IX

Es schien fast, als sollte die Existenz dieses Volkes ewig sein. Es

verminderte sich nie, die Ausscheidenden, die Erschlagenen und

Ertrunkenen wurden immer wieder ersetzt. Dieses fröhliche Leben übte

seine Anziehungskraft auf jedermann aus. Das war ja noch jene poetische

Zeit, wo man mit dem Säbel in der Hand alles erreichen konnte, und wo

jeder einzelne nicht Zuschauer, sondern handelnde Person sein wollte.

Die Kolonie nahm allmählich einen ganz eigenartigen, allgemeinen

Charakter an, aus ihr bildete sich eine eigene Nationalität heraus, und

je näher das XV. Jahrhundert herankam, desto mehr vergrößerte sie sich

durch neuen Zuzug. Allmählich entstanden ganze Flecken und Dörfer mit

Häusern, die von Familien bewohnt wurden, und sich in der Nähe dieses

trotzigen Bollwerks ansiedelten, um unter der Bedingung gewisser

Verpflichtungen ihren Schutz zu genießen. So geschah es, daß das Land um

Kiew herum verödete, und sich dagegen am jenseitigen Ufer des Dnjepr

immer mehr und mehr bevölkerte. Durch die Berührung und den Verkehr mit

den Kosaken wurden auch die verheirateten Männer, die Familienväter,

allmählich immer kriegerischer gesinnt. Der Säbel und der Pflug

schlossen Freundschaft untereinander und fanden sich bei jedem Landmann

zusammen. Verwegene Hagestolze fingen an, nicht nur Gold, Geld und

Rosse, sondern auch Tatarenfrauen und -töchter zu rauben, die sie

nachher heirateten. Durch diese Vermischung erhielten die Gesichter, die

ehemals einen recht verschiedenartigen Völkertypus aufwiesen, eine mehr

gleichartige asiatische Physiognomie. Und so entstand ein Volk, das

seinem Glauben und seinem Wohnort nach zu Europa gehörte, aber nach

seinen Sitten, nach seiner Tracht und Lebensweise vollkommen asiatisch

war, ein Volk, in dem zwei verschiedene Weltteile zusammentrafen, und

zwei völlig anders geartete Elemente sich untereinander mischten:

europäische Vorsicht und asiatische Sorglosigkeit, Treuherzigkeit und

Verschlagenheit, kräftige Aktivität und grenzenlose Trägheit und

Verzärtelung, das Streben nach Fortschritt und Vervollkommnung -- und

zugleich der Wunsch sich den Anschein zu geben, als verachte man

jeglichen Fortschritt und jede Vervollkommnung.

1832.

VI

Einige Worte über Puschkin

Bei dem Namen Puschkin steigt sofort der Gedanke an Rußlands nationalen

Dichter auf. Und in der Tat -- es gibt keinen unter unseren Dichtern,

der höher stände, keiner kann mit mehr Recht national genannt werden,

als er. Daher gebührt dieser Titel vor allem _ihm_, wie keinem andern.

In ihm ist, wie in einem Wörterbuch, der ganze Reichtum, die ganze Kraft

und Geschmeidigkeit unserer Sprache niedergelegt. Er hat mehr, denn je

ein anderer, ihre Grenzen erweitert und uns ihre gewaltigen Dimensionen

offenbart. Puschkin ist eine ganz außerordentliche Erscheinung, ja

vielleicht die erste und einzige, die der russische Geist hervorgebracht

hat, das ist der russische Mensch in seiner höchsten und letzten

Ausprägung, wie er sich uns vielleicht erst in zwei Jahrhunderten

darstellen wird. In ihm spiegelt sich die russische Natur, die russische

Seele, die russische Sprache und der russische Charakter in einer solch

reinen sublimen Schönheit, wie eine Landschaft auf der konvexen

Oberfläche eines optischen Glases.

Schon sein Leben war echt russisch. Die freie Ungebundenheit und Fülle,

nach der es den Russen verlangt, wenn er sich für einen Augenblick

selbst vergißt, und die eine so starke Anziehungskraft auf die frische

russische Jugend besitzt, sind auch für die ersten Jahre

charakteristisch, während der er die große Welt betritt. -- Wie mit

Absicht führte ihn das Schicksal gerade dorthin, wo die Grenzen Rußlands

durch Schroffheit und charaktervolle Majestät der Natur bezeichnet

werden, wo die grenzenlose russische Ebene vom Südwind umfächelt und von

steil in die Wolken ragenden Bergen unterbrochen wird. Der gigantische,

mit ewigem Schnee bedeckte Kaukasus, der mitten aus der heißen südlichen

Ebene emporsteigt, machte einen tiefen Eindruck auf ihn, man kann sagen,

er erweckte die Kräfte seiner Seele und sprengte die letzten Ketten, die

den freien Gedanken noch beschwerten. Das poesievolle, zügellose Leben

der verwegenen Bergbewohner, ihre ständigen Zusammenstöße und ihre

plötzlichen unwiderstehlichen Überfälle entzückten ihn. Und seit jener

Zeit erhielt sein Pinsel jenen wunderbaren Schwung und jene Kühnheit,

die das ganze Rußland, das erst eben zu lesen begonnen hatte, so tief

ergriff. Wenn er den Kampf eines Tschetschenzen mit einem Kosaken

schildert, dann sind seine Worte wie Blitze; sie funkeln wie eine blanke

Säbelklinge und stürmen schneller dahin, als die Wogen der Schlacht. Nur

er versteht es, den Kaukasus zu besingen; er ist mit seiner ganzen

Seele, mit allen seinen Sinnen in ihn verliebt; er ist ganz erfüllt,

ganz durchdrungen von der Schönheit seiner Landschaft, vom südlichen

Himmel, von den herrlichen, Grusischen Ebenen, von den berauschenden

Nächten und Gärten der Krim. Das macht wohl, daß er in all seinen Werken

da am wärmsten und feurigsten ist, wo seine Seele vom Hauch des Südens

getroffen wird. Unwillkürlich setzt er hier seine ganze Kraft ein, und

daher übten auch seine Schöpfungen, die, vom Kaukasus handelnd, vom

freien Leben der Tscherkessen und den Nächten der Krim erfüllt sind,

jenen herrlichen magischen Zauber aus; selbst die, denen es an Geschmack

fehlte, und deren geistige Fähigkeiten nicht ausreichten, um ihn zu

verstehen, waren von ihnen entzückt. Das Kühne ist am leichtesten

verständlich, es weitet die Seele mächtig und gewaltig aus, vor allem

die der Jugend, die es immer nach Ungewöhnlichem dürstet. Kein einziger

Poet in ganz Rußland hatte ein so beneidenswertes Schicksal wie

Puschkin. Der Ruhm keines einzigen hat sich so schnell verbreitet, wie

der seine. Alle fühlten sich verpflichtet, bei jeder passenden oder

unpassenden Gelegenheit einige von den herrlichen, glänzenden

Stellen aus seinen Werken zu zitieren, oder doch wenigstens zu

verballhornisieren. Schon sein Name allein hatte etwas Elektrisierendes;

ein müßiger Tintenkleckser brauchte ihn nur in einer seiner Arbeiten zu

erwähnen, und sie wurde überall gelesen[3].

Schon bei seinem ersten Auftreten war er durch und durch national; denn

die wahre Nationalität besteht ja nicht in der Beschreibung eines

russischen Sarafans, sondern in dem Geist eines Volkes. Ein Dichter kann

auch dann noch national bleiben, wenn er ganz fremde Welten darstellt,

nur muß er sie mit seinen Augen durch sein nationales Element hindurch,

mit den Augen seines Volkes anschauen, er muß so reden und fühlen, daß

seine Landsleute meinen, sie seien es selbst, die so fühlten und

redeten. Wenn man von den Eigenschaften sprechen will, die die Vorzüge

Puschkins im Vergleich mit anderen Schriftstellern bilden, so muß man

sagen, daß sie in der außergewöhnlichen Kürze seiner Schilderungen und

in der seltenen Kunst liegen, einen Gegenstand mit ein paar Strichen zu

zeichnen. Seine Epitheta sind so kühn und treffend, daß sie oft eine

lange Umschreibung ersetzen, sein Pinsel stürmt förmlich dahin. Ein

kleines Werk von ihm ist stets ebensoviel wert, wie eine ganze große

Dichtung. Man kann kaum von einem anderen Dichter sagen, daß bei ihm in

einem kleinen Stücke so viel Größe, Schlichtheit und Kraft enthalten

sei, wie bei Puschkin. Aber seine letzten Werke, die er in der Zeit

verfaßte, als der Kaukasus mit seiner schroffen Majestät, mit seinen

mächtigen in die Wolken ragenden Gipfeln seinen Blicken entschwunden

war, als er sich ins Herz Rußlands zurückzog und sich tiefer in die

schlichte Ebene, in das Studium des Lebens und der Sitten seiner

Landsleute versenkte, als er ein echt nationaler Dichter sein wollte --

diese seine letzten Dichtungen überraschten nicht mehr durch die

Farbenpracht und die blendende Kühnheit, die all seine Werke erfüllte,

wenn er vom Elbrus, von den Bergvölkern des Kaukasus, von der Krim und

Grusien erzählte.

[Fußnote 3: Unter Puschkins Namen wurden auch eine Reihe abgeschmackter

Verse verbreitet. Das ist das gewöhnliche Los des Talents, dessen Name

bekannt und berühmt ist. -- Anfangs lacht man darüber, aber später fängt

man an, sich zu ärgern, wenn man über die erste Jugend hinaus ist und

sieht, daß diese Torheiten kein Ende nehmen. Schließlich schrieb man

Puschkin sogar Werke wie »Das Cholera-Mittel«, »Die erste Nacht« und

ähnliche zu.]

Ich glaube, diese Erscheinung ist nicht schwer zu erklären. Alle Leser,

die gebildeten und ungebildeten waren von seiner kühnen Pinselführung

und dem Zauber seiner Bilder entzückt und verlangten stürmisch, er solle

volkstümliche und historische Themata zum Gegenstand seiner Poesie

machen, sie vergaßen, daß man doch unmöglich das ruhige und weniger von

Leidenschaften erfüllte russische Leben mit denselben Farben malen

konnte, wie die Berge des Kaukasus und seine freien Bewohner. Die Masse

des Publikums, die sozusagen die Nation ausmacht, ist sehr seltsam in

ihren Anforderungen und Wünschen; sie schreit: »Schildere uns, so wie

wir sind, völlig wahrheitsgetreu, stelle die Taten unserer Ahnen dar,

und zwar so, wie sie sich wirklich vollzogen haben.« Aber, wenn es der

Dichter dann versucht, ihrem Ruf Folge zu leisten, und alles

wahrheitsgetreu, d. h. ganz so wie es sich abspielte, zu schildern, dann

heißt es gleich: »Das ist matt, das ist schwach, das ist schlecht, es

entspricht durchaus nicht der Wahrheit.« Die Masse des Volkes gleicht in

dieser Hinsicht einer Dame, die bei einem Maler ein Porträt bestellt,

und den Wunsch äußert, er solle es so ähnlich wie möglich machen; aber

weh ihm, wenn er es nicht versteht, alle ihre Fehler zu verhüllen! Die

russische Geschichte nimmt erst in ihrer letzten Epoche unter den Zaren

eine große Lebhaftigkeit an; bis dahin war der Charakter des Volkes

meist recht farblos, die verschiedenen Abstufungen der Leidenschaften

waren ihm unbekannt. Den Poeten trifft keine Schuld; aber auch dem Volk

kann man sein Gefühl nicht übelnehmen, das es verleitet, den Taten

seiner Vorfahren größeren Wert beizulegen. Daher hat der Poet zwei

Möglichkeiten: entweder sein Pathos höher emporzuschrauben, dem

Schwächlichen größere Kraft einzuflößen, mit Feuer von Dingen zu reden,

die in sich selbst keine starke innere Wärme haben, dann ist die Masse

seiner Verehrer, die Masse des Volks auf seiner Seite und zugleich mit

ihr das Geld; oder er muß der Wahrheit treu bleiben, groß sein, wo auch

das Thema groß ist, kühn und schroff sein, wo wahrhafte Kühnheit und

Schroffheit sich zeigt, ruhig und still bleiben, wo auch die Ereignisse

nicht sieden und brodeln. Dann aber kann er der Masse »Lebewohl« sagen.

Sie wird ihm nicht zujubeln, es sei denn, daß der Gegenstand, den er

darstellt, schon an und für sich so groß und gewaltig ist, daß er einen

allgemeinen Enthusiasmus entfachen muß. Der Dichter vermied den ersten

Weg, eben weil er Dichter bleiben wollte, und weil ein jeder, der nur

einen Funken des heiligen Berufes in sich fühlt, ein so feines Empfinden

hat, das es ihm nicht erlaubt, sein Talent durch solche Mittel zu

offenbaren. Niemand wird leugnen, daß ein wilder Bergbewohner mit seiner

kriegerischen Tracht, der so frei wie die Freiheit selbst, der sein

eigener Herr und Richter ist, einen viel stärkeren Eindruck macht, als

irgendein Assessor; und obgleich der erstere seinen Feind getötet,

nachdem er ihm in einer Felsspalte auflauerte, oder ein ganzes Dorf

niedergebrannt hat, so erscheint er uns doch viel bedeutender und

interessanter und erweckt immer in weit höherem Grade Mitleid, als unser

Beisitzer in seinem fadenscheinigen, mit Tabakflecken beschmutzten

Frack, der, ohne es zu wollen, nur auf dem Wege von allerhand

Nachforschungen und Nachprüfungen eine Reihe von allen möglichen

Leibeigenen und Freien ins Elend gebracht hat.

Aber der eine wie der andere sind beides Erscheinungen, die unserer Welt

angehören; sie haben beide ein Anrecht auf unsere Aufmerksamkeit, obwohl

aus einem ganz natürlichen Grunde das, was wir seltener sehen, unsere

Phantasie weit stärker erregt, und so ist der Umstand, daß der Dichter

das Gewöhnliche dem Ungewöhnlichen vorzieht, nichts anderes als eine

falsche Rechnung des Dichters -- eine falsche Rechnung gegenüber seinem

zahlreichen Publikum -- aber freilich nicht gegenüber sich selbst.

Dadurch verliert er nicht, nein, er gewinnt vielleicht sogar noch an

Wert, allerdings wohl nur in den Augen einiger weniger Sachkundiger. Bei

dieser Gelegenheit fällt mir eine Geschichte aus meiner Kindheit ein.

