betrachtet alles mit geistigen Augen. Bei ihm verschlingt die Macht der
Idee völlig die greifbare Form. Stets sieht er einen Menschen als
Vertreter der ganzen Menschheit an. Er forscht tief und begeistert
gleich einem Brahmanen der Natur -- wie man ihn in Deutschland zu nennen
pflegt. Bei ihm werden die Ereignisse bedeutender durch ihre
Gruppierung, all seine Gedanken sind erhaben, tiefsinnig und
weltumspannend. Sie erscheinen bei ihm nur selten in Beziehung zu der
sichtbaren Natur und steigen gleichsam unmittelbar aus ihrem reinen
Feuer empor. Daher fehlt es ihnen auch an historischer Greifbarkeit und
Plastik. Wenn ein Ereignis riesengroß ist und eine Idee einschließt --
dann entfaltet es sich bei ihm mit all seinen geheimsten Nebenwirkungen;
aber wenn es zu nah mit dem Leben und der Praxis in Berührung kommt,
dann mangelt es ihm am bestimmten Kolorit. Wenn er sich herabläßt,
einzelne Persönlichkeiten oder die Lenker der Geschichte zu schildern,
dann erscheinen sie bei ihm lange nicht so deutlich wie die allgemeinen
Gruppen und sie nehmen eine zu allgemeine Physiognomie an; sie sind
entweder ganz gut oder ganz böse; alle die zahllosen Schattierungen der
Charaktere, alle Verquickung und Mannigfaltigkeit der Eigenschaften,
deren Erkenntnis nur einem Forscher zuteil wird, der die Menschen mit
Mißtrauen betrachtet, alle diese Abstufungen verschwinden völlig bei
ihm. Er ist unendlich weise in der Erforschung des idealen Menschen und
der Menschheit, aber ein Kind in der Erkenntnis des wirklichen Menschen,
und dies ist nur natürlich --, da ein Weiser immer groß ist in seinen
Gedanken und unwissend in den Kleinigkeiten, die das Leben ausfüllen.
Als Dichter steht er weit höher als Schlözer und Müller. Aber gerade
weil er Poet ist, so erschafft und erarbeitet er alles in seinem Innern
in seinem einsamen Arbeitszimmer; ganz ergriffen von einer höheren
Offenbarung, wählte er stets nur das Schöne und Große, weil das nun
einmal der Natur seiner erhabenen, reinen Seele entspricht. Aber das
Hohe und Schöne reißt sich manches Mal von dem niedren und verachteten
Leben los oder wird durch den Druck jener zahllosen und
verschiedenartigen Erscheinungen, die soviel Buntheit in das menschliche
Leben hineinbringen und deren Erkenntnis nur selten dem weltabgewandten
Weisen zufällt, hervorgerufen. Sein Stil zeichnet sich vor dem der
anderen durch Bilderreichtum und breite Pinselführung aus, er ist eben
Dichter und hebt sich daher deutlich von dem ewig ruhigen und
bedächtigen Müller, diesem Philosophen und Gesetzgeber, sowie von dem
fast immer schroffen und unzufriedenen kritischen Philosophen Schlözer
ab.
Mir scheint, wenn man Herders tiefe Schlüsse, die bis in die fernsten
Anfänge der Menschheit reichen, mit dem schnellen, feurigen Blick
Schlözers und der erfinderischen, weltgewandten Weisheit Müllers
vereinigen könnte, dann hätten wir erst einen Historiker, der da fähig
wäre, eine Weltgeschichte zu schreiben. Und doch würde ihm noch manches
dazu fehlen; es würde ihm noch an jener dramatischen Kraft mangeln, die
wir weder bei Schlözer, noch bei Müller, noch auch bei Herder finden.
Ich verstehe unter dem Wort »dramatische Kraft« nicht die Kunst, die
darin besteht, einen guten Dialog zu führen, sondern die Fähigkeit,
einem ganzen Werke jenen mitreißenden Schwung und jenes dramatische
Interesse mitzuteilen, das manche von Schillers historischen Fragmenten,
besonders die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, ausströmen und das
fast jedes einfache Geschehnis auszeichnet. Doch zu allem Genannten
möchte ich noch gern das Anziehende der Erzählergabe eines Walter Scott
und seinen starken Sinn für alle feinen Nuancen hinzufügen. Nehmen wir
dann noch Shakespeares Talent für die Entwicklung großer
Charaktereigenschaften in den engsten Grenzen hinzu, dann, will es mir
scheinen, hätten wir einen Historiker, wie er für eine Darstellung der
Weltgeschichte erforderlich ist. Bis dahin aber werden Müller, Schlözer
und Herder noch lange unsere großen Wegweiser bleiben. Sie haben viel,
sehr viel Licht in die Weltgeschichte gebracht. Und wenn wir heute schon
ein paar beachtenswerte geschichtliche Werke besitzen, so verdanken wir
diese ihnen allein.
1832.
III
Der Newsky-Prospekt
Es gibt in Petersburg nichts Schöneres als den Newsky-Prospekt; für
Petersburg wenigstens bedeutet er alles! Gibt es einen Vorzug, der
dieser Schönen unter den Straßen, dieser Zierde unserer Hauptstadt,
fehlte! Ich bin überzeugt, daß kein einziger von den blassen Beamten,
die ihre Einwohnerschaft bilden, den Newsky-Prospekt -- auch nicht für
alle Herrlichkeiten der Welt -- eintauschen würde. Sie alle
sind ganz begeistert für den Newsky-Prospekt; nicht nur die
Fünfundzwanzigjährigen, die prachtvolle Schnurrbärte und einen
wundervoll sitzenden Rock tragen, nein, auch jene, denen schon weiße
Haare ums Kinn sprießen, und deren Köpfe glatt sind wie silberne
Schüsseln. Und erst die Damen! Oh! die Damen schwärmen noch viel mehr
für den Newsky-Prospekt. Wem kann er denn auch nicht gefallen! Sobald
man nur auf die Straße heraustritt, so erfaßt einen schon eine
Feiertagsstimmung. Selbst wenn man etwas sehr Wichtiges vorhat, so
vergißt man sicherlich sein Geschäft, sobald man den Newsky betritt.
Dies ist der einzige Ort, wo die Menschen erscheinen, nicht, weil sie
dort sein müssen, und wo sie weder die Notwendigkeit noch das
Geschäftsinteresse hintreiben, die doch sonst ganz Petersburg gefangen
halten. Es kommt einem so vor, als sei der Mensch, der einem auf dem
Newsky begegnet, weniger egoistisch als der auf der Morskaja, der
Gorochowaja, Liteinji, Meschtschanskaja und den anderen Straßen, wo der
Geiz, die Habsucht und Geschäftigkeit auf allen Gesichtern ausgeprägt
ist, die man vorbeikommen oder in Wagen und Droschken einherjagen sieht.
Der Newsky ist der wichtigste Verkehrspunkt Petersburgs, wo alles sich
begegnet. Der Bewohner der Petersburger oder der Wiborger Seite, der
seinen Freund auf Peski oder am Moskauer Tor schon seit vielen Jahren
nicht mehr besucht hat, kann ganz sicher sein, ihn hier zu treffen. Kein
Adreßbuch und keine Auskunftsstelle kann einem so zuverlässige
Nachrichten vermitteln, wie der Newsky-Prospekt. Der Newsky-Prospekt ist
allmächtig. Er bildet die einzige Zerstreuung für das an Spaziergängen
so arme Petersburg. Wie ist sein Trottoir so rein gefegt und, o Gott!
wie viele Füße haben ihre Spuren auf ihm hinterlassen! Der plumpe,
schmutzige Stiefel des verabschiedeten Soldaten, unter dessen Wucht
scheinbar jeder Granitblock bersten müßte, der kleine, an Leichtigkeit
einer Rauchwolke vergleichbare Schuh der jungen Dame, die ihr zierliches
Köpfchen nach den glänzenden Ladenfenstern hinwendet, wie die
Sonnenblume ihr Antlitz der Sonne zukehrt, und der rasselnde Säbel des
hoffnungsvollen Leutnants, der eine tiefe Furche in das Pflaster gräbt
-- hier tritt alles zutage: die Gewalt der Kraft, wie die Macht der
Schwäche. Welch schnelles phantastisches Spiel rollt sich im Lauf eines
einzigen Tages hier ab! Wie viele Veränderungen erlebt er im Lauf von
vierundzwanzig Stunden! Fangen wir mit dem frühen Morgen an, wenn ganz
Petersburg nach heißem, frischgebackenem Brot riecht, und von alten
Weibern in zerlumpten Kleidern und Mänteln angefüllt ist, die ihre
Streifzüge durch die Kirchen beginnen und die weichherzigen Fußgänger
überfallen. Ein wenig später ist der Newsky wieder ganz leer: noch
liegen die wohlgenährten Ladenbesitzer und Kommis in ihren holländischen
Hemden da und schlafen oder sie seifen ihre ehrwürdigen Backen ein und
trinken ihren Kaffee; vor den Türen der Zuckerbäcker versammeln sich
Bettler, und der schlaftrunkene Ganymed, der gestern noch gleich einer
Fliege mit seiner Schokolade herumschwirrte, kriecht ohne Halsbinde und
mit einem Besen in der Hand hervor und wirft ihnen altgebackene Kuchen
und Brotreste zu. Auf der Straße trabt arbeitendes Volk einher, manches
Mal überschreitet ein Haufen russischer Bauern, die zur Arbeit eilen,
den Newsky; ihre Stiefel sind ganz mit Kalk beschmiert, und selbst der
Katharinenkanal, der wegen seiner Sauberkeit bekannt ist, wäre nicht
imstande, sie rein zu waschen. Um diese Zeit würde ich keiner Dame
raten, dort spazierenzugehen, da das russische Volk sich solcher
Ausdrücke zu bedienen pflegt, die sie wahrscheinlich nicht einmal im
Theater zu hören bekäme. Manches Mal begegnet man auch einem schläfrigen
Beamten mit einem Portefeuille unter dem Arm, wenn ihn der Weg nach dem
Departement zufällig über den Newsky führt. Man kann wohl sagen, daß um
diese Zeit d. h. bis 12 Uhr der Newsky für alle nur ein Mittel und nicht
das eigentliche Ziel ist; er füllt sich allmählich mit Leuten, die sich
durchaus nicht um ihn kümmern und nur an ihre Beschäftigung, ihre Sorgen
und ihren Verdruß denken. Ein russischer Bauer läßt sich über ein
Zehnkopekenstück oder gar über eine Kupfermünze im Werte von sieben
Kopeken aus, Männer und alte Weiber gestikulieren mit den Händen oder
halten Selbstgespräche, wobei sie mitunter recht bezeichnende Gesten
machen, aber niemand hört auf sie oder lacht über sie, abgesehen etwa
von ein Paar Jungen in buntgestreiften Kitteln mit leeren Flaschen oder
neuen Stiefeln in den Händen, die wie ein Blitz auf dem Newsky hin und
her schwirren. Um diese Zeit wird niemand darauf achten, wie Sie
angezogen sind, selbst wenn Sie statt eines Hutes eine Mütze auf dem
Kopfe hätten oder wenn Ihr Kragen aus ihrer Halsbinde hervorkröche.
Um 12 Uhr machen die Gouverneure und Erzieher aller Nationalitäten mit
ihren Zöglingen, die Batistkragen tragen, ihren obligaten Spaziergang.
Die englischen Johns und die französischen Hähne gehen Arm in Arm mit
den ihrer väterlichen Obhut anvertrauten Zöglingen auf und ab und
erklären ihnen voller Anstand und Würde, die Schilder seien deshalb über
den Kaufläden angebracht, damit man von ihnen ablesen könne, was in
einem jeden Laden zu haben sei. Zahlreiche Gouvernanten, blasse Misses
und rosige Mademoiselles gehen wichtig hinter leichtfüßigen, koketten
Fräuleins einher und schärfen ihnen ein, die linke Schulter höher zu
ziehen und sich einer besseren Haltung zu befleißigen, kurz gesagt: um
diese Zeit trägt der Newsky-Prospekt einen pädagogischen Charakter.
