachdem schon mehrere Nummern erschienen waren, druckte er einen

Aufsatz, der sich gegen Brambeus richtete und sich auf einen vor

längerer Zeit in der »Bibliothek« abgedruckten Artikel bezog. Dieser

Aufsatz hatte den Namen »Brambeus und die junge Literatur« getragen, und

Brambeus hatte sich in ihr als Gesetzgeber und Schöpfer einer neuen

Schule und als Führer einer neuen Epoche -- der russischen Literatur

bezeichnet.

Dies war allerdings sehr merkwürdig. Es ist ja schon vorgekommen, daß

Literaten sich selbst gelobt haben, indem sie sich entweder den Namen

ihrer Freunde beilegten, oder auch in ihrem eigenen Namen; aber wenn sie

es taten, so geschah es immerhin mit einer gewissen Schamhaftigkeit,

worauf sie es später selbst versuchten, die ganze Sache eigenhändig

wieder zu vertuschen, da sie fühlten, daß sie sich etwas vergeben

hatten. Noch nie aber hat ein Autor sich selbst so frei, so ungeniert

gelobt, wie der Baron Brambeus. Dieser originelle Artikel war allzu

aufsehenerregend, als daß er unbemerkt bleiben konnte. Das »Teleskop«

nahm ihn sich vor und spottete recht kurzweilig aber freilich nur ganz

flüchtig über ihn. Auch Herr Wojeikow wies mit seiner gewöhnlichen

Schlauheit auf ihn hin, und schließlich hatte der Aufsatz auch einen

Artikel im »Moskauer Beobachter« zur Folge. Der Zweck dieses Artikels

war, den Beweis zu führen, aus welchen Quellen das Talent und die

Berühmtheit des Barons Brambeus herstammen, welche Werke fremder Autoren

er benutzt, als ob sie sein eigenes Eigentum wären, kurz, aus was für

Lappen sich Baron Brambeus seinen Schlafrock zusammengeflickt hätte.

Einige anonyme Bücher, die bald danach erschienen, brachten den

»Moskauer Beobachter« in gänzliche Vergessenheit. Selbst die

»Lesebibliothek« hörte schließlich auf, ihn noch weiter zu erwähnen, ein

so ohnmächtiger Gegner war er geworden; sie fuhr nach wie vor fort, über

Wichtiges und Unwichtiges zu scherzen, und schrieb über alles, was ihr

gerade unter die Feder kam.

Dies waren die Taten unserer Zeitschriften. Nachdem wir diese

dargestellt, wollen wir zusehen, ob sie in diesen zwei Jahren etwas

geleistet haben, was in der Geschichte der Literatur niedergelegt zu

werden verdient oder ihr einen eigenartigen Zug aufzuprägen geeignet

wäre, zu was für Anschauungen, was für Meinungsäußerungen sie den Grund

gelegt, was sie festgestellt und welchem Gedanken sie Bürgerrecht

verschafft haben. Ein langes Programm, das Aufsätze über Statistik,

Medizin, Literatur usw. verspricht, hat gar keine Bedeutung. Die

Ankündigung, daß die Kritik wohlwollend, frei von persönlicher

Gehässigkeit und unparteiisch sein werde, bestimmt auch noch kein festes

Ziel. Und doch sollte ein solches Ziel die notwendige Voraussetzung

einer jeden Zeitschrift sein. Selbst die große Zahl der in ihr

erscheinenden Aufsätze hat noch keine Bedeutung, wenn die Zeitschrift

keine eigene Meinung hat, und wenn in ihr keine, und sei es nur eine

einzige Richtung, zum Ausdruck kommt, die auf ein bestimmtes Ziel

hinweist. Die Herausgabe des »Telegraph« hatte doch offenbar den Zweck,

alle möglichen veralteten eingewurzelten, fast mechanisch gewordenen

Gedanken unserer derzeitigen Verfechter des Alten und der Klassiker zu

stürzen. Der »Moskauer Beobachter«, eine der besten Zeitschriften,

obwohl in ihm nicht viel von einer modernen Bewegung zu spüren war,

hätte die Aufgabe gehabt, das Publikum mit den hervorragendsten

Schöpfungen Europas bekannt zu machen, den Kreis unserer Literatur zu

erweitern und uns neue Vorstellungen über die Schriftsteller aller

Zeiten und Völker zu vermitteln. Hier ist nicht der Platz, davon zu

reden, inwieweit diese beiden Zeitschriften ihren Zweck erfüllt haben;

zum mindesten konnten die Leser in ihnen ein solches Streben bemerken.

