So ein Leben führten die Friesen und Chauken am Ufer der Nordsee, dann

ein wenig weiter die gewaltigsten unter den Korsaren des Nordens, die

Sachsen, ferner in Holstein die Cimbern, an der Ostsee die Goten, die

Wariner, die Rugier und Burgunder und in Preußen die Longobarden, die

Vandalen und die Heruler. Außerdem gab es in Mitteldeutschland noch eine

ganze Reihe von Abkömmlingen dieser Stämme, die ganz verborgen in

Wäldern und Sümpfen lebten; während der häufigen Schlachten und Kämpfe

zwischen den einzelnen Stämmen wurden sie aus ihren Verstecken

hinausgedrängt und sahen sich nun gezwungen, Plätze aufzusuchen, bis zu

denen kein Mensch vordringen konnte. Auch die Berge der Alpen und der

Karpathen bargen eine Menge von Fetzen oder Überresten verschiedener

Stämme in sich: gallische, germanische und wendische Völker, die in dem

wilden Europa herumvagabundierten. Der Nordwesten des Erdteils konnte

infolge seiner ungeheuren Unfruchtbarkeit und Armut und seiner langen,

öden und ungeheueren Strecken keine starken Völker hervorbringen und

großziehen. In seinen weit verstreuten, obdachlosen, verwaisten

Bewohnern -- den Finnen, und den Abkömmlingen estnischer Stämme erstarb

alles Leben, ebenso wie in der Natur jener Gegenden.

Dies war jene besondere Welt in dem wilden Europa! _Das_ waren die

Völker, deren gewaltige Kraft die Römer vor allem an sich erfahren

sollten. Und wenn das Weltreich nicht schon viel früher zusammenbrach,

so liegt der Grund nur in der ungeheuren Zersplitterung der germanischen

Völker, in der Bodenbeschaffenheit Europas, die sie hinderte, zu einem

Ganzen zu verschmelzen, in der Einfachheit ihrer Sitten, die sie

veranlaßten, sich mit den rohen Erzeugnissen ihres Landes zu begnügen,

in dem für diese nur auf die Zerstörung ausgehenden Wilden so

bezeichnenden Mangel an Habgier, in ihrem seßhaften Leben und in ihrer

Liebe zur Freiheit, die sie immer wieder zwang, sich in die Tiefe der

Wälder zurückzuziehen. Die Römer waren sich der Gefahr voll bewußt, die

ihnen von der frischen Kraft dieser europäischen Völker her drohte. Und

daher waren sie darauf bedacht, keine Grenze des Reiches, weder die

asiatische im Osten, noch die afrikanische im Süden, so zu schützen und

zu befestigen, wie die europäische im Norden. Hier, kann man wohl sagen,

konzentrierte sich ihre ganze militärische Schutzmacht. Und man muß

zugeben, daß die Verteidigungsmaßregeln, die während der damaligen Lage

des an Erschöpfung zugrunde gehenden Reiches aufgeboten wurden, sehr

vernünftig waren. Das römische Reich überließ seine gefährdeten Grenzen

den frischen, kriegerischen Völkern, die sie am besten verteidigen

konnten und sich anfänglich mit wenigem begnügten. Aber es muß zur Ehre

der germanischen Völker gesagt werden, daß nur die äußerste Not sie

zwang, dieses Geschenk Roms anzunehmen. Diese Abhängigkeit erschien

ihnen wie Sklaverei, und sie eilten wieder in die Tiefe ihrer Wälder

zurück -- um dort ein Versteck für ihre Freiheit zu suchen. Die

Anschläge der Römer zwangen sie, starke Bündnisse miteinander zu

schließen, aber diese Bündnisse waren nie offensiver Natur, ihr Zweck

bestand immer nur darin, die Freiheit, die den Germanen teurer als alles

war, vor Gefahren zu schützen. Eins von diesen Bündnissen, das unter dem

Namen des fränkischen Bundes bekannt wurde, wuchs und erstarkte dank der

günstigen Lage des Landes und dem immer heftiger werdenden Ansturm

seitens aller andern Stämme. Die verschiedenen Völker, die ihm

beitraten, hatten einen Teil von Westfalen und Hessen besetzt und sich

so eng miteinander verschmolzen, daß sie schließlich nur eine Nation

unter dem Namen der Franken bildeten. Doch dieses Bündnis wäre den

Römern nie so gefährlich geworden, und ganz Deutschland hätte sich auch

weiter nicht geregt, wenn nicht eine fremde Kraft, d. h. Völker, die aus

Asien kamen, einen Druck auf die Germanen ausgeübt hätte. Der östliche

Teil Europas war äußerst gefährlich wegen seiner weiten Ebenen. Das war

ein weitgeöffnetes Tor nach Westeuropa, der große Weg, auf dem die so

verschieden gearteten Völker eines nach dem andern herangezogen kamen,

hier waren auch die Wälder bedeutend häufiger niedergebrannt, wie in

anderen Gegenden; auch die Sümpfe waren hier am frühesten ausgetrocknet

und mit jedem Jahrhundert wurde dieser Weg freier und bequemer für die

großen Völkerzüge. Die weiten offenen Flächen gaben den Völkern und

Stämmen die Möglichkeit, sich zu großen Massen zu vereinigen, und

eigneten sich ungemein für ein Nomadenleben, das seinerseits günstige

Gelegenheiten zu Angriffen in großem Maßstabe bietet. Ein ganzes Volk

konnte plötzlich seine fliegenden Wohnsitze verlassen und mit seiner

ganzen Masse einen furchtbaren, unwiderstehlichen Überfall auf ein

andres ausführen.

Eins von den germanischen Völkern ward früher denn alle übrigen dazu

bestimmt, eine allgemeine Völkerbewegung hervorzurufen. Dieses Volk

waren die Goten[11], ein Volk, auf dem ein furchtbarer Fluch zu lasten

schien, der es zu ewigem Wanderleben verurteilte. Die Goten mußten lange

herumirren, bald erschienen sie in Skandinavien, bald an den beiden

Küsten der Ostsee und endlich im weiten Osten Europas. Nach dem Zeugnis

des Geschichtsforschers Jornandes saßen sie ursprünglich in

Skandinavien. Es ist sogar möglich, daß dies eins der Urvölker Europas

war. Nachdem sie ihre schneebedeckte Heimat verlassen hatten, drangen

sie bis an die Küsten Preußens und riefen eine große allgemeine

Umwälzung hervor. Sie verdrängten die Vandalen, die Longobarden, die

Heruler, die Burgunder und Sachsen aus jenen Landstrichen und zwangen

sie gegen ihren eigenen Willen, sich am eifrigsten an der Zerstörung des

weströmischen Reiches zu beteiligen. Die allgemeine Erschütterung machte

sich in ganz Europa bemerkbar: diese ganze Kette der mächtigen

baltischen Stämme näherte sich den Grenzen Roms, drängte viele Stämme

ins Gebirge und in die Sümpfe zurück, konzentrierte ihre Kräfte noch

mehr und machte so die Römer mit neuen Völkern bekannt. Von nun an

konnte man Herulern, Vandalen und Longobarden in ihren Armeen begegnen.

[Fußnote 11: Über die Goten siehe Prokop, Jornandes, Gibbon.]

Unterdessen hatten die Goten, nachdem sie vor sich her einen Weg gebahnt

hatten, die am Ufer der Donau lebenden Völker, die Markomannen und die

Quaden, teils vertrieben, teils unterworfen; nun vereinigten sie sich in

großen Massen in den südlichen Ebenen Daciens und zogen zusammen mit den

unterjochten Stämmen dem Schwarzen Meere entgegen. Je mehr sie nach

Süden vordrangen, desto besser wurde der Weg, und um so schneller

vollzog sich ihre Wanderung. Endlich erschienen sie mitten in

Griechenland und in Kleinasien und brannten die Küsten des Schwarzen

Meeres nieder. Chalcedon und Ephesus wurden eingeäschert. Athen wurde in

furchtbarer Weise und schonungslos zerstört. Kaiser Decius erkannte die

Gefahr, die den östlichen Grenzen seines gewaltigen Reiches drohte; er

führte selbst seine Truppen gen Osten und fiel in der Schlacht mit der

Waffe in der Hand, während sein Heer im Westen gegen die Vandalen,

Heruler und Sueven kämpfte, die von den Goten aus ihrer Heimat

vertrieben worden waren. Mit Beute beladen kehrten die Goten zurück,

besetzten das heutige Rußland, erhielten auf Grund eines Vertrages mit

den Römern ganz Dacien und setzten sich hier fest. Sie rissen die

Herrschaft über die Völker, die an den Ufern der Donau wohnten, an sich

und beunruhigten das sorglose Kaiserreich durch ihre Gegenwart. Als die

Imperatoren, diese mächtigen Beherrscher der Welt, durch eigene

schmerzliche Erfahrung den wilden Mut der Goten kennen gelernt hatten,

beschlossen sie, sie in ihre Armee aufzunehmen und diesem

unüberwindlichen Volk von Barbaren Sold zu bezahlen. Dadurch gewannen

sie sich kräftige Verteidiger, zugleich aber zogen sie sich mächtige

Feinde heran, denn sie enthüllten ihnen die Geheimnisse einer

wohlausgebildeten Taktik, die ihnen später ein noch größeres Übergewicht

verleihen mußte. Übrigens aber war die Strategie der Goten auch schon

ohnedies unüberwindlich. Sie vereinigten in sich die Taktik der

leichtbeweglichen Wandervölker und die der ansässigen bodenständigen

Stämme. Sie formierten sich in gewaltigen, dichtgedrängten Massen und

zeigten die gleiche Standhaftigkeit im Ansturm des ersten Angriffs, wie

während des Höhepunktes der Schlacht oder bei ihrem Ausgang, wo ihre

Kraft allmählich erlischt. Eine Schlacht mochte sich noch so lange

hinziehen, es war unmöglich, die Reihen der Goten ins Wanken zu bringen.

Sie begleiteten ihren Angriff, gleich anderen germanischen Stämmen, mit

Gesängen. In ihren Liedern verherrlichten sie die Namen ihrer alten

Helden: Fridigern, Vidicula Ethespamar und anderer. Die geistliche

Obergewalt lag in den Händen eines einzelnen, dieser war zugleich König,

Heerführer und Oberpriester; trotz alledem aber hing er von dem Rate der

Tapferen ab.

Bei den Goten herrschte von Urzeiten an das königliche Geschlecht der

Balten, und nur aus diesem Geschlecht durfte ihr König gewählt werden.

Sie beteten Wotan an, der im grauen Altertum zusammen mit Odin, diesem

nordischen Ulyß[12], ihr Heerführer gewesen war. Von allen germanischen

Stämmen waren die Goten am meisten zur Assimilation der Kultur befähigt.

Bis zur Mitte des IV. Jahrhunderts wurde die Macht der Goten von den

Völkern, die an der Donau sowie von denen, die im Westen und Osten des

heutigen Rußland saßen, anerkannt. Der Name ihres Königs Hermanrich

stand in hohen Ehren an den Ufern des Schwarzen Meeres sowohl als auch

in Livland. Allein die gotische Herrschaft wurde durch den großen

Völkerzug der Hunnen, die aus Asien hereinbrachen, erschüttert.

Die Hunnen oder Hjongnu waren nach de Guignes ein mächtiger Volksstamm,

der die großen Steppen der Tatarei und der Mandschurei bewohnte und

China in Unruhe versetzte; da sie jedoch der verschlagenen chinesischen

Politik nicht gewachsen waren, wurden sie allmählich den chinesischen

Kaisern tributpflichtig. Allein ein großer Teil der Hunnen erhob sich

mit seinen Wagen und Roßherden und zog nach Westen, besetzte die Länder

jenseits des Kaspischen Meeres und entzog sich so den Blicken Chinas.

Ihre Ansiedelung an den Ufern des Kaspischen Meeres verlegen die

römischen Historiker in die Zeit Domitians. Es ist hier vielleicht am

Platz, darauf hinzuweisen, daß die gebildete griechisch-römische Welt

jener Zeit bis zur Regierungszeit des Kaisers Valens gar nicht einmal

wußte, daß dieses Volk existiert, bis plötzlich die aus den Gebirgen

Asiens hervorbrechenden Hunnen und mit ihnen die Avaren, Unnuguren,

Usenguren (Uturguren, Cuturguren) und alle die anderen Völker vor ihnen

auftauchten, deren Namen für das feine und zugleich korrumpierte Gehör

der Griechen und Römer einen so rohen Klang hatten. Der verheerende,

unabwendbare Andrang dieser Bewohner Asiens, ihre Gewohnheit, rohes

Fleisch zu essen, die Schädel der Feinde als Becher zu benutzen und die

ersten besten unter ihren Gefangenen den Schatten ihrer Ahnen auf

blutigen Scheiterhaufen zum Opfer zu bringen, ihre kalmückischen Züge,

die flachen, plumpen, braunen Gesichter, die einem schon durch ihren

wilden Ausdruck Angst einjagen konnten, ihre kleine Gestalt, die nur

aus Muskeln zu bestehen schien -- dies alles versetzte die

asiatisch-römischen Provinzen in solchen Schrecken, daß deren Bewohner

daran zweifelten, ob sie sie wirklich zur menschlichen Gattung rechnen

sollten. Sie waren der Ansicht, die Magier und Zauberer, die in den

ungeheuren Wüsten am Kaspischen Meer hausten, wären in unreinen Verkehr

mit Teufeln getreten, und diesem Bunde seien die Hunnen entsprossen.

[Fußnote 12: Schlegel]

War es nur ein seltsamer Instinkt, der die Hunnen zurücktrieb, oder

erschreckten sie die allzu bunten mit Gärten und Städten übersäten

Flächen des römischen Asiens, die die Nomadenvölker für Gefängnisse

halten und daher fliehen, oder fanden sie keine öden, freien Steppen,

deren sie für ihre zahllosen Herden unbedingt bedurften -- genug, sie

zogen, statt die Richtung nach Süden einzuschlagen, -- nach Nordwesten,

berührten auf ihrem Wege den Kaukasus, scheuchten ein paar Volksstämme,

die an seinem Fuße wohnten, auf und nahmen sie auf ihrer Wanderung mit

sich, und diese große Masse von Nomaden ergoß sich über Europa. Auf dem

vorgeschobensten Posten Europas standen damals, wie wir gesehen haben,

die Goten. Ihre zahlreichen Stämme und die von ihnen unterjochten Völker

waren die ersten Wachtposten Europas und standen in dichten Scharen vor

seinem mächtigen Tore, ein Tor, das leider viel zu gewaltig für den

kleinen Erdteil -- Europa -- war. Und die Goten, dieselben Goten, die

bis dahin für das unüberwindliche Bollwerk Europas und für eine

unbesiegbare Macht gegolten hatten, wichen vor den Hunnen zurück. Es

konnte auch gar nicht anders kommen. Die geheimnisvolle Kraft eines

solchen Ansturms seitens solcher asiatischer Völkermassen war den Goten

vollkommen unbekannt. Wenn die Goten gewußt hätten, daß ein solcher

Einfall asiatischer Stämme nur durch den ersten gewaltigen Anprall

gefährlich ist, und daß nur die Fähigkeit, ihnen einen dauernden

Widerstand entgegenzusetzen und die Schlacht in die Länge zu ziehen, den

Sieg entscheiden kann -- wenn die Goten dies gewußt hätten, dann hätten

sich die Hunnen wieder in den Kaukasus zurückgezogen, und Europa hätte

nichts von der großen Erschütterung verspürt, die sein ganzes Äußere

umwandeln sollte. Aber dies Geheimnis blieb den Goten unbekannt.

