Bei der Spiegelbude blieb der Fremde stehen, wie einer, der gefunden

hat, was er suchte. Unter den Leuten, die sich die Spiegel besahen,

waren drei junge Mädchen vom Lande; neben diese stellte er sich und

schaute ihnen zu. Es waren frische, gesunde Bauernmädchen, nicht schön

und nicht häßlich, in starkgesohlten Schuhen und weißen Strümpfen, mit

blonden, etwas sonngebleichten Zöpfen und eifrigen jungen Augen. Jede

von den dreien hatte einen Spiegel zur Hand genommen, doch keine von den

großen und teuren, und indem sie den Kauf noch zögernd überlegten und

die holde Qual des Wählens kosteten, blickte jede zwischenein verloren

und träumerisch in die blanke Spiegeltiefe und betrachtete ihr Bild, den

Mund und die Augen, den kleinen Schmuck am Halse, die paar

Sommersprossen über der Nase, den glatten Scheitel, das rosige Ohr.

Darüber wurden sie still und ernsthaft; der Fremde, welcher hinter den

Mädchen stand, sah ihre Bilder großäugig und beinah feierlich aus den

drei Gläsern blicken.

„Ach,“ hörte er die erste sagen, „ich wollte, ich hätte ganz goldrotes

Haar und so lang, daß es mir bis an die Knie reichte!“

Das zweite Mädchen, als es den Wunsch der Freundin hörte, seufzte leise

auf und blickte inniger in ihren Spiegel. Dann gestand auch sie mit

Erröten, wovon ihr Herz träumte, und sagte schüchtern: „Ich, wenn ich

wünschen dürfte, ich möchte die allerschönsten Hände haben, ganz weiß

und zart, mit langen, schmalen Fingern und rosigen Fingernägeln.“ Sie

blickte dabei auf ihre Hand, die den ovalen Spiegel hielt. Die Hand war

nicht häßlich, aber sie war ein wenig kurz und breit und von der Arbeit

grob und hart geworden.

Die dritte, die kleinste und vergnügteste von allen dreien, lachte dazu

und rief lustig: „Das ist kein übler Wunsch. Aber weißt du, auf die

Hände kommt es nicht so sehr an. Mir wäre es am liebsten, wenn ich von

heut an die beste und flinkste Tänzerin vom ganzen Land Faldum wäre.“

Da erschrak das Mädchen plötzlich und drehte sich um, denn aus dem

Spiegel blickte hinter ihrem eignen Gesicht hervor ein fremdes mit

schwarzen, glänzenden Augen. Es war das Gesicht des fremden Mannes, der

hinter sie getreten war und den sie alle drei bisher gar nicht beachtet

hatten. Jetzt sahen sie ihm verwundert ins Gesicht, als er ihnen

zunickte und sagte: „Da habt ihr ja drei schöne Wünsche getan, ihr

Jungfern. Ist’s euch auch richtig ernst damit?“

Die Kleine hatte den Spiegel weggelegt und die Hände hinterm Rücken

verborgen. Sie hatte Lust, den Mann ihren kleinen Schrecken entgelten zu

lassen, und besann sich schon auf ein scharfes Wort; aber wie sie ihm

ins Gesicht sah, hatte er so viel Macht in den Augen, daß sie verlegen

wurde. „Geht’s Euch was an, was ich mir wünsche?“ sagte sie bloß und

wurde rot.

Aber die andre, die sich die feinen Hände gewünscht hatte, faßte

Vertrauen zu dem großen Manne, der etwas Väterliches und Würdiges in

seinem Wesen hatte. Sie sagte: „Jawohl, es ist uns ernst damit. Kann man

sich denn etwas Schöneres wünschen?“

Der Spiegelhändler war herzugetreten, auch andre Leute hörten zu. Der

Fremde hatte den Hutrand emporgeschlagen, daß man eine helle, hohe Stirn

und gebieterische Augen sah. Jetzt nickte er den drei Mädchen freundlich

zu und rief lächelnd: „Seht, ihr habt ja schon alles, was ihr euch

gewünscht habt!“

Die Mädchen blickten einander an, und dann jede schnell in einen

Spiegel, und alle drei erbleichten vor Erstaunen und Freude. Die eine

hatte dichte goldene Locken bekommen, die ihr bis zu den Knien reichten.