Doch je mehr der Zeiger gegen 2 Uhr vorrückt, um so mehr verringert sich
die Zahl der Pädagogen, Gouvernanten und Kinder und schließlich werden
sie ganz von ihren zärtlichen Vätern verdrängt, die ihre
buntgekleideten, nervenschwachen Gefährtinnen am Arme führen. Allmählich
gesellen sich auch noch die zu ihnen, die ihre so wichtigen häuslichen
Angelegenheiten erledigt haben: sie mußten mit ihrem Arzt über das
Wetter sprechen, ihm einen kleinen Pickel zeigen, der sich auf der Nase
gebildet hatte, mußten sich nach dem Befinden ihrer Kinder und Pferde
erkundigen, welch erstere übrigens eine große Begabung an den Tag
legten; dann mußten sie einen Theaterzettel und einen wichtigen
Zeitungsartikel über die neu angekommenen und abgereisten Personen lesen
und endlich mußten sie noch ihren Kaffee trinken; ferner gesellen sich
auch noch die zu ihnen, denen ein beneidenswertes Schicksal den
segensreichen Beruf eines Beamten für besondere Aufträge bescherte; auch
die schließen sich ihnen an, die in den ausländischen Ämtern dienen und
sich durch die Vornehmheit ihrer Beschäftigung und ihrer Manieren
auszeichnen. Mein Gott! was gibt es doch für herrliche Ämter und Berufe,
wie erheben und erquicken sie unser Herz! Aber ach! ich selbst stehe
nicht im Staatsdienst und habe nicht das Vergnügen, die feinen
Umgangsformen eines Vorgesetzten an mir zu erproben. Alles, was man auf
dem Newsky sieht, strotzt förmlich von Würde und Wohlanständigkeit; die
Herren in ihren langen Röcken mit den Händen in den Taschen und die
Damen in ihren rosa, weißen oder hellblauen Atlasjacken und ihren
koketten Hütchen! hier kann man ganz ungewöhnlichen Backenbärten
begegnen, die mit einer besonderen, geradezu staunenerregenden
Geschicklichkeit hinter die Halsbinde gesteckt sind[5], herrlichen
sammetweichen Backenbärten, die wie Atlas glänzen, und schwarz sind wie
der feinste Zobel oder ein Stück Kohle; aber ach! leider gehören diese
immer nur Ausländern an. Denen, die in den andern Departements dienen,
hat die Vorsehung die schwarzen Bärte versagt, und sie müssen zu ihrem
großen Leidwesen rote tragen. Ferner trifft man hier so herrliche
Schnurrbärte, daß keine Feder und kein Pinsel imstande wären, sie
abzuschildern; Schnurrbärte, deren Pflege weitaus die größere Hälfte des
Lebens gewidmet wird, die der Gegenstand einer dauernden Sorge bei Nacht
und bei Tage sind; Schnurrbärte, die mit den herrlichsten Parfüms und
Düften getränkt und mit den kostbarsten und seltensten Pomaden
bestrichen sind; die des Nachts in das feinste Velinpapier gewickelt
werden, die sich der rührendsten Anhänglichkeit ihrer Besitzer erfreuen
und die den Neid aller Vorübergehenden erwecken. Hier wird jedermann
geblendet durch die tausend verschiedenen Arten von Hüten, Kleidern und
durch all die bunten und leichten Tücher, denen ihre Besitzerinnen
häufig ganze zwei Tage lang die Treue bewahren. Es ist, als hätte sich
ein ganzes Meer von Faltern von den zarten Blumenblüten erhoben und
schwebe nun als leuchtende Wolke über den schwarzen Käfern, die durch
das männliche Geschlecht repräsentiert werden. Hier begegnet man solchen
Taillen, wie man sie nicht einmal im Traum zu sehen bekommt: feinen,
schmalen Taillen, nicht dicker wie ein Flaschenhals, so daß man bei
einer Begegnung mit ihren Besitzerinnen ehrerbietig zur Seite tritt, um
nur nicht in unvorsichtiger Weise mit seinen unhöflichen Ellbogen gegen
sie anzustoßen; es übermannt einen eine Schüchternheit und eine wahre
Angst, daß man am Ende gar durch einen unvorsichtigen Atemzug dieses
herrliche Gebilde der Natur und der Kunst zerstören könnte. Und was für
Frauenärmel man auf dem Newsky antrifft! Nein, welch eine Pracht! Sie
haben eine gewisse Ähnlichkeit mit zwei Luftballons, daß man meint, die
Dame müßte sich plötzlich in den Äther emporschwingen, wenn der Herr sie
nicht festhielte; denn es ist ebenso angenehm und leicht, eine Dame in
die Höhe zu heben, wie ein volles Champagnerglas an die Lippen zu
setzen. Nirgends begrüßt man sich so würdevoll und so ungezwungen wie
auf dem Newsky-Prospekt. Hier kann man einem Lächeln begegnen, einem
Lächeln, das einzig in seiner Art und über alle Kunst erhaben ist; man
möchte mitunter dahinschmelzen vor Vergnügen über solch ein Lächeln;
aber es gibt auch ein Lächeln, vor dem man ganz klein wird und
zusammenknickt wie ein Grashalm, so daß man das Haupt senkt, und dann
gibt es wieder eines, bei dem man sich höher fühlt als der
Admiralitätsturm, und das uns wieder hoch emporhebt. Hier hört man mit
außergewöhnlichem Anstand und einem hohen Gefühl der eigenen Würde von
Konzerten und vom Wetter reden. Hier begegnet man einer Unzahl
unergründlicher Charaktere und Erscheinungen. Gott im Himmel! was für
sonderbaren Charakteren begegnet man nicht auf dem Newsky! Es gibt eine
Menge von Menschen, die uns bei einer Begegnung stets auf die Füße
sehen, und wenn wir vorübergegangen sind, sich umkehren und unsere
Frackschöße betrachten. Ich kann bis jetzt nicht begreifen, was das zu
bedeuten hat. Anfänglich meinte ich, es seien Schuhmacher, aber keine
Spur davon! Gewöhnlich dienen sie in irgendeinem Departement, und viele
von ihnen schreiben ausgezeichnete Berichte, die von einer Behörde an
die andere gesandt werden, oder es sind Leute, die sich mit
Spazierengehen oder in verschiedenen Konditoreien mit dem Lesen von
Journalen beschäftigen, mit einem Wort, es sind meist sehr achtbare
Menschen. Um diese gesegnete Zeit zwischen 2 und 3 Uhr nachmittags
könnte man den Newsky-Prospekt die auf und ab wogende Hauptstadt nennen.
Dann gleicht er einer Ausstellung der allerschönsten Erzeugnisse der
Menschheit. Der eine läßt seinen feinen Rock mit dem schönsten
Biberkragen sehen, ein anderer eine wundervolle griechische Nase, ein
dritter einen herrlichen Backenbart, eine vierte ein Paar wunderbare
Augen und ein reizendes Hütchen, ein fünfter einen Ring mit einem
Talisman, den er am wohlgepflegten Daumen trägt, eine sechste einen Fuß
in einem entzückenden Stiefelchen, ein siebenter eine staunenerregende
Halsbinde, ein achter einen verblüffenden Schnurrbart, ... aber die Uhr
schlägt drei -- die Menschen verlaufen sich, und die Ausstellung
verödet.
[Fußnote 5: Zur Zeit Nikolaus I. waren die Bärte verboten.]
Um 3 Uhr findet ein neuer Dekorationswechsel statt! Auf dem Newsky wird
es plötzlich Frühling! er füllt sich ganz mit Beamten in grünen
Amtsfräcken. Hungrige Titulär-, Hof- und andre »Räte« suchen aus allen
Kräften ihre Schritte zu beschleunigen. Junge Kollegienregistratoren,
Gouvernements- und Kollegiensekretäre beeilen sich noch schnell, ihre
freie Zeit auszunutzen und sich auf dem Newsky zu zeigen, und kommen mit
einem Anstand einhergegangen, als hätten sie bei Leibe keine
sechs Stunden im Bureau gesessen. Dagegen kommen die _alten_
Kollegiensekretäre, Titulär- und Hofräte schnell und mit gesenktem Kopfe
vorbeigeschritten, sie haben keine Zeit, sich die Spaziergänger
anzuschauen und haben sich noch nicht völlig von ihren Sorgen
losgerissen; in ihren Köpfen summt und brummt es, da steckt ein ganzes
Archiv von angefangenen und noch nicht abgeschlossenen Arbeiten, und
statt der Kaufläden sehen sie nichts wie Konvolute von Akten und das
runde Gesicht ihres Bureauchefs.
Von 4 Uhr an ist der Newsky leer, dann trifft man dort kaum noch einen
Beamten. Höchstens eine Näherin, die mit einem Karton in der Hand über
die Straße läuft oder das arme Opfer eines menschenfreundlichen
Tischvorstehers in einem Friesmantel, einen zugereisten Sonderling, dem
alle Stunden des Tages gleich viel bedeuten, eine lange, steife
Engländerin mit einem Pompadour und einem Buch in der Hand, einen
Bureaudiener, einen Russen mit einem dürftigen Bart, in einem
baumwollenen Rock, dessen Taille beinahe oben am Halse sitzt, einen
Menschen, dem man sofort die ganze Haltlosigkeit seiner Existenz
ansieht, und bei dem sich alles bewegt, der Rücken, die Hände, die Füße
und der Kopf, wenn er behutsam auf dem Trottoir einhergeht; oder man
begegnet etwa noch einem kleinen Handelsmann -- sonst trifft man um
diese Zeit niemand auf dem Newsky-Prospekt.
Sobald sich jedoch die Dämmerung auf die Häuser und Straßen hinabsenkt
und ein in eine Bastmatte gewickelter Nachtwächter langsam die Leiter
besteigt, um die Laternen anzuzünden, sobald aus den niedrigen Fenstern
der Kaufläden die Kupferstiche hervorgucken, die sich im Laufe des Tages
nicht sehen lassen durften, dann belebt der Newsky sich wieder, dann
kommt wieder Leben und Bewegung in ihn. Jetzt bricht jene geheimnisvolle
Zeit an, wo die Lampen allen Dingen einen so verlockenden, wunderbaren
Schimmer verleihen. Um diese Zeit begegnet man vielen jungen Leuten,
meistenteils Hagestolzen in warmen Röcken und Mänteln. Um diese Zeit
fühlt man, daß dieses alles einen Zweck, ein Ziel oder besser gesagt
etwas Ähnliches wie ein Ziel bekommt, etwas ganz Besonderes und
Unbestimmtes; jetzt beschleunigen alle ihre Schritte und bleiben dann
wieder stehn, es kommt etwas Ungleichmäßiges, Unruhiges in ihre
Bewegungen. Lange Schatten huschen über die Mauern und über das Pflaster
hin und reichen mit ihren Köpfen fast bis zur Polizeibrücke. Junge
Kollegienregistratoren, Gouvernements- und Kollegiensekretäre
promenieren lange hin und her, während die alten Kollegienregistratoren,
Titulär- und Hofräte größtenteils zu Hause sitzen, entweder weil sie
verheiratet sind oder weil ihre deutschen Köchinnen so gut kochen. Jetzt
trifft man wieder die alten, ehrwürdigen Herren, die mit so viel Würde
und einem erstaunlichen Anstand um 2 Uhr auf dem Newsky spazierengingen.
Allein, jetzt sieht man sie ebenso laufen wie die jungen
Kollegienregistratoren, um einer von Ferne herannahenden Dame unter den
Hut zu gucken. Die vollen, mit dicker roter Schminke bedeckten Lippen
und Wangen gefallen nämlich vielen Spaziergängern, hauptsächlich jedoch
den Handlungskommis, den Bureaudienern und den Kaufleuten, die lange
deutsche Röcke tragen und Arm in Arm scharenweise daherkommen.
»Halt!« rief um diese Zeit der Leutnant Piragow und hielt einen
befrackten und in einen Mantel gehüllten jungen Mann, der neben ihm
daherging, am Arme fest, »hast du gesehn?«
»Gewiß habe ich sie gesehn: eine echt peruginische Bianka!«
»Ja, von welcher sprichst du eigentlich?«
»Von ihr, von der da mit den dunklen Haaren; was für Augen, Gott! was
für Augen! diese Figur, diese Züge, dies Oval des Gesichts -- ein wahres
Wunder!«
»Ach was, ich spreche von der Blonden, die hinter ihr nach jener Seite
ging. Nun, warum gehst du denn der Brünetten nicht nach, wenn sie dir so
gefällt?«
»Ich bitte dich, wo denkst du hin!« rief tief errötend der junge Mann im
Frack. »Als ob sie zu denen gehört, die des Abends auf dem Newsky
herumspazieren; das ist gewiß eine feine Dame« -- fuhr er seufzend fort
-- »ihr Mantel allein kostet sicherlich 80 Rubel.«
»Du Grünschnabel!« rief Piragow und stieß ihn mit Gewalt nach jener
Richtung, wo ihr leuchtender Mantel wehte. »Geh, Einfaltspinsel, sonst
entwischt sie dir! ich gehe der Blonden nach!« Und beide Freunde
trennten sich.
»Wir kennen euch!« dachte Piragow mit einem selbstzufriedenen und
selbstbewußten Lächeln; er war davon überzeugt, daß es keine Schöne gab,
die ihm widerstehen könnte.
Der junge Mann im Frack und im Mantel ging schüchtern und ängstlichen
Schritts nach jener Seite, wo fern von ihm der bunte Mantel flatterte;
wenn das Licht der Laterne auf ihn fiel, so leuchteten seine Farben
grell auf, um dann wieder fern im Dunkel zu verschwinden. Das Herz des
jungen Mannes schlug heftig, und er beschleunigte unwillkürlich seine
Schritte. Er wagte gar nicht daran zu denken, daß er die Aufmerksamkeit
der sich entfernenden Schönen auf sich ziehen könnte, und noch viel
weniger konnte er einen so schwarzen Gedanken zulassen, wie Piragow ihn
angedeutet hatte; aber er wollte gern das Haus sehen und sich die
Wohnung dieses herrlichen Geschöpfs merken, das direkt vom Himmel auf
den Newsky herabgeflogen zu sein schien und wahrscheinlich wieder, Gott
weiß wohin, entschwinden würde; und er rannte so schnell vorwärts, daß
er in einem fort allerhand solide Herren mit ergrauten Backenbärten vom
Trottoir herunterstieß.
Dieser junge Mann gehörte einer Klasse von Menschen an, die bei uns eine
recht merkwürdige Erscheinung bilden und ebensowenig unter die Einwohner
Petersburgs gehören wie unsere Traumbilder in die reale Welt. Man
begegnet diesem außerordentlichen Typus nur ganz selten in einer Stadt,
wo fast alle Bewohner Beamte, Kaufleute oder deutsche Handwerker sind.
Das war ein Künstler! Nicht wahr, das ist doch eine merkwürdige
Erscheinung? Ein Petersburger Künstler! Ein Künstler im Lande des
Schnees! im Lande der Finnen, wo alles naß, eben, glatt, blaß, grau und
neblig ist! Diese Künstler haben durchaus keine Ähnlichkeit mit den
italienischen Künstlern, die stolz und leidenschaftlich sind wie das
italienische Land und der italienische Himmel, im Gegenteil, die
Petersburger Künstler sind meistens ein braves, schlichtes Völkchen, sie
sind schüchtern und sorglos, lieben im stillen ihre Kunst, trinken im
kleinen Stübchen ihren Tee mit zwei guten Kameraden, reden bescheiden
von ihrem Lieblingsthema und träumen nicht einmal von Luxus oder
Überfluß. Stets laden sie irgendein altes Bettelweib zu sich ein und
lassen es sechs Stunden bei sich sitzen, um ihr jämmerliches, stumpfes
Gesicht auf die Leinwand zu werfen. Sie malen die Perspektive ihres
Zimmers, in dem sich allerhand malerischer Plunder herumtreibt:
Gipshände und -füße, die mit der Zeit durch den Staub eine kaffeebraune
Farbe angenommen haben, zerbrochene Staffeleien, eine hingeworfene
Palette, ein Freund, der Guitarre spielt, Wände, die mit Farbenklecksen
beschmiert sind, oder ein offenes Fenster, durch das man in der Ferne
die blasse Newa und ein paar arme Fischer in roten Hemden sieht. Die
Arbeiten dieser Künstler haben fast immer ein graues, trübes Kolorit --
diesen unauslöschlichen Stempel des Nordens. Trotz alledem sind sie
stets mit wahrhaftem Genuß bei der Arbeit. Häufig lebt in ihnen ein
echtes Talent, und wenn nur die frische Luft Italiens sie umwehte, so
würde es sich sicherlich ebenso frei, ungehemmt und herrlich entwickeln,
wie eine Pflanze, die man aus dem Zimmer in die frische, reine Luft
trägt. Diese Künstler sind sehr schüchtern; ein Stern oder eine dicke
Epaulette bringen sie schon in solch eine Verwirrung, daß sie sofort mit
dem Preis für ihre Werke herabgehen. Manches Mal lieben sie es, sich zu
putzen und schön zu machen, aber ihre Eleganz wirkt immer herausfordernd
und macht den Eindruck eines Flickens auf einem alten Kleidungsstück.
