Daher ist es gut, nach Beendigung des Kursus die ganze Weltgeschichte
noch einmal nach einzelnen Jahrhunderten gleichsam in Form eines Epilogs
zu überblicken. Dann wird die Weltgeschichte wie eine Stufenfolge der
Jahrhunderte vor uns stehen. Dabei muß man unbedingt darauf hinweisen,
wodurch der Anfang, die Mitte und das Ende eines jeden Jahrhunderts
gekennzeichnet sind, und ferner -- seinen Geist und seine
hervorstechenden Züge darstellen. Um jedes Jahrhundert genauer zu
charakterisieren und eine gewisse Monotonie der Jahreszahlen zu
vermeiden, würde ich es nach dem Namen des Volkes oder des Mannes
bezeichnen, die sich in dem betreffenden Zeitraum weit über die andern
emporschwangen und sich am intensivsten auf der Weltenbühne betätigten.
Eine solche Stufenleiter der Jahrhunderte ist das beste Mittel, dem
Gedächtnis der Zuhörer den Synchronismus der Ereignisse, der
Erscheinungen und der Personen einzuprägen.
X
Mir scheint, daß solch eine Art des Unterrichts natürlicher wäre und der
Wahrheit mehr entsprechen würde. Jedenfalls wird der, der die
Erhabenheit der Geschichte im Tiefsten erfaßt hat, einsehen, daß sie
nicht das Erzeugnis einer plötzlichen Eingebung, sondern die Frucht
einer sorgfältigen Überlegung und Erfahrung ist; daß hierbei kein
Epitheton, und kein einziges Wort nur aus Stilrücksichten oder eitler
Schönrednerei verloren wurde, sondern daß es das Resultat eines langen
Studiums der Weltchroniken ist; daß selbst der Entwurf einer allgemeinen
und vollständigen Skizze der allgemeinen Weltgeschichte, der selbst,
wenn er so kurz ist, wie das hier geschildert wurde, nicht anders
möglich ist, als indem man die allerfeinsten und verwickeltsten Fäden
der Geschichte aufgespürt und entwirrt hat, und daß nur die Liebe zur
Wissenschaft, die einem zum Genuß ward, einen dazu bewegen konnte, seine
Gedanken darzustellen, daß unser Zweck dabei die Herzensbildung der
jungen Zuhörer durch jene gründliche Erfahrung ist, wie sie uns durch
die Geschichte vermittelt wird, sofern wir sie nur in ihrer wahren Größe
erkennen.
Sie sollen erkennen, daß wir nur einen Zweck im Auge haben, in unseren
Zuhörern feste und männliche Grundsätze zu entwickeln, die fortan kein
leichtsinniger Fanatiker und keine vorübergehende Erregung zu
erschüttern vermögen -- sie zu bescheidenen, demütigen, vornehmen
Charakteren und zu nützlichen und notwendigen Mitarbeitern des großen
Königs zu machen, auf daß sie weder im Glück noch im Unglück ihre
Pflicht, ihren Glauben, ihre unantastbare Ehre und ihr Gelübde, treue
Diener des Vaterlandes und des Kaisers zu sein, verletzen.
1832.
V
Ein Überblick über das Werden Kleinrußlands[2]
[Fußnote 2: Diese Skizze bildet die Einleitung zu einer Geschichte
Kleinrußlands; da aber der ganze erste Teil dieser Geschichte
vollständig umgearbeitet wurde, so lassen wir diesen Teil als besonderen
Aufsatz hier folgen.]
