Ihn kümmerte dies alles nicht. Aber andres begann ihn zu kümmern. Die

Zeiten rannen, und siehe, der Berg war alt geworden. Wenn er die Sonne

kommen und wandern und davongehen sah, so war es nicht wie einst, und

wenn die Sterne sich im fahlen Gletscher spiegelten, so fühlte er sich

nicht mehr ihresgleichen. Ihm war die Sonne und waren die Sterne jetzt

nimmer sonderlich wichtig. Wichtig war ihm jetzt, was an ihm selber und

in seinem Innern vorging. Denn er fühlte, wie tief unter seinen Felsen

und Höhlen eine fremde Hand Arbeit tat, wie hartes Urgestein mürbe ward

und in schieferigen Lagen verwitterte, wie die Bäche und Wasserfälle

sich tieferfraßen. Gletscher waren geschwunden und Seen gewachsen, Wald

war in Steinfelder verwandelt und Wiesen in schwarzes Moor; unendlich

weit hinaus in spitzen Zungen liefen die kahlen Bänder seiner Moränen

und Geröllrinnen in das Land, und das Land dort unten war seltsam anders

geworden, seltsam steinig, seltsam verbrannt und still. Der Berg zog

sich mehr und mehr in sich selber zurück. Er fühlte wohl, nicht Sonne

und Gestirne waren seinesgleichen. Seinesgleichen war Wind und Schnee,

Wasser und Eis. Seinesgleichen war, was ewig scheint und was doch

langsam schwindet, was langsam vergeht.

Inniger leitete er seine Bäche zu Tal, sorglicher rollte er seine

Lawinen hinab, zärtlicher bot er seine Blumenwiesen der Sonne hin. Und

es geschah, daß er sich in seinem hohen Alter auch der Menschen wieder

erinnerte. Nicht daß er die Menschen für seinesgleichen geachtet hätte,

aber er begann nach ihnen auszuschauen, er begann sich verlassen zu

fühlen, er begann an Vergangenes zu denken. Allein die Stadt war nicht

mehr da, und kein Gesang im Liebestal, und keine Hütten mehr auf den

Alpen. Es waren keine Menschen mehr da. Auch sie waren vergangen. Es war

still geworden, es war welk geworden, es lag ein Schatten in der Luft.

Der Berg erbebte, als er fühlte, was Vergehen sei; und als er erbebte,

sank sein Gipfel zur Seite und stürzte hinab, und Felstrümmer rollten

ihm nach über das Liebestal hinweg, das längst mit Steinen ausgefüllt

lag, bis in das Meer hinunter.

Ja, die Zeiten waren anders geworden. Wie kam das nur, daß er sich jetzt

immer der Menschen erinnern und an sie denken mußte? War das nicht einst

wunderschön gewesen, wie die Sommerfeuer gebrannt hatten, und wie im

Liebestal die jungen Menschen in Paaren gingen? Oh, und wie hatte ihr

Gesang oft süß und warm geklungen!

Der greise Berg war ganz in Erinnerungen versunken, er fühlte kaum, wie

die Jahrhunderte wegflossen, wie es da und dort in seinen Höhlen mit

leisem Donner stürzte und sich schob. Wenn er der Menschen gedachte, so

schmerzte ihn ein dumpfer Anklang aus vergangenen Weltaltern, eine

unverstandene Bewegung und Liebe, ein dunkler schwebender Traum, als

wäre einst auch er ein Mensch oder den Menschen ähnlich gewesen, hätte

gesungen und singen hören, als sei ihm der Gedanke der Vergänglichkeit

schon in seinen frühesten Tagen einmal durchs Herz gegangen.

Die Zeitalter flossen weg. Herabgesunken und von rauhen Steinwüsten

rings umgeben, hing der sterbende Berg seinen Träumen nach. Wie war das

einst gewesen? War da nicht ein Klang, ein feiner Silberfaden, der ihn

mit der vergangenen Welt verband? Mühsam wühlte er in der Nacht

vermoderter Erinnerungen, tastete ruhelos zerrissenen Fäden nach, beugte

sich immer wieder weit über den Abgrund des Gewesenen. – Hatte nicht

auch ihm einst in der Zeitenferne eine Gemeinschaft, eine Liebe geglüht?