Die zweite hielt ihren Spiegel in den weißesten, schlanksten

Prinzessinnenhänden, und die dritte stand plötzlich in rotledernen

Tanzschuhen und auf so schlanken Knöcheln wie ein Reh. Sie konnten noch

gar nicht fassen, was geschehen war; aber die mit den vornehmen Händen

brach in selige Tränen aus, sie lehnte sich auf die Schulter ihrer

Freundin und weinte glückselig in ihr langes, goldenes Haar hinein.

Jetzt sprach und schrie sich die Geschichte von dem Wunder in dem

Umkreis der Bude herum. Ein junger Handwerksgeselle, welcher alles mit

angesehen, stand mit aufgerissenen Augen da und starrte den Fremden wie

versteinert an.

„Willst du dir nicht auch etwas wünschen?“ fragte ihn da plötzlich der

Fremde.

Der Geselle schrak zusammen, er war ganz verwirrt und ließ die Blicke

hilflos ringsum laufen, um etwas zu erspähen, was er etwa wünschen

könnte. Da sah er vor der Bude eines Schweinemetzgers einen gewaltigen

Kranz von dicken, roten Knackwürsten ausgehängt, und er stammelte, indem

er hinüberdeutete: „So einen Kranz Knackwürste möcht’ ich gern haben.“

Siehe, da hing der Kranz ihm um den Hals, und alle, die es sahen,

begannen zu lachen und zu schreien, und jeder suchte sich näher

heranzudrücken, und jeder wollte jetzt auch einen Wunsch tun. Das

durften sie auch, und der nächste, der an die Reihe kam, war schon

kecker und wünschte sich ein neues tuchenes Sonntagsgewand von oben bis

unten; und kaum gesagt, steckte er in einer feinen, nagelneuen Kleidung,

wie sie der Bürgermeister nicht besser hatte. Dann kam eine Frau vom

Lande, die faßte sich ein Herz und verlangte geradehin zehn Taler, und

die Taler klirrten ihr alsbald in der Tasche.

Nun sahen die Leute, daß da in allem Ernst Wunder geschähen, und sofort

wälzte sich die Kunde davon weiter über den Marktplatz und durch die

Stadt, und die Menschen bildeten schnell einen riesigen Klumpen rings um

die Bude des Spiegelhändlers. Viele lachten noch und machten Witze,

andre glaubten nichts und redeten mißtrauisch. Viele aber waren schon

vom Wunschfieber befallen und kamen mit glühenden Augen und mit heißen

Gesichtern gelaufen, die von Begierde und Sorge verzerrt waren, denn

jeder fürchtete, der Quell möchte versiegen, noch ehe er selber zum

Schöpfen käme. Knaben wünschten sich Kuchen, Armbrüste, Hunde, Säcke

voll Nüsse, Bücher und Kegelspiele; Mädchen gingen beglückt mit neuen

Kleidern, Bändern, Handschuhen und Sonnenschirmen davon. Ein

zehnjähriger kleiner Junge aber, der seiner Großmutter davongelaufen und

vor lauter Herrlichkeit und Jahrmarktsglanz aus Rand und Band gekommen

war, der wünschte sich mit heller Stimme ein lebendiges Pferdchen, es

müsse aber ein schwarzes sein; und alsbald wieherte hinter ihm ein

schwarzes Füllen und rieb den Kopf vertraulich an seiner Schulter.