Zuweilen sieht man sie in einem ausgezeichneten Frack und einem
schmutzigen Mantel oder in einer teuren Sammtweste und einem ganz
befleckten Rock daherkommen. Dann erinnern sie an eine ihrer
unvollendeten Landschaften, auf der man häufig eine auf dem Kopf
stehende Nymphe entdecken kann, da der Künstler die Landschaft einfach
auf eine schon bemalte Leinwand, ein altes Bild, das er einstmals mit
Begeisterung begonnen, hingemalt hat, weil er gerade keine andere
Leinwand zur Verfügung hatte. Solch ein Künstler sieht niemand gerade
ins Auge; wenn er einen ansieht, so ist sein Blick trübe und unbestimmt;
er durchbohrt Euch nicht mit dem Habichtauge des Forschers oder mit dem
Falkenblick eines Kavallerieleutnants. Dies kommt daher, weil er stets
Ihre Züge und zugleich die irgendeines Herkules aus Gips beobachtet, der
bei ihm im Zimmer steht, oder weil ihm das Bild vorschwebt, das er
demnächst malen will. Daher gibt er Euch auch oft falsche und
unzusammenhängende Antworten, und die Gedanken, die in seinem Hirn
durcheinanderschwirren, vergrößern noch seine Schüchternheit.
Zu dieser Art von Leuten gehörte auch der oben erwähnte junge Mann --
der Künstler Piskarjow; er war sehr schüchtern und bescheiden, aber in
seiner Seele lebte doch ein Funke von Gefühl, der im gegebenen Moment
zur Flamme werden konnte. Mit einem geheimen Bangen eilte er dem
Gegenstande seiner Bewunderung nach, der einen so tiefen Eindruck auf
ihn gemacht hatte, und er schien sich selbst über seine Dreistigkeit zu
wundern. Die Unbekannte, die seine Augen, seine Gefühle und seine
Gedanken so ganz gefangengenommen hatte, wendete plötzlich ihr Köpfchen
und sah ihn an! Gott! welch göttliche Züge! Die herrliche, blendend
weiße Stirn war von wundervollen Haaren eingerahmt, die schwarz waren
wie Achat; sie kräuselten sich in prachtvollen Locken, ein Teil fiel
unter dem Hut hervor und berührte die von der abendlichen Kälte leicht
getöteten Wangen. Um ihre fest geschlossenen Lippen spielte ein Schwarm
von entzückenden Träumen. Alles, was uns von den Erinnerungen unserer
Kindheit übrigbleibt -- alles, was beim Schein des Lämpchens vor dem
Heiligenbilde unsere Schwärmerei und stille Begeisterung weckt -- alles
dies schien sich auf diesen Lippen voll wundersamer Harmonie zu
vereinigen, ineinanderzufließen und widerzuspiegeln. Sie sah Piskarjow
an, und sein Herz erzitterte bei diesem Blick, sie sah ihn voller
Strenge an, und ein Gefühl der Empörung über diese freche Verfolgung
sprach aus ihren Zügen; aber auf diesem herrlichen Antlitz hatte selbst
der Zorn etwas Bezauberndes. Von Scham und Schüchternheit übermannt,
blieb er stehen und schlug die Augen nieder; aber wie konnte er nur
diese Gottheit aus den Augen verlieren, ohne das Heiligtum kennen
gelernt zu haben, in dem sie sich niedergelassen hatte. Solche Gedanken
schossen unserem jungen Schwärmer durch den Kopf, als er sich entschloß,
ihr zu folgen. Damit dies jedoch nicht bemerkt würde, folgte er ihr aus
weiter Ferne, blickte sich sorglos nach allen Seiten um und sah sich die
Schilder an den Häusern an, ließ aber dabei die Unbekannte keinen Moment
aus den Augen. Die Zahl der Spaziergänger wurde geringer, und auf der
Straße wurde es stiller, da sah sich die Schöne um, und es schien ihm,
als kräusele ein leichtes Lächeln ihre Lippen. Ein Zittern lief ihm
durch alle Glieder: er wollte seinen Augen nicht trauen. Nein, es war
wohl nur die Laterne, die ihm mit ihrem trügerischen Licht dies Lächeln
vorgegaukelt hatte. Allein, der Atem stockte in seiner Brust, alles in
ihm erzitterte, alle seine Sinne erglühten, und ein seltsamer Nebel
hüllte alles vor ihm ein. Das Trottoir bewegte sich unter seinen Füßen,
die Wagen und die vorüberjagenden Pferde schienen stillzustehn, die
Brücke dehnte sich immer mehr in die Länge und barst über ihrem Bogen
auseinander, die Häuser standen auf dem Kopfe, ein Wächterhäuschen
stürzte auf ihn zu, und die Hellebarde des Wächters, die goldenen
Buchstaben der Schilder mit der darauf gemalten Schere: alles leuchtete
und blitzte unmittelbar vor seinen Augenwimpern auf. Und dies alles
hatte der einzige Blick, die eine Wendung des schönen Köpfchens
hervorgerufen. Taub, blind und gedankenlos folgte er den zarten Spuren
der niedlichen Füßchen und versuchte die Hast seiner Schritte, die nach
dem Takt seines Herzschlages dahinstürmten, zu mäßigen. Manches Mal
packte ihn der Zweifel: war wirklich der Ausdruck ihres Gesichtes so
freundlich gewesen? -- und er blieb einen Augenblick stehn, aber das
Pochen seines Herzens, eine unüberwindliche Gewalt, die Erregung all
seiner Sinne trieb ihn immer wieder vorwärts. Er merkte gar nicht, wie
sich auf einmal ein vierstöckiges Haus vor ihm erhob, das mit seinen
vier erleuchteten Fensterreihen auf ihn herabsah, und wie er plötzlich
gegen das eiserne Geländer vor der Einfahrt stieß. Er sah, wie die
Unbekannte die Treppe hinaufflog; dann aber drehte sie sich um, legte
den Finger auf die Lippen und gab ihm ein Zeichen, ihr zu folgen. Seine
Knie zitterten ihm, seine Gefühle und Gedanken glühten, ein wunderbares
Glücksgefühl traf wie ein Blitz mit schneidender Schärfe sein Herz.
Nein, das war _doch_ kein Traum! Gott! so viel Glück in einem einzigen
Augenblick! welch herrliches Leben in diesen kurzen zwei Minuten.
Aber war es auch wirklich kein Traum? War sie, für deren himmlischen
Blick er bereit war, sein ganzes Leben zu opfern, deren Wohnstätte nahe
zu sein, er schon für ein unaussprechliches Glück hielt -- war sie denn
wirklich jetzt eben so freundlich und so aufmerksam gegen ihn gewesen?
Er flog die Treppen hinauf. Er war keines irdischen Gedankens fähig, und
keine irdische Leidenschaft loderte mehr in ihm. Nein, in diesem
Augenblick war er rein und makellos wie ein reiner, keuscher Jüngling,
den nur ein unbestimmtes, geistiges Liebesbedürfnis erfüllte. Und was in
einem lasterhaften Menschen kühne und häßliche Wünsche geweckt hätte,
das läuterte _seine_ Gefühle nur noch mehr. Das Vertrauen, das ihm das
herrliche schwache Geschöpf entgegenbrachte, dies Vertrauen
verpflichtete ihn zu dem Gelübde, mit ritterlicher Strenge und
sklavischer Unterwerfung all ihre Befehle zu erfüllen. Er wünschte nur,
daß die Aufgaben, die sie ihm stellen würde, so schwer als möglich, ja,
geradezu unausführbar wären, damit er mit voller Anspannung aller seiner
Kräfte hinfliegen könnte, sie zu überwinden. Er zweifelte nicht daran,
daß irgendein geheimnisvolles und wichtiges Ereignis die Unbekannte
bewogen hätte, sich ihm anzuvertrauen, daß sicherlich bedeutende
Dienstleistungen von ihm gefordert werden würden, und er fühlte schon
die Kraft und die Entschlossenheit in sich, die ihn zu allem fähig
machte.
Die Treppe wand sich immer mehr hinauf, und mit ihr drehten sich seine
Träume und Gedanken im Kreise herum. »Steigen Sie vorsichtiger hinauf,«
erklang eine Stimme gleich einer Harfe und ließ all seine Sinne von
neuem erbeben. Auf dem dunklen Treppenabsatz des vierten Stockwerkes
klopfte die Unbekannte an die Tür; sie öffnete sich, und sie traten
zusammen ein. Eine hübsche Frau kam ihnen mit einem Licht entgegen;
allein, sie sah Piskarjow so eigentümlich und frech an, daß er
unwillkürlich die Augen senkte. Sie traten ins Zimmer. Er erblickte in
drei verschiedenen Ecken drei weibliche Figuren. Die eine legte Karten,
die zweite saß vor einem Klavier und spielte mit zwei Fingern etwas wie
eine elende Melodie einer altmodischen Polonäse, die dritte saß vor dem
Spiegel und kämmte ihr langes Haar mit einem Kamm, und es fiel ihr nicht
ein, beim Eintritt des Fremden ihre Beschäftigung zu unterbrechen.
Überall herrschte eine peinliche Unordnung, wie man sie sonst nur im
Zimmer eines sorglosen Hagestolzen antrifft. Die noch ziemlich gut
erhaltenen Möbel waren mit Staub bedeckt, ein Spinngewebe überzog die
Stuckarbeit des Gesimses, durch die halbgeöffnete Tür des benachbarten
Zimmers sah man einen mit einem Sporn versehenen Stiefel und den roten
Aufschlag eines Uniformrockes, und den Eintretenden drang ganz ungeniert
eine laute männliche Stimme und das Gelächter einer Frau entgegen.
Mein Gott, wo war er hineingeraten! Anfangs traute er kaum seinen Augen
und fing an, sich die Gegenstände im Zimmer genauer anzusehen; aber die
nackten Wände, die Fenster, die durch kleine Vorhänge verhängt waren,
deuteten durchaus nicht auf die Gegenwart einer sorgsamen Hausfrau; die
schlaffen gealterten Züge dieser elenden Geschöpfe, von denen das eine
sich gerade vor seine Nase hingesetzt hatte und ihn ebenso ruhig
betrachtete, wie einen Fleck auf einem fremden Kleide, alles überzeugte
ihn davon, daß er in eins jener häßlichen Asyle geraten sei, wo das
gemeine Laster, das von einer falschen Überkultur und der großen
Übervölkerung der Hauptstadt erzeugt wird, sich eine Wohnstätte
gegründet hatte -- eins jener Asyle, wo der Mensch alles Reine und
Heilige, das unser Leben verschönt, schändet und erstickt, wo das Weib,
dies schönste Wunderwerk dieser Welt, die Krone der Schöpfung, sich in
ein merkwürdiges, zweideutiges Wesen verwandelt hat, wo es mit dem
Verlust seiner Seelenreinheit auch alle Weiblichkeit verliert, sich in
widerwärtiger Weise die Manieren und das freche Wesen der Männer
aneignet, und wo es aufhört, das herrliche, schwache Geschöpf zu sein,
das sich seiner ganzen Natur nach so sehr von uns unterscheidet.
Piskarjow maß sie vom Kopf bis zu den Füßen mit seinen Blicken, als
wolle er sich noch einmal davon überzeugen, ob sie auch wirklich
dasselbe Wesen sei, das ihn auf dem Newsky so bestrickt und so weit mit
sich fortgeführt hatte. Aber auch jetzt war sie, wie sie da vor ihm
stand, noch immer so schön wie vorhin; ihr Haar war noch ebenso
herrlich, und ihre Augen erschienen ihm noch immer wahrhaft göttlich.
Sie war jung und frisch, kaum 17 Jahre alt -- man sah es ihr an, daß das
furchtbare Laster sie erst vor kurzem ergriffen hatte! Es hatte sich
noch nicht an ihre Wangen herangewagt, sie waren noch frisch, zart und
rosig; mit einem Wort, sie war wunderbar schön.
Ganz in ihren Anblick versunken stand er da, und schon wollte er sich in
seiner schlichten Weise, wie früher seinen Träumereien hingeben. Aber
dieses lange Schweigen langweilte die Schöne; sie lächelte
bedeutungsvoll und sah ihm gerade in die Augen. Allein dieses Lächeln
hatte etwas Gemeines und Freches, war so sonderbar und paßte so schlecht
zu ihrem Gesichte, wie etwa der Ausdruck der Frömmigkeit zu der Fratze
eines bestechlichen Beamten oder ein Kontobuch zu einem Poeten.
Piskarjow erbebte. Sie öffnete ihre reizenden Lippen und fing an zu
reden, aber was sie sagte, war alles so dumm und abgeschmackt ... wie
wenn zugleich mit der Tugend auch der Verstand den Menschen verließe! Er
wollte nichts mehr hören ... und machte einen furchtbar komischen und
einfältigen Eindruck wie ein Kind! Statt ihr Entgegenkommen auszunutzen,
statt sich über solch einen Zufall zu freuen -- über den sich jeder
andere an seiner Stelle ohne Zweifel gefreut hätte -- stürmte er, so
schnell ihn seine Füße trugen, wie ein Reh auf die Straße.
Gesenkten Hauptes und die Hände in den Schoß gelegt, saß er in seinem
Zimmer wie ein armer Bettler, der am Meeresufer eine kostbare Perle
gefunden hat und sie wieder ins Wasser fallen ließ. »So eine Schönheit!
Solch göttliche Züge! Doch wo mußte ich sie finden? an welchem Ort! ...«
das war alles, was er sagen konnte.
Wahrlich, nie werden wir mächtiger vom Mitleid erfaßt, als beim Anblick
der Schönheit, die der verderbliche Odem des Lasters gestreift hat. Ja,
wenn sich noch das Häßliche mit ihm verbände, aber die Schönheit, die
zarte Schönheit! ... Nur mit der Tugend und mit der Reinheit vereint sie
sich in unseren Gedanken. Das schöne Mädchen, das den armen Piskarjow so
bestrickt hatte, war wirklich eine wundersame und ungewöhnliche
Erscheinung. Aber ihre Anwesenheit in diesem verächtlichen Kreise
erschien um so unerklärlicher. Ihre Züge waren so herrlich geformt, der
Ausdruck des schönen Gesichts war so edel, daß man durchaus nicht
glauben konnte, das Laster habe schon seine Krallen in sie
hineingeschlagen. Für einen leidenschaftlichen Gatten wäre sie eine
Perle, für die kein Preis zu hoch, seine ganze Welt, sein Paradies, sein
ganzer Reichtum gewesen; in einem bescheidenen Familienkreise hätte sie
wie ein herrlicher, stiller Stern geleuchtet und mit einer Bewegung
ihres wunderschönen Mundes ihre süßen Befehle erteilt. In einem von
Menschen erfüllten Saale auf blankem Parkett, bei Kerzenglanz wäre sie
eine Gottheit gewesen; eine Schar von Verehrern hätte in wortloser
Anbetung zu ihren Füßen gelegen. Aber ach, der furchtbare, teuflische
Wille des bösen Geistes, der darnach lechzt, die Harmonie dieses Lebens
zu zerstören, hatte sie mit Hohngelächter in diesen schrecklichen
Abgrund gestürzt.