Aber man sehe sich einmal die Zeitschriften, die in den zwei letzten

Jahren erschienen sind, aufmerksam an; man versuche es, den

Grundgedanken einer jeden festzustellen. Man wird vergeblich nach einem

solchen Grundgedanken suchen. Wenn man einen der Bände aufschlägt, ist

man erstaunt über die Armseligkeit und Belanglosigkeit der Gegenstände,

die dort behandelt werden. Darnach könnte man meinen, in der

literarischen Welt habe auch nicht ein einziges wichtiges Ereignis

stattgefunden. Und dennoch ist

1. der berühmte Schotte gestorben, der große Künder des Herzens, der

Natur und des Lebens, dieser reichste, mannigfaltigste Genius des XIX.

Jahrhunderts;

2. hat in der gesamten europäischen Literatur eine neue

Geschmacksrichtung voller Unruhe, Erregung und Bewegung die Oberhand

gewonnen. Es erschien eine Reihe unreifer, zusammenhangsloser

jugendlicher Werke, die jedoch eine starke Begeisterung und eine

mächtige Glut ausströmten: eine Folge der politischen Gärungen des

Landes, in dem sie entstanden. Diese seltsame Literatur, unruhig wie ein

Komet und ebenso unorganisch wie er, hat Europa lebhaft erregt und sich

schnell bis an alle Enden der literarischen Welt verbreitet. Und

wenngleich diese Erscheinungen einen universellen europäischen Charakter

tragen, so haben sie doch auch auf Rußland einen Einfluß ausgeübt; aber

fassen wir einmal die rein russischen literarischen Ereignisse ins Auge;

3. hat sich hier in hohem Maße die Lektüre von Romanen und trockenen,

langweiligen Erzählungen verbreitet; zugleich machte sich eine

allgemeine Gleichgültigkeit gegen die Poesie geltend;

4. erschienen neue Auflagen der Werke von Derschawin und Karamsin, die

laut nach einer literarischen Kennzeichnung und nach einer wahrhaften,

richtigen Bewertung verlangten, wie die aller übrigen älteren

Schriftsteller; denn in der literarischen Welt gibt es keinen Tod, und

die Toten greifen ebenso in unser Leben ein und handeln und wirken mit

uns wie die Lebenden. Sie verlangten nach einer Rückerstattung dessen,

was ihnen wirklich gebührt; sie forderten die Zurücknahme ungerechter

Anklagen und falscher Wertschätzungen, die ganze Jahre hindurch und auch

heute noch gedankenlos wiederholt werden.

Aber haben denn unsere Zeitschriften auch -- auf Grund strenger

Überlegung -- ausgesprochen, wer Walter Scott war, worin seine Wirkung

bestanden hat, was die moderne französische Literatur bedeutet, unter

welchen Bedingungen sie entstanden ist, woher sie stammt, was die

Ursachen der falschen Geschmacksrichtung waren und worin ihr Wesen

bestand; warum die Poesie von Prosawerken abgelöst wurde; auf welcher

Bildungsstufe das russische Publikum steht, wer dieses russische

Publikum ist, und was die Originalität und Eigenart unserer

Schriftsteller ausmacht?

Vergebens wird der Leser in dieser Richtung nach neuen Gedanken oder

auch nur nach Spuren eines tiefen, gewissenhaften Studiums suchen.

Auf Walter Scott hat man bei uns nur ein wenig geschimpft. Die

französische Literatur wurde von den einen mit einem kindlichen

Enthusiasmus aufgenommen; sie erklärten, die modernen Schriftsteller

wären bis in die tiefsten Geheimnisse des menschlichen Herzens

eingedrungen, die selbst einem Cervantes und Shakespeare verborgen

geblieben wären; andere wieder schmähten sie, ohne selbst zu wissen

warum, während sie selbst Werke im Geschmack dieser Schule schrieben,

nur mit dem Unterschied, daß diese noch mehr Unsinn und mehr Torheiten

enthielten. Die Frage: warum bei uns fade Romane und Erzählungen einen

solchen Erfolg haben, hat keinen von ihnen beschäftigt, statt dessen

brachten sie zu den schon existierenden noch ihre eigenen auf den Markt.