I
Welch furchtbar armselige Rolle spielt doch das XIII. Jahrhundert in der
Geschichte Rußlands. Hundert kleine Staaten, die einer Rasse entstammen,
einen Glauben bekennen, eine Sprache sprechen, gemeinsame
Charaktereigentümlichkeiten haben und -- fast möchte es scheinen, gegen
ihren Willen, durch Blutsverwandtschaft untereinander verbunden sind --
alle diese kleinen Reiche waren so miteinander verfeindet, wie dies
selbst unter verschiedengearteten Völkern nur selten vorkommt. Nicht Haß
(denn einer wirklich starken Leidenschaft waren sie nicht fähig), auch
nicht eine stetige Politik als Folge eines unbeugsamen Sinnes oder
reifer Lebenserkenntnis waren es, die sie trennten: es war ein Chaos von
Kämpfen um vorübergehender, momentaner Vorteile willen, und diese
Streitigkeiten waren um so verderblicher, weil sie den Volkscharakter,
der unter den starken normannischen Fürsten angefangen hatte, eine
eigenartige Physiognomie anzunehmen, allmählich zersetzten. Die
Religion, die die Völker mehr denn alles andere miteinander verbindet
und erzieht, hatte nur wenig Einfluß auf sie; denn sie war damals noch
nicht mit den Gesetzen und mit dem Leben verwachsen. Die Mönche, die
Lehrer, ja sogar die Metropoliten waren Einsiedler, die sich in ihre
Zellen zurückzogen und ihre Augen vor der Welt verschlossen; sie beteten
zwar für alle Menschen, aber verstanden es nicht, mit Hilfe ihrer
gewaltigen Waffe: des Glaubens -- Macht über das Volk zu erringen und
mit diesem Glauben die kleine Flamme des Glaubenseifers bis zum
Enthusiasmus zu schüren, der doch allein imstande ist, junge Völker zu
verbinden und sie für große Taten zu begeistern. Das war der große
Unterschied gegenüber dem Westen, wo der allmächtige Papst ganz Europa
mit seiner geistlichen Macht umspann, wie mit einem unsichtbaren
Spinngewebe, wo sein allmächtiges Wort Streitigkeiten schlichtete oder
entfachte, und wo die Bedrohung mit seinem furchtbaren Fluch die
Leidenschaften und die noch halbwilden Völker bändigte. Hier waren die
Klöster noch Zufluchtsstätten für die Menschen, die sich durch ihre
Sanftmut und Güte von dem allgemeinen Charakter des Jahrhunderts
abhoben. Nicht selten redeten die Geistlichen von ihren Höhlen und
Klöstern aus den Teilfürsten ins Gewissen; aber ihre Ermahnungen blieben
erfolglos, die Fürsten verstanden es nur, zu fasten und Kirchen zu
bauen, damit glaubten sie, den Anforderungen des Christentums Genüge
geleistet zu haben: es als ein Gesetz zu achten und sich seinen Geboten
zu fügen, verstanden sie nicht. Die geringfügigsten Ursachen hatten
endlose Kriege zur Folge. Das waren keine Kriege zwischen dem König und
seinen Lehnsmännern oder der Vasallen untereinander -- nein -- das waren
Zwistigkeiten zwischen Blutsverwandten, zwischen leiblichen Brüdern,
Vätern und Kindern. Nicht Haß oder starke Leidenschaft fachten sie an --
nein -- der Bruder erschlug seinen Bruder um eines Stückes Land willen,
oder auch nur um Mut und Kühnheit an den Tag zu legen. Welch
schreckliches Beispiel für das Volk! Blutsverwandtschaft galt für
nichts, denn die Bewohner zweier benachbarter Teile, die alle
untereinander verwandt waren, waren jeden Augenblick bereit, mit der Wut
von Wölfen übereinander herzufallen. Es war nicht ererbte Zwietracht,
die sie antrieb, denn der Freund von heute wurde zum Feinde von morgen
und umgekehrt. Das Volk hatte eine kaltblütige Bestialität angenommen:
es mordete, ohne recht zu wissen warum. Kein starkes Gefühl, weder
Fanatismus, noch Aberglaube, ja nicht einmal ein Vorurteil konnten es
begeistern, und es schien, als seien alle starken und hohen menschlichen
Leidenschaften in ihm erloschen; wenn zu jener Zeit ein Genie erschienen
wäre, das den Wunsch gehabt hätte, mit diesem Volk etwas Großes zu
vollbringen, es hätte keine Saite gefunden, bei der er es hätte fassen
können, um diesen gefühllosen Körper aufzurütteln; es sei denn etwa die
eiserne physische Kraft. Damals schien die »Geschichte« gleichsam
erstarrt zu sein und sich in »Geographie« verwandelt zu haben: das
einförmige Leben, das sich in den einzelnen Teilen regte, aber als
Ganzes starr und unbeweglich dalag, konnte als geographisches Zubehör
des Landes gelten.