Völlig hingenommen von herzzerreißendem Mitleid, saß Piskarjow vor der
zusammengeschmolzenen Kerze. Die Mitternacht war längst vorüber, die
Turmuhr schlug halb eins, aber er saß noch immer unbeweglich, schlaflos
und gedankenlos vor sich hindämmernd da. Schon wollte der Schlummer
seine Unbeweglichkeit benützend, ihn leise überwältigen, das Zimmer fing
an, vor seinen Blicken zu versinken, und der Kerzenschimmer blinkte noch
leise durch die ihn gefangen haltenden Träume, als plötzlich ein
Klopfen, das an der Türe ertönte, ihn aufschreckte und wieder
ermunterte. Die Tür öffnete sich, und ein Diener in einer eleganten
Livree trat ein. Noch nie hatte eine so reiche Livree sein einsames
Zimmer aufgesucht. Und noch dazu zu dieser ungewöhnlichen Stunde ... er
begriff nichts und starrte mit ungeduldiger Neugierde auf den
eintretenden Diener.
»Die Dame,« sagte der Diener, sich höflich verneigend, »bei der Sie die
Güte hatten, vor ein paar Stunden vorzusprechen, bittet Sie, zu ihr zu
kommen, und hat den Wagen nach Ihnen geschickt.«
Piskarjow stand in sprachloser Verwundrung da, ein Wagen und ein
Livreediener! ... Nein, hier lag sicher ein Mißverständnis vor ...
»Hören Sie, mein Lieber,« sagte er schüchtern, »Sie haben sich gewiß in
der Tür geirrt. Wahrscheinlich hat Ihre Herrin Sie zu einem anderen
Herrn geschickt und nicht zu mir.«
»Nein, mein Herr, ich irre mich nicht. Sie haben doch die Dame zu Fuß
nach Hause begleitet: bis in ihr im vierten Stock gelegenes Zimmer in
der Liteinaja?«
»Ja, das habe ich getan.«
»Nun, dann kommen Sie bitte schnell mit mir, meine Herrin will Sie
durchaus sehen und bittet Sie, zu ihr ins Haus zu kommen.«
Piskarjow lief die Treppe hinab. Auf dem Hofe stand wirklich ein Wagen.
Er setzte sich hinein, die Tür schlug zu, die Pflastersteine erdröhnten
unter den Rädern und Hufen der Pferde, und die erleuchteten Fassaden der
Häuser mit den grellen Schildern und Laternen flogen an den
Wagenfenstern vorüber. Während der Fahrt zerbrach sich Piskarjow den
Kopf, er wußte nicht, wie er sich dies Abenteuer erklären sollte. Ein
eigenes Haus, der Wagen, der Livreediener ... dies alles stimmte
durchaus nicht zu dem Zimmer im vierten Stock, zu den staubigen Fenstern
und dem verstimmten Klavier. Der Wagen hielt vor einer hell erleuchteten
Einfahrt, und zu seinem Erstaunen erblickte Piskarjow eine Reihe
Equipagen und hell erleuchtete Fenster, er vernahm die Unterhaltung der
Kutscher, Musik usw. ... Ein vornehmer Livreediener hob ihn aus dem
Wagen und führte ihn ehrfurchtsvoll in ein mit Marmorsäulen verziertes
Vorhaus; der goldstrotzende Portier und die umherliegenden Mäntel und
Pelze, alles war von dem grellen Lichte einer Lampe erleuchtet. Eine
luftige Treppe, mit einem blitzenden Geländer, führte, umfächelt von
aromatischen Düften, nach oben. Ohne recht zu wissen wie, hatte er sie
erstiegen und nun trat er in den ersten Saal, aber schon beim ersten
Schritt fuhr er erschreckt durch die vielen Menschen zurück.
Die ungewöhnliche Buntheit der anwesenden Gäste brachte ihn vollends in
Verwirrung; es schien ihm, daß irgendein Dämon die ganze Welt in eine
Menge winziger Stücke zerbröckelt und dann diese Stücke ohne Sinn und
Verstand durcheinandergewirbelt hätte. Blendende Frauenschultern,
schwarze Fräcke, Kronleuchter und Lampen, duftige, fliegende
Gazeschleier, ätherische Bänder und ein dicker Konterbaß, der über dem
Geländer des wundervollen Chors hervorlugte, dies alles glänzte und
glitzerte vor seinen Augen. Plötzlich sah er so viele ehrwürdige Greise
und ältere Männer mit Sternen auf den Fräcken, und Damen, die so leicht,
stolz und graziös über das Parkett schwebten oder in langen Reihen
nebeneinander saßen, er hörte so viele französische und englische
Wörter, und die jungen Leute in den schwarzen Fräcken trugen einen so
edlen Anstand zur Schau, sprachen oder schwiegen mit so viel Würde,
verstanden es so vorzüglich, nur das Allernotwendigste zu sagen,
scherzten so herablassend, lächelten so höflich, hatten solch herrliche
Backenbärte und wußten so geschickt ihre schönen Hände zu zeigen, indem
sie ihre Halsbinde zurecht rückten; die Damen waren so duftig, so ganz
hingenommen von einer absoluten Selbstzufriedenheit und Wonne, sie
senkten so entzückend die Augen, -- daß ... Aber schon das völlig
verschüchterte Wesen Piskarjows, der sich ängstlich an eine Säule
drückte, ließ seine vollständige Verwirrung erkennen. Währenddessen
hatte die Gesellschaft einen Kreis um eine tanzende Gruppe gebildet. Die
Tänzerinnen schwangen sich in durchsichtige Schöpfungen der Pariser
Modekunst, in Stoffe gehüllt, die ganz aus Luft gewebt schienen, im
Kreise herum; sie berührten das Parkett nur ganz oberflächlich mit ihren
funkelnden Füßchen und erschienen dadurch noch ätherischer, als wenn sie
es überhaupt nicht berührt hätten. Eine von ihnen war noch schöner,
kostbarer und glänzender gekleidet als die andern. Ihr ganzes Kostüm
zeugte von einer wundersamen Harmonie und einem erlesenen Geschmack, und
dabei hatte es den Anschein, als kümmerte sie sich gar nicht darum und
als hätte sich diese Harmonie von selbst über sie ergossen. Sie schien
die sie umgebende Schar der Zuschauer wohl zu bemerken und bemerkte sie
auch wieder nicht, die schönen, langen Wimpern waren gleichgültig
gesenkt, und ihre blendendweiße Gesichtsfarbe fiel noch mehr in die
Augen, wenn bei einer leichten Senkung des Köpfchens ein schwacher
Schatten auf ihre entzückende Stirn fiel.
Piskarjow strengte alle seine Kräfte an, um sich einen Weg durch die
Masse der Zuschauer zu bahnen, um sie besser sehen zu können, aber zu
seinem größten Verdruß verdeckte ein ungeheurer Kopf mit schwarzem
Lockenhaar in einem fort die Tänzerin; dabei sah er sich bald so von der
Menge eingezwängt, daß er weder vorwärts noch rückwärts zu gehen wagte,
aus Furcht, mit irgendeinem Geheimrat zusammenzustoßen. Endlich jedoch
war es ihm auf irgendeine Art gelungen, sich bis nach vorne vorzudrängen
und er warf einen Blick auf seine Kleider, um sie ein wenig in Ordnung
zu bringen. Aber allmächtiger Gott: Was war das? Er hatte seinen alten
Rock an, der voller Farbenflecken war; in der Eile des Aufbruchs hatte
er es nämlich ganz vergessen, sich in einen anständigen Anzug zu werfen.
Er wurde rot bis über die Ohren, ließ den Kopf hängen und wollte in die
Erde versinken, aber es war wirklich keine Versenkung da, in der er
hätte verschwinden können: hinter ihm stand eine ganze Mauer von
eleganten Kammerjunkern in hochfeinen Uniformröcken. Er wünschte sich so
weit fort als nur möglich von der Schönen mit der herrlichen Stirn und
den entzückenden Wimpern. Voller Angst hob er die Augen, um zu sehen, ob
sie ihn wohl gar anblickte. O Gott, sie stand ja vor ihm! Aber was war
das? Was war das? -- »Sie ist es!« schrie er fast mit Aufgebot all
seiner Kräfte. Es war wirklich dieselbe Schöne, die er auf dem
Newsky-Prospekt getroffen und die er dann nach Hause begleitet hatte.
Unterdessen aber hatte sie die Wimpern erhoben und sah alle mit ihrem
klaren Blick an. »O Gott, wie schön ist sie! ...« das war alles, was er
stockenden Atems sagen konnte. Sie suchte den ganzen Kreis mit ihren
Augen ab; alle lechzten förmlich darnach, ihre Aufmerksamkeit auf sich
zu ziehen, aber sie blickte nur mit einer gewissen Ermüdung und
Gleichgültigkeit wieder weg, und ihre Augen begegneten denen Piskarjows.
Welch ein Himmel! Welch ein Paradies lag in diesem Blick! Allmächtiger
Gott! Woher wollte er die Kraft nehmen, ihn zu ertragen, sein Herz
vermochte ihn nicht auszuhalten, es mußte zerreißen und die Seele mit
sich entführen! Sie gab ihm ein Zeichen, aber nicht mit der Hand, noch
durch eine Neigung des Kopfes, nein -- dieses Zeichen lag in dem Blick
ihrer verführerischen Augen, in einem so feinen, unmerklichen Ausdruck,
daß niemand ihn bemerken konnte; -- er aber bemerkte -- _er_ verstand
ihn. Der Tanz dauerte lange, die müde Musik schien ersterben und
erlöschen zu wollen, aber sie raffte sich wieder auf und tönte
kreischend und laut schmetternd durch den Saal; da endlich -- war der
Tanz zu Ende! Die schöne Frau setzte sich nieder, ihr Busen hob und
senkte sich unter den zarten Wolken des Gazestoffes; ihre Hand (Gott,
was war das doch für eine wundervolle Hand!) sank auf ihre Knie, und
fiel schwer auf das durchsichtige Kleid; dem Kleide schien unter dieser
Berührung Musik zu entströmen, und die zarte Fliederfarbe ließ das
blendende Weiß der schönen Hand noch deutlicher hervortreten. Nur einmal
diese Hände berühren -- und dann nichts mehr! Keinen anderen Wunsch mehr
-- jeder andere wäre zu kühn gewesen ... Er stand hinter ihrem Stuhl und
wagte es nicht, etwas zu sagen oder Atem zu holen -- »Sie haben sich
wohl gelangweilt?« fragte sie, »ich habe mich auch gelangweilt. Ich
merke es wohl, daß Sie mich hassen,« fügte sie hinzu und senkte ihre
langen Wimpern.
»Sie hassen? ich? ..« wollte der völlig fassungslose Piskarjow ausrufen
und er hätte gewiß noch eine ganze Menge unzusammenhängender Worte
hervorgebracht, aber in diesem Augenblick trat ein Kammerherr mit einem
sehr schönen, gelockten Toupet hinzu und machte ein paar witzige und
angenehme Bemerkungen. Er lächelte freundlich, ließ hierbei eine Reihe
schöner Zähne sehen und schien mit jedem Witz einen Nagel in Piskarjows
Herz zu treiben. Zum Glück wandte sich endlich einer von den Anwesenden
mit einer Frage an den Kammerherrn.
»Wie unerträglich ist das!« sagte sie und hob ihre himmlischen Augen zu
ihm empor. -- »Ich will mich am andern Ende des Saales hinsetzen, kommen
Sie zu mir!« Sie glitt durch die Menge und entschwand seinen Blicken.
Halb wahnsinnig machte er sich zwischen den Leuten hindurch Bahn und war
gleich darauf an ihrer Seite.
»Ja, das war sie!« Sie saß da wie eine Königin, schöner und herrlicher
als alle andern, und suchte ihn mit den Augen.
»Sie sind hier?« sagte sie leise. »Ich will aufrichtig gegen Sie sein:
die Art unserer Begegnung ist Ihnen gewiß sonderbar erschienen. Konnten
Sie wirklich glauben, daß ich zu jener verächtlichen Menschenklasse
gehöre, in deren Mitte Sie mich trafen? Mein Betragen scheint Ihnen
merkwürdig, aber ich will Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Sind Sie auch
imstande,« sagte sie und sah ihm forschend in die Augen -- »es nie
jemand zu verraten?«
»O gewiß, ich schwöre Ihnen ...«
Aber in diesem Augenblick trat ein ältlicher Herr an sie heran, fing an,
in einer Sprache, die Piskarjow unverständlich blieb, mit ihr zu reden,
und reichte ihr den Arm. Sie warf Piskarjow einen flehenden Blick zu und
gab ihm ein Zeichen, er solle auf seinem Platz bleiben und ihre Rückkehr
abwarten, aber in seiner Ungeduld fühlte er sich außerstande,
irgendeinen Befehl, und wäre es selbst der ihrige gewesen, zu empfangen.
Er wollte ihr folgen, doch im Gedränge wurden sie voneinander getrennt.
Er konnte das fliederfarbige Kleid nicht mehr entdecken, in höchster
Unruhe eilte er aus einem Zimmer ins andere und stieß alle, die ihm
entgegenkamen, unbarmherzig zur Seite. Allein in den Zimmern saßen nur
vornehme und reiche Herren beim Whist und hüllten sich in ein stumpfes
Schweigen. In einem Winkel stritten ein paar ältere Leute über die
Vorzüge des Militärdienstes gegenüber denen des Zivildienstes, und in
einer anderen Ecke machten einige junge Leute in eleganten Fräcken
flüchtige Bemerkungen über das mehrbändige Werk eines ernsten Poeten.
Piskarjow fühlte, wie ein ältlicher Herr von ehrwürdigem Äußeren ihn bei
einem Knopf seiner Rocks ergriff und ihm eine sehr richtige Antwort auf
eine Bemerkung von ihm erteilte, aber er stieß ihn grob von sich, ohne
zu bemerken, daß der Herr einen recht hohen Orden um den Hals trug.
Piskarjow lief in ein anderes Zimmer, sie war nicht da, dann in ein
drittes -- auch da war sie nicht zu finden. »Wo ist sie nur? Führt mich
zu ihr! Oh! ich kann nicht ohne ihren Anblick leben! ich will wissen,
was sie mir zu sagen hatte!« Aber all sein Suchen war umsonst. Müde und
ängstlich drückte er sich in eine Ecke, und blickte in die Menge vor
ihm, doch seine müden Augen stellten ihm alles in unbestimmten Formen
und Konturen dar. Endlich fing er an, die Wände seines eigenen Zimmers
zu erkennen. Er blickte auf: vor ihm stand ein Leuchter, die Kerze war
fast ganz heruntergebrannt und war im Begriff, zu verlöschen, das Licht
war dahingeschmolzen, und der Talg hatte sich über den alten Tisch
ergossen.