Über unser Publikum sagten sie nur, es sei ein hochachtbares Publikum

und es müsse sich auf alle Zeitschriften und alle möglichen Blätter

abonnieren, denn diese könne ein jeder lesen: der Familienvater wie der

Kaufmann, der Militär wie der Literat; über Derschawin, Karamsin und

Krylow hatten sie gar nichts zu sagen, oder sie wiederholten einfach

dasselbe, was ein Kreisschullehrer seinen Schülern erzählt, und halfen

sich mit einem paar banalen Phrasen.

Worüber schrieben also unsere Journalisten? Sie sprachen von den

beliebtesten und nächstliegendsten Dingen, sie redeten von sich selbst,

lobten in ihren Zeitschriften ihre eigenen Aufsätze, waren

ausschließlich mit sich selbst beschäftigt und schenkten allen anderen

Gegenständen höchstens eine kühle, leidenschaftslose Beachtung. Alles

Große und Außerordentliche schien unsichtbar geworden zu sein. Ihre

gleichgültige Kritik richtete sich auf Gegenstände, die kaum der Rede

wert waren.

Worin bestand nun der eigentliche Charakter dieser Kritik? Was in ihr am

deutlichsten zum Ausdruck kam, war folgendes:

1. Eine starke Mißachtung der eigenen Meinung. Fast nie hatte man den

Eindruck, daß der Kritiker seine Tätigkeit für etwas Wichtiges hielt,

mit einem Gefühl der Ehrfurcht, und nachdem er sich die Sache zuvor

überlegt hatte, an sie heranging; daß er, während er seine Feder führte,

an die kleine Zahl seiner Zeitgenossen gedacht hätte, die eine höhere,

edlere Bildung besaßen und vor denen er für jedes seiner Worte

Rechenschaft ablegen mußte. Die Kritik in unseren Zeitschriften war

meist eine Art Possenreißerei. Was tat man, wenn man das Buch eines

Schriftstellers lobte, den man protegieren wollte? Man sagte nicht etwa

einfach: »dieses Buch ist gut,« oder »es verdient in dieser und jener

Hinsicht Anerkennung,« o nein: die Rezensenten erklärten, »dieses Buch

ist wundervoll, ganz außergewöhnlich, es ist unerhört genial, es ist das

beste russische Buch; es kostet fünfzehn Rubel, der Autor steht hoch

über Walter Scott, Humboldt, Goethe und Byron. Kaufen Sie dies Buch,

lassen Sie es sich einbinden und stellen Sie es in Ihre Bibliothek,

kaufen Sie auch die zweite Auflage und stellen Sie sie gleichfalls in

Ihre Bibliothek, es kann nie schaden, wenn man zwei Exemplare von einem

guten Werk besitzt.« Der größte Teil der Bücher wurde ohne jede

Überlegung und ganz kritiklos verherrlicht. Wenn man alle Bücher

zusammenzählen wollte, die als erstklassig angepriesen wurden, so könnte

wohl jemand glauben, es gäbe in der ganzen Welt keine reichere Literatur

als die russische; wenn ihn nicht -- freilich erst nach einiger Zeit --

die widersprechenden Urteile derselben Rezensenten über dieselben Werke

nachdenklich und stutzig machen müßten. Und dieselbe Maßlosigkeit trat

in den abfälligen Urteilen über Werke von Autoren hervor, die sich den

Haß oder die Abneigung des Kritikers zugezogen hatten. Und so ergoß sich

sein Zorn ebenso rückhaltslos, indem er einem momentanen Gefühl nachgab.