Ich hatte immer eine gewisse Leidenschaft für die Malerei. Ich

interessierte mich besonders für eine Landschaft, die ich gemalt hatte,

und in deren Vordergrunde sich ein verdorrter Baum erhob. Ich lebte

damals auf dem Lande, die Kunstkenner und die Richter, die über mich zu

urteilen hatten, waren meine Nachbarn. Einer von ihnen warf einen

prüfenden Blick auf das Bild, schüttelte den Kopf und sagte: -- »Ein

guter Künstler wählt sich immer einen schönen, schlanken Baum mit

jungen, frischen Blättern und nicht einen vertrockneten.« In meiner

Kindheit verdroß es mich, solche Urteile zu hören, aber später habe ich

daraus eine Lehre gezogen: man muß wissen, was der Masse gefällt und was

ihr nicht gefällt. Die Werke Puschkins, die aus der russischen Natur

herauswachsen, sind ebenso still und leidenschaftslos, wie die russische

Natur. Nur der kann sie ganz verstehen, dessen Seele wahrhaft russische

Elemente in sich trägt, der Rußland seine Heimat nennt, dessen Geist so

zart organisiert ist und dessen Gefühl so fein zu empfinden gelernt hat,

daß er die scheinbar unbedeutenden russischen Lieder und den russischen

Geist nachempfinden kann; denn je alltäglicher der Gegenstand ist, desto

höher muß der Dichter stehn, um aus ihm das Ungewöhnliche an die

Oberfläche zu ziehen, und zwar so, daß dieses Ungewöhnliche zugleich die

lauterste Wahrheit darstellt. In der Tat: sind Puschkins letzte Werke

auch in ihrem ganzen Werte erkannt worden? Hat auch nur einer den Boris

Godunow richtig verstanden und seine Bedeutung begriffen, dieses große

und tiefe Werk, voll innerer, unnahbarer Poesie, das jeden groben,

bunten Schmuck verschmäht, der der Masse ins Auge sticht. Jedenfalls ist

nie ein richtiges Urteil über diese Werke gedruckt worden, und sie sind

bis heute so gut wie unbeachtet geblieben.

In seinen kleinen Schriften, dieser herrlichen Anthologie ist Puschkin

außerordentlich vielseitig, hier erscheint er noch umfassender und

bedeutender als in seinen Dichtungen. Einzelne von diesen kleinen Werken

haben etwas so Packendes und Blendendes, daß sie ein jeder verstehen

kann, aber der weitaus größte Teil unter ihnen, und zwar die

allerschönsten erscheinen der großen Masse unbedeutend und gewöhnlich.

Um sie zu verstehen, muß man einen ganz besonderen Spürsinn und einen

viel feineren Geschmack haben, als ihn ein Mensch besitzt, auf den nur

die allergrößten und hervorstechendsten Züge wirken. Hierzu muß man der

groben, schweren Speisen längst überdrüssig, man muß in gewissem Maße

Sybarit sein, dem nur kleine Vögel von der Größe eines Fingerhuts oder

solche Gerichte Genuß gewähren, deren Geschmack dem fade, seltsam und

unangenehm erscheinen muß, der an die Gerichte seines Kochs, eines

Leibeigenen vom Lande, gewöhnt ist. Diese Sammlung seiner kleinen

Gedichte stellt eine Reihe blendender Bilder dar. Es ist jene klare

Welt, erfüllt von jenen Zügen, die nur den Alten bekannt waren, jene

Welt, in der die Natur so lebendig zu uns spricht und sich so hell

wiederspiegelt, wie in der silbernen Flut eines Flusses, aus dem

plötzlich ein blendendweißer Nacken, schneeweiße Hände und ein

Alabasterhals, umschattet von nachtschwarzen Locken -- oder kristallene

Trauben, Myrten und schattige Haine leuchtend emportauchen, als wären

sie für das Leben geschaffen. Hier ist alles beisammen: Genuß, Einfalt

und ein plötzlicher Höhenflug des Gedankens, der die begeisterte Seele

des Lesers plötzlich mit heiligem Schaudern umfängt.

Das sind keine Kaskaden einer Rhetorik, die nur durch Wortreichtum

gefällt und in denen ein jeder Satz nur deshalb so wuchtig wirkt, weil

er sich mit andern verbindet und durch das Getön der ganzen Masse

betäubt, aber einzeln betrachtet, schwach und inhaltsleer erscheint.

Hier fehlt jede Beredsamkeit, hier gibt es nur Poesie. Es fehlt jeder

äußere Glanz, alles ist einfach, anständig, von nur innerer Klarheit

erfüllt, die sich jedoch nicht sofort offenbart. Hier ist alles

lakonisch, wie die wahre Poesie es immer ist. Es sind immer nur wenige

Worte, aber sie sind so treffend, daß sie alles sagen. In jedem Worte

liegt ein ganzer unendlicher Abgrund beschlossen, jedes Wort ist so

unerschöpflich wie der Dichter selbst. So kommt es, daß man diese

kleinen Werke immer wieder liest, während dieser hohe Vorzug einem Werke

fehlt, in dem der Grundgedanke allzu klar hervorleuchtet. Es war mir

immer merkwürdig, Urteile von Männern, die den Ruf von Kunstkennern und

Literaten hatten, über diese Werke zu hören; hatte ich ehemals doch viel

auf sie gegeben, ehe ich ihre Ansichten über diesen Gegenstand kennen

gelernt hatte. Man kann diese kleinen Werke einen Prüfstein nennen, an

dem man den Geschmack und das ästhetische Gefühl des Kritikers messen

kann. Aber seltsam! Man sollte meinen, diese Gedichte müßten jedem

verständlich sein! Sie sind so schlicht und zugleich erhaben, so glühend

und leuchtend, so sinnlich und zugleich doch wieder so kindlich rein.

Wie könnte man sie nicht verstehen? Aber ach, es ist eine

unerschütterliche Wahrheit: je mehr ein Poet ein wahrer Dichter ist, je

mehr er nur die Gefühle darstellt, die nur ein Dichter kennt und

empfindet, um so handgreiflich kleiner wird der Kreis der ihn umgebenden

Menge, ja er wird schließlich so eng, daß man zuletzt die Zahl seiner

wahren Bewunderer an den Fingern abzählen kann.

1832.

VII

Über die Architektur unserer Zeit

Ich werde immer traurig, wenn ich die neuen Bauten sehe, die

unaufhörlich vor unseren Augen entstehen, für die Millionen

verschleudert werden und von denen nur die allerwenigsten den erstaunten

Blick durch Größe des Entwurfs, Eigenart und Kühnheit der Phantasie,

oder auch nur durch die Pracht und die blendende Buntheit der Ornamente

fesseln. Und unwillkürlich drängt sich einem der Gedanke auf: sollte die

große Epoche der Architektur wirklich endgültig dahin sein? sollten

wirklich Genialität und Größe nie wieder bei uns einkehren? oder sind

das Vorzüge, die nur jungen von Energie und Enthusiasmus erfüllten

Völkern eigen sind, die noch nichts wissen von der langweiligen und

leidenschaftslosen Bildung? Warum erheben sich aber dann jene Völker,

auf die wir in unserer Selbstzufriedenheit so geringschätzig herabsehen

und denen wir kaum einen Platz in der Weltgeschichte einräumen wollen,

durch die Schöpfungen ihres finsteren und durch keinen Funken von Wissen

erleuchteten Verstandes so hoch über uns? Warum sind denn dann die

kolossalen Statuen der Inder so ungeheuer und grandios, warum sind die

Baudenkmäler der Araber so herrlich und prächtig? Und wie konnten in

Europa während des Mittelalters so viele Bauten von so wunderbarer Größe

entstehen? Wie ungern unterwirft man sich der Überzeugungskraft dieser

Überlegung, aber alles spricht dafür, daß sie wahr ist. Sie sind vorüber

-- diese Jahrhunderte, als noch der Glaube, der heiße inbrünstige Glaube

alle Gedanken, alle Geister und alles Tun und Trachten auf _ein_ Ziel

hinlenkte, als noch der Künstler beständig danach strebte, seine

Schöpfungen dem himmlischen Ideal immer mehr anzunähern; zu ihm allein

trieb es ihn und schon wenn er seiner ansichtig wurde, erhob er fromm

die zum Gebet gefalteten Hände. Seine Gebäude strebten zum Himmel empor,

die schmalen Fenster, die Säulen und Pfeiler und die hohen Gewölbe

streckten sich in die Höhe, durchbrochen und durchsichtig wie ein

Spitzengewebe, schwebte gleich einer Rauchsäule der spitze Turm darüber,

und der majestätische Dom erschien gegenüber den Wohnhäusern der

Menschen so gewaltig und erhaben, wie das Streben unserer Seele

gegenüber den Trieben unseres Leibes.

Es gab einst eine wunderbare christlich-europäisch-nationale Architektur

-- wir aber haben sie verlassen, aufgegeben und vergessen wie etwas

Fremdes und sie geringschätzig behandelt wie etwas Plumpes und

Barbarisches. Ist es da ein Wunder, daß sich Europa schon nach drei

Jahrhunderten eifrig auf alles mögliche stürzte, gierig alles Fremde

annahm, die herrliche antike römische und byzantinische Bauart

bewunderte und sie in seiner Weise verunstaltete; Europa wußte nicht,

daß es mitten in seinem Herzen Wunderdinge gab, mit denen verglichen

alles, was es bisher gesehen hatte, gering erscheint, es wußte nicht,

daß es einen Mailänder und Kölner Dom in sich beherbergte, und daß noch

heute die Steine des unvollendeten Turms vom Straßburger Münster

verwittern.

Die gotische Architektur, jener gotische Stil, der sich am Ende des

Mittelalters herausbildete, ist eine Schöpfung, wie sie der Geschmack

des Menschen und seine Phantasie noch niemals hervorgebracht hat. Mit

Unrecht will man sie von dem arabischen herleiten. Die Grundzüge dieser

beiden Stile gehen weit auseinander; von der arabischen Architektur

entnahm die gotische nur die Kunst, der schweren Masse eines Baus eine

gewisse Leichtigkeit zu verleihen und sie mit wunderbaren Ornamenten zu

schmücken, aber selbst der reiche Schmuck nahm bei ihr ganz andere

Formen an. -- Sie ist erhaben und umfassend wie das Christentum! Hier

finden wir alles vereinigt: einen Wald von schlanken, hoch über unsere

Häupter hinaufstrebenden Pfeilern, gewaltige, schmale Fenster in den

verschiedenartigsten Variationen und mannigfachen Rahmen und dazu diese

ungeheure, kolossale Masse, die durch eine bunte Menge kleiner Ornamente

belebt wird; diese leichten Spinngewebe des Schnitzwerks, das das Ganze

in sein Netz einhüllt, es von der Basis bis zur Turmspitze umspinnt und

mit ihm gen Himmel zu fliegen scheint: Majestät und Schönheit, Pracht

und Schlichtheit, Schwere und Leichtigkeit -- das sind Vorzüge, die nur

die Architektur der damaligen Zeit zu vereinigen verstanden hat. Wenn

man ins heilige Dunkel eines solchen Domes eintritt, wo das Licht

phantastisch durch bunt gemalte Scheiben bricht, und seine Augen dorthin

emporhebt, wo die mächtigen Pfeiler sich begegnen, kreuzen und

schließlich ganz zu verlieren scheinen, daß man ihr Ende nicht absieht,

dann ist es nur natürlich, daß man in seiner Seele unwillkürlich etwas

von dem Schauer der Gegenwart des Heiligen verspürt, an das selbst der

kühne Verstand nicht zu rühren wagt.

Doch -- sie ist verschwunden, diese herrliche Architektur! Als der

Enthusiasmus des Mittelalters erloschen war, als die Gedanken der

Menschen sich immer mehr zersplitterten und sich auf eine Menge anderer

Ziele richteten, als die Einheit und Ganzheit des einen Zieles

verschwand, da verschwand zugleich mit ihnen auch Größe und Erhabenheit.

Die Kräfte zersplitterten sich und wurden immer schwächer. Man begann

plötzlich auf allen Gebieten eine Menge der wunderbarsten Dinge zu

produzieren, aber etwas wahrhaft Großes, etwas Gigantisches gab es nicht

mehr. Eine Anzahl von Bewohnern des byzantinischen Reiches waren aus

ihrer, von den Muselmännern besetzten, lasterhaften Hauptstadt entflohen

und verdarben nun den Geschmack der Europäer und ihre kolossale

Architektur. Die Byzantiner hatten damals schon längst ihren klassischen

alten attischen Geschmack verloren, ja, sie hatten sich nicht einmal den

alten byzantinischen erhalten und brachten nur noch elende Reste ihres

degenerierten Stiles nach Europa mit. Sie versuchten es, die runden,

heidnischen, zauberischen, wollüstigen Formen ihrer Kuppeln und Säulen

dem Christentum anzupassen, aber sie machten das ebenso ungeschickt, wie

sie das Christentum ihrem heidnischen, altersschwachen und jeder

Spannkraft entbehrenden Leben angepaßt hatten. Die Kuppel streckte sich

empor und nahm eine fast eckige Gestalt an. Die schlanken Linien der

Giebel erschienen merkwürdig gebrochen und führten zu nichtssagenden

Formen. Die in dieser Weise verunstaltete byzantische Architektur

gelangte nach Europa, wo sie ihrerseits noch weiter verändert wurde,

weil die Europäer noch die ursprüngliche gotische Idee und Vorstellung

in ihrer Seele trugen, die der schwächlichen Vielseitigkeit der Griechen

so sehr widersprach. Damals entstanden jene massiven Paläste mit ihren

sinnlosen Säulen und Halbsäulen; das alles war zaghaft und kleinlich,

das war keine Pracht, sondern nur eine mißgestalte Schlichtheit. Eine

Menge mythologischer Köpfe und sinnloser Verzierungen, die an der

schweren Masse klebten, verliehen ihr darum doch keine Leichtigkeit,

milderten keineswegs ihre schroffen Linien durch einen Zusatz von

Zartheit und drückten keinen Gedanken aus. Das Streben nach oben, das

den schwersten Massen Leichtigkeit und Erhabenheit verliehen hatte, war

verschwunden. Statt dessen wuchsen sie jetzt in die Breite.

Aber die Kirchen, die im XVII. und im Anfang des XVIII. Jahrhunderts

gebaut wurden, lassen die Idee ihrer Bestimmung noch weniger erkennen.

Bei ihrem Anblick hat man, wie es scheint, dasselbe Gefühl, wie wenn ein

roher Mensch sich die Allüren eines feinen Weltmannes zu geben sucht. In

ihnen vereinigte sich die gerade Linie in geschmackloser Weise mit der

geschwungenen und krummen. Trotz der halbgotischen Form ihrer ganzen

Masse haben sie den gotischen Charakter ganz eingebüßt. Die Fenster sind

klein und stehen dicht gedrängt nebeneinander oder sie sind ohne jede

Harmonie auf eine große Fläche verteilt. Die Pilaster ziehen sich nicht

mehr durch die ganze Länge des Baues hin, sondern sind entweder oben

unter der Kuppel oder aber in der Mitte der Mauer angeklebt, sie sind

kurz, plump und tragen häufig noch ein zweites Stockwerk ebensolcher

kleiner und häßlicher Säulenreihen. Die Linie des Daches ist gleichfalls

gebrochen; dabei hält man häufig noch an dem gotischen Turm fest, aber

es ist nicht mehr der leichte, durchbrochene, durchsichtige Turm, der

unter der Hand der mittelalterlichen Künstler eine so ästhetische

Gestalt annahm. Jetzt ist er massiv, schwerfällig und strebt auch gar

nicht mehr zum Himmel empor. Alles, was an das längliche, aufstrebende

gotische Detail erinnerte, wurde nunmehr als geschmacklos verworfen.

