VI

Auf Grund vieler Beobachtungen und einer langen Prüfung meiner selbst

wie meiner Zuhörer halte ich folgenden Lehrplan für den besten:

Vor allem halte ich es für unbedingt notwendig, den Hörern eine

vollständige Skizze von der Geschichte der Menschheit zu geben, und zwar

in wenigen, aber starken Worten und in ununterbrochener Reihenfolge,

damit sie das Ganze dessen, wovon die Vorlesungen handeln sollen, mit

einem Blick überschauen; sonst werden sie den ganzen Mechanismus der

Geschichte nicht so klar und nicht so schnell erfassen, wie es ja auch

unmöglich ist, eine Stadt vollständig kennen zu lernen, indem man nur

durch all ihre Straßen hindurchgeht, dazu muß man einen erhöhten

Standpunkt einnehmen, von dem aus die Stadt wie auf der Handfläche vor

einem liegt. Ich will hier einen Entwurf dieser Skizze geben, um zu

zeigen, in welcher Art und in welchem Zusammenhang die Geschichte

dargestellt werden muß.

Vor allem muß ich darlegen, wie die Menschheit im Orient ihren Ursprung

nimmt. Ich muß zuerst den Orient mit seinen alten patriarchalischen

Staaten, mit seinen in ein tiefes Geheimnis gehüllten und dem einfachen

Volke noch unverständlichen Religionen schildern; die hebräische

Religion bildet hierin eine Ausnahme, denn in ihr hat sich die reine und

ursprüngliche Kunde von dem wahrhaftigen Gott erhalten. Ich würde

schildern, wie diese alten Reiche durch Intoleranz und chinesische

Ängstlichkeit, gleich unübersteiglichen Mauern, voneinander getrennt

waren, wie nur das Volk der Phönizier, dieses erste Seevolk der Alten

Welt, diese starren Reiche durch seinen Handel und seine Industrie

unfreiwillig miteinander in Berührung brachte, und wie der erste

Welteroberer Cyrus mit seinem frischen, starken Perservolk den ganzen

Osten seiner Macht unterwarf und so viele verschieden geartete Völker

gewaltsam zusammenschweißte; doch blieben die Sitten, die Religionen und

die Staatsformen in all diesen Reichen unverändert; die Könige

verwandelten sich nur in Satrapen, und der ganze Orient beugte sich

unter eine höchste Gewalt, den König der Könige, den Beherrscher

Persiens. Ich würde darstellen, wie diese Völker durch den

gemeinschaftlichen Verkehr allmählich ihre Besonderheiten und ihre

Nationalität verloren und zusammen mit dem König der Könige, der, fast

wie ein Gott verehrt, dem Volke unsichtbar blieb, dem asiatischen Luxus

verfielen. -- Hier mache ich halt und wende mich dem anderen Teil der

Alten Welt, d. h. Europa zu. Ich muß nun schildern, wie sich hier das

griechische Volk, diese höchste Blüte der Antike entfaltete; sein

lebhafter Verstand, seine Wißbegierde, sein republikanischer Geist,

seine so anders gearteten Staatsformen, seine poetische Religion, seine

klaren, lebendigen Ideen widersprachen in jeder Beziehung dem

gewichtigen, geheimnisvollen Wesen des Orients; ich würde nun schildern,

wie die Kultur Griechenlands sich zu ungewöhnlichem Glanz entwickelte,

wie endlich ein ehrgeiziger Grieche das ganze Land der monarchischen

Gewalt unterwarf, und wie dieser große Mann den gigantischen Plan faßte,

den Orient mit Europa zu vereinigen und die griechische Kultur überall

hinzutragen. Um nun die drei Weltteile fester miteinander zu verbinden,

wird die Stadt Alexandrien gegründet, der Held stirbt und mit ihm stürzt

auch das Weltreich in Trümmer. Aber seine Taten bleiben lebendig, und

ihre Früchte reifen; das berühmte alexandrinische Zeitalter bricht an,

die ganze Alte Welt drängt sich in den Häfen Alexandriens, die

griechischen Gelehrten weilen in allen Städten, die Nationalitäten

verschwinden aufs neue, und die Völker schmelzen wieder zusammen.

Unterdessen aber reift in Italien fast unbemerkt die eherne Gewalt der

Römer heran.