2. Der literarische Unglaube und die literarische Unbildung. Diese

beiden Eigentümlichkeiten haben sich in der letzten Zeit in unserer

Literatur besonders verbreitet. Nie findet man den Namen von

Schriftstellern erwähnt, die ihre Laufbahn bereits vollendet haben, und

die, von der Sonne des Ruhmes umstrahlt, von ihrer Höhe auf uns

herabblicken. Kein Rezensent hat seine Augen ehrfürchtig zu ihnen

erhoben und ihnen Beachtung geschenkt. Fast nie begegnet man den Namen

eines Derschawin, Lomonossow, Von-Wisin, Bogdanowitsch, Batjuschkow usw.

auf den Seiten unserer Zeitschriften. Nie hört man was über ihren

Einfluß, der auch heute noch fortdauert und sich heute noch bemerkbar

macht. Nie werden sie zur Vergleichung mit der heutigen Epoche

herangezogen. Es ist, als wäre unserem Zeitalter die Wurzel

abgeschnitten, als gäbe es keinen Ursprung, von dem wir herstammten, und

als gäbe es für uns keine Geschichte unserer Vergangenheit. Diese

literarische Unbildung verbreitet sich hauptsächlich unter den jüngeren

Rezensenten, so daß unsere zeitgenössische, kritische Literatur wie

etwas Fremdes, Angeschwemmtes erscheint. Ein, zwei Jahre vergehen, und

die Reden, die anfänglich ziemlich laut und rege waren, verstummten und

verhallten wie ein Ton ohne Resonanz oder wie eine Phrase, die auf dem

gestrigen Ball fiel. Die Namen der Schriftsteller, die ihren Ruhm längst

fest begründet, und die Namen derer, die erst nach einem solchen

streben, sind zu einem bloßen Spielzeug geworden. Der eine Rezensent

richtet die wieder auf, die sein Gegner fallen gelassen hat, und das

alles geschieht ohne jede Kritik ganz gedanken- und ideenlos. Häufig

verdankt ein Name seinen Ruhm dem Streit zweier Rezensenten. Von den

Schriftstellern unseres Vaterlandes wird nicht geredet, dafür beginnt

jeder Rezensent, selbst wenn er über ein ganz unbedeutendes, belangloses

Buch schreibt, unbedingt mit Shakespeare, den er nie gelesen hat. Es ist

heutzutage eben Mode, von Shakespeare zu reden -- also her mit dem

Shakespeare! Er erklärt: »Wir wollen das vorliegende Buch von folgendem

Gesichtspunkt aus betrachten. Sehen wir zu, inwieweit unser Autor mit

Shakespeare übereinstimmt,« und dabei ist das Buch, das analysiert

werden soll, -- ein barer Unsinn, der ohne jegliche Absicht, mit

Shakespeare zu rivalisieren, geschrieben ist, und höchstens mit dem

Geist und der Ausdrucksweise des Rezensenten selbst Ähnlichkeit hat.

3. Der Mangel an einer rein ästhetischen Genußfähigkeit und an

Geschmack. In den Moskauer Journalen findet man noch hin und wieder

einen gewissen Geschmack oder eine Art Liebe zur Kunst, die Kritik der

Petersburger Zeitschriften, besonders die der sogenannten »anständigen«

dagegen ist außerordentlich dürftig. Die besprochenen Werke werden hoch

über die Byrons, Goethes usf. erhoben. Aber nirgends gewinnt der Leser

den Eindruck, daß dies der Ausfluß eines Gefühls, ein Zeichen des

Verständnisses ist, daß es aus der Tiefe einer dankerfüllten,

tiefergriffenen Seele hervorquillt. Ihr Stil ist trotz seiner äußeren

oft verschnörkelten, glänzenden Prunkhaftigkeit von einer ertötenden

Kälte. Nur dann merkt man ihm eine gewisse Lebhaftigkeit und einen

leidenschaftlichen Schwung an, wenn sich der Rezensent an einer wunden

Stelle getroffen, wenn er sich in seiner persönlichen Würde getroffen

fühlt. Die Gerechtigkeit verlangt, daß wir hier die Kritiken von

Schewyrjow erwähnen, die eine lobenswerte Ausnahme bilden. Er teilt uns

seine Eindrücke in der Form mit, wie seine Seele sie aufnimmt. Aus

seinen Aufsätzen spricht stets ein Mensch, der nachdenkt, ja, der sich

mitunter vom ersten Eindruck fortreißen läßt.