Obgleich der Geschmack im Laufe des XVIII. Jahrhunderts etwas besser

wurde, haben wir darum noch nichts gewonnen; denn diese Besserung

vollzog sich innerhalb der Fesseln fremder Formen. Die gotische Schwere

wurde mit Recht verpönt, in ihrer Mischung mit der griechischen Form war

sie häßlich bis zur Unmöglichkeit. Jetzt begann man mit noch größerem

Eifer die Antike zu studieren. Aber man tat es, wie es ängstliche

Schüler tun, die die kleinsten Einzelheiten des Originals mit peinlicher

Sorgfalt kopieren und darüber die Idee des Ganzen vergessen. Man nahm

einzelne Teile heraus und klebte sie an die ungeheure Masse und überlud

diese mit ihnen, die dadurch einen bis dahin geradezu unerhörten Mangel

an Einheitlichkeit und Harmonie aufzuweisen begann. Die Säulen und

Kuppeln, die uns ehedem am meisten entzückt hatten, wurden bei jedem

Gebäude ganz ziel- und zwecklos und an jeder nur möglichen Stelle

angebracht. Sie bildeten nicht mehr den Grundgedanken des Bauwerks,

sondern nur noch seine Teile oder -- besser gesagt -- seinen Schmuck.

Wir vergrößerten die Dimensionen des Gebäudes immer mehr, während wir

die Kuppel im Verhältnis zum Ganzen immer kleiner werden ließen. Wir

betrachteten das Gebäude, das wir zum Modell gewählt hatten, nicht aus

einer gewissen Entfernung und durch das Vergrößerungsglas, sondern wir

sahen es aus der Nähe, und die Kuppel wurde ganz klein und verschwand

vor dem Ganzen. Und da wir nun dieses einsame Thronen hoch über dem

Gebäude als leer empfanden, so fügten wir schnell noch ein paar weitere

hinzu, setzten dem Gebäude noch einige Türme auf, die über sie

hinausragten, und die Kuppeln bekamen eine gewisse Ähnlichkeit mit

Pilzen. Die Kuppel, dieses schönste und herrlichste Produkt des

Geschmacks, wenn sie anmutig und leicht geschwungen das ganze Gebäude

beherrscht und strahlend mit ihrer wolkigen Oberfläche auf der ganzen

weißen Masse ruht, verschwand vollständig. Ich liebe die Kuppel, jene

wundervolle, gewaltige, schwach gewölbte Kuppel, die der reiche

Geschmack der Griechen im alexandrinischen Zeitalter und nach ihm im

Jahrhundert der Genußsucht und des Egoismus wieder erstehen ließ. Dieses

Jahrhundert einer raffinierten Lebenszerstückelung, das Jahrhundert der

leichten, duftigen Wollust, der Trägheit und Üppigkeit atmenden

Anthologie, wo ein jeder nur sich selbst angehörte, für sich selbst und

nicht für die Gesellschaft lebte, und wo über den herrlichen, prächtigen

öffentlichen Bädern sich überall diese Kuppel erhob, kühn geschwungen

wie das Himmelsgewölbe. Nichts kann die Masse der Häuser so selig und so

wundervoll krönen, wie eine solche Kuppel; aber sie darf nur über einem

Gebäude ruhn, das sich unermeßlich in die Breite dehnt und einen

möglichst großen Flächenraum umspannt. Sie muß auf seinem ganzen großen

Grundriß ruhn, sie muß heller als das Gebäude selbst und womöglich ganz

weiß sein. Dieses blendende Weiß verleiht ihrer leicht geschwungenen

Form einen unbegreiflichen Zauber und eine herrliche Fülle, und sie

rundet sich dann noch wunderbarer und luftiger im Himmelsblau. Noch

heute haben die Städte von Syrien und Äthiopien einen ganz

ungewöhnlichen Reiz, weil sich in ihnen noch einzelne Kuppeln dieser Art

erhalten haben. Und auch gegenwärtig noch kann man im Orient eine ganze

Menge von großartigen Exemplaren finden.

Der Portikus mit seinen Säulen, dieses leuchtende Erzeugnis des

harmonischen, attischen Geschmacks, der keinerlei Überbau über sich

duldete, ist uns gleichfalls verloren gegangen. Man kam nicht auf den

Gedanken, ihn ins Kolossale zu steigern, ihn über die ganze Breite und

Höhe des Gebäudes auszudehnen. Man hat ihn nicht in die Breite

entwickelt und auch nicht vergrößert, sondern man wandte ihn in seiner

gewöhnlichen Form an. Ist es da ein Wunder, daß Gebäude, die eines

mächtigen Portikus bedurft hätten, leer erschienen, da nur über den

Portalen einige auf Säulen ruhende Giebel angebracht wurden. Die in

Kirchen und Palästen über ihm aufgebauten Massen und Türme, die seinem

Charakter gar nicht entsprachen, erdrückten und vernichteten ihn

vollends. So ist auch ein Dichter, der kein großes Genie besitzt, stets

unzufrieden mit einem einfachen Sujet, und statt es neu zu entwickeln

und ins Große zu steigern, verkoppelt er es mit einer ganzen Reihe

anderer. Seine Dichtung wird durch die Buntheit der verschiedenen

Gegenstände nur belastet, aber es fehlt ihr an einem beherrschenden

Gedanken, und so bildet sie kein harmonisches Ganzes mehr.

Zu Beginn des XIX. Jahrhunderts begann sich plötzlich die Idee der

attischen Schlichtheit zu verbreiten, sie wurde -- wie das immer zu

geschehen pflegt -- zur Mode und legte ihren Stempel auf alles, selbst

auf die Kleider der Frauen, die sich in leichte nachlässige

Hetärengewänder verwandelten. Man hätte meinen können, die Zeit hätte

sich noch weiter in das Studium der Antike vertiefen und ihren Geist

noch umfassender ergründen müssen, und doch trug alles, was nach ihrem

Vorbild erbaut wurde, den Stempel des Kleinlichen und Miniaturhaften.

Man lernte wohl die Kunst, die Teile miteinander zu verbinden und zu

harmonisieren, nicht aber _die_, dem Ganzen Größe zu verleihen und ihm

die Proportion zu geben, die das Staunen und die Bewunderung des

Beschauers erregen konnte. Diese neue Strömung gab sich fast

ausschließlich in der Errichtung kleiner Lauben, Gartenpavillons und

ähnlichen Spielereien aus. Diese Dinge hatten wohl mancherlei Attisches

an sich, aber man mußte sie durch das Mikroskop betrachten. Bei großen

öffentlichen Gebäuden dagegen hielt man es nicht für nötig, sich von

diesem Stil leiten zu lassen; und so wurde dieser schließlich primitiv

und einfach bis zur Plattheit. Eine überaus schädliche Richtung in der

Architektur führte zu der Idee der Proportion, aber nicht zu der, die

ein Gebäude in Beziehung auf sich selbst, sondern nur zu der, die es in

Beziehung auf die es umgebenden Bauten haben muß. Das ist fast ebenso,

wie wenn ein Genie sich von allem Originellen und Ungewöhnlichen

fernhalten wollte, weil die gewöhnlichen Menschen sonst gar zu armselig

und unbedeutend erscheinen würden. Diese Proportionalität bestand auch

darin, daß ein Gebäude, so groß seine Dimensionen an sich auch sein

mochten, unbedingt klein erscheinen mußte. Man isolierte es und suchte

einen so gewaltigen und breiten Platz für es aus, daß es einen noch weit

unbedeutenderen Eindruck machen mußte. Es war fast so, als gölte es vor

allem, den Gedanken einzuprägen, daß das Große gar nicht groß sei, und

als wollte man die Achtung und die Andacht vor dem Großen gewaltsam in

der Seele ersticken und den Menschen gegen alles gleichgültig machen.

Man begann nun, allen städtischen Gebäuden eine ganz platte einfache

Form zu geben. Die Häuser suchte man einander so ähnlich wie möglich zu

machen, aber sie glichen mehr Scheunen und Kasernen, als heiteren

Wohnstätten von Menschen. Ihre ganz glatte Form gewann durchaus nicht an

Lebhaftigkeit durch die kleinen, regelmäßigen Fenster, die gegenüber dem

ganzen Gebäude das Aussehen von zusammengekniffenen Augen annahmen. Und

auf diese Architektur waren wir noch vor kurzem so stolz, hielten sie

für die höchste Blüte des Geschmacks und erbauten ganze Städte in ihrem

Stile. Wenn sich heutzutage jemand erkühnte, inmitten dieser glatten

einförmigen Häusermassen einen Bau zu errichten, der den Stempel eines

eigenartigen, scharf ausgeprägten Stiles trüge, oder unmittelbar neben

ein Gebäude im attischen Geschmack ein anderes gotisches zu setzen --

man würde ihn sicherlich für halb verrückt halten! Und darum haben ja

auch die neuen Städte gar keine Physiognomie: sie sind alle so

regelmäßig, so einförmig, so monoton; wenn man eine Straße kennen

gelernt hat, fühlt man sich schon gelangweilt und verspürt durchaus

keinen Wunsch, in eine zweite hineinzublicken. Das ist eine lange Reihe

von Mauern und weiter nichts! Vergebens sucht das Auge nach einem Punkt,

wo sich eine Mauer von der ununterbrochenen Reihe loslöst, in die Höhe

schießt und in kühn geschwungener Wölbung nach den Wolken strebt oder in

einen gewaltigen Turm ausmündet. Eine alte deutsche Stadt mit ihren

engen Gassen, ihren bunten Häusern und ihren hohen Glockentürmen bietet

ein Bild dar, das unserer Einbildungskraft weit mehr zu sagen hat;

selbst die Ansicht einer morgenländischen Stadt mit ihren hohen

schlanken Minaretts, ihren bunten orientalischen, ganz im Grün der

Gärten ertrinkenden Kuppeln hat weit mehr Charakter und strömt mehr

Poesie und Phantasie aus als unsere europäischen Städte mit ihrer

modernen Architektur.

Große und kolossale Türme gehören unbedingt zu einer Stadt, ganz

abgesehen von der großen Bedeutung, die sie für die christlichen Kirchen

haben -- sie bieten nicht nur einen schönen Anblick dar und dienen ihnen

nicht nur zum Schmuck, sie sind auch darum so notwendig, weil sie einer

Stadt ein scharfes charakteristisches Gepräge geben und die Rolle eines

Leuchtturms spielen, der jedem den Weg weist und ihn davor bewahrt, sich

zu verirren. Noch notwendiger sind sie für die Hauptstädte, da sie

günstige Punkte darbieten, von denen aus man die Umgebung beobachten

kann. Bei uns begnügt man sich gewöhnlich schon mit einer Höhe, die

gerade ausreicht, das Stadtbild zu überblicken. Und doch wäre es für

eine große Stadt von hervorragender Bedeutung, einen Überblick über eine

Fläche von mindestens 150 Werst in allen Richtungen zu haben. Dazu

würden wahrscheinlich schon ein oder zwei Stockwerke mehr genügen, und

das Bild würde sich sofort ändern, denn bei der Erhöhung des Standortes

nimmt die Peripherie des Horizontes in ungeheurer Progression zu. Die

Hauptstadt gewinnt damit einen großen Vorteil, wenn ihr der Überblick

über die Provinz gewährleistet wird und wenn sie die Dinge schneller

vorauszusehen vermag; ein Gebäude, das das gewöhnliche Maß übersteigt,

nimmt sogleich ein majestätisches Ansehen an. Auch der Architekt hat nur

Vorteil davon, denn die Größe des Baues spornt seine Begeisterung zu

höherem Fluge und regt seine Einbildungskraft lebhafter an.

Diese Richtung in der Architektur schien dagegen ihre Größe wie mit

Absicht verbergen zu wollen, während sie doch gerade ihre Raumwirkung um

so stärker hätte betonen sollen. Nein, das Gesetz der Größe ist ein

anderes: ein Gebäude muß sich fast unmittelbar über dem Haupte des

Beschauers bis ins Grenzenlose erheben, auf daß sich ein plötzliches

Staunen seiner bemächtige, und er muß kaum imstande sein, die ganze Höhe

mit den Augen auszumessen. Daher ist es immer besser, wenn ein Gebäude

auf einem kleinen Platze steht. In diesen darf eine Straße münden, so

daß man den Bau von ferne in perspektivischer Verkürzung übersehen kann;

in der Nähe aber muß er eine überwältigende Größe haben. Es ist auch

gut, wenn eine Straße an ihm vorbeiführt, wenn an seinem Eingangstor

Wagen donnernd vorüberrollen, wenn sich Menschen um ihn drängen und

durch ihre Kleinheit seine Größe noch gewaltiger erscheinen lassen. Gebt

nur dem Menschen mehr Raum, und er wird höher und stolzer emporblicken

auf die vor ihm liegenden Gegenstände. Alles wird ihm klein erscheinen.

Wir sind so seltsam konstruiert; unsere Nerven sind so merkwürdig

eingerichtet, daß nur das Plötzliche, das uns beim ersten Blick

Betäubende uns erschüttert. Daher muß die Höhe eines Gebäudes im

Verhältnis zum Platze, auf dem es steht, wachsen. Wenn es vom äußersten

Ende des Platzes aus klein erscheint und der Beschauer nicht in Staunen

und Verwunderung versetzt wird, sondern dazu erst näher herankommen muß,

dann ist es nichts mit dem Gebäude, und zugleich damit sind die Mühen

und die Kosten, die es verursacht hat, dahin.

Aber kehren wir zu der Schlichtheit des Stiles zurück, der unser XIX.

Jahrhundert beeinflußt hat. Selbst die Griechen fühlten es, daß die

ewigen geraden Linien und die vollkommene Schlichtheit bei einem Gebäude

gar zu platt wirken müssen, besonders wenn eine größere Anzahl solcher

Bauten nebeneinander stehen. Sie fühlten, daß die strenge Regelmäßigkeit

und Einfachheit unbedingt in der nächsten Umgebung irgendeinen Gegensatz

herausforderten, um originell zu wirken und aufzufallen. Und daher

überwölbten sie ihre Häuser mit einem Laubdach. Und in der Tat, das

blendende Weiß der geraden Wand oder des schlanken Giebels mit seinen

Säulen hebt sich überaus schön von dem grünen Dunkel des Laubes ab. Denn

es bildet einen Kontrast zu dem wolkigen Dickicht der Bäume, die ihre

Zweige fast immer unregelmäßig, aber darum um so schöner darüber

ausbreiten. Auch wenn ihre Gebäude von anderen Bauten umgeben waren und

mitten in der Stadt standen, empfanden sie dies Übermaß an Schlichtheit

und versuchten es daher, ihnen möglichst viel Abwechslung zu geben.