Übrigens muß man auch anerkennen, daß es einer schier übermenschlichen

Tapferkeit und Geistesgegenwart bedurfte, um dem ersten Ansturm der

Hunnen zu widerstehen. Sie begleiteten ihren Angriff mit so

entsetzlichem Geschrei, ihre ungeheuren Massen kamen so dichtgedrängt

herangeflogen, ihre beinahe wilden Rosse kamen so wütend angerast, als

stürzten sie einen steilen Abhang hinunter und als könnten die Reiter

selbst ihren Sturmschritt nicht hemmen; ihr schmales, zwischen den

dicken Backen fast verschwindendes Auge war so scharf und sicher, sie

gaben der Schlacht jeden Augenblick eine so rasche Wendung, sie konnten

sich so schnell in alle Winde zerstreuen und verschwinden, sich so

plötzlich wieder in einem Haufen vereinigen, sie schleuderten mit so

großer Treffsicherheit einen ganzen Wald von Lanzen gegen ihren Feind,

selbst wenn sie die Flucht ergriffen, wußten sie sich so vorzüglich

durch ihre Geschosse zu decken und sie begleiteten dies alles mit einem

so wilden, betäubenden Geschrei, daß sich schwerlich ein Heerführer

finden konnte, dessen Auge nicht unsicher, dessen Kopf nicht schwindlig

geworden wäre im Kampfe mit den Hunnen.

Nachdem sie die Goten vertrieben hatten, nahmen die Hunnen den

westlichen Teil der polnischen Provinzen des heutigen Rußland, den

Norden und die Donauländer ein -- wieder nahm die Geographie Europas ein

andres Ansehen an. Dadurch, daß die Hunnen einen so großen Flächenraum

besetzten, mußten sie notwendigerweise eine starke Erschütterung und

eine mächtige Verschiebung in den Wohnsitzen der einzelnen Völker

hervorrufen. Die zurückgedrängten Goten zogen, obwohl ihnen dies nicht

leicht wurde, nach Westen und Süden weiter; die Vandalen und Sueven, mit

denen sich die Römer, oder besser gesagt, die römischen Germanen an den

Grenzen schon vielfach gemessen hatten, zogen durch Frankreich über die

Alpen und drangen in Spanien ein. Und hier in Spanien stießen plötzlich

Völker aus den verschiedensten Himmelsgegenden zur allgemeinen

Verwunderung miteinander zusammen: die Sueven von den Küsten der Ostsee

und aus dem schneebedeckten Skandinavien und die Alanen, die die Hunnen

auf ihrem Zuge vom Fuße des Kaukasus verscheucht und hierher getrieben

hatten.

Fünfzig Jahre lang irrten die Hunnen in den Steppen Rußlands herum,

zogen mit ihren Zeltwagen von Ort zu Ort und trieben ihre Roßherden von

einem Platz zum andern, ohne weitere Eroberungen zu machen; denn auch

diesmal wurde Westeuropa durch seine Urwälder und seine hügelige

Bodenbeschaffenheit gerettet, auch fehlte es den Hunnen an einem

unternehmenden Anführer. Sie begnügten sich damit, ihre nächsten

Nachbarn zu überfallen, raubten meist ihre Frauen und Kinder und trieben

ihre Herden mit sich fort. Unter diesen Raubzügen hatten die Goten, da

sie ihnen am nächsten wohnten, am meisten zu leiden. Die Goten teilten

sich um diese Zeit in zwei große Stämme: in die Westgoten, die sich ihre

Könige aus der älteren herrschenden Linie der Balten, und in die

Ostgoten, die ihre Könige aus dem neuen Herrschergeschlecht der Amaler

wählten. Immer mehr von den Hunnen zurückgedrängt, drangen sie bis zum

Süden der jetzigen Ukraine und der Moldau vor. Ein Teil der Westgoten,

die sich nirgends sicher fühlten, wandte sich, geführt von Fridigern,

Alatheus und Saphrax, mit der Bitte an den römischen Kaiser, er möge es

ihnen erlauben, die Donau zu überschreiten, sich am südlichen Ufer des

Flusses anzusiedeln und die römischen Provinzen gegen Überfälle der

immer mächtiger werdenden Barbaren zu verteidigen. Der Kaiser

Valentinian, der das Reich gemeinschaftlich mit seinem Bruder Valens

regierte, nahm diese unerwartete Hilfe mit Freuden an -- und die

Westgoten überschritten die Donau. Unterdessen hatten die Ostgoten und

ein Teil der Westgoten, die im Südosten wohnten, häufig unter

Hungersnöten zu leiden, und da sie sahen, daß die Not immer stärker

wurde, baten sie den Kaiser Valens, der die östlichen Provinzen

verwaltete und in Konstantinopel residierte, sie mit allerhand Waren zu

versorgen und ihnen zu gestatten, mit den Bewohnern des Landes Handel zu

treiben.

Der Kaiser befahl den Regenten von Thracien, Lupicinus und Maximus, die

Bitten der Goten in allen Punkten zu erfüllen; beide waren typische

Griechen aus der byzantinischen Zeit -- hinterlistig und immer bereit,

auch ohne dringende Veranlassung ein Verbrechen zu begehen, den Barbaren

gegenüber aber hielten sie jede Missetat für erlaubt. Sie ließen sich

mit den Goten nicht erst in Handelsgeschäfte ein, sondern raubten sie

ganz einfach aus und trieben sie bis zum Äußersten, so daß diese

genötigt waren, ihre eigenen Frauen und Kinder zu verkaufen; endlich

luden sie die heldenmütigsten Goten unter freundschaftlichen Vorwänden

zu sich ein und beschlossen, sie heimlich umzubringen. Dies rief die

Rachsucht dieses wilden Volkes, das sich jedoch noch ein ursprünglich

menschliches Gefühl bewahrt hatte, wach. Ungeheure Scharen von Goten

fielen in Thracien ein, drangen bis Konstantinopel vor, brannten alles

nieder und plünderten und äscherten alle Städte und ihre Umgegenden ein,

die sie auf ihrem Wege antrafen. Der Kaiser Valens befand sich in einer

sehr mißlichen Lage. Er war ein eifriger Arianer und verfolgte

unbarmherzig alle Gegner dieser Sekte. Infolgedessen hatte er viele

Feinde, und selbst sein Bruder Valentinian, der Kaiser von Rom war,

verweigerte ihm seine Hilfe. Überdies war der Kaiser Valens auch sehr

grausam und mißtrauisch; man hatte ihm geweissagt, ein Mann, dessen Name

mit den Buchstaben Theo... beginnt, würde seinen Untergang herbeiführen

-- und so ließ er denn sämtliche Theoderiche, Theodate und Theodosiusse,

die irgendein bedeutenderes Amt bekleideten, erdolchen oder erwürgen. Es

versteht sich von selbst, daß diese Taten in seinen Untertanen keinen

allzu großen Eifer und keine Neigung, ihren Monarchen zu verteidigen,

wachriefen, und außerdem waren diese Untertanen ein erbärmliches und

charakterloses Volk; die Soldaten waren jederzeit bereit, zu meutern und

beim ersten Anlaß die Flucht zu ergreifen; die Staatsgelder wanderten in

die Hände von Eunuchen, Günstlingen, Konkubinen und schlauen Priestern,

und so erhielt Valens schließlich die Strafe für sein früheres Leben.

Verlassen von den fliehenden Soldaten, suchte er Schutz in einer

armseligen Hütte und wurde zusammen mit dieser von den rachsüchtigen

Goten verbrannt. Nur der Unkenntnis der Goten, die sich nicht auf die

Belagerung einer Stadt verstanden, verdankte Konstantinopel seine

Rettung. Triumphierend und mit Beute beladen kehrten die Goten zu ihren

Wohnsitzen zurück, bei den Römern eine schauerliche Erinnerung an ihren

Besuch hinterlassend.

Bald darauf erfolgte die endgültige Teilung des römischen Reichs. Der

Kaiser Theodosius hoffte, es noch durch diese Säkularisierung zu retten,

er glaubte, die Schwäche des Reiches sei die Folge seiner unermeßlichen

Größe und der Unmöglichkeit seiner Beherrschung durch einen einzelnen.

Die östliche Hälfte, die von nun an mit Recht die griechische genannt

wurde -- noch treffender hätte man sie das Reich der Eunuchen,

Komödianten, Günstlinge, Rennbahnen, der Verschwörer, der gemeinen

Mörder und der disputierenden Mönche nennen können -- erhielt Arcadius,

der ganz unter dem Einfluß seines verschmitzten Vormunds Rufinus stand;

die westliche Hälfte, die mit Unrecht die römische genannt wurde, weil

hier alle beliebigen Ämter der Verwaltung von Emporkömmlingen besetzt

waren, die von Goten, Vandalen oder anderen germanischen Völkern

abstammten und nur mit einem dünnen äußerlichen Firniß römischer Bildung

überzogen waren: diese westliche Hälfte, die mitten im eigenen Herzen

gewaltsam eindringende Feinde beherbergte, und die wie ein lebendiger

Leichnam die Lebenskraft in sich schwinden sah und fühlte, dies

weströmische Reich fiel dem minderjährigen Honorius zu, der sich völlig

von Stilicho leiten ließ; letzterer war von Geburt ein Vandale, der

unter Theodosius ein treuer und tapferer Vasall gewesen war, aber unter

dessen unbedeutendem Sohn ein gemeiner Schwächling wurde. Die Vormünder,

die die entgegengesetzten Enden Europas regierten, haßten einander. Das

erste Geschenk, das Rufinus, der schlau war wie ein byzantinischer

Grieche, seinem Feinde Stilicho übersandte, war das mächtige Heer der

Westgoten, die er überredet hatte, Italien zu erobern, während er ihnen

versprach, seinerseits Rom jede Hilfe zu verweigern. Und die Westgoten

verließen insgesamt ihre Wohnsitze in Dacien und an den Ufern der Donau

und drangen in Italien ein. Aber für Stilicho hatte diese Invasion gar

keine Schrecken, im Gegenteil, er freute sich im geheimen über sie und

knüpfte eine Menge von Plänen an sie. Vor allem hoffte er, mit Hilfe

dieser zahlreichen Menge junger, kräftiger Barbaren viele andere

Barbaren, die schon ins Innere des römischen Reichs eingedrungen waren,

zu vernichten. Damals _gehörte_ Gallien zu Rom und es gehörte doch auch

wieder nicht dazu. Der starke Frankenbund stand mit den unter seiner

Hegemonie vereinigten Stämmen an der Grenze dieses Landes; im Osten und

Süden, d. h. im Herzen Frankreichs, hatten sich's die Alemannen und

Burgunder bequem gemacht. In Spanien hielten die Sueven, die Alanen und

Vandalen die besten Teile des Landes, d. h. den Süden, besetzt, und die

römischen Präfekten und Befehlshaber spielten unter ihnen eine recht

traurige Rolle: sie bekleideten eine Würde, ohne die geringste Macht zu

besitzen. Es schien fast, als läge über der halben Welt statt des

römischen Reichs nur sein langer, mächtiger Schatten. Dieses Reich glich

einer tausendjährigen Eiche, die einen durch ihren ungeheuren Umfang in

Erstaunen setzt, aber deren Inneres schon längst verfault und vermodert

ist. Stilicho wußte geschickt Alarich von seiner Absicht, sich in

Italien niederzulassen, abzubringen, indem er ihm das reiche blühende

Spanien anbot. Er hatte sogar den Plan, diese Barbaren gegen seinen

Feind Rufinus aufzuhetzen; ja er träumte schon davon, sich, wenn der

Plan gelingen sollte, an Stelle des schwachen Honorius zum Kaiser

ausrufen zu lassen, aber die Sache war zu fein gesponnen, und statt

dessen sank sein eigener Kopf vom Rumpfe. Der schwache, unbedeutende

Honorius, der auch nicht einen von Stilichos Plänen erfaßt hatte, befahl

einem seiner Feldherrn, der ebenso unverständig war wie er, den Goten,

die sich schon nach Spanien gewandt hatten, um sie zu schädigen, in den

Rücken zu fallen. Da aber kehrte Alarich mit einem Male um und stand nun

plötzlich vor den Toren Roms. Wie gewöhnlich floh Honorius; der Senat,

der seine Ohnmacht einsah, flehte den mächtigen Goten an, er möge doch

abziehen, versprach ihm, Tribut zu bezahlen, und folgte ihm sofort einen

Teil aus; der Sieger entschloß sich, auf den anderen Teil zu warten, und

zog sich von Rom zurück. Kaum aber hörte Honorius, daß die Gefahr

vorüber sei, als er nach Rom zurückkehrte, doch er dachte nicht daran,

den versprochenen Tribut zu bezahlen. Da jedoch erschien Alarich in

heller Empörung vor den Mauern Roms, und drohte, die ewige Stadt in

einen Haufen Asche zu verwandeln.

Am 23. August 409 nahmen die Mauern der Weltresidenz den Anführer der

Goten in sich auf. Die herrlichen Häuser und Paläste wurden geplündert,

aber der fürchterliche Alarich verbot die Brandstiftung und das

Blutvergießen. Hieraus kann man ermessen, wie groß seine Willenskraft

und die Macht war, die er über seine wilden Heerscharen besaß, konnte er

sie doch _davon_ abhalten, wovon selbst ein Befehlshaber gebildeter

Truppen seine Soldaten nicht immer abzuhalten imstande ist. Von Honorius

war in der Stadt keine Spur zu entdecken, er hatte längst Zeit gefunden,

sich davonzumachen. Dafür aber machte der Eroberer kein Hehl aus seiner

tiefen Verachtung der Römer; er ernannte ihren Präfekten Attalus zum

Kaiser und ließ ihn auf den Knien vor der Tür seines Zeltes

vorbeirutschen. Nachdem er seinen Rachedurst gestillt hatte, verließ er

Rom und zog nach dem Süden Italiens. Hier schmiedete er große Pläne; er

erbaute eine Flotte und wollte schon seine siegreichen Fahnen nach der

afrikanischen Küste tragen, da gebot der Tod seinem Siegeszuge Halt. Um

ihm ein Grab zu bereiten, leiteten die Westgoten das Bett des

Busentostromes ab, gruben auf seinem Grunde ein tiefes Grab, in das sie

den Leichnam hinabsenkten, schütteten es zu und lenkten den Strom in

sein früheres Bett zurück, damit niemand das Grab des großen Goten

schänden oder ihm Schimpf antun könnte. Nach Alarichs Tode ward Athaulf

zum König gewählt und dieser führte die Goten endlich nach Spanien, wo

sie sich sehr bald festsetzten und ein mächtiges gotisches Königreich

gründeten, nachdem sie die unbedeutenden römischen Befehlshaber von dort

vertrieben hatten.