4. Die Kleinheit der Gedanken und ein kleinliches Prahlen. Wir haben

schon gesehen, daß die Kritik sich nie mit bedeutenden Fragen

beschäftigte. Die Aufmerksamkeit der Rezensenten war stets auf eine

ganze Reihe inhaltsloser Bücher gerichtet, nicht etwa deshalb, um sie zu

analysieren, sondern um die Liebenswürdigkeit des Kritikers zu beweisen

und die Leser zum Lachen zu bringen. In wie hohem Maße die Kritik mit

allerhand Torheiten und albernen Streitereien beschäftigt war, konnten

die Leser bereits aus dem berühmten Prozeß gegen die beiden armen

Fürwörter »_dieser_ und _jener_« ersehen. So weit also ist es allmählich

mit der russischen Kritik gekommen!

Wer aber waren denn die, die bei uns über die Literatur redeten? Während

dieser Zeit ließen weder Schukowski, noch Krylow, noch Fürst Wjasemski

ihre Meinung hören, auch die, die noch vor kurzer Zeit eine Zeitschrift

herausgegeben hatten, die in mancherlei Aufsätzen ihre eigene Stimme

erhoben und einen eigenen Geschmack und wirkliche Kenntnisse an den Tag

gelegt hatten, waren verstummt: kann man sich da noch über solche

Zustände in unserer Literatur wundern?

Warum schwiegen denn die Schriftsteller, die in ihren Werken ein echtes

ästhetisches Gefühl offenbart hatten? Hielten sie es für unter ihrer

Würde, in die Sphäre der Tagesliteratur hinabzusteigen, wo gewöhnlich

allerhand Kämpfer laut miteinander im Streite liegen? Wir haben kein

Recht, hierüber zu entscheiden. Wir wollen hier nur bemerken, daß eine

Kritik, die von echtem Geschmack und einem tiefen Verstand geleitet

wird, daß die Kritik eines hochbegabten Talentes gleichwertig ist mit

jeder originalen Schöpfung: aus ihr lernen wir den Schriftsteller, den

sie analysiert, und in noch höherem Maße den Kritiker selbst kennen. Die

Kritik eines Talentes überlebt das ephemere Dasein einer Zeitschrift.

Für die Geschichte der Literatur ist sie geradezu unschätzbar. Unsere

Literaturgeschichte ist noch jung. Sie hat nur wenige Koryphäen

hervorgebracht; aber für die Kritik eines Denkers bietet sie ein reiches

Feld dar und Arbeit für viele Jahre. Unsere Schriftsteller haben sich

eine völlig eigenartige Form geschaffen; trotz des gemeinsamen Zuges

unserer Literatur, der Neigung zur Nachahmung, enthalten sie doch rein

russische Elemente, ja selbst die Art, wie wir nachahmen, hat einen ganz

besonderen nordischen Charakter an sich und stellt auch in der

europäischen Literatur eine beachtenswerte Erscheinung dar. Aber genug

davon. Wir wollen diese Ausführungen mit dem aufrichtigen Wunsch

schließen, daß sich bei uns im kommenden Jahr eine lebhaftere Tätigkeit

entwickeln, und bei einer größeren Anzahl von Zeitschriften die

Abhängigkeit vom Monopol immer mehr verschwinden möge, auf daß dadurch

bei allen ein lebhafterer Wetteifer entbrenne, ihre Bestimmung zu

erfüllen. Zum mindesten macht sich schon heute darin ein tröstliches

Streben bemerkbar, daß einzelne Zeitschriften versprechen, im kommenden

Jahre der Herausgabe ihrer Bände mehr Sorgfalt zuzuwenden als früher.

Die Verleger des »Sohnes des Vaterlandes« und des »Teleskop« haben von

Verbesserungen gesprochen. Man kann kaum daran zweifeln, daß bei

größerer Mühewaltung mehr geleistet werden kann. Jedenfalls begleiten

wir unseren Wunsch mit herzlicher Aufrichtigkeit und der heißen

Fürbitte: Möge das Streben aller und eines jeden einzelnen

tausendfältige Frucht tragen; je uneigennütziger und gewissenhafter

seine Tätigkeit sein wird, um so mehr wohlverdiente Anerkennung und

Dankbarkeit möge ihm zuteil werden.