Durch die vom Zauber ganz berauschte Menge zwängte sich darauf ein

ältlicher Junggeselle mit einem Spazierstock in der Hand, der trat

zitternd vor und konnte vor Aufregung kaum ein Wort über die Lippen

bringen.

„Ich wünsche,“ sagte er stammelnd, „ich wü–ünsche mir zweimalhundert –

–“

Da sah ihn der Fremde prüfend an, zog einen ledernen Beutel aus seiner

Tasche und hielt ihn dem erregten Männlein vor die Augen. „Wartet noch!“

sagte er. „Habt Ihr nicht etwa diesen Geldbeutel verloren? Es ist ein

halber Taler drin.“

„Ja, das hab’ ich,“ rief der Junggeselle. „Der ist mein.“

„Wollt Ihr ihn wiederhaben?“

„Ja, ja, gebt her!“

Da bekam er seinen Beutel, und damit hatte er seinen Wunsch vertan, und

als er das begriff, hieb er voll Wut mit seinem Stock nach dem Fremden,

traf ihn aber nicht und schlug bloß einen Spiegel herunter; und das

Scherbenklingen war noch nicht verrasselt, da stand schon der Händler

und verlangte Geld, und der Junggeselle mußte bezahlen.

Jetzt aber trat ein feister Hausbesitzer vor und tat einen

Kapitalwunsch, nämlich um ein neues Dach auf sein Haus. Da glänzte es

ihm schon mit nagelneuen Ziegeln und weißgekalkten Schornsteinen aus

seiner Gasse entgegen. Da wurden alle aufs neue unruhig, und ihre

Wünsche stiegen höher, und bald sah man einen, der schämte sich nicht

und wünschte in aller Bescheidenheit ein neues vierstöckiges Haus am

Marktplatz, und eine Viertelstunde später lag er schon überm Sims zum

eignen Fenster heraus und sah sich von dort den Jahrmarkt an.

Es war nun eigentlich kein Jahrmarkt mehr, sondern alles Leben in der

Stadt ging wie der Fluß von der Quelle nur noch von jenem Orte bei der

Spiegelbude aus, wo der Fremde stand und wo man seine Wünsche tun

durfte. Bewunderungsgeschrei, Neid oder Gelächter folgte auf jeden

Wunsch, und als ein kleiner hungriger Bub sich nichts als einen Hut voll

Pflaumen gewünscht hatte, da wurde ihm der Hut von einem, der weniger

bescheiden gewesen, mit Talerstücken nachgefüllt. Großen Jubel und

Beifall fand sodann eine fette Krämerfrau, die sich von einem schweren

Kropf freiwünschte. Hier zeigte sich aber, was Zorn und Mißgunst vermag.

Denn der eigne Mann dieser Krämerin, der mit ihr in Unfrieden lebte und

sich eben noch mit ihr gezankt hatte, verwandte seinen Wunsch, der ihn

hätte reich machen können, darauf, daß der verschwundene Kropf wieder an

seine alte Stelle kam. Aber das Beispiel war einmal gegeben, man brachte

eine Menge von Gebrechlichen und Kranken herbei, und die Menge geriet in

einen neuen Taumel, als die Lahmen zu tanzen begannen und die Blinden

mit beseligten Augen das Licht begrüßten.

Die Jugend war unterdessen längst überall herumgelaufen und hatte das

herrliche Wunder verkündigt. Man erzählte da von einer treuen alten

Köchin, daß sie am Herde stand und für ihre Herrschaft eben eine Gans

briet, als durchs Fenster auch sie der Ruf erreichte. Da konnte sie

nicht widerstehen und lief davon und auf den Marktplatz, um sich schnell

fürs Leben reich und glücklich zu wünschen. Je weiter sie aber durch die

Menge vordrang, desto vernehmlicher schlug ihr das Gewissen, und als sie

an die Reihe kam und wünschen durfte, da gab sie alles preis und

begehrte nur, die Gans möge nicht anbrennen, bis sie wieder bei ihr sei.