Die Einwanderung der Westgoten machte sich an allen Enden Spaniens

lebhaft bemerkbar. Die Alanen und Sueven wurden stark bedrängt und sahen

sich gezwungen, die Herrschaft der Goten anzuerkennen. Selbst die

Vandalen, die bis dahin in Spanien die stärkste Vormacht gebildet

hatten, wurden energisch zurückgedrängt und gegen die Küste des

Mittelmeers zurückgeworfen. Schon dachte der König Geiserich daran, nach

Afrika überzusetzen. Da trat ein Ereignis ein, das die Verwirklichung

seines Planes, wie absichtlich, noch beschleunigte. Um diese Zeit

herrschte in Rom für den minderjährigen Valentinian und seine Mutter der

berühmte Aëtius; er war sehr unternehmend, ehrgeizig, schlau und nicht

wählerisch in den Mitteln, wenn es galt, zu erringen, was er wünschte.

Aëtius hatte einen mächtigen Feind in Bonifacius, dem Statthalter in

Afrika, und daher war er entschlossen, ihn zugrunde zu richten. Zu

diesem Zweck ließ er ihn im Auftrag des Kaisers nach Rom rufen.

Bonifacius aber hatte den Plan durchschaut, und daher war er

entschlossen, in Afrika zu bleiben und Geiserich um Hilfe anzugehen. 427

landete Geiserich mit seinen Vandalen und einem Teil der Alanen an der

afrikanischen Küste und bezeichnete seinen Weg durch Brandstiftungen und

Verwüstungen. Zu spät sah Bonifacius ein, welchen Fehler er begangen

hatte, sich einen solchen Gast einzuladen. Er hatte sich bereits mit

seinem Kaiser ausgesöhnt und wollte nun seinem unruhigen Verbündeten

Einhalt gebieten. Aber es war nicht so leicht, mit Geiserich fertig zu

werden, und Bonifacius ward geschlagen. Geiserich steckte Karthago in

Flammen, plünderte die Häuser, metzelte die Einwohner nieder und riß

alle Reichtümer an sich, die er nur finden konnte.

Die schnellen Erfolge entfachten seinen wilden Ehrgeiz noch mehr. Bald

war die ganze Küste Nordafrikas der Herrschaft der Vandalen unterworfen.

Mit Feuer und Schwert bekehrte er die Bevölkerung zum arianischen

Glauben und gründete eins der mächtigsten Reiche dieser wilden und

finsteren Epoche. Nun aber wurde Geiserich übermütig. Seine

fürchterliche Flotte zerstreute sich über das Mittelmeer und machte

durch ihre Raubzüge jegliche Schiffahrt unmöglich. Jedes Jahr erschien

dieser numidische Löwe an sämtlichen Küsten des Mittelmeers, von

Griechenland und Illyrien bis Gibraltar, und raubte, als sammele er die

Ernte von den eigenen Feldern ein, alles, was diese blühenden und

bevölkerten Gegenden erzeugten. Spanien, Sizilien, Sardinien, Dalmatien

hatten abwechselnd die fürchterliche und zerstörende Hand dieses

gekrönten Piraten zu fühlen, der hier so schnell das erste Reich

christlicher Corsaren gegründet hatte. Endlich aber erfaßte ihn inmitten

aller Größe und der Pracht der zusammengeraubten Reichtümer jener

Geisteszustand, jene schreckliche Melancholie, die den Geist verdorren

läßt und quält und stets der Vorbote der Tyrannei, dieser furchtbaren

Seelenkrankheit der Herrscher, ist. Er begann mißtrauisch zu werden

gegen alle, die ihn umgaben, und sein Argwohn erstreckte sich zuletzt

sogar auf seine Gemahlin, die Tochter eines Königs der Westgoten: er

bildete sich ein, sie habe die Absicht, ihn zu vergiften. Ganz

hingenommen von diesem Gedanken, befahl er, ihr Nase und Ohren

abzuschneiden, und schickte sie so verunstaltet zu ihrem Vater. Weil er

aber die Rache der Goten fürchtete, machte er dem Hunnenführer Attila

den Vorschlag, von Norden aus in Spanien und Italien einzubrechen.

Attila residierte in Dacien; hier hatte er, unweit der Donau, sein

Standlager aus rohen, hölzernen Hütten aufgeschlagen, in deren Mitte

sich sein plumper Palast erhob. Attila war der Führer, der den Hunnen

bis dahin gefehlt hatte. Er hatte gezeigt, welch furchtbare Gewalt die

vorwärtsstürmende Kraft der Asiaten annehmen kann. Der ganze Nordosten

Europas erkannte seine Herrschaft an. Die lange Kette der Völker, die

dem schier unüberwindlichen Hunnenkönige Tribut zahlten, begann mit dem

Kaukasus und endete am Rhein. Die Goten, die Gepiden, die Alanen, die

Heruler, die Akatirer, die Thüringer und die Slawen, sie alle wurden von

den Grenzen seines schnell wachsenden Nomadenreichs umschlossen. Der

griechische Kaiser, der seine Verachtung kennen gelernt hatte, sandte

ihm demütig seinen Tribut und lag im Staube vor seiner Macht und Größe.

Attila war ein Mensch von kleiner Gestalt, fast ein Zwerg, mit einem

ungeheuren Kopf und kleinen Kalmückenaugen, und sein Blick war so

schnell, daß keiner seiner Untertanen ihn ertragen konnte, ohne

unwillkürlich zu zittern. Mit diesem Blick allein beherrschte er alle

seine Stämme, die trotz ihrer zerstreuten Wohnsitze und trotz der

Verschiedenheit ihrer Lebensweise, ihrer Sitten und Gebräuche durch sein

Wort zu einem einzigen Wesen zusammenschmolzen. Mitten unter seinen

Höflingen, die mit geraubtem Golde prunkten, ging dieser merkwürdige

Mensch in einem groben, weiten Gewand umher, lag auf einem gewöhnlichen

Lager von Filz und trank fast nur Wasser aus einem Holzeimer; weder sein

Roß, noch sein Sattel waren je mit Edelsteinen geschmückt, und er nannte

sich selbst die Geißel Gottes, die gesandt ward, um die Welt zu

züchtigen. Seine Macht über die Truppen war grenzenlos: sie glaubten,

daß er ein verzaubertes Schwert besäße, mit dem er die ganze Welt

erobern müsse. Die unterworfenen Völker beugten sich mit

bewunderungswürdigem Gehorsam unter seine Herrschaft. Übrigens war auch

jeder Gedanke an eine Empörung völlig ausgeschlossen, denn Attila hätte

leicht vor seinem Zelt eine Pyramide von Schädeln errichten können, bei

deren Anblick wohl einem jeden die Lust zu solchen Unternehmungen

vergangen wäre. Er ließ sich nicht gern ohne Grund in einen Krieg ein,

besonders wenn der Friede für ihn dieselben Vorteile hatte. Er war ein

furchtbarer Richter. Er konnte auch großmütig sein, aber nur gegen

Sklaven, die zu seinen Füßen lagen. Aber Attilas Rache .... jedoch

niemand hätte den Mut gehabt, seine Rache heraufzubeschwören.

Anscheinend hatte Geiserichs Vorschlag ihn in seinen eigenen Plänen

befestigt. Auf sein Gebot sammelten sich all seine zahllosen Stämme, und

er zog mit ihnen gen Westen. Das römische Reich merkte bald, welch große

Gefahr ihm drohte. Alle Nationen, die das Westeuropa jener Zeit

bevölkerten, wurden von einer gewaltigen Aufregung ergriffen. Und nun

geschah etwas Außerordentliches: Das ganze barbarische Westeuropa

vereinigte sich zu einem einzigen Bündnis, die Römer schlossen sich den

Zerstörern ihres Reichs, den Westgoten, Alanen und Franken an. Nomaden-

und Hirtenvölker stürzten sich auf seßhafte und zum Teil schon

ackerbauende Völker, das ungestüme despotische Asien auf das gefestigte,

freie Europa. Hier müssen wir bemerken, daß die germanischen Völker um

so freiheitsliebender waren, je weiter gen Westen sie lebten. Die Alpen

waren von alters her eine Schutzwehr der europäischen Freiheit und im

weiten Umkreise um sie herum haben sich die Stämme auch heute noch einen

gewissen Unabhängigkeitszug bewahrt. Die Marneebene in Frankreich sollte

der Schauplatz dieser in der Geschichte einzig dastehenden Schlacht

werden. Das freie Westeuropa, die Römer, die Westgoten, die Aremoriker,

die Breonen, die Burgunder, die Sachsen, die Alanen und die Franken

unter Führung ihrer Könige und Feldherrn und unter der Oberleitung des

gewandten Aëtius und das nomadisierende Osteuropa: die Ostgoten, Alanen,

Gepiden, Markomannen, Veneter, Longobarden, Heruler, Akatirer, Avaren,

Thüringer, Roktolanen sowie einige slawische Stämme unter der Führung

ihrer Fürsten, Könige und Prinzen, geleitet von dem einen allmächtigen

Willen Attilas, sollten eine Entscheidung über so manches herbeiführen,

was für die Nachwelt von höchster Bedeutung ward. Das freie Europa hielt

stand. Die unüberwindliche verderbenbringende Reiterei Attilas und die

verbündeten Völker wurden zurückgeworfen, und der unbezwingliche Hunne,

der seine ganze ihm zu Gebote stehende Willenskraft eingesetzt hatte,

kehrte mit seinen Roßherden und Völkern in die Ebenen Ungarns und

Pannoniens zurück. Aëtius, der nicht den Wunsch hatte, daß die

Westgoten, die sich in dieser blutigen Schlacht mehr denn alle übrigen

ausgezeichnet hatten, ein zu großes Übergewicht gewönnen, erleichterte

Attila den Rückzug. Die große Völkerliga zerfiel, nachdem sie ihre

Aufgabe erfüllt hatte, und alles kehrte, da man annahm, die Gefahr sei

vorüber, in seinen Anfangszustand zurück.

Aber der fürchterliche Hunnenführer raufte sich zornig seinen edlen

Haarschopf und fiel nach einem Jahr, nachdem er die Reihen seiner

Truppen durch neue ergänzt hatte, in Italien ein, wo der sorglose Kaiser

Valentinian und sogar Aëtius selbst nichts von Gefahr ahnten. Die erste

Stadt, die Attilas schwere Hand zu spüren bekam, war Aquileja. Er

äscherte sie vollkommen ein und wurde so die Veranlassung, daß ein

Häuflein überlebender Einwohner am Adriatischen Meere die Stadt Venedig

gründeten. Von hier zog er wie eine feurige Geißel durch ganz Italien.

Die Städte Concordia, Brescia, Vicenza, Padua, Verona, Mantua, Mailand,

Modena, Parma ließen nichts wie niedergebrannte Mauern sehen. »Ich

schwöre es,« rief der wilde Hunne, »da soll kein Gras mehr wachsen, wo

der Huf meines Rosses den Boden berührt hat!« Endlich sah auch Rom

Attila vor seinen Mauern. Der erschrockene Papst trat in vollem Ornat

und begleitet von einer ganzen Prozession dem unerbittlichen Hunnen

entgegen und, -- war es nun die Pracht des christlichen Ritus oder der

unter den wilden, ja selbst unter den heidnischen Völkern vielfach

verbreitete Gedanke, daß Rom etwas Heiliges in seinen Mauern berge --

genug, Attila begnügte sich damit, einen großen Tribut zu erheben, zog

sich zurück und verließ Italien.

Schon sollte die vereinigte Liga der westlichen Völker seine Macht und

Rache kennen lernen, aber sein plötzlicher Tod rettete sie. Attila fand

einen seltsamen Tod. Er, der so düster und zurückhaltend gewesen war,

der es nicht einmal geduldet hatte, daß der Griff seines Säbels und sein

Filzsattel mit goldenem Zierat oder Edelsteinen geschmückt werde,

veränderte von einem Tage zum andern seine Lebensweise. Nachdem er die

Tochter des Kaisers von Baktrien, ein Mädchen von wunderbarer Schönheit,

geheiratet hatte, gab er sich, ganz berauscht von Wein und Gelagen, mit

einer so wilden Leidenschaft der Sinnenlust hin, daß er seine ganze

stählerne Lebenskraft wie in einem Zuge ausströmen ließ. Ein Blutstrom

rann ihm aus Ohren, Mund und Nase, und er erstickte.

In einer unbekannten Wüste, in stockfinstrer Nacht grub man Attila das

Grab und begleitete diese Arbeit mit Gesängen, in denen seine

Heldentaten gepriesen wurden. Sein Leichnam wurde in einen dreiwändigen

Sarg gelegt -- die eine Wand war von Gold, die andre von Silber und die

letzte von Kupfer; seine Waffen und das Geschirr seiner Rosse wurde mit

ihm ins Grab gesenkt. Alle Knechte und Sklaven, die die Grube gegraben,

wurden am Grabe erstochen, damit kein Lebender je die Stelle fände, wo

die Gebeine des großen Mannes ruhten[13].

Nach dem Tode Attilas stoben die Hunnen plötzlich auseinander und

zerstreuten sich wie alle asiatischen Völker, die nur durch den

mächtigen Willen eines Führers zusammengehalten werden. Nunmehr

breiteten sich die europäischen Völker weiter und freier aus, sie wurden

selbständiger, und im Osten traten slawische Stämme mehr in den

Vordergrund, die sich allmählich vermehrten und in sechzig verschiedene

Stämme teilten; sie zogen bis nach Tirol, machten nach dem Abzug der

Ostgoten an den Grenzen des griechischen Kaiserreichs von sich reden,

drangen immer mehr in die weiten Ebenen ein und verwandelten sich

allmählich in seßhafte Völker.

Über Italien lagen nach den Verwüstungen Attilas noch lange Rauchwolken,

aber selbst in den halbzerstörten Ruinen nisteten noch immer allerhand

Tücken und Ränke, und in diesem völlig erschöpften Reiche gab es immer

noch elende Ehrgeizlinge. Dem Senator Maximus war es gelungen, Aëtius,

die einzige Stütze des schwankenden Thrones, vor dem ohnmächtigen Kaiser

Valentinian zu verdächtigen, und der undankbare Valentinian erschlug ihn

mit eigener Hand. Nun aber, als er dieser Stütze verlustig gegangen war,

fiel er selbst von der Hand des Maximus, dieser setzte sich die

Kaiserkrone auf sein von kindischem Ehrgeiz erfülltes Haupt und

heiratete die Witwe Eudoxia. Die Witwe aber dürstete nach Rache, sie war

empört über den gemeinen Mord an ihrem Gemahl, Italiens Schicksal

beunruhigte sie wenig, und so forderte sie Geiserich im geheimen auf,

nach Rom zu kommen, um den Tod des Kaisers, seines Verbündeten und

Freundes, zu rächen.

