IV

Die großen, universalen Ereignisse müssen in ein klares Licht gestellt

und mit all ihren weltumwälzenden Folgen in den Vordergrund gerückt

werden, nicht so wie das viele Lehrer tun, die sich damit begnügen zu

erklären, dies oder jenes sei ein bedeutendes Ereignis, und nur die

nächsten Folgen anführen, wie wenn sie abgehackte Äste aufschichteten,

statt die Vorgänge in ihrer ganzen Breite zu entwickeln, alle geheimen

Ursachen einer bedeutsamen Erscheinung ans Tageslicht zu ziehen um zu

zeigen, wie ihre Folgen gleich gewaltigen Zweigen in die folgenden

Jahrhunderte hineinragen, sich immer mehr verästeln, um endlich ganz zu

verschwinden, oder aber kaum merklich bis in unsere Zeit fortwirken und

verklingen, wie ein mächtiger Ton in der Felsschlucht, der gleich nach

seiner Geburt wieder erstirbt aber noch lange in seinem Echo widerhallt.

Solche Ereignisse müssen in dieser Weise dargestellt werden, damit jeder

klar erkennt, daß sie die mächtigen Leuchttürme der Weltgeschichte sind,

daß diese auf ihnen ruht, wie die Erde auf dem ursprünglichen

Granitgestein oder wie das Tier auf seinem Knochengerüst.

V

Jetzt noch ein Wort über die Art und Weise des Vortrags. Der Vortrag des

Professors muß hinreißend und feurig sein. Er muß die Aufmerksamkeit der

Zuhörer im höchsten Grade fesseln. Wenn auch nur einer von ihnen

imstande wäre, seine Gedanken während der Vorlesung umherschweifen zu

lassen, fällt die ganze Schuld auf den Professor: er hat es dann eben

nicht verstanden, interessant zu sein und den Willen wie die Gedanken

seiner Zuhörer zu meistern. Es ist schwer, sich es vorzustellen, wenn

man es nicht an sich selbst erprobt hat, was für einen schlechten

Einfluß es hat, wenn der Vortrag eines Professors matt und trocken ist

und wenn ihm die Lebhaftigkeit fehlt, die es dem Hörer unmöglich macht,

seine Gedanken, und sei es auch nur für einen Augenblick, auf andre

Dinge zu richten. Dann wird ihm auch die größte Gelehrsamkeit nichts

helfen, man wird ihn nicht anhören, ja, selbst die größten Wahrheiten

werden, von ihm vorgetragen, ohne jeden Einfluß auf die Hörerschaft

bleiben, denn ihr Alter ist das Alter der Begeisterung und der starken

seelischen Erschütterungen; dann kann es häufig geschehen, daß die

unwahrsten Gedanken, die ihnen anderswo in glänzender und anmutiger Form

dargeboten werden, sie augenblicklich begeistern und ihrer Entwickelung

eine ganz falsche Richtung geben. Was aber geschieht erst, wenn der

Professor noch dazu an der alten Schulmethode mit ihren toten

scholastischen Regeln festhält, ohne doch selbst die dazu nötige

geistige Überzeugungskraft zu besitzen; wenn den jugendlichen, noch in

Entwickelung begriffenen Geistern dieser Mangel klar wird und sie sich

darüber erheben, so fangen die Zuhörer an, ihren Lehrer zu verachten.

Dann reizen sie sogar die richtigen Bemerkungen, die er zuweilen macht,

zum Lachen, und in den jungen Seelen regt sich in Denken und Handeln der

Widerspruch gegen den Lehrer. In seinem Munde erhalten die

allerheiligsten Worte: wie Anhänglichkeit an die Religion,

Vaterlandsliebe und Kaisertreue für sie etwas Banales. Leider können wir

gar nicht selten beobachten, was das für furchtbare Folgen hat, und

daher sollte man nie außer acht lassen, daß das Alter der Hörer das

Alter der starken Eindrücke ist; man muß einen hinreißenden Schwung und

eine begeisternde Kraft besitzen, um diesen Enthusiasmus auf das Schöne

und Gute zu richten; und daher muß der Vortrag des Professors selbst von

Enthusiasmus durchdrungen sein. Seine Überzeugungen müssen so fest, so

natürlich sein und so sehr aus seinem tiefsten Wesen hervorquellen, daß

die Zuhörer die Wahrheit schon erkennen lernen, noch ehe er sie ganz vor

ihren Augen enthüllt hat. Der Vortrag des Professors muß sich zeitweise

ins Erhabene steigern, er muß hohe Gedanken enthalten und erwecken,

dabei aber muß er doch einfach und für jeden verständlich bleiben:

wahrhafte Größe erscheint stets in erhabener Schlichtheit; denn wo Größe

ist -- da ist auch Einfachheit! Der Professor darf sich nicht damit

begnügen, nur von einzelnen verstanden zu werden, nein, alle sollen ihn

verstehen. Um sich leicht verständlich zu machen, muß er nicht mit

Gleichnissen geizen. Wie oft wird das Klare durch ein Gleichnis noch

weit klarer.

Diese Gleichnisse muß er stets einem Gebiet entnehmen, das seinen

Zuhörern gut bekannt ist. Dann wird sowohl das Ideale wie das Abstrakte

verständlich. Er muß nicht zuviel reden; dadurch ermüdet er die

Aufmerksamkeit seiner Hörer, denn eine allzu große Kompliziertheit der

Gegenstände, ihr Übermaß erschwert es dem Zuhörer, alles in seinem

Gedächtnis festzuhalten. Jede Vorlesung eines Professors muß unbedingt

ein Ganzes bilden und den Eindruck des Abgeschlossenen machen, sie muß

sich dem Geist des Zuhörers als eine wohlgeordnete Dichtung darstellen,

und sie müssen von vornherein erkennen, was dies Ganze enthalten soll

und was es tatsächlich enthält; dann werden auch sie bei der

Wiedererzählung immer das Ziel und das Ganze im Auge behalten. Dies ist

besonders notwendig in der Geschichte, wo kein Ereignis ziel- und

planlos eintritt.

Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom · 第 8 / 32 题