Auf Grund vieler Beobachtungen und einer langen Prüfung meiner selbst
wie meiner Zuhörer halte ich folgenden Lehrplan für den besten:
Vor allem halte ich es für unbedingt notwendig, den Hörern eine
vollständige Skizze von der Geschichte der Menschheit zu geben, und zwar
in wenigen, aber starken Worten und in ununterbrochener Reihenfolge,
damit sie das Ganze dessen, wovon die Vorlesungen handeln sollen, mit
einem Blick überschauen; sonst werden sie den ganzen Mechanismus der
Geschichte nicht so klar und nicht so schnell erfassen, wie es ja auch
unmöglich ist, eine Stadt vollständig kennen zu lernen, indem man nur
durch all ihre Straßen hindurchgeht, dazu muß man einen erhöhten
Standpunkt einnehmen, von dem aus die Stadt wie auf der Handfläche vor
einem liegt. Ich will hier einen Entwurf dieser Skizze geben, um zu
zeigen, in welcher Art und in welchem Zusammenhang die Geschichte
dargestellt werden muß.
Vor allem muß ich darlegen, wie die Menschheit im Orient ihren Ursprung
nimmt. Ich muß zuerst den Orient mit seinen alten patriarchalischen
Staaten, mit seinen in ein tiefes Geheimnis gehüllten und dem einfachen
Volke noch unverständlichen Religionen schildern; die hebräische
Religion bildet hierin eine Ausnahme, denn in ihr hat sich die reine und
ursprüngliche Kunde von dem wahrhaftigen Gott erhalten. Ich würde
schildern, wie diese alten Reiche durch Intoleranz und chinesische
Ängstlichkeit, gleich unübersteiglichen Mauern, voneinander getrennt
waren, wie nur das Volk der Phönizier, dieses erste Seevolk der Alten
Welt, diese starren Reiche durch seinen Handel und seine Industrie
unfreiwillig miteinander in Berührung brachte, und wie der erste
Welteroberer Cyrus mit seinem frischen, starken Perservolk den ganzen
Osten seiner Macht unterwarf und so viele verschieden geartete Völker
gewaltsam zusammenschweißte; doch blieben die Sitten, die Religionen und
die Staatsformen in all diesen Reichen unverändert; die Könige
verwandelten sich nur in Satrapen, und der ganze Orient beugte sich
unter eine höchste Gewalt, den König der Könige, den Beherrscher
Persiens. Ich würde darstellen, wie diese Völker durch den
gemeinschaftlichen Verkehr allmählich ihre Besonderheiten und ihre
Nationalität verloren und zusammen mit dem König der Könige, der, fast
wie ein Gott verehrt, dem Volke unsichtbar blieb, dem asiatischen Luxus
verfielen. -- Hier mache ich halt und wende mich dem anderen Teil der
Alten Welt, d. h. Europa zu. Ich muß nun schildern, wie sich hier das
griechische Volk, diese höchste Blüte der Antike entfaltete; sein
lebhafter Verstand, seine Wißbegierde, sein republikanischer Geist,
seine so anders gearteten Staatsformen, seine poetische Religion, seine
klaren, lebendigen Ideen widersprachen in jeder Beziehung dem
gewichtigen, geheimnisvollen Wesen des Orients; ich würde nun schildern,
wie die Kultur Griechenlands sich zu ungewöhnlichem Glanz entwickelte,
wie endlich ein ehrgeiziger Grieche das ganze Land der monarchischen
Gewalt unterwarf, und wie dieser große Mann den gigantischen Plan faßte,
den Orient mit Europa zu vereinigen und die griechische Kultur überall
hinzutragen. Um nun die drei Weltteile fester miteinander zu verbinden,
wird die Stadt Alexandrien gegründet, der Held stirbt und mit ihm stürzt
auch das Weltreich in Trümmer. Aber seine Taten bleiben lebendig, und
ihre Früchte reifen; das berühmte alexandrinische Zeitalter bricht an,
die ganze Alte Welt drängt sich in den Häfen Alexandriens, die
griechischen Gelehrten weilen in allen Städten, die Nationalitäten
verschwinden aufs neue, und die Völker schmelzen wieder zusammen.
Unterdessen aber reift in Italien fast unbemerkt die eherne Gewalt der
Römer heran.
