Kosakenheer still und gehorsam in den Krieg zieht, ob Pulverdampf und
Kugelregen sich aus den Gewehren entlädt, ob der Metkrug oder der
Weinbecher kreist, ob von der furchtbaren Hinrichtung des Hetmans
berichtet wird, daß einem die Haare dabei zu Berge stehn, von der Rache
des Kosaken oder von einem erschlagenen Helden, der mit weit
ausgestreckten Armen und wirrem Schopf auf dem Rasen liegt, oder vom
Geschrei der in den Wolken schwebenden Adler, die um das Recht streiten,
dem Kosaken die Augen auszuhacken -- alles dies _lebt_ in den Liedern
und ist in ihnen mit kühnen Farben geschildert.
Ein anderer Teil der Lieder stellt die andere Seite des Volkslebens dar:
hier finden wir zahllose Züge aus dem Familienleben des Kosaken, und
hier herrscht der absolute Gegensatz. Dort hören wir nur von Kosaken,
vom Kriege und vom wilden Lagerleben; hier dagegen ersteht vor uns die
Frauenwelt, diese wehmütige, zärtliche Liebe atmende Welt; die zwei
Geschlechter verkehren nur kurze Zeit miteinander und trennen sich dann
für ganze Jahre. Diese Jahre schwinden für die Frau in banger Erwartung
und Sehnsucht nach ihren Männern und ihren Liebsten dahin, die einst wie
ein Traum, ein Phantasiegebilde in ihrem herrlichen Kriegsschmuck an
ihnen vorüberzogen. Daher ist auch ihre Liebe von einer unendlichen
Poesie durchwebt. Das frische, unschuldige, einem Täubchen vergleichbare
junge Weib hat plötzlich die höchste Seligkeit, das Paradies des Weibes,
das nur für die Liebe geschaffen ist, kennen gelernt. Ihr erster
Lebensfrühling, den sie mit dem starken, freien Sohn des Krieges verlebt
hat, hat ihr ganzes Lebensglück in einen flüchtigen Augenblick
zusammengedrängt; mit ihm verglichen hat das ganze Leben keinen Wert;
sie lebt nur in der Erinnerung an diesen Moment. Sehnsüchtig erwartet
sie vom Morgen bis zum Abend die Rückkehr ihres Gatten mit den schwarzen
Brauen.
O ihr schwarzen Augenbrauen,
Wie schwer macht ihr mir das Leben,
Keine Nacht wollt ihr
Alleine schlafen.
Sie lebt ausschließlich von Erinnerungen. Alles, was sie zusammen
gesehen, wo sie miteinander geweilt, was sie miteinander geredet, alles
ruft sie sich in die Erinnerung zurück, ohne auch das Geringste außer
acht zu lassen. Sie wendet sich an alles, was sie in der Natur entdeckt,
an alles, was Leben ausströmt, selbst an die leblosen Gegenstände, klagt
ihnen ihr Leid und spricht mit ihnen. Und wie einfach, wie poetisch
schlicht sind ihre seelenvollen Worte. Alles bringt sie in Beziehung zu
ihrem Gefühl und wird nicht müde zu reden, denn der Mensch hat immer
viele Worte, wenn der Schmerz eine geheime Süße in sich birgt. Endlich
spricht sie in stiller, hoffnungsloser Verzweiflung:
Ach, jetzt kann ich nicht mehr wandeln,
Wo ich mit dem Liebsten ging.
Ach, jetzt kann ich nicht mehr lieben,
Den ich einst so sehr geliebt.
Ach, jetzt kann ich nicht mehr wandeln
Vor dem Schlosse in der Früh.
Ach, ich kann mich nicht mehr lehnen
An den Arm des Heißgeliebten.
Ach, jetzt kann ich nicht mehr wandeln
In dem Wald und Nüsse suchen.
Ach, vorüber, längst vorüber
Ist die heitre Mädchenzeit.
Um denen, die die kleinrussische Sprache nicht beherrschen, die Tiefe
des Empfindens, die sich in diesen Liedern offenbart, so verständlich
wie möglich zu machen, will ich hier eines dieser Lieder in der
Übertragung anführen.
Mein Liebster zürnt mir und grollt mir. Er sattelt seinen Rappen und
zieht in die Ferne, weit, weit fort von mir.
»Wohin ziehst du, mein Geliebter, du mein graues Täubchen, wohin
entfliehst du? Wem überlässest du mich schutzloses, junges Wesen?«
»Ich lasse dich in Gottes Obhut, Geliebte! Warte auf mich, bis ich
von der weiten Reise zurückkehre.«
Oh, wenn ich wüßte, wenn ich es doch sehen könnte, wohin mein
Liebster trabt, so wollte ich ihm auf dem ganzen Wege Brücken aus
grünem Schilf bauen und ihn immerfort bei mir erwarten.
Allmächtiger Gott, ebne die Berge und Täler, auf daß die Wege
überall glatt seien, und daß er bequem von seinem Ziele bis vors
Haus reiten kann.
Ah! die Wiesen singen, die Ufer klingen, das Gras auf den Wegen
fängt an zu grünen; da ist er, mein Geliebter kommt geritten!
Ah! die Wiesen singen, die Ufer klingen, der Wacholder erblüht --
gewiß plaudert mein Geliebter, mein graues Täubchen irgendwo mit
einer andern.
Warum kamst du nicht geflogen, wie ich dich bat! Hattest du kein
Roß, kanntest du den Weg nicht mehr, oder hat's dir deine Mutter
verboten?
»Ich habe ein Pferd; auch kenne ich den Weg, und die Mutter hat mir
schon gestern abend geboten, mein Roß zu satteln.
Aber kaum sitz' ich auf dem Pferde, kaum reit' ich zum Tore hinaus,
da läuft schon die andere mir nach und stöhnt und weint so
bitterlich, da greift mir ihr Kummer ans Herz.«
Man könnte tausende von ähnlichen Liedern anführen und vielleicht noch
weit schönere. Alle sind sie wohlklingend, duftig und außerordentlich
mannigfaltig. Überall gibt es neue Farben, eine große Schlichtheit und
eine unbeschreibliche Zartheit des Gefühls. Wo aber die Gedanken das
Religiöse streifen, sind sie ganz besonders poetisch. Sie bewundern
nicht die gewaltigen Werke des ewigen Schöpfers; eine solche Bewunderung
gehört schon einer höheren Entwicklungs- und Erkenntnisstufe an; ihr
Glaube ist so unschuldig, so rührend und so rein wie die unbefleckte
Seele des Kindes. Sie wenden sich an Gott, wie Kinder an ihren Vater.
Sie führen ihn häufig mit so unschuldiger Einfalt in ihr Alltagsleben
ein, daß seine kunstlose Darstellung in ihnen gerade durch ihre
Einfachheit etwas Erhabenes an sich hat. Dadurch erhalten in den Liedern
der Kleinrussen auch die gewöhnlichsten Gegenstände etwas
unbeschreiblich Poetisches, wozu auch die Überreste verschiedener aus
der altslawischen Mythologie herstammenden Sitten, die sie dem
Christentum angepaßt haben, sehr viel beitragen. Oftmals fleht ein
trauerndes Mädchen Gott an, er möge eine Wachskerze am Himmel entzünden,
bis der Liebste über die Donau gesetzt ist. Auf allem liegt der Stempel
reinster, ursprünglichster Kindheit und folglich hoher Poesie. Die Form
ihrer Lieder, der Mädchenlieder sowohl wie der Kosakenlieder, ist fast
immer dramatisch -- ein Zeichen für die Entwicklung des Volksgeistes und
des tätigen, unruhigen Lebens, das dies Volk so lange geführt hat. Fast
niemals haben ihre Lieder eine beschreibende Form und sie gefallen sich
nicht in ausführlichen Darstellungen der Natur. Nur hie und da scheint
die Natur in der einen oder der andern Strophe hindurch, aber
nichtsdestoweniger sind ihre Züge so neu, so fein, so bezeichnend und
gut, daß sie den ganzen Gegenstand vor die Seele zaubern. Übrigens nimmt
man zu ihnen nur darum seine Zuflucht, um die Gefühle der Seele
kräftiger zum Ausdruck zu bringen. Und daher unterwerfen sich die
Naturerscheinungen gefügig den Gefühlsregungen. Derselbe Gegenstand
spiegelt sich immer gleichzeitig in der inneren und äußeren Welt, oft
ist statt der ganzen äußeren Umgebung nur ein einziger markanter Zug
oder ein Teil dieser Umgebung berührt. Nirgends findet sich ein Satz wie
etwa der folgende: »es war Abend;« statt dessen ist immer die Rede von
gewissen Vorgängen, die abends zu geschehen pflegen, z. B.:
Die Kühe kamen vom Acker, die Schäfchen von der Wiese;
Das Mädchen stand beim Burschen und weinte sich die braunen Augen rot.
Daher haben sehr viele, ohne dies recht zu verstehen, solche und
ähnliche Wendungen für unsinnig erklärt. Ein Gefühl findet immer einen
starken, plötzlichen, schroffen Ausdruck und wird nie durch lange
Perioden abgeschwächt. In einigen Liedern gibt es keine fortlaufende
Idee, sie gleichen einer Reihe von Strophen, von denen jede einen
besonderen Gedanken in sich schließt. Oft erscheinen sie ganz
unbedeutend, weil sie spontan entstanden sind, und da der Blick des
Volkes sehr lebhaft ist, so werden gewöhnlich die Gegenstände, die
zuerst in die Augen fallen, gleich im Anfang des Liedes erwähnt; dafür
aber treten in diesem bunten Durcheinander Strophen hervor, die uns
durch die bezaubernde Ursprünglichkeit ihrer Poesie entzücken. Hier
vereinigen sich eine leuchtende, treue Malerei und eine wohlklingende
Wortmusik. Ein solches Lied wird nicht mit der Feder in der Hand, nicht
auf dem Papier, auf Grund strenger Überlegung komponiert, nein, es
entsteht im Taumel der Selbstvergessenheit, wenn die Seele singt und
klingt und alle Glieder ihre gewöhnliche gleichgültige Lage verlassen
und sich freier zu rühren beginnen, wenn die Arme sich in die Höhe
strecken und die stürmischen Wellen der Lust den Menschen über alles
hinwegtragen. Dies spürt man sogar in den traurigen und wehmütigen
Liedern, deren herzzerreißende Klänge schmerzvoll an unsere Seele
greifen. Nie konnten solche Töne unter gewöhnlichen Verhältnissen und
bei einer nüchternen Betrachtung des Gegenstandes der Seele eines
Menschen entquellen. Nur dann, wenn der Wein den prosaischen Gedanken
verwirrt und zerstört, wenn die Gedanken seltsam und unbegreiflich in
ihrer Disharmonie doch innerlich zusammenklingen -- in solch mehr
feierlicher als heiterer Ekstase beginnt die Seele sich rätselvoll in
unerträglich schmerzlichen Klängen auszuströmen. Hier gibt es keinen
Gedanken, keine Überlegung! Der ganze geheimnisvolle Organismus verlangt
nach Tönen und nur nach Tönen. Daher ist die Poesie dieser Lieder so
unbegreiflich, zauberhaft und graziös wie Musik. Die Gedankenpoesie ist
für jedermann weit verständlicher als die Poesie der Töne oder besser
gesagt die Poesie der Poesie. Nur ein auserwählter, wahrhafter Dichter,
ein Mann, der seinem innersten Wesen nach Poet ist, kann sie verstehen,
und daher kommt es, daß oft das allerschönste Lied unbemerkt
vorüberrauscht, während ein minderwertiges durch seinen Inhalt gewinnt.
Der kleinrussische Versbau eignet sich sehr für das Lied; in ihm finden
sich Versmaß, Tonfall und Rhythmus vereinigt. Ihr Rhythmus ist schnell
und rapid, daher ist die einzelne Zeile fast nie zu lang, aber selbst
wenn dieses mitunter vorkommt, so wird er in der Mitte durch eine Zäsur
mit einem klangvollen Reim durchschnitten. Reine, langgedehnte Jamben
kommen selten vor; meistenteils sind es schnelle Trochäen, Daktylen,
Amphibrachen, die schnell dahinfliegen, sich einer mit dem anderen frei
und launenhaft verbinden und so zu neuen Versmaßen führen, die sie in
mannigfaltigster Weise variieren. Die Rhythmen tönen und klingen
zusammen wie die silbernen Hufeisen der Tanzenden. Ein sicheres Gehör
und musikalisches Gefühl ist ihnen allen gemeinsam. Oft klingt eine
Zeile mit einer anderen harmonisch zusammen, trotzdem beide sich nicht
einmal miteinander reimen. Die Häufigkeit des Reims ist erstaunlich.
Häufig enthält eine Zeile zwei Zäsuren und reimt sich zweimal vor dem
Schlußreim, der außerdem in der zweiten Zeile, die gleichfalls in der
Mitte doppelt gereimt ist, einen Gegenreim findet. Manches Mal begegnen
wir einem solchen Reim, den man eigentlich keinen Reim nennen kann, der
aber in seiner Tonfärbung so wohlklingend ist, daß er uns mehr gefällt
als ein Reim, und der nie einem Dichter in den Sinn gekommen wäre,
während er die Feder in der Hand hält.
Den Charakter der Musik kann man nicht mit einem Wort bezeichnen: sie
ist außerordentlich mannigfaltig. In vielen Liedern ist sie leicht,
graziös, berührt nur leicht die Erde, und es scheint, als spiele sie
neckisch mit den Tönen. Zuweilen nimmt die Melodie eine männliche
Physiognomie an und wird kraftvoll, stark und mächtig; schwer stampfen
die Füße die Erde, und es scheint, als könne man nur den schwerfälligen
Hopak nach dieser Musik tanzen. Ein anderes Mal aber werden die Töne
ungewöhnlich frei, breit, schwingen sich gigantisch empor, suchen
unendliche Räume zu umfassen, und bei ihren Klängen fühlt der Tänzer
sich selbst als Riese: seine Seele, sein ganzes Sein erweitert sich und
dehnt sich bis ins Unendliche. Er löst sich plötzlich von der Erde, dann
trifft er sie noch kräftiger mit seinen glänzenden Hufeisen, um im
nächsten Augenblick wieder in die Luft zu fliegen. Was aber die traurige
Musik anbelangt, so kann man sie hier so hören, wie nirgends sonst. Ob
es nun der Schmerz um die geknickte Jugend ist, der es nicht vergönnt
war, sich auszuleben, oder die Klage über die traurige Lage des
damaligen Kleinrußland ... diese Töne leben, brennen und zerreißen
unsere Seele. Die melancholische russische Musik drückt, wie M.