War nicht auch er einst, der Einsame, der Große, gleich unter Gleichen

gewesen? – Hatte nicht auch ihm einst, im Anfang der Dinge, eine Mutter

gesungen?

Er sann und sann, und seine Augen, die blauen Seen, wurden trüb und

schwer und verwandelten sich in Moor und Sumpf, und über die Grasbänder

und kleinen Blumenplätze hin rieselte Steingeschiebe. Er sann, und aus

undenklicher Ferne herüber hörte er es klingen, fühlte Töne schweben,

ein Lied, ein Menschenlied, und er erzitterte vor schmerzlicher Lust im

Wiedererkennen. Er hörte die Töne, und er sah einen Menschen, einen

Jüngling, ganz in Töne gehüllt durch die Lüfte in den sonnigen Himmel

schweben, und hundert vergrabene Erinnerungen waren erschüttert und

begannen zu rieseln und zu rollen. Er sah ein Menschengesicht mit

dunklen Augen, und die Augen fragten ihn zwingend: „Willst du nicht

einen Wunsch tun?“

Und er tat einen Wunsch, einen stillen Wunsch, und indem er ihn tat,

fiel jene Qual von ihm ab, daß er sich auf so ferne und verschollene

Dinge besinnen mußte, und alles fiel von ihm ab, was ihm weh getan

hatte. Es stürzte der Berg und das Land in sich zusammen, und wo Faldum

gewesen war, da wogte weit und rauschend das unendliche Meer, und

darüber gingen im Wechsel die Sonne und die Sterne hin.

Iris

Für Mia

Im Frühling seiner Kindheit lief Anselm durch den grünen Garten. Eine

Blume unter den Blumen der Mutter hieß Schwertlilie, die war ihm

besonders lieb. Er hielt seine Wange an ihre hohen hellgrünen Blätter,

drückte tastend seine Finger an ihre scharfen Spitzen, roch atmend an

der großen wunderbaren Blüte und sah lange hinein. Da standen lange

Reihen von gelben Fingern aus dem bleichbläulichen Blumenboden empor,

zwischen ihnen lief ein lichter Weg hinweg und hinabwärts in den Kelch

und das ferne, blaue Geheimnis der Blüte hinein. Die liebte er sehr und

blickte lange hin und sah die gelben feinen Glieder bald wie einen

goldenen Zaun am Königsgarten stehen, bald als doppelten Gang von

schönen Traumbäumen, die kein Wind bewegt, und zwischen ihnen lief hell

und von glaszarten lebendigen Adern durchzogen der geheimnisvolle Weg

ins Innere. Ungeheuer dehnte die Wölbung sich auf, nach rückwärts verlor

der Pfad zwischen den goldenen Bäumen sich unendlich tief in

unausdenkliche Schlünde, über ihm bog sich die violette Wölbung

königlich und legte zauberische dünne Schatten über das stille wartende

Wunder. Anselm wußte, daß dies der Mund der Blume war, daß hinter den

gelben Prachtgewächsen im blauen Schlunde ihr Herz und ihre Gedanken

wohnten und daß über diesen holden, lichten, glasig geäderten Weg ihr

Atem und ihre Träume aus und ein gingen.

Und neben der großen Blüte standen kleinere, die noch nicht aufgegangen

waren, sie standen auf festen, saftigen Stielen in einem kleinen Kelche

aus bräunlich grüner Haut, aus ihnen drang die junge Blüte still und

kräftig hinan, in lichtes Grün und Lila fest gewickelt, oben aber

schaute straff und zart gerollt das junge tiefe Violett mit feiner

Spitze hervor. Auch schon auf diesen festgerollten, jungen

Blütenblättern war Geäder und hundertfache Zeichnung zu sehen.

Am Morgen, wenn er aus dem Hause und aus dem Schlaf und Traum und

fremden Welten wiederkam, da stand unverloren und immer neu der Garten

und wartete auf ihn, und wo gestern eine harte blaue Blütenspitze dicht

gerollt aus grüner Schale gestarrt hatte, da hing nun dünn und blau wie

Luft ein junges Blatt, wie eine Zunge und wie eine Lippe, suchte tastend

seine Form und Wölbung, von der es lang geträumt, und zu unterst, wo es

noch im stillen Kampf mit seiner Hülle lag, da ahnte man schon feine

gelbe Gewächse, lichte geäderte Bahn und fernen, duftenden Seelenabgrund

bereitet. Vielleicht am Mittag schon, vielleicht am Abend war sie offen,

wölbte blaues Seidenzelt über goldnem Traumwalde, und ihre ersten

Träume, Gedanken und Gesänge kamen still aus dem zauberhaften Abgrund

hervorgeatmet.

