So trennte sich das südliche Rußland unter dem mächtigen Schutz der
litauischen Fürsten ganz von dem Norden. Jede Verbindung zwischen ihnen
hörte auf; es bildeten sich zwei Reiche, die einen und denselben Namen
Rußland führten, das eine unter dem Joch der Tataren -- das andere unter
demselben Zepter wie Litauen. Aber alle näheren Beziehungen zwischen
ihnen hörten auf; andere Gesetze, andere Sitten, andere Ziele, andere
Verhältnisse und andere Taten schufen mit der Zeit ganz verschiedene
Charaktere. Zu ergründen, in welcher Weise dies geschah, bildet den
Zweck unserer Geschichte. Aber vor allem müssen wir einen Blick auf die
geographische Lage dieses Landes werfen, damit müssen wir durchaus
beginnen, denn von der Beschaffenheit des Bodens hängt die Lebensweise,
ja sogar der Charakter eines Volkes ab. Gar vieles in der Geschichte
läßt sich durch die Geographie erklären.
Dieses Land, das später den Namen der »Ukraine« erhielt, erstreckt sich
im Norden bis zum fünfzigsten Grad nördlicher Breite und ist eher flach
als gebirgig. Hier begegnen wir häufig kleinen Hügeln, aber keiner
zusammenhängenden Gebirgskette. In dem nördlichen Teil gibt es
zahlreiche Wälder, die ehemals ganze Herden von Bären und Wildschweinen
beherbergten. Der südliche Teil liegt ganz offen da und stellt ein
weites Steppenland von üppiger Fruchtbarkeit dar, das aber nur hie und
da mit Getreide bestellt ist. Dieser herrliche, jungfräuliche Boden
bringt aus sich selbst eine verschwenderische Fülle der
mannigfaltigsten, verschiedenartigsten Gräser hervor. Hier trieben sich
ganze Scharen von Steppenantilopen, Hirschen und wilden Pferden herum.
Vom Norden nach Süden zieht sich der mächtige Dnjepr durch das Land,
umsponnen von einem ganzen Netze kleinerer Nebenflüsse, die in ihn
münden. Sein rechtes Ufer ist gebirgig und bietet anmutige und zugleich
wilde Landschaftsbilder dar; das linke besteht ganz aus Wiesen, die mit
kleinen Wäldern bedeckt sind und meist unter Wasser stehen. Unweit der
Mündung des Dnjepr ins Meer bilden schroff aus dem Flußbett aufsteigende
Felsen zwölf Stromschnellen, sie unterbrechen die Strömung und machen
die Schiffahrt sehr gefährlich. In ihrer Nähe gab es viele sogenannte
Sugaken, wilde Ziegen mit weißlich-glänzenden Hörnern und atlasweichem
Fell. Früher war der Wasserstand des Dnjepr höher, sein Flußbett
breiter, und er überschwemmte die Wiesen an seinem Ufer auf größere
Strecken hin. Wenn das Wasser sinkt, ist das Bild überraschend schön:
alle Bodenerhöhungen treten hervor und bilden unzählige, grüne Inseln
inmitten der unabsehbaren Gewässer des Ozeans. Nur ein einziger
schiffbarer Fluß, die Desna, mündet in den Dnjepr, sie fließt durch die
nördliche Ukraine, mit ihren bewaldeten Ufern, die fast immer
überschwemmt sind; aber auch dieser Fluß ist nur stellenweise befahrbar.
Außerdem gibt's im Norden noch den Oster und einen Teil des Sseim, im
Süden die Ssula, den Psjoll mit einer Reihe schöner Landschaftsbilder,
den Chorol und andere; aber keiner von all diesen Flüssen ist schiffbar.
Verkehrswege gibt es nicht; die Produkte konnten nicht ausgetauscht
werden, und daher konnte sich hier auch kein handeltreibendes Volk
ansiedeln. Alle Flüsse verzweigen sich in der Mitte; keiner von ihnen
bildete durch seinen Lauf eine natürliche Grenze zwischen den
benachbarten Völkern. Im Norden lag Rußland, im Osten hausten die
Kiptschatskischen, im Süden die Krimschen Tataren, im Westen lag Polen
und überall offenes Land -- die Grenzen wurden durch Steppen und weite
Ebenen gebildet. Hätte es auch nur von einer Seite eine natürliche
Grenze in Form eines Gebirges oder eines Meeres gegeben, so hätte das
hier wohnhafte Volk sich sicherlich sein politisches Wesen bewahrt und
ein selbständiges Reich gebildet. Aber das offene, unbeschützte Land
wurde die beständige Beute von Überfällen und Verwüstungen, -- es wurde
ein Platz, auf dem drei feindliche Nationen aufeinanderstießen, den
Boden mit Knochen düngten und mit Blut tränkten. _Ein_ Überfall der
Tataren zerstörte die ganze Arbeit des Landmanns; die Wiesen und Felder
wurden von den Hufen der Rosse zerstampft oder niedergebrannt, die
leichtgebauten Hütten bis auf den Grund niedergerissen und die Einwohner
vertrieben oder mitsamt ihrem Vieh in die Gefangenschaft geführt. Das
war ein Land des Schreckens; und daher konnte hier nur ein
kriegerisches, durch Zusammenschluß starkes Volk erstehen -- ein
tollkühnes Volk, dessen ganzes Leben von Kriegen erfüllt, und das in
Krieg und Schlachten gesäugt und aufgezogen war. Freiwillige und
unfreiwillige Auswanderer, heimatlose Wanderer, die nichts zu verlieren
hatten, Menschen, deren Leben keinen Heller wert war, deren zügelloser
Wille sich keiner Macht und keinem Gesetz fügen wollte, und denen
überall der Galgen drohte, zogen in dies Land und wählten diesen äußerst
gefährlichen Ort, in unmittelbarer Nähe der asiatischen Eroberer der
Tataren und Türken, zu ihrem Aufenthalt. Diese zusammengewürfelte
Menschenmenge wuchs immer mehr an, vermehrte sich und bildete
schließlich ein ganzes Volk, das seinen Charakter, ja, ich möchte sagen,
sein Kolorit der ganzen Ukraine mitteilte -- es vollzog sich ein Wunder
-- die friedlichen slawischen Stämme verwandelten sich unter seinem
Einfluß in ein kriegerisches Volk, das unter dem Namen Kosaken bekannt
ist und eine der merkwürdigsten Erscheinungen in der Geschichte Europas
bildet; vielleicht war nur dies Volk imstande, die verheerende
Überschwemmung durch die beiden mohammedanischen Stämme, die Europa zu
verschlingen drohte, zurückzudämmen.