Maksimowitsch richtig bemerkt hat, ein Gefühl aus, das das Leben
vergessen will; sie strebt danach, sich vom Leben zu entfernen und die
alltäglichen Nöte und Sorgen zu übertäuben; aber in den kleinrussischen
Liedern verschmilzt dies Gefühl mit dem Lebensgefühl: ihre Töne sind so
lebendig, man glaubt, daß sie nicht nur zu klingen, sondern auch zu
sprechen scheinen -- sie reden in Worten, sie sprechen in ganzen Sätzen,
und jedes Wort dieser feurigen Reden dringt in die Seele. Ihr
Aufschluchzen gleicht manchmal so sehr einem Herzensschrei, daß das Herz
des Lauschers plötzlich zusammenzuckt, als hätte ein scharfer Stahl es
berührt. Häufig klingt eine so starke, trostlose und gleichgültige
Verzweiflung hindurch, daß wir uns beim Hören selbst vergessen und das
Gefühl haben, als sei die Hoffnung für immer aus der Welt entflohen. An
anderen Stellen hören wir ein kurzes Aufstöhnen und so lebhafte, heftige
Seufzer, daß wir uns zitternd fragen: sind das noch Töne? Das ist der
unerträgliche Jammer einer Mutter, der eine grausame Gewalt ihr Kind
entreißt, um es mit bestialischem Lachen an einem Stein zu
zerschmettern. Nichts kann gewaltiger sein, als die Volksmusik, wenn das
Volk nur poetische Begabung hat und ein wechselvolles, tatenreiches
Leben führt, wenn der Druck der Gewalt und ewiger unüberwindlicher
Hindernisse es ihm nicht gestatteten, für einen Moment einzuschlummern,
ihm Klagen abnötigen, und wenn diese Klagen niemals und nirgends anders
zum Ausdruck kommen konnten, als in seinen Liedern. In solch einer Lage
befand sich Kleinrußland zu der Zeit, als sich die Union raubgierig auf
das schutzlose Land stürzte. Aus ihnen, aus diesen Tönen kann man sich
ein ebenso deutliches Bild von diesen vergangenen Leiden machen, wie von
einem Sturm mit Hagelschauern und einem Wolkenbruch, wenn man die
diamantenen Tränen erblickt, die die erfrischten Bäume von unten bis
oben bedecken, wenn die Sonne ihre abendlichen Strahlen aussendet, wenn
die Luft dünn und rein ist, wenn aus der Ferne das Brüllen der Herden zu
uns herüberzittert und wenn der bläuliche Rauch, dieser Vorbote des
ländlichen Nachtmahls und der Feierstunde, in leuchtenden Ringen gen
Himmel steigt und der Abend, der stille, klare Abend die beruhigte Erde
umfängt.
1833.
V
Gedanken über Geographie
für die unteren Klassen
Groß und erstaunlich ist das Gebiet der Geographie. Länder, wo der
südliche Himmel glüht und wo jedes Geschöpf sich einer doppelten
Lebensenergie erfreut, und Gegenden, wo wir in den entstellten Zügen der
Natur Grauen und Entsetzen lesen, wo das ganze Land sich in einen
starren Leichnam verwandelt; Bergriesen, die in den Himmel ragen,
nachlässig hingeworfene Landschaften, die von der ganzen Kraft und
Fruchtbarkeit einer üppigen und reichen Vegetation überquellen, und
wiederum glühende Wüsten und Steppen, ein losgerissenes Stück Erde
inmitten eines grenzenlosen Meers, die Menschen, die Kunst und die
Grenze alles Lebens! -- wo wollte man Gegenstände finden, die stärker zu
unserer Einbildung sprächen, gibt es eine herrlichere Wissenschaft für
die Kinder, gibt es eine, die die Poesie ihrer jugendlichen Seele
lebhafter beflügeln könnte? Und ist es nicht traurig, wenn man ihnen
anstatt all dieser Dinge ein lebloses, trockenes Skelett vorführt und
kalt hinzufügt: »Das ist die Erde, auf der wir wohnen; da ist die schöne
Welt, die uns der unbegreifliche Baumeister geschenkt hat!« -- Aber mehr
noch! Man verbirgt Ihn vor den Kindern und läßt sie statt dessen einen
politischen Körper benagen, der die Welt ihrer Begriffe übersteigt und
sogar für einen Verstand, der im Besitze höherer Ideen ist, viel
Ungereimtes enthält. -- Unwillkürlich kommt einem da der Gedanke:
sollten wirklich der große Humboldt und jene anderen kühnen Forscher,
die so viel Licht in das Gebiet der Wissenschaften hineingetragen, und
die uns die wunderbaren Hieroglyphen, mit denen unsere Welt bedeckt ist,
entziffert haben, nur einigen wenigen Gelehrten zugänglich sein, sollte
die Altersstufe, die mehr denn jede andere das Bedürfnis nach Klarheit
und Bestimmtheit hat, auf nichts als unverständliche Darstellungen
angewiesen sein?
* * * * *
Die Kindheit ist zunächst nichts wie ein großes Dürsten, ein
instinktives Streben nach Erkenntnis. Sie verlangt nach allem und möchte
alles wissen. Am meisten interessiert sie sich für ferne Länder: »Wie
ist es dort? was geht dort vor? was gibt es da für Menschen? wie leben
sie?« Diese Fragen drängen sich ihr in reicher Fülle auf, sie alle
beziehen sich auf die physische Geographie, und daher muß die gewaltige,
reiche, furchtbare und zauberische Welt in ihrem physischen Zustande sie
in höherem Maße und in umfassenderer Weise beschäftigen.
* * * * *
In vielen von unseren Lehranstalten trägt man die Geographie in zwei,
manches Mal sogar in drei Klassen vor, weil die Zöglinge nicht imstande
sind, das ganze Gebiet in einem Jahre durchzunehmen. Und das ist gut,
denn die Geographie verdient es, daß man sich nicht nur ein Jahr lang
mit ihr beschäftigt; aber die Lehrer verfallen in einen sehr großen
Fehler; sie teilen den Erdball in zwei, oder je nach den Klassen, in
drei Teile, und dabei fällt der untersten Klasse Europa zu, das
gewöhnlich nur nach seiner politischen Seite mit den ausführlichsten
Details durchgenommen wird, während die höheren Klassen durch die
Steppen und den afrikanischen Sand irren und sich mit den Wilden
unterhalten müssen. Abgesehen von der Unvernunft und von der
merkwürdigen Form solch einer Lehrmethode gehört noch ein ungeheures
Gedächtnis dazu, um diese ganze ungeordnete Masse festzuhalten. Aber
selbst wenn man die Möglichkeit solch phänomenaler Begabungen in der
Natur zugibt, so wird doch sogar in dem Kopfe eines solchen Phänomens
nie ein schönes Ganzes zurückbleiben. -- Es werden höchstens sorgfältig
bearbeitete, aber völlig getrennte Stücke sein, die von keinem kräftigen
Leben beseelt sind, das mit rhythmischem Pulsschlag durch alle Adern
rinnt. Es ist wie bei einem Volke, das für eine monarchische Regierung
prädestiniert ist und sie im Sturme politischer Erschütterung verloren
hat.
Es ist viel besser, wenn der Zögling die Geographie auf zwei
verschiedenen Altersstufen durchnimmt. Auf der ersten Stufe sollte er
nur einen großen Überblick über die ganze Welt erhalten, aber einen
solchen, der seine ganze Aufmerksamkeit anregt und ihm die ganze Weite
und ungeheure Größe der geographischen Welt vor Augen führt. Zu diesem
Kursus müßten auch die Naturgeschichte, die Physik, die Statistik und
alles, was mit der Welt zusammenhängt, ihren Teil beisteuern, damit die
Welt den Eindruck einer einzigen, leuchtenden, bunten Dichtung mache und
der Schüler nach Möglichkeit mit all ihren Teilen bekannt und vertraut
werde. Gar keine Einzelheiten, nur die großen markanten Züge! aber so,
daß er ahnt, wo Eiseskälte und wo eine starke Vegetation vorherrscht, wo
die Manufaktur und wo die Bildung höher steht, wo die Unwissenheit
größer, wo die Erde tiefer ist, und wo die Berge sich mächtiger
emportürmen. -- In der zweiten Periode des Kindesalters müssen die
Grenzen dieser Welt auseinandergerückt werden. Jetzt soll er die
Gegenstände, die er früher mit bloßem Auge gesehen, durchs Mikroskop
betrachten. Dann wird er auch alle Ausnahmen und Übergänge, und weniger
die starken, als die feinen Abweichungen kennen lernen.
* * * * *
Der Schüler soll überhaupt kein Buch bei sich haben. Ein Buch, es mag
sein wie es will, wird seine Einbildungskraft stets einengen und
abtöten. Er soll nur die Karte vor sich haben. Man soll ihm keine
geographische Erscheinung erklären, ohne sie auf der Stelle zu fixieren;
selbst wenn es sich nur um eine lebendige, schöne Beschreibung handelt,
muß der Schüler beim Zuhören seine Augen auf einen Punkt der Karte
richten, und dieser kleine Punkt muß sich vor ihm immer mehr und mehr
ausbreiten, und alle Karten, die er während der Rede des Lehrers vor
sich sieht, in sich aufnehmen. Dann kann man sicher sein, daß die
Erscheinungen sich seinem Gedächtnis für immer einprägen werden, und daß
er, während seine Augen das nackte Weltgerippe betrachten, es sofort mit
leuchtenden Farben ausfüllen wird.
* * * * *
Vor allem muß er die Gestalt der Erde in seinem Gedächtnis festhalten.
Das Kartenzeichnen, mit dem man die Schüler so sehr quält, bringt wenig
Nutzen. Die vielen kleinen Details, die vielen einzelnen Staaten und
Reiche können sich in seinem Kopfe nur gegenseitig vernichten. Viel
besser ist es, man gibt den Kindern vor allem eine scharfe und lebendige
Idee von der Gestalt der Erde: ich möchte dazu raten, zu diesem Zwecke
das Wasser weiß und die ganze Erde schwarz darzustellen, damit sie sich
unwillkürlich dem Gedanken ganz deutlich und durch ihre scharfen
Konturen aufdrängen und die Schüler unaufhörlich mit ihrer
unregelmäßigen Figur verfolgen. Jetzt wird es ihnen schon viel leichter
fallen, die Gestalt der Erde nachzuzeichnen, nur sollte man ihnen nie
gestatten, sich in Einzelheiten zu ergehen, d. h. alle kleinen
Vorgebirge und Ausbuchtungen der Ufer zu vermerken. Es ist sogar besser,
wenn sie diese anfänglich nicht kennen, dafür aber die allgemeine
Gestalt der Erde festhalten.
* * * * *
Es ist weit besser, am Anfang die ganze Welt auf einmal zu behandeln,
alle Weltteile auf einmal zu überblicken, denn auf diese Weise treten
die Gegensätze um so stärker hervor. Wenn man sie in ihrer Gesamtheit
kennen gelernt hat, kann man hierauf gründlicher auf jeden Erdteil
eingehen. Was nun die Reihenfolge anbelangt, in der die Weltteile
durchgegangen werden sollten, so würde ich dazu raten, sich durch die
allmählige Entwicklung des Menschen und damit durch die allmählige
Entdeckung der Erdteile leiten zu lassen: Man beginne mit Asien, der
Wiege der Menschheit, mit ihrer Kindheit, gehe dann zu Afrika, zu ihrer
feurigen und zugleich wilden Jugend über, wende sich sodann Europa,
ihrer schnellen Klärung und dem Reifen der Vernunft zu, schreite dann
mit dieser nach Amerika fort, wo der gereifte, mächtige Mensch wieder
mit dem ursprünglichen und sinnlichen Menschen zusammenstößt, und
schließe die Darstellung endlich mit den im grenzenlosen Ozean
verstreuten Inseln.
Eine solche Einteilung scheint mir weit natürlicher. Vor allem muß der
Schüler sich einen allgemeinen und charakteristischen Begriff von jedem
einzelnen Erdteil machen. Zuerst von Asien, wo alles groß und weit ist,
wo die Menschen äußerlich so würdevoll und kalt sind und doch plötzlich
von unbezwinglicher Leidenschaft ergriffen, aufwallen können; in ihrem
kindlichen Begriffsvermögen kommen sie sich klüger vor als alle anderen;
hier gibt es nur Überhebung und sklavische Unterwerfung; alles ist frei
und leicht gekleidet, leicht bewaffnet, und jedermann ist ein guter
Reiter; hier kann der Türke sein ganzes Leben lang mit untergeschlagenen
Beinen dasitzen und seinen Nargileh rauchen, hier rast der Beduine wie
ein Sturmwind durch die Wüste, hier wird der Glaube zum Fanatismus, dies
ganze Land ist das Land der Glaubensbekenntnisse, die sich von hier aus
über die ganze Welt verbreiten. Dann gehe man zu Afrika über, wo die
Sonne so heiß brennt und Ozeane von Sandwüsten sich über unermeßliche
Flächen dehnen; dies ist das Land der Löwen, Tiger, der Palmen und der
Kokospalmen und der Menschen, die sich in ihrem Äußeren und ihren
sinnlichen Neigungen nur wenig von Affen unterscheiden, deren zahlreiche
Scharen das Land durchziehen usw.
* * * * *
Nachdem der Schüler das Bild eines Erdteils aufgezeichnet hat,
verzeichne er alle Höhen und Tiefen auf ihm und stellte dar, wie die
Berge sich verzweigen und in langen, formlosen Ketten durch das Land
ziehen. Bei dieser Gelegenheit kann man sich der Reliefdarstellung
Europas von Ritter bedienen, obwohl sie sich wegen ihrer unklaren
Grenzen zwischen Licht und Schatten nicht ganz für Kinder eignet. Daher
wäre es am besten, man stellte zu diesem Zwecke ein richtiges Basrelief
aus festem Ton oder Metall her. Dann brauchte der Schüler es sich nur
aufmerksam anzusehen, und die Höhen und Tiefen würden sich seinem
Gedächtnis für immer einprägen.