Der Tumult nahm kein Ende. Kindermädchen kamen aus den Häusern gestürzt

und schleppten ihre Kleinen auf den Armen mit, Bettlägerige rannten vor

Eifer im Hemd auf die Gassen. Es kam auch ganz verwirrt und verzweifelt

vom Lande herein eine kleine alte Frau gepilgert, und als sie von dem

Wünschen hörte, da bat sie schluchzend, daß sie ihren verlorengegangenen

Enkel heil wiederfinden möchte. Schau, da kam unverweilt der Knabe auf

einem kleinen schwarzen Roß geritten und fiel ihr lachend in die Arme.

Am Ende war die ganze Stadt verwandelt und von einem Rausch ergriffen.

Arm in Arm wandelten Liebespaare, deren Wünsche in Erfüllung gegangen

waren, arme Familien fuhren in Kaleschen einher und hatten noch die

geflickten alten Kleider von heute morgen an. Alle die vielen, die schon

jetzt einen unklugen Wunsch bereuten, waren entweder traurig

fortgegangen oder tranken sich Vergessen am alten Marktbrunnen, den ein

Spaßvogel durch seinen Wunsch mit dem besten Wein gefüllt hatte.

Und schließlich gab es in der Stadt Faldum nur noch zwei einzige

Menschen, die nichts von dem Wunder wußten und sich nichts gewünscht

hatten. Es waren zwei Jünglinge, und sie staken hoch in der Dachkammer

eines alten Hauses in der Vorstadt bei verschlossenen Fenstern. Der eine

stand mitten in der Kammer, hielt die Geige unterm Kinn und spielte mit

hingegebener Seele; der andre saß in der Ecke, hielt den Kopf zwischen

den Händen und war ganz und gar im Zuhören versunken. Durch die kleinen

Fensterscheiben strahlte die Sonne schon schräg und abendlich und glühte

tief in einem Blumenstrauß, der auf dem Tische stand, und spielte an der

Wand auf den zerrissenen Tapeten. Die Kammer war ganz vom warmen Licht

und von den glühenden Tönen der Geige erfüllt, wie eine kleine geheime

Schatzkammer vom Glanz der Edelsteine. Der Geiger wiegte sich im Spielen

hin und her und hatte die Augen geschlossen. Der Zuhörer sah still zu

Boden und saß so starrend und verloren, als wäre kein Leben in ihm.