Zunächst dachten sie an die Natur und an Bäume; aber in der Stadt ist

der Baum ein teures Objekt, und so verfielen sie darauf, statt der

glatten dorischen Säulen immer häufiger korinthische mit Kapitälen aus

krausem Blattwerk zu verwenden; überhaupt kamen alle Völker instinktiv

darauf, ihre Gebäude mit Blättern oder Weinranken und -trauben oder

anderen Zieraten, die entfernt an Baumzweige erinnerten, zu schmücken.

Sie folgten dabei blind und unwillkürlich einer dunkeln Eingehung ihres

Geschmacks. In der gotischen Architektur spiegelt sich der Eindruck von

einem dunklen Urwaldgestrüpp, wo seit unvordenklichen Zeiten nie der

Schlag einer Axt ertönte, am deutlichsten wieder. Diese sich in

unendlichen Linien verlierenden Ornamente, dieses Netz durchbrochenen

Schnitzwerks ist nichts anderes als die ferne Erinnerung an den

Baumstamm mit seinen Ästen, Zweigen und Blättern. Daher stelle man ruhig

neben einen gotischen Bau eine griechische Architektur in ihrer

schlichten Anmut. Sie wird zwischen ihnen dastehen wie in einer Umgebung

von herrlichen, majestätischen Bäumen, und der griechische wie auch der

gotische Bau werden dadurch noch an Reiz gewinnen. Die höchsten Effekte

werden durch schroffe Gegensätze erzielt. Die Schönheit wirkt nie

glänzender und auffälliger als im Kontrast; ein Kontrast wirkt nur dort

häßlich, wo er das Produkt eines rohen Geschmacks oder richtiger des

Mangels an jeglichem Geschmack ist; wo er dagegen unter der Herrschaft

eines feinen und edlen Geschmackes steht, da ist er die Vorbedingung für

alles andere und da wirkt er in gleichem Maße auf alle Menschen. Die

einzelnen Teile stehen untereinander in einem harmonischen Verhältnis,

nach demselben Gesetz, nach dem die hellgelbe Farbe mit der

dunkelblauen, die weiße mit der hellblauen, die hellrote mit der grünen

usw. harmonieren.

Alles hängt vom Geschmack und von der Kunst der Gruppierung ab, nur muß

man es vermeiden, bei ein und demselben Gebäude verschiedene

Geschmacksrichtungen und Stile miteinander zu vermischen. Man lasse ein

jedes für sich ein Ganzes und Ursprüngliches bilden, dann darf der

Gegensatz zwischen diesen eigenartigen Individuen und ihr Verhältnis

zueinander schroff und kraftvoll sein. Je mehr Denkmäler der

verschiedensten Baustile eine Stadt aufzuweisen hat, um so interessanter

ist sie, um so häufiger wird sie die Aufmerksamkeit des Beschauers auf

sich lenken und ihn dazu veranlassen, bei jedem Schritt stehenzubleiben

und zu genießen. Wäre es denn etwa wünschenswert, daß der Spaziergänger

in einem englischen Garten statt der langen Reihe überraschender Bilder

immer nur denselben Weg wiederfände oder doch immer solche Alleen, die

durch ihre Ausblicke so sehr an schon früher Gesehenes erinnern, daß sie

einem längst bekannt vorkommen.

Wir bedürfen durchaus einer gewissen Toleranz; denn ohne sie ist in der

Kunst nichts zu erreichen. Alle Stilarten sind schön, wenn sie in _ihrer

Art_ schön sind. Jeder Stil, der glatte und massive der Ägypter, der

kolossale und bunte der Indier, der prächtige maurische Stil, der

finstere durchgeistigte gotische, der anmutige griechische Stil -- sie

alle sind schön, wenn sie der Bestimmung des Baues entsprechen. Sie alle

wirken majestätisch, wenn sie nur richtig verstanden werden.

Wenn man jedoch von mir verlangte, ich solle einem von diesen

verschiedenen Baustilen einen entschiedenen Vorzug geben, so würde ich

immer den gotischen wählen. Er ist rein europäisch, ein reines Erzeugnis

des europäischen Geistes -- und darum steht er uns auch am besten an.

Seine wunderbare Erhabenheit und Schönheit übertrifft alle andern, aber

ich flehe euch an, habt Mitleid mit ihm und verunstaltet und korrumpiert

ihn nicht. Blickt häufiger hin auf den berühmten Kölner Dom, -- da habt

ihr ihn in seiner ganzen Vollkommenheit und Majestät. Weder die Antike

noch die Moderne haben je ein herrlicheres Denkmal erschaffen. Ich ziehe

die gotische Architektur auch noch darum vor, weil sie den Künstlern

mehr Spielraum gewährt. Die Phantasie strebt lebendiger und feuriger in

die Höhe als in die Breite; daher darf man den gotischen Stil auch nur

bei Kirchen und solchen Bauten anwenden, die sich hoch zum Himmel

emporrecken. Die Linien und die der Gesimse entbehrenden gotischen

Pilaster müssen eng gedrängt das ganze Gebäude durchziehen. Keinesfalls

dürfen sie zu weit voneinander abstehen, und niemals darf die Länge des

Gebäudes seine Breite nicht mindestens um zwei- oder sogar dreimal

überragen. Denn dann vernichtet es sich selbst. Richtet es auf, wie es

dies verlangt, höher, immer höher, laßt seine Mauern emporstreben und

dicht, wie von Pfeilen, Pappeln oder Föhren, von unzähligen Eckpfeilern

umgeben sein. Nirgends darf es Horizontale und Ruhepunkte geben,

nirgends Gesimse, die dem Ganzen eine andere Richtung verleihen und die

Dimension des Gebäudes verringern. Alle Linien müssen vom Fundament bis

zur Spitze ihre Richtung bewahren. Größere Fenster, von mannigfaltigster

Form und kolossalen Verhältnissen! Eine leichte ätherische Spitze, und

je mehr sich der Bau in die Höhe schwingt, um so durchsichtiger,

schwebender muß er werden. Vor allem aber vergesse man die Hauptsache

nicht: es darf kein Verhältnis zwischen der Höhe und der Breite

bestehen. Das Wort »Breite« muß völlig verschwinden. Hier gibt es nur

eine gesetzgebende Idee: die Höhe.

Ich bin überzeugt, daß mancher einwenden wird, die Errichtung eines gar

zu hohen Baues sei nutzlos: was wir brauchen, ist mehr Raum, die Höhe

habe keinen Wert für uns und sei ein unproduktiver Aufwand von Material.

Aber ich rate ja auch gar nicht dazu, diesen gotischen Stil bei

Theatern, Börsen oder Vereinshäusern, wie überhaupt bei Bauten

anzuwenden, die die Bestimmung haben, Sammelplätze für das Amüsement,

für Händler und Arbeiter zu sein. Jeder wird mit mir einverstanden sein,

daß es keinen erhabeneren, großartigeren und passenderen Stil für ein

Wohnhaus des Christengottes gibt, als den gotischen. Wem aber würden wir

dann entsagen? was aufgeben? Alles Erhabene, alles Gewaltige, bei dessen

Anblick alle Gedanken sich auf ein Ziel richten und den Betenden von

seiner niederen Hütte abziehen. Hier ist es vielleicht am Platze, sich

der alten großen Wahrheit zu erinnern, daß das Volk nicht imstande ist,

die Religion in derselben Reinheit und Körperlosigkeit zu erfassen, wie

ein Mensch von höherer Bildung, daß auf den gemeinen Mann die sichtbaren

Gegenstände den stärksten Eindruck machen und daß, je geringer diese

Wirkung auf ihn, desto schwächer auch seine Begeisterung und sein

einfältiger Glaube ist. Die Pracht versetzt den schlichten Mann in eine

Art von Betäubung, und sie ist die einzige Feder, die den Wilden bewegt.

Das Ungewöhnliche macht einen Eindruck auf jeden Menschen, aber nur

dann, wenn es von schroffer Kühnheit ist und einem in die Augen sticht.

Hier ist keine Sparsamkeit und kein Geiz am Platze, vielmehr würde die

Sparsamkeit an dieser Stelle in ihr Gegenteil umschlagen, und der

Vorteil, der sich aus ihr ergäbe, käme dem eines einzelnen Menschen

gegenüber dem der ganzen Menschheit gleich.

Walter Scott war der erste, der den Staub von dem gotischen Stil

entfernte und die Welt auf seine Vorzüge hinwies. Von da ab begann er

sich rapide zu verbreiten. In England wurden alle neuen Kirchen im

gotischen Stile gebaut. Sie sind sehr hübsch, sehr gefällig für das

Auge, aber ach! es fehlt die wahre Größe, die uns in den großen

Baudenkmälern der Vorzeit entgegentritt. Trotz der Spitzbögen über den

Fenstern und trotz der Türme ist der wahrhaft gotische Charakter in

ihnen nicht überall gewahrt, und oft entfernen sie sich zu weit von

ihren Vorbildern. Einmal sind sie an und für sich schon nicht kolossal

genug (ein großer Mangel bei einem gotischen Gebäude!) und ferner fehlt

jener Wald vierkantiger, schlanker Pfeiler und Linien, die sich

einträchtig durch den ganzen Bau hindurchziehen, oder er ist mit

Bewußtsein beiseite gelassen worden, und die daher rührende Glätte

verleiht ihnen unwillkürlich einen anderen Charakter.

Durch die machtvolle Sprache Walter Scotts begann der gotische Stil sich

schnell überall zu verbreiten und überall einzudringen. Noch ehe er Zeit

hatte, sich zu wahrer Größe zu erheben, wurde er kleinlich und

spielerisch. Landhäuser, Schränke, Paravents, Tische, Stühle -- alles

wurde gotisch. Und die mächtigen und herrlichen Ornamente wurden zu

allerhand Spielereien verwandt. Unser Jahrhundert ist so klein, unsere

Wünsche und Neigungen sind so zersplittert, unsere Kenntnisse sind so

enzyklopädisch, daß wir unsere Gedanken gar nicht auf einen einzigen

Gegenstand zu konzentrieren vermögen. Und daher zerstückeln wir alles,

was wir hervorbringen, indem wir lauter Nichtigkeiten und Nippes

erzeugen. Wir besitzen die wunderbare Gabe, alles ins Kleinliche und

Gewöhnliche herabzuziehen. Die ägyptische Architektur, deren ganze

Wirkung auf ihren ungeheuren Dimensionen beruht, verwenden wir beim Bau

von kleinen Brücken und Torbögen, deren Spitze ein vorüberfahrender

Droschkenkutscher mit der Hand erreichen kann. Den gotischen Stil

verwenden wir bei der Anfertigung von Ohrgehängen und Uhrgehäusen und

den griechischen bei der Anlage von Gartenlauben. Dagegen bedienen wir

uns bei großen öffentlichen Gebäuden einer Architektur, der man kaum

einen eigenen Stil zuschreiben kann. Sie ist so sinnlos, stellt eine

derartige unharmonische Verbindung von Teilen dar und verrät einen

solchen Mangel an Phantasie, daß man sie unmöglich als einen

eigenartigen charaktervollen Stil anerkennen kann.

Es gibt eine Goldader, von der man jedoch kaum weiß, daß sie existiert.

Es gibt eine ganz eigene, besondere Welt, aus der Europa noch so gut wie

gar nicht geschöpft hat. Das ist die orientalische Architektur, dieses

Erzeugnis der reinen Phantasie, einer wunderbaren, glühenden

orientalischen Einbildungskraft, die sich in Hyperbeln und Allegorien

hüllt und das Leben und seine prosaischen Nöte flieht. Das Leben der

Asiaten konnte sich nie so vielseitig entwickeln, wie das der Europäer,

ihre Bedürfnisse waren nie so mannigfaltig und zahlreich wie die

unsrigen, und daher ist es nur natürlich, daß ihre einfachen Wohnhäuser

der Buntheit, Klarheit und Anmut entbehren. Sie stehen isoliert da,

haben etwas Monotones und wirken ebenso langweilig durch den Mangel an

jeglicher Idee, wie der Asiate selbst, während er ruht. Aber überall, wo

die asiatische Prachtliebe, dieser herrliche, mächtige Prunk, der in

ihren Märchen aufleuchtet, hingedrungen ist, überall, wo diese

perlengeschmückte Tochter der orientalischen Phantasie hingelangte, da

stehen auch heute noch wundersame, prächtige Paläste. Ihr Bau währte

ganze Jahrhunderte. Ein ganzes Volk, eine ganze Nation arbeitete an

ihrer Aufrichtung, und die Vorfahren glaubten an eine Vollendung durch

die kommenden Generationen, wie an eine unausbleibliche

Vorherbestimmung. Überall, wo diese allmächtige massive Prachtliebe oder

der wilde Enthusiasmus ihrer ursprünglichen Religion Boden gewann, da

türmten sich, durch ihre Riesendimensionen furchterzeugende Denkmäler

auf, vor denen der Gedanke staunend verstummt, wenn man bedenkt, wie

unbedeutend ihre Mittel und ihr Wissen und wie armselig ihre Maschinen

waren, die sie zum Heben und Befestigen dieser schrecklichen Massen

benutzten. Aber eine noch größere Bewunderung ergreift uns, wenn wir

sehen, wie der halbwilde und noch ganz unkultivierte Mensch sich bei der

Errichtung dieser gigantischen Bauten plötzlich entwickelt, von der Idee

der Gottheit durchdrungen und begeistert wird, so daß er unwillkürlich

seinen Geist aufleuchten läßt und der allmählichen jahrhundertlangen

Bildungsarbeit vorauseilt.

Man werfe einen Blick auf diesen massiven, majestätischen Tempel von

Tritschingur (Trichinopoli) der Indier, der seiner Größe nach wohl eins

der bedeutendsten Gebäude darstellt. Diese pyramidenförmige Verjüngung

der Masse nach oben, dieses allmähliche Kleinerwerden der Stockwerke,

diese Unzahl indischer Säulengänge, die die Mauern umkleiden, diese

übereinander getürmten Pilaster und Säulen, die den Eindruck machen, als

klömmen sie aneinander hinauf, nur um so schnell wie möglich den Gipfel

des ganzen Massivs zu erreichen -- das alles ist das Erzeugnis eines

ganz eigenartigen Geschmacks. Aber wenn der Tempel von Tritschingur

(Trichinopoli) allzu schwerfällig ist und einen allzu heidnischen

Charakter hat, so sehe man sich den wunderbaren Kutub-Minar an, dessen

sich Dehli mit Recht rühmt. Ich kenne in der ganzen Welt keinen zweiten

Turm, der bei einer fast attischen Schlichtheit so viel tiefe Schönheit

ausströmte und in dem die Phantasie sich so rein und erhaben

verkörperte. Wenn wir uns diesen Stil auch nicht vollkommen aneignen

können, so könnten die Europäer doch mit Nutzen dieses pyramidale,

kegelförmige Streben nach oben, diese charakteristische Eigentümlichkeit

des indischen Stils bei ihren Bauten in Anwendung bringen.

