Damit das Vorgetragene sich dem Gedächtnis noch tiefer einprägt, ist
nach Beendigung des Kursus noch eine wiederholende Übersicht notwendig.
Damit aber diese Wiederholungen ihren Zweck besser erfüllen, muß man
sich bemühen, ihnen das Interesse und die Anziehungskraft der Neuheit zu
geben. Nach der Geschichte der Welt im allgemeinen und der eines jeden
Landes und Volkes im besonderen ist es ratsam, eine Übersicht über alle
Erdteile zu geben und hierbei auf ihre Verschiedenheiten und die
Besonderheiten der sie bewohnenden Völker hinzuweisen, damit die Zuhörer
selbst ihre Schlüsse daraus ziehen können.
Zuerst müßte man mit Asien anfangen, dieser großen Wiege der jungen
Menschheit, des Kontinents der ungeheuren Umwälzungen, wo plötzlich
ganze Völker von furchtbarer Größe auftauchen und ebenso plötzlich
wieder von anderen verschlungen werden; wo so viele Nationen eine nach
der anderen für immer verschwinden, während die Regierungsformen und der
Geist der Völker dieselben bleiben; noch heute ist der Asiat immer
gleich hochmütig und stolz, schnell begeistert und von Leidenschaft
ergriffen; und ebenso schnell verfällt er wieder der Trägheit und dem
tatenlosen Genußleben; zugleich ist dieser Erdteil der Schauplatz der
großen Widersprüche und einer gewaltigen Unordnung; noch immer wandert
ein Volk von unübersehbarer Menschenzahl mit unzähligen Roßherden
sorglos von Ort zu Ort, während am anderen Ende, irgendwo in der Wüste,
ein rasender Fanatiker, ganz blaß und abgemagert vom beständigen Fasten,
über einer neuen Religion brütet, die einmal ganz Asien erfassen, das
ganze Volk in eine leidenschaftliche Begeisterung versetzen, gleichsam
in einen undurchdringlichen Panzer hüllen und es seinem Verderben
entgegenführen soll; zugleich aber ist es möglich, daß dicht daneben ein
anderes Volk lebt, das, von Luxus umgeben und angefressen von
asiatischer Übersättigung, schon alle diese Phasen und Krisen längst
hinter sich hat. Nur hier können diese merkwürdigen Gegensätze
existieren, die wir an den Bäumen des Südens beobachten, wo sich an
demselben Zweige eine Blüte entfaltet, eine andre schon eine Frucht
ansetzt, eine dritte reift und zugleich eine vierte überreif zu Boden
fällt.
Dann muß man zu Europa übergehen, dessen Geschichte einen ganz
entgegengesetzten Charakter hat, wo das Leben der Völker im Gegensatz zu
Asien viel länger und viel großartiger ist und alles Ordnung und
Regelmäßigkeit atmet; hier bewegen sich die Völker Schritt für Schritt
und in gemessenem Takte wie reguläre europäische Truppen; fast alle
Staaten wachsen und entwickeln sich hier zu gleicher Zeit. Trotz aller
Verschiedenheiten der einzelnen Nationen beobachtet man hier eine
allgemeine Einheitlichkeit, sie sind alle so wunderbar miteinander
verflochten, daß sie nur im Zusammenhang mit dem ganzen Europa
verstanden werden können, und so erscheint Europa selbst fast wie ein
einziger geeinigter Staat. In diesem kleinen Teil der Welt kam ein alter
Prozeß zum Austrag: der Mensch erhob sich über die Natur, und die Natur
ward zur Kunst; ja ihre Armut und ihre Sprödigkeit brachte erst die
unendliche Welt ans Licht, die im Menschen verborgen lag, ließ ihn
fühlen, wie hoch er über allem Irdischen stand, und ließ das Sein der
Welt als ein ewiges Leben des Geistes erscheinen. Nur in diesem Erdteil
entfaltete sich der hohe Genius des Christentums ganz, und schwebt der
unermeßliche Gedanke, beschattet vom himmlischen Zeichen des Kreuzes
über ihm, wie über seiner Heimat.
Dann folgt Afrika, das im Gegensatz zu Europa den geistigen Tod
darstellt, wo die Natur stets despotisch über den Menschen herrscht, wo
sie ihn in ihrer königlichen Majestät immer wieder in seinen Urzustand,
das sinnliche Leben, zurückstieß; wo kein einziges einheimisches,
eingeborenes Volk sich zu vollem Leben entwickelte, und einen hellen
Lichtstrahl in die Welt sandte, und wo selbst die Kolonisten aus andern
Ländern vergeblich den Kampf mit der glühenden, afrikanischen Natur
aufnahmen, denn je tiefer sie in das Innere Afrikas eindrangen, desto
mehr verfielen sie den sinnlichen Trieben.
Und endlich -- Amerika, -- diese Weltkolonie, dieses Babel aller
möglichen Nationen, wo sich drei verschiedene Erdteile trafen, sich
miteinander mischten, aber noch zu keinem Ganzen verschmolzen und daher
auch bis heute noch keine Einheit, nicht einmal die der Religion
erreicht haben. Trotzdem es in seinen Teilen so manches
Charakteristische an sich hat, hat es doch noch keinen allgemeinen
Charakter ausgebildet; noch immer besteht es trotz der großen Massen,
die es umfaßt, noch aus unorganisierten Urkräften und Urelementen und
gleicht, obwohl es aus lauter unabhängigen Staaten besteht, noch immer
einer Kolonie.
Ein flüchtiger Überblick über die Geschichte eines jeden Erdteils in
seinen am stärksten ausgeprägten Charakterzügen, die Darstellung der
tiefsten Ergebnisse der Jahrhunderte und der sich in ihnen abspielenden
Begebenheiten, nicht etwa nur ihrer oberflächlichen Resultate, sind
_darum_ eine Notwendigkeit, weil sie die Zuhörer zum Nachdenken
veranlassen und Gedanken bei ihnen auslösen. Ihr Geist arbeitet
schneller, wenn er sich Fragen von echter und poesievoller Größe
gegenübersieht. Solch ein Überblick ist schon deshalb so notwendig, weil
er dieselben Objekte häufig in einem andern Lichte zeigt. Denn um einen
Gegenstand ganz zu verstehen, muß er von allen Seiten beleuchtet werden,
oder, wie Schlözer einmal sagt, man kennt die Geschichte nur dann gut,
wenn man sie von vorn bis hinten, von rechts nach links und in allen
Richtungen kennt.