[Fußnote 13: Über die Hunnen und Attila siehe Jornandes, De Guignes,

Fischer.]

Geiserich ließ nicht gern lange auf sich warten; sofort verließ er mit

seinen Vandalen die afrikanische Küste, schiffte sich auf seinen

Piratenschiffen ein und landete in Italien. Und alles, was vom Schwert

Attilas verschont geblieben war, das vernichtete Geiserich in gewohnter

Weise. Er untersuchte nicht lange, wer recht und wer unrecht hatte, oder

wem er Hilfe leisten sollte. Alle traf dasselbe Schicksal. Geiserich

verstand sich besonders gut auf das Plündern; nach ihm fand niemand

etwas, woran er sich hätte bereichern können. Rom, das bis dahin selbst

von den Heiden verschont geblieben war, wurde von diesem christlichen

König ganz erbarmungslos geplündert; alles, was überhaupt mitgenommen

werden konnte, wurde mitgenommen. Er füllte seine Schiffe mit einer

Unzahl von Gefangenen, mit denen er selbst nichts anzufangen wußte; er

nahm eine Menge von Schauspielern und Künstlern mit, selbst die Frau des

Kaisers samt ihren Töchtern, denen er doch zu Hilfe geeilt war, zuletzt

holte er auch die goldene Kuppel vom Kapitol herunter und schleppte sie

zugleich mit anderen Schätzen nach Afrika.

Nach all diesen Ereignissen erinnerte Italien kaum noch an den Schatten

seines ehemaligen Ruhms. Einst in herrlicher Blüte prangend, der

Glanzpunkt der europäischen Natur, bot es jetzt den wilden Anblick eines

verwüsteten, zerstörten Landes dar. Der Name des Kaisers war in den

verlassenen Städten kaum noch zu hören. Der römische Imperator hatte gar

keine Einkünfte mehr. Er war nicht mehr imstande, seinem eigenen Heer,

das aus Herulern, Rugiern und Turcilingern bestand, seinen Sold zu

bezahlen. Und so setzte denn ihr Anführer Odoaker den Kaiser ab und

wurde selbst ein unbeschränkter und völlig unabhängiger Herrscher;

allein, er wollte die kaiserliche Würde gar nicht mehr annehmen, sondern

nannte sich ganz einfach König der Heruler. Ein anderer Teil des

römischen Heeres befand sich in Gallien, es war durch die Alpen

gewissermaßen von der Heimat abgeschnitten, und sein Anführer Syagrius,

der von den Ereignissen in Italien gar keine Kunde hatte, verteidigte

hier das gar nicht mehr existierende Reich gegen den vereinigten

Frankenbund, der um diese Zeit bereits übermächtig zu werden begann,

weil ein unternehmender König und Feldherr, Chlodwig, an seiner Spitze

stand. Syagrius, der von seinem Reich abgeschnitten war und gar keine

Verstärkungen erhielt, fiel es schwer, diesen frischen Kräften

Widerstand zu leisten: er gab nach, und Gallien wurde von fränkischen

Stämmen überschwemmt. Bald darnach brachen die Ostgoten unter der

Führung von Theoderich von den nördlichen Grenzen des oströmischen

Reiches auf, nahmen Italien ein und brachten die dort lebenden Völker

unter ihre Herrschaft. Kurze Zeit nachher setzten die Angelsachsen auf

ihren plumpen, kühnen Schiffen über das Meer, unterwarfen England -- und

damit fand die große Völkerwanderung, soweit sie sich in großen Massen

vollzog, endgültig ihren Abschluß, aber in engeren Grenzen und in

kleinerem Umfange nahm sie auch noch weiter ihren Fortgang. Die vielen

wilden Jäger, die dieses allgemeine Herüber- und Hinüberwandern und

dieser beständige Wechsel der Wohnsitze herangezogen hatten, waren von

einer starken Leidenschaft für allerhand Abenteuer und Wandern

ergriffen, und obgleich ganz Europa jetzt scheinbar unbeweglich dalag,

rührte es sich und wogte es dort hin und her wie auf einem ungeheuren

Marktplatz. Alle Nationen waren so durcheinandergemengt, daß es

vergeblich gewesen wäre, eine reine und unberührte entdecken zu wollen,

und erst mit der Zeit drückten bestimmte stabile Regierungsformen oder

Beschäftigungen den bedeutendsten unter ihnen eine besondere Eigenart

und bestimmte unterscheidende Merkmale auf. Damals gab es vier große

Völkergruppen oder -massen, die die anderen an Bedeutung überragten,

gleichsam vier Hauptpunkte, in denen sich die Macht Europas

konzentrierte. In Spanien -- die Westgoten, die mit einem Teil der von

ihnen unterjochten Völker dort eingefallen waren, sich daselbst, d. h.

in Spanien mit den Alanen, Sueven, Vandalen und einigen anderen von

diesen abhängenden Stämmen vereinigt und in dem Gebirge von Asturien

eine Menge feindlicher Banditenbanden wider sich aufgeregt hatten.

Ferner in Gallien die Franken, die bereits aus den früheren Nachbarn der

Römer, den Germanen von der Donau und vom Rhein, den Usipiern,

Sigambern, Cheruskern, Chatten, Brukteren, Angrivariern, Chasuariern und

anderen eine Nation gebildet, sich mit den einheimischen römischen

Galliern vereinigt, mit den unterworfenen Aremorikern, Bretonen,

Alemannen, Burgundern und zum Teil auch mit den Bajuwaren und Friesen

verbunden, ohne sich doch mit ihnen zu verschmelzen, und die das Gebiet

ihrer Herrschaft bis über die Alpen über den Rhein hinaus ausgedehnt

hatten.

Das war eine der mächtigsten Völkergruppen. Im nördlichen Deutschland

saßen die Sachsen, die durch ihre Wildheit und ihr Korsarentum Schrecken

erregten und sich nur wenig mit anderen Stämmen vermischt hatten, und in

Italien die Ostgoten, in deren Masse sich viele Abkömmlinge von Völkern

befanden, die in Osteuropa herumwanderten -- Sueven, Alanen, Avaren,

Slawen, Gepiden -- und die unter der geschickten und festen Regierung

Theoderichs eine Zeitlang das Übergewicht in Europa erlangten. Außerdem

übten diese großen Völkermassen noch eine Schutzherrschaft über eine

Menge weit abseits wohnender Stämme aus.

Die Grenzen zwischen ihnen verloren sich oft in unbekannte Räume; in dem

von den Grenzen eingeschlossenen Lande erhielten sich häufig viele

Völker, die hier ganz unabhängig durch- und nebeneinander lebten. So in

Mitteldeutschland -- die Longobarden, dann ein Teil der Bajuwaren, die

sich in Italien ausgezeichnet, und alle Völker, die einst in den ehemals

unermeßlichen Wäldern des Harzes und des felsigen Vorgebirges der Alpen

gelebt hatten. Der Osten Europas war von den völlig zerstreuten

slawischen Stämmen besetzt, die unter dem ewigen Druck aller aus Asien

nach Europa strömenden Völker noch nicht Zeit gefunden hatten, tätig in

die Weltgeschichte einzugreifen. Jenseits des so bezeichneten Kreises im

Norden und Osten wohnten verschiedene Völker, die noch in dunkler

Tatenlosigkeit dahinlebten.

Dies war die Lage Europas am Ende des V. Jahrhunderts, dessen Ausgang so

laut und unruhig war, als durch den unbeschreiblichen Ratschluß der

Vorsehung das gewaltige Chaos, das die dunklen Elemente zu einer neuen

Welt in sich trug, sich auf Europa niedersenkte, als sich Völker in

ungeheuren Massen verheerend auf andere Völker stürzten, zu jener Zeit,

als noch gewaltige, finstere Taten geschahen, als die Namen eines

Alarich, Geiserich und Attila gleich unruhigen Kometen durch die Welt

schwirrten, während die Alte Welt im Osten langsam vermoderte, als die

römische Kultur sich zaghaft an die Küsten Syriens, Alexandriens und

Konstantinopels drängte und die ketzerischen Lehren eines Nestor und

Eutiches an ihren gebrechlichen altersschwachen Kräften nagten.

IX

Memoiren eines Wahnsinnigen

Den 3. Oktober.

Heute hat sich etwas Außerordentliches ereignet. Ich stand diesen Morgen

ziemlich spät auf, und als Mawra mir meine frisch geputzten Stiefel

hereinbrachte, fragte ich sie, wieviel die Uhr sei. Als ich hörte, daß

es längst zehn geschlagen hätte, beeilte ich mich mit dem Ankleiden. Ich

muß gestehn, am liebsten wäre ich gar nicht in die Kanzlei gegangen, da

ich im voraus wußte, was für eine saure Miene unser Abteilungschef

machen würde. Schon seit geraumer Zeit pflegt er mich immer wieder zu

fragen: »Sag' mal, Freundchen, was geht eigentlich in deinem

Oberstübchen vor, du läufst hin und her wie ein Irrsinniger und wirfst

alles so durcheinander, daß sich selbst der Teufel nicht mehr auskennt,

du schreibst die Titel mit kleinem Anfangsbuchstaben und datierst und

numerierst die Akten nicht.« So ein verdammter Kerl! Sicherlich plagt

ihn der Neid, weil ich im Arbeitszimmer des Direktors sitze und die

Federn für Seine Exzellenz schneide. Mit einem Wort: ich wäre gar nicht

in die Kanzlei gegangen, wenn ich nicht die Hoffnung gehabt hätte, den

Kassierer zu sehn, und von diesem Juden wenigstens einen kleinen

Vorschuß auf mein Gehalt herauszukriegen. Das ist auch so eine Kreatur.

Gerechter Gott, eher bricht das Jüngste Gericht herein, als daß er einem

das Gehalt für einen Monat vorausbezahlt! Bitte ihn, soviel du willst,

geh meinetwegen zugrunde, sei in der größten Klemme -- der alte Satan

rückt nicht mit Geld heraus. Dafür muß er sich von seiner Köchin zu

Hause ohrfeigen lassen. Das ist ja weltbekannt. Ich sehe auch nicht ein,

was es für Vorteile hat, im Departement zu dienen. Man hat da doch gar

keine Einnahmen! In den Gouvernementsverwaltungen, in den Zivil- und

Staatsbehörden dagegen, das ist eine ganz andere Sache! Da sitzt einer

ganz in die Ecke gedrückt da und kritzelt irgend etwas -- sein Frack ist

ganz fadenscheinig -- er hat eine Fratze, daß man ausspucken möchte.

Aber seht mal hin, was er sich für eine Villa leistet! Man darf es gar

nicht erst wagen, ihm eine schön vergoldete Porzellantasse anzubieten.

»Das,« sagt er, »solch ein Geschenk, das ist was für 'nen Doktor.« Er

dagegen muß gleich ein paar Pferde, eine Equipage oder einen Biberkragen

für 300 Rubel haben. Äußerlich ist er so bescheiden und spricht so zart:

»Wollen Sie mir nicht für einen Augenblick Ihr Messerchen leihen, um

meine Feder zu schneiden!« und dabei rupft er einen derartig, daß er

einem kaum das Hemd am Leibe übrigläßt. Das muß man allerdings zugeben,

unser Dienst hat etwas Vornehmes, überall herrscht eine solche

Reinlichkeit, wie sie sich in keiner Gouvernementskanzlei finden dürfte,

alle Tische sind aus Mahagoni, und die Vorgesetzten sagen »Sie« zu

einem. Ja, ich muß gestehn, ich hätte längst die Kanzlei verlassen, wenn

nicht dieser vornehme Ton bei uns herrschte.

Ich legte meinen alten Mantel an und nahm einen Regenschirm in die Hand,

denn es regnete heftig. Die Straßen waren leer; nur ein paar alte

Weiber, die sich mit ihren über den Kopf geschlagenen Röcken vor dem

Regen schützten, einige russische Kaufleute unter riesigen Schirmen und

ein paar Droschken kamen mir entgegen. Von den besseren Leuten begegnete

ich nur einigen von unseren Beamten. Bei einer Straßenkreuzung erblickte

ich einen von ihnen. Als ich ihn bemerkte, dachte ich mir sofort: »He,

Freundchen, du gehst mir nicht in die Kanzlei, du eilst jener Schönen

nach, die vor dir herläuft, und spähst nach ihren Füßchen. Solche

Teufelskerle, diese Beamten! Bei Gott! Die geben selbst einem Offizier

nichts nach! Da braucht nur irgendein Mädel in einem netten Hütchen

vorüberzugehn, sofort hat er sie schon gekapert.« Als mir dies durch den

Sinn ging, fiel mein Blick auf einen Wagen, der gerade vor einem Laden

hielt, an dem ich vorüberkam. Ich erkannte ihn sofort: es war der Wagen

unseres Direktors. Ich überlegte: »Er hat in diesem Laden nichts zu tun

-- gewiß ist es seine Tochter!« Ich drückte mich dicht an die Wand. Der

Bediente öffnete den Schlag, und sie hüpfte heraus wie ein Vögelchen.

Sie wandte ihr Köpfchen nach rechts und nach links, wie reizend zuckte

sie mit den Brauen und wie blitzten ihre Augen! ..... Gott! mein Gott,

ich bin verloren, ganz verloren! ... Warum mußte sie aber auch bei solch

einem Wetter ausfahren! Da soll noch jemand behaupten, daß die Frauen

keine Leidenschaft für allerhand Putz und Flitterwerk haben. Sie hatte

mich nicht erkannt, ich hatte ja absichtlich versucht, mich ganz hinter

meinem Kragen zu verkriechen, weil ich einen ganz alten, fleckigen

Mantel von altmodischem Schnitt umgelegt hatte. Jetzt trägt man Mäntel

mit einem langen Kragen, und der meine hat mehrere kurze übereinander;

obendrein war das Tuch nicht einmal decatiert. Ihr Hündchen, das nicht

Zeit gehabt hatte, in die Ladentür zu schlüpfen, blieb auf der Straße.