Der orientalische Stil der Paläste ist ganz entgegengesetzter Art. Hier

herrscht die asiatische Pracht vor. Das Gebäude dehnt sich stark in die

Breite aus. Die gewaltige orientalische Kuppel ist entweder ganz rund

oder sie wölbt sich wie eine wollüstige umgestülpte Vase; sie hat die

Form einer Kugel oder sie beherrscht, reich beladen mit Schmuck und mit

Schnitzwerk versehen, wie eine prunkvolle Mitra patriarchalisch das

ganze Gebäude. Unten am Fuße friedigt ein ganzes Gehege von kleinen

Kuppeln wie ein Reigen demütiger Sklaven die mächtigen Mauern ein. Auf

allen Seiten erheben sich schmale Minarets, die durch ihre leichte,

heitere Haltung einen wunderbaren Kontrast zu der gewichtigen

majestätischen Form des ganzen Gebäudes bilden. So ruht der Mohammedaner

in seinem weiten gold- und edelsteingeschmückten Gewande inmitten

schlanker nackter Huris mit ihren blendend weißen Leibern.

Nirgends hat die Baukunst so verschiedene Formen angenommen wie im

Orient. Man kann wohl sagen, daß hier jedes Gebäude ohne Rücksicht auf

schon vorhandene Stilformen seine eigene Architektur ausbildete, oder

richtiger, es entsprang aus ganz neuen Voraussetzungen, aus der Ahnung

eines eigenen Stilgefühls, das mit den früheren nur eine entfernte

Ähnlichkeit hatte und stets auf religiösen und nationalen Prinzipien

beruhte. Ganz Indien ist mit herrlichen Bauten übersät; jeder Bau hat

eine scharf ausgeprägte Eigenart, er trägt in so hohem Grade den Stempel

seines eigenen Wesens, daß man ihn nie in einer gemeinsamen Kategorie

mit den anderen unterbringen kann. Diese Unzahl mannigfaltigster

Kuppelformen, die einander nie gleichen, diese Ornamente und Zieraten,

die immer neu und immer voneinander verschieden sind -- alles spricht

von einer wunderbaren Phantasie, die sich niemals durch irgendwelche

Regeln in Fessel schlagen ließ. Übrigens lag der Grund dieser

Mannigfaltigkeit vielleicht in den zahllosen Sekten, die Indien

erfüllten und eine ewige Opposition, eine beständige Reizsamkeit der

Einbildungskraft zur Folge hatten. Aber von noch herrlicherer Pracht

erfüllt, wie sie nur die orientalische Natur ausströmt, sind die

Gebäude, die durch den arabischen Stil beeinflußt wurden. In Asien fand

während jener verheerenden Zusammenstöße alter und neuer Völker,

besonders aber derer, die den Islam bekannten, eine außerordentlich

starke Vermischung der Stilarten statt, die besonders kühne Abweichungen

zur Folge hatte. Aber niemals und nirgends hat sich die Kühnheit mit

einer so wundersamen Pracht verbunden wie bei den Arabern; sie entnahmen

der Natur alles, was sie an edelster Schönheit in sich birgt. Ihre

Architektur hat nichts von dem Charakter undurchdringlicher Wälder; sie

besteht ganz aus Blumen; sie ist mit Blumen geschmückt, sie ertrinkt in

einem Meer von herrlichen üppigen Blüten, wie sie das zarte anmutige Tal

Kaschmirs übersäen. Ihre geschnitzten Säulen sind mit Tulpen umwunden,

ihr Schnitzwerk stellt Vergißmeinnicht, vierblätterige Blüten oder sich

entfaltende Rosen dar. Ihre Galerien gleichen Palmenhainen, deren Wipfel

sich zu Hallen wölben; alles verrät ihre außerordentliche Prachtliebe

und ihren blühenden Geschmack. Diese Architektur scheint wie geschaffen

für ein Leben, das dem Genuß geweiht ist, und für heitere, helle

Wohnstätten der Menschen. Alles Finstere und Düstere ist hier restlos

ausgestoßen. Jeder Baum ist so wunderbar und von einem zauberischen Reiz

wie eine orientalische Schöne mit ihren schwarzen Augen, die wie Blitze

funkeln, mit ihrem bunten Gewande, und ihrem kostbaren Halsgeschmeide.

Die orientalische Architektur weist etwas auf, was die Europäer noch

niemals angewendet haben; das sind ihre Säulen, die nicht glatt, sondern

vom Sockel bis zum Kapitäl mit bunten Zieraten versehen sind. Mitunter

sind diese Säulen ganz durchbrochen und filigranartig: das Schnitzwerk

durchdringt sie vollständig. Es ist dies die wundersamste Erfindung des

orientalischen Geschmacks. Ein solcher Bau mag noch so massiv sein, die

Säulen lassen ihn trotzdem beinah ätherisch erscheinen. Man könnte sich

fragen, warum sollen wir diesen Stil nicht auch auf unsern Boden

verpflanzen? Aber der Geist und der Geschmack des Menschen ist ein

seltsames Ding: ehe er die Wahrheit erreicht, macht er so viele Umwege,

begeht er so viel Torheiten, Verkehrtheiten und Sinnlosigkeiten, daß er

sich nachher selbst über seinen Unverstand wundert. Europa hat sich um

all diese Baudenkmäler nicht einmal gekümmert. Nur der Stil der

Chinesen, den man wohl als den allerarmseligsten und kleinlichsten unter

den Stilgattungen der orientalischen Völker bezeichnen kann, wurde gegen

Ende des XVIII. Jahrhunderts durch einen seltsamen Zufall zu uns

herübergetragen. Es war noch gut, daß die Europäer ihn nach ihrer

Gewohnheit sogleich beim Bau von kleinen Brücken, bei Pavillons, Vasen

und Kaminen nachahmten, und daß es ihnen nicht in den Sinn kam, ihn bei

großen Bauten anzuwenden. In der Tat hatte dieser Stil manche Vorzüge

bei kleinen Nippessachen, weil die Europäer ihn sofort in ihrem Geiste

vervollkommneten und ihm eine Anmut verliehen, die er an und für sich

gar nicht besitzt. Fehlt es doch auch dem Volk, das ihn hervorbrachte,

trotz seiner hohen Bildung, völlig an Energie.

Es gibt noch eine Stilart, die sich grundsätzlich von allen bisher

erwähnten unterscheidet; es ist dies die Architektur der indischen und

ägyptischen Katakomben, bei denen diese zwei Völker in so wundersamer

Weise zusammentrafen und so Anlaß dazu gaben, eine ursprüngliche

Verwandtschaft zwischen beiden anzunehmen. Ihr Hauptmerkmal ist ihre

Schwere; hier vereinigt sich alles zu einer plumpen Masse, zu einem

Klumpen. Das Gebäude ruht gewichtig, wie auf Elefantenfüßen, auf kurzen

schweren Säulen, deren Dicke fast ebenso bedeutend ist, wie ihre Höhe.

Hier kommt die Breite und die Masse zur absoluten Herrschaft. Es ist,

als ob das ganze Gewicht der Erde in ihr zur Darstellung käme, der Erde

in deren Innerem sich ihre plumpe Majestät versteckt. Das, was bei

andern Stilarten ein Fehler ist, wird hier zu einem Vorzug. Diese

unterirdische Architektur hat auch etwas Erhabenes, obwohl sie ganz

andere Gedanken anregt. Hier wirkt das Gewicht nicht häßlich, sondern

großartig, weil es die Grundidee des ganzen Gebäudes darstellt. Wenn

sich ein Künstler die Aufgabe stellt, etwas Massives und Schweres zu

schaffen, und wenn es ihm gelingt, so ist sein Werk sicherlich gut. Aber

wenn er die Absicht hatte, etwas Schwerfälliges hervorzubringen, und

etwas produziert, was gar nicht schwerfällig wirkt, oder umgekehrt, wenn

er etwas Leichtes hervorbringen will, und statt dessen etwas erzeugt,

was schwerfällig wirkt, so ist das auf jeden Fall vom Übel. Nachdem man

die Erde von diesen unterirdischen Bauten entfernt hatte, und diese nun

im Lichte der Sonne dastanden, boten sie immer einen seltsamen und

zugleich furchterregenden Anblick dar. Es schien fast, als ließe die

Erde plötzlich ihr tiefstes Innere sehn, und als läge die Finsternis

plötzlich von grellem Lichte beleuchtet da -- diese Finsternis, die nur

vom Lichte erhellt, nicht aber von ihm vertrieben wird, wie eine

ägyptische Urne oder der Kopf eines Toten auf einer festlich

geschmückten Tafel. Mir scheint, man tat unrecht, diese Architektur

unter die Erde zu verbannen: wenn wir sie plötzlich inmitten heiterer,

leichtgebauter Häuser erblicken, kann sie ihren Eindruck auf uns nicht

verfehlen, ja, sie wird sicherlich einen starken Effekt hervorbringen.

Ein einziges solches Gebäude inmitten einer stark bevölkerten Stadt

würde sicherlich wundervoll wirken, aber nur eins und nicht mehr. Bei

Bauten dieser Art bestehen die Teile aus schweren Massen, aber bei

alledem sind ihre Verhältnisse von einer inneren, wenn auch beinahe

schrecklichen Harmonie erfüllt. Und etwas Vollendetes in diesem Stile zu

leisten, ist sicherlich nicht ganz leicht.

Die sich über dem Erdboden erhebenden Bauten der Ägypter weisen einen

ganz anderen Charakter auf; sie sind gleichfalls massiv, zugleich aber

sind höchste Anmut und Schlichtheit zwei Züge, die man nie an ihnen

vermissen wird. Ihren Grundcharakter aber bilden ihre kolossalen

Dimensionen. Je glatter, je weniger gegliedert und mit auffallenden

Verzierungen versehen sie sind, um so besser. Aber man wende sie nur

nicht bei kleinen Brücken an, ohne ihre ungeheuren Dimensionen ist diese

Architektur weniger als gar nichts. Ich wiederhole noch einmal: jeder

Stil ist schön, wenn all seine Voraussetzungen erfüllt und wenn er in

strengem Einklang mit seiner Bestimmung gewählt und durchgeführt ist.

Ohne diese wohlmeinende und unparteiische Toleranz kann es keine

wahrhaften Talente noch auch wirklich großartige Werke geben. Fort mit

dieser Scholastik, die jedem Gebäude das gleiche Maß vorschreibt und

verlangt, daß alles in demselben Geschmack gebaut werde! Eine Stadt muß

aus den verschiedensten Massen bestehen, wenn wir verlangen, daß sie

unseren Augen eine Freude sein soll. Mögen sich in ihr die

verschiedensten Stilarten vereinigen. Mag sich doch in derselben Straße

ein finsteres gotisches Gebäude, ein mit üppigem Zierat geschmückter

orientalischer Palast, ein kolossaler ägyptischer Bau und ein von

anmutiger Harmonie erfülltes griechisches Haus erheben! Da mögen die

leicht gewölbte milchfarbene Kuppel, die andächtige, ins Grenzenlose

ragende Turmspitze, die orientalische Mitra, das abgeplattete

italienische und das hohe, mit Figuren geschmückte flämische Dach, die

vierkantige Pyramide, die runde Säule und der eckige Obelisk uns

entgegentreten. Die Häuser dürfen so wenig wie möglich zu einer

kompakten einförmigen Mauer verschmelzen, sondern sich bald hoch

emporrecken und bald wieder tiefer herabsinken. Türme von

verschiedenstem Stil sollen das Straßenbild beleben. Sollte es wirklich

jemand geben, der den Mut, oder besser gesagt, die Schwäche hätte, zu

behaupten, eine flache Ebene in der Natur ließe sich mit einer Gegend

voller sich übereinander türmender Schluchten, Felsblöcke und Hügel

vergleichen?

Ein Architekt, der wirklich schöpferische Kraft besitzt, muß eine

gründliche Kenntnis aller Baustile besitzen; am wenigsten sollte er den

Geschmack der Völker verachten, auf die wir wegen ihrer künstlerischen

Rückständigkeit gewöhnlich herabzusehen pflegen. Er muß sie alle

umfassen, studieren und all ihre unendlichen Variationen in sich

aufnehmen. Was aber die Hauptsache ist, er muß in ihre Idee eindringen

und sich nicht nur ihre kleinen äußeren Formen und Teile aneignen. Um

jedoch ihr Wesen zu ergreifen, dazu muß er ein Genie und ein Poet sein.

Aber wenden wir uns nun zu der Architektur der Städte. Eine Stadt sollte

so gebaut werden, daß jeder ihrer Teile, jede einzelne Häusermasse ein

lebendiges Bild darbietet. Jede Häusergruppe muß belebt werden, so daß

sie -- wenn ich mich so ausdrücken darf -- immer neue charakteristische

Züge hervorzubringen scheint, damit sie sich unserem Gedächtnisse

einpräge und unserer Einbildungskraft keine Ruhe lasse. Es gibt Bilder,

die man sein Leben lang nicht vergißt, und es gibt solche, die man trotz

aller Anstrengungen nicht im Gedächtnis festhalten kann. Die Baukunst

ist gröber, zugleich aber großartiger als alle anderen Künste, wie die

Malerei, die Skulptur und die Musik. Und daher liegt ihre Wirkung in dem

Effekt, den sie ausübt. Ein Stadtbild hat den Vorzug, daß man es mit

einem Schlage verändern und nach eigenem Ermessen umgestalten kann.

Häufig braucht man nur ein einziges Gebäude zu den schon bestehenden

hinzuzufügen, und es verändert gänzlich seine Form und erhält einen

völlig andern Charakter, so wie die Zeichnung eines Schülers plötzlich

unter dem Pinsel oder dem Stift des Lehrers Leben gewinnt. Er verstärkt

an der einen Stelle die Linie, retuschiert etwas an einer andern, er

berührt die dritte kaum, und alles wird anders. Außerdem führen uns

häufig die Fehler selbst auf die Idee, wie wir sie vermeiden können. Das

Charakterlose bringt uns das Charaktervolle, das Kleinliche und Platte

seine Gegensätze, das Kühne und Ungewöhnliche zum Bewußtsein. Eine

Vertiefung nach unten erweckt die Idee einer Erhöhung nach oben und

umgekehrt. Das Genie ist ein Besitzer unendlicher Reichtümer, vor dem

die ganze Welt mit allen ihren Schätzen verblaßt.