Es kam ein Tag, da standen lauter blaue Glockenblumen im Gras. Es kam

ein Tag, da war plötzlich ein neuer Klang und Duft im Garten, und über

rötlichem durchsonntem Laub hing weich und rotgolden die erste Teerose.

Es kam ein Tag, da waren keine Schwertlilien mehr da. Sie waren

gegangen, kein goldbezäunter Pfad mehr führte zart in duftende

Geheimnisse hinab, fremd standen starre Blätter spitz und kühl. Aber

rote Beeren waren in den Büschen reif, und über den Sternblumen flogen

neue, unerhörte Falter frei und spielend hin, rotbraune mit

perlmutternen Rücken und schwirrende, glasflüglige Schwärmer.

Anselm sprach mit den Faltern und mit den Kieselsteinen, er hatte zum

Freund den Käfer und die Eidechse, Vögel erzählten ihm Vogelgeschichten,

Farnkräuter zeigten ihm heimlich unterm Dach der Riesenblätter den

braunen gesammelten Samen, Glasscherben grün und kristallen fingen ihm

den Sonnenstrahl und wurden Paläste, Gärten und funkelnde Schatzkammer.

Waren die Lilien fort, so blühten die Kapuziner, waren die Teerosen

welk, so wurden die Brombeeren braun, alles verschob sich, war immer da

und immer fort, verschwand und kam zur Zeit wieder, und auch die bangen,

wunderlichen Tage, wo der Wind kalt in der Tanne lärmte und im ganzen

Garten das welke Laub so fahl und erstorben klirrte, brachten noch ein

Lied, ein Erlebnis, eine Geschichte mit, bis wieder alles hinsank,

Schnee vor den Fenstern fiel und Palmenwälder an den Scheiben wuchsen,

Engel mit silbernen Glocken durch den Abend flogen und Flur und Boden

nach gedörrtem Obst dufteten. Niemals erlosch Freundschaft und Vertrauen

in dieser guten Welt, und wenn einmal unversehens wieder Schneeglöckchen

neben dem schwarzen Efeulaub strahlten und erste Vögel hoch durch neue

blaue Höhen flogen, so war es, als sei alles immerfort dagewesen. Bis

eines Tages, nie erwartet und doch immer genau wie es sein mußte und

immer gleich erwünscht, wieder eine erste bläuliche Blütenspitze aus den

Schwertlilienstengeln schaute.

Alles war schön, alles war Anselm willkommen, befreundet und vertraut,

aber der größte Augenblick des Zaubers und der Gnade war in jedem Jahr

für den Knaben die erste Schwertlilie. In ihrem Kelch hatte er

irgendeinmal, im frühsten Kindestraum, zum erstenmal im Buch der Wunder

gelesen, ihr Duft und wehendes vielfaches Blau war ihm Anruf und

Schlüssel der Schöpfung gewesen. So ging die Schwertlilie mit ihm durch

alle Jahre seiner Unschuld, war in jedem neuen Sommer neu,

geheimnisreicher und rührender geworden. Auch andre Blumen hatten einen

Mund, auch andre Blumen sandten Duft und Gedanken aus, auch andre

lockten Biene und Käfer in ihre kleinen, süßen Kammern. Aber die blaue

Lilie war dem Knaben mehr als jede andre Blume lieb und wichtig

geworden, sie wurde ihm Gleichnis und Beispiel alles Nachdenkenswerten

und Wunderbaren. Wenn er in ihren Kelch blickte und versunken diesem

hellen träumerischen Pfad mit seinen Gedanken folgte, zwischen den

gelben wunderlichen Gestäuden dem verdämmernden Blumeninnern entgegen,

dann blickte seine Seele in das Tor, wo die Erscheinung zum Rätsel und

das Sehen zum Ahnen wird. Er träumte auch bei Nacht zuweilen von diesem

Blumenkelch, sah ihn ungeheuer groß vor sich geöffnet wie das Tor eines

himmlischen Palastes, ritt auf Pferden, flog auf Schwänen hinein, und

mit ihm flog und ritt und glitt die ganze Welt leise, von Magie gezogen,

in den holden Schlund hinein und hinab, wo jede Erwartung zur Erfüllung

und jede Ahnung Wahrheit werden mußte.