* * * * *
Da die Berge der Erde ihre Form gegeben haben, so muß ihre Kenntnis
sozusagen den Anfang des ganzen Geographieunterrichts bilden. Nachdem
wir ihre Verzweigungen auf der Oberfläche der Erde aufgewiesen haben,
müssen wir auf ihr Äußeres, auf ihre Form, auf ihre Zusammensetzung, auf
ihre Entstehung und endlich auf ihren Charakter und ihre Eigenart
hinweisen, durch die sie sich von anderen Bergketten unterscheiden --
doch dies darf nicht in trockner Weise mit einer gelehrten
Ausführlichkeit geschehen, sondern so, daß der Schüler erkennt, daß
diese oder jene Gebirgskette aus dunklem oder hartem Granit bestehe, daß
das Innere einer anderen weiß, kalkartig oder lehmig, locker, gelb,
dunkel, rot oder endlich aus Erden und Gesteinen von leuchtenden Farben
zusammengesetzt sei. Man kann sogar erzählen, daß die Gebirge häufig von
Metallagern und Erzadern durchzogen sind, kann ihre Lage darstellen und
zwar kann man dies interessant und unterhaltend tun. Was aber ihre
Oberfläche anbetrifft, so versteht es sich von selbst, daß man alle
höchsten Punkte angeben muß: alle bemerkenswerten Erscheinungen auf
ihnen sowie die Höhen, bis zu denen die Menschen emporgestiegen sind.
* * * * *
Es könnte nicht schaden, auch die unterirdische Geographie kurz zu
berühren. Mir scheint, es gibt keinen poetischeren Gegenstand als diese,
obwohl sie nur für die höheren Altersstufen ganz verständlich sein kann.
Hier haben alle Tatsachen und Erscheinungen etwas Gigantisches und
Kolossales an sich. Hier begegnen wir ganzen ungeheuren Massen. Hier
trägt alles den Stempel der gewaltigen Erdumwälzungen, hier wird die
Seele mächtiger als sonst von den großen Werken des Schöpfers
erschüttert. Hier liegen ganze Lager von unterirdischen Wäldern
begraben. Hier ruht in tiefster Einsamkeit die Muschel eingebettet,
schon im Begriff, sich in Marmor zu verwandeln. Hier lodern ewige Feuer,
deren Ausbrüche die Oberfläche der Erde umgestalten. Ein großer Teil
dieser Erscheinungen kann selbst bei einer oberflächlichen Darstellung
den Eindruck auf die Einbildungskraft des jungen Zöglings nicht
verfehlen.
* * * * *
Der Prozeß und die Ausbreitung der Vegetation auf der Erde muß auf der
Karte an der Hand einer Stufenfolge der Wärmegrade aufgezeigt werden: wo
eine südliche Pflanze heimisch ist, wohin sie als Gast verschlagen ward,
unter welchem Grade sie zugrunde geht, wo die nördliche Vegetation
beginnt, wo sich auch diese endlich verliert, wo alles Wachstum aufhört,
wo die Natur in den Umarmungen des kalten Ozeans abstirbt und wo der
wunderbare Pol sich in undurchdringliche und für den Menschen
unzugängliche Eismassen einhüllt. Und in der gleichen Weise müßte auch
die Ausbreitung der Tierwelt dargestellt werden. Doch der Boden verlangt
eine andere Einteilung der Erde nach Zonen, von denen jede einzelne eine
besondere Art umschließt.
* * * * *
Nur hie und da werden die Erzeugnisse der Kunst von den Geographen
behandelt. Es gibt keinen Übergang von der Natur zu den Produkten des
Menschen. Die letzteren sind wie durch eine Axt von ihrem Urquell
abgespalten. Ich rede nicht einmal davon, daß bei ihnen jener Ehebund
des Menschen mit der Natur, der die Manufaktur gebiert, gar nicht
erwähnt wird. Bevor also der Schüler zur Betrachtung der Industrie und
den Erzeugnissen menschlicher Handarbeit fortschreitet, muß er hierzu
durch die Kenntnis der Bodenerzeugnisse vorbereitet werden, damit er
selbst daraus schließen kann, welche Industrien sich in einem bestimmten
Reiche vorfinden müssen; falls Ausnahmen in dieser Hinsicht vorkommen
sollten, ist es unbedingt nötig, auf ihre Ursachen hinzuweisen:
vielleicht liegen sie in dem sorglosen Charakter der Bevölkerung, in
fremdartigen Nebenumständen, in dem übergroßen Reichtum der Nachbarn, in
dem Mangel an Kommunikationsmitteln oder ähnlichen Verhältnissen. Wenn
er erst über die Industrie orientiert ist, kann er auch zum Handel
übergehen, der ja ohnedies nicht sehr interessant und nicht leicht
verständlich ist.
* * * * *
Bei der Aufzählung der Völker muß der Lehrer durchaus auf die
Physiognomie und die Eigentümlichkeiten hinweisen, die der Charakter
eines Volks, sozusagen unter dem Einflusse geographischer Verhältnisse
angenommen hat. Er muß alle Völker der Erde in große Familien einordnen,
erst die gemeinschaftlichen Züge einer jeden Gruppe schildern und dann
erst zu ihren unterscheidenden Merkmalen übergehen. Dann muß er ihre
physische Geschichte, d. h. die Geschichte ihrer Charakteränderungen
folgen lassen, damit es dem Schüler klar werde, warum z. B. die Teutonen
in Deutschland durch einen festen, phlegmatischen Charakter
ausgezeichnet sind, und warum derselbe Stamm nach Überschreitung der
Alpen ein so munteres, leichtes Wesen annimmt.
* * * * *
Auch Karten, die die Ausbreitung der Bildung auf der Erdkugel
darstellen, sind für Kinder von großem Nutzen. Dieser Nutzen wird zur
Notwendigkeit, sobald man zu Europa übergeht. Da es jedoch bei uns
solche Karten noch nicht gibt, muß der Lehrer sich der kleinen Mühe
unterziehen und selbst eine solche anfertigen. Die Punkte, wo die Kultur
einen hohen Grad erreicht hat, muß er durch leuchtende Farben
hervorheben und dort leichte Schatten aufsetzen, wo sie tiefer steht.
Diese Schatten werden immer dunkler, je tiefer wir herabsteigen, und
verwandeln sich in völlige Finsternis in dem Maße als die Natur
verwildert und der Mensch bis zum seelenlosen Eskimo hinabsinkt.
Die Größe der Erde und der einzelnen Staaten wird man sich nie durch
Feststellung ihres Quadratinhalts einprägen. Man braucht nur einen Blick
auf die Karte zu werfen, das ist das einzige Mittel, sie kennen zu
lernen. Es wäre nicht unangebracht, jedes Reich besonders
auszuschneiden, so daß es ein einzelnes Stück und durch Zusammenfügung
mit den andern einen Weltteil bilde. So könnte man die Größe und Form
eines jeden Reiches sichtbar machen.
* * * * *
Bei der Darstellung einer jeden Stadt muß man ihre Lage genau bestimmen:
ob sie auf dem Berge liegt oder sich ins Tal hinabzieht, muß ihr Leben,
ihre Bedeutung, ihre Einkunftsquellen schildern -- und überhaupt mit
einigen kräftigen Strichen ihren Charakter zeichnen. Der Lehrer muß aus
dem reichhaltigen Material all das hervorziehen, was eine
Eigentümlichkeit dieser Stadt ist, und wodurch sie sich von den vielen
anderen unterscheidet. Der Schüler soll wissen, was Rom, was Paris, was
Petersburg ist. Er darf die anderen europäischen Städte nicht etwa an
dem eigenen Maßstabe, der sich beim Anblick von Petersburg in seinem
Kopf gebildet hat, messen. Bei der Darstellung jeder einzelnen Stadt muß
das, was allen Städten gemeinsam ist, ausgeschlossen werden. In vielen
von unseren Geographiebüchern wird auch heute noch bei der Erwähnung
einer Gouvernementsstadt erzählt, daß es dort ein Gymnasium, eine
Kathedrale, und bei Zitierung einer Kreisstadt bemerkt, daß es in ihr
eine Kreisschule gibt usw. Wozu soll das dienen? Es genügt, wenn man dem
Schüler gleich am Anfang sagt, daß es bei uns in jeder Gouvernementstadt
ein Gymnasium und eine Kirche gibt. In der ganzen Welt aber gibt es nur
einen Kreml, einen Vatikan, ein Palais-Royal, eine Reiterstatue Peters
des Großen von Falkonet, ein Petscherski-Kloster in Kiew, einen King
Bench! Über diese wird das Kind gewiß Genaueres erfahren wollen. Man
darf sich nicht mit nichtigen Dingen, wie mit dem Aufzählen von Häusern
und Kirchen, aufhalten, die den Schüler nur langweilen können, dies
sollte nur in Ausnahmefällen gestattet sein, wenn etwas entweder durch
seine Größe oder durch ein negatives Merkmal aus der Kategorie des
Alltäglichen hervorragt. Statt dessen kann man über die Architektur
einer Stadt sprechen -- in welchem Stil sie erbaut ist, und ob die
Gebäude durch Größe oder Schönheit auffallen. Bei der Darstellung einer
sehr alten Stadt muß man darauf aufmerksam machen, wie majestätisch
ihre, wenn auch seltsam anmutende altertümliche, in Jahrhunderten
bewährte und in den Erschütterungen groß gewordene Architektur und wie
leicht und elegant dagegen der Stil einer anderen Stadt ist, die nur ein
Jahrhundert zu ihrer Entstehung brauchte. Beim Gedanken an irgendein
deutsches Städtchen muß der Schüler sich sofort enge Gassen und kleine,
schmale, hohe Häuschen, an denen alles so einfach, so lieb und so
bukolisch ist, vorstellen, und daneben eckige Kirchen mit hoch in die
Luft ragenden Turmspitzen. Mit dem Gedanken an Rom, diesem dumpfen Echo
der ganzen antiken, in dem Wirbel der Jahrhunderte untergegangenen Welt,
muß sich unweigerlich der Gedanke an mächtige, sich kühn vom Boden
erhebende Gebäude verbinden, die, auf schlanke Hallen und gigantische
Säulen gestützt, verfallen, gleich als sönnen sie über die verflossenen
Tage ihrer großen, herrlichen Jugend nach. Zu diesem Zweck wäre es gut,
den Schülern recht häufig die Fassaden der berühmtesten Bauten zu
zeigen; dann würde sich ihre ungewöhnliche Gestalt dem Gedächtnis
einprägen, und dies würde unwillkürlich und unmerklich zur Bildung ihres
jungen Geschmacks beitragen.
* * * * *
Hin und wieder muß auch die Geschichte durch die Erinnerung an
vergangene Ereignisse die geographische Welt beleuchten. Das Vergangene
muß aber schon sehr augenfällig und von rein geographischen Ursachen
bewirkt sein, um an sie zu erinnern. Wenn jedoch der Schüler zur selben
Zeit Geschichte studiert, dann fließen Geographie und Geschichte
miteinander zusammen, um ein organisches Ganzes zu bilden.
* * * * *
Der Vortrag des Lehrers muß fesselnd und bilderreich sein, alle
eindrucksvollen Gegenden, alle großen Naturerscheinungen müssen mit
leuchtenden Farben geschildert werden. Was stark auf die Phantasie
wirkt, das geht dem Gedächtnis nicht leicht verloren. Der Vortrag muß
dem Stil eines Reisenden gleichen. Die strenge analytische Systematik,
besonders wenn sie sich auf Kleinigkeiten erstreckt, kann nicht lange im
Kopf eines Jünglings haften. Das Kind behält nur dann ein System, wenn
es es nicht mit Augen sieht und wenn es ihm verborgen bleibt. Sein
System -- ist das Interesse, der Faden, an dem sich die Ereignisse oder
die Erzählungen aufreihen. Alles, was wahrhaft notwendig ist, alles, was
mehr mit unserem Leben zusammenhängt, was wir später noch besser bei uns
selbst anwenden können, -- dies alles ist interessant. Übrigens: was ist
in der Geographie uninteressant? Sie ist so tief wie das Meer, sie
erweitert unsere eigensten Handlungen und unsern Wirkungskreis, und
obgleich sie uns die Grenzen eines jeden Landes zeigt, verhüllt sie ihre
eigenen so geschickt, daß sie selbst für Erwachsene ein philosophisch
anziehender Gegenstand bleibt. Kurz gesagt, man muß versuchen, den
Schüler so viel als möglich mit der Welt bekannt zu machen, mit all
ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit, aber in einer Weise, daß sein
Gedächtnis nicht überbürdet wird, sondern daß ihm dies alles wie ein mit
helleuchtenden Farben gemaltes Bild erscheint. Hierfür bieten uns die
Beschreibungen der Reisenden einen reichen Schatz dar; es gibt deren
eine ganze Menge; wie mir scheint, hat man es jedoch noch nicht
verstanden, in dieser Hinsicht, genügenden Nutzen aus ihnen zu ziehen.
* * * * *
An der Trägheit und Unaufmerksamkeit des Schülers hat meist der Lehrer
schuld, sie sind nur Zeugnisse für seine eigne Nachlässigkeit; er hat es
also nicht verstanden, die Aufmerksamkeit seiner jugendlichen Hörer zu
fesseln, oder er hat es nicht gewollt; er hat sie gezwungen, seine
bittern Pillen mit Widerwillen zu schlucken. Man darf nie einen
vollständigen Mangel an Fähigkeiten bei einem Kinde voraussetzen. Ich
bin oft Zeuge gewesen, wie ein Kind, das allgemein für ganz unbegabt und
von der Natur als stiefmütterlich behandelt gehalten wurde, mit
ungeteilter Aufmerksamkeit einer grauenerregenden Erzählung lauschte,
und wie auf seinem fast seelenlosen, von keinem Gefühl der Teilnahme
belebten Gesichte unruhige Spannung und Angst miteinander abwechselten.
Sollte es wirklich nicht möglich sein, diese Aufmerksamkeit für die
Wissenschaft nutzbar zu machen?
1829.
VI
Der letzte Tag von Pompeji
Ein Bild von Brylow
Dies Bild von Brylow ist eine der glänzendsten Erscheinungen des XIX.