Ich würde nun schildern, wie dieses wilde kriegerische Volk sich ein
Reich nach dem anderen unterwirft, sich an den zusammengeraubten Gütern
bereichert und den ganzen Orient verschlingt. Seine Legionen dringen
selbst bis in die Länder Europas, deren Besitz den Menschen nichts mehr
zu bieten vermag. Schon Cäsar setzt seinen Fuß auf Britanniens Boden,
und der römische Adler weht über den Felsen von Albion ... Während
dessen speien die unbekannten Steppen Mittelasiens ganze Massen fremder
Völker aus, die andere Stämme verdrängen und vor sich herjagen und sie
nach Europa treiben, sie folgen ihnen auf den Fersen durch die Wälder
Germaniens, und durch unpassierbare Sümpfe gegen die Römer gedeckt,
machen sie erst im Norden halt, drohend wie ein furchtbares Ungetüm, das
des ihm verfallenen Opfers harrt. Allmählich haben alle Reiche ihre
Unabhängigkeit verloren. Die ganze Welt ist in römische Provinzen
eingeteilt. Die Römer eignen sich alles von den unterworfenen Völkern an
-- erst ihre Laster, dann auch die Kultur -- wieder mischt sich alles
durcheinander. Alle Menschen werden Römer -- und doch gibt es keinen
wahren Römer mehr. Und während lasterhafte Imperatoren,
Prätorianerheere, freigelassene Sklaven und Veranstalter grausiger
Schauspiele die Welt tyrannisieren, findet in ihrem Schoße unbemerkt ein
gewaltiges Ereignis statt: inmitten der Alten Welt wird eine neue
geboren. Von niemand erkannt, vollzieht sich die Fleischwerdung des
göttlichen Heilandes -- und das ewige Wort ertönt, unverstanden von den
Großen der Welt, in den Gefängnissen und Wüsten und erwartet
geheimnisvoll die neuen Völker. Endlich senkt sich ein rätselhafter
lethargischer Schlaf auf die ganze antike Welt, jene schreckliche
Starrheit und jenes furchtbare Absterben des Lebens, während dessen die
Kultur weder vorschreitet noch sich zurückentwickelt, Kraft und
Charakter verschwinden, und sich alles in eine elende, armselige
Etikette und in jämmerliche, lasterhafte Charakterlosigkeit verwandelt.
Unterdessen erfolgt in Asien ein neuer Stoß, der wie ein elektrischer
Funke die ganze Kette durchläuft: ein Volk drängt und jagt das andere
vor sich her, dieses treibt das dritte vorwärts, und die am meisten
vorgeschobenen Nationen erscheinen schon an den Grenzen des römischen
Reiches, während die armseligen Welteroberer ihre letzten Kräfte
zusammenraffen, um sich zu retten; erst versuchen sie sich mit Gold
loszukaufen, dann dingen sie ein Heer von Verteidigern; sie treten den
Eindringlingen eine Provinz nach der anderen ab, bis auf die letzte und
endlich auch Rom, alle Gebildeten, die sich noch eine Spur von
Kenntnissen bewahrt haben, fliehen nach Osten, und der Rest, die
Ungebildeten und Schwachen, geht in der Masse des neuen Volkes unter.
Ich würde schildern, wie in Europa ein neues Leben beginnt, wie
barbarische Reiche innerhalb der ihnen von der Natur gezogenen Grenzen
entstehen und das Christentum annehmen. Ich würde die feudalen Rechte,
die Vasallenstaaten schildern, und darstellen, wie der mächtige Papst,
der ursprünglich nur römischer Bischof war, zu einem gewaltigen
Herrscher wird und seiner großen geistlichen Macht allmählich auch die
weltliche hinzufügt. Unterdessen wird im Osten der Rest der Römer von
einem neuen starken Volk bedrängt und unterworfen, das ganz plötzlich
und in beinahe phantastischer Weise auf der steinigen arabischen
Halbinsel geboren, von dem halb wahnsinnigen Enthusiasmus Muhammeds und
seiner echt orientalischen Religion fast bis zur Raserei getrieben wird.
Ich würde schildern, wie dieses Volk mit dem krummen asiatischen Säbel
in der Hand durch den Islam die Überbleibsel früherer griechischer
Kultur verdrängt, und wie überraschend schnell diese herrliche Nation
aus einem Eroberer zu einem Kulturträger wird, sich zu vollem Glanz
entfaltet, und wie dieses Volk mit seiner herrlichen Phantasie, seinen
tiefen Gedanken und seiner lebendigen Poesie plötzlich erlischt und von
den Nomaden, die vom Kaspischen Meere herkommen, verdunkelt wird, indem
es ihnen den Islam als Erbe hinterläßt. Fast um dieselbe Zeit tauchten
in Europa die Normannen, diese Korsaren der nördlichen Meere, auf: mit
unerhörter Kühnheit kommen sie, trotz ihrer geringen Zahl, plündernd
dahergezogen, erobern ganze Reiche, vertauschen ihre barbarische
Religion gegen das Christentum und führen Europa ihre Kraft und ihre
Sitten zu.