Bei der Anlage einer Stadt muß man auch auf die Bodenbeschaffenheit

achten. Städte werden entweder auf Anhöhen, auf Hügeln oder in der Ebene

erbaut. Eine hochgelegene Stadt erfordert weniger Kunst, weil da die

Natur schon selbst bei ihrem Bau mithilft. Sie erhebt die Häuser bald

auf ihre majestätischen Hügel und läßt sie mitten unter ihren Nachbarn

wie Riesen erscheinen, bald wieder läßt sie sie in die Tiefe

herabsinken, um die umstehenden Häuser zur Geltung zu bringen. In

solchen Städten ist es nicht notwendig, für eine große Abwechslung zu

sorgen. Hier kann man glatte und einförmige Fronten verwerten, weil

schon das ungleichmäßige Terrain eine gewisse Abwechslung hineinbringt,

indem es ihnen verschiedene Standpunkte anweist. Man muß darauf achten,

daß die Höhe der einzelnen hintereinander stehenden Häuser so zur

Geltung komme, daß der Beschauer am Fuße eines Hügels den Eindruck

gewinnt, als erhebe sich vor ihm eine zwanzigstöckige Masse. Dort bedarf

es keiner großen Kunst, wo die Natur noch gewaltiger ist als die Kunst,

und da dient die letztere nur dazu, die erstere zu schmücken. Da

dagegen, wo das Terrain eben und einförmig ist, wo die Natur schlummert,

da muß die Kunst mit voller Kraft einsetzen. Sie muß Farbe und Kolorit

in die Landschaft hineinbringen, muß -- wenn ich mich so ausdrücken darf

-- den Boden aufwühlen, die Ebene verschwinden lassen und die tote,

flache Wüste beleben. Hier wären Schlichtheit und Einförmigkeit Sünde.

Hier muß die Architektur so eigenartig wie nur möglich sein: sie muß

bald ein düsteres Äußeres annehmen, bald wieder einen fröhlichen

Ausdruck, bald muß sie einen altertümlichen Eindruck machen, bald wieder

durch ihre Neuheit verblüffen. Sie muß uns mit Schrecken erfüllen, durch

ihre Schönheit blenden, bald düster blicken wie ein von Gewitterwolken

verfinsterter Tag, und bald wieder heiter wie ein strahlender Morgen

voller Sonnenglanz. Die Architektur ist in ihrer Art auch eine

Weltchronik, sie spricht noch zu uns, wenn die Sagen und Gesänge längst

verstummt sind und wenn uns nichts mehr von einem untergegangenen Volke

berichtet. So mag sie denn, wenn auch nur teilweise, sich mitten in

unseren Städten erheben, wie sie einst zu Lebzeiten eines zugrunde

gegangenen Volkes existierte, auf daß bei ihrem Anblick uns immer der

Gedanke an sein vergangenes Dasein aufsteige, daß wir uns in sein Leben

und in seine Sitten und Gewohnheiten, in seinen Bildungsgrad versetzen

und mit Dankbarkeit an dies Volk zurückdenken, dessen Auftreten selbst

eine Sprosse an der Leiter unseres eigenen Aufstiegs bedeutet[4].

[Fußnote 4: Mir kam früher häufig ein seltsamer Gedanke; ich war der

Ansicht, es müßte doch schön sein, wenn eine jede Stadt eine Straße

aufzuweisen hätte, die gewissermaßen eine ganze Chronik der Architektur

darstellt: dazu müßte sie mit einem schweren, finsteren Tor beginnen;

hätte der Beschauer dieses passiert, so sollte er zu beiden Seiten des

Weges gewaltige, mächtige Gebäude in einem ursprünglichen, noch rohen

Geschmack, wie er allen Urvölkern eigen ist, erblicken, auf diese

sollten die verschiedenen Entwicklungsformen des Stiles folgen: Seine

machtvolle Umgestaltung, zur ägyptischen Architektur, sodann zur

Schönheit des griechischen Stils, ferner zur wollüstigen Pracht der

alexandrinischen und byzantinischen Architektur mit ihren flachen

Kuppeln, dann zum römischen Stil mit seinen vielreihigen Arkaden, und

dann wieder der Niedergang, das Zurückfallen in die rohen Zeiten und das

plötzliche Sichaufschwingen zu der ungewöhnlichen Pracht der arabischen

Architektur; hierauf sollte der rohe gotische, dann der

gotisch-arabische und dann der reingotische Stil, diese Krone der Kunst,

wie wir sie in dem Kölner Dom vorfinden, folgen; hierauf die furchtbare

Vermischung aller Stile unter dem Einfluß der byzantinischen Kunst, dann

die Wiederkehr der alten griechischen Architektur in neuem Gewande, und

endlich müßte die Straße in ein Tor ausmünden, das alle Elemente des

neuen Geschmacks in sich zusammenfaßt. Diese Straße wäre dann in

gewissem Sinne eine lebendige Entwicklungsgeschichte des Geschmacks, und

wer zu faul wäre, dicke Folianten durchzublättern, der brauchte nur

einmal durch diese Straße zu gehen, um ein vollkommenes Bild dieser

Entwicklung zu erhalten.]

Sollte es wirklich ganz unmöglich sein, sei es auch nur um der

Originalität willen, eine völlig neue und eigenartige Architektur zu

erschaffen, die allen Einflüssen der älteren entzogen ist! Wenn der

wilde, noch wenig entwickelte Mensch, dem nur die Natur, die er selbst

noch so schlecht versteht, als Lehrmeisterin und Anregerin dient, ein

Werk voller Schönheit, voll unbewußten instinktiven Stilgefühls schafft,

woher können denn wir mit unseren so stark entwickelten Fähigkeiten und

die wir die Natur in all ihrem geheimen Wirken soviel besser verstehen,

-- woher können denn wir nichts schaffen, was von dem ganzen Reichtum

unseres Wissens durchdrungen ist. Die Idee der Baukunst ward ja aus der

Natur selbst geschöpft, aber zu einer Zeit, als der Mensch ihren Einfluß

noch lebhaft empfand. Jetzt aber hat er die Kunst noch über die Natur

erhoben -- könnte er da seine Gedanken nicht aus der Kunst selbst oder

richtiger aus der harmonischen Verschmelzung von Natur und Kunst

schöpfen! Man sehe nur, welche ungeheure Erfindungskraft er bei der

Herstellung all der kleinen Mittel eines verfeinerten Luxus an den Tag

legt. Man blicke hin auf all diese modernen Spielereien, die täglich

emportauchen und wieder verschwinden. Man betrachte sie meinetwegen

durch das Mikroskop, wenn sie anders unsere Aufmerksamkeit nicht fesseln

-- welch feiner Geschmack spricht aus ihnen, was für herrlichen nie

dagewesenen Formen begegnen wir da! Hier finden wir einen Stil, wie er

früher noch nie existiert hat. Das Schnitzwerk und die Arbeit sind so

originell, so neu und dabei so schön, daß wir uns häufig nicht satt

sehen können. Aber ach! wir fühlen nicht das geringste Mitleid, wenn wir

bemerken, wie der Geschmack des Menschen sich in der Produktion von

Nichtigem und Vergänglichem verbraucht, statt sich in Ewigem und

Unwandelbarem zu objektivieren. Könnten wir denn dieses in Stückwerk

sich zersplitternde Kunstvermögen nicht auf große Gegenstände richten,

muß denn alles, dem wir in der Natur begegnen, durchaus eine Säule, eine

Kuppel oder ein Bogen sein? Wieviel Formen gibt es, die noch ganz

unberührt daliegen. In wie tausendfältiger Weise kann die gerade Linie

sich in die gebrochene wandeln und ihre Richtung ändern! Wie unendlich

mannigfaltig kann sich die Krumme wölben und ausweichen, wieviel neue

Ornamente und Verzierungen lassen sich einführen, die noch nie ein

Architekt in seinen Kodex eintrug! -- In unserem Jahrhundert gibt es

solche Errungenschaften und soviele ganz neue, nur ihm eigene Elemente,

aus denen man das Material zu einer Unzahl neuer noch nie dagewesener

Bauten schöpfen könnte! -- Nehmen wir z. B. jene herabhängenden

Verzierungen, wie sie erst vor kurzem gebräuchlich wurden. Bisher wurde

diese hängende Architektur nur bei Theaterlogen, Balkonen und kleinen

Brücken angewandt. Aber wenn erst ganze Stockwerke schweben und durch

kühne Bogen miteinander verbunden sein werden, wenn ganze Massen statt

auf schweren Säulen auf durchbrochenen Stützen von Gußeisen ruhen, wenn

zahllose Balkone ein Haus von unten bis oben mit verschlungenem

gußeisernem Gitterwerk schmücken und tausenderlei herabhängende

gußeiserne Verzierungen es mit einem leichten Netz umgeben werden, so

daß es durch sie hindurchschimmert wie durch einen durchsichtigen

Schleier, wenn diese diaphanen Verzierungen sich um einen herrlichen

runden Turm schlingen und zusammen mit ihm zum Himmel emporfliegen

würden, -- welch eine Leichtigkeit und ätherische Schönheit würden dann

unsere Häuser annehmen. Welch eine Menge von Anregungen finden wir

überall verstreut, die im Kopfe eines Architekten ganz unerhörte,

lebendige Ideen erzeugen können; aber freilich müßte dieser Architekt

ein schöpferisches Genie und ein Dichter sein.

1831.

[Dieser Aufsatz ist vor langer Zeit geschrieben. In den letzten Jahren

ist der Geschmack in Europa und besonders in unserem geliebten Rußland

besser geworden. Es gibt schon viele Architekten, die unserem Lande Ehre

machen. Unter diesen möchte ich Brjulow nennen, dessen Bauten von

wahrhaftem Geschmack und echter Originalität erfüllt sind.]

VIII

Al-Mamun

Eine historische Charakteristik

Nie ist ein Fürst während einer solchen Blütezeit seines Reiches zur

Herrschaft gelangt, wie Al-Mamun. Das furchterregende Kalifat erhob sich

mächtig auf dem klassischen Boden der Alten Welt. Im Osten umfaßte es

den ganzen blühenden Südwesten Asiens, Indien mit eingeschlossen; im

Westen zog es sich längs den Ufern Afrikas bis nach Gibraltar hin. Seine

mächtige Flotte beherrschte das Mittelmeer. Bagdad, die Hauptstadt

dieser neuen, wunderbaren Welt, sandte seine Befehle bis in die

entlegensten Grenzen seiner Provinzen. Das neu bekehrte Asien strömte in

die ausgezeichneten Schulen von Bassor, Nippur und Kufa und reifte nun

zu höherer Kultur. Damaskus konnte alle Lüstlinge in seine kostbaren

Stoffe hüllen und ganz Europa mit Stahlklingen versorgen; schon dachte

der Araber, Mohammeds Paradies auf der Erde zu errichten: er schuf

Wasserleitungen, Paläste und ganze Palmenwälder, wo Springbrunnen

anmutig spielten und die Wohlgerüche des Orients zum Himmel stiegen. Und

doch hatte bei all dem Luxus noch keine der moralischen Krankheiten

einer politischen Gesellschaft Zeit gehabt, hier Wurzel zu fassen. Alle

Teile dieses großmächtigen Reiches, dieser mohammedanischen Welt, waren

eng untereinander verbunden und dieser Zusammenhang wurde durch den

Willen des merkwürdigen Harun immer mehr und mehr gefestigt, denn dieser

hatte die vielseitigen Fähigkeiten seines Volkes erkannt. Er war weder

nur Philosoph auf dem Thron, noch allein Politiker, noch bloß Krieger

oder Literat im Kaisermantel. Er vereinigte alles in sich, erstreckte

seine Tätigkeit gleichmäßig auf alles und ließ keinen Teil über den

andern Oberhand gewinnen. Er impfte seiner Nation nur gerade so viel von

der fremdländischen Kultur ein, wie nötig war, um ihre eigene

Entwicklung zu fördern. Damals hatten die Araber die Epoche des

Fanatismus und der Eroberungen schon hinter sich, waren aber noch immer

von Enthusiasmus erfüllt, und die feuersprühenden Seiten des Koran

wurden noch mit derselben Begeisterung gelesen und seine Gebote noch

ebenso sklavisch befolgt. Harun verstand es, den Gang der Administration

und die Regierungsgeschäfte zu beschleunigen und durch die Furcht vor

seiner Allgegenwart seinen Befehlen überall Geltung zu verschaffen. Die

Statthalter und Emire, die sonst immer darnach strebten, Selbstherrscher

und Despoten zu sein, fürchteten sich, dem Blicke des verkleideten

Kalifen, dem nichts entging, zu begegnen -- und so ging die Regierung

ohne Gesetze fest und bestimmt ihren Weg. Unter solchen Umständen trat

Al-Mamun die Herrschaft an. Byzanz nannte ihn den hochherzigen

Beschützer der Wissenschaft, die Geschichte reihte seinen Namen unter

die Wohltäter der Menschheit ein. Dieser Herrscher wollte sein

politisches Reich in ein Reich der Musen verwandeln. Er besaß die

Lebhaftigkeit und alle Fähigkeiten, die für ein ernstes Studium

notwendig waren. Sein Charakter war von einer edlen Vornehmheit, das

Streben nach Wahrheit seine Devise. Er war verliebt in die Wissenschaft,

und zwar ganz selbstlos, er liebte sie um ihrer selbst willen, ohne an

ihren Zweck und ihre Anwendung zu denken. Er gab sich ihr mit einer

einseitigen Leidenschaft hin. Damals hatten die Araber erst eben den

Aristoteles entdeckt. Ihrer allzu stürmischen, ungeheuren orientalischen

Phantasie mußte der allumfassende, scharf denkende, griechische

Philosoph fremd bleiben, aber die arabischen Gelehrten, die schon seit

langer Zeit an mühsame Arbeit und schon an die Exaktheit und das formale

Denken gewöhnt waren, gaben sich mit einem wissenschaftlichen Feuereifer

dem Studium hin. Diese endlosen Schlüsse, diese die Ordnung dessen, was

sie in ihren Seelen früher nur teilweise und wie durch ein Aufleuchten

empfunden hatten, seine Erhebung zur Evidenz, das alles mußte die

damaligen Gelehrten bezaubern. Al-Mamun, der unter ihrem Einfluß erzogen

wurde, war von einem wahren Hunger nach Kultur erfüllt und gab sich alle

erdenkliche Mühe, diese bis dahin unbekannte griechische Welt in sein

Reich einzuführen. Bagdad breitete seine Arme freundschaftlich der

ganzen gelehrten Welt seiner Zeit entgegen. Die Gnade des Kalifen stand

jedem offen, der irgendeinem Beruf angehörte, er mochte die Religion

bekennen, die er wollte, und von noch so entgegengesetzten Prinzipien

erfüllt sein. Es war nur natürlich, daß vor allem _die_ Männer ihr

Wissen nach Bagdad trugen, die in ihren Seelen noch das Bild des in

christliche Formen gekleideten Polytheismus trugen, die bereit waren,

mit ihrem Herzblut Ammonius Saccas, Plotin und die anderen Bekenner des

Neuplatonismus zu verteidigen und die in dem nur zu sehr mit dem Streit

um die verschiedenen christlichen Dogmen beschäftigten Byzanz kein Feld

für ihre gelehrten Turniere fanden. Bagdad verwandelte sich in eine

Republik der mannigfaltigsten Fakultäten, Wissenschaften und Meinungen.