II

Petersburger Skizzen

1836

I

Seltsam -- wohin nur die Residenz Rußlands verschlagen ward --: Bis ans

Ende der Welt. Ein merkwürdiges Volk, diese Russen. Einst besaßen sie in

Kiew eine Hauptstadt, da war es zu heiß, da war es nicht kalt genug; und

so siedelte denn die russische Residenz nach Moskau über -- doch nein,

auch hier war's noch nicht kalt genug. Herrgott! Also her mit

Petersburg! Aber wie wildfremd sind sich dafür auch Mutter und Sohn! Was

für eine Landschaft! Was für eine Natur! Die Luft ist mit Nebel erfüllt,

die blasse, graugrüne Erde ist mit verkohlten Baumstümpfen, Tannen,

Kiefern und kleinen Erdhügeln bedeckt ... Noch gut, daß einen die

blitzschnell vorüberfliegenden, schnurgeraden Chausseen und die

russische Troika mit Sang und Klang wie im Sturmwind an ihnen

vorbeitragen. Und welch ein Unterschied -- welch ein Unterschied

zwischen den beiden. Moskau ist noch bis heute ein langbärtiger

russischer Bauer -- Petersburg dagegen ist schon ein gewandter Europäer.

Wie sich das alte Moskau weit ausgedehnt, wie es in die Breite gewachsen

ist! Und wie hat sich dagegen das stutzerhafte Petersburg

zusammengezogen und in die Länge gestreckt! Von allen Seiten ist es von

Spiegeln umstellt, hier die Newa, dort der Finnische Meerbusen!

Wahrhaftig, es fehlt ihm nicht an Gelegenheit, sich selbst anzuschauen,

sich zu bespiegeln! Bemerkt es nur das kleinste Stäubchen oder Flöckchen

auf seinem Kleide, so wird's sofort entfernt. Moskau ist ein altes

Hausmütterchen, es bäckt seine Pfannkuchen, sitzt daheim, sieht sich die

Dinge von ferne an und läßt sich, ohne sich vom Sessel zu erheben,

erzählen, wie es in der Welt hergeht. Petersburg dagegen ist ein flotter

Bursche, der nie zu Hause sitzt, der immer gut angezogen ist, sich für

Europa schön macht und den Ausländern zunickt. In Petersburg ist alles

in steter Bewegung, vom Keller bis hinauf zur Dachkammer; um Mitternacht

fängt man an, französische Brötchen zu backen, die am nächsten Morgen

allesamt von der aus den verschiedensten Volksstämmen zusammengesetzten

Bevölkerung verzehrt werden; während der Nacht leuchtet bald eins seiner

Augen, bald das andre. Während der Nacht liegt ganz Moskau in tiefem

Schlaf, am Morgen aber schlägt es ein Kreuz, verneigt sich nach allen

vier Himmelsrichtungen und fährt dann mit seinen Kalatschi[14] auf den

Markt. Moskau ist _weiblichen_[15], Petersburg männlichen Geschlechts.