Ich würde nun schildern, wie dieses wilde kriegerische Volk sich ein

Reich nach dem anderen unterwirft, sich an den zusammengeraubten Gütern

bereichert und den ganzen Orient verschlingt. Seine Legionen dringen

selbst bis in die Länder Europas, deren Besitz den Menschen nichts mehr

zu bieten vermag. Schon Cäsar setzt seinen Fuß auf Britanniens Boden,

und der römische Adler weht über den Felsen von Albion ... Während

dessen speien die unbekannten Steppen Mittelasiens ganze Massen fremder

Völker aus, die andere Stämme verdrängen und vor sich herjagen und sie

nach Europa treiben, sie folgen ihnen auf den Fersen durch die Wälder

Germaniens, und durch unpassierbare Sümpfe gegen die Römer gedeckt,

machen sie erst im Norden halt, drohend wie ein furchtbares Ungetüm, das

des ihm verfallenen Opfers harrt. Allmählich haben alle Reiche ihre

Unabhängigkeit verloren. Die ganze Welt ist in römische Provinzen

eingeteilt. Die Römer eignen sich alles von den unterworfenen Völkern an

-- erst ihre Laster, dann auch die Kultur -- wieder mischt sich alles

durcheinander. Alle Menschen werden Römer -- und doch gibt es keinen

wahren Römer mehr. Und während lasterhafte Imperatoren,

Prätorianerheere, freigelassene Sklaven und Veranstalter grausiger

Schauspiele die Welt tyrannisieren, findet in ihrem Schoße unbemerkt ein

gewaltiges Ereignis statt: inmitten der Alten Welt wird eine neue

geboren. Von niemand erkannt, vollzieht sich die Fleischwerdung des

göttlichen Heilandes -- und das ewige Wort ertönt, unverstanden von den

Großen der Welt, in den Gefängnissen und Wüsten und erwartet

geheimnisvoll die neuen Völker. Endlich senkt sich ein rätselhafter

lethargischer Schlaf auf die ganze antike Welt, jene schreckliche

Starrheit und jenes furchtbare Absterben des Lebens, während dessen die

Kultur weder vorschreitet noch sich zurückentwickelt, Kraft und

Charakter verschwinden, und sich alles in eine elende, armselige

Etikette und in jämmerliche, lasterhafte Charakterlosigkeit verwandelt.

Unterdessen erfolgt in Asien ein neuer Stoß, der wie ein elektrischer

Funke die ganze Kette durchläuft: ein Volk drängt und jagt das andere

vor sich her, dieses treibt das dritte vorwärts, und die am meisten

vorgeschobenen Nationen erscheinen schon an den Grenzen des römischen

Reiches, während die armseligen Welteroberer ihre letzten Kräfte

zusammenraffen, um sich zu retten; erst versuchen sie sich mit Gold

loszukaufen, dann dingen sie ein Heer von Verteidigern; sie treten den

Eindringlingen eine Provinz nach der anderen ab, bis auf die letzte und

endlich auch Rom, alle Gebildeten, die sich noch eine Spur von

Kenntnissen bewahrt haben, fliehen nach Osten, und der Rest, die

Ungebildeten und Schwachen, geht in der Masse des neuen Volkes unter.

Ich würde schildern, wie in Europa ein neues Leben beginnt, wie

barbarische Reiche innerhalb der ihnen von der Natur gezogenen Grenzen

entstehen und das Christentum annehmen. Ich würde die feudalen Rechte,

die Vasallenstaaten schildern, und darstellen, wie der mächtige Papst,

der ursprünglich nur römischer Bischof war, zu einem gewaltigen

Herrscher wird und seiner großen geistlichen Macht allmählich auch die

weltliche hinzufügt. Unterdessen wird im Osten der Rest der Römer von

einem neuen starken Volk bedrängt und unterworfen, das ganz plötzlich

und in beinahe phantastischer Weise auf der steinigen arabischen

Halbinsel geboren, von dem halb wahnsinnigen Enthusiasmus Muhammeds und

seiner echt orientalischen Religion fast bis zur Raserei getrieben wird.

Ich würde schildern, wie dieses Volk mit dem krummen asiatischen Säbel

in der Hand durch den Islam die Überbleibsel früherer griechischer

Kultur verdrängt, und wie überraschend schnell diese herrliche Nation

aus einem Eroberer zu einem Kulturträger wird, sich zu vollem Glanz

entfaltet, und wie dieses Volk mit seiner herrlichen Phantasie, seinen

tiefen Gedanken und seiner lebendigen Poesie plötzlich erlischt und von

den Nomaden, die vom Kaspischen Meere herkommen, verdunkelt wird, indem

es ihnen den Islam als Erbe hinterläßt. Fast um dieselbe Zeit tauchten

in Europa die Normannen, diese Korsaren der nördlichen Meere, auf: mit

unerhörter Kühnheit kommen sie, trotz ihrer geringen Zahl, plündernd

dahergezogen, erobern ganze Reiche, vertauschen ihre barbarische

Religion gegen das Christentum und führen Europa ihre Kraft und ihre

Sitten zu.