Er hatte also nur geschlafen. Gott, welch ein schöner Traum! warum mußte
er nur wieder erwachen?! warum hatte er nicht noch eine Minute warten
können! Gewiß wäre sie zurückgekommen! Das aufdringliche Morgengrauen,
das ihn mit seinem trüben Lichte peinigte, blickte durchs Fenster
hinein. Das Zimmer lag grau und trübe da: überall herrschte Unordnung
... Oh, diese abscheuliche Wirklichkeit, was war sie im Vergleich mit
dem Traume? Er kleidete sich schnell aus, legte sich ins Bett und hüllte
sich in die Decke ein, ganz von dem einen Wunsche erfüllt, das
entflohene Traumbild wieder zurückzurufen. Der Traum zögerte auch nicht,
sich einzustellen, aber er ließ ihn nicht sehen, was er sehen wollte:
bald erschien der Leutnant Piragow mit einer Pfeife im Munde, bald der
Diener aus der Akademie, bald ein Wirklicher Staatsrat, dann wieder der
Kopf einer Finnländerin, die er einst gemalt hatte, und ähnlicher
Unsinn.
Bis zum Nachmittag lag er im Bett, weil er wieder einschlafen wollte --
aber die Schöne wollte nicht erscheinen. Wenn sie doch nur für einen
Augenblick ihre wundervollen Züge vor ihm enthüllt, wenn er doch nur für
einen Augenblick ihren leichten Schritt vernommen hätte, wenn ihr
entblößter Arm nur für einen Moment, wie eine schneeweiße Wolke an
seinen Blicken vorübergeschwebt wäre!
Er hatte alles von sich geworfen und alles vergessen und saß nun mit
einer trost- und hoffnungslosen Miene da, ganz in sein Traumgesicht
versunken. Er dachte nicht mehr daran, etwas zu unternehmen;
teilnahmslos und leblos starrten seine Augen durchs Fenster auf den Hof,
wo ein schmutziger Wasserträger Wasser ausgoß, das in der Luft gefror,
und wo ein Verkäufer mit meckernder Stimme seine Ware feilbot: »_alte
Kleider zu verkaufen_.« Alles Wirkliche und Alltägliche berührte sein
Ohr fremd und seltsam. So saß er bis zum Abend da, dann warf er sich
leidenschaftlich ins Bett. Lange kämpfte er mit der Schlaflosigkeit,
aber endlich besiegte er sie. Wieder fing er an zu träumen, aber diesmal
war es ein fader, häßlicher Traum. »Gott, erbarme Dich! Oh, laß mich sie
sehen, wenn auch nur für einen Augenblick, für einen einzigen
Augenblick!« Er wartete wieder auf den Abend, schlief wieder ein und
träumte von einem Beamten, der ein Beamter und zu gleicher Zeit ein
Fagott war. »Oh! das ist unerträglich!« rief er da. Endlich erschien sie
ihm, ihr Köpfchen, ihre Locken ... sie sah ihn an ... aber ach, nur ganz
kurze Zeit! Wieder senkte sich ein Nebel herab, ... und abermals versank
er in einen dummen Traum.
Allmählich bildeten seine Träume den ganzen Inhalt seines Lebens, und
von dieser Zeit ab nahm sein Leben eine merkwürdige Richtung an: man
konnte sagen, er schlief -- wenn er wach war, und er war wach -- wenn er
träumte. Wenn ihn jemand gesehen hätte, wie er ganz stumm vor seinem
leeren Tisch saß, oder wie er auf der Straße einherging, er hätte ihn
für einen Nachtwandler oder einen durch Alkohol vergifteten Narren
gehalten; sein Blick war völlig ausdruckslos, seine angeborene
Zerstreutheit entwickelte sich bis ins Maßlose und verjagte herrisch
alle Bewegung und Empfindung aus seinem Gesicht, nur beim Anbruch der
Nacht belebten sich seine starren Züge wieder.
Dieser Zustand zerrüttete seinen Organismus, aber die größte Qual brach
erst für ihn an, als der Schlaf endlich anfing, ihn ganz zu fliehen. Vom
Wunsche verzehrt, diesen seinen einzigen Schatz zu retten, wandte er
alle Mittel an, um ihn wiederzuerlangen. Er erfuhr, daß es ein Mittel
gäbe, das einem den Schlaf wiederbringt, dazu brauche man nur Opium zu
nehmen. Aber wo sollte er sich dies Opium verschaffen! Piskarjow
erinnerte sich eines Persers, der Ladenbesitzer war, mit persischen
Schals handelte und ihn bei jeder Begegnung gebeten hatte, ihm doch ein
schönes Frauenbildnis zu malen. In der Überzeugung, daß der Perser Opium
besäße, entschloß er sich, zu ihm zu gehen.
Der Perser empfing ihn, mit verschränkten Beinen auf dem Diwan sitzend:
»Wozu brauchst du Opium?« fragte er ihn.
Piskarjow erzählte ihm von seiner Schlaflosigkeit.
»Gut, ich will dir Opium geben -- aber male mir ein schönes
Frauenbildnis dafür. Es muß jedoch wirklich schön sein! Sie muß schwarze
Brauen und große Sammetaugen haben, und ich selbst will neben ihr liegen
und meine Pfeife rauchen! Hörst du, aber schön muß sie sein,
wunderschön, hörst du?«
Piskarjow versprach ihm alles. Der Perser ging auf einen Augenblick
hinaus und kehrte dann mit einem Fläschchen, das mit einer schwarzen
Flüssigkeit angefüllt war, zurück; vorsichtig goß er einen Teil davon in
ein anderes Fläschchen und gab es Piskarjow mit der Weisung, nicht mehr
als sieben Tropfen in Wasser zu nehmen. Piskarjow griff nach dem
kostbaren Fläschchen, das er für keinen Goldklumpen wieder hergegeben
hätte und lief Hals über Kopf nach Hause.
Kaum war er zu Hause angekommen, so goß er sich einige Tropfen in ein
Glas Wasser, trank es hastig aus und warf sich auf sein Lager.
Mein Gott! welche Wonne war dies! Da war sie! Da war sie wieder, aber
jetzt erschien sie ihm in einer ganz anderen Welt. Oh, wie reizend war
das! da saß sie am Fenster eines hellen Landhäuschens; ihre Kleidung war
von einer Schlichtheit, wie nur ein Poet sie ersinnen konnte. Ihre
Haartracht ... Heiliger Gott, wie einfach war sie, und doch wie
kleidsam! Der kurze Zopf fiel ihr auf ihren schlanken Nacken herab,
alles an ihr war bescheiden, geheimnisvoll und deutete auf einen
wunderbar edlen, feinen Geschmack. Wie graziös war ihr Gang, wie
harmonisch der Takt ihrer Schritte und das Rauschen ihres schlichten
Kleides! wie schön ihr Arm mit dem aus Haaren geflochtenen Armband! Mit
Tränen in den Augen sagte sie zu ihm: »Verachten Sie mich nicht, ich bin
nicht das, wofür Sie mich halten! Sehen Sie mich an! Blicken Sie mich
aufmerksam an und sagen Sie dann: sollte ich denn wirklich dessen fähig
sein -- woran Sie denken? -- O nein, nein, der solches zu denken wagte
... soll ...«
Er wachte gerührt, ja erschüttert, mit Tränen in den Augen auf. »Es wäre
besser, du existiertest überhaupt nicht, sondern wärest die Schöpfung
eines begeisterten Künstlers, ich würde nicht von der Leinwand weichen,
oh, ich würde dich ewig anschauen und dich unaufhörlich küssen. Du
wärest mein Leben, mein ganzes Sein die herrlichste Phantasie, und ich
wäre glücklich. Ich hätte keinen Wunsch außer nach dir! Wie meinen
Schutzengel würde ich dich anrufen, im Schlafe und wenn ich wach wäre,
und wenn ich etwas Göttliches und Heiliges darstellen müßte, so würde
ich auf dich warten, daß du mir erscheinest. Doch nun, was für ein
entsetzliches Leben! Sie lebt -- aber was nützt es mir! Ist denn das
Leben eines Wahnsinnigen eine Freude für seine Angehörigen und seine
Freunde, die ihn einstmals liebten?! Mein Gott, was ist unser Leben! Ein
ewiger Streit zwischen Illusion und Wirklichkeit!« -- Solche und
ähnliche Gedanken beschäftigten ihn unaufhörlich. Andere Interessen
hatte er nicht, er dachte an nichts und aß fast gar nichts; voller
Ungeduld und mit der Leidenschaft eines Liebhabers wartete er auf den
Abend und die ersehnte Erscheinung. Diese beständige Richtung seiner
Gedanken auf ein Ziel gewann schließlich solch eine Gewalt über sein
ganzes Sein und seine Einbildungskraft, daß das ersehnte Bild fast
täglich vor seinem inneren Auge erschien, aber immer in einer Umgebung,
die der Wirklichkeit geradezu widersprach, denn seine Gedanken waren
rein wie die Gedanken eines Kindes. Der Gegenstand seiner Liebe wurde
durch seine Träume verwandelt und veredelt.
Der Gebrauch des Opiums erhitzte seine Gedanken immer mehr; wenn es
einmal einen bis zum höchsten Grade des Wahnsinns ungestümen, qualvoll
und verzehrend Verliebten gegeben hat, so war _es_ dieser Unglückliche.
Der schönste von allen seinen Träumen war dieser: Er fand sich in seinem
Atelier wieder, war froh gestimmt und saß selig mit der Palette in der
Hand da. Auch sie war zugegen und war seine Frau. Sie saß neben ihm,
stützte sich mit ihrem zierlichen Ellenbogen auf die Lehne seines
Stuhles und sah zu, wie er arbeitete. In ihren dunklen, müden Augen lag
eine lastende Fülle des Glücks, alles im Zimmer war durchtränkt von
Seligkeit, überall herrschte Helligkeit, Ordnung und Sauberkeit.
Himmlischer Gott! sie lehnte ihr herrliches Köpfchen an seine Brust ...
Einen schöneren Traum hatte Piskarjow noch nie gehabt und er fühlte sich
frischer und weniger zerstreut als vorher. Wundersame Gedanken regten
sich in seinem Hirn: »Vielleicht,« so dachte er, »vielleicht ist sie
durch irgendeinen unverschuldeten, schrecklichen Zufall dem Laster
verfallen, vielleicht sehnt sich ihre Seele nach Buße, vielleicht
verlangt sie selbst danach, sich aus ihrer entsetzlichen Lage zu
befreien. Darf man denn gleichgültig zusehen, wie sie zugrunde geht? wo
es sich vielleicht nur darum handelt, ihr die Hand entgegenzustrecken
und sie vor dem Ertrinken zu retten!« Und seine Gedanken eilten immer
weiter: »Mich kennt niemand,« sagte er zu sich selbst, »wer kümmert sich
um mich, und um wen brauche ich mich zu kümmern?! Wenn sie aufrichtig
bereut und ihren Lebenswandel ändert, so -- will ich sie heiraten. Ja,
ich muß sie heiraten, ich werde verständig handeln! Wieviel Menschen
gibt es, die ihre Wirtschafterinnen und manches Mal sogar ganz
verwerfliche Geschöpfe heiraten; meine Tat wird uneigennützig und
vielleicht sogar groß sein. Ich werde der Welt eine ihrer schönsten
Zierden wiedergeben!«
Während er solch leichtsinnige Pläne schmiedete, fühlte er die Röte in
seine Wangen steigen; er trat vor den Spiegel und erschrak über seine
eingefallenen Züge und die Blässe seines Gesichts. Diesmal kleidete er
sich sorgfältig an, wusch sich, kämmte sein Haar, warf sich in seinen
neuen Frack und zog eine feine Weste an, legte den Mantel um und ging
auf die Straße. Gierig sog er die frische Luft ein und fühlte ein
Wohlbehagen in seinem Innern wie ein Genesender, der sich nach einer
langwierigen Krankheit zum erstenmal entschlossen hat, an die Luft zu
gehn. Als er sich der Straße näherte, die er seit der verhängnisvollen
Begegnung nicht mehr betreten hatte, fing sein Herz heftiger an, zu
pochen.
Lange suchte er nach dem Hause; es schien, das Gedächtnis versagte ihm
den Dienst. Zweimal ging er die Straße auf und ab und wußte nicht, wo er
stehnbleiben sollte. Endlich glaubte er das Haus gefunden zu haben.
Schnell lief er die Treppe hinauf und klopfte an die Tür: die Tür
öffnete sich, -- und wer trat ihm entgegen? Sein Ideal! sein
geheimnisvolles Traumbild, das Original seiner Phantasien -- sie, die
sein Alles, sein Leben, sein ganzes furchtbares, qualvolles und doch so
süßes Leben ausmachte -- sie stand vor ihm. Er erbebte; ganz überwältigt
von der Freude, konnte er sich vor Schwäche kaum auf den Füßen halten.
Sie stand vor ihm, noch ebenso schön wie ehemals; obgleich ihre Augen
etwas trübe waren und eine leichte Blässe auf ihren nicht mehr ganz so
frischen Zügen lag, war sie doch immer noch wunderschön.
»Oh,« rief sie aus, als sie Piskarjow erblickte, und rieb sich die
Augen. Es war schon 2 Uhr nachmittag. »Warum sind Sie damals
weggelaufen?«
Piskarjow ließ sich ganz erschöpft auf einem Stuhle nieder und blickte
sie an.
»Ich bin erst eben aufgewacht; man hat mich um 7 Uhr nach Hause
gebracht. Ich war ganz betrunken!« fügte sie mit einem Lächeln hinzu.
»Oh! wärest du doch stumm, wärest du der Sprache beraubt, statt solche
Reden zu führen!« Wie in einem Panorama, so hatte sie ihm in diesem
Augenblick ihr ganzes Leben aufgerollt. Trotz alledem aber nahm er all
seine Kraft zusammen: er wollte den Versuch machen, ob seine Ermahnungen
keinen Eindruck auf sie ausüben würden. Nachdem er sich ermannt hatte,
fing er mit zitternder Stimme an, ihr in glühenden Farben die Schrecken
ihrer Lage zu schildern. Sie hörte ihn mit Aufmerksamkeit und mit dem
Gefühl des Staunens an, wie wir es wohl beim Anblick von etwas völlig
Unerwartetem und Merkwürdigem zu äußern pflegen. Mit einem kaum
merklichen Lächeln blickte sie auf ihre Freundin, die in der Ecke saß,
in ihrer Arbeit -- sie reinigte gerade einen Kamm -- innehielt und dem
neuen Propheten gleichfalls aufmerksam zuhörte.
»Es ist wahr, ich bin arm!« schloß Piskarjow nach einer langen und
erbaulichen Ermahnung, »aber wir werden arbeiten, wir werden uns beide,
einer wie der andere, um die Wette bemühen, unsere Lage zu verbessern.
Es gibt nichts Schöneres, als alles seiner eigenen Kraft zu verdanken.
Ich werde Bilder malen, du wirst mit einer Arbeit beschäftigt neben mir
sitzen und mich zum Schaffen begeistern; es soll uns an nichts fehlen.«
»Wie wäre das möglich!« unterbrach sie ihn in seiner Rede mit dem
Ausdruck tiefer Verachtung. »Ich bin doch keine Wäscherin oder Näherin,
daß ich arbeiten sollte!«
Mein Gott! in diesen Worten kam die ganze Häßlichkeit dieses
verächtlichen Lebens zum Ausdruck, eines Lebens voller Eitelkeit und
Müßiggangs, dieser treuen Gefährten des Lasters.