Ich kenne dieses Hündchen, es heißt Maggie; ich hatte keine Minute auf

der Straße gestanden, da hörte ich plötzlich ein feines Stimmchen:

»Guten Tag, Maggie!« Was ist denn das, wer spricht denn da?! Ich schaute

mich nach allen Seiten um und sah zwei Damen unter einem Regenschirm

daherkommen: die eine war schon recht alt, die andere noch jung; sie

gingen an mir vorüber, da erklang es aufs neue: »Schäm' dich, Maggie!«

Hol's der Teufel! Ich sah, daß Maggie einen Hund beschnüffelte, der

hinter den Damen einherlief. »Aha!« sagte ich zu mir; »wie wird mir,

sollte ich am Ende betrunken sein? Aber das passiert mir ja nur höchst

selten!« »Nein, Fidel, du irrst dich!« Jetzt sah ich's deutlich: die,

die dies sagte, war Maggie selbst: »Ich war, wau, wau, ich war, wau,

wau, wau, sehr krank!« »Sieh einer das Hündchen an!« Ich muß gestehn,

ich war sehr erstaunt, als ich hörte, daß es geradeso sprach wie ein

Mensch. Aber als ich später alles ordentlich überlegte, hörte ich auf,

mich zu wundern. Wahrhaftig, so etwas ist auf Erden schon häufiger

vorgekommen! Man erzählt sich, daß in England einmal ein Fisch ans Land

geschwommen sei, der zwei Worte in einer so merkwürdigen Sprache

gesprochen hätte, daß sich die Gelehrten schon drei Jahre darüber den

Kopf zerbrechen und doch nicht herauskriegen können, was das für eine

Sprache war. Ich habe auch in der Zeitung von zwei Kühen gelesen, die in

einen Laden gekommen seien und ein Pfund Tee verlangt hätten. Aber ich

muß sagen, ich wunderte mich doch noch mehr, als ich Maggie sagen hörte:

»Ich habe dir geschrieben, Fidel; gewiß hat Polkan dir meinen Brief

nicht überbracht.« Teufel auch, ich habe noch nie im Leben gehört, daß

ein Hund schreiben kann. Richtig schreiben kann doch nur ein Edelmann

... Natürlich, es kommt wohl auch einmal vor, daß irgendein Kaufmann,

ein Bureaumensch oder sogar ein Leibeigner etwas hinkritzelt! Aber das

ist doch immer nur ein mechanisches Geschreibsel! Ohne Punkte, ohne

Komma und ohne alles Stilgefühl! ...

Das setzte mich in Erstaunen. Ich muß gestehn, seit einiger Zeit fange

ich an, Dinge zu sehen und zu hören, die bis jetzt noch kein Mensch

gesehen und gehört hat. »Ich will mal diesem Hündchen folgen«, sagte ich

zu mir, »und erfahren, wie und was es denkt.« Ich spannte meinen Schirm

auf und ging hinter den Damen her. Wir bogen in die Erbsenstraße, dann

in die Meschtschanskaja, nachher in die Storljarnaja und endlich zur

Kokuschkin-Brücke ein und blieben vor einem großen Hause stehn. »Dieses

Haus kenne ich!« sagte ich zu mir, »es gehört Swerkow.« So ein Kasten!

Was leben da nicht alles für Leute! Wie viele Köchinnen und wie viel

Zugereiste gibt es da! Auch von uns Beamten gibt es da eine ganze Menge!

Die sitzen wie Hunde einer auf dem andern und hetzen noch einen dritten

auf ihn. Hier wohnt auch einer meiner Freunde, der sehr gut Piston

bläst. Die Damen stiegen in den fünften Stock hinauf. »Schön,« sagte ich

zu mir »jetzt will ich nicht mitgehen, ich will mir die Gegend merken

und nicht versäumen, mir die erste Gelegenheit zunutze zu machen.«

Den 4. Oktober.

Heute ist Mittwoch und daher habe ich meinen Chef in seinem

Arbeitszimmer aufgesucht. Ich kam absichtlich etwas früher, setzte mich

hin und spitzte noch einmal alle Federn an. Unser Direktor muß ein sehr

kluger Mensch sein. Sein ganzes Kabinett ist mit Bücherschränken

angefüllt. Ich las die Titel einiger Bücher. Lauter gelehrtes Zeug, so

gelehrt, daß unsereiner sich gar nicht dranwagen kann -- alles

französische oder deutsche Bücher. Und wenn man ihm erst ins Gesicht

sieht -- uff -- welche Würde leuchtet einem aus seinen Augen entgegen.

Ich habe noch nie gehört, daß er ein unnützes Wort gesagt hätte. Wenn

man ihm ein Papier reicht, bemerkt er höchstens: »Wie ist es heute

draußen?« »Feucht, Euere Exzellenz!« Ja, das ist keine Gesellschaft für

unsereinen. Er ist ein Staatsmann! Dennoch aber merke ich, daß er mich

besonders gern hat. Ach, wenn doch auch seine Tochter ... so eine

verfluchte Geschichte! ... Doch still davon! Kein Wort mehr! Ich las

heute in der »Biene«. Die Franzosen sind doch ein dummes Volk! Was

wollen sie eigentlich? Bei Gott, ich möchte sie alle übers Knie legen

und auspeitschen. Ich las auch eine sehr nette Beschreibung eines

Balles, die ein Gutsbesitzer aus Kursk verfaßt hatte. Diese Kursker

Gutsbesitzer schreiben doch sehr gut. Da bemerkte ich, daß die Uhr halb

eins schlug, und dennoch wollte »unser Chef« noch immer nicht aus seinem

Schlafzimmer herauskommen. Aber keine Feder ist imstande, das zu

beschreiben, was sich um halb zwei Uhr abspielte. Die Tür wurde

geöffnet, ich glaubte schon, es sei der Direktor, und sprang, mit den

Papieren in der Hand, vom Stuhl auf: aber es war sie, sie selbst! Alle

Heiligen! wie herrlich war sie angezogen! Ihr Kleid war schneeweiß wie

das Gefieder eines Schwanes -- ein wundervolles Kleid. Und wie sie mich

anblickte -- glich sie der Sonne -- bei Gott -- der Sonne! Sie grüßte

und sagte: »Ist Papa nicht hier gewesen?« Herr Gott! was für eine

Stimme! -- der reinste Kanarienvogel, wahrhaftig, der reinste

Kanarienvogel! »Euere Exzellenz!« wollte ich sagen, »vernichten Sie mich

nicht, aber wenn Sie mich schon durchaus vernichten wollen, so tun Sie

es mit Ihrem hochgeborenen Händchen!« Aber hol's der Teufel, die Zunge

versagte mir ihren Dienst, und ich sagte nur: »Durchaus nicht!« Sie sah

erst mich an, dann die Bücher und ließ dabei ihr Taschentuch fallen; ich

sprang eilig hinzu, glitt aber auf dem verfluchten Parkett aus und hätte

mir fast die Nase zerschlagen, doch hielt sie mich noch im letzten

Moment aufrecht und hob das Tuch auf! Alle Heiligen! Welch ein Tuch! der

allerfeinste Batist -- Ambrosia -- das reine Ambrosia! Man glaubte ihm

förmlich die Vornehmheit seiner Besitzerin anzumerken. Sie bedankte sich

und lächelte flüchtig, so daß sich ihre zuckersüßen Lippen kaum merklich

kräuselten, dann ging sie. Ich blieb noch eine Stunde lang sitzen, als

plötzlich der Diener hereintrat und sagte: »Aksentjij Iwanowitsch, gehen

Sie nach Hause, der Herr ist schon fortgefahren.« Ich kann dieses

Bedientenvolk nicht leiden; immer rekeln sie sich im Vorzimmer herum,

und unsereins zu grüßen, das fällt ihnen gar nicht ein. Aber das ist

noch nicht das Ärgste; einmal kam ein solcher Hund sogar auf den

Gedanken, mir eine Prise anzubieten, ohne vom Stuhl aufzustehen. Ja,

weißt du denn nicht, du dummer Sklave, daß ich ein Beamter und ein

Edelmann bin?! Indessen nahm ich meinen Hut, legte mir allein meinen

Mantel um, denn diesen hohen Herrn fällt es doch nicht ein, unsereinem

hineinzuhelfen, und ging meiner Wege. Zu Hause lag ich meistens auf dem

Bett. Dann schrieb ich ein paar schöne Verse ab:

»Da mein Lieb ein Stündchen nicht zu sehn ist --

's muß ein Jahr schon her sein, dacht' ich;

Weil mein Leben mir so arg verhaßt ist,

Kann ich da noch leben? -- sagt' ich.«

Wahrscheinlich ist es ein Gedicht von Puschkin. Abends wickelte ich mich

fest in meinen Mantel und ging vor das Haustor Seiner Exzellenz, ich

wartete ziemlich lange, ob sie nicht vielleicht heraustreten und in den

Wagen steigen würde, ich hoffte, sie noch einmal zu sehn; aber sie kam

nicht. --

Den 6. November.

Der Abteilungschef ist ganz aus dem Häuschen! Als ich in die Kanzlei

kam, ließ er mich sofort rufen und sprach: »Sag' mir bitte, was tust du

eigentlich?« »Wie? ich tue gar nichts,« antwortete ich. »Höre mal, denk'

doch mal darüber nach, du bist doch schon über 40 Jahre alt -- es wäre

bald Zeit, daß du vernünftig wirst. Was bildest du dir eigentlich ein?

Du glaubst wohl, ich sei nicht hinter all deine Schliche gekommen? Du

läufst ja der Tochter unseres Direktors nach! Sieh dich doch nur mal an

und mach' dir mal klar, wer du eigentlich bist! Du bist doch eine Null

-- und weiter nichts. Du hast ja keinen Heller im Kasten. Wirf doch

einen Blick in den Spiegel -- wie kannst du nur an so etwas denken!«

Hol' ihn der Teufel! weil sein Gesicht an eine Medizinflasche erinnert

und weil er nur noch ein paar Haare auf dem Kopf hat, die er künstlich

zu einem Schopf zusammendreht, den er mit allerhand duftenden Pomaden

salbt, und weil er die Nase hoch trägt, bildet er sich ein, daß ihm

allein alles erlaubt sei. Ich verstehe, ich verstehe sehr gut, warum er

so wütend auf mich ist. Er beneidet mich, vielleicht weiß er, daß ich

bevorzugt werde, vielleicht hat er die Zeichen des Wohlwollens bemerkt,

die mir zuteil geworden sind. Ach was! Ich spucke auf ihn! Auch was

Großes! Ein -- Hofrat! trägt 'ne goldene Uhrkette und läßt sich Stiefel

zu 30 Rubel das Paar machen. Ach! hol ihn doch der Teufel! Bin ich etwa

aus niederem Stande? Bin ich etwa ein Schneider oder der Sohn eines

Unteroffiziers! Ich bin ein Edelmann! Ich kann mich doch auch

heraufdienen. Ich bin erst 42 Jahre alt --, und da beginnt doch

eigentlich der Dienst erst richtig. Warte nur, Freundchen! wir werden

auch noch einmal Oberst sein, ja, vielleicht, so Gott will, auch noch

ein bissel mehr! Dann schaffe ich mir eine schöne Wohnung an, vielleicht

noch eine bessere als deine. Du bildest dir wohl ein, daß es außer dir

keine anständigen Menschen gibt? Dann schaffe ich mir einen Frack nach

der neuesten Mode an und binde mir eine ebensolche Krawatte um wie du --

dann reichst du überhaupt nicht an mich heran. Ich habe bloß kein Geld

-- das ist das Pech.

Den 8. November.

Heute war ich im Theater. Man gab »Filatka, den russischen Narren«. Ich

habe sehr gelacht. Dann folgte noch eine Posse mit allerhand komischen

Couplets, in denen es über die Gerichtsbeamten herging, besonders wurde

ein Kollegienregistrator aufs Korn genommen; diese Couplets waren sehr

kräftig, und ich habe mich gewundert, daß die Zensur sie nicht

beanstandet hat. Von den Kaufleuten hieß es geradezu, daß sie das Volk

betrügen, daß ihre Söhne verschwenderisch leben und nach dem Adelsstand

streben. Dann gab's auch ein sehr amüsantes Couplet über die

Journalisten: der Autor bat das Publikum um Schutz vor ihnen, da sie

immer alles herunterreißen. Die heutigen Schriftsteller schreiben sehr

interessante Stücke. Ich gehe sehr gern ins Theater. Sobald ich nur ein

paar Groschen in der Tasche habe, kann ich der Versuchung nicht

widerstehn und geh' hinein. Es gibt unter den Beamten solche Schweine,

die durchaus nicht ins Theater gehen wollen -- richtige Bauern -- es sei

denn, daß man ihnen ein Freibillett schenkt. Da war auch eine Sängerin.

Sie sang wunderschön -- sie erinnerte mich an jene .... ach! so 'ne

Gemeinheit. Doch still, still ... kein Wort mehr davon.

Den 9. November.

Um 8 Uhr begab ich mich in die Kanzlei. Der Abteilungschef tat so, als

bemerke er mein Eintreten gar nicht. Ich meinerseits tat auch so, als

hätten wir nichts miteinander vorgehabt. Ich sah einige Akten durch und

verglich sie miteinander. Um 4 Uhr ging ich wieder fort. Ich kam an der

Wohnung des Direktors vorbei, aber es war niemand zu sehn. Nach Tisch

lag ich meist wieder auf dem Bett.

Den 11. November.

Heute saß ich im Arbeitszimmer unseres Direktors, schnitt dreiundzwanzig

Federn für ihn und für Ihre, oh, oh, oh, und für Ihre Exzellenz vier

Federn. Er hat es gern, wenn recht viele Federn auf seinem Tisch bereit

liegen. Oh, das muß ein Kopf sein! Er schweigt beständig, aber in diesem

Kopf -- glaub' ich -- erwägt er alles. Ich möchte gern wissen, worüber

er am meisten nachdenkt, und was er für Pläne schmiedet. Ich möchte das

Leben dieser Herrn gern so aus der Nähe beobachten, alle diese

Equivoquen und Hofintrigen; wie sie sich bewegen, und was sie in ihrem

Kreise tun und treiben: das würde ich gern erfahren! -- Schon häufig

hatte ich Lust, mich mit Seiner Exzellenz in ein Gespräch einzulassen,

aber weiß der Teufel, die Zunge versagt mir ihren Dienst. Schließlich

sagt man nur, daß es draußen kalt oder warm ist, und mehr bringt man bei

dem besten Willen nicht heraus. Wie gern würde ich einen Blick ins

Gastzimmer werfen, aber die Tür steht nur selten offen; von dem

Gastzimmer aus sieht man in ein zweites Zimmer! Gott, was für eine noble

Einrichtung! Was für Spiegel! Welch ein Porzellan! Ich würde auch gerne

mal in den Teil des Hauses hineinblicken, wo Ihre Exz.... ja, da möchte

ich gern einmal rein: in ihrem Boudoir, was stehen da wohl für

Fläschchen und Büchsen, was für herrlich duftende Blumen, die man kaum

anzuhauchen wagt, da liegt vielleicht auch ihr Kleid, das sie eben

abgelegt hat, und das mehr einem Lufthauch als einem Kleidungsstück

gleicht. Wie gern würde ich auch einen Blick ins Schlafzimmer werfen.

