IV

Als der erste Schreck vorüber war, begannen allmählich Auswanderer aus

Polen, Litauen und Rußland sich in diesem Lande, der eigentlichen Heimat

der Slawen, niederzulassen; hier war die Wiege der alten Poljanen und

Ssewerjanen, dieser rein slawischen Stämme, die sich in Großrußland

schon mit finnischen Völkerschaften zu vermischen begannen, aber sich

hier in ihrer Reinheit erhielten, mit all ihren heidnischen

Glaubenslehren, ihren kindlichen Vorurteilen, ihren Sagen und Gesängen

und ihrer slawischen Mythologie, die bei ihnen so naiv mit dem

Christentum verschmolz. Den in ihre alte Heimat zurückkehrenden

Einwohnern folgten auch Auswanderer aus anderen Ländern auf den Fersen,

mit denen sie sich durch längeres Beisammenleben allmählich vermischt

hatten. Diese Einwanderung vollzog sich furchtsam und zaghaft, weil das

schreckenverbreitende Wandervolk nicht weit entfernt war: sie waren nur

durch die Steppe voneinander getrennt, oder besser gesagt, miteinander

verbunden. Trotz der bunten Bevölkerung fehlte es hier an jenen

Zwistigkeiten, die im Innern Rußlands nie aufhörten. Die von allen

Seiten drohende Gefahr ließ den Menschen keine Zeit zum Streit. Das von

den furchtbaren Herdenbesitzern übel zugerichtete Kiew, die

altehrwürdige Mutter der russischen Städte, blieb noch lange verarmt und

konnte sich kaum mit so mancher unbedeutenden Stadt des nördlichen

Rußlands messen. Alle Menschen hatten es verlassen, selbst die Mönche

und Chronisten, die es immer wie ein Heiligtum verehrt hatten, zogen

fort. Die Kunde von Kiew hört plötzlich auf, und obwohl dort eine Linie

des russischen Fürstengeschlechts zurückblieb, geriet es für ein halbes

Jahrhundert vollständig in Vergessenheit. Nur hin und wieder sprechen

noch die Chronisten wie im Traum von Kiew, sie erzählen, daß es in der

schrecklichsten Weise zerstört wurde, und daß die Beamten der Chane dort

residierten -- dann aber ist's als hätte sich ein undurchdringlicher

Vorhang darüber gebreitet.

V

Während so Rußland durch die Tataren zur Untätigkeit und Erstarrung

verurteilt war, führte der große Heide Gedimin ein neues Volk auf den

Schauplatz der Geschichte herauf -- ein armes Volk, arm an Kultur und

arm an Lebensmitteln --, es bewohnte die wilden Fichtenwälder im

heutigen Weißrußland, hüllte sich in Tierfelle statt in Kleider, betete

den Gott Perun an und beugte sein Knie in noch nie von der Axt berührten

Hainen vor dem altehrwürdigen Feuer; dies Volk, das unter dem Namen der

Litauer bekannt war, hatte ehemals den russischen Fürsten Tribut

gezahlt. Nun aber wurde es unter seinem Fürsten Gedimin zu der

bedeutendsten Macht in dem gewaltigen Nordosten Europas! Damals glichen

die Städte, die Fürstentümer und die Völker des westlichen Rußland noch

Stücken und Fetzen, die jenseits der Grenze des Tatarenjoches lagen. Sie

bildeten kein Ganzes, und daher konnte auch der litauische Eroberer fast

durch einen einzigen Angriff seines von ihm selbst geschaffenen

heidnischen Heeres den ganzen Flächenraum zwischen Polen und dem

tatarischen Rußland seiner Macht unterwerfen. Dann führte er sein Heer

nach Süden in das Gebiet der wolhynischen Fürsten. Es ist nur natürlich,

daß der Erfolg ihn überall begleitete. In Luzk stellte sich ihm der

Fürst Leo entgegen und leistete ihm harten Widerstand, war aber doch

nicht imstande, ihn zurückzuschlagen und sein Land zu behaupten. Gedimin

setzte Gouverneure und Gemeindeälteste ein und zog weiter nach Süden,

mitten ins Herz des südlichen Rußlands, nach Kiew. Dem Fürsten Leo von

Luzk gelang es auf der Flucht, den Fürsten von Kiew, Stanislaus, zu

überreden, dem furchtbaren Eroberer mit seiner wenig zahlreichen

Streitmacht entgegenzutreten. Seine Truppen wurden noch durch verbündete

Tataren verstärkt; aber alle ergriffen die Flucht vor dem mächtigen

Litauer. Nachdem Gedimin den Feinden am Flusse Irpenj eine furchtbare

Niederlage bereitet, zog er im Triumph in Kiew ein, das noch unter dem

frischen Eindruck eines Einfalls der Tataren stand, und setzte dort den

Fürsten Mindow Oljschansky, der eben den griechischen Glauben angenommen

hatte, als Regenten ein. So entriß der litauische Eroberer den Tataren

ein Stück Land, das fast vor ihren Augen gelegen war. Man sollte

glauben, dies hätte einen Kampf zwischen den beiden Völkern zur Folge

haben müssen, aber Gedimin war ein klarer und politischer Kopf, trotz

seiner scheinbaren Wildheit und trotz des barbarischen Zeitalters. Er

verstand es, sich die Freundschaft der Tataren zu erhalten, obwohl er

über Länder herrschte, die er ihnen entrissen hatte, ohne ihnen Tribut

zu zahlen. Dieser urwüchsige Politiker, der weder schreiben noch lesen

konnte und einen heidnischen Gott anbetete, rührte nicht an die Sitten

und die alten Regierungsformen der unterworfenen Völker, alles blieb

beim alten, er bestätigte alle Privilegien und befahl seinen

Gemeindevorstehern, die Landesgebräuche streng zu achten, und hinterließ

bei seinem Zuge durchs Land nirgends Spuren der Verwüstung. Die absolute

Bedeutungslosigkeit der herumliegenden Völker und seiner Zeitgenossen

lassen seine Gestalt zu ungeheuren Dimensionen emporwachsen. Er starb im

Jahre 1340, seine Leiche wurde auf ein Pferd gesetzt, und er wurde nach

der heidnischen Sitte der Litauer mitsamt seinem Waffenträger, seinen

Jagdhunden und Falken verbrannt. Ihm folgten Oljgerd und Jagello auf dem

Thron, zwei ebenso starke Charaktere, die noch weiter zum Aufschwung

Litauens beitrugen, indem sie den angegliederten Ländern gegenüber

dieselbe Politik verfolgten wie er.

Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom · 第 15 / 32 题