VIII

Damit das Vorgetragene sich dem Gedächtnis noch tiefer einprägt, ist

nach Beendigung des Kursus noch eine wiederholende Übersicht notwendig.

Damit aber diese Wiederholungen ihren Zweck besser erfüllen, muß man

sich bemühen, ihnen das Interesse und die Anziehungskraft der Neuheit zu

geben. Nach der Geschichte der Welt im allgemeinen und der eines jeden

Landes und Volkes im besonderen ist es ratsam, eine Übersicht über alle

Erdteile zu geben und hierbei auf ihre Verschiedenheiten und die

Besonderheiten der sie bewohnenden Völker hinzuweisen, damit die Zuhörer

selbst ihre Schlüsse daraus ziehen können.

Zuerst müßte man mit Asien anfangen, dieser großen Wiege der jungen

Menschheit, des Kontinents der ungeheuren Umwälzungen, wo plötzlich

ganze Völker von furchtbarer Größe auftauchen und ebenso plötzlich

wieder von anderen verschlungen werden; wo so viele Nationen eine nach

der anderen für immer verschwinden, während die Regierungsformen und der

Geist der Völker dieselben bleiben; noch heute ist der Asiat immer

gleich hochmütig und stolz, schnell begeistert und von Leidenschaft

ergriffen; und ebenso schnell verfällt er wieder der Trägheit und dem

tatenlosen Genußleben; zugleich ist dieser Erdteil der Schauplatz der

großen Widersprüche und einer gewaltigen Unordnung; noch immer wandert

ein Volk von unübersehbarer Menschenzahl mit unzähligen Roßherden

sorglos von Ort zu Ort, während am anderen Ende, irgendwo in der Wüste,

ein rasender Fanatiker, ganz blaß und abgemagert vom beständigen Fasten,

über einer neuen Religion brütet, die einmal ganz Asien erfassen, das

ganze Volk in eine leidenschaftliche Begeisterung versetzen, gleichsam

in einen undurchdringlichen Panzer hüllen und es seinem Verderben

entgegenführen soll; zugleich aber ist es möglich, daß dicht daneben ein

anderes Volk lebt, das, von Luxus umgeben und angefressen von

asiatischer Übersättigung, schon alle diese Phasen und Krisen längst

hinter sich hat. Nur hier können diese merkwürdigen Gegensätze

existieren, die wir an den Bäumen des Südens beobachten, wo sich an

demselben Zweige eine Blüte entfaltet, eine andre schon eine Frucht

ansetzt, eine dritte reift und zugleich eine vierte überreif zu Boden

fällt.

Dann muß man zu Europa übergehen, dessen Geschichte einen ganz

entgegengesetzten Charakter hat, wo das Leben der Völker im Gegensatz zu

Asien viel länger und viel großartiger ist und alles Ordnung und

Regelmäßigkeit atmet; hier bewegen sich die Völker Schritt für Schritt

und in gemessenem Takte wie reguläre europäische Truppen; fast alle

Staaten wachsen und entwickeln sich hier zu gleicher Zeit. Trotz aller

Verschiedenheiten der einzelnen Nationen beobachtet man hier eine

allgemeine Einheitlichkeit, sie sind alle so wunderbar miteinander

verflochten, daß sie nur im Zusammenhang mit dem ganzen Europa

verstanden werden können, und so erscheint Europa selbst fast wie ein

einziger geeinigter Staat. In diesem kleinen Teil der Welt kam ein alter

Prozeß zum Austrag: der Mensch erhob sich über die Natur, und die Natur

ward zur Kunst; ja ihre Armut und ihre Sprödigkeit brachte erst die

unendliche Welt ans Licht, die im Menschen verborgen lag, ließ ihn

fühlen, wie hoch er über allem Irdischen stand, und ließ das Sein der

Welt als ein ewiges Leben des Geistes erscheinen. Nur in diesem Erdteil

entfaltete sich der hohe Genius des Christentums ganz, und schwebt der

unermeßliche Gedanke, beschattet vom himmlischen Zeichen des Kreuzes

über ihm, wie über seiner Heimat.

Dann folgt Afrika, das im Gegensatz zu Europa den geistigen Tod

darstellt, wo die Natur stets despotisch über den Menschen herrscht, wo

sie ihn in ihrer königlichen Majestät immer wieder in seinen Urzustand,

das sinnliche Leben, zurückstieß; wo kein einziges einheimisches,

eingeborenes Volk sich zu vollem Leben entwickelte, und einen hellen

Lichtstrahl in die Welt sandte, und wo selbst die Kolonisten aus andern

Ländern vergeblich den Kampf mit der glühenden, afrikanischen Natur

aufnahmen, denn je tiefer sie in das Innere Afrikas eindrangen, desto

mehr verfielen sie den sinnlichen Trieben.

Und endlich -- Amerika, -- diese Weltkolonie, dieses Babel aller

möglichen Nationen, wo sich drei verschiedene Erdteile trafen, sich

miteinander mischten, aber noch zu keinem Ganzen verschmolzen und daher

auch bis heute noch keine Einheit, nicht einmal die der Religion

erreicht haben. Trotzdem es in seinen Teilen so manches

Charakteristische an sich hat, hat es doch noch keinen allgemeinen

Charakter ausgebildet; noch immer besteht es trotz der großen Massen,

die es umfaßt, noch aus unorganisierten Urkräften und Urelementen und

gleicht, obwohl es aus lauter unabhängigen Staaten besteht, noch immer

einer Kolonie.

Ein flüchtiger Überblick über die Geschichte eines jeden Erdteils in

seinen am stärksten ausgeprägten Charakterzügen, die Darstellung der

tiefsten Ergebnisse der Jahrhunderte und der sich in ihnen abspielenden

Begebenheiten, nicht etwa nur ihrer oberflächlichen Resultate, sind

_darum_ eine Notwendigkeit, weil sie die Zuhörer zum Nachdenken

veranlassen und Gedanken bei ihnen auslösen. Ihr Geist arbeitet

schneller, wenn er sich Fragen von echter und poesievoller Größe

gegenübersieht. Solch ein Überblick ist schon deshalb so notwendig, weil

er dieselben Objekte häufig in einem andern Lichte zeigt. Denn um einen

Gegenstand ganz zu verstehen, muß er von allen Seiten beleuchtet werden,

oder, wie Schlözer einmal sagt, man kennt die Geschichte nur dann gut,

wenn man sie von vorn bis hinten, von rechts nach links und in allen

Richtungen kennt.

Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom · 第 11 / 32 题