In Moskau gibt es lauter Bräute, in Petersburg lauter Freier. Petersburg

gibt mehr acht auf seine Kleidung, hat die grellen Farben nicht gern,

ebensowenig wie alle kühnen Abweichungen von der Mode, Moskau dagegen

verlangt, daß, wenn's schon eine Mode geben soll, diese auch nach allen

Regeln durchgeführt werde; trägt man lange Taillen -- dann müssen sie

noch viel länger werden; werden große Frackaufschläge getragen, dann

sind sie hier so groß wie das Tor einer Scheune. Petersburg -- ist ein

Mensch von peinlicher Akkuratesse -- ein echter Deutscher, es erwägt

alles und rechnet alles nach, und ehe es eine Abendgesellschaft gibt,

tut es einen Blick in die Tasche; Moskau -- ist ein russischer Edelmann,

wenn er sich einmal amüsiert, dann amüsiert er sich so, daß er hinfällt,

und kümmert sich nicht darum, ob er mehr ausgibt, als er in der Tasche

hat. Moskau liebt die goldene Mittelstraße nicht. Alle Moskauer

Zeitschriften bringen am Schluß jeder Nummer, sie mögen einen noch so

gelehrten Inhalt haben, immer ein Modebild; die Petersburger

Zeitschriften bringen nur selten Illustrationen als Beilage, aber wenn

sie einmal eine beifügen, dann kriegt ein Leser, der das nicht gewöhnt

ist, einen Schreck. Die Moskauer Zeitschriften reden von Kant, Schelling

usf. usf., in den Petersburger Journalen wird nur vom Publikum und über

die gute Gesinnung geschrieben ... In Moskau halten die Zeitschriften

Schritt mit dem Jahrhundert, verspäten sich aber bei Zustellung ihrer

Nummern; in Petersburg halten die Journale nicht Schritt mit dem

Jahrhundert, dafür erscheinen sie mit großer Pünktlichkeit zur

festgesetzten Zeit. In Moskau bringen die Literaten ihr Geld durch, in

Petersburg verdienen sie welches. In Moskau fährt alle Welt in dichte

Bärenpelze eingehüllt -- und meist zu einem Diner; in Petersburg läuft

alles in Friesröcken herum, die Hände tief in die Taschen vergraben, und

fliegt in höchster Eile zur Börse oder ins Bureau. Moskau amüsiert sich

bis 4 Uhr morgens und verläßt am nächsten Tage das Bett nicht vor 2 Uhr.

Petersburg amüsiert sich auch bis 4 Uhr morgens, und doch eilt es am

andern Tage, als ob nichts passiert wäre, schon um 9 Uhr in seinem

Friesrock in die Kanzlei. Nach Moskau kommt Rußland mit vollen Taschen

und kehrt erleichtert wieder zurück. Nach Petersburg kommen die Leute

mit leerem Beutel und fahren mit einem hübschen Kapital nach allen

Himmelsgegenden auseinander. Nach Moskau kommt Rußland in

Winterschlitten auf holperigen Winterwegen gefahren, um zu kaufen und zu

verkaufen: in Petersburg läuft das russische Volk im Sommer zu Fuß, um

bei einem Bau Beschäftigung zu finden und um zu arbeiten. Moskau -- ist

die große Vorratskammer, hier türmt sich Ballen über Ballen, und den

kleinen Händler beachtet es kaum. Petersburg ist ganz in kleine Stücke

zersplittert, hat sich in lauter Läden und Kaufhäuser aufgelöst und

macht Jagd auf die ärmeren Käufer. Moskau sagt: »Wenn der Käufer mich

braucht -- wird er mich schon finden!« Petersburg fährt Ihnen mit seinen

Aushängeschildern direkt unter die Nase, verkriecht sich mit seinem

»Weinausschank« bis unter den Fußboden Ihrer Wohnung und bringt seine

Droschkenhaltestellen geradewegs in Ihrem Haustor unter. Moskau sieht

über seine eigenen Einwohner hinweg und sendet seine Waren nach ganz

Rußland; Petersburg verkauft seine Krawatten und seine Handschuhe an

seine eigenen Beamten. Moskau ist eine große Markthalle; Petersburg --

ein heller Kaufladen. Moskau ist für Rußland eine Notwendigkeit. Rußland

ist eine Notwendigkeit für Petersburg. In Moskau begegnet man nur selten

einem Frack mit Uniformknöpfen, in Petersburg hat jeder Frack solche

Knöpfe. Petersburg macht sich gern über die Unbeholfenheit und

Geschmacklosigkeit Moskaus lustig. Moskau spottet über Petersburg, weil

hier nicht gut russisch gesprochen wird. In Petersburg spazieren um 2

Uhr auf dem Newsky-Prospekt Leute, von denen man meinen könnte, sie

seien aus den Modebeilagen der Journale, die in den Schaufenstern

ausliegen, entsprungen; sogar ganz alte Damen haben hier so dünne

Taillen, daß man lachen muß; in Moskau trifft man stets inmitten der

Masse modern gekleideter Spaziergänger eine alte Frau mit einem

Kopftuch, die keine Spur von Taille hat. Ich könnte noch mancherlei

sagen, allein es ist --

[Fußnote 14: Eine Art Semmel.]

[Fußnote 15: Moskau = russisch Moskwa ist weiblichen, Petersburg spr.

Pitirburg -- männlichen Geschlechts.]

»Ein Abstand von ganz ungeheurer Größe! ...«

Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom · 第 23 / 32 题