Indessen wird der Papst allmählich der unumschränkte Beherrscher

Europas, und selbst der von allen Völkern geachtete deutsche Kaiser wagt

es nicht, sich wider ihn zu erheben; auf seinen Wink verlassen ganze

Völker, Vasallen und Könige ihr Land und ihre Besitztümer, nähen das

rote Kreuz auf ihre Achseln und ziehen begeistert nach Palästina. Ich

würde erzählen, wie ganz Europa sich aufmacht und nach Asien zieht --

wie der Osten und der Westen und die beiden großen Mächte Islam und

Christentum aufeinandertreffen und wie dieses Ereignis das Rittertum

erzeugt, das in ganz Europa zur Herrschaft gelangt; es entstehen die

Ritterorden, die ihre Mitglieder zu einem ehelosen Leben in der

Einsamkeit verdammen, nur um dem einen Ziel zu dienen, und so beginnt

das tiefreligiöse christliche Zeitalter. Ich würde darlegen, wie dann

die religiöse Begeisterung die Grenzen, die ihr die Hand des göttlichen

Heilands gezogen hatte, überschreitet und wie um dieselbe Zeit, ganz

ohne daß Europa es bemerkt, eine große, weltgeschichtliche Episode

anbricht. Um diese Zeit entsteht das nach seiner Größe unermeßliche

Reich des Dschingis-Chan und verschlingt alle Länder Asiens, die den

Europäern unbekannt waren. In Europa besaßen nur die Klöster eigenes

Land und feste Wohnsitze; alles verwandelt sich in fahrendes Rittertum,

alles nomadisiert, alles irrt unruhig hin und her; jeder ist zugleich

Krieger und Befehlshaber, Vasall und Herrscher, jeder gehorcht und

gebietet zugleich -- es ist das Jahrhundert der größten Zersplitterung

und zugleich der größten Einheit. -- Jeder unterwirft sich nur dem

eigenen Willen, und doch sind alle in einem Ziel, in einem Gedanken

verbunden. Nachdem die armen Landleute viel Ungemach erlitten,

beschließen sie, sich von ihren Unterdrückern unabhängig zu machen und

in Städten zu vereinigen. Es bildet sich der Mittelstand, die Städte

fangen an, reich zu werden, und im Norden Europas entsteht die Hansa,

als Schutzwall gegen die Raubritter, diese verbindet bald durch ihren

Handel allmählich alle nordeuropäischen Staaten. Im Süden aber erblüht

als Frucht der Kreuzzüge das durch seine Handelsgewalt so imponierende

Venedig, diese Königin des Meeres, diese herrliche Republik, mit ihrer

außerordentlich komplizierten und merkwürdigen Verfassung. Alle

Reichtümer Europas und Asiens gehen unmerklich in ihre Hände über. So

wie der Papst Europa durch seine religiöse Macht beherrscht, ebenso

beherrscht es Venedig durch seinen unermeßlichen Reichtum. Der

geistliche Despot ließ kein Mittel unversucht, den venezianischen Handel

zu zerstören, aber alles war vergeblich, bis endlich ein Bürger Genuas

durch seine Entdeckung der Neuen Welt ihn vernichtete. Schließlich müßte

ich schildern, wie sich der Aktionskreis der Geschichte plötzlich

erweitert und der Handel des Mittelmeers zurückgeht. Die Europäer eilen

habgierig nach Amerika und führen von dort Berge von Gold ein. Der

Atlantische und der Große Ozean sind in ihrer Macht, um dieselbe Zeit

dringen die päpstlichen Missionare bis in das nordöstliche Asien und

Afrika vor, und die Welt tut sich fast plötzlich in ihrer unendlichen

Größe auf. Jetzt aber beginnt man in Europa allmählich, an der

Rechtmäßigkeit der päpstlichen Gewalt zu zweifeln, und wie ehemals ein

armer Genueser den Handel Venedigs vernichtete, so erschütterte jetzt

ein Augustinermönch, Luther, die Macht des Papstes. Ich würde erzählen,

wie dieser Gedanke in dem Kopf des bescheidenen Mönches entstand, und

wie er seine Thesen kraftvoll und trotzig verteidigte; wie dann der

Papst bei seinem Sturz noch furchtbarer und erfinderischer wurde, wie er

die schreckliche Inquisition und den, durch seine unsichtbare Macht

Schrecken verbreitenden Jesuitenorden schuf, wie letzterer sich über die

ganze Welt verbreitete, überall eindrang und einschlich und geheime

Verbindungswege mit allen Enden der Welt herstellte.