Das muß ein Wunderland ... das muß ein Paradies sein, wie es, glaube

ich, selbst im Himmel kein ähnliches gibt. Ich möchte das Bänkchen sehn,

auf das sie des Morgens beim Aufstehn ihr Füßchen setzt, ich möchte

sehn, wie sie sich die schneeweißen Strümpfe anzieht ... O Gott! o Gott!

Doch still! still! Kein Wort mehr! Heute fiel's mir plötzlich wie

Schuppen von den Augen: ich erinnerte mich des Gesprächs der beiden

Hunde, das ich auf dem Newsky-Prospekt belauscht hatte. »Gut,« dachte

ich bei mir, »ich werde jetzt alles erfahren! Ich müßte nur den

Briefwechsel dieser beiden elenden Hunde auffangen. Daraus werde ich

gewiß so manches erfahren.« Ich muß hier anmerken: einmal habe ich

Maggie sogar zu mir herangelockt und ihr gesagt: »Hör' einmal, Maggie,

wir sind jetzt allein, wenn du willst, werde ich sogar die Tür

schließen, so daß uns niemand sehen kann -- erzähle mir alles, was du

von dem Fräulein weißt: was treibt sie und wie ist sie, ich schwöre dir,

niemand soll etwas davon erfahren.« Aber das listige Hündchen kniff nur

den Schwanz ein, duckte sich ganz zusammen und schlich leise zur Tür

hinaus, als hätte es nichts gehört. Ich vermute schon lange, daß die

Hunde viel klüger sind als die Menschen; ich bin sogar überzeugt, daß

sie sprechen können, nur sind sie sehr eigensinnig. Ein Hund ist ein

großer Politiker: er bemerkt alles und beobachtet jeden Schritt, den der

Mensch macht. Nein, es mag biegen oder brechen, morgen gehe ich zu

Swerkow, frage Fidel aus und nehme, wenn es glückt, alle Briefe, die

Maggie ihr geschrieben, an mich.

Den 12. November.

Um 2 Uhr machte ich mich auf, denn ich wollte Fidel durchaus sehen und

aushorchen. Ich kann den Kohlgeruch, der aus allen Krämerläden in der

Meschtschanskaja aufsteigt, auf den Tod nicht leiden, dazu dringt noch

ein solcher Gestank aus allen Pforten, daß ich mir die Nase zuhielt und

mich, so schnell ich nur konnte, aus dem Staub machte. Und dann

verpesteten einem die gräßlichen Handwerker noch derartig die Luft mit

dem Ruß und dem Rauch, der aus ihren Werkstätten aufsteigt, daß es für

einen anständigen Menschen tatsächlich unmöglich ist, hier

spazierenzugehen. Als ich zum sechsten Stock emporgestiegen war und die

Glocke gezogen hatte, trat ein Mädchen heraus, das nicht übel aussah,

und dessen Gesicht mit kleinen Sommersprossen bedeckt war. Ich erkannte

sie. Es war dieselbe, die die alte Frau begleitet hatte. Sie errötete

ein wenig, und ich begriff sie sogleich. -- Die Kleine sehnte sich nach

einem Schatz. »Was wünschen Sie?« fragte sie. »Ich muß mit Ihrem

Hündchen sprechen.« Das Mädchen war offenbar sehr dumm! Ich merkte

sofort, daß sie dumm war! In diesem Moment kam der Hund bellend

herangesprungen: ich wollte ihn fassen, aber das Scheusal hätte mich mit

seinen Zähnen beinahe an der Nase gepackt. Plötzlich erblickte ich in

der Ecke sein Lager. Ach, das ist ja, was ich brauche! Ich trat näher,

wühlte das Stroh im Holzkasten durcheinander und holte zu meiner großen

Freude ein kleines Papierbündel hervor. Als das garstige Tier das sah,

biß es mich erst in die Wade, dann aber merkte es, daß ich die Papiere

eingesteckt hatte, und fing an zu winseln und zu schmeicheln, ich aber

sagte: »Nein, mein Schatz, lebe wohl!« und lief davon. Ich glaube, das

Mädchen hielt mich für einen Wahnsinnigen, denn sie erschrak furchtbar.

Als ich nach Hause kam, wollte ich mich sofort an die Arbeit machen und

die Briefe entziffern -- denn bei Licht sehe ich nicht gut. Aber Mawra

war gerade dabei, den Fußboden zu waschen. Diese dummen Finnländerinnen

sind besonders immer dann reinlich, wenn man es nicht brauchen kann. So

ging ich denn hinaus, um einen Spaziergang zu machen und das Geschehene

zu überdenken. Endlich werde ich alles erfahren! Alle ihre Pläne und

Intrigen, alle geheimen Triebfedern und werde alles ergründen. Diese

Briefe werden mir alles enthüllen. Die Hunde sind ein kluges Volk, sie

kennen die politischen Verhältnisse, und daher werde ich dort alles

Wissenswerte über unsern Chef finden, das Porträt und die Machinationen

dieses Mannes. Sicherlich wird auch einiges über _sie_ darin enthalten

sein, das ... doch still, kein Wort mehr. Gegen Abend kam ich nach Hause

und lag die meiste Zeit über auf dem Bett.

Den 13. November.

Nun wollen wir mal sehn! Der Brief ist ziemlich leserlich geschrieben.

Doch aber liegt etwas Hündisches in der Handschrift. Wir wollen mal

sehn:

»Liebe Fidel! Ich kann mich noch immer nicht recht an deinen

plebejischen Namen gewöhnen. Konnte man dir wirklich keinen besseren

geben? Fidel, Rose -- wie vulgär das klingt! Aber lassen wir das

jetzt beiseite, es freut mich sehr, daß wir beschlossen haben,

einander zu schreiben.«

Der Brief ist recht orthographisch geschrieben. Die

Interpunktionszeichen sind immer auf ihrem richtigen Platze, und die

Buchstaben sind nirgends verwechselt. Ja, ich glaube, daß selbst unser

Abteilungschef nicht so korrekt schreiben kann, obgleich er behauptet,

daß er die Universität besucht habe. Sehen wir weiter!

»Mir scheint, eine der größten Freuden des Lebens ist, seine

Gedanken, Gefühle und Eindrücke mit einem Freunde zu teilen.«

Hm ... diesen Gedanken hat sie aus einem deutschen Aufsatz, der in

russischer Sprache erschienen ist. Ich kann mich nicht auf den Titel

besinnen.

»Ich spreche aus Erfahrung, obgleich ich nicht weiter in der Welt

herumgekommen bin, als bis vor unsere Haustür. Ist mein Leben nicht

von Wohlstand umgeben? Mein Fräulein, das der Papa Sophie nennt,

liebt mich grenzenlos.«

O Gott, o Gott! Doch still, still! Kein Wort mehr!

»Papa liebkost mich auch häufig. Ich trinke Tee und Kaffee mit

Sahne. Ach, _ma chère_, ich muß Dir sagen, daß ich gar keine Freude

an großen abgenagten Knochen habe, wie sie unser Polkan in der Küche

zu fressen kriegt. Nur Wildpretknochen schmecken gut, und auch die

nur, wenn das Mark noch darin ist. Es schmeckt auch sehr gut, wenn

man mehrere verschiedene Saucen durcheinandermischt, nur dürfen

keine Kapern und keine Gemüse darin sein; aber ich kenne nichts

Schlimmeres, als die Gewohnheit, Hunden Brotkügelchen vorzusetzen.

Da fängt irgendein Herr, der bei Tisch sitzt, und der schon

allerhand Schund in seinen Händen gehalten hat, plötzlich an, mit

diesen selben Händen Brot zu kneten, ruft Dich herbei und steckt Dir

so eine Brotkugel zwischen die Zähne. Refüsieren darf man nicht --

so frißt man es denn, obwohl es einen ekelt, aber man frißt es

doch!«

Weiß der Teufel, was das ist! So ein Blödsinn! Als ob es kein besseres

Thema gäbe, über das man schreiben könnte. Wir wollen mal sehn, ob wir

auf der anderen Seite nichts Vernünftigeres finden.

».... Ich bin gern bereit, Dich von allen Ereignissen zu

unterrichten, die sich bei uns abspielen. Ich habe Dir schon einiges

von der Hauptperson erzählt, die Sophie Papa nennt. Das ist ein sehr

merkwürdiger Mensch ...«

Endlich! Ich wußte es ja, sie haben einen politischen Blick für alle

Dinge. Laß uns 'n mal sehn -- was der Papa tut:

»... merkwürdiger Mensch. Er schweigt fast immer und spricht nur

selten; aber vor einer Woche sprach er in einem fort vor sich hin:

>Werde ich ihn bekommen oder werde ich ihn nicht bekommen?< Einmal

wandte er sich sogar mit der Frage an mich: >Wie denkst du, Maggie,

werde ich ihn bekommen, oder werde ich ihn nicht bekommen?< Ich

konnte rein gar nichts verstehen, beschnüffelte seine Stiefel und

schlich mich fort. Dann aber -- es ist jetzt eine Woche -- erschien

Papa plötzlich hocherfreut, _ma chère_. Den ganzen Morgen lang

gingen bei ihm uniformierte Herren ein und aus, die ihm alle zu

etwas gratulierten. Bei Tisch war er so vergnügt, wie ich ihn nie

zuvor gesehn, und er erzählte in einem fort Anekdoten.

Nach dem Essen hob er mich zu sich empor, deutete auf seinen Hals

und sagte: >Sieh mal, Maggie, was ist das?< Ich sah ein kleines

Bändchen auf seiner Brust, roch daran, fand aber gar nicht, daß es

gut duftete, schließlich leckte ich noch einmal daran: es schmeckte

etwas salzig.«

Hm, dieses Hündchen erlaubt sich, wie mir scheint, ein bißchen viel. Es

soll sich in acht nehmen, daß es keine Prügel kriegt! ... So, er ist

also ehrgeizig, das muß man sich merken!

»Leb' wohl, _ma chère_. Ich eile usw., usw. Morgen will ich meinen

Brief beenden.« --

»Guten Tag, jetzt bin ich wieder bei Dir. Heute war mein Fräulein

Sophie ...«

Ah, nun wollen wir mal sehn, was mit Sophie los ist! Ach, so 'ne

Gemeinheit ... Doch still, still! ... fahren wir fort.

»..... mein Fräulein Sophie in großer Aufregung. Sie rüstete sich zu

einem Ball, und ich war sehr erfreut, daß ich Dir in ihrer

Abwesenheit schreiben konnte. Meine Sophie ist immer sehr froh, wenn

sie einen Ball besuchen kann, obgleich sie sich beim Ankleiden fast

immer ärgert. Wozu sich die Menschen eigentlich anziehn und warum

laufen sie nicht so herum wie wir zum Beispiel? Es ist doch viel

bequemer und angenehmer. Ich kann auch nicht verstehen, was das für

ein Vergnügen ist, einen Ball zu besuchen. Sophie kommt von den

Bällen stets erst gegen 6 Uhr morgens nach Hause, und ich glaube

immer aus ihrem bleichen, elenden Aussehen zu erkennen, daß die

Ärmste nicht genug zu essen bekommen hat. Ich muß gestehn, ich

könnte nicht so leben. Wenn ich keine Sauce mit Rebhuhn und keine

gebratenen Hühnerflügel bekäme, so wüßte ich nicht, was mit mir

geschähe. Auch Sauce mit Brei schmeckt sehr gut. Dagegen Karotten,

Rüben oder Artischocken, die schmecken nie gut.«

Ein sehr ungleichmäßiger Stil. Man sieht doch gleich, daß dies kein

Mensch geschrieben hat. Er fängt an, wie es sich gehört, und schließt

wie ein Hund. Ich will mir doch noch einen weiteren Brief ansehen. Er

ist zwar ein bißchen lang, und auch das Datum fehlt.

»Ach, meine Liebe, wie fühlbar macht sich doch das Herannahen des

Frühlings! Mein Herz klopft, als erwarte es etwas! In meinen Ohren

klingt es unaufhörlich, so daß ich häufig minutenlang mit erhobenem

Bein lauschend an der Tür stehe! Ich will Dir gestehn, daß ich viele

Verehrer habe. Häufig betrachte ich sie, während ich gemächlich am

Fenster sitze. Ach, wenn Du wüßtest, was es für Mißgeburten unter

ihnen gibt! Der eine, ein plumper Köter, ist furchtbar dumm, die

Borniertheit spricht ihm aus dem Gesicht, er stolziert wichtig auf

der Straße einher und bildet sich ein, eine höchst bedeutende

Persönlichkeit zu sein; er denkt wohl, daß sich alle so ohne

weiteres in ihn verlieben werden. Aber keine Spur davon. Ich habe

ihn gar nicht beachtet und tat so, als hätte ich ihn nie gesehn. Und

was für eine fürchterliche Dogge da zuweilen vor meinem Fenster

stehnbleibt! Wenn sie sich auf die Hinterbeine stellte, was das

plumpe Tier sicherlich gar nicht kann, würde sie Sophies Papa, der

doch auch ziemlich groß und dick ist, um Kopfeslänge überragen.

Dieser Affe ist sicherlich ein schrecklicher Frechling. Ich knurrte

ihn an, aber er kümmerte sich absolut nicht drum und verzog keine

Miene, streckte nur seine Zunge heraus, wackelte mit seinen

mächtigen Ohren und schaute in mein Fenster hinein! -- solch ein

Bauer! Aber glaubst Du wirklich, _ma chère_, daß mein Herz

unempfindlich ist für all dies Werben?! Ach, nein ..... Wenn Du nur

den einen Kavalier gesehen hättest, der mitunter über den Zaun

unseres Nachbars klettert -- er heißt Tresor -- oh, _ma chère_ --

was der für ein Schnäuzchen hat!! ....«

Pfui Teufel! .... Was für ein Blödsinn! .... Wie kann man nur ganze

Seiten mit solchen Dummheiten anfüllen. Einen Menschen! Ich will einen

Menschen sehn; mich verlangt nach geistiger Nahrung, die meine Seele

speist und labt: und statt dessen diese Dummheiten ..... Doch ich will

eine Seite überschlagen, vielleicht wird's besser!

»... Sophie saß am Tisch und nähte etwas. Ich blickte zum Fenster

hinaus, weil ich mir gern die Spaziergänger anschaue, als plötzlich

der Diener hereintrat und Herrn Teplow meldete. >Ich lasse bitten!<

rief Sophie und umarmte mich stürmisch. >Ach, Maggie, Maggie! wenn

Du wüßtest, wer das ist: ein brünetter Kammerjunker! und Augen hat

er! schwarz und klar wie Achat!< und Sophie lief in ihr Zimmer.