Hier fiel die Freundin, die bis jetzt still in der Ecke gesessen hatte,
frech ein: »Heiraten sie mich! Wenn ich verheiratet bin, werde ich immer
so dasitzen.« Hierbei verzog sie ihr erbärmliches Gesicht zu einer
dummen Grimasse, und dies amüsierte die Schöne aufs höchste und brachte
sie zum Lachen.
Oh! das war zuviel! das war unerträglich! Er stürzte hinaus, wie von
Sinnen und als ob er den Verstand verloren hätte. Seine Gedanken
verwirrten sich; ohne Sinn und Ziel, blind, taub und gefühllos, so trieb
er sich den ganzen Tag über herum. Niemand wußte, ob er irgendwo
geschlafen hatte oder nicht, erst am nächsten Tage kehrte er, von einem
törichten Instinkt getrieben, in seine Wohnung zurück, er war in einem
schrecklichen Zustande, sein Gesicht war bleich, die Haare waren
verwühlt, und in seinen Zügen machten sich Anzeichen von Wahnsinn
bemerkbar. Er schloß sich in seinem Zimmer ein, ließ niemand zu sich
herein und nahm nichts zu sich. Es vergingen vier Tage, ohne daß sich
sein verschlossenes Zimmer auch nur einmal geöffnet hätte, es verging
eine Woche, und das Zimmer blieb noch immer verschlossen. Man rüttelte
an der Tür, man rief nach ihm, aber es erfolgte keine Antwort; endlich
brach man die Tür auf und fand einen leblosen Körper mit einer
durchschnittenen Kehle. Das blutige Rasiermesser lag am Boden. Aus den
krampfhaft verrenkten Armen und den furchtbar verzerrten Gesichtszügen
konnte man schließen, daß seine Hand gezittert und daß der Selbstmörder
sich noch lange gequält hatte, bevor seine sündige Seele sich von ihrer
Hülle befreit hatte. So starb der arme, stille, bescheidene,
schüchterne, kindlich-schlichte Piskarjow, ein Opfer der wahnsinnigen
Leidenschaft: er der den Funken eines Talentes in sich getragen, das
sich vielleicht zu einer hohen, hellen Flamme hätte entwickeln können!
Niemand weinte um ihn, niemand warf einen Blick auf seinen leblosen
Körper als der Polizeikommissar und der Stadtarzt, diese gewohnten
Gestalten mit ihren gleichgültigen Mienen. Man trug seinen Sarg ganz
still ohne jede religiöse Zeremonie nach Ochta, ein einziger Wächter
begleitete ihn -- aber auch der weinte nur, weil er ein Glas Schnaps
über den Durst getrunken hatte. Selbst der Leutnant Piragow, der ihm bei
Lebzeiten seine hohe Protektion erwiesen hatte, erschien nicht, um dem
Leichnam des Unglücklichen einen letzten Blick zu weihn. Er hatte
übrigens ganz andere Dinge im Kopfe: er war mit einem außerordentlichen
Erlebnis beschäftigt. Aber wenden wir uns lieber ihm zu: ich liebe die
Toten nicht, und es ist mir immer unangenehm, wenn ein Begräbniszug mit
dem alten Invaliden, der wie ein Kapuziner gekleidet ist und seinen
Tabak mit der linken Hand schnupft, weil er in der rechten eine Fackel
trägt, meinen Weg kreuzt. Ich spüre immer etwas wie Verdruß, wenn ich
einem kostbaren Katafalk und einem mit Sammet bezogenen Sarg begegne;
aber mein Verdruß mischt sich mit Wehmut, wenn ich einen Lastfuhrmann
sehe, der einen kahlen, toten Sarg eines Armen mit sich führt, begleitet
von einer Bettlerin, die zufällig des Weges daherkam und dem Sarge
folgte, da sie gerade nichts anderes zu tun hatte.
Ich glaube, wir haben den Leutnant Piragow verlassen, als er sich gerade
von dem armen Maler Piskarjow trennte und der schönen Blondine
nacheilte. Diese Blondine war ein leichtsinniges und interessantes
Geschöpf. Sie blieb vor jedem Kaufladen stehn und betrachtete die in den
Schaufenstern ausgelegten Gürtel, Halstücher, Ohrringe, Handschuhe und
sonstigen Kleinigkeiten, drehte sich hin und her, blickte nach allen
Seiten und sah sich fortwährend um. »Mein Täubchen!« sagte Piragow
selbstbewußt, setzte seine Verfolgung fort und verbarg sein Gesicht, um
nicht von seinen Bekannten erkannt zu werden, in dem Kragen. Doch es ist
vielleicht Zeit, den Leser etwas näher mit Piragow bekannt zu machen.
Aber bevor wir erzählen, wer Piragow eigentlich war, ist es am Platze,
etwas über die Kreise zu sagen, zu denen Piragow gehörte. Es gibt in
Petersburg Offiziere, die gewissermaßen eine Mittelklasse bilden. In
Gesellschaften, bei Diners von Staatsräten oder Wirklichen Staatsräten,
die sich diesen Titel durch vierzigjährigen Dienst erworben haben, kann
man immer den einen oder den anderen Offizier dieser Kategorie treffen.
Ein paar höhere Töchter, so bleich und farblos wie Petersburg selbst,
von denen einzelne schon recht verblüht aussehen, ein Teetisch, ein
Klavier, ein häuslicher Tanz -- dies alles ist nicht denkbar ohne die
blitzenden Epauletten, die man beim Lampenschein zwischen den sittsamen
Blondinen und den schwarzen Fracks der Brüder und Hausfreunde glänzen
sieht. Es ist sehr schwer, diese kaltblütigen Jungfrauen aufzumuntern
und sie zum Lachen zu bringen, dazu gehört eine große Kunst, oder besser
gesagt, dazu bedarf es gar keiner Kunst. Man muß nicht allzu klug und
auch nicht allzu komisch reden, und in allem muß jene Hohlheit und
Nichtigkeit liegen, die das weibliche Geschlecht so liebt. Doch in
dieser Hinsicht muß man den Herren Gerechtigkeit widerfahren lassen, sie
verstehen es ausgezeichnet, sich bei diesen faden Jungfrauen Gehör zu
verschaffen und sie zum Lachen zu reizen. Rufe, die von Gelächter
erstickt werden, wie: »Bitte, hören Sie auf! Schämen Sie sich doch,
einen so zum Lachen zu bringen!« sind häufig die schönste Belohnung für
diese Art Leute. In der besseren Gesellschaft begegnet man ihnen nur
selten, oder richtiger gesagt, nie. Hier werden sie ganz von den Leuten
verdrängt, die man in diesen Kreisen die Aristokratie nennt. Übrigens
aber hält man sie für gelehrte und wohlerzogene junge Leute. Sie lieben
es, sich über Literatur zu unterhalten, loben Bulgarin, Puschkin und
Gretsch, und sprechen mit Verachtung und geistreichen Sticheleien über
A. A. Orlow. Auch versäumen sie keinen öffentlichen Vortrag, ob in ihm
nun von der Buchhaltung oder vom Forstwesen die Rede ist. Stets ist der
eine oder der andere von ihnen im Theater zu finden, ganz gleichgültig,
was für ein Stück gerade aufgeführt wird, es müßte denn eine ganz dumme
Posse sein, die ihrem anspruchsvollen Geschmack nicht genügt; sonst aber
sind sie immer im Theater. Für die Theaterdirektionen ist das das beste
Publikum. In den Stücken sind es hauptsächlich schöne Verse, die sie
schätzen; auch rufen sie stets die Schauspieler mit lautem Beifall vor
die Rampe; viele von ihnen unterrichten in staatlichen Lehranstalten
oder sie bereiten die Zöglinge für diese Anstalten vor, und schließlich
schaffen sie sich ein paar Pferde und ein Kabriolett an. Dann wird ihr
Wirkungskreis noch ausgedehnter; zum Schluß führen sie eine
Kaufmannstochter, die Klavier spielt und etwa 100000 Rubel in bar und
einen Haufen bärtiger Verwandter mitbringt, zum Altar. Dieser Ehre
werden sie jedoch nie früher teilhaftig, als bis sie wenigstens zum
Oberst avanciert sind; denn obgleich die russischen Bartträger[6] immer
noch etwas nach Kraut riechen, wollen sie doch ihre Töchter mindestens
als Generalsfrauen oder doch als Oberstinnen sehen. Dies sind die
wichtigsten Charakterzüge dieser Art junger Leute. Jedoch der Leutnant
Piragow hatte noch eine Menge anderer Talente, die nur ihm persönlich
eigen waren. Er verstand es ausgezeichnet, Verse aus »Dimitri-Donskoj«
und »Wehe dem Gescheiten« zu deklamieren, und wußte vortrefflich
Rauchringe aus der Pfeife aufsteigen zu lassen, manches Mal konnte er
ein ganzes Dutzend nebeneinander aufreihen! Er konnte vorzüglich davon
erzählen, daß »die Kanone etwas an und für sich und daß das Einhorn auch
etwas an und für sich« sei ... Übrigens ist es außerordentlich schwer,
alle Talente aufzuzählen, mit denen das Schicksal den Leutnant Piragow
ausgestattet hatte. Er sprach gern über eine Schauspielerin oder eine
Tänzerin, aber nicht mit der Schärfe, wie sich gewöhnlich Leutnants über
solche Gegenstände auszulassen pflegen. Mit seinem Leutnantsrang, zu dem
er erst vor kurzem avanciert war, war er sehr zufrieden, obgleich er
häufig sagte, während er sich aufs Sofa streckte: »ach ja, alles ist
eitel, was hat denn das zu bedeuten, daß ich Leutnant bin«; aber in
seinem Innern fühlte er sich doch sehr durch die neue Würde gehoben, und
in der Unterhaltung bemühte er sich häufig darauf anzuspielen; ja als
ihm einmal auf der Straße ein Schreiber begegnete, der ihm unhöflich zu
sein schien, hielt er ihn sofort an und gab ihm in kurzen aber scharfen
Worten zu verstehen, daß vor ihm ein _Leutnant_ und nicht ein
xbeliebiger Offizier stehe -- und da in diesem Moment zwei allerliebste
Damen vorübergingen -- bemühte er sich, sich besonders hübsch
auszudrücken. Piragow trug überhaupt eine Leidenschaft für alles Schöne
zur Schau und daher protegierte er auch den Künstler Piskarjow:
vielleicht kam es übrigens auch nur daher, weil er es so sehr wünschte,
sein männliches Gesicht auf der Leinwand zu sehen. Aber nun sei es genug
von den Tugenden Piragows. Der Mensch ist ein so erstaunliches Wesen,
daß es unmöglich ist, alle seine Vorzüge mit einemmal aufzuzählen, je
länger man ihn anschaut, desto mehr neue Eigentümlichkeiten kommen zum
Vorschein, und man fände nie ein Ende, wenn man sie alle herzählen
wollte.
[Fußnote 6: d. h. Kaufleute.]
Piragow fuhr also fort, die Unbekannte zu verfolgen; von Zeit zu Zeit
unterhielt er sie mit Fragen, auf die sie kurz und scharf oder mit
unverständlichen Lauten antwortete. Sie gingen durch das dunkle
Kasansche Tor und bogen in die Meschtschanskaja, diese von kleinen
Tabak- und Kramlädenbesitzern, deutschen Handwerkern und finnischen
Nymphen bevölkerte Straße, ein. Die Blondine beschleunigte ihre Schritte
sichtlich und schlüpfte in die Pforte eines ziemlich schmutzigen Hauses.
Piragow folgte ihr. Sie lief eine schmale, dunkle Treppe hinauf, öffnete
eine Tür und trat ein, während ihr Piragow mutig folgte. Plötzlich
befand er sich in einem großen Zimmer mit schwarzen Wänden und einem
verräucherten Plafond. Ein ganzer Haufen von eisernen Schrauben,
Schlosserwerkzeugen, Instrumenten, glänzenden Kaffeekannen und Leuchtern
lag auf dem Tisch, und der Boden war mit eisernen und kupfernen
Sägespänen bestreut. Piragow begriff sofort, daß dies die Werkstätte
eines Handwerkers war. Die Unbekannte verschwand weiter durch eine
Seitentür. Piragow besann sich einen Augenblick, dann aber folgte er der
russischen Maxime und entschloß sich, »vorwärts« zu eilen. Er trat in
ein andres Zimmer, das dem ersten durchaus nicht ähnlich sah: es war
sehr sauber und ordentlich, und man erkannte sofort, daß der Wirt ein
Deutscher war. Ein überaus merkwürdiges Bild setzte Piragow aufs höchste
in Erstaunen: vor ihm saß _Schiller_ -- nicht jener Schiller, der den
Wilhelm Tell und die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges geschrieben
hat, sondern der _bekannte_ Schiller, ein Schlossermeister aus der
Meschtschanskistraße. Neben Schiller stand _Hoffmann_, aber wiederum
nicht der Dichter Hoffmann, sondern ein tüchtiger Schuhmachermeister
dieses Namens aus der Offizierstraße und ein großer Freund Schillers.
Schiller war betrunken, saß auf einem Stuhl, stampfte mit dem Fuß und
sprach mit großem Eifer auf den andern ein. Dies alles hatte Piragow
noch nicht in Erstaunen gesetzt; was seine Verwunderung erregte, war die
höchst merkwürdige Stellung dieser beiden Gestalten. Schiller saß da,
hielt den Kopf in die Höhe und streckte seine ziemlich dicke Nase vor;
Hoffmann aber hatte diese Nase mit zwei Fingern gefaßt und fuhr mit der
Schneide eines Schustermessers über ihre Oberfläche hin und her. Beide
sprachen Deutsch, und daher konnte Leutnant Piragow, der außer »guten
Morgen« kein Wort Deutsch konnte, nichts von der ganzen Sache verstehen.
Im übrigen aber hatten Schillers Reden folgenden Inhalt: »Ich will sie
nicht, ich brauche keine Nase!« sagte er und fuchtelte mit den Händen in
der Luft herum. »Allein für diese Nase verbrauche ich 3 Pfund Tabak
monatlich. Und ich zahle in einem elenden russischen Laden -- weil die
deutschen Läden keinen russischen Tabak haben -- ich zahle in einem
elenden russischen Laden 40 Kopeken pro Pfund: das macht also 1 Rubel 20
Kopeken -- und zwölfmal 1 Rubel 20 Kopeken, das macht wiederum 14 Rubel
40 Kopeken. -- Hörst du's, mein Freund Hoffmann, allein für die Nase 14
Rubel und 40 Kopeken. An Feiertagen schnupfe ich Rapé -- denn an einem
Feiertage will ich doch keinen scheußlichen russischen Tabak schnupfen.
Das Jahr über schnupfe ich 2 Pfund Rapé zu 2 Rubel das Pfund -- 4 Rubel
und 14 Rubel das macht im ganzen 18 Rubel 40 Kopeken allein für Tabak.