Jahrhunderts. Es ist der Auferstehungstag der Malerei, die lange Zeit in
einer Art von lethargischem Schlafe verharrte. Ich will nicht von den
Ursachen eines solch ungewöhnlichen Stillstandes reden, obgleich dieser
einen sehr interessanten Gegenstand für die Forschung darbietet; ich
will nur erwähnen, daß, wenn auch das Ende des XVIII. und der Anfang des
XIX. Jahrhunderts uns in der Malerei nichts Vollendetes und Gewaltiges
gebracht, sie doch in ihren einzelnen Teilen mancherlei Förderliches
geleistet haben. Die Malerei zerfiel in unzählige Atome und Teilchen.
Jedes dieser Atome ward unendlich viel tiefer erkannt und fortentwickelt
wie in früheren Zeiten. Man entdeckte geheimnisvolle Erscheinungen, von
denen man früher nicht einmal etwas ahnte: All das an der Natur, was der
Mensch am häufigsten sieht, was ihn umgibt und ein Leben mit ihm lebt,
diese _sichtbare_ Natur mit all ihren kleinen Zügen, die von den großen
Künstlern vernachlässigt wurden, erreichte eine bewunderungswürdige
Wahrheit und Vollkommenheit der Darstellung. Alles wetteiferte
miteinander, um das lebendige Kolorit, das die Natur ausströmt, zu
erfassen. Alles Geheimnisvolle in ihrem Schoße, diese stumme Sprache der
Landschaft ward entdeckt, oder richtiger, ward ihr geraubt, ward der
Natur entrissen, obwohl ihr freilich nur Stücke entrissen wurden und
obwohl alle Erzeugnisse dieses Jahrhunderts an Experimente oder, besser
gesagt, an Notizen, Materialsammlungen und flüchtige Gedanken erinnern,
die ein Reisender in aller Eile in sein Tagebuch einträgt, um sie nicht
zu vergessen und um später ein Ganzes aus ihnen zu machen. Die Malerei
zerfiel in ihre primitivsten, beschränktesten Zweige: die Stecherkunst,
die Lithographie, und eine Unzahl unbedeutender Erscheinungen wurde mit
großem Eifer bis in ihre einzelnen Teile bearbeitet. Dies verdanken wir
dem XIX. Jahrhundert. Das Kolorit, das im XIX. Jahrhundert verwendet
wird, bedeutet einen großen Fortschritt in der Erkenntnis der Natur. Man
sehe sich nur einmal diese immer wieder erscheinenden Fragmente,
Perspektiven und Landschaften an, die im XIX. Jahrhundert das
Zusammenfließen des Menschen mit der ihn umgebenden Natur zum Ausdruck
bringen: wie differenziert sich hier die von Licht umflutete
Häuserflucht, indem sie aus der Finsternis hervortritt! wie durchsichtig
ist das vom Licht getroffene Wasser, wie flutet es im Schattendunkel der
Zweige! wie schwül und strahlend verliert sich der leuchtende Himmel in
der Ferne! wie nah rückt er dem Beschauer die einzelnen Gegenstände:
welch kühne, welch unerhörte Verwerfung der Schatten dort, wo man sie
früher nicht einmal ahnte, und zugleich bei aller Schärfe welch
wundervolle Zartheit, welch eine geheime Musik selbst in den
gewöhnlichsten leblosen Gegenständen! Aber worin es unsere Zeit am
weitesten gebracht hat, das ist die Beleuchtung. Die Beleuchtung
verleiht all unseren Schöpfungen solch eine Kraft, ja, man kann sagen,
solch eine Einheitlichkeit, daß sie, obwohl sie keine tiefere Bedeutung
in sich tragen, die auf etwas Geniales schließen läßt, doch unserm Auge
unendlich angenehm sind. Sie können uns durch ihren Gesamtausdruck zwar
nicht fesseln, trotzdem aber entdeckt man bei genauerer Beobachtung in
ihrem Schöpfer häufig eine, wenn auch beschränkte Kunsterfahrung.
Man betrachte einmal all diese unaufhörlich erscheinenden Gravüren,
diese Produkte eines starken Talents, in denen die Natur so lebendig
pulsiert, daß man meinen sollte, sie wären in Farbe getaucht. Die
Morgenröte leuchtet in ihnen so zart am Himmel, daß wir beim längeren
Hinsehen den purpurnen Widerschein des Abends zu erkennen glauben; die
von Sonnenlicht überfluteten Bäume scheinen gleichsam wie mit einer
dünnen Staubschicht bedeckt; aus dem tiefsten Dunkel der Schatten blitzt
ein leuchtendes, blühendes Weiß sinnberückend hervor. Wenn man sie
anblickt, so fürchtet man sich, sie mit dem Atem zu streifen. Dieser
Effekt, der sich überall in der Natur findet, und durch den Kampf von
Licht und Schatten entsteht, dieser Effekt ist das Ziel und Streben all
unserer Künstler geworden. Man kann sagen, das XIX. Jahrhundert sei das
Jahrhundert der Effekte. Jedermann vom Ersten bis zum Letzten hascht
nach Effekt, vom Poeten bis zum Konditor, so daß diese Effekte uns
wahrlich schon zu langweilen beginnen, und es ist möglich, daß das XIX.
Jahrhundert infolge einer seltsamen Laune sich endlich wieder dem
Schlichten zuwenden wird. Übrigens kann man sagen, daß die Effekte sich
am meisten für die Malerei eignen, wie überhaupt für alles, was wir mit
den Augen genießen: hier fällt, wenn sie an unrechter Stelle angebracht
und wenn sie falsch sind, ihre Falschheit und Zweckwidrigkeit sofort
einem jeden auf. Ganz anders ist es bei Erzeugnissen, die sich nur dem
inneren Auge erschließen: hier wirken falsche Effekte schädlich, weil
sie die Lüge verbreiten, denn die einfältige Menge stürzt sich kritiklos
auf alles, was glänzt. In den Händen eines echten, wahren Talentes
dagegen sind sie stets wahrhaftig und steigern den Menschen ins
Riesenhafte; wo sie jedoch in die Hand eines unechten Talentes geraten,
da werden sie dem wahren Kunstkenner ein Greuel, da wirken sie so
widerwärtig wie ein Zwerg in dem Gewande eines Riesen, oder ein gemeiner
Mensch, der sich mit einer unverdienten, nur dem Verdienst gebührenden
Auszeichnung schmückt. Aber alles dieses gehört nicht eigentlich zum
gegenwärtigen Thema. Man muß zugeben, daß im allgemeinen das Streben
nach Effekt eher nützt als schadet; es treibt uns eher vorwärts als
rückwärts und hat sogar in der allerletzten Zeit viel zur
Vervollkommnung beigetragen. Von dem Wunsch getrieben, einen Effekt
hervorzubringen, haben viele ihr Objekt genauer studiert und ihre
geistigen Fähigkeiten viel lebhafter angespannt. Und wenn der wahre
Effekt sich größtenteils nur in kleinen Vorwürfen offenbarte, so lag die
Schuld mehr an dem Mangel an großen Genies, als in der ungeheuren
Zersplitterung des Lebens und der Kenntnisse, der man sie gewöhnlich
zuschreibt. Außerdem hat das Streben nach Effekt dazu beigetragen, daß
die Details mit großer Gründlichkeit herausgearbeitet und daß sie durch
ihr starkes Insaugefallen allen zugänglich gemacht werden. Ich erinnere
mich nicht, wer es ausgesprochen hat, im XIX. Jahrhundert sei die
Erscheinung eines universalen Genies, das das ganze Leben des XIX.
Jahrhunderts in sich aufnehmen könnte, ein Ding der Unmöglichkeit. Das
ist durchaus unrichtig, das ist ein Gedanke, den nur die
Hoffnungslosigkeit eingeben kann und der von einem gewissen Kleinmut
zeugt. Im Gegenteil, nie wird der Flug der Seele eines Genius so
strahlend sein, wie in unserer Zeit; noch nie war das notwendige
Material so gut für ihn vorbereitet wie im XIX. Jahrhundert. Und sein
Schritt wird sicherlich der eines Riesen und jedem, vom Kleinsten bis
zum Größten, sichtbar sein.
Das Bild von Brylow kann eine vollwertige, universale Schöpfung genannt
werden. In ihr ist alles enthalten. Wenigstens hat es eine so gewaltige
Mannigfaltigkeit in sein Bereich gezogen, wie vor ihm nie ein anderes
Bild. Das Thema entspricht ganz dem Geschmack unseres Jahrhunderts, das
aus dem Gefühl seiner ungeheuren Zersplitterung heraus darnach strebt,
alle Erscheinungen zu ganzen Gruppen zusammenzuschließen, und das daher
die großen Krisen, die von der ganzen Masse empfunden werden, bevorzugt.
Jeder kennt jene herrlichen Werke, zu denen die »Vision des Balthasar«,
die »Zerstörung Ninives« und noch einige andere gehören; hier sind die
gewaltigen Katastrophen in ihrer ganzen schrecklichen Größe dargestellt,
in einer vollkommenen Beleuchtung; in furchtbarer Macht lassen ungeheure
Blitze die schreckliche Finsternis aufleuchten und zucken über den
Köpfen des betenden Volks. Der Gesamteindruck dieser Bilder ist
erschütternd und von seltener Einheitlichkeit; doch aber bilden sie nur
den Ausdruck für eine Seite dieses Gedankens. Sie erinnern an eine ferne
Landschaft und liefern nur einen einzigen allgemeinen Eindruck. Wir
haben nur ein Gefühl für die furchtbare Lage der ganzen Volksmasse,
erkennen aber keinen einzelnen Menschen, der den ganzen Schrecken der
sich vor seinen Augen vollziehenden Zerstörung zum Ausdruck bringt.
Diesen Gedanken, den wir nur in starker perspektivischer Verkürzung
gesehen, stellt uns Brylow plötzlich unmittelbar vor Augen, und dieser
Gedanke wächst ins Riesenhafte und scheint auch uns in seinen Bannkreis
zu ziehen. Die Darstellung, die Komposition seiner Idee ist mit
außerordentlicher Kühnheit ausgeführt: er hat den Blitzstrahl ergriffen
und läßt ihn stürmend auf sein Bild niederfallen. Der Blitz hat alles
mit seinem Licht übergossen und überflutet, wie um alles sichtbar zu
machen, so daß kein Gegenstand dem Beschauer verborgen bleibt. Daher
liegt auch auf allem eine ungeheuere Lichtfülle. Die Figuren sind mit
kraftvoller Hand hingeworfen, wie nur ein gewaltiger Genius es vermag.
Diese ganze Gruppe, die im Augenblick, wo der Blitz niederfällt, wie
erstarrt stehengeblieben ist, und in der sich tausend verschiedene
Gefühle spiegeln, dieser stolze Athlet, der einen Schreckensschrei
ausstößt, in dem Kraft, Hochmut und Ohnmacht liegen, und der sich mit
seinem Mantel gegen den Wirbelwind von Steinen deckt, dieses Weib, das
zu Boden gestürzt ist und ihren herrlichen Arm von einer nie dagewesenen
Schönheit ausstreckt, dieses Kind, das den Beschauer mit seinem Blick zu
durchbohren scheint, dieser vom Blitzschlag betäubte Greis, der von
seinen Kindern getragen wird, dessen schrecklicher Körper schon einen
Grabeshauch auszuströmen und dessen Hand mit den weit ausgespreizten
Fingern in der Luft erstarrt zu sein scheint, diese Mutter, die die
Flucht aufgibt und trotz der Bitten ihres Sohnes, dessen angsterfülltes
Flehen der Beschauer zu vernehmen meint, unbeugsam bei ihrem Entschluß
verharrt, diese Menge, die entsetzt von den Mauern zurückweicht oder
voller Schrecken und doch wieder ihren Schreck plötzlich vergessend,
wild auf die Erscheinung hinstarrt, die das Ende der Welt ankündigt,
dieser Priester im weißen Gewande, der in hoffnungsloser Wut seinen
Blick auf die ganze Welt richtet -- dies alles ist so gewaltig, so kühn,
so harmonisch ineinandergefügt, wie es nur im Kopfe eines universalen
Genius möglich war.
Ich will hier nicht den Inhalt des Bildes analysieren, noch die
dargestellten Vorgänge erläutern und erklären. Hierfür hat jeder sein
eigenes Auge und sein eigenes Gefühlsmaß; außerdem ist dies alles so
augenfällig und steht in so naher Beziehung zu dem menschlichen Leben
und zu der Natur, die der Mensch vor sich sieht und begreift, weil beide
jedem, dem Kleinsten wie dem Größten, verständlich sind: ich will nur
die Vorzüge und die scharf hervorstehenden Eigentümlichkeiten des
Brylowschen Stils hervorheben, um so mehr, da sie wohl den meisten
entgangen sein werden. Brylow ist der erste Maler, bei dem die Plastik
bis zur höchsten Vollkommenheit gediehen ist. Seine Gestalten sind trotz
des furchtbaren Ereignisses und trotz der Lage, in der sie sich
befinden, doch nicht von jenem wilden Entsetzen erfaßt, von dem die
herben Schöpfungen Michelangelos erfüllt sind, bei deren Anblick wir
erbeben. Auch finden wir bei Brylow nicht jene Vorherrschaft der
himmlischen, unerreichbaren und zarten Gefühle, von denen Raffaels
Bilder überquellen. Seine Gestalten sind schön, trotz all der Schrecken
ihrer Situation. Sie überwinden das Entsetzen durch ihre Schönheit. Er
ist hier nicht so, wie bei Michelangelo, bei dem der Körper nur dazu
dient, um die Kraft der Seele, ihre Leiden, ihre Seufzer und ihre
furchtbaren Erschütterungen sehen zu lassen, bei dem die Plastik
unterging und die Kontur des Menschen riesenhafte Dimensionen annahm,
weil sie nur dem Gedanken zum Symbol dient, und bei dem nicht der
Mensch, sondern allein seine Leidenschaften vor uns erscheinen. Bei
Brylow erscheint der Mensch nur dazu, um seine ganze Schönheit und die
hohe Anmut seiner Natur zu offenbaren. Die Leidenschaften und die
wahrhaften, flammenden Gefühle treten uns in so wunderbaren Formen, in
so herrlichen Menschengestalten entgegen, daß ein Rausch des Entzückens
uns erfaßt. Als ich das Bild zum dritten- und viertenmal ansah, schien
es mir, als sei die Skulptur -- jene Skulptur, die in der Antike solch
eine plastische Vollkommenheit erreicht hat, als sei die Skulptur
endlich in die Malerei übergegangen und hätte sich überdies mit einer
geheimnisvollen Musik erfüllt. Brylows Menschen haben stolze und schöne
Bewegungen; seine Frauengestalten haben etwas Strahlendes, aber es sind
nicht die Frauen Raffaels mit ihren feinen, kaum erkennbaren Engelszügen
-- das sind leidenschaftliche, wilde, südliche Italienerinnen, in der
ganzen reinen Schönheit des Mittags stark, kraftvoll, glühend in der
Fülle ihrer Leidenschaften und in der Macht ihrer Schönheit und herrlich
in ihrer Weiblichkeit. Brylow hat keine Gestalt geschaffen, die nicht
Schönheit atmete; all seine Menschen sind schön. Die Gesamtbewegungen
seiner Gruppen sind von gewaltigem Rhythmus und sind in ihrer
Gesamtwirkung schon etwas Schönes. Bei ihrer Erschaffung hat Brylow
seine Phantasie ebenso stark gezügelt und kraftvoll gelenkt, wie der
Bewohner der Wüste einen arabischen Hengst. Daher ist das ganze Bild so
voller Spannkraft und Pracht.