Jede Erscheinung auf Erden ist ein Gleichnis, und jedes Gleichnis ist

ein offnes Tor, durch welches die Seele, wenn sie bereit ist, in das

Innere der Welt zu gehen vermag, wo du und ich und Tag und Nacht alle

eines sind. Jedem Menschen tritt hier und dort in seinem Leben das

geöffnete Tor in den Weg, jeden fliegt irgendeinmal der Gedanke an, daß

alles Sichtbare ein Gleichnis sei und daß hinter dem Gleichnis der Geist

und das ewige Leben wohne. Wenige freilich gehen durch das Tor und geben

den schönen Schein dahin für die geahnte Wirklichkeit des Inneren.

So erschien dem Knaben Anselm sein Blumenkelch als die aufgetane, stille

Frage, der seine Seele in quellender Ahnung einer seligen Antwort

entgegendrängte. Dann wieder zog das liebliche Vielerlei der Dinge ihn

hinweg, in Gesprächen und Spielen zu Gras und Steinen, Wurzeln, Busch,

Getier und allen Freundlichkeiten seiner Welt. Oft sank er tief in die

Betrachtung seiner selbst hinab, er saß hingegeben an die

Merkwürdigkeiten seines Leibes, fühlte mit geschlossenen Augen beim

Schlucken, beim Singen, beim Atmen sonderbare Regungen, Gefühle und

Vorstellungen im Munde und im Hals, fühlte auch dort dem Pfad und dem

Tore nach, auf denen Seele zu Seele gehen kann. Mit Bewunderung

beobachtete er die bedeutsamen Farbenfiguren, die bei geschlossenen

Augen ihm oft aus purpurfarbenem Dunkel erschienen, Flecken und

Halbkreise von Blau und tiefem Rot, glasig helle Linien dazwischen.

Manchmal empfand Anselm mit froh erschrockener Bewegung die feinen,

hundertfachen Zusammenhänge zwischen Auge und Ohr, Geruch und Getast,

fühlte für schöne flüchtige Augenblicke Töne, Laute, Buchstaben verwandt

und gleich mit Rot, Blau, mit Hart und Weich, oder wunderte sich beim

Riechen an einem Kraut oder an einer abgeschälten grünen Rinde, wie

sonderbar nahe Geruch und Geschmack beisammen waren und oft ineinander

übergingen und eins wurden.

Alle Kinder fühlen so, wennschon nicht alle mit derselben Stärke und

Zartheit, und bei vielen ist dies alles schon hinweg und wie nie

gewesen, noch ehe sie den ersten Buchstaben haben lesen lernen. Andern

bleibt das Geheimnis der Kindheit lange nah, und einen Rest und Nachhall

davon nehmen sie bis zu den weißen Haaren und den späten müden Tagen mit

sich. Alle Kinder, solange sie noch im Geheimnis stehen, sind ohne

Unterlaß in der Seele mit dem einzig Wichtigen beschäftigt, mit sich

selbst und mit dem rätselhaften Zusammenhang ihrer eignen Person mit der

Welt ringsumher. Sucher und Weise kehren mit den Jahren der Reife zu

diesen Beschäftigungen zurück, die meisten Menschen aber vergessen und

verlassen diese innere Welt des wahrhaft Wichtigen schon früh für immer

und irren lebenslang in den bunten Irrsalen von Sorgen, Wünschen und

Zielen umher, deren keines in ihrem Innersten wohnt, deren keines sie

wieder zu ihrem Innersten und nach Hause führt.

Anselms Kindersommer und -herbste kamen sanft und gingen ungehört,

wieder und wieder blühte und verblühte Schneeglocke, Veilchen, Goldlack,

Lilie, Immergrün und Rose, schön und reich wie je. Er lebte mit, ihm

sprach Blume und Vogel, ihm hörte Baum und Brunnen zu, und er nahm

seinen ersten geschriebenen Buchstaben und seinen ersten

Freundschaftskummer in alter Weise mit hinüber zum Garten, zur Mutter,

zu den bunten Steinen am Beet.