Da tappten laute Schritte auf der Gasse, und das Haustor ward

aufgestoßen, und die Schritte kamen schwer und polternd über alle

Treppen herauf bis vor die Dachkammer. Das war der Hausherr, und er riß

die Tür auf und schrie lachend in die Kammer hinein, daß das Geigenlied

plötzlich abriß und der stumme Zuhörer wild und gepeinigt in die Höhe

sprang. Auch der Geigenspieler war betrübt und zornig darüber, daß er

gestört worden war, und blickte dem Manne vorwurfsvoll in das lachende

Gesicht. Aber der achtete nicht darauf, er schwenkte die Arme wie ein

Trunkener und schrie: „Ihr Narren, da sitzet ihr und geigt, und draußen

hat sich die ganze Welt verwandelt. Wachet auf und laufet, daß ihr nicht

zu spät kommt; am Marktplatz steht ein Mann, der macht, daß jedermann

einen Wunsch erfüllt bekommt. Da braucht ihr nicht länger unterm Dach zu

wohnen und das bißchen Miete schuldig zu bleiben. Auf und vorwärts, eh’s

zu spät ist! Auch ich bin heut ein reicher Mann geworden.“

Verwundert hörte das der Geiger, und da der Mensch ihm keine Ruhe ließ,

legte er die Geige weg und drückte sich den Hut auf den Kopf; sein

Freund kam schweigend hinterher. Kaum waren sie aus dem Hause, da sahen

sie schon die halbe Stadt aufs merkwürdigste verwandelt und gingen

beklommen wie im Traum an Häusern vorüber, die noch gestern grau und

schief und niedrig gewesen waren, jetzt aber standen sie hoch und

schmuck wie Paläste. Leute, die sie als Bettler kannten, fuhren

vierspännig in Kutschen einher oder schauten breit und stolz aus den

Fenstern schöner Häuser. Ein hagerer Mensch, der wie ein Schneider

aussah und dem ein winziges Hündlein nachlief, schleppte sich ermüdet

und schwitzend mit einem großen, schweren Sack, und aus dem Sacke

tropften durch ein kleines Loch einzelne Goldstücke auf das Pflaster.

Wie von selber kamen die beiden Jünglinge auf den Marktplatz und vor die

Bude mit den Spiegeln. Da stand der unbekannte Mann und sagte zu ihnen:

„Ihr habt es nicht eilig mit dem Wünschen. Gerade wollte ich fortgehen.

Also sagt, was ihr haben wollt, und tut euch keinen Zwang an.“

Der Geiger schüttelte den Kopf und sagte: „Ach hättet Ihr mich in Ruhe

gelassen! Ich brauche nichts.“

„Nein? Besinne dich!“ rief der Fremde. „Du darfst dir wünschen, was du

dir nur ausdenken kannst.“

Da schloß der Geiger eine Weile die Augen und dachte nach. Und sagte

dann leise: „Ich wünsche mir eine Geige, auf der ich so wunderbar

spielen kann, daß die ganze Welt mit ihrem Lärm nicht mehr an mich

kommt.“

Und sieh, er hielt eine schöne Geige in Händen und einen Geigenbogen,

und er drückte die Geige an sich und begann zu spielen: das klang süß

und mächtig wie das Lied vom Paradiese. Wer es hörte, der blieb stehen

und lauschte und bekam ernste Augen. Der Geiger aber, wie er immer

inniger und herrlicher spielte, ward von den Unsichtbaren emporgenommen

und verschwand in den Lüften, und noch von weiter Ferne klang seine

Musik mit leisem Glanz wie Abendrot herüber.

„Und du? Was willst du dir wünschen?“ fragte der Mann den andern

Jüngling.

„Jetzt habt Ihr mir den Geiger auch noch genommen!“ sagte der Jüngling.

„Ich mag vom Leben nichts haben als Zuhören und Zuschauen und mag nur an

das denken, was unvergänglich ist. Darum wünsche ich, ich möchte ein

Berg sein, so groß wie das Land Faldum und so hoch, daß mein Gipfel über

die Wolken ragt.“

Da begann es unter der Erde zu donnern, und alles fing an zu schwanken;

ein gläsernes Klirren ertönte, die Spiegel fielen einer um den andern

auf dem Pflaster in Scherben, der Marktplatz hob sich schwankend, wie

ein Tuch sich hebt, unter dem eine eingeschlafene Katze erwacht und den

Rücken in die Höhe bäumt. Ein ungeheurer Schrecken kam über das Volk,

Tausende flohen schreiend aus der Stadt in die Felder. Die aber, die auf

dem Marktplatz geblieben waren, sahen hinter der Stadt einen gewaltigen

Berg emporsteigen bis in die Abendwolken, und unterhalb sahen sie den

stillen Bach in ein weißes, wildes Gebirgswasser verwandelt, das hoch

vom Berge schäumend in vielen Fällen und Sprüngen zu Tale kam.

Ein Augenblick war vergangen, da war das ganze Land Faldum ein riesiger

Berg geworden, an dessen Fuße die Stadt lag, und fern in der Tiefe sah

man das Meer. Es war aber niemand beschädigt worden.