Indessen wird der Papst allmählich der unumschränkte Beherrscher
Europas, und selbst der von allen Völkern geachtete deutsche Kaiser wagt
es nicht, sich wider ihn zu erheben; auf seinen Wink verlassen ganze
Völker, Vasallen und Könige ihr Land und ihre Besitztümer, nähen das
rote Kreuz auf ihre Achseln und ziehen begeistert nach Palästina. Ich
würde erzählen, wie ganz Europa sich aufmacht und nach Asien zieht --
wie der Osten und der Westen und die beiden großen Mächte Islam und
Christentum aufeinandertreffen und wie dieses Ereignis das Rittertum
erzeugt, das in ganz Europa zur Herrschaft gelangt; es entstehen die
Ritterorden, die ihre Mitglieder zu einem ehelosen Leben in der
Einsamkeit verdammen, nur um dem einen Ziel zu dienen, und so beginnt
das tiefreligiöse christliche Zeitalter. Ich würde darlegen, wie dann
die religiöse Begeisterung die Grenzen, die ihr die Hand des göttlichen
Heilands gezogen hatte, überschreitet und wie um dieselbe Zeit, ganz
ohne daß Europa es bemerkt, eine große, weltgeschichtliche Episode
anbricht. Um diese Zeit entsteht das nach seiner Größe unermeßliche
Reich des Dschingis-Chan und verschlingt alle Länder Asiens, die den
Europäern unbekannt waren. In Europa besaßen nur die Klöster eigenes
Land und feste Wohnsitze; alles verwandelt sich in fahrendes Rittertum,
alles nomadisiert, alles irrt unruhig hin und her; jeder ist zugleich
Krieger und Befehlshaber, Vasall und Herrscher, jeder gehorcht und
gebietet zugleich -- es ist das Jahrhundert der größten Zersplitterung
und zugleich der größten Einheit. -- Jeder unterwirft sich nur dem
eigenen Willen, und doch sind alle in einem Ziel, in einem Gedanken
verbunden. Nachdem die armen Landleute viel Ungemach erlitten,
beschließen sie, sich von ihren Unterdrückern unabhängig zu machen und
in Städten zu vereinigen. Es bildet sich der Mittelstand, die Städte
fangen an, reich zu werden, und im Norden Europas entsteht die Hansa,
als Schutzwall gegen die Raubritter, diese verbindet bald durch ihren
Handel allmählich alle nordeuropäischen Staaten. Im Süden aber erblüht
als Frucht der Kreuzzüge das durch seine Handelsgewalt so imponierende
Venedig, diese Königin des Meeres, diese herrliche Republik, mit ihrer
außerordentlich komplizierten und merkwürdigen Verfassung. Alle
Reichtümer Europas und Asiens gehen unmerklich in ihre Hände über. So
wie der Papst Europa durch seine religiöse Macht beherrscht, ebenso
beherrscht es Venedig durch seinen unermeßlichen Reichtum. Der
geistliche Despot ließ kein Mittel unversucht, den venezianischen Handel
zu zerstören, aber alles war vergeblich, bis endlich ein Bürger Genuas
durch seine Entdeckung der Neuen Welt ihn vernichtete. Schließlich müßte
ich schildern, wie sich der Aktionskreis der Geschichte plötzlich
erweitert und der Handel des Mittelmeers zurückgeht. Die Europäer eilen
habgierig nach Amerika und führen von dort Berge von Gold ein. Der
Atlantische und der Große Ozean sind in ihrer Macht, um dieselbe Zeit
dringen die päpstlichen Missionare bis in das nordöstliche Asien und
Afrika vor, und die Welt tut sich fast plötzlich in ihrer unendlichen
Größe auf. Jetzt aber beginnt man in Europa allmählich, an der
Rechtmäßigkeit der päpstlichen Gewalt zu zweifeln, und wie ehemals ein
armer Genueser den Handel Venedigs vernichtete, so erschütterte jetzt
ein Augustinermönch, Luther, die Macht des Papstes. Ich würde erzählen,
wie dieser Gedanke in dem Kopf des bescheidenen Mönches entstand, und
wie er seine Thesen kraftvoll und trotzig verteidigte; wie dann der
Papst bei seinem Sturz noch furchtbarer und erfinderischer wurde, wie er
die schreckliche Inquisition und den, durch seine unsichtbare Macht
Schrecken verbreitenden Jesuitenorden schuf, wie letzterer sich über die
ganze Welt verbreitete, überall eindrang und einschlich und geheime
Verbindungswege mit allen Enden der Welt herstellte.