Aber einmal kam ein Frühling, der klang und roch nicht wie die frühern

alle, die Amsel sang, und es war nicht das alte Lied, die blaue Iris

blühte auf, und keine Träume und Märchengeschichten wandelten aus und

ein auf dem goldgezäunten Pfad ihres Kelches. Es lachten die Erdbeeren

versteckt aus ihrem grünen Schatten, und die Falter taumelten glänzend

über den hohen Dolden, und alles war nicht mehr wie immer, und andre

Dinge gingen den Knaben an, und mit der Mutter hatte er viel Streit. Er

wußte selber nicht, was es war und warum ihm etwas weh tat und etwas

immerfort ihn störte. Er sah nur, die Welt war verändert, und die

Freundschaften der bisherigen Zeit fielen von ihm ab und ließen ihn

allein.

So ging ein Jahr, und es ging noch eines, und Anselm war kein Kind mehr,

und die bunten Steine um das Beet waren langweilig, und die Blumen

stumm, und die Käfer hatte er auf Nadeln in einem Kasten stecken, und

seine Seele hatte den langen, harten Umweg angetreten, und die alten

Freuden waren versiegt und verdorrt.

Ungestüm drang der junge Mensch ins Leben, das ihm nun erst zu beginnen

schien. Verweht und vergessen war die Welt der Gleichnisse, neue Wünsche

und Wege lockten ihn hinweg. Noch hing Kindheit ihm wie ein Duft im

blauen Blick und im weichen Haar, doch liebte er es nicht, wenn er daran

erinnert wurde, und schnitt die Haare kurz und tat in seinen Blick so

viel Kühnheit und Wissen, als er vermochte. Launisch stürmte er durch

die bangen, wartenden Jahre, guter Schüler bald und Freund, bald allein

und scheu, einmal in Büchern vergraben bis in die Nächte, einmal wild

und laut bei ersten Jünglingsgelagen. Die Heimat hatte er verlassen

müssen und sah sie nur selten auf kurzen Besuchen wieder, wenn er

verändert, gewachsen und fein gekleidet heim zur Mutter kam. Er brachte

Freunde mit, brachte Bücher mit, immer anderes, und wenn er durch den

alten Garten ging, war der Garten klein und schwieg vor seinem

zerstreuten Blick. Nie mehr las er Geschichten im bunten Geäder der

Steine und der Blätter, nie mehr sah er Gott und die Ewigkeit im

Blütengeheimnis der blauen Iris wohnen.

Anselm war Schüler, war Student, er kehrte in die Heimat mit einer roten

und dann mit einer gelben Mütze, mit einem Flaum auf der Lippe und mit

einem jungen Bart. Er brachte Bücher in fremden Sprachen mit und einmal

einen Hund, und in einer Ledermappe auf der Brust trug er bald

verschwiegene Gedichte, bald Abschriften uralter Weisheiten, bald

Bildnisse und Briefe hübscher Mädchen. Er kehrte wieder und war weit in

fremden Ländern gewesen und hatte auf großen Schiffen auf dem Meere

gewohnt. Er kehrte wieder und war ein junger Gelehrter, trug einen

schwarzen Hut und dunkle Handschuhe, und die alten Nachbarn zogen die

Hüte vor ihm und nannten ihn Professor, obschon er noch keiner war. Er

kam wieder und trug schwarze Kleider und ging schlank und ernst hinter

dem langsamen Wagen her, auf dem seine alte Mutter im geschmückten Sarge

lag. Und dann kam er selten mehr.

In der Großstadt, wo Anselm jetzt die Studenten lehrte und für einen

berühmten Gelehrten galt, da ging er, spazierte, saß und stand genau wie

andre Leute der Welt, im feinen Rock und Hut, ernst oder freundlich, mit

eifrigen und manchmal etwas ermüdeten Augen, und war ein Herr und ein

Forscher, wie er es hatte werden wollen. Nun ging es ihm ähnlich, wie es

ihm am Ende seiner Kindheit gegangen war. Er fühlte plötzlich viele

Jahre hinter sich weggeglitten und stand seltsam allein und unbefriedigt

mitten in der Welt, nach der er immer getrachtet hatte. Es war kein

rechtes Glück, Professor zu sein, es war keine volle Lust, von Bürgern

und Studenten tief gegrüßt zu werden. Es war alles wie welk und

verstaubt, und das Glück lag wieder weit in der Zukunft, und der Weg

dahin sah heiß und staubig und gewöhnlich aus.