Der königliche Araber versenkte sich aufmerksam in die betäubende Musik

dieser gelehrten Disputationen und Spitzfindigkeiten. Die höheren

Staatsbeamten konnten sich dem Beispiel ihres Herrschers nicht

entziehen, und alle höheren Schichten des Reiches wurden von einer Art

literarischer Monomanie ergriffen. Die Wesire und Emire versuchten

ihrerseits, allerhand gelehrte Fremde an ihren Hof zu ziehen. Es ist

selbstverständlich, daß die Administration damit in den Hintergrund

gerückt wurde, daß die Würdenträger vieles, was zur Regierung gehörte,

dem Gutdünken ihrer Sekretäre oder Günstlinge überließen, daß diese

Günstlinge häufig ganz ungebildet waren und ihre Stellung oft nur durch

Intrigen erklommen, und daß dies alles nicht ohne Einfluß auf das Volk

bleiben und mit der Zeit auf die Regierenden selbst zurückfallen mußte.

Die große Zahl theoretischer Philosophen und Dichter, die hohe

Regierungsposten einnahmen, ließ im Lande keine starke Regierung

aufkommen. Ihre Sphäre liegt ganz wo anders; sie erfreuen sich des

allerhöchsten Schutzes und gehen ruhig ihren Weg. Nur die wenigen großen

Dichter machen hierin eine Ausnahme, wenn sie den Philosophen, den

Poeten und den Historiker in sich vereinigen, sie, die die Natur und den

Menschen ergründen, in die Vergangenheit dringen und die Zukunft

voraussehen, und deren Worten das ganze Volk lauscht. Sie sind

Hohepriester. Kluge Herrscher ehren sie durch ihren Verkehr, behüten ihr

kostbares Leben und fürchten sich, dieses Leben durch Beteiligung an der

so vielseitigen Tätigkeit des Regierens zu unterdrücken. Sie werden nur

bei äußerst wichtigen Ministerräten hinzugezogen, da sie bis in die

Tiefe des menschlichen Herzens dringen.

Der edle Al-Mamun hatte den aufrichtigen Wunsch, seine Untertanen

glücklich zu machen. Er wußte, daß die Wissenschaften, die die

Entwicklung der Menschen fördern, das beste Mittel, der treuste Führer

zum Ziel seien. Mit aller Gewalt zwang er seine Untertanen, die von ihm

eingeführte Kultur anzunehmen. Aber die Aufklärung, die Al-Mamun zu

verbreiten bestrebt war, entsprach am wenigsten dem angebotenen

Charakter und der angeborenen Phantasie der Araber. Die wenig

kraftvollen Prinzipien des Polytheismus, die sich in ein bloßes

Wortspiel verwandelt hatten, die frechen Verstümmelungen christlicher

Ideen, die ein so seltsames Licht auf die Wissenschaft jener Zeit

warfen, die sich nicht mit dieser verschmolzen, und man kann wohl sagen,

sie durch ihr Übergewicht vernichteten, bildeten einen krassen Kontrast

zu der feurigen Natur der Araber, deren Phantasie die nüchternen

Schlüsse des kalten Verstandes nur allzusehr unterdrückte. Dieses Volk

ging nicht, nein, es flog förmlich seinem Entwicklungsziele entgegen.

Sein Genius offenbarte sich plötzlich und gleichzeitig im Kriege, im

Handel, in den Künsten, in der Manufaktur und in der üppigen Poesie des

Orients. Seine reichen Gaben, wie ähnliche in der Geschichte der

Menschheit noch niemals dagewesen waren, entfalteten sich reich,

strahlend, eigenartig und in höchster Orginalität. Es schien fast, als

sollte dieses Volk sich zu einer Nation von höchster Vollkommenheit

entwickeln. Aber Al-Mamun verstand es nicht! Er beachtete die große

Wahrheit nicht, daß die Bildung aus dem Volke selbst kommen muß, daß

eine aufgepfropfte Kultur nur insoweit angeeignet werden darf, als sie

die eigene Entwicklung fördert, daß aber die Entwicklung eines Volkes

nur aus den eigenen nationalen Elementen hervorgehen kann. Für die

Araber aber wurde ihr Betätigungsfeld durch diese unfruchtbare

fremdländische Kultur nur versperrt. Der Kosmopolitismus Al-Mamuns, der

allen Gelehrten aller Parteien den Eintritt in sein Reich gestattete,

ging fast gar zu weit. Die Privilegien, die den Christen im Reiche

zuteil wurden, mußten notwendig den Haß der eigenen Untertanen erwecken

und hatten selbst die Verachtung nützlicher Einrichtungen zur Folge, --

ja, das Volk verlor sogar allmählich die Liebe zu seinem Herrscher. In

seinen Regierungsmaßregeln war Al-Mamun mehr theoretischer als

praktischer Philosoph, der doch ein Herrscher vor allem sein müßte. Er

kannte das Leben seines Volkes aus Beschreibungen und Erzählungen

anderer und nicht aus eigener Anschauung wie der große Harun, der es

persönlich studiert hatte. Bei den asiatischen Regierungsformen, die

keine bestimmten Gesetze kennen, liegt die ganze Verwaltung auf den

Schultern des Monarchen selbst, und daher muß seine Tätigkeit eine

außergewöhnlich intensive, muß seine Aufmerksamkeit beständig gespannt

sein; er darf niemand vertrauen, und sein Auge muß die Vielseitigkeit

eines Argus haben; es braucht nur einen Augenblick einzuschlafen, und

die mit seinen Vollmachten ausgestatteten Statthalter lehnen sich auf,

und das Reich ist von einer Million Despoten erfüllt.

Al-Mamun aber lebte in seinem Bagdad wie in einem Musenreich, das er

sich selbst geschaffen hatte und das ganz von der politischen Welt

getrennt war. Die Christen, die allmählich auch anfingen, sich in die

Verwaltung einzumengen, konnten den Volksgeist und die Landessitten

nicht kennen lernen. Außerdem war der fremde Glaube den Arabern, die

noch an ihrem Enthusiasmus und ihrer Unduldsamkeit festhielten,

unerträglich. Und während der Name Al-Mamuns auf den Lippen aller

damaliger Gelehrten schwebte und seine Gastfreundschaft buntbeflaggte

Schiffe an die syrische Küste lockte, wurde seine Macht im Innern des

Reiches immer schwächer und schwächer. Die Bewohner der Provinzen, die

ihren Kalifen nie von Angesicht zu Angesicht gesehen hatten, schätzten

seinen Namen nur wenig. Die militärischen Kräfte nahmen immer mehr ab.

Die Kultur, die ihren Ausgangspunkt gewöhnlich von Bagdad, dem Zentrum

des Reiches, nahm, verringerte sich und erlosch immer mehr, je mehr sie

sich den fernen Grenzen näherte. In den Grenzländern hatte sich der

Kulturzustand der Araber noch auf dem Niveau seiner ersten Periode

erhalten, hier standen noch von Fanatismus erfüllte Truppen, die

jederzeit bereit waren, den Glauben Mohammeds mit Feuer und Schwert zu

verbreiten. Die mächtigen Emire, die bald die unzureichende Verbindung

mit Bagdad erkannten, träumten von der Unabhängigkeit, und Al-Mamun

mußte noch während seiner Regierung den Abfall Persiens, Indiens und der

entlegenen Provinzen Afrikas erleben. Aber vielleicht wäre diese falsche

Richtung der Verwaltung noch ein Übel gewesen, das wieder gutzumachen

war, wenn Al-Mamun seine Wahrheitsliebe nicht zu weit getrieben hätte.

Er wollte der religiöse Reformator seiner Nation werden. Er besaß einen

rein theoretischen Verstand, war über jeglichen Aberglauben und alle

Vorurteile erhaben, auch war er genauer über einige christliche Dogmen

unterrichtet, als seine Vorgänger, und so konnte er seine Augen nicht

gegen die zahllosen Widersprüche und den blühenden Unsinn, die in den

Verordnungen des fanatischen Schöpfers des Korans überall zum Ausdrucke

kommen, verschließen. Er entschloß sich, das heilige Buch Mohammeds zu

reinigen und zu reformieren, und das in einer Zeit, als noch alle

niederen Regierungsbeamten sowie der ganze Pöbel davon überzeugt waren,

daß das Buch vom Himmel stamme, und wo der Zweifel an dem

allergeringsten Gebote schon für das größte Verbrechen galt. Der

halbgriechischen Denkungsweise Al-Mamuns war der völlig blinde

Enthusiasmus seiner Untertanen ganz fremd. Die Unterdrückung des

Fanatismus hielt er für den ersten Schritt zur Kultur seines Volkes --

und doch bildete dieser Fanatismus das ganze Sein des arabischen Volkes;

diesen Fanatismus, dem er seine ganze Entwicklung und seine glänzende

Epoche verdankte, zu zerstören, hieß den politischen Bestand des ganzen

Reiches untergraben. Al-Mamun erschien das Paradies Mohammeds, in das

der Araber sein ganzes sinnliches Leben, dieses nur für den Genuß und

für die Wollust bestimmte Leben, hineintrug, als der Gipfel der Torheit.

Aber er ließ dabei außer acht, daß diese Gebote ein Produkt des

glühenden, arabischen Klimas, des feurigen Temperaments des Arabers

waren, daß dies Paradies für den Mohammedaner die große Oase inmitten

der Wüste seines Lebens war, daß nur die Hoffnung auf dies Paradies es

dem so sinnenfrohen Araber ermöglichte, alle Armut und Unterdrückung zu

ertragen und, beim Anblick des in Luxus förmlich versinkenden Sybariten

den Neid in seiner Seele zu bekämpfen. Der Gedanke, daß auch er einmal

von Huris umringt, in einem Luxus schwelgen werde, der die Pracht aller

irdischen Machthaber weit übertrifft, war wohl nur einer Sinnlichkeit

und einer blühenden Phantasie faßbar, wie sie die Natur den Arabern

verliehen hatte. Und vielleicht hätte sich der Glaube dieses Volkes erst

im Verlauf der ferneren Entwicklung ohne allzu empfindliche Störungen

reinigen lassen; Al-Mamun aber hatte kein Verständnis für die asiatische

Natur seiner Untertanen.

Man kann sich den Grad der Empörung in den zahllosen Schichten des

Volkes vorstellen, als das Gerücht von den Neuerungen des Kalifen sich

verbreitete. Wie mußte sich das Volk zu ihnen stellen, das dem Kalifen

schon allein wegen der Förderung der christlichen Religion und seiner

Vorliebe für die Fremden offen des Modalismus oder der Ketzerei

anklagte? Die rohe Masse der alten strenggläubigen Bekenner des Koran

zwangen den Kalifen durch ihren harten Widerstand endlich, zu den Waffen

zu greifen. Und der edle, hochherzige Al-Mamun, der von wahrer

Menschenliebe durchdrungen war, wurde zum Verfolger seiner eigenen

Untertanen. Durch diese Verfolgungen weckte er von neuem den wilden

Fanatismus der Araber, aber schon nicht mehr jenen Fanatismus, der die

früheren Nomadenvölker Arabiens zu einer Masse verschmolzen hatte --

sondern einen oppositionellen Fanatismus, -- einen Fanatismus, der die

Massen auseinanderriß, der Zank und Streit bis in die innersten Gründe

des Reiches trug, der die rohen Leidenschaften der Araber aufrührte, der

den Dolch und das Gift des Hasses in die Hand der fanatischen Bekenner

des Islams drückte, und der eine Unzahl verblendeter Sekten erstehen

ließ, unter ihnen die schrecklichste, die der Karmaten, die noch lange,

zur Zeit der Kreuzzüge, unter dem Namen der syrischen Assassinen ihr

Wesen trieben. Mitten in den Unruhen, die an den verschiedenen Enden des

Reiches ausbrachen, inmitten der Empörung und des Parteienzwists starb

der edle Al-Mamun, der mit einer Hand zahllose Wohltaten und reiche

Mittel für Schulen, Werkstätten und für die Kunst ausgestreut und mit

der anderen seine unbotmäßigen, fanatischen Untertanen gezüchtigt hatte

-- er starb, ohne sein Volk verstanden zu haben und selbst unverstanden

von seinem Volk. In jedem Fall aber hat er uns ein lehrreiches Beispiel

gegeben. Er hat der Welt das Bild eines Herrschers geboten, der trotz

allen Willens zum Guten, trotz aller Sanftmut des Herzens und bei aller

Aufopferungsfähigkeit und seiner außergewöhnlichen Liebe zu den

Wissenschaften, doch eine der wichtigsten, wenn auch unbewußten Ursachen

wurde, die den Fall seines Reiches beschleunigten.

Arabesken

Zweiter Teil

I

Das Leben

Ein armer Wüstensohn hatte einen Traum: Still liegt das große

Mittelländische Meer und breitet sich aus in unendliche Fernen, und von

drei verschiedenen Seiten blicken nach ihm hin die glühenden Küsten

Afrikas mit ihren schlanken Palmen, die nackten syrischen Wüsten und die

vom Meer zerklüfteten, dichtbevölkerten Küsten Europas.

In einer Bucht an dem unbeweglichen Meer erhebt sich das alte Ägypten.

Eine Pyramide steht neben der andern; granitene Sphinxe blicken aus

grauen Augen; zahllose Stufen führen zu ihnen hinauf. Genährt von dem

großen Nil, geschmückt mit geheimnisvollen Zeichen und heiligen Tieren,

thront majestätisch das alte Ägypten unbeweglich und wie verzaubert,

gleich einer Mumie, die der Verwesung Trotz bietet.

Zahllose unabhängige Kolonien hat das heitere Griechenland um sich herum

gegründet. Das Mittelmeer ist mit Inseln übersät, die in grünen Wäldern

ertrinken; Oliven, Weinreben und Feigenbäume schaukeln sich mit ihren

honiggetränkten Zweigen im Winde; Säulen, weiß wie die Brüste einer

Jungfrau, runden sich im üppigen Dunkel der Bäume; der von wundersamem

Meißel erweckte Marmor atmet wollüstig und freut sich schamhaft seiner

herrlichen Nacktheit; mit Weintrauben geschmückt, Pokale und

Thyrsosstäbe in Händen, hält das Volk im geräuschvollen Tanz inne;

schlanke, junge Priesterinnen mit wallenden Locken werfen flammende

Blicke aus nachtschwarzen Augen. Efeubekränzte Schalmeien, Zimbeln und

andere musische Instrumente erklingen. Wie Fliegen schwirren Schiffe um

Rhodus und Korkyra und bieten ihre selig geschwellten Fahnen dem Winde

dar. Und alles atmet starr und unbeweglich in seiner steinernen

Majestät.