Im allgemeinen entdecken wir in dem Bilde einen gewissen Mangel an
Idealität, d. h. einer abstrakten Idealität; darin besteht sein
stärkster Vorzug. Wenn diese Idealität, dieses Übergewicht der Idee
hinzugekommen wäre, dann hätte das Bild einen ganz anderen Ausdruck
erhalten und nicht den Eindruck hervorgerufen, den es jetzt macht. Das
Mitleid und jene furchtbare innere Ergriffenheit hätten sich nicht so
der Seelen der Beschauer bemächtigt, und der wunderbare, von Liebe zur
Schönheit und Wahrheit erfüllte Gedanke wäre ganz verloren gegangen. Was
uns schreckt, sind nicht die Zerstörung, nicht der Tod, im Gegenteil, in
diesem Augenblick liegt etwas Poetisches, ein wie im Wirbelwind
dahinstürmender, geistiger Genuß; wir trauern um unser süßes
Sinnenglück, um unsere herrliche Erde. Brylow hat diesen Gedanken in
seiner ganzen Kraft erfaßt. Er hat den Menschen in seiner höchsten
Schönheit dargestellt, sein Weib ist der Inbegriff aller Herrlichkeit
der Welt. Seine Augen strahlen hell wie die Sterne, seine Kraft und
Wollust atmende Brust verspricht die Wonnen der Seligkeit. Und dieses
wundersame Weib, diese Krone der Schöpfung, dieses Ideal unserer Erde
muß zugrunde gehen in dem allgemeinen Untergang wie das letzte
verächtlichste Geschöpf, das es nicht wert ist, zu ihren Füßen
dahinzukriechen. Ihre Tränen selbst, Ihre Angst und ihr Schluchzen --
alles ist schön.
Die äußere ins Auge fallende Eigenart oder die Manier Brylows bildet
auch einen völlig originellen und einen besonderen Fortschritt. Auf
seinen Bildern liegt ein Meer von Licht. Das ist sein Charakter. Seine
Schatten sind kräftig und scharf, gehen aber in der Gesamtmasse unter,
verschwinden im Licht. Wie in der Natur, so sind sie auch bei Brylow
kaum bemerkbar. Man könnte seinen Pinsel glänzend und durchsichtig
nennen. Die Rundung eines schönen Körpers hat etwas Durchscheinendes und
erinnert an Porzellan; das Licht, das ihn mit seinem Glanze überflutet,
scheint zu gleicher Zeit in ihn einzudringen. Und dieses Licht ist
wiederum so zart, daß es zu phosphoreszieren scheint. Selbst der
Schatten erscheint bei ihm durchsichtig und strömt bei aller Kraft und
Stärke eine reine, weiche Zartheit und Poesie aus. Seine Pinselführung
prägt sich einem für alle Zeiten ein. Ich hatte zuerst nur ein Bild von
ihm gesehen -- das Porträt der Familie Witgenstein. Es prägte sich
sofort und mit einem Schlage meiner Phantasie ein und lebt dort für
immer in seinem leuchtenden Glanze. Als ich auf dem Wege war, mir das
Bild »Die Zerstörung von Pompeji« anzusehen, war das erste ganz aus
meinem Gedächtnis geschwunden. Ich näherte mich mit einer größeren Menge
von Menschen dem Saal, wo das Bild hing, und ich hatte, wie das in
solchen Fällen zu geschehen pflegt, für einen Augenblick ganz vergessen,
daß ich gekommen war, um mir ein Werk Brylows anzusehen; ich hatte sogar
vergessen, ob überhaupt ein Brylow auf der Welt existiert. Aber als mein
Blick auf das Bild fiel, als es vor mir aufstrahlte, da durchzuckte mich
wie ein Blitz der Gedanke an jenes Porträt, und ich glaubte das Wort
»Brylow« zu hören. Ich hatte ihn wiedererkannt. Sein Pinsel hat etwas
von jener Poesie, die man nur empfinden kann und die man stets
wiedererkennt: unsere Sinne erkennen und fühlen stets die spezifischen
Eigentümlichkeiten, obwohl wir sie mit Worten nie auszudrücken vermögen.
Sein Kolorit hat eine Leuchtkraft, wie man sie früher fast nie gekannt
hat; seine Farben glühen und treffen sprühend unsere Augen. Bei einem
Künstler, der nur eine kleine Stufe tiefer stände als Brylow, wären sie
unerträglich, bei ihm aber sind sie von jener Harmonie belebt und von
jener inneren Musik durchdrungen, die die lebendigen Geschöpfe der Natur
erfüllt.
Aber die stärkste Eigenart und das, was das Größte an Brylow ist, das
ist die ungeheure Vielseitigkeit und der ungeheure Umfang seines
Talents. Er läßt nichts außer acht, bei ihm ist alles von der Grundidee
und den Hauptgestalten bis zum letzten Pflasterstein frisch und
lebendig. Er bemüht sich, alle Gegenstände zu umfassen und ihnen allen
den machtvollen Stempel seines Talents aufzudrücken. Gewöhnlich pflegten
sich die Künstler früherer Zeiten nur eine einzelne Seite eines
Gegenstands vorzunehmen und auf diese ihr ganzes Talent zu
konzentrieren, das sich daher auch zu einer ungewöhnlichen, man möchte
sagen, abstrakten Größe entwickelte. Raffael malte gewöhnlich nur
Gesichter und stellte das Erwachen himmlischer Leidenschaften und
Neigungen auf ihnen dar; alles übrige, selbst die Gewänder, ließ er
seine Schüler vollenden. Auch alle übrigen großen Künstler
vernachlässigten, ergriffen von der Erhabenheit der Religion oder der
Erhabenheit der Leidenschaften, alles Beiwerk und alles Sekundäre auf
ihren Gemälden. Bei ihnen hat der Himmel immer eine dunkelbraune Farbe;
ihre Wolken erinnern mehr an Heubündel oder an Granitmassen; die Bäume
bilden entweder in ihrer Regelmäßigkeit etwas Kindlich-Einförmiges oder
in ihrer willkürlichen Form etwas Unharmonisch-Häßliches. Für Brylow
dagegen sind alle Gegenstände vom größten bis zum kleinsten wertvoll. Er
sucht die Natur mit seinen Riesenarmen zu umfassen und drückt sie mit
der Leidenschaft eines Liebhabers an sein Herz. Vielleicht ist ihm dabei
die detaillierte Durcharbeitung der Teile, mit der ihm das XIX.
Jahrhundert vorangegangen ist, von Nutzen gewesen. Vielleicht hätte
Brylow, wenn er früher zur Welt gekommen wäre, nicht dieses vielseitige
aufs Ganze und Kolossale gerichtete Streben besessen, und vielleicht
gehören daher seine Werke zu den ersten, die durch ihre Lebendigkeit und
als reine Spiegel der Natur einem jeden verständlich sind. Seine Werke
gehören zu den ersten, die sowohl der Künstler, der einen
hochentwickelten Kunstgeschmack hat, wie der Laie, der nicht einmal
weiß, was Kunst ist (wenn auch nicht in gleicher Weise), begreifen kann.
Es sind die ersten Werke, denen das beneidenswerte Los zuteil ward, sich
einen Weltruf zu erobern, und das hervorragendste unter ihnen ist bis
heute das Gemälde »Der letzte Tag von Pompeji«, das sich durch seine
ungewöhnliche Größe und die Vereinigung aller höchsten Schönheiten nur
mit einer Oper vergleichen läßt, wenn die Oper wirklich eine Vereinigung
der dreieinigen Welt der Künste, der Malerei, der Poesie und der Musik
darstellt.
1834. Im August.
VII
Der Gefangene
Ein Kapitel aus einem historischen Roman
Im Jahre 1543, zu Beginn des Frühjahrs, wurde nachts die Ruhe des
kleinen Städtchens Lukoma durch eine Abteilung der ordentlichen
königlichen Truppen gestört. Der abnehmende Mond, der mit seiner
leuchtenden Sichel durch die Wolken brach, die sich immerfort um ihn
zusammenballten, erhellte für einen Augenblick den Boden der Schlucht,
auf deren Grunde sich das kleine Städtchen angesiedelt hatte. Zum
Erstaunen der wenig zahlreichen Stadtbewohner, die erwacht waren, zog
die Abteilung, deren bloßes Erscheinen sonst der Vorbote von allerhand
Unruhen und Plünderungen war, mit einer schauerlichen Ruhe durch die
Gassen. Man merkte, daß die ganze Kraft ihrer stark gespannten
Aufmerksamkeit sich auf den Gefangenen konzentrierte, der in ihrer Mitte
einherritt; er hatte wohl das seltsamste Kostüm an, das einem Menschen
je gewaltsam aufgezwungen wurde. Sein Körper war von unten bis oben mit
Gewehren bedeckt, die an ihm festgebunden waren, wahrscheinlich, um ihm
eine gewisse Bewegungslosigkeit zu verleihen. Ein Kanonengestell war auf
seinem Rücken befestigt. Sein Roß konnte sich kaum fortbewegen, und der
unglückliche Gefangene wäre längst herabgefallen, wenn er nicht mit
einem dicken Seil an den Sattel gebunden gewesen wäre. Hätte ein
Mondstrahl auch nur für einen Augenblick sein Gesicht gestreift, er
hätte sich in den blutigen Schweißtropfen gebrochen, die ihm über die
Wangen rannen. Aber der Mond konnte das Gesicht des Gefangenen nicht
sehen, da es hinter einer eisernen Maske verborgen war. Die neugierigen
Bewohner versuchten hin und wieder mit offenem Munde näher an den
Gefangenen heranzutreten, wenn sie aber die drohend geballte Faust oder
den Säbel eines der Begleiter erblickten, schraken sie zurück, liefen
eilig in ihre elenden Hütten und wickelten sich, in der Kühle der
Nachtluft fröstelnd, fester in die um die Schulter geworfenen
tatarischen Pelze.
Die Abteilung hatte die Stadt passiert und näherte sich einem einsamen
Kloster. Dieses Gebäude, das aus zwei völlig verschiedenen Teilen
bestand, lag ganz am Ende der Stadt auf einem steilen Abhang. Der untere
Teil der Kirche war aus Stein und bestand sozusagen ganz aus Spalten und
Rissen; er war von Feuerrauch und Pulverdampf geschwärzt, stellenweise
war er ganz grün, mit Nesseln, Hopfen und wilden Glockenblumen bedeckt,
und bildete eine lebendige Chronik des Landes, das unter so viel
blutigen Ernten zu leiden gehabt hatte. Der obere Teil mit seinen fünf
geschwungenen, hölzernen Kuppeln, die eine entartete byzantinische
Architektur geschaffen und die von barbarischen Nachahmern noch mehr
verunstaltet waren, bestand ganz aus Holz. Die neuen Bretter, die
zwischen den alten rauchgeschwärzten hervorschimmerten, verliehen der
Kirche eine gewisse Buntheit und ließen erkennen, daß fromme Pilger sie
vor nicht gar zu langer Zeit ausgebessert hatten. Ein blasser Strahl der
Mondsichel stahl sich durch die krausen Zweige der Apfelbäume, die mit
ihrem dichten Laubwerk einen Teil des Gebäudes verdeckten, und fiel auf
die niedrige Tür und das über ihr angebrachte zackige Gesims, das mit
kleinen, eigensinnig wuchernden gelben Blumen bedeckt war; sie
leuchteten auf und glichen einer feurigen oder goldenen Aufschrift auf
dem natürlichen Gesims. Einer aus der Menge, ein Mann mit einem nicht
enden wollenden Schnurrbart, wie man noch nie einen ähnlichen gesehen
hatte, -- er war noch länger als seine Arme -- ein Mensch, den man nach
seinem Benehmen und seinem frechen, gebieterischen Blick wohl für den
Führer der Abteilung halten konnte, schlug mit dem Flintenlauf an das
Tor. Die morschen Klostermauern dröhnten und gaben einen Ton von sich,
der wie die Stimme eines Sterbenden klang und in der Luft verhallte.
Darnach trat wieder tiefe Stille ein. Ein wildes Fluchen in den
verschiedensten Mundarten donnerte unter dem gewaltigen Schnurrbart des
Abteilungschefs hervor: »Macht auf! verfluchtes Popenvolk! Sonst weiß
ich schon, wie ich euch wecken will!« Ein Pistolenschuß ertönte, die
Kugel drang durch das Tor und schlug ins Kirchenfenster ein, so daß
innen die Scheiben klirrend zu Boden fielen. Dies verursachte eine große
Verwirrung in den Zellen, die an die Kirche grenzten; man sah Lichter
aufblitzen; ein Schlüsselbund erklirrte; das Tor öffnete sich knarrend,
und vier Mönche mit dem Prior an der Spitze traten bleich mit einem
Kreuz in der Hand heraus.
