Die großen, universalen Ereignisse müssen in ein klares Licht gestellt
und mit all ihren weltumwälzenden Folgen in den Vordergrund gerückt
werden, nicht so wie das viele Lehrer tun, die sich damit begnügen zu
erklären, dies oder jenes sei ein bedeutendes Ereignis, und nur die
nächsten Folgen anführen, wie wenn sie abgehackte Äste aufschichteten,
statt die Vorgänge in ihrer ganzen Breite zu entwickeln, alle geheimen
Ursachen einer bedeutsamen Erscheinung ans Tageslicht zu ziehen um zu
zeigen, wie ihre Folgen gleich gewaltigen Zweigen in die folgenden
Jahrhunderte hineinragen, sich immer mehr verästeln, um endlich ganz zu
verschwinden, oder aber kaum merklich bis in unsere Zeit fortwirken und
verklingen, wie ein mächtiger Ton in der Felsschlucht, der gleich nach
seiner Geburt wieder erstirbt aber noch lange in seinem Echo widerhallt.
Solche Ereignisse müssen in dieser Weise dargestellt werden, damit jeder
klar erkennt, daß sie die mächtigen Leuchttürme der Weltgeschichte sind,
daß diese auf ihnen ruht, wie die Erde auf dem ursprünglichen
Granitgestein oder wie das Tier auf seinem Knochengerüst.
V
Jetzt noch ein Wort über die Art und Weise des Vortrags. Der Vortrag des
Professors muß hinreißend und feurig sein. Er muß die Aufmerksamkeit der
Zuhörer im höchsten Grade fesseln. Wenn auch nur einer von ihnen
imstande wäre, seine Gedanken während der Vorlesung umherschweifen zu
lassen, fällt die ganze Schuld auf den Professor: er hat es dann eben
nicht verstanden, interessant zu sein und den Willen wie die Gedanken
seiner Zuhörer zu meistern. Es ist schwer, sich es vorzustellen, wenn
man es nicht an sich selbst erprobt hat, was für einen schlechten
Einfluß es hat, wenn der Vortrag eines Professors matt und trocken ist
und wenn ihm die Lebhaftigkeit fehlt, die es dem Hörer unmöglich macht,
seine Gedanken, und sei es auch nur für einen Augenblick, auf andre
Dinge zu richten. Dann wird ihm auch die größte Gelehrsamkeit nichts
helfen, man wird ihn nicht anhören, ja, selbst die größten Wahrheiten
werden, von ihm vorgetragen, ohne jeden Einfluß auf die Hörerschaft
bleiben, denn ihr Alter ist das Alter der Begeisterung und der starken
seelischen Erschütterungen; dann kann es häufig geschehen, daß die
unwahrsten Gedanken, die ihnen anderswo in glänzender und anmutiger Form
dargeboten werden, sie augenblicklich begeistern und ihrer Entwickelung
eine ganz falsche Richtung geben. Was aber geschieht erst, wenn der
Professor noch dazu an der alten Schulmethode mit ihren toten
scholastischen Regeln festhält, ohne doch selbst die dazu nötige
geistige Überzeugungskraft zu besitzen; wenn den jugendlichen, noch in
Entwickelung begriffenen Geistern dieser Mangel klar wird und sie sich
darüber erheben, so fangen die Zuhörer an, ihren Lehrer zu verachten.
Dann reizen sie sogar die richtigen Bemerkungen, die er zuweilen macht,
zum Lachen, und in den jungen Seelen regt sich in Denken und Handeln der
Widerspruch gegen den Lehrer. In seinem Munde erhalten die
allerheiligsten Worte: wie Anhänglichkeit an die Religion,
Vaterlandsliebe und Kaisertreue für sie etwas Banales. Leider können wir
gar nicht selten beobachten, was das für furchtbare Folgen hat, und
daher sollte man nie außer acht lassen, daß das Alter der Hörer das
Alter der starken Eindrücke ist; man muß einen hinreißenden Schwung und
eine begeisternde Kraft besitzen, um diesen Enthusiasmus auf das Schöne
und Gute zu richten; und daher muß der Vortrag des Professors selbst von
Enthusiasmus durchdrungen sein. Seine Überzeugungen müssen so fest, so
natürlich sein und so sehr aus seinem tiefsten Wesen hervorquellen, daß
die Zuhörer die Wahrheit schon erkennen lernen, noch ehe er sie ganz vor
ihren Augen enthüllt hat. Der Vortrag des Professors muß sich zeitweise
ins Erhabene steigern, er muß hohe Gedanken enthalten und erwecken,
dabei aber muß er doch einfach und für jeden verständlich bleiben:
wahrhafte Größe erscheint stets in erhabener Schlichtheit; denn wo Größe
ist -- da ist auch Einfachheit! Der Professor darf sich nicht damit
begnügen, nur von einzelnen verstanden zu werden, nein, alle sollen ihn
verstehen. Um sich leicht verständlich zu machen, muß er nicht mit
Gleichnissen geizen. Wie oft wird das Klare durch ein Gleichnis noch
weit klarer.
Diese Gleichnisse muß er stets einem Gebiet entnehmen, das seinen
Zuhörern gut bekannt ist. Dann wird sowohl das Ideale wie das Abstrakte
verständlich. Er muß nicht zuviel reden; dadurch ermüdet er die
Aufmerksamkeit seiner Hörer, denn eine allzu große Kompliziertheit der
Gegenstände, ihr Übermaß erschwert es dem Zuhörer, alles in seinem
Gedächtnis festzuhalten. Jede Vorlesung eines Professors muß unbedingt
ein Ganzes bilden und den Eindruck des Abgeschlossenen machen, sie muß
sich dem Geist des Zuhörers als eine wohlgeordnete Dichtung darstellen,
und sie müssen von vornherein erkennen, was dies Ganze enthalten soll
und was es tatsächlich enthält; dann werden auch sie bei der
Wiedererzählung immer das Ziel und das Ganze im Auge behalten. Dies ist
besonders notwendig in der Geschichte, wo kein Ereignis ziel- und
planlos eintritt.