Das ist mein Ruin! Freund Hoffmann, ich frage dich, habe ich nicht
recht?« Hoffmann, der auch angetrunken war, gab seine Zustimmung. »20
Rubel 40 Kopeken. Ich bin ein Schwabe, ich habe einen König in
Deutschland! Ich will keine Nase mehr haben! schneide sie mir ab, da, da
ist meine Nase!«
Und wenn nicht das unerwartete Eintreten des Leutnants Piragow
dazwischengekommen wäre, dann hätte Hoffmann sicherlich ohne viele
Umstände Schillers Nase abgeschnitten, denn er hatte ja schon das Messer
in der Hand, wie wenn er eine Schuhsohle zuschneiden wollte.
Schiller war sehr verdrießlich, daß plötzlich ein unbekannter,
ungebetener Fremdling ihn im ungelegensten Moment störte. Obgleich er
sich ganz im Banne des Bier- und Weinrausches befand, fühlte er doch,
daß sein Zustand und die Beschäftigung, bei der er angetroffen wurde, in
Gegenwart eines fremden Zeugen etwas Unschickliches haben mochte.
Piragow verbeugte sich leicht und sagte mit der ihm eigenen
Zuvorkommenheit: »Sie entschuldigen doch!«
»Machen Sie, daß Sie fortkommen!« sagte Schiller gedehnt.
Diese Antwort verblüffte den Leutnant Piragow. Solch eine Behandlung war
ihm ganz neu. Das Lächeln, das eben auf seinen Zügen gespielt hatte,
verschwand plötzlich. Im Gefühl seiner gekränkten Würde sagte er: »Ich
muß mich sehr wundern, mein Herr ... wahrscheinlich haben Sie nicht
bemerkt ... daß ich Offizier bin ...«
»Was ... Offizier? Ich bin ein Schwabe! Ich (und hierbei schlug Schiller
mit der Faust auf den Tisch) werde bald selbst Offizier sein, anderthalb
Jahre Junker, zwei Jahre Leutnant, und gleich morgen bin ich Offizier!
So mach' ich's mit einem Offizier! Aber ich will nicht dienen, pfff
....«
Hierbei hielt er sich die Hand vors Gesicht und blies drauf.
Der Leutnant Piragow sah ein, daß ihm nichts andres übrigblieb, als sich
zu entfernen; aber diese unziemliche Behandlung seines Standes war ihm
doch sehr unangenehm. Ein paarmal blieb er auf der Treppe stehn, wie
wenn er Mut fassen wollte und darüber nachdächte, wie er Schiller seine
Frechheit büßen lassen könnte. Endlich kam er zu dem Schluß, daß
Schiller zu entschuldigen sei, da sein Hirn mit Bier und Wein angefüllt
wäre, auch fiel ihm die reizende Blondine wieder ein, und so entschloß
er sich, das alles zu vergessen. Am folgenden Tage betrat der Leutnant
Piragow frühmorgens die Werkstatt des Schmiedes. Im ersten Zimmer kam
ihm die hübsche Blondine entgegen und fragte ihn mit recht
unfreundlicher Stimme, die ihr sehr gut zu Gesicht stand: »Was wünschen
Sie?«
»Ah, guten Tag, meine Schöne! Sie erkennen mich wohl nicht? Sie kleiner
Schelm! was für schöne Augen Sie haben!«
Hierbei wollte ihr der Leutnant Piragow in liebenswürdiger Weise einen
Finger unters Kinn legen und es emporheben, aber die Blondine stieß
einen erschrockenen Laut aus und fragte ihn ebenso unfreundlich: »Was
wünschen Sie?«
»Nur Sie zu sehen, sonst wünsche ich nichts!« erwiderte der Leutnant
Piragow freundlich lächelnd und trat näher, aber als er merkte, daß die
ängstliche Blondine nach der Tür strebte, setzte er hinzu: »Ich möchte
ein Paar Sporen bestellen, meine Liebe, können Sie mir ein Paar Sporen
machen? Um Sie liebzuhaben, brauche ich allerdings keine Sporen, im
Gegenteil, eher noch Zügel! Was für reizende Händchen!«
Der Leutnant Piragow war bei solcher Art Liebeserklärungen immer sehr
höflich.
»Ich werde gleich meinen Mann rufen!« rief ihm die Deutsche laut zu,
ging hinaus und einige Minuten darauf erblickte Piragow Schiller, der
noch ganz verschlafen und kaum von seinem gestrigen Rausch ernüchtert
ins Zimmer trat. Als er den Offizier erkannte, stieg die gestrige Szene
wie ein Traum vor ihm auf. Eine klare Erinnerung hatte er in diesem
Zustande nicht, aber er fühlte, daß er irgendeine Dummheit begangen
hatte, und empfing daher den Offizier mit recht verdrießlicher Miene.
»Weniger als 15 Rubel kann ich für die Sporen nicht nehmen!« sagte er,
um Piragow so schnell wie möglich loszuwerden, denn es war ihm, dem
ehrlichen Deutschen, sehr peinlich, dem Manne gegenüberzustehn, der ihn
in solch einer peinlichen Situation gesehen hatte. Schiller liebte es,
nur mit zwei, drei guten Freunden und ohne Zeugen zu zechen, daher
schloß er sich für diese Zeit ein und verbarg sich selbst vor seinen
Arbeitern.
»Warum sind Sie denn so teuer?« sagte Piragow freundlich.
»Es ist doch deutsche Arbeit!« erwiderte Schiller kaltblütig und strich
sich das Kinn. -- »Ein Russe wird sie Ihnen für 2 Rubel anfertigen.«
»Schön, um Ihnen zu beweisen, daß ich Sie liebe und Ihre Bekanntschaft
zu machen wünsche, will ich Ihnen 15 Rubel bezahlen!«
Schiller besann sich einen Augenblick: als ehrlicher Deutscher schämte
er sich ein wenig. Von dem Wunsche getrieben, Piragow seine Absicht
auszureden, sagte er, daß er die Sporen frühestens in zwei Wochen
herstellen könne. Aber Piragow erklärte sich ohne jedweden Widerspruch
mit allem einverstanden.
Der Deutsche dachte ein wenig nach und grübelte hin und her, ob er wohl
seine Arbeit so ausgezeichnet ausführen könnte, daß sie wirklich 15
Rubel wert würde.
In diesem Augenblick trat die Blondine in die Werkstatt und machte sich
etwas am Tisch, der mit Kaffeekannen besetzt war, zu schaffen. Piragow
benutzte Schillers Nachdenklichkeit, trat dicht an sie heran und drückte
ihren Arm, der bis zur Schulter entblößt war.
Dies mißfiel Schiller sehr: »Meine Frau!« schrie er ihn an.
»Was wollen Sie denn?« entgegnete die Blondine.
»Geh in die Küche!« Die Blondine entfernte sich.
»Also in zwei Wochen?« sagte Piragow.
»Ja, in zwei Wochen,« sagte Schiller nachdenklich, »ich habe jetzt viel
Arbeit!«
»Auf Wiedersehn, ich komme wieder vor!«
»Auf Wiedersehn!« sagte Schiller und schloß die Tür hinter ihm.
Der Leutnant war fest entschlossen, seine Werbung nicht aufzugeben,
obgleich die Blondine ihm sichtlich Widerstand entgegensetzte. Er konnte
es nicht fassen, daß man ihm widerstehen könnte, um so weniger, als
seine Liebenswürdigkeit und sein illustrer Rang ihm alles Recht auf
Entgegenkommen gab. Man muß noch hinzufügen, daß Frau Schiller bei all
ihrem Liebreiz sehr beschränkt war. Übrigens bildet ja bei einer
hübschen Frau die Dummheit noch einen besonderen Reiz. Wenigstens habe
ich viele Männer gekannt, die von der Dummheit ihrer Frauen begeistert
waren und in ihr ein Symptom kindlicher Unschuld sahen. Die Schönheit
bringt geradezu Wunder hervor. Alle geistigen Mängel wirken bei einer
schönen Frau, anstatt abzustoßen, nur noch besonders anziehend; selbst
das Laster erhält einen gewissen Anschein von Lieblichkeit. Aber wo die
Schönheit fehlt, da muß eine Frau mindestens zwanzigmal so klug sein wie
ein Mann, um Achtung oder gar Liebe einzuflößen. Doch trotz ihrer
Beschränktheit war Frau Schiller stets ihrer Pflicht treu geblieben,
daher wurde es Piragow sehr schwer, sein kühnes Unternehmen erfolgreich
zu Ende zu führen. Allein die Überwindung von Hindernissen ist stets mit
Genuß verbunden, und so wurde unsere Blondine ihm nur noch
interessanter. Er fing an, sich sehr oft nach den Sporen zu erkundigen,
so daß Schiller dies zuletzt lästig wurde. Er gab sich alle Mühe, die
begonnene Arbeit schnell zu beendigen, und endlich waren die Sporen
fertig.
»Ach, welch eine herrliche Arbeit!« rief der Leutnant Piragow beim
Anblick der Sporen. »Mein Gott, wie vortrefflich sind sie gemacht.
Selbst unser General nennt solche nicht sein eigen!«
Ein Gefühl der Selbstzufriedenheit erfüllte Schillers Seele. Seine Augen
nahmen einen vergnügten Ausdruck an, und er war innerlich bereit, sich
völlig mit Piragow auszusöhnen. »Dieser russische Offizier ist ein
kluger Mann!« dachte er bei sich.
»Nicht wahr, Sie können doch auch Einfassungen für Dolche und andere
Waffen anfertigen?«
»Oh, gewiß kann ich das,« sagte Schiller lächelnd.
»So machen Sie mir also eine Fassung für meinen Dolch. Ich werde ihn
Ihnen bringen; ich habe einen sehr schönen türkischen Dolch, aber ich
möchte ihn anders fassen lassen!«
Schiller traf dieser Vorschlag wie eine Bombe. Er runzelte die Stirn.
»Da haben wir's!« dachte er bei sich, und schalt sich innerlich, daß er
selbst Anlaß zu einer neuen Bestellung gegeben hatte. Es jetzt noch
abzulehnen, schien ihm unehrenhaft, auch hatte ja der russische Offizier
seine Arbeit gelobt. -- Kopfschüttelnd erklärte er seine
Bereitwilligkeit, aber der Kuß, den Piragow der zierlichen Blondine beim
Fortgehen dreist auf die Lippen drückte, brachte ihn vollends aus der
Fassung.
Ich halte es nicht für überflüssig, den Leser etwas näher mit Schiller
bekannt zu machen. Schiller war ein echter Deutscher in vollstem Sinn
des Wortes. Schon als zwanzigjähriger Jüngling, in jener glücklichen
Zeit, wo ein Russe noch sorglos in den Tag hinein lebt, hatte sich
Schiller bereits sein Leben zurechtgelegt und wich nie und in keinem
Fall von seinem Ziel ab. Er hatte bei sich beschlossen, immer um 7 Uhr
aufzustehn, um 2 Uhr zu Mittag zu essen, in allem gewissenhaft zu sein
und sich Sonntags zu betrinken. Er hatte sich vorgenommen, im Laufe von
zehn Jahren ein Kapital von 50000 Rubeln zurückzulegen, und schon dieser
Entschluß genügte, um die Erfüllung seines Planes so sicher und
unumstößlich zu machen wie das Schicksal; denn eher vergißt es ein
Beamter, in das Vorzimmer seines Chefs hineinzublicken, als daß ein
Deutscher sich entschließt, sein Wort zu brechen. Niemals gab er mehr
aus, als er sich vorgenommen hatte, und wenn die Kartoffelpreise über
das gewöhnliche Maß stiegen, legte er doch nie eine Kopeke zu, sondern
verminderte lieber das Quantum; wenn er auch manches Mal nicht ganz satt
wurde, so gewöhnte er sich doch daran. Seine Ordnungsliebe ging so weit,
daß er bei sich beschlossen hatte, seine Frau nicht häufiger als zweimal
am Tage zu küssen und, um ihr nur ja keinen überzähligen Kuß auf die
Lippen zu drücken, tat er nie mehr als einen Kaffeelöffel voll Pfeffer
in die Suppe; übrigens wurde diese Regel am Sonntag nicht so streng
eingehalten, da Schiller an diesem Tage stets zwei Flaschen Bier und
eine Flasche Kümmel trank, auf den er freilich immer schimpfte. Er
pflegte jedoch nicht so zu trinken wie die Engländer, die sich gleich
nach dem Mittag einschließen und sich ganz allein und still für sich
berauschen. Er als Deutscher bedurfte beim Zechen stets der Anregung und
Begeisterung und trank daher immer in Gesellschaft, entweder mit dem
Schuster Hoffmann oder mit dem Tischler Kunz, der ebenfalls ein
Deutscher und dazu ein großer Säufer war. Dies war der Charakter unseres
ehrenwerten Schiller, der nunmehr in eine sehr schwierige Lage geraten
war. Obgleich er ein Phlegmatiker und ein Deutscher war, so erregte doch
das Betragen Piragows so etwas wie Eifersucht in ihm. Er zerbrach sich
den Kopf, es wollte ihm aber durchaus nichts einfallen, auf welche Art
und Weise er den russischen Offizier abschütteln könnte.
Unterdessen spielte Piragow, wenn er sich im Kreise seiner Kameraden
befand und gemütlich die Pfeife rauchte, -- die Vorsehung hat es nun
einmal so eingerichtet, daß, wo Offiziere beisammen weilen, auch die
Pfeife nicht fehlen darf -- häufig auf das Techtelmechtel mit der
reizenden Blondine an; mit einem bedeutungsvollen und angenehmen Lächeln
rühmte er sich bereits einer großen Intimität mit ihr; in Wirklichkeit
aber begann er bereits, die Hoffnung zu verlieren, daß er sie jemals
würde erobern können.
Eines Tages machte er einen Spaziergang auf der Meschtschanskaja und
blickte immer auf das Haus, an dem das Schild Schillers mit den
Kaffeekannen und Teemaschinen prangte; zu seiner großen Freude entdeckte
er plötzlich das Köpfchen der Blondine, die sich aus dem Fenster beugte
und die Vorübergehenden betrachtete. Er blieb stehn, warf ihr einen
Handkuß zu und rief: »Guten Morgen!« Die Blondine erwiderte seinen Gruß
wie den eines alten Bekannten.
»Ist Ihr Mann zu Hause?«
»Ja,« sagte die Blonde.
»Und wann ist er nicht zu Hause?«
»Sonntags ist er gewöhnlich nicht zu Hause!« sagte die dumme Gans.
»Das ist nicht übel,« dachte Piragow bei sich, »das könnte man
ausnutzen.« -- Und schon am nächsten Sonntag schneite er der Blondine
ins Haus hinein. Schiller war wirklich nicht anwesend. Die hübsche
Hausfrau war aufs höchste erschrocken; aber diesmal war Piragow
vorsichtig, betrug sich sehr ehrerbietig, verbeugte sich in
verbindlicher Form und ließ dabei die ganze Schönheit seiner biegsamen,
straffen Gestalt zur Geltung kommen. Er scherzte sehr nett und höflich,
aber das deutsche Schäfchen gab auf alles nur ganz einsilbige Antworten.