»Hebt euch weg! unreine Geister, Bewohner der Hölle!« sagte kaum hörbar
mit zitternder Stimme der Prior. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und
des Heiligen Geistes, hebe dich weg von hier, Satan!«
»_Allez!_ Das kläfft noch! Verfluchter Kerl!« brüllte der Führer in
einer Sprache, der kein Mensch hätte einen Namen geben können -- aus so
verschiedenartigen Elementen war sie zusammengebraut -- »Was kläffst du
Strolch und sagst, wir seien Teufel; wir Teufel? Wir sind von den
Königlichen!«
»Was seid ihr für Leute? Ich kenne euch nicht! Was seid ihr gekommen,
die Ruhe der rechtgläubigen Kirche zu stören?«
»Ich werde dir die Augen mit Pulver auswaschen, alte Hündin! Gib mir die
Schlüssel zu den Klosterkellern.«
»Wozu braucht ihr die Schlüssel zu unseren Kellern?«
»Ich werde nicht erst viel mit dir reden, dummer Pope. Aber wenn du
willst, Baßamasenjata, sprich mit meinem Gaul.«
»Bring' diesem Antichristen die Schlüssel, Bruder Kasjan,« seufzte der
Prior und wandte sich an den einen Mönch. »Aber ich habe keinen Wein, so
wahr Gott heilig ist, ich habe keinen! nicht ein einziges Faß, auch kein
Fäßchen, ich habe nichts, was ihr brauchen könntet.«
»Was geht mich das an! Meine Jungens wollen trinken. Ich sage dir, wenn
du dummer Pope keinen Stall, kein Heu und keinen Weizen für meine Pferde
hergibst, dann führe ich sie in eure Kirche und versetze dir einen
Fußtritt ins Gesicht.«
Der Prior sagte keine Wort, er blickte die Ankömmlinge mit seinen
bleiernen Augen an, die, wie es schien, schon längst nicht mehr dieser
Welt gehörten, denn sie ließen keine Andeutung von einer Leidenschaft
erkennen, und sein Blick traf mit dem des Jesuiten zusammen, der seine
Augen haßerfüllt auf ihn gerichtet hatte. Der Prior wandte sich ab, und
sein Auge fiel auf den seltsamen Gefangenen mit dem Eisenvisier. Es
schien, daß dieser Anblick den Greis, der gegen alles, was nicht die
Kirche anging, teilnahmslos war, überraschte.
»Warum habt ihr diesen Menschen gefangen? Gott! strafe sie mit Deiner
dreifaltigen Macht! Gewiß wieder ein Märtyrer, der für seinen Glauben an
Christus leidet.«
Der Gefangene ließ nur ein schwaches Stöhnen vernehmen.
Die Schlüssel wurden gebracht, und beim Schein eines schläfrig
brennenden Lämpchens näherte sich die ganze Bande dem Eingang einer
Höhle, die sich hinter der Kirche befand. Kaum waren sie alle in das
unterirdische, häßliche Gewölbe hinabgestiegen, als Grabesfeuchtigkeit
sie umfing. Stumm schritt der Führer voran, und die flackernde Flamme
der Lampe mit ihrem nebligen Strahlenkranz warf ihm einen fahlen,
gespenstigen Lichtschimmer ins Gesicht, während der Schatten seines
endlosen Schnurrbarts sich emporbäumte und alle mit zwei langen, dunklen
Streifen bedeckte. Nur die beiden Enden des Kopfes mit ihrer plumpen
Rundung waren hell und scharf beleuchtet und ließen den unsäglich
gefühllosen Ausdruck erkennen, der darauf hindeutete, daß jede weichere
Regung in dieser Seele längst erstorben und erstarrt, daß Tod und Leben
ihm innerlich gleichgültig waren, daß sein größter Genuß in Tabak und
Branntwein bestand und daß er sich nur dort ganz selig fühlte, wo alles
lärmt und klirrt und trunken zu Boden sinkt. Er war ein Sprosse der
Grenzvölker, in dem zahlreiche Nationen sich gemischt hatten. Von Geburt
ein Serbe, der alles Menschliche in den wüsten Raubzügen und
Trinkgelagen Ungarns in sich ertötet hatte, seiner Kleidung und auch zum
Teil seiner Sprache nach ein Pole, seiner Geldgier nach ein Jude, seiner
Verschwendungssucht nach ein Kosak und in seinem ehernen Gleichmut ein
Teufel. Er schien die ganze Zeit über ganz ruhig zu sein und nur dann
und wann murmelte er einen gewöhnlichen Fluch zwischen den Zähnen
hindurch, besonders wenn er auf dem unebenen Boden stolperte, der sich
immer tiefer und tiefer hinabsenkte.
Mit großer Sorgfalt betrachtete er alle Löcher in den Erdwänden, die
jetzt ganz verschüttet waren, und einst als Zellen und einzige
Zufluchtsstätte im Lande gedient hatten, wo selten ein Jahr verging,
ohne daß die Zerstörung durch Steppen und Felder raste, und wo niemand
massivere Gebäude und Schlösser errichtete, weil jedermann wußte, wie
geringe Dauer ihnen beschieden war. Endlich erreichten sie eine hölzerne
ganz mit Moos und Schimmel bedeckte Tür, die mit Balken und Steinen
verrammelt war.
Der Führer blieb vor ihr stehen und betrachtete sie argwöhnisch von oben
bis unten. »Nun!« sagte er, wies mit den Augen nach der Tür hin, und es
war, als ginge ein Windstoß von seiner struppigen Braue aus. Sofort
machten sich einige von seinen Leuten an die Arbeit; nur mit Mühe gelang
es ihnen, die Balken zu entfernen.
Die Tür öffnete sich! Gott! welch ein grauenerregender Anblick bot sich
den Augen der Anwesenden dar! Schweigend blickten sie einander an, ehe
sie wagten, dort einzutreten. Es liegt etwas von den Schrecken des
Grabes in solch einem unterirdischen Gang. Dort herrscht der Tod in
seiner starren Majestät, er reckt seine knöchernen Gliedmaßen unter all
den blühenden Städten und Dörfern, unter der heiteren, lebensfrohen
Welt. Aber wenn dieses Todesgrauen atmende Innere der Erde noch von
lebenden Wesen, von jenen Höllengeistern bevölkert wird, deren Anblick
uns schon allein erzittern läßt, dann erscheint es noch furchtbarer. Der
Modergeruch war so stark, daß anfänglich allen der Atem stockte. Eine
riesengroße Kröte hockte da und glotzte die Eindringlinge, die sie in
ihrer Ruhe gestört hatten, mit ihren gräßlichen hervorquellenden Augen
an. Die viereckige Höhle hatte nur einen einzigen Eingang; große Stücke
von Spinngeweben hingen in langen Fetzen von dem Erdgewölbe herab, das
die Decke der Höhle bildete. Große Haufen von Erde, die von der Decke
herabgestürzt waren, lagen am Boden. Auf einem dieser Haufen lagen
Menschenknochen, und blitzschnell huschten schnellfüßige Eidechsen
zwischen ihnen hindurch. Eine Eule oder eine Fledermaus hätte in dieser
Umgebung noch schön gewirkt.
»Warum ist das keine Stube! 's ist eine schöne Stube!« schrie der
Führer. »_Allez_, hinein! Du, Hund, du wirst hier gut schlafen! Leg'
dich mal auf den Erdklumpen und nimm dir die Kröte zum Kopfkissen, oder
besser, nimm sie dir für die Nacht zur Frau!«
Einer von den Königlichen lachte über diesen Scherz, aber sein Gelächter
fand in diesen feuchten Hallen ein so schreckliches, tonloses Echo, daß
er selbst erschrak. Der Gefangene, der bis dahin stillgestanden war,
wurde in die Mitte der Höhle gestoßen und hörte nur noch, wie hinter ihm
die Tür knarrte und die Balken krachten, die den Eingang versperrten.
Das Licht erlosch, und Finsternis umfing das Innere der Höhle.
Der Unglückliche erbebte. Es schien ihm, als hätte man den Sargdeckel
über ihm zugeschlagen, und das Krachen der Balken, die den Eingang
versperrten, schien ihm dem Klirren des Spatens zu gleichen, wenn die
Erde mit schrecklichem Laute auf die letzten Überreste eines Menschen
fällt und die Menge gleichgültig wie das Grab und wie im Traume
flüstert: »Er ist nicht mehr -- aber einst lebte er.« Nach dem ersten
Schrecken verfiel der Gefangene in eine sinnlose Spannung, in einen
seelenlosen Zustand, der gewöhnlich einzutreten pflegt, wenn ein Schlag
einen so furchtbar trifft, daß der Mensch nicht einmal den Mut hat, an
ihn zu denken, sondern seine Augen auf irgendeinen unbedeutenden
Gegenstand heftet und ihn aufmerksam betrachtet. In solchen Augenblicken
gehört er einer anderen Welt an und hat keinen Teil mehr an dem, was die
Menschen bewegt: er sieht gedankenlos vor sich hin, er fühlt, ohne zu
empfinden, und ist von einem seltsamen Leben erfüllt. Zuerst heftete er
seine Aufmerksamkeit auf die ihn umgebende Finsternis. Für eine Spanne
Zeit war alles vergessen -- ihr Schrecken und der Gedanke daran, daß er
lebendig begraben war. Mit all seinen Sinnen suchte er sich mit der
Finsternis vertraut zu machen, und vor ihm tat sich eine ganz neue
seltsame Welt auf: plötzlich sah er helle Streifen die Dunkelheit
durchziehen -- eine letzte Erinnerung an das Licht. Diese Streifen
nahmen alle möglichen Farben an und bildeten die seltsamsten Figuren. Es
gibt keine absolute Finsternis für das Auge. Man mag es zudrücken,
soviel man will, es malt und zaubert uns Farben vor, die es früher
einmal gesehen hat. Diese bunten Arabesken nahmen entweder die Form
eines bunten Schals oder eines reich geäderten Marmors oder endlich jene
seltsame Gestalt an, die uns so wunderbar fremdartig anmutet, wenn wir
ein Stück eines Flügels oder das Beinchen eines Insekts unter dem
Mikroskop betrachten. Zuweilen sah er einen schlanken Fensterrahmen, den
es doch in seiner Höhle nicht gab, vor seinem Blick auftauchen. Ein
phantastisches Azurblau leuchtete in dem schwarzen Rahmen auf,
verwandelte sich dann in ein Kaffeebraun, verschwand ganz und ging dann
in ein dunkles Schwarz über, das mit Pünktchen von gelber, blauer oder
unbestimmter Farbe besät war.
Bald aber verschwand diese ganze Welt, und des Gefangenen bemächtigte
sich eine andere Empfindung. Anfänglich konnte er sich von diesem
Gefühle keine Rechenschaft geben, dann aber gewann es immer mehr an
Bestimmtheit. Er hatte ein Gefühl der Kälte auf seiner Hand, und seine
Finger glitten unwillkürlich über etwas Schlüpfriges hin. Plötzlich fuhr
ihm der Gedanke an die Kröte durch den Kopf! ... Er schrie auf und
fühlte sich augenblicklich in die Wirklichkeit versetzt! Seine Gedanken
tauchten plötzlich tief unter in den Schrecken der Gegenwart. Hierzu kam
noch die gänzliche Erschöpfung seiner Kräfte und die furchtbare
Stickluft: dies alles hatte zur Folge, daß er in eine tiefe Ohnmacht
versank.
Unterdessen machten sich's die königlichen Truppen in den Klosterzellen
bequem, als ob sie zu Hause wären; sie schickten die Mönche fort, um die
Ställe zu reinigen, und fingen fröhlich an zu zechen, voller Freude, daß
sie sich endlich des Menschen, dessen sie bedurften, bemächtigt hatten.
1830.
VIII
Über die Völkerwanderung am Ende des V. Jahrhunderts
Die große Völkerwanderung, aus der die heutige Bevölkerung Europas
hervorgegangen ist, reicht mit ihrem Anfang bis in das ferne Altertum.
Sie beginnt vielleicht gleichzeitig mit der Gründung Roms, ja vielleicht
sogar schon früher. Während noch das Mittelmeer die neu entstandenen
Staaten umspülte, die ersten Schritte eines aufkeimenden Handels
beobachten konnte und der Geist der Völker, die die Blüte der antiken
Welt bilden, sich immer mehr und mehr entwickelte -- verbarg sich in den
Tiefen Asiens eine andre unbekannte Welt, die dazu bestimmt war, die
ganze antike Herrlichkeit, den Geist der Antike und seine alten Formen
zu vernichten und sie durch einen neuen Geist zu ersetzen. Mittelasien
bildet einen schroffen Gegensatz zum Süden und zu dem Südwesten dieses
Kontinents, sowie zu den afrikanischen und europäischen Küsten des
Mittelmeers, wo die blühende Vielgestaltigkeit der Natur, des Bodens,
der Erzeugnisse, der Wechsel von Festland und Wasser, und die unzähligen
Inselgruppen, die Vorgebirge und Meerbusen geradezu wie geschaffen sind,
um die Tatkraft und den Geist des Menschen zu einer rapiden Entwicklung
zu bringen. Die Natur Mittelasiens ist von ganz anderer Art: sie ist
einförmig und unermeßlich. Seine Steppen gehen ins Uferlose, sie bilden
ungeheure Flächen und scheinen einem wüsten Ozean zu gleichen, der
nirgends durch eine Insel unterbrochen wird. Die stillen, regungslosen
Seen inmitten dieser endlosen Ebenen konnten unmöglich zur Tatkraft
anspornen. Es schien, als hätte die Natur selbst dieses Land für
Hirtenvölker bestimmt, damit wir uns nach diesen eine Vorstellung von
der primitiven Lebensweise der Urvölker bilden könnten. Die
Unermeßlichkeit dieser Ebenen konnte im Menschen nie den Gedanken an
einen dauernden Wohnsitz aufkommen lassen, ein Gedanke, der gewöhnlich
nur beim Anblick von schroffen Felsen, Meeresufern, Inseln und überhaupt
in Gegenden entsteht, wo man festen Fuß fassen kann. Wo dagegen die
Natur in regungslosem Schlummer liegt, da wird auch der Mensch sorglos
und kümmert sich nur um das Allernotwendigste. Die patriarchalischen
Bewohner der Steppen nährten sich nur von Milch und Käse, die ihnen ihre
halbwilden Haustiere lieferten, und nur selten aßen sie Fleisch. Daher
vermehrten sich auch ihre Herden in ganz ungewöhnlichem Maße; ihre
Besitzer mußten immer häufiger von einem Ort zum andern ziehen, mit
jedem Jahr wurde der Bedarf an Wiesen größer und größer -- und so kam
es, daß das Land, das uns noch heutzutage durch seine unermeßliche Größe
erschreckt, daß das Land, das doppelt so groß war wie die ganze
zivilisierte Welt jener Zeit und mit dem sämtliche Bauern der Welt
nichts anzufangen wüßten -- daß dies Land zu eng für seine Bewohner
wurde. Die mächtigeren Fürsten mußten die schwächeren verdrängen. Ein
Hirtenvolk, das kein immobiles Eigentum hat, dessen Besitz sich auf ein
durch die Zeit erworbenes und befestigtes Recht stützt, gibt leicht dem
ersten Ansturm nach und zieht selbst mit seinen Herden weiter. So wurde
Asien ein Menschen ausspeiender Vulkan. Jedes Jahr warf es neue
Menschenscharen und Herden aus seinem Inneren aus, die ihrerseits die
schon früher Ausgespienen aus ihren Niederlassungen verjagten. Diese
überschritten die Berge und drangen in Europa ein. Man kann wohl sagen,
diese Völker schritten nicht in einer bestimmten Richtung vorwärts,
sondern eins verdrängte das andere mechanisch von seinem Platz. Das
waren keine Eroberer, sondern eine Art Sklaven, die unter dem Druck
einer angedrohten Strafe handelten. So zog sich eine Kette von Völkern
von Osten und Nordosten durch ganz Europa bis nach Süden hin. Im Süden
stieß sie auf das erste Hindernis, sie bekam die gewaltige Macht der
Römer zu spüren und traf mit der antiken Welt zusammen. Unterdessen fuhr
Asien weiter fort, neue Scharen von Menschen auszuwerfen. Der Anstoß,
der von jedem neuen Ausbruch dieses Vulkans ausging, pflanzte sich durch
die ganze Kette fort: die neuen Scharen drängten die vorderen Reihen
weiter, jene die vor ihnen marschierenden und so fort. Die Wucht dieser
Völkerwanderung wurde bald außerordentlich stark, dafür aber wurde auch
der Gegendruck seitens der Römer sehr kräftig, so daß sich an der Grenze
des römischen Reiches eine ungeheuere Menge von Völkern zu stauen
begann. Bei jedem neuen Ausbruch wurde diese Menge immer größer und
stärker, und es wurde den Römern immer schwerer, sich ihrer zu erwehren.
