Als der erste Schreck vorüber war, begannen allmählich Auswanderer aus
Polen, Litauen und Rußland sich in diesem Lande, der eigentlichen Heimat
der Slawen, niederzulassen; hier war die Wiege der alten Poljanen und
Ssewerjanen, dieser rein slawischen Stämme, die sich in Großrußland
schon mit finnischen Völkerschaften zu vermischen begannen, aber sich
hier in ihrer Reinheit erhielten, mit all ihren heidnischen
Glaubenslehren, ihren kindlichen Vorurteilen, ihren Sagen und Gesängen
und ihrer slawischen Mythologie, die bei ihnen so naiv mit dem
Christentum verschmolz. Den in ihre alte Heimat zurückkehrenden
Einwohnern folgten auch Auswanderer aus anderen Ländern auf den Fersen,
mit denen sie sich durch längeres Beisammenleben allmählich vermischt
hatten. Diese Einwanderung vollzog sich furchtsam und zaghaft, weil das
schreckenverbreitende Wandervolk nicht weit entfernt war: sie waren nur
durch die Steppe voneinander getrennt, oder besser gesagt, miteinander
verbunden. Trotz der bunten Bevölkerung fehlte es hier an jenen
Zwistigkeiten, die im Innern Rußlands nie aufhörten. Die von allen
Seiten drohende Gefahr ließ den Menschen keine Zeit zum Streit. Das von
den furchtbaren Herdenbesitzern übel zugerichtete Kiew, die
altehrwürdige Mutter der russischen Städte, blieb noch lange verarmt und
konnte sich kaum mit so mancher unbedeutenden Stadt des nördlichen
Rußlands messen. Alle Menschen hatten es verlassen, selbst die Mönche
und Chronisten, die es immer wie ein Heiligtum verehrt hatten, zogen
fort. Die Kunde von Kiew hört plötzlich auf, und obwohl dort eine Linie
des russischen Fürstengeschlechts zurückblieb, geriet es für ein halbes
Jahrhundert vollständig in Vergessenheit. Nur hin und wieder sprechen
noch die Chronisten wie im Traum von Kiew, sie erzählen, daß es in der
schrecklichsten Weise zerstört wurde, und daß die Beamten der Chane dort
residierten -- dann aber ist's als hätte sich ein undurchdringlicher
Vorhang darüber gebreitet.
V
Während so Rußland durch die Tataren zur Untätigkeit und Erstarrung
verurteilt war, führte der große Heide Gedimin ein neues Volk auf den
Schauplatz der Geschichte herauf -- ein armes Volk, arm an Kultur und
arm an Lebensmitteln --, es bewohnte die wilden Fichtenwälder im
heutigen Weißrußland, hüllte sich in Tierfelle statt in Kleider, betete
den Gott Perun an und beugte sein Knie in noch nie von der Axt berührten
Hainen vor dem altehrwürdigen Feuer; dies Volk, das unter dem Namen der
Litauer bekannt war, hatte ehemals den russischen Fürsten Tribut
gezahlt. Nun aber wurde es unter seinem Fürsten Gedimin zu der
bedeutendsten Macht in dem gewaltigen Nordosten Europas! Damals glichen
die Städte, die Fürstentümer und die Völker des westlichen Rußland noch
Stücken und Fetzen, die jenseits der Grenze des Tatarenjoches lagen. Sie
bildeten kein Ganzes, und daher konnte auch der litauische Eroberer fast
durch einen einzigen Angriff seines von ihm selbst geschaffenen
heidnischen Heeres den ganzen Flächenraum zwischen Polen und dem
tatarischen Rußland seiner Macht unterwerfen. Dann führte er sein Heer
nach Süden in das Gebiet der wolhynischen Fürsten. Es ist nur natürlich,
daß der Erfolg ihn überall begleitete. In Luzk stellte sich ihm der
Fürst Leo entgegen und leistete ihm harten Widerstand, war aber doch
nicht imstande, ihn zurückzuschlagen und sein Land zu behaupten. Gedimin
setzte Gouverneure und Gemeindeälteste ein und zog weiter nach Süden,
mitten ins Herz des südlichen Rußlands, nach Kiew. Dem Fürsten Leo von
Luzk gelang es auf der Flucht, den Fürsten von Kiew, Stanislaus, zu
überreden, dem furchtbaren Eroberer mit seiner wenig zahlreichen
Streitmacht entgegenzutreten. Seine Truppen wurden noch durch verbündete
Tataren verstärkt; aber alle ergriffen die Flucht vor dem mächtigen
Litauer. Nachdem Gedimin den Feinden am Flusse Irpenj eine furchtbare
Niederlage bereitet, zog er im Triumph in Kiew ein, das noch unter dem
frischen Eindruck eines Einfalls der Tataren stand, und setzte dort den
Fürsten Mindow Oljschansky, der eben den griechischen Glauben angenommen
hatte, als Regenten ein. So entriß der litauische Eroberer den Tataren
ein Stück Land, das fast vor ihren Augen gelegen war. Man sollte
glauben, dies hätte einen Kampf zwischen den beiden Völkern zur Folge
haben müssen, aber Gedimin war ein klarer und politischer Kopf, trotz
seiner scheinbaren Wildheit und trotz des barbarischen Zeitalters. Er
verstand es, sich die Freundschaft der Tataren zu erhalten, obwohl er
über Länder herrschte, die er ihnen entrissen hatte, ohne ihnen Tribut
zu zahlen. Dieser urwüchsige Politiker, der weder schreiben noch lesen
konnte und einen heidnischen Gott anbetete, rührte nicht an die Sitten
und die alten Regierungsformen der unterworfenen Völker, alles blieb
beim alten, er bestätigte alle Privilegien und befahl seinen
Gemeindevorstehern, die Landesgebräuche streng zu achten, und hinterließ
bei seinem Zuge durchs Land nirgends Spuren der Verwüstung. Die absolute
Bedeutungslosigkeit der herumliegenden Völker und seiner Zeitgenossen
lassen seine Gestalt zu ungeheuren Dimensionen emporwachsen. Er starb im
Jahre 1340, seine Leiche wurde auf ein Pferd gesetzt, und er wurde nach
der heidnischen Sitte der Litauer mitsamt seinem Waffenträger, seinen
Jagdhunden und Falken verbrannt. Ihm folgten Oljgerd und Jagello auf dem
Thron, zwei ebenso starke Charaktere, die noch weiter zum Aufschwung
Litauens beitrugen, indem sie den angegliederten Ländern gegenüber
dieselbe Politik verfolgten wie er.