Aber je härter der Papst wurde, um so eifriger arbeiteten die
Druckerpressen. Ganz Europa teilte sich in zwei Parteien, und diese
feindlichen Lager griffen endlich zu den Waffen, ein langer, harter
Krieg innerhalb und außerhalb der Staaten entbrannte plötzlich in ganz
Europa. Jetzt wurde nicht mehr mit Pfeil und Bogen gekämpft, sondern mit
Kanonen und Kugeln, mit Donner und Blitz; dieser furchtbare Streit wurde
mit Hilfe der schrecklichen und unheilvollen Erfindung eines Mönchs und
Alchimisten ausgefochten. Die geistliche Macht sinkt immer mehr, und die
weltlichen Herrscher erstarken. Dann müßte man darstellen, wie sich
Europa nach diesen Kriegen veränderte. Die einzelnen Staaten und Völker
schließen sich immer inniger zu unteilbaren Massen zusammen. Die frühere
Teilung der Gewalten, die im Mittelalter vorherrschte, hat aufgehört.
Die ganze Macht konzentriert sich nunmehr in einer Person. Hierdurch
kommen die starken Charaktere mehr zur Geltung, der Wirkungskreis der
Herrscher, ihrer Minister und Feldherrn erweitert sich. Ganz von selbst
entsteht in Europa ein Völkerbund, der mit Waffengewalt die
Unantastbarkeit eines jeden Reiches verteidigen will. Unterdessen
ergreifen unermüdliche holländische Kaufleute, die ihr Land mit Gewalt
dem Meere abgerungen, Besitz von den Inseln des Indischen Ozeans und
verdienen Millionen durch die Kultur der kostbaren, exotischen Gewächse,
sie reißen, wie einstmals Venedig, den Handel der ganzen Welt an sich,
bis ein hervorragender Fürst, die Unantastbarkeit der Staaten
mißachtend, auch diesen Handel wieder vernichtet. Ich würde das
glänzende Zeitalter schildern, das dieser König (Ludwig XIV.)
herbeiführte; Frankreich strotzte förmlich von Erzeugnissen des Luxus,
die französischen Fabriken, die französischen Gelehrten taten sich
überall hervor, Paris wurde die Hauptstadt der Welt, wo sich ganz Europa
ein Rendezvous gab, und französische Sprache, französische Sitten und
französische Etikette verbreitete sich über die europäische Welt. Aber
indem dieser ehrgeizige König die Unantastbarkeit fremden Besitzes
mißachtete und den holländischen Handel zugrunde richtete, zerstörte er
auch seinen eigenen Staat und vernichtete seine eigene Größe. Schnell
macht sich das britische Inselvolk, das bis dahin sein Ziel langsam aber
sicher verfolgt hatte, diesen Umstand zunutze und steht plötzlich als
Beherrscher des ganzen Welthandels da, bald setzt es in Indien Millionen
um, besteuert Amerika, und wo es ein Meer gibt, da weht die britische
Flagge. Ihr tritt Napoleon, dieser Riese des XIX. Jahrhunderts, in den
Weg, und er bedient sich dabei einer anderen Waffe -- eines absoluten
militärischen Despotismus; mit seinen stürmischen Bewegungen bringt er
ganz Europa außer Fassung und legt ihm sein eisernes Protektorat auf.
Umsonst wettert Pitt im englischen Parlament gegen ihn, umsonst bringt
er seine schrecklichen Bündnisse zustande. Niemand hat den Mut, Napoleon
zu widerstehen, bis er selbst sich ins Verderben stürzt, indem er einen
Vorstoß nach Rußland macht, wo ihn ein unbekanntes Land, die Härte des
Klimas und ein durch eine rauhe Taktik gestähltes Heer zugrunde richten.
Rußland, das diesen Riesen an seiner uneinnehmbaren Feste zerschellen
ließ, hält nun im weiten Nordosten in drohender Majestät die Wacht; die
befreiten Staaten nehmen wieder ihr früheres Aussehen und ihre alten
Formen an und schließen von neuem einen Bund zum Schutz ihres Besitzes.
Die Bildung und die Kultur, die sich durch nichts hemmen läßt, beginnt,
sich allmählich auch in den unteren Klassen zu verbreiten, die
Dampfmaschinen lassen die Industrie eine bewunderungswürdige
Vollkommenheit erreichen, leisten den Menschen, gleich unsichtbaren
Geistern, Hilfe und lassen seine Kraft immer schrecklicher, zugleich
aber auch wohltätiger werden: mit heiligem Schaudern erkennt er, wie das
Wort aus Nazareth endlich sich über die ganze Welt ergießt.
Wenn die Weltgeschichte in eine so kurze aber vollständige Skizze gefaßt
wird, und alle Ereignisse in dieser Weise untereinander verbunden
werden, dann wird nichts dem Gedächtnis der Zuhörer entschwinden, und in
ihren Köpfen wird sich unwillkürlich ein Ganzes bilden. Und schließlich
wird diese Skizze sich nach allen Seiten hin erweitern und eine
vollständige Geschichte der Menschheit darstellen.