Endlich gaben die Römer nach, und die Horden stürmten mit gewaltigem
Ungestüm nach dem Süden Europas. Hätte Europa im Süden nicht das
Mittelländische Meer zur Grenze gehabt, oder hätten diese Völker
irgendein Verständnis für die Schiffahrt besessen, so hätte die
Völkerwanderung noch lange fortgedauert -- denn Asien hörte nicht auf,
neue Menschenscharen auszuwerfen -- die Völker wären nach Afrika
übergesetzt, Europa wäre noch viele Jahre lang nicht zur Ruhe gekommen,
das Chaos hätte noch lange fortbestanden, viele Reiche wären erst viel
später gegründet und der Fortschritt der Zivilisation wäre überhaupt um
viele Jahrhunderte zurückgeworfen worden. Aber als die Völker den Süden
Europas erobert hatten, und als sie das Meer und die Unmöglichkeit,
weiter vorwärtszuschreiten, vor sich sahen, da entschlossen sie sich,
mit aller Gewalt gegen die nachdrängenden Feinde vorzugehen. Als die
letzteren auf solch unerwarteten Widerstand stießen, beschlossen sie
auch, ihre Feinde zurückzudrängen, die nun ihrerseits wieder dasselbe
mit ihren Gegnern taten, und so geschah es, daß der Anstoß die
entgegengesetzte Richtung erhielt, und die Bewegung kam plötzlich zum
Stehen. Die Folgen dieser Erscheinung machten sich sogar in Asien
fühlbar, und einige Hirtenvölker wurden hierdurch gezwungen, zum
Ackerbau überzugehen.
Diese Völkerwanderung hätte sich viel schneller vollzogen, wenn auch
Europa aus solch flachen, offen daliegenden Ebenen bestanden hätte, wie
sie Asien bedecken. Hier dagegen hatte die Natur auf einer
verhältnismäßig kleinen Fläche eine ungeheuere Unregelmäßigkeit und
Mannigfaltigkeit hervorgebracht: überall ist das Festland vom Meere
durchfurcht, seine Ufer bestehen aus zahllosen Halbinseln und
Vorgebirgen, und auch im Innern gibt es nur sehr wenig ebene Flächen;
der Boden steigt und senkt sich in einem fort, erhebt sich und bildet
ungeheure Gebirge, oder er fällt jäh herab und bildet tiefe Täler, die
wie durch einen Erdsturz zwischen diesen entstanden zu sein scheinen.
Dazu kam, daß Europa zu jener Zeit noch mit undurchdringlichen Urwäldern
bedeckt und von sumpfigen Mooren durchzogen war. Und daher vollzog sich
die Völkerwanderung, je tiefer sie bis ins Innere Europas drang, immer
langsamer und langsamer: die Menschen mußten sich durch Wälder
hindurchschlagen, Berge übersteigen und Sümpfe umgehen. Ihre
Niederlassungen bildeten sozusagen Oasen, und die einzelnen Völker
wurden durch Urwälder und unerforschte Gegenden voneinander getrennt, so
daß sie häufig lange gegen jegliche Überfälle geschützt waren. Und wenn
dann eine neue Springflut von gewaltigen Völkermassen, befehligt von
einem unternehmenden Führer, herankam und Europa mit wundersamen Fanalen
illuminierte, indem sie die alten Urwälder in Brand setzte und der
Vernichtung preisgab, dann bot sich den erstaunten Blicken der
Ankömmlinge ein Volk dar, von dessen Existenz sie keine Ahnung gehabt
hatten, und das in seinen Sitten und Gebräuchen sich zwar weit von ihnen
entfernt, dennoch aber eine gewisse Ähnlichkeit mit ihnen bewahrt hatte.
Man kann sagen, ganz Europa bestand damals aus lauter Fetzen und
Bruchstücken, die die Natur selbst voneinander getrennt hatte; daher war
die Unterwerfung dieses Erdteils und seine Vereinigung unter der Gewalt
eines Herrschers ein Ding der Unmöglichkeit, und so entstanden die
zahlreichen europäischen Nationen, die sich ohne allen Zweifel zu
_einer_ Nation verschmolzen und einen einheitlichen Charakter angenommen
hätten, wenn Europa eine einzige offene Ebene gewesen wäre. Das war eine
neue nie gesehene Welt, von der die antiken zivilisierten Völker nichts
wußten, und die sich, wie man wohl sagen darf, auch selbst kaum kannte.
Den Kern dieser Völker bildeten die zahlreichen Stämme germanischer
Nation, die sich über den ganzen Westen ausbreiteten. Die Ufer der
Nordsee, des Rheins, der Donau und ganz Mitteleuropa bis zur Ostsee
waren von ihnen besetzt. Als die Römer zum erstenmal mit ihnen
zusammenstießen, bewies der Kulturzustand dieser Völker, daß sie schon
lange in Europa ansässig waren, und daß ihre Übersiedelung nach Europa
schon im grauesten Altertum stattgefunden haben mußte. Daß sie jedoch
aus Asien stammten, dafür konnte man den Beweis in der seltsamen
Ähnlichkeit einiger deutscher Stammwörter mit der persischen Sprache
finden. Ob nun Asien in grauer Urzeit zugleich die Stämme ausgeworfen
hat, die später im Süden inmitten der Berge das persische[8] Volk und in
den nordischen Wäldern Europas das Volk der Germanen gebildet haben,
oder ob vielleicht später der gewichtige Einfluß der Parther, die aus
Mittelasien hervorbrachen, eine Reihe von Wörtern in die persische
Sprache eingeführt hat, die man bis dahin nur in den unermeßlichen
asiatischen Steppen vernommen, und die sich bereits in Europa verbreitet
hatten[9] -- wie dem auch sei -- jedenfalls stammen die Germanen
ursprünglich aus Asien und hat sich ihre Einwanderung in Europa schon in
grauer Urzeit vollzogen.
Diese Völker bildeten einen vollkommenen Gegensatz zu den Römern und
gewissermaßen eine Welt für sich. Ihre physische und geistige Natur trug
den ausgesprochenen Stempel echter Ursprünglichkeit und Eigenart. Ihre
physische Organisation widersprach durchaus der der Völker der Alten
Welt. Die schwarzen glänzenden Augen, das dunkle Haar, das
ausdrucksvolle Gesicht des Südländers, in dem sich die Begierde nach
Üppigkeit und übermäßigen Genüssen zu spiegeln schien -- dieser
gemeinsame Typus der bereits erstarrten antiken Welt -- traf hier auf
sein vollkommenes Gegenteil: die blauäugigen, blonden, großen und
starken Germanen mit dem einseitig wilden, kriegerischen Ausdruck im
Gesicht repräsentierten einen völlig neuen Typus der menschlichen Natur,
der den Beginn der Neuen Welt kennzeichnete.
[Fußnote 8: Schlözer.]
[Fußnote 9: Müller.]
Ihre Religion, ihre Lebensweise, ihr Temperament, die Grundelemente
ihres Charakters unterschieden sich in jeder Beziehung von den
zivilisierten Völkern jener Zeit. Die Religion der Germanen zeichnete
sich durch eine besondere Eigenart aus. Ihre Gottheit, der Gegenstand
ihrer Anbetung, war die Erde. Es war, als hätte der düstere Anblick des
damaligen Europa ihnen die Idee zu dieser Religion eingegeben. Nur
selten von Sonnenlicht umflossen, immer nur im Schatten hundertjähriger
Eichen lebend, und Höhlen als erste Wohnstätten oder Verstecke für ihre
Schätze grabend, sahen sie nichts wie die Erde, deren gewaltige Kraft
auf ihrer Oberfläche Pflanzen wachsen ließ, die ihnen als armselige
Nahrung dienten, und herrliche, hohe Bäume, die über ihren Köpfen
rauschten -- und so konnten sie die Erde für die Erzeugerin aller Dinge
halten. Von ihr leiteten sie ihren Gott Tuisto-Teut ab, der einen Sohn
Mannus hatte und von diesem wiederum die verschiedenen Stämme der
germanischen Völker, die sie für die ältesten Bewohner der Welt hielten.
Es könnte scheinen, als ob dieser Begriff von der Religion sie ganz
wesentlich von Asien unterscheidet, aber wir müssen nicht vergessen,
welch gewaltigen Einfluß die Natur und die Bodenverhältnisse stets
gehabt haben. Die Natur übt eine despotische Herrschaft über den
Urmenschen aus. Je mehr der Mensch sich entwickelt, je mehr sein Geist
heranreift, um so mehr Macht bekommt er über die Natur, und dann
schreibt er ihr die Gesetze vor, aber im wilden Urzustande muß _er_ sich
_ihren_ Gesetzen fügen, ist er ihr Sklave. In Mittelasien liegt der
Himmel immer offen vor dem Auge da; dort ist er unübersehbar und von
einer gewaltigen Ausdehnung; im Vergleich mit ihm erscheint die Erde
armselig und klein. Keine einzige hochgewachsene Pflanze, kein spitzer,
kantiger, hoher und schmaler Fels fesselt das Auge; das auf den
unabsehbaren Flächen sprießende Gras erscheint hier noch niedriger als
sonst. Aber hier strahlt die Sonne in ihrer ganzen Herrlichkeit und
überflutet alles mit ihrem Licht: leuchtende Sterne übersäen dicht das
Himmelsgewölbe, und sie allein dienen den Menschen zum Halt und
Wegweiser. Daher war in Asien überall die Anbetung der Sonne und der
Himmelsgestirne vorherrschend. Je mehr dagegen die Völker nach Europa
vordrangen, desto seltener sahen sie die Sonne. Das dichte,
majestätische Dunkel der europäischen Wälder machte einen tieferen
Eindruck auf ihre ungebildete Phantasie. Die Nebel und die aus den
Sümpfen aufsteigenden Ausdünstungen verbargen den Himmel vor ihnen, und
die Notwendigkeit, sich zeitweise mit dem Ackerbau zu beschäftigen,
brachte es mit sich, daß sie sich enger an die Erde anschlossen. Daher
war auch bei den germanischen Völkern die Anbetung der Gestirne nur sehr
wenig verbreitet, und nur bei ganz wenigen Völkern hat sich eine
Erinnerung daran erhalten. Tief im Waldesdickicht, das nie von einem
Sonnenstrahl durchdrungen wurde, brachten sie ihrer Göttin, der Mutter
Hertha, ihre Opfer dar. Es scheint so, als ob ihnen die Finsternis für
heilig galt, darin war ihre Religion schon von Anbeginn allen anderen
Religionen unähnlich. Sie glaubten an die Unsterblichkeit. Aber ihr
Himmel war ein finsterer Himmel. In ihrer Walhalla sahen sie nur die
Fortsetzung ihres kriegerischen Lebens: dorthin versetzten sie ihre
germanischen Eichen, ihre flammenden Lagerfeuer und das Getöse ihrer
Waffen; bleifarbene Wolken verhüllten ihren Himmel, den sie mit den
dunklen Schatten ihrer großen im Kriege gefallenen Helden bevölkerten.
Die Anbetung Herthas verbreitete sich fast bei allen germanischen
Stämmen. Zu den Gegenständen ihrer Verehrung gehörten auch die Schatten
ihrer verstorbenen Helden, die sie sich in übernatürlicher, ins
Riesenhafte gesteigerter Größe vorstellten. Auch ihre treuen Gefährten,
die Kriegsrosse, genossen dieselbe Verehrung, unter denen die weißen
nach Tacitus für besonders heilig galten und in den heiligen Hainen
untergebracht wurden. Man spannte sie vor den heiligen Wagen, dem der
König und die Priester folgten, und aus dem Schnauben der Rosse deutete
man die Zukunft.