In dieser Zeit kam Anselm viel in das Haus eines Freundes, dessen

Schwester ihn anzog. Er lief jetzt nicht mehr leicht einem hübschen

Gesichte nach, auch das war anders geworden, und er fühlte, daß das

Glück für ihn auf besondere Weise kommen müsse und nicht hinter jedem

Fenster liegen könne. Die Schwester seines Freundes gefiel ihm sehr, und

oft glaubte er zu wissen, daß er sie wahrhaft liebe. Aber sie war ein

besonderes Mädchen, jeder Schritt und jedes Wort von ihr war eigen

gefärbt und geprägt, und es war nicht immer leicht, mit ihr zu gehen und

den gleichen Schritt mit ihr zu finden. Wenn Anselm zuweilen in seiner

einsamen Wohnung am Abend auf und nieder ging und nachdenklich seinem

eigenen Schritt durch die leeren Stuben zuhörte, dann stritt er viel mit

sich selber wegen seiner Freundin. Sie war älter, als er sich seine Frau

gewünscht hätte. Sie war sehr eigen, und es würde schwierig sein, neben

ihr zu leben und seinem gelehrten Ehrgeiz zu folgen, denn von dem mochte

sie nichts hören. Auch war sie nicht sehr stark und gesund und konnte

namentlich Gesellschaft und Feste schlecht ertragen. Am liebsten lebte

sie, mit Blumen und Gesang und etwa einem Buch um sich, in einsamer

Stille, wartete, ob jemand zu ihr käme, und ließ die Welt ihren Gang

gehen. Manchmal war sie so zart und empfindlich, daß alles Fremde ihr

weh tat und sie leicht zum Weinen brachte. Dann wieder strahlte sie

still und fein in einem einsamen Glück, und wer es sah, der fühlte, wie

schwer es sei, dieser schönen seltsamen Frau etwas zu geben und etwas

für sie zu bedeuten. Oft glaubte Anselm, daß sie ihn lieb habe, oft

schien ihm, sie habe niemanden lieb, sei nur mit allen zart und

freundlich und begehre von der Welt nichts als in Ruhe gelassen zu

werden. Er aber wollte anderes vom Leben, und wenn er eine Frau haben

würde, so müßte Leben und Klang und Gastlichkeit im Hause sein.

„Iris,“ sagte er zu ihr, „liebe Iris, wenn doch die Welt anders

eingerichtet wäre! Wenn es gar nichts gäbe als deine schöne, sanfte Welt

mit Blumen, Gedanken und Musik, dann wollte ich mir nichts andres

wünschen, als mein Leben lang bei dir zu sein, deine Geschichten zu

hören und in deinen Gedanken mitzuleben. Schon dein Name tut mir wohl,

Iris ist ein wundervoller Name, ich weiß gar nicht, woran er mich

erinnert.“

„Du weißt doch,“ sagte sie, „daß die blauen und gelben Schwertlilien so

heißen.“

„Ja,“ rief er in einem beklommenen Gefühl, „das weiß ich wohl, und schon

das ist sehr schön. Aber immer, wenn ich deinen Namen sage, will er mich

noch außerdem an irgend etwas mahnen, ich weiß nicht was, als sei er mir

mit ganz tiefen, fernen, wichtigen Erinnerungen verknüpft, und doch weiß

und finde ich nicht, was das sein könnte.“

Iris lächelte ihn an, der ratlos stand und mit der Hand seine Stirne

rieb.

„Mir geht es jedesmal so,“ sagte sie mit ihrer vogelleichten Stimme zu

Anselm, „wenn ich an einer Blume rieche. Dann meint mein Herz jedesmal,

mit dem Duft sei ein Andenken an etwas überaus Schönes und Kostbares

verbunden, das einmal vorzeiten mein war und mir verlorengegangen ist.