Endlich, nachdem er schon über alles mögliche geredet hatte und nun
bemerkte, daß sie nichts interessierte, schlug er ihr vor, etwas zu
tanzen. Die Deutsche ging darauf ein, denn die deutschen Frauen pflegen
bekanntlich sehr gern zu tanzen. Dieses gab Piragow Anlaß zu den
kühnsten Hoffnungen: erstens machte ihr dieses Spaß, zweitens konnte er
hierbei seine Gewandtheit und seine elegante Taille sehen lassen,
drittens kann man sich einer Dame beim Tanzen noch mehr nähern als
sonst, er konnte die hübsche Deutsche umarmen und damit den Grund zu
allem weiteren legen, kurz, er hoffte auf einen vollständigen Triumph.
Er begann eine Gavotte vor sich hin zu summen, weil er wußte, daß die
Deutschen einer allmählichen Steigerung bedürfen. Die niedliche Blondine
trat in die Mitte des Zimmers und hob ihren reizenden Fuß empor. Diese
Stellung versetzte Piragow derart in Begeisterung, daß er ihr einen Kuß
auf den Fuß drücken wollte. Die Deutsche fing an zu schreien, wodurch
sie ihren Reiz in den Augen Piragows noch mehr erhöhte. Er überschüttete
sie mit Küssen. Da ging plötzlich die Tür auf, und Schiller, Hoffmann
und der Tischler Kunz traten ein. Alle drei ehrenwerten Handwerker waren
betrunken wie die Schlosser.
Ich überlasse es dem Leser, sich den Ärger und den Zorn Schillers
vorzustellen.
»Frechling!« schrie er in höchster Wut, »wie wagst du es, meine Frau zu
küssen! Du bist ein Lump und kein russischer Offizier! Hol dich der
Teufel, nicht wahr, Freund Hoffmann, ich bin ein Deutscher und kein
russisches Schwein! (Hoffmann bejahte dies.) Zum Donnerwetter, ich will
doch keine Hörner tragen! Pack' ihn am Kragen, Freund Hoffmann! ich will
nicht --« fuhr er fort und fuchtelte gewaltig mit den Händen in der Luft
herum, wobei sein Gesicht so rot wurde wie seine Weste. -- »Ich lebe
schon acht Jahre in Petersburg, ich habe eine Mutter in Schwaben und
einen Onkel in Nürnberg, ich bin ein Deutscher und kein Hornvieh! --
Reiß ihm die Kleider vom Leibe, Freund Hoffmann! halt ihn an den Händen
und Füßen fest, Kamerad Kunz!«
Und die Deutschen packten Piragow an Händen und Füßen.
Vergeblich versuchte er, sich freizumachen; diese drei Handwerker waren
die kräftigsten unter allen Petersburger Deutschen und verfuhren so grob
und unhöflich mit ihm, daß ich, wie ich gestehen muß, keine Worte finde,
diese traurige Szene zu schildern.
Ich bin überzeugt, daß Schiller den nächsten Tag wie im Fieber war und
zitterte wie das Espenlaub, da er jeden Augenblick auf das Erscheinen
der Polizei gefaßt war; er hätte, weiß Gott, wieviel dafür gegeben, wenn
das gestrige Ereignis nur ein Traum gewesen wäre. Ader das Geschehene
läßt sich nun einmal nicht mehr ungeschehen machen. In der Tat ließ sich
nichts mit der Wut und der Empörung Piragows vergleichen. Schon der
Gedanke an die fürchterliche Beleidigung brachte ihn dem Wahnsinn nahe.
Die Verbannung nach Sibirien oder Spießrutenlaufen erschienen ihm als
die geringsten Strafen, die Schiller verdient hatte. Er flog nach Hause,
um sich umzuziehen und von dort direkt zum General zu fahren; ihm wollte
er die Unverschämtheit der deutschen Handwerker in den glühendsten
Farben schildern. Zu gleicher Zeit wollte er auch eine schriftliche
Klage beim Generalstab einreichen: falls aber die angesetzte Strafe
nicht genügend streng ausfallen sollte, wollte er die Sache vor alle
Instanzen bringen.
Allein dies alles fand einen ganz merkwürdigen Abschluß: unterwegs trat
er in eine Konditorei, aß zwei Kuchen aus Blätterteig, warf einen Blick
in die Zeitschrift »Die Nordische Biene« und verließ das Lokal schon
weniger wütend und aufgebracht. Der recht angenehm frische Abend lud ihn
dazu ein, etwas auf dem Newsky auf und ab zu gehen; gegen neun Uhr hatte
er sich so weit beruhigt, daß er fand, am Sonntag ginge es nicht gut,
den General zu belästigen, auch würde er ihn wohl schwerlich zu Hause
treffen, daher begab sich Piragow zu einer Soiree bei dem Chef der
Kontrollbehörde, wo sich ein sehr netter Kreis von Beamten und
Offizieren seines Regiments zusammenfand. Er verbrachte den Abend sehr
angenehm und zeichnete sich bei der Mazurka so aus, daß nicht nur die
Damen, sondern auch die Herren ganz begeistert waren.
Als ich vorgestern auf dem Newsky einherschlenderte und mich dieser
beiden Ereignisse erinnerte, dachte ich so bei mir: »Wie herrlich
eingerichtet ist doch unsere Welt! Wie merkwürdig, wie unbegreiflich
spielt doch das Schicksal mit uns; erreichen wir je, was wir wünschen?
erlangen wir je, was die Bestimmung unserer Kräfte und Fähigkeiten zu
sein scheint? es kommt immer anders, als man glaubt. Dem einen beschert
das Schicksal die herrlichsten Pferde, er aber fährt gleichgültig
spazieren, ohne ihre Schönheit zu bemerken, während ein anderer, dessen
Herz vor Leidenschaft für Pferde glüht, zu Fuß geht und sich damit
begnügen muß, mit der Zunge zu schnalzen, wenn ein schöner Rappe an ihm
vorüberjagt. Ein dritter hat einen ausgezeichneten Koch, aber leider
einen so kleinen Mund, daß er nicht mehr als zwei Stückchen
hineinstopfen kann, sein Freund dagegen hat ein Maul von der Größe des
Generalstabstors und muß sich, ach! mit einem simpeln deutschen
Kartoffelgericht begnügen. Wie sonderbar spielt doch das Schicksal mit
uns!«
Aber am seltsamsten ist doch das, was auf dem Newsky zu geschehen
pflegt. Oh! traut ihm nicht, diesem Newsky-Prospekt! Ich hülle mich
immer fester in meinen Mantel, wenn ich über diese Straße gehe und gebe
mir die größte Mühe, mich um keins der Dinge zu kümmern, die mir dort
begegnen. Dort ist alles Trug, alles ist nur ein Traum, und nichts ist
das, als was es erscheint. Sie glauben vielleicht, dieser Herr, der dort
in einem feinen Rock daherkommt, sei sehr reich: keineswegs; der ganze
Kerl besteht aus nichts anderem, als aus diesem Rock. Sie bilden sich
ein, daß diese beiden Dickwänste, die dort vor der im Bau begriffenen
Kirche stehen, über ihren Stil reden -- kein Gedanke. Sie sprechen
darüber, welch seltsame Pose zwei Krähen einnehmen, die auf ihrem Giebel
einander gegenübersitzen. Sie glauben wohl, daß jener Enthusiast, der
mit den Händen gestikuliert, davon spricht, wie seine Frau einem ihm
ganz unbekannten Offizier durch das Fenster eine Papierkugel an den Kopf
geworfen hat -- durchaus nicht, er redet über Lafayette. Sie meinen
wirklich, daß diese Damen ... ach, den Damen sollten Sie überhaupt nicht
trauen! Blicken Sie auch weniger in die Schaufenster hinein: die dort
ausliegenden Nichtigkeiten sind vielleicht sehr schön, aber sie
schmecken mächtig nach einigen Hundertrubelscheinen. Vor allem aber möge
Gott Sie davor bewahren, den Damen unter die Hüte zu gucken! Wie
verlockend auch abends der Mantel einer Schönen im Winde flattert, auf
keinen Fall würde ich ihr aus Neugierde nachgehen. Halten Sie sich fern,
um Gottes willen, halten Sie sich möglichst fern von der Laterne und
gehen Sie schnell, so schnell wie möglich, vorüber! Sie können noch von
Glück sagen, wenn Ihnen nur ein häßlicher Fettfleck auf Ihren eleganten
Rock tropft. Aber auch abgesehen von der Laterne, überall lauert der
Betrug auf Sie. Der Newsky-Prospekt ist immer voller Lug und Trug, am
meisten jedoch dann, wenn die Nacht wie ein dichtes Gewölk auf ihn
niedersinkt und die weißen und hellgelben Mauern der Häuser hervortreten
läßt, wenn die ganze Stadt in Lichterglanz erstrahlt und gleichsam vom
Donner erdröhnt, wenn Myriaden von Equipagen über die Brücken rollen,
die Vorreiter schreiend auf den Pferden vorbeigaloppieren, und wenn
Satan eigenhändig die Lampen anzündet, nur um alles in einem
übernatürlichen Licht erscheinen zu lassen.
IV
Über die kleinrussischen Lieder
Erst in den letzten Jahren, in der Zeit, wo das Streben nach
Originalität und nach einer eigenartigen nationalen Poesie erwacht ist,
haben die kleinrussischen Lieder, die der gebildeten Welt bis dahin ganz
unbekannt und nur im Volke lebendig waren, die Aufmerksamkeit auf sich
gelenkt. Bis dahin war nur ihre bezaubernde Musik dann und wann in die
höheren Kreise gedrungen, die Worte aber waren ganz unbeachtet geblieben
und hatten niemandes Neugierde geweckt. Ja, selbst die Melodien wurden
niemals in vollständiger Fassung mitgeteilt. Irgendein talentloser
Komponist zerstückelte sie mitleidlos und fügte sie in seine eigenen
gefühllosen, plumpen Schöpfungen ein.[7] Aber die allerschönsten Stimmen
und Lieder haben nur die Steppen der Ukraine vernommen: nur hier
erklingen sie unter dem Dache niedriger Lehmhütten, die von Maulbeer-
und Kirschbäumen umstanden sind, im Glanze der Morgensonne mittags und
abends, während die zitronengelben Garben des Weizens unter der Sichel
der Schnitter hinsinken, und nur hin und wieder wird der Gesang
unterbrochen durch den Schrei der Steppenmöwe, durch das Lied zahlloser
Scharen von Lerchen und den ängstlichen Schlag der Golddrossel.
[Fußnote 7: Übrigens dürfen sich die Freunde der Musik und der Poesie
beruhigen. Vor kurzem hat Maximowitsch eine vortreffliche Sammlung
dieser Lieder herausgegeben, die von Aljabjew für Gesang gesetzt sind.]
Ich will mich nicht über die Bedeutung der Volkslieder auslassen. Sie
sind die lebendige, leuchtende, farbige Geschichte des Volks, die
Wahrheit, die das ganze Leben einer Nation bloßlegt. Wenn dies Leben
tatkräftig, wechselvoll, frei und eigenartig und von Poesie erfüllt war,
und wenn dies Volk trotz seiner Vielseitigkeit keine höhere Zivilisation
erreicht hat, dann lebt sich all sein Feuer, all seine herrliche,
jugendliche Kraft in den Volksliedern aus. Sie sind ein Grabdenkmal
seiner Vergangenheit -- ja mehr als ein Grabdenkmal: ein mit einem
beredten Relief geschmückter und mit einer historischen Aufschrift
versehener Stein ist nichts im Vergleich mit dieser lebenden, redenden
und von der Vergangenheit kündenden Chronik. In dieser Beziehung
bedeuten die Volkslieder für Kleinrußland alles: seine Poesie, seine
Geschichte und das Grab seiner Väter. Wer nicht in die Tiefen dieser
Lieder gedrungen ist, der wird nichts von der Vergangenheit dieses
blühenden Stückes Rußland erfahren. Der Historiker darf in ihnen nicht
Hinweise auf Tage und Daten von Schlachten, genaue Ortsbeschreibungen
oder wahrheitsgetreue Berichte suchen; in dieser Beziehung werden ihn
nur die wenigsten Lieder weiterbringen. Wenn er aber das wahre Wesen,
die Elemente des Charakters, alle Schwankungen und Nuancen des Gefühls
und alles dessen, was ein bestimmtes Volk bewegt, seiner Leiden und
Freuden ergründen, wenn er den Geist vergangener Zeitalter, den
allgemeinen Charakter des Ganzen und jedes einzelnen Teiles erforschen
will, dann wird er in jeder Beziehung befriedigt sein; die Geschichte
des Volks wird sich ihm in einer leuchtenden Größe offenbaren.
Die kleinrussischen Lieder können mit vollem Recht historisch genannt
werden, weil sie sich nicht einen Augenblick vom Leben entfernen und
stets den historischen Moment und den geschichtlichen Zustand treu
widerspiegeln. Sie alle sind von der schrankenlosen Freiheit des
Kosakenlebens durchdrungen und durchflutet. Aus allem redet die Kraft,
der Frohsinn, die Seelenstärke, mit der der Kosak den sorglosen Frieden
des Familienlebens aufgibt, um sich in die Poesie der Schlachten, in
Gefahren und zügellose Gelage mit den Kameraden zu stürzen. Weder die
dunkelbrauige Freundin mit ihrer strahlenden Frische, ihren braunen
Augen, dem blendenden Glanz ihrer Zähne, die in hingebender Liebe dem
Roß in die Zügel fällt, noch die Tränenbäche vergießende alte Mutter,
deren ganzes Dasein in dem einen Gefühl der Mutterliebe aufgeht, --
nichts hat die Macht, ihn zurückzuhalten. Eigensinnig und
unerschütterlich eilt er in die Steppe und ins Lager der Kameraden
hinaus. Die Gesellschaft seiner Kumpane, der lebenslustigen Raubritter,
ersetzt ihm alles -- Weib, Mutter, Schwestern und Brüder. Die Bande
dieser Brüderschaft gehen ihm über alles und sind noch stärker als die
Liebe. Das Schwarze Meer leuchtet, die herrliche unermeßliche Steppe vom
Taman bis zur Donau -- dieser wilde Ozean von Blüten wogt unter dem
Hauch des Windes. In der unendlichen Tiefe des Himmels verschwinden
Schwäne und Kraniche. Der sterbende Kosak liegt mitten in der Kühle
dieser jungfräulichen Natur hingestreckt da, er nimmt seine letzte Kraft
zusammen, um nicht zu sterben, ohne noch einmal seinen Kameraden einen
Blick nachgesandt zu haben.
Denn wohl wußte es das Kosakenhaupt,
Daß es nicht fern vom Kosakenheer sterben würde.