Aber je härter der Papst wurde, um so eifriger arbeiteten die

Druckerpressen. Ganz Europa teilte sich in zwei Parteien, und diese

feindlichen Lager griffen endlich zu den Waffen, ein langer, harter

Krieg innerhalb und außerhalb der Staaten entbrannte plötzlich in ganz

Europa. Jetzt wurde nicht mehr mit Pfeil und Bogen gekämpft, sondern mit

Kanonen und Kugeln, mit Donner und Blitz; dieser furchtbare Streit wurde

mit Hilfe der schrecklichen und unheilvollen Erfindung eines Mönchs und

Alchimisten ausgefochten. Die geistliche Macht sinkt immer mehr, und die

weltlichen Herrscher erstarken. Dann müßte man darstellen, wie sich

Europa nach diesen Kriegen veränderte. Die einzelnen Staaten und Völker

schließen sich immer inniger zu unteilbaren Massen zusammen. Die frühere

Teilung der Gewalten, die im Mittelalter vorherrschte, hat aufgehört.

Die ganze Macht konzentriert sich nunmehr in einer Person. Hierdurch

kommen die starken Charaktere mehr zur Geltung, der Wirkungskreis der

Herrscher, ihrer Minister und Feldherrn erweitert sich. Ganz von selbst

entsteht in Europa ein Völkerbund, der mit Waffengewalt die

Unantastbarkeit eines jeden Reiches verteidigen will. Unterdessen

ergreifen unermüdliche holländische Kaufleute, die ihr Land mit Gewalt

dem Meere abgerungen, Besitz von den Inseln des Indischen Ozeans und

verdienen Millionen durch die Kultur der kostbaren, exotischen Gewächse,

sie reißen, wie einstmals Venedig, den Handel der ganzen Welt an sich,

bis ein hervorragender Fürst, die Unantastbarkeit der Staaten

mißachtend, auch diesen Handel wieder vernichtet. Ich würde das

glänzende Zeitalter schildern, das dieser König (Ludwig XIV.)

herbeiführte; Frankreich strotzte förmlich von Erzeugnissen des Luxus,

die französischen Fabriken, die französischen Gelehrten taten sich

überall hervor, Paris wurde die Hauptstadt der Welt, wo sich ganz Europa

ein Rendezvous gab, und französische Sprache, französische Sitten und

französische Etikette verbreitete sich über die europäische Welt. Aber

indem dieser ehrgeizige König die Unantastbarkeit fremden Besitzes

mißachtete und den holländischen Handel zugrunde richtete, zerstörte er

auch seinen eigenen Staat und vernichtete seine eigene Größe. Schnell

macht sich das britische Inselvolk, das bis dahin sein Ziel langsam aber

sicher verfolgt hatte, diesen Umstand zunutze und steht plötzlich als

Beherrscher des ganzen Welthandels da, bald setzt es in Indien Millionen

um, besteuert Amerika, und wo es ein Meer gibt, da weht die britische

Flagge. Ihr tritt Napoleon, dieser Riese des XIX. Jahrhunderts, in den

Weg, und er bedient sich dabei einer anderen Waffe -- eines absoluten

militärischen Despotismus; mit seinen stürmischen Bewegungen bringt er

ganz Europa außer Fassung und legt ihm sein eisernes Protektorat auf.

Umsonst wettert Pitt im englischen Parlament gegen ihn, umsonst bringt

er seine schrecklichen Bündnisse zustande. Niemand hat den Mut, Napoleon

zu widerstehen, bis er selbst sich ins Verderben stürzt, indem er einen

Vorstoß nach Rußland macht, wo ihn ein unbekanntes Land, die Härte des

Klimas und ein durch eine rauhe Taktik gestähltes Heer zugrunde richten.

Rußland, das diesen Riesen an seiner uneinnehmbaren Feste zerschellen

ließ, hält nun im weiten Nordosten in drohender Majestät die Wacht; die

befreiten Staaten nehmen wieder ihr früheres Aussehen und ihre alten

Formen an und schließen von neuem einen Bund zum Schutz ihres Besitzes.

Die Bildung und die Kultur, die sich durch nichts hemmen läßt, beginnt,

sich allmählich auch in den unteren Klassen zu verbreiten, die

Dampfmaschinen lassen die Industrie eine bewunderungswürdige

Vollkommenheit erreichen, leisten den Menschen, gleich unsichtbaren

Geistern, Hilfe und lassen seine Kraft immer schrecklicher, zugleich

aber auch wohltätiger werden: mit heiligem Schaudern erkennt er, wie das

Wort aus Nazareth endlich sich über die ganze Welt ergießt.

Wenn die Weltgeschichte in eine so kurze aber vollständige Skizze gefaßt

wird, und alle Ereignisse in dieser Weise untereinander verbunden

werden, dann wird nichts dem Gedächtnis der Zuhörer entschwinden, und in

ihren Köpfen wird sich unwillkürlich ein Ganzes bilden. Und schließlich

wird diese Skizze sich nach allen Seiten hin erweitern und eine

vollständige Geschichte der Menschheit darstellen.

Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom · 第 9 / 32 题