Mit der Musik ist es auch so, und manchmal mit Gedichten – da blitzt auf

einmal etwas auf, einen Augenblick lang, wie wenn man eine verlorene

Heimat plötzlich unter sich im Tale liegen sähe, und ist gleich wieder

weg und vergessen. Lieber Anselm, ich glaube, daß wir zu diesem Sinn auf

Erden sind, zu diesem Nachsinnen und Suchen und Horchen auf verlorene

ferne Töne, und hinter ihnen liegt unsere wahre Heimat.“

„Wie schön du das sagst,“ schmeichelte Anselm, und er fühlte in der

eigenen Brust eine fast schmerzende Bewegung, als weise dort ein

verborgener Kompaß unweigerlich seinem fernen Ziele zu. Aber dieses Ziel

war ganz ein andres, als er es seinem Leben geben wollte, und das tat

weh, und war es denn seiner würdig, sein Leben in Träumen hinter

hübschen Märchen her zu verspielen?

Indessen kam ein Tag, da war Herr Anselm von einer einsamen Reise

heimgekehrt und fand sich von seiner kahlen Gelehrtenwohnung so kalt und

bedrückend empfangen, daß er zu seinen Freunden lief und gesonnen war,

die schöne Iris um ihre Hand zu bitten.

„Iris,“ sagte er zu ihr, „ich mag so nicht weiter leben. Du bist immer

meine gute Freundin gewesen, ich muß dir alles sagen. Ich muß eine Frau

haben, sonst fühle ich mein Leben leer und ohne Sinn. Und wen sollte ich

mir zur Frau wünschen als dich, du liebe Blume? Willst du, Iris? Du

sollst Blumen haben, so viele nur zu finden sind, den schönsten Garten

sollst du haben. Magst du zu mir kommen?“

Iris sah ihm lang und ruhig in die Augen, sie lächelte nicht und

errötete nicht und gab ihm mit fester Stimme Antwort:

„Anselm, ich bin über deine Frage nicht erstaunt. Ich habe dich lieb,

obschon ich nie daran gedacht habe, deine Frau zu werden. Aber sieh,

mein Freund, ich mache große Ansprüche an den, dessen Frau ich werden

soll. Ich mache größere Ansprüche, als die meisten Frauen machen. Du

hast mir Blumen angeboten und meinst es gut damit. Aber ich kann auch

ohne Blumen leben, und auch ohne Musik, ich könnte alles das und viel

andres wohl entbehren, wenn es sein müßte. Eins aber kann und will ich

nie entbehren: ich kann niemals auch nur einen Tag lang so leben, daß

nicht die Musik in meinem Herzen mir die Hauptsache ist. Wenn ich mit

einem Manne leben soll, so muß es einer sein, dessen innere Musik mit

der meinen gut und fein zusammenstimmt, und daß seine eigne Musik rein

und daß sie gut zu meiner klinge, muß sein einziges Begehren sein.

Kannst du das, Freund? Du wirst dabei wahrscheinlich nicht weiter

berühmt werden und Ehren erfahren, dein Haus wird still sein, und die

Falten, die ich auf deiner Stirn seit manchem Jahr her kenne, müssen

alle wieder ausgetan werden. Ach, Anselm, es wird nicht gehen. Sieh, du

bist so, daß du immer neue Falten in deine Stirne studieren und dir

immer neue Sorgen machen mußt, und was ich sinne und bin, das liebst du

wohl und findest es hübsch, aber es ist für dich wie für die meisten

doch bloß ein feines Spielzeug. Ach, höre mich wohl: alles, was dir

jetzt Spielzeug ist, ist mir das Leben selbst und müßte es auch dir

sein, und alles, woran du Mühe und Sorge wendest, das ist für mich ein

Spielzeug, ist für meinen Sinn nicht wert, daß man dafür lebe. – Ich

werde nicht mehr anders werden, Anselm, denn ich lebe nach einem Gesetz,

das in mir ist. Wirst aber du anders werden können? Und du müßtest ganz

anders werden, damit ich deine Frau sein könnte.“

Anselm schwieg betroffen vor ihrem Willen, den er schwach und

spielerisch gemeint hatte. Er schwieg und zerdrückte achtlos in der

erregten Hand eine Blume, die er vom Tisch genommen hatte.

Da nahm ihm Iris sanft die Blume aus der Hand – es fuhr ihm wie ein

schwerer Vorwurf ins Herz – und lächelte nun plötzlich hell und

liebevoll, als habe sie ungehofft einen Weg aus dem Dunkel gefunden.

Märchen · 第 7 / 8 段