Stolz und unermeßlich dehnt sich das eiserne Rom, ein Wald von Lanzen

starrt gen Himmel, und in drohendem Glanze leuchten die stählernen

Schwerter. Sein gieriges Auge scheint alles verschlingen zu wollen, und

weit ausgestreckt ist seine sehnige Rechte. Aber auch Rom liegt

unbeweglich da, wie alles rings umher und rührt seine löwenstarken

Glieder nicht.

Die Luft des himmlischen Ozeans lastete dumpf und erstickend auf allem.

Kein Wellenschlag bewegte das große Mittelmeer, und es war, als wäre das

Jüngste Gericht gekommen für die drei Reiche -- vor dem Ende der Welt.

Da sprach Ägypten, und die schlanken Palmen, die Bewohner seiner Ebenen,

schwankten im Winde, und die Obelisken streckten ihre feinen Nadeln noch

höher empor: »Hört mich, ihr Völker! Ich allein drang ein in das

Geheimnis des Lebens und in das Rätsel des Menschen. Alles ist

vergänglich. Gemein ist alle Kunst, armselig jeder Genuß und noch

armseliger die Worte und Taten. Der Tod, der Tod herrscht über die Welt

und über den Menschen! Der Tod verschlingt alles, und alles lebt für den

Tod. Fern, fern ist die Auferstehung! Gibt es denn überhaupt eine

Auferstehung? Fort mit den Wünschen, den Genüssen. Armer Mensch!

Errichte immer höhere Pyramiden, um dein elendes Dasein wenigstens

_etwas_ zu verlängern.«

Und es sprach das heitere Griechenland, das so klar ist wie der Himmel,

wie der Morgen und wie die Jugend, und es war, als vernähme man keine

Worte sondern Töne einer Schalmei: »Das Leben ward für das Leben

geschaffen. Erweitere und bereichere dein Leben, erweitere mit ihm deine

Genüsse. Ihm bringe alles zum Opfer dar. Sieh, wie ist alles so

plastisch und schön in der Natur, wie ist alles in Eintracht verbunden.

In der Welt ist alles enthalten. Alles, auch alles, worüber die Götter

gebieten, enthält sie; lern' es nur finden. Göttlicher, stolzer Gebieter

dieser Erde, bekränze dein herrliches Haupt mit Eichenlaub und Lorbeer

und genieße dein Leben; fliege hin auf deinem Wagen bei den rauschenden

Spielen und lenke kunstvoll die feurigen Rosse. Fern sei deiner freien,

stolzen Seele die Habgier und der Neid! Meißel, Palette und Flöte sind

geschaffen, die Welt zu beherrschen, sie aber soll sich der Schönheit

beugen. Mit Efeu und Weinlaub umwinde deine duftende Stirn und das

liebliche Haupt deiner schamhaften Freundin! Das Leben ward für das

Leben und für den Genuß geschaffen -- lern' des Genusses würdig sein.«

Und das in Eisen gehüllte Rom klirrte mit dem leuchtenden Walde seiner

Lanzen und sprach: »Ich habe des Geheimnis des Menschenlebens ergründet.

Die Ruhe ist des Menschen unwürdig, sie richtet ihn zugrunde in seinem

eigentlichen Wesen. Kunst und Genuß sind zu gering für seine Seele. Der

wahre Genuß liegt in dem gigantischen Wunsche. Verächtlich ist das Leben

der Völker und des Einzelnen ohne ruhmreiche Heldentaten. Dürste nach

Ruhm, dürste nach Ruhm, o Mensch! Beim betäubenden Lärme der Waffen im

Rausch unbeschreiblicher Lust laß auf die Schilde der lanzentragenden

Legionen dich heben! Hörst du, wie sich zu deinen Füßen die ganze Welt,

wie sich Millionen versammelten und, die Speere schwenkend, in einen

einzigen Ruf ausbrechen? Hörst du's, wie dein Name furchtverbreitend auf

den Lippen der fernsten Völker bebt, die am Ende der Welt wohnen? Alles,

was dein Blick umfassen kann, erfülle alles mit dem Klang deines Namens!

Strebe unablässig weiter, es gibt keine Grenzen weder der Welt noch

deiner Wünsche. Furchtbar und streng schreite vorwärts und erweitere

deine Weltherrschaft, dann wirst du zuletzt auch den Himmel erobern.«

Und Rom schwieg und heftete seinen Adlerblick auf den Osten. Auch

Griechenland wandte seine herrlichen, vom Genuß feuchten Augen nach

Osten, und auch Ägypten wandte seine trüben, farblosen Augen dem Orient

zu.

Ein steiniges Land; ein verachtetes Volk; ein paar einsame Hütten stehen

an nackte Hügel gelehnt, und hie und da nur fällt der spärliche Schatten

eines dürren Feigenbaumes auf sie. Hinter einem niedrigen baufälligen

Zaun steht eine Eselin. In der Holzkrippe liegt ein Knäblein; die

jungfräuliche Mutter steht über es gebeugt und schaut es mit

tränenfeuchten Augen an; hoch über der Krippe aber steht ein Stern, und

ein herrliches Leuchten erfüllt die Welt.

Die Pyramiden des hieroglyphengeschmückten Ägyptens senkten sich immer

tiefer, und Ägypten versank in Träume; unruhig blickte das herrliche

Griechenland, Rom senkte die Augen und schaute auf seine eisernen

Lanzen; das große Asien mit seinen zahllosen Hirtenvölkern lauschte

gespannt, und der Ararat, der Urvater der Erde, beugte seinen Nacken.

1831.

II

Schlözer, Müller und Herder

Schlözer, Müller und Herder sind die großen Baumeister der

Weltgeschichte. Der Gedanke an diese war ihr Lieblingsgedanke und

verließ sie keinen Augenblick während der ganzen Zeit ihres so

verschiedenartigen Lebenslaufes. Man kann sagen, daß Schlözer der erste

war, der von der Idee eines einigen großen Ganzen, einer Einheit

durchdrungen war, zu der alle Zeiten und alle Völker zusammengefaßt und

zusammengeschmolzen werden müssen. Er wollte die ganze Welt und alles

Lebendige mit einem Blick umspannen. Es schien, als wünschte er hundert

Argusaugen zu besitzen, um mit einem Blick alle Geschehnisse in den

entlegensten Teilen der Welt zu übersehen. Sein Stil ist ein Blitz, der

fast plötzlich bald hier, bald dort zündet und die Gegenstände momentan,

aber mit blendender Klarheit, beleuchtet. Ich weiß nicht, ob er selbst

das hätte leisten können, was er den anderen so scharf vorgezeichnet

hat; jedenfalls aber war niemand so stark von seinem Objekt ergriffen

wie er. Er hatte die Gabe, alles in einem kleinen Brennpunkt zu

konzentrieren und oft mit zwei, drei scharfen Strichen, ja zuweilen

durch ein einziges Epitheton, ein bestimmtes Ereignis oder ein ganzes

Volk zu charakterisieren. Seine Epitheta sind wunderbar, temperamentvoll

und kühn und erscheinen als die Frucht eines glücklichen Augenblicks,

einer momentanen Eingebung; sie sind von so scharfer verblüffender

Wahrheit, daß selbst eine tiefe und dauernd in ihrer Richtung beharrende

Forschung sie nicht entdeckt hätte, es sei denn, daß sie von Schlözer

selbst ausgeführt worden wäre. Er war nicht eigentlich Historiker, und

ich glaube sogar, daß er gar nicht Historiker hätte sein können. Seine

Gedanken sind zu sprunghaft, zu leidenschaftlich, um sich zu einer

harmonisch und gemächlich dahinfließenden Erzählung zu formen. Er

analysierte die Welt und alle verschwundenen und noch lebenden Völker,

aber er beschrieb sie nicht; er sezierte die ganze Welt mit dem Messer

des Anatomen, zerschnitt und zerlegte sie in massive Teile, er

gruppierte und klassifizierte die Völker wie ein Botaniker die

verschiedenen Pflanzen nach bestimmten Merkmalen ordnet. Und daher

sollte man glauben, daß durch diese Art der Behandlung seine

geschichtlichen Aufzeichnungen etwas Skelettartiges und Trockenes

erhalten hätten; aber merkwürdigerweise leuchtet alles bei ihm in so

grellen Farben, der machtvolle Blitz seines Auges hat etwas so Sicheres,

daß man beim Lesen seiner gedrängten Weltskizze erstaunt bemerkt, wie

unsere Phantasie sich entzündet, erweitert und alles nach demselben

Gesetze ergänzt, das Schlözer mit einen gewaltigem Wort gekennzeichnet

hat; zuweilen aber eilt unsere Einbildungskraft die kühn vorgezeichneten

Wege noch weiter. Da er einer der ersten war, der von der Größe und dem

wahren Ziel der Weltgeschichte beunruhigt wurde, mußte er unbedingt ein

oppositionelles Genie werden. Diese seine Stellung gab ihm die große

Energie, das Feuer und sogar den Ärger über die Kurzsichtigkeit seiner

Vorgänger, die sehr häufig in seinen Schriften zum Ausbruch kommen. Mit

einem Donnerwort vernichtet er sie und in diesem einen Wort verbindet

sich der Genuß und ein sardonisches Lächeln über den Besiegten mit einer

sieghaften Wahrheit. Man könnte ihn mit mehr Recht noch als Kant den

Alleszermalmer nennen. Fast immer lassen sich die Männer der Opposition

zu sehr von ihrer Stellung hinreißen, indem sie sich in ihrem

enthusiastischen Übereifer nur an eine Regel halten -- allem

Vorangegangenen zu widersprechen. Doch dieser Vorwurf trifft Schlözer

nicht: sein germanischer Geist beharrt unerschütterlich auf seinem

Standpunkt. Er ist ein strenger, allwissender Richter; seine Urteile

sind scharf, kurz und gerecht. Vielleicht werden einige sich darüber

wundern, daß ich von Schlözer wie von einem großen Baumeister der

Weltgeschichte rede, während doch die Gedanken und Werke, die er diesem

Gegenstande gewidmet hat, in einem kleinen Leitfaden für Studenten

bestehn; aber dieses kleine Büchlein gehört zur Zahl der Werke, nach

deren Lektüre man glaubt, ganze Bände gelesen zu haben; ich möchte es

mit einem kleinen Fenster vergleichen, durch das man, wenn man sein Auge

nur nahe genug heranbringt, die ganze Welt erblicken kann. Er wirft ein

helles Licht auf die Gegenstände, lehrt sie uns begreifen, und

schließlich gelangt man dazu, alles mit eigenen Augen zu sehen.

Müller ist ein Historiker ganz anderen Schlages. Still, ruhig und

bedächtig, ist er das volle Gegenteil von Schlözer. Mit einer

eigenartigen, bezaubernden Liebe gibt er sich seinem Gegenstande hin.

Sein Vortrag glänzt nicht durch eine scharf ausgeprägte Eigenart wie der

Stil Schlözers; er kennt weder die leidenschaftlichen Ausbrüche, noch

den prägnanten Lakonismus, der den Vortrag Schlözers auszeichnet. Er

umfaßt nicht alles so momentan, so mit einem Blicke wie jener, umspannt

es nicht mit gewaltiger Hand, er erforscht alles, was die Welt erfüllt,

ruhig, in bestimmter Reihenfolge, ohne jene Überstürzung und Hast, mit

der ein Autor sich ausspricht, der sich fürchtet, jemand könnte ihm

seine Gedanken entwenden und ihm zuvorkommen. Das Wort »Untersuchung«

paßt so recht zu seinem Stil; seine Darstellungen sind wahrhafte

Untersuchungen. Als Staatsmann beschäftigt er sich vorzüglich mit der

Erörterung der Staatsformen und mit den Gesetzen der gegenwärtigen und

der untergegangenen Reiche; aber er betont diese Seite nicht in dem

Maße, um darüber andre Seiten ganz im Schatten zu lassen, ein Fehler,

dessen nur einseitige Historiker fähig sind und in den auch Heeren

mitunter verfallen ist; im Gegenteil, er wendet seine Aufmerksamkeit

auch allen Grenzgebieten zu. Alles, was in der Geschichte nicht ganz

klar ist, was noch wenig erforscht ist, das alles unterwirft er einer

Untersuchung. Man fühlt sogar, daß er sich mit Vorliebe mit der

Urgeschichte und überhaupt mit den Epochen beschäftigt, wo das Volk noch

nicht von der Kultur und ihren Lastern berührt ist und noch seine

einfachen Sitten und seine Unabhängigkeit bewahrt. Diese Perioden

schildert er mit einer leuchtenden Ausführlichkeit, mit einer sanften

Wärme, wie wenn er sich selbst dabei vergäße und sich mitten unter

seinen braven Schweizern zu befinden wähnte. Das wichtigste Resultat,

das er aus seiner Geschichtsdarstellung zieht, ist dieses, daß ein Volk

nur dann glücklich ist, wenn es die alten Sitten des Landes treu befolgt

und seine einfache Lebensweise und Unabhängigkeit beibehält. Überall

schimmert seine reife Weisheit und seine kindliche Seelenklarheit durch.

Der Adel seiner Gedanken und die Freiheitsliebe durchdringen all seine

Werke. Nicht der Gedanke an die Einheit und an ein unzertrennliches

Ganzes ist das Ziel, nach dem seine Darstellung bewußt hinstrebt; er

spricht eigentlich nie darüber, aber sein ganzes Werk läßt uns diese

Einheit fühlen, obgleich er über der Betrachtung eines Volkes die Sache

der ganzen Welt zu vergessen scheint. Seine Geschichte ist keine

ununterbrochene, bewegliche Kette von Begebenheiten; hier gibt es keine

dramatischen Effekte; aus allem spricht die bedächtige Weisheit des

Autors. Er gibt seinen Gedanken keine scharfen prägnanten

Formulierungen: sie scheinen sich bescheiden und häufig wie in einem

unbeachteten Winkel zu verbergen, so daß man sie nur entdeckt, wenn man

sie sucht; aber dafür sind sie so erhaben und zugleich so tief, daß nach

einem Ausdruck Wagners im »Faust« der ganze Himmel zu dem glücklichen

Finder niedersteigt. Dieser bescheidene, prunklose Vortrag und der

Mangel an blendenden Lichtern weckt unwillkürlich unser Mitleid; sie

sind der Grund, warum Müller so wenig bekannt oder besser gesagt nicht

so bekannt ist, wie er es verdient. Nur solche Menschen, die tief

durchdrungen von der Idee der Geschichte und einer edleren Bildung fähig

sind, können ihn ganz verstehen; den übrigen erscheint er unbedeutend

und oberflächlich.

Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom · 第 19 / 32 题