Einen Augenblick später trat ein junger Kammerjunker mit einem

schwarzen Backenbart herein; er näherte sich dem Spiegel, ordnete

sein Haar und sah sich im Zimmer um. Ich knurrte und ging auf meinen

Platz zurück. Sophie kam bald zurück und beantwortete seinen

Kratzfuß mit einem fröhlichen Knicks; ich tat, als bemerke ich

nichts und schaute ruhig aus dem Fenster, beugte aber meinen Kopf

etwas zur Seite und versuchte zu hören, was sie sprachen. Ach, _ma

chère_, was das für Banalitäten waren! Sie redeten davon, wie eine

Dame beim Tanz anstatt des einen Pas einen anderen gemacht hätte,

ferner, daß ein gewisser Robow mit seinem Jabot einem Storche

außerordentlich ähnlich gesehen hätte und beinahe auf dem Parkett

ausgeglitten und gefallen wäre. Schließlich erzählten sie noch, daß

eine gewisse Lidina sich einbilde, sie habe blaue Augen, während sie

in Wirklichkeit grün seien usw. Ich dachte mir, wie kann man nur

diesen Kammerjunker mit Tresor vergleichen! Himmel! welch ein

Unterschied! Erstens hat der Kammerjunker ein vollkommen glattes

Gesicht, das von einem Backenbart eingerahmt ist, was so aussieht,

als ob er sich ein schwarzes Tuch um den Kopf gebunden hat. Wie

anders Tresor! Er hat ein ganz feines Schnäuzchen und mitten auf der

Stirn einen kleinen weißen Fleck. Auch Tresors Taille ist

unvergleichlich, viel schöner als die des Kammerjunkers. Auch seine

Augen, seine Manieren und seine Bewegungen sind ganz anders. Welch

ein Unterschied! Ich verstehe nicht, meine Liebe, was sie an ihrem

Teplow gefunden hat, und warum sie so entzückt von ihm ist?! ...«

Mir scheint auch, hier muß etwas nicht richtig sein. Es ist unmöglich,

daß dieser Teplow sie so bezaubert hat. Ich will mal weiter sehn:

»Mir scheint, wenn ihr schon dieser Kammerjunker so gefällt, wird

sie bald auch an jenem Beamten Gefallen finden, der in Papas Zimmer

sitzt. Ach, _ma chère_, wenn Du wüßtest, was das für ein Scheusal

ist. Die reine Schildkröte, die man in einen Sack gesteckt hat ...«

Was kann das wohl für ein Beamter sein?

»Sein Familienname ist höchst seltsam. Er sitzt immer da und

schneidet Federn. Die Haare auf seinem Kopf erinnern stark an einen

Büschel Heu. Papa benutzt ihn mitunter statt des Dieners zu

Botendiensten ...«

Mir scheint, dieses garstige Hündchen spielt auf mich an! Habe ich denn

Haare wie ein Heubüschel!

»Sophie kann sich nur mit Mühe des Lachens enthalten, wenn sie ihn

ansieht.«

Du lügst, verfluchter Hund! Welche boshafte Zunge! Als ob ich nicht

wüßte, daß dies alles vom Neid eingegeben ist, als ob ich nicht weiß,

wer hier dahintersteckt. Das ist doch eine Intrige des Abteilungschefs!

Dieser Mensch hat mir doch ewigen Haß geschworen -- nun schadet er mir

bei jedem Schritt, den ich tue. Übrigens will ich mir noch einen Brief

ansehn. Vielleicht klärt sich dann die Sache von selbst auf.

»_Ma chère_ Fidel, verzeih', daß ich so lange nicht geschrieben

habe. Ich war in einem Wonnerausch! Der Dichter hat wirklich recht,

der gesagt hat, daß die Liebe das zweite Leben ist. Außerdem gehen

große Veränderungen in unserem Hause vor. Der Kammerjunker besucht

uns jetzt täglich. Sophie ist wahnsinnig in ihn verliebt. Papa ist

sehr vergnügt. Ich habe sogar von unserem Grigorij gehört, -- der

bei uns den Fußboden fegt und immer Selbstgespräche führt -- daß die

Hochzeit bald stattfinden wird, denn Papa will durchaus, daß Sophie

einen General oder einen Kammerjunker oder einen Militäroberst

heiratet ...«

Hol's der Teufel! ich kann nicht mehr lesen ... Immer irgendein

Kammerjunker oder General. Alles Schöne, was es auf der Welt gibt --

fällt immer den Kammerjunkern oder Generälen zu. Du findest irgendein

elendes Ding, das dich glücklich machen könnte, und willst schon mit der

Hand darnach greifen, da wird es dir von einem Kammerjunker oder einem

General entrissen. Hol's der Teufel! ... Ich wünschte, ich würde selbst

General; nicht um ihre Hand zu gewinnen usw. -- nein, ich wünschte nur

deshalb, ich wäre General, um zu sehn, wie sie vor mir scharwenzeln und

alle diese höfischen Verbeugungen und Equivoquen machen würden, und um

ihnen dann sagen zu können, daß ich auf sie beide speie. Hol's der

Teufel -- es ist aber doch ärgerlich! Ich habe die Briefe dieses dummen

Hündchens in Stücke gerissen.

Den 3. Dezember.

Es kann nicht sein. Das sind Lügengespinste, die Hochzeit wird niemals

stattfinden! Was liegt denn daran, wenn er auch Kammerjunker ist! Das

ist doch nichts weiter als ein Titel und kein sichtbarer Gegenstand, den

man in die Hand nehmen könnte. Weil er Kammerjunker ist, bekommt er doch

kein drittes Auge auf der Stirn. Seine Nase ist doch auch nicht von

Gold, sondern aus demselben Stoff wie die meine und die anderer

Menschen! Er riecht doch und ißt nicht etwa mit ihr, und er niest und

hustet nicht mit ihr. Ich wollte schon immer ergründen, woher diese

Unterschiede stammen. Warum bin ich z. B. Titularrat und _wozu_ bin ich

Titularrat? Vielleicht bin ich gar nicht Titularrat! Vielleicht bin ich

ein Graf oder ein General und scheine nur Titularrat zu sein. Vielleicht

weiß ich noch selbst nicht, wer ich bin. Es gibt doch in der Geschichte

genug Beispiele dafür: irgendein ganz gewöhnlicher Mensch, der nicht

einmal Edelmann, sondern ein simpler Bürger oder Bauer ist -- entpuppt

sich plötzlich als hoher Würdenträger, Baron oder ... na, wie sagt man

doch gleich? Wenn also schon ein Bauer so emporsteigen kann, was kann

dann nicht erst aus einem Edelmann werden? Wie wär's z. B., wenn ich

plötzlich in Generalsuniform erschiene: auf der rechten Schulter eine

Epaulette und auf der linken Schulter eine Epaulette, und ein blaues

Band über der Achsel -- was wohl meine Schöne da für Augen machen würde?

Und was würde wohl erst unser Papa, unser Direktor dazu sagen? Oh -- er

ist ein großer Streber! Er ist ein Freimaurer, unbedingt ein Freimaurer;

wenn er sich auch verstellt, als sei er dieses und jenes, ich habe es

doch gleich bemerkt, daß er Freimaurer ist. Wenn er einem die Hand

reicht, streckt er einem nur zwei Finger entgegen. Ja -- warum sollte

ich denn nicht jeden Augenblick zum Generalgouverneur, zum Intendanten

oder zu so etwas Ähnlichem ernannt werden! Ich möchte wirklich gern

wissen, warum gerade ich Titularrat bin? Warum gerade Titularrat?

Den 5. Dezember.

Heute habe ich den ganzen Tag über Zeitungen gelesen. Was für

merkwürdige Dinge doch in Spanien vorgehen! Es war mir nicht einmal

leicht, zu verstehen, was da vorgeht! Man schreibt, daß der Thron

erledigt sei, und daß sich die Stände wegen der Wahl des Nachfolgers in

einer sehr schwierigen Lage befinden, und daß deswegen sogar Unruhen

ausgebrochen seien! Das scheint mit doch sehr sonderbar! Wie ist es nur

möglich, daß ein Thron erledigt wird! Man sagt: eine Donna solle den

Thron besteigen. Aber eine Donna kann doch keinen Thron besteigen. Das

geht doch nicht! Auf dem Throne muß doch ein König sitzen. Ja aber,

wendet man ein, es ist doch kein König da! Das kann aber doch nicht

sein, daß kein König da ist! Ein Land kann nicht ohne König existieren.

Ein König ist sicherlich da, aber er hält sich irgendwo verborgen. Es

ist sehr möglich, daß er im Lande weilt, aber irgendwelche

Familienverhältnisse oder Befürchtungen seitens der benachbarten Mächte,

wie Frankreich und anderer, veranlassen ihn, sich zu verbergen -- oder

gibt es vielleicht noch andere Gründe?

Den 8. Dezember.

Ich war schon im Begriff, in die Kanzlei zu gehn, aber verschiedene

Gründe und Bedenken hielten mich zurück. Die spanischen Angelegenheiten

wollen mir nicht aus dem Kopf. Wie ist es nur möglich, daß eine Donna

König wird. Das wird man gar nicht zulassen! England wird zuerst dagegen

Einspruch erheben! Auch die politische Lage Europas, der Kaiser von

Österreich und unser Kaiser ... Ich muß sagen, diese Ereignisse haben

mich dermaßen erschüttert und niedergeschmettert, daß ich den ganzen Tag

zu nichts fähig war. Mawra machte mir gegenüber die Bemerkung, daß ich

beim Essen sehr zerstreut gewesen sei. Sie hat ganz recht: ich habe in

meiner Zerstreutheit sogar zwei Teller fallen lassen, daß sie

zerbrachen. Nach Tisch ging ich spazieren, aber ich konnte nichts

Interessantes entdecken. Ich lag meistens auf dem Bett und dachte über

die spanischen Angelegenheiten nach.

Im Jahre 2000, den 43. April.

Der heutige Tag ist ein großer Jubeltag! Spanien hat wieder einen König!

Er ist gefunden! Dieser König bin ich! Erst heute habe ich es erfahren.

Ich muß gestehn, es erleuchtete mich wie ein Blitzstrahl. Ich begreife

nicht, wie ich denken, wie ich mir einbilden konnte, ich sei ein

Titularrat! Wie konnte sich dieser wahnsinnige, dieser aberwitzige

Gedanke in meinem Hirn festsetzen! Nur gut, daß es damals niemand

eingefallen ist, mich ins Narrenhaus zu sperren. Jetzt ist mir alles

klar. Es liegt alles vor mir wie auf der flachen Hand. Früher dagegen --

ich versteh' es nicht -- früher lag alles wie im Nebel vor mir. Ich

denke, dies alles kommt daher, weil die Menschen glauben, daß das Gehirn

des Menschen sich im Kopf befinde; dies ist gar nicht der Fall; in

Wirklichkeit trägt es der Wind vom Kaspischen Meer her. Zuerst eröffnete

ich Mawra, wer ich bin. Als sie vernahm, daß der spanische König vor ihr

steht, schlug sie die Hände über dem Kopfe zusammen und starb fast vor

Schreck. Die Dumme, sie hat noch nie einen spanischen König gesehn. Ich

versuchte, sie zu beruhigen und ihr mit gnädigen Worten mein Wohlwollen

auszudrücken, indem ich ihr erklärte, ich sei gar nicht böse auf sie,

weil sie mir mitunter meine Stiefel so schlecht geputzt habe. Das sind

doch einfache Leute. Mit ihnen kann man doch nicht über höhere Dinge

reden. Sie war darum so erschrocken, weil sie in dem Glauben lebt, daß

alle spanischen Könige Philipp II. ähnlich seien. Aber ich setzte ihr

auseinander, daß Philipp und ich nichts Gemeinsames miteinander hätten,

und daß ich keine Kapuziner bei mir habe. Ich ging heute nicht ins

Departement. Hol' es der Teufel! Nein, meine Herren, jetzt kriegt ihr

mich nicht mehr dahinein; ich denke nicht mehr daran, eure garstigen

Papiere abzuschreiben!

Den 86. Oktember zwischen Tag und Nacht.

Heute erschien unser Exekutor, um mich aufzufordern, in die Kanzlei zu

kommen; es ist schon bald drei Wochen, daß ich nicht in der Kanzlei war.

Aber die Menschen sind ungerecht. Sie rechnen mit Wochen. Das haben die

Juden eingeführt, weil sich ihr Rabbiner um diese Zeit wäscht! ... Ich

ging aber zum Spaß ins Bureau. Der Abteilungschef dachte, ich würde ihn

begrüßen und würde mich entschuldigen, aber ich sah ihn nur gleichgültig

an, nicht zu böse, aber auch nicht zu freundlich, und ließ mich auf

meinem Platz nieder, als bemerke ich niemand. Ich sah mir die ganze

Kanzleisippe an und dachte bei mir: wie, wenn ihr wüßtet, wer mitten

unter euch sitzt ... Gerechter Gott, was hätte sich da für ein Tumult

erhoben! Ja, selbst der Abteilungschef würde sich dann so tief vor mir

verbeugen, wie er es jetzt vor dem Direktor tut. Man legte ein paar

Akten vor mich hin; ich sollte einen Exzerpt daraus machen. Doch ich

rührte keinen Finger. Ein paar Augenblicke später entstand eine

allgemeine Unruhe. Man rief: der Direktor kommt. Mehrere Beamten

stürmten um die Wette hinaus, um sich ihm bemerkbar zu machen. Ich aber

rührte mich nicht vom Flecke. Als er durch unsere Abteilung

hindurchging, knöpften alle ihre Fräcke zu; aber ich tat nichts

dergleichen. Was ist denn ein Direktor? Sollte ich etwa vor dem

aufstehen? -- niemals! Was ist er auch für ein Direktor! Ein Stöpsel ist

er, aber kein Direktor. Ein ganz gewöhnlicher Stöpsel -- ein simpler

Stöpsel, und weiter nichts -- so einer, mit dem man Flaschen zukorkt. Am

meisten Spaß machte es mir, als man mir ein Papier zur Unterschrift

vorlegte. Sie glaubten sicherlich, ich würde ganz unten in einem Eckchen

eine Unterschrift hinsetzen -- Tischvorsteher Soundso -- fiel mir ja gar

nicht ein! Statt dessen signierte ich in der Mitte des Blattes, wo

gewöhnlich der Namenszug des Departementdirektors prangt, mit kräftigen

Zügen: »Ferdinand VIII.« Man hätte sehen müssen, was für ein

ehrfürchtiges Schweigen entstand! Aber ich winkte nur mit der Hand und

sagte: »Ich bedarf keiner Zeichen der Untertänigkeit« und ging hinaus.

Von dort ging ich sofort in die Wohnung des Direktors. Er war nicht zu

Hause. Der Bediente wollte mich nicht einlassen, aber ich herrschte ihn

derartig an, daß er die Hände sinken ließ. Von dort schritt ich geradaus

in ihr Ankleidezimmer. Sie saß vor dem Spiegel, sprang auf und tat einen

Schritt zurück. Ich sagte ihr aber nicht, daß ich der König von Spanien

bin. Ich sagte ihr nur, daß ihr ein so großes Glück bevorstehe, wie sie

es sich wohl nicht träumen lasse, und daß wir trotz aller Intrigen

unserer Feinde vereinigt bleiben würden. Mehr wollte ich auch nicht

sagen und daher ging ich hinaus. Oh! welch ein heimtückisches Geschöpf

ist doch das Weib! Erst jetzt habe ich begriffen, was das Weib ist!