Die germanischen Völker blieben lange Zeit ihrer ursprünglichen
Lebensweise treu. Sie lebten nur für den Krieg, er bildete ihre ganze
Freude. Beim Kriegslärm erbebten sie wie junge, kampfmütige Tiger. Sie
dachten nur daran, ihre Kräfte zu messen und sich an der Schlacht zu
vergnügen. Habgier und Beutelust spielte nur eine geringe Rolle: als
Hauptsache galt ihnen nur, sich in der Schlacht hervorzutun, damit ihre
Heldentaten später im Liede besungen würden. Alle Vorteile und ihr
ganzes Lebensglück hing mit dem Namen dessen zusammen, der sich mit
Kriegsruhm bedeckt hatte. Er wurde zum Führer gewählt; ihn bewunderten
und verehrten alle Völker. Er war der Vermittler und Richter in allen
Streitfragen, und er verteilte im Kriege nach eigenem Ermessen die ganze
Beute; sogar fremde und weit entlegene Stämme sandten ihm Pferdegeschirr
zum Geschenk; die verwandten und untergebenen Stämme brachten ihm
freiwillig die Erzeugnisse ihrer Felder, Früchte, Rinder und Rosse als
Gabe dar. Mut und Tapferkeit galten als etwas Göttliches; alles strömte
um die Wette der Fahne des Führers zu, und jedermann kämpfte nicht um
der Beute willen, sondern um sich vor ihm auszuzeichnen und ein Wort der
Anerkennung von ihm zu hören. Sein Name lebte noch lange in den
Heldengesängen fort, nach seinem Tode wurden ihm zu Ehren große
Festgelage veranstaltet, und noch lange rühmte sich sein Stamm seiner
Heldentaten; seinem Schatten wurden allmählich göttliche Ehren zuteil,
und er wurde ein Gegenstand der Anbetung. Solch ein Schicksal war
beneidenswert, denn auch im unentwickelten Menschen glüht ja schon die
Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Alle ohne Unterschied eiferten danach,
ruhmvolle Taten zu vollbringen; die Schlachten häuften sich, und die
Germanen waren stets bereit, auf den ersten Ruf mit ihren wilden
Kriegshorden heranzubrausen.
Sie kämpften fast nackt, indem sie ihre athletische Kraft in aller
Schlichtheit an den Tag legten. Ein Mantel, der statt von einer
Schnalle, von einem Dorn zusammengehalten wurde, ein Raubtierfell über
der Schulter -- das war ihre ganze Rüstung. Sie stellten sich in dichten
Haufen in keilförmiger Schlachtordnung auf und kämpften von nahem und
von ferne mit kurzen Lanzen, die Framen genannt wurden; mit der
Löwenkraft ihrer Muskeln schleuderten sie sie so weit, wie es nötig war,
um den Feind zu erreichen; nur ihre Schilde waren etwas schöner und
prächtiger und waren mit grellen Farben bemalt; Scharen von Frauen und
Kindern folgten ihnen in die Schlacht, begleiteten sie mit ihrem
Geschrei und spornten sie immer wieder zu neuem Mut an: sie dachten
nicht an Flucht, der Gedanke an die Sklaverei, die ihre Frauen und
Kinder erwartete, verdoppelte nur die wilde Kraft ihres Ansturms, und
der Feind war gezwungen, nachzugeben. Die Frauen sogen ihren Männern
mitten im Getümmel der Schlacht die Wunden aus, verbanden sie, ja sie
trugen die Verwundeten auf ihren Schultern hinweg. Der Tod des Führers
wirkte nicht etwa lähmend auf sie, im Gegenteil, er kettete alle durch
das stählerne Band der Rache zusammen und machte sie unüberwindlich. Es
galt als größte Schande, seinen Schild wegzuwerfen; der Unglückliche,
dem dies passierte, wurde ein Opfer der allgemeinen Verachtung und nahm
sich selbst das Leben. Nur auf Grund der allgemeinen Achtung herrschte
der Führer, ohne daß ihm sonst irgendwelche Machtmittel zu Gebote
standen, unumschränkt über die Stämme, und die Krieger befolgten mit
bewunderungswürdigem Gehorsam seine Befehle. Doch nicht nur im Kriege
hatte er den Oberbefehl, er behielt zuweilen seine Macht auch während
des Friedens bei und nannte sich dann Heerführer[10].
Die Germanen waren sehr freiheitsliebend und wollten keine Gewalt über
sich anerkennen. Eine eigentliche Regierung gab es nicht. Sie
versammelten sich und veranstalteten Volksversammlungen, die jeden Monat
bei Neumond und Vollmond, bei außerordentlichen Anlässen jedoch zu jeder
beliebigen Zeit abgehalten wurden. Sie erschienen träge und langsam zu
diesen Versammlungen, wie um anzudeuten, daß sie aus freien Stücken
kämen; es vergingen einige Tage, bis die nötige Zahl beisammen war und
die Beratung beginnen konnte. Sie saßen in voller Rüstung da; nur die
Priester hatten das Recht, Schweigen zu gebieten; die Familienältesten
präsidierten, die sogenannten Grauhaarigen (_grawion_), die später
diesen Namen in den der Grafen veränderten, die Fürsten und die, die
sich während der Schlachten ausgezeichnet hatten, führten das Wort; ihre
Rede war schlicht und von jenem kräftigen, gedrängten Lakonismus
erfüllt, durch den sich die treuherzige Beredsamkeit junger Völker
auszeichnet.
Sie waren schlicht und offenherzig; ihre Verbrechen waren nur die Folgen
ihrer Unwissenheit und nicht ihrer Lasterhaftigkeit. Nur Ehrlosigkeit
und eine niedrige Gesinnung galten als Verbrechen; Überläufer und
Verräter wurden gehängt und einem qualvollen Tode überantwortet; für ein
gemeines und ehrloses Vergehen wurde der Schuldige in einen Sumpf
versenkt, und es wurde Schlamm und Reisig auf ihn geworfen, wie um etwas
zu verbergen, was nie ans Tageslicht kommen sollte. Die untreue Frau war
ganz in der Gewalt ihres Mannes: er durfte ihr das Haupthaar
abschneiden, ihr ihre Kleider wegnehmen und sie nackt und schmachbedeckt
mit Ruten durch Dörfer und Siedelungen jagen; niemand wagte es, auch
wenn sie noch so schön war, ihr sein Mitleid zu bezeigen. Aber diese
Fälle waren nur selten, denn die Germanen hatten einen wilden und rauhen
Charakter, und bei ihnen herrschten nur Bräuche und Sitten, die
gewöhnlich viel stärker sind als Gesetze.
[Fußnote 10: Tacitus.]
In ihrem häuslichen Leben waren sie ganz im Gegensatz zu ihrem unruhigen
kriegerischen Wesen sehr sorglos und träge. Sie waren stumpf und sehr
faul und lagen in ihren Hütten herum, ohne sich vom Fleck zu rühren. Je
mutiger ein Mann zu sein glaubte, um so mehr hielt er es für unter
seiner Würde, sich mit irgendeiner Arbeit abzugeben; die Äcker wurden
von alten Leuten, von den Schwachen, Minderjährigen und Knechten bebaut;
letztere genossen volle Freiheit und mußten nur eine kleine
Naturalabgabe von ihren Feldern zahlen. Alle häuslichen Arbeiten lagen
auf den Schultern der Frauen. Die Frau brachte ihrem Manne keine Mitgift
in die Ehe mit, im Gegenteil, _er_ mußte ihr am Vorabend der Hochzeit
einen Ochsen im Joch, ein voll ausgerüstetes Pferd und eine Lanze
darbringen, wie um damit auszudrücken, daß sie von nun an an all seinen
Beschäftigungen teilnehmen müsse.
Die Kleidung der Germanen war ganz anders, als dies in der römischen
Welt und bei allen südlichen Völkern üblich war, die eine gewisse
Liebhaberei für leichte, weite Gewänder hatten; sie trugen enge Kleider,
die sich fest an den Körper anschmiegten, und die Tierfelle, in die sie
sich mit Vorliebe hüllten, verliehen ihnen ein wildes, tierisches
Aussehen. Die Kleidung der Frauen unterschied sich nur wenig von der der
Männer; einzelne trugen hochrote Leinwandröcke, die nur bis zum Gürtel
reichten, so daß der Hals, der Busen und die Arme offen blieben. Die
Kinder waren sich ganz allein überlassen und wuchsen in der Gesellschaft
der Haustiere auf. Erst wenn sie volljährig wurden, durften sie Waffen
tragen und an den Versammlungen teilnehmen. Die Gastfreundschaft, die
allen wilden Völkern von primitiven Sitten eigen ist, war auch den
Germanen eigentümlich; der Gast wurde reichlich beschenkt, und wenn
jemand nicht in der Lage war, einen Gast zu bewirten, führte er ihn
selbst zu einem seiner Genossen.
Am häufigsten jedoch konnte man die alten Germanen bei ihren Festgelagen
antreffen, wo manches Mal mehrere Nächte hindurch gezecht wurde, dann
war der Wald prachtvoll erleuchtet von lohenden Eichen, und ein Getränk
aus gegorenem Gerstensaft, wahrscheinlich der Urahne des heutigen Biers,
das in Deutschland so viel getrunken wird, ließ ihren Gedanken, Reden
und Entschlüssen freien Lauf. Bei diesen Gelagen kamen alle ihre
Unternehmungen zur Reife. Hier faßten sie die Pläne zu ihren kühnen,
gewagten Angriffen, die während einer gemächlichen Volksversammlung wohl
nicht jedem und auch nicht immer in den Sinn gekommen wären. Sie waren
stürmisch, waghalsig, und wenn sie einmal wach, erschüttert und aus
ihrer kaltblütigen Indolenz aufgerüttelt waren, kannte ihre Leidenschaft
keine Grenzen. Ihre Verwegenheit kam ganz besonders beim Würfelspiel zum
Ausdruck, da konnte der wilde Germane so leidenschaftlich werden, daß er
sein Haus, seine Waffen, sein Weib, seine Kinder und zuletzt sich selbst
verspielte und in die Sklaverei verkaufte -- ein Zustand, der ihn
schlimmer dünken mußte als der Tod! Vielleicht war dieses wilde
Temperament die Quelle jener starken, kühnen Leidenschaften, die den
Europäer erfüllen.
So geartet waren die germanischen Völker -- diese wilden Elemente, aus
denen das neue Europa hervorgegangen ist. Sie zerfielen in unzählige
Stämme und überzogen das nördliche Europa ebenso dicht wie die dichten
europäischen Wälder. Um einen klaren Überblick über sie zu gewinnen,
wollen wir mit den Gegenden beginnen, wo die Alte Welt diese ersten
Begründer der Neuen Welt zuerst erblickte, d. h. mit der Donau, die den
Römern als Grenze diente. Hier wohnten Stämme, die zwar noch frei aber
doch nicht mehr ganz wild waren, und die schon Beziehungen mit dem
antiken, zivilisierten Rom angeknüpft hatten, als da sind: die
Hermunduren, die Narisker, die Markomannen und die Quaden. Ferner lag
eine große Kette von germanischen Stämmen an den Ufern des Rheins von
seiner Quelle bis tief herab zu der Stelle, wo er ins Meer fällt. Das
waren die Vangionen, Triboker, Nemeter, Matiaken, Ubier; auf sie folgten
die Tenkterer, die besten Reiter, deren Reiterei auch bei den Römern
berühmt war, und deren ganzer Besitz aus ihren Rossen bestand und immer
dem Tapfersten hinterlassen wurde; dann folgten die Usipier und hart an
der Mündung des Rheins, wo er ins Meer strömt -- die mächtigen Bataver.
Das mittlere Deutschland war ganz mit Wäldern bedeckt und barg die
wildesten und mächtigsten Stämme in sich. Von Westen nach Osten
fortschreitend, treffen wir zuerst auf die Chatten, die Ahnen der
heutigen Hessen; sie bewohnten die aus zahllosen Hügeln bestehenden Ufer
des Main. Dieses Volk verbreitete Schrecken um sich durch sein Fußvolk,
durch dessen vortreffliche Aufstellung und Organisation, durch seine
umsichtige Angriffstaktik und den wilden Ausdruck seiner Gesichter. Die
Sitten und Gebräuche der Chatten setzten einen durch ihre Eigenart
unwillkürlich in Erstaunen. Kein Jüngling durfte sich das Haar
schneiden, ehe er nicht seine Hände in Feindesblut gewaschen hatte,
während der Schlacht mußten sie in den vorderen Reihen kämpfen, und dann
jagten sie den Feinden mit ihren struppigen, behaarten Gesichtern Angst
und Schrecken ein. Jeder Chatte trug einen eisernen Ring am Arm, was
sonst für schmachvoll galt, weil der Ring an eine Kette erinnerte, doch
durfte er ihn nicht früher ablegen, als bis er mit eigener Hand einen
Feind getötet hatte. Südlich von den Chatten wohnten die Cherusker, die
Bewohner des Harzes, weiter folgten die Fosen, die Sigambrer, die
Brukterer, die Angrivarier, die Chasuarier und endlich die Harier, die
sich durch eine ganz eigene Angriffsweise auszeichneten. Sie führten
ihre Überfälle in dunklen finsteren Nächten aus, färbten sich, um
Schrecken und Furcht einzuflößen, ihren Leib, trugen schwarz
angestrichene Schilde und boten sich dem erstaunten Blicke der Feinde,
die diesen Anblick nicht zu ertragen vermochten, wie ein Leichenzug dar.
Östlich von ihnen in etwas freieren, offener daliegenden Gegenden
wohnten die Sueven. Diese bestanden aus einer Menge verschiedener Stämme
und führten noch lange Zeit ein Hirtenleben, obwohl sich der Boden wegen
seiner vielen Sümpfe nur wenig dazu eignete.
Überhaupt kann man sagen, je mehr man sich dem Süden oder dem Südwesten
näherte, um so mehr Ackerbau treibende Stämme traf man an; oder Ackerbau
und Viehzucht traten zusammen auf; je mehr man sich dagegen dem Osten,
Ungarn, Dacien und Polen näherte, um so mehr überwog das Hirtenleben,
und je tiefer man endlich in die Wälder des Harzes eindrang, um so
finsterer und kräftiger wurden die germanischen Stämme. Aber die
allergefährlichsten unter ihnen, die selbst die Römer fast gar nicht
kannten, und die dennoch die eigentlichen Zerstörer ihrer Herrschaft
wurden -- das waren alle die Stämme, die die Küsten des Meeres und die
an der Ostsee gelegenen Länder bevölkerten. Bis hierher waren die Römer
nie vorgedrungen. Hier wohnten Seeräuber, die unternehmungslustigsten
unter den Germanen, die schon die Lage des Landes und des Meeres dazu
zwang, sich in die kühnsten Unternehmungen zu stürzen.