Bisher wußte noch niemand, in wen sie verliebt ist: ich bin der erste,

der es entdeckt hat. Das Weib ist in den Teufel verliebt. Jawohl, ich

scherze nicht. Die Physiker reden lauter Dummheiten, wenn sie sagen, sie

sei dies und jenes. Sie liebt nur den Teufel. Schaun Sie nur hin: da

sitzt sie in einer Loge im ersten Rang und hält sich die Lorgnette vor

die Augen. Sie glauben, sie betrachtet jenen dicken Herrn mit dem Stern.

Keineswegs! sie schaut nach dem Teufel, der hinter seinem Rücken steht.

So -- jetzt hat er sich in seinen Frack verkrochen und winkt ihr von

dort aus mit dem Finger. Sie wird ihn sicherlich heiraten -- ganz

sicher. Und all diese Beamten und hohen Herren, ihre Väter, die überall

herumscharwenzeln, sich an den Hof drängen und laut erklären, sie seien

Patrioten und dies und jenes: sie wollen eine Leibrente haben, diese

Herren Patrioten! Ihre Mutter, ihren Vater, ja selbst ihren Gott werden

sie verkaufen, diese Judasse und Streber! Das macht alles der Ehrgeiz,

und dieser Ehrgeiz kommt nämlich daher, weil sich unter der Zunge ein

kleines Bläschen befindet; in ihm sitzt ein kleines Würmchen, so groß

wie ein Stecknadelkopf, und das alles rührt von einem Bader her, der in

der Erbsenstraße wohnt. Sein Name ist mir entfallen; aber es steht

völlig fest, daß er gemeinsam mit einer Hebamme in der ganzen Welt den

Islam verbreiten will, und daher soll in Frankreich, wie man sagt, schon

ein großer Teil der Bevölkerung den mohammedanischen Glauben bekennen.

Kein Datum, der Tag hatte kein Datum.

Ich ging inkognito auf dem Newsky spazieren, da kam der Kaiser

vorbeigefahren. Alles zog den Hut und ich auch; ich ließ mir's jedoch

nicht merken, daß ich der König von Spanien bin. Ich hielt es nicht für

angemessen, mich hier, vor dem Publikum, zu erkennen zu geben; vor allem

muß ich mich bei Hofe vorstellen. Ich habe damit gezögert, weil ich bis

jetzt noch kein spanisches Nationalkostüm habe. Ich müßte mir wenigstens

einen spanischen Mantel verschaffen. Ich wollte mir schon beim Schneider

einen bestellen -- aber diese Kerls sind ja die reinen Esel, und dazu

kommt noch, daß sie sich gar nicht für ihre Arbeit interessieren, sie

wollen nur Geschäfte machen, ihre Haupttätigkeit ist, die Straßen zu

pflastern. Ich habe beschlossen, mir den Mantel aus meinem neuen

Uniformrock, den ich erst zweimal getragen habe, machen zu lassen. Aber

damit ihn mir diese Lumpen nicht ruinieren, habe ich mich dahin

entschieden, ihn mir selbst zu nähen, und zwar hinter verschlossenen

Türen, damit es niemand sieht. Ich habe ihn ganz aufgetrennt und mit

einer Schere zerschnitten -- weil der Schnitt ja ganz anders sein muß.

Des Datums erinnere ich mich nicht,

der Monat war auch ausgeblieben,

weiß der Teufel, was da los war.

Der Mantel ist vollständig fertig. Mawra schrie auf, als ich ihn

umlegte. Dennoch kann ich mich noch nicht entschließen, mich bei Hofe

vorzustellen. Bis jetzt ist die Deputation aus Spanien noch nicht

angekommen. Ohne Deputation aber geht es wohl nicht. Auch würde mein

hoher Rang so nicht zur Geltung kommen. Ich erwarte die Deputation von

Stunde zu Stunde.

Den Ersten.

Ich bin ob der Saumseligkeit der Deputierten aufs höchste erstaunt! Was

für Gründe mögen sie aufgehalten haben! Doch nicht am Ende Frankreich?

Ja, das ist die unfreundlichste unter allen Mächten. Ich ging auf die

Post und fragte, ob die spanischen Deputierten noch nicht eingetroffen

wären; aber der Postmeister ist furchtbar dumm -- er weiß von nichts:

»Nein,« sagt er, »hier sind keine spanischen Deputierten; wenn Sie aber

einen Brief absenden wollen, so werden wir ihn gern zu der festgesetzten

Taxe befördern.« Hol' ihn der Teufel! Was soll ich mit einem Brief! Ein

Brief! So ein Unsinn -- Briefe schreiben nur Apotheker ..... Und auch

das nur, nachdem sie ihre Zunge in Essig getunkt haben. Denn ohne dies

wäre ihr ganzes Gesicht mit Flechten bedeckt.

_Madrid_, den 30. Februarius.

Da bin ich nun in Spanien! es ging so schnell, daß ich gar keine Zeit

hatte, zu mir zu kommen. Heute früh erschienen die spanischen

Deputierten bei mir, und wir stiegen alle zusammen in den Wagen. Ich

wunderte mich sehr über die ungewöhnliche Geschwindigkeit. Wir fuhren so

schnell, daß wir schon in einer halben Stunde die spanische Grenze

erreicht hatten. Übrigens gibt es jetzt in ganz Europa Eisenschienen,

und die Dampfer fahren sehr schnell. Spanien ist doch ein sonderbares

Land. Als ich das erste Zimmer betrat, erblickte ich eine Menge

Menschen, die alle rasierte Köpfe hatten. Ich erriet sofort, daß das

Granden oder Soldaten waren, denn die pflegen dort ihre Köpfe zu

rasieren. Das Benehmen des Reichskanzlers, der mich an der Hand führte,

erschien mir jedoch sehr merkwürdig: er stieß mich in eine kleine Stube

und sagte: »Bleib hier sitzen und wenn du noch einmal Lust verspüren

solltest, dich König Ferdinand zu nennen, werde ich dir diese Späße

schon ausprügeln.« Aber da ich wußte, daß er mich nur auf die Probe

stellen wollte, gab ich eine verneinende Antwort, worauf mich der

Kanzler zweimal auf den Rücken schlug, daß ich vor Schmerz beinah laut

aufgeschrien hätte, aber ich nahm mich zusammen, da ich mich erinnerte,

daß dies der Ritterschlag war, den man bei der Übernahme einer hohen

Würde erhält -- in Spanien haben sich nämlich die alten Rittersitten

noch erhalten. Als ich allein geblieben war, beschloß ich, an die

Staatsgeschäfte zu gehen. Ich entdeckte, daß China und Spanien ein und

dasselbe Land sind und nur aus Unwissenheit für zwei verschiedene

Staaten gehalten werden. Ich rate daher jedem, Spanien auf ein Blatt

Papier zu schreiben, wenn er China lesen will. Allein, das Ereignis, das

morgen stattfinden soll, erfüllt mich mit Sorge. Morgen um 7 Uhr wird

sich etwas Außerordentliches begeben: die Erde wird sich auf den Mond

setzen. Auch der berühmte englische Chemiker Wellington schreibt

hierüber. Ich muß gestehn, beim Gedanken an die außerordentliche

Zartheit und Zerbrechlichkeit des Mondes fühlte ich eine große Unruhe in

meinem Herzen. Der Mond wird doch gewöhnlich in Hamburg gemacht, und man

muß sagen, er wird sehr schlecht gemacht. Ich wundre mich, daß sich

England nicht darum kümmert. Er wird von einem lahmen Böttcher

hergestellt, und man merkt gleich, daß der Kerl keine Ahnung vom Monde

hat. Er benutzt dabei ein geteertes Seil und etwas Baumöl; daher auch

dieser schreckliche Gestank, der sich überall auf der Erde verbreitet,

daß man sich die Nase zuhalten möchte. Daher ist der Mond auch eine so

zarte Kugel, daß keine Menschen auf ihm leben können und daß er nur noch

von Nasen bewohnt wird. Darum können wir ja auch unsere Nasen nicht

sehen, denn sie sind alle auf dem Monde. Als ich mir vorstellte, daß die

Erde, diese schwere Masse, sich auf den Mond setzen und all unsere Nasen

zu Mehl zermahlen könnte, ergriff mich solch eine Unruhe, daß ich

schnell Schuhe und Strümpfe anzog und in den Saal des Reichsrats lief,

um der Polizei Order zu geben, sie solle die Erde daran hindern, sich

auf den Mond zu setzen. Die rasierten Granden, die ich in großer Zahl im

Saale des Reichsrats versammelt fand, sind eine sehr intelligente

Gesellschaft; als ich sagte: »Meine Herren! wir müssen den Mond retten,

die Erde will sich auf ihn setzen!« da erhoben sich alle und stürzten

alle fort, um meinen königlichen Willen auszuführen, ja, viele

kletterten auf die Wand, um den Mond zu holen; aber in diesem Augenblick

trat der große Kanzler herein. Als sie ihn erblickten liefen alle davon.

Ich, der König, blieb allein da. Aber zu meinem größten Erstaunen schlug

mich der Kanzler mit seinem Stock über den Rücken und trieb mich in mein

Zimmer. So groß ist die Macht der spanischen Volkssitten.

Im Januar desselben Jahres,

der auf den Februar folgte.

Ich kann noch immer nicht verstehn, was Spanien für ein merkwürdiges

Land ist. Die Volkssitten und die Hofetikette sind hier ganz

ungewöhnlich. Ich verstehe sie nicht, nein wirklich -- ich verstehe

nichts mehr! Heute hat man mir den Kopf geschoren, obgleich ich aus

Leibeskräften schrie und rief, ich wolle kein Mönch werden. Aber was

dann mit mir geschah, als sie mir kaltes Wasser auf den Kopf tropfen

ließen, das weiß ich nicht mehr. Solch eine Höllenpein habe ich noch nie

gefühlt. Ich wäre fast rasend geworden, so daß sie mich nur mit Mühe

bändigen konnten. Ich kann den Sinn dieser sonderbaren Sitte gar nicht

verstehen. Das ist eine ganz dumme und sinnlose Sitte. Die Unvernunft

der Könige, die diese Sitte noch immer nicht abgeschafft haben, ist mir

unbegreiflich. Aller Wahrscheinlichkeit nach bin ich in die Hände der

Inquisition gefallen, und ich fange an zu glauben, daß der, den ich für

den Kanzler hielt, der Großinquisitor in eigener Person ist. Aber ich

kann's nicht begreifen, daß der König der Inquisition verfallen konnte.

Es ist zwar möglich, daß Frankreich, und besonders Polignac dahinter

steckt. Oh, dieser Hund, dieser Polignac! Er hat geschworen, mir bis zu

meinem Tode zu schaden. Und nun hetzt und hetzt er mich; aber ich weiß

wohl, Freundchen, du wirst von England aufgereizt. Die Engländer sind

große Politiker. Sie machen immer Kniffe und Winkelzüge. Das ist doch

weltbekannt, wenn England eine Prise nimmt -- muß Frankreich niesen.

Den 25.

Heute kam der Großinquisitor wieder in mein Zimmer; aber als ich ihn aus

der Ferne herankommen hörte, verkroch ich mich unter einen Stuhl. Wie er

nun das Zimmer leer fand, fing er an zu schreien. Erst rief er:

»Poprischtschin!« Ich gab keinen Laut von mir; hierauf rief er:

»Aksentij Iwanow! Herr Titularrat und Edelmann!« Ich schwieg noch immer.

»Ferdinand VIII., König von Spanien!« Ich wollte meinen Kopf vorstecken,

dachte mir aber: »Nein, mein Lieber, du betrügst mich nicht, ich kenne

dich jetzt, du wirst mir wieder kaltes Wasser auf den Kopf gießen.«

Allein er erblickte mich und jagte mich mit dem Stock unter dem Stuhl

hervor. Dieser verfluchte Stock tut doch verdammt weh! Übrigens hat mich

eine Entdeckung, die ich heute gemacht habe, für alles entschädigt: ich

habe nämlich bemerkt, daß es bei jedem Hahn ein Spanien gibt: es

befindet sich unter den Federn, und zwar in der Nähe der Schwanzfedern.

Der Großinquisitor verließ mich übrigens in sehr übler Laune und drohte

mir irgendeine Strafe an. Aber ich achte nicht auf seinen ohnmächtigen

Zorn, da ich weiß, daß er doch nur eine Maschine und zwar ein Instrument

in Händen Englands ist.

D-34-en sten. Mon. des Jah. im Februar 349.

Nein, ich kann's nicht länger ertragen! Mein Gott, was fangen sie mit

mir an! Sie gießen mir kaltes Wasser auf den Kopf! Sie achten meiner

nicht, sie sehen und hören nicht auf mich! Was habe ich ihnen getan?

Warum quälen sie mich so? Was wollen sie von mir Armem? Was könnte ich

ihnen geben? Ich habe ja selbst nichts! Ich habe keine Kraft mehr, ich

kann diese Qualen nicht ertragen, mit denen sie mich quälen, mein Kopf

brennt mir, und alles dreht sich vor meinen Augen! Oh! rettet mich!

Bringt mich fort von hier! gebt mir ein Dreigespann schnellfüßiger

Rosse, die dahinstürmen wie ein Wirbelwind! steig ein, mein Wagenlenker!

läute, läute, mein Glöcklein, stürmt vorwärts, ihr meine Rosse, und

tragt mich fort aus dieser Welt! Weiter, immer weiter, damit ich nichts

von alledem, nichts, gar nichts mehr sehe. Sieh! da ballt der Himmel

sich vor mir zusammen, ein Sternchen funkelt in der Ferne. Der Wald mit

seinen dunkeln Bäumen zieht mondbestrahlt an mir vorüber. Grauer Nebel

breitet sich zu meinen Füßen, und eine Saite tönt in ihm. Rechts das

Meer und links Italien. Sieh, da tauchen Rußlands Hütten vor mir auf!

Ist das mein Vaterhaus, dort in der blauen Ferne? Sitzt nicht dort mein

Mütterchen am Fenster? O Mutter, Mutter, rette deinen armen Sohn! Lass

eine Träne auf seinen kranken Kopf fallen! blick' hin, wie sie ihn

quälen! drück' ihn ans Herz, den armen Verwaisten! es ist kein Platz für

ihn auf dieser Welt! man hetzt, man verfolgt ihn. Mutter erbarme dich

deines kranken Kindes ... Aber wissen Sie eigentlich schon, daß der Bei

von Algier eine Warze unter der Nase hat?

Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom · 第 22 / 32 题