Ein alter Mann, der bei der Spiegelbude gestanden und alles mit

angesehen hatte, sagte zu seinem Nachbar: „Die Welt ist närrisch

geworden; ich bin froh, daß ich nimmer lang zu leben habe. Nur um den

Geiger tut mir’s leid, den möchte ich noch einmal hören.“

„Jawohl,“ sagte der andere. „Aber sagt, wo ist denn der Fremde

hingekommen?“

Sie blickten sich um, er war verschwunden. Und als sie an dem neuen

Berge emporschauten, sahen sie den Fremden hoch oben hinweggehen, in

einem wehenden Mantel, und sahen ihn einen Augenblick riesengroß gegen

den Abendhimmel stehen und um eine Felsenecke verschwinden.

Der Berg

Alles vergeht, und alles Neue wird alt. Lange war der Jahrmarkt

vergangen, und mancher war längst schon wieder arm, der sich damals zum

reichen Manne gewünscht hatte. Das Mädchen mit den langen goldroten

Haaren hatte schon lange einen Mann und hatte Kinder, welche selber

schon die Jahrmärkte in der Stadt in jedem Spätsommer besuchten. Das

Mädchen mit den flinken Tanzfüßen war eine Meistersfrau in der Stadt

geworden, die noch immer prachtvoll tanzen konnte und besser als manche

junge, und so viel Geld sich auch ihr Mann damals gewünscht hatte, es

hatte doch den Anschein, als würden die beiden lustigen Leute noch bei

ihren Lebzeiten damit fertig werden. Das dritte Mädchen aber, die mit

den schönen Händen, die war es, die von allen noch am meisten an den

fremden Mann bei der Spiegelbude dachte. Dieses Mädchen hatte nämlich

nicht geheiratet und war nicht reich geworden, aber die feinen Hände

hatte sie immer noch und tat der Hände wegen keine Bauernarbeit mehr,

sondern sie hütete die Kinder in ihrem Dorf herum, wo es eben not tat,

und erzählte ihnen Märchen und Geschichten, und sie war es, von der alle

Kinder die Geschichte von dem wunderbaren Jahrmarkt erfahren hatten, und

wie die Armen reich geworden waren und das Land Faldum ein Gebirge. Wenn

sie diese Geschichte erzählte, dann blickte sie lächelnd vor sich hin

und auf ihre schlanken Prinzessinnenhände und war so bewegt und

liebevoll, daß man glauben konnte, niemand habe damals bei den Spiegeln

ein strahlenderes Glückslos gezogen als sie, die doch arm und ohne Mann

geblieben war und ihre schönen Geschichten fremden Kindern erzählen

mußte.

Wer damals jung gewesen war, der war jetzt alt, und wer damals alt

gewesen, war jetzt gestorben. Unverändert und ohne Alter stand nur der

Berg, und wenn der Schnee auf seinem Gipfel durch die Wolken blendete,

schien er zu lächeln und froh zu sein, daß er kein Mensch mehr war und

nicht mehr nach menschlichen Zeiten zu rechnen brauchte. Hoch über Stadt

und Land leuchteten die Felsen des Berges, sein gewaltiger Schatten

wanderte mit jedem Tage über das Land, seine Bäche und Ströme

verkündigten unten das Kommen und Schwinden der Jahreszeiten, der Berg

war der Hort und Vater aller geworden. Wald wuchs auf ihm und Wiesen mit

wehendem Gras und mit Blumen; Quellen kamen aus ihm und Schnee und Eis

und Steine, und auf den Steinen wuchs farbiges Moos, und an den Bächen

Vergißmeinnicht. In seinem Innern waren Höhlen, da tropfte Wasser wie

Silberfäden Jahr um Jahr in wechselloser Musik vom Gestein aufs Gestein,

und in seinen Klüften gab es heimliche Kammern, wo mit tausendjähriger

Geduld die Kristalle wuchsen. Auf dem Gipfel des Berges war nie ein

Mensch gewesen. Aber manche wollten wissen, es sei dort ganz oben ein

kleiner runder See, darin habe sich niemals etwas anderes gespiegelt als

die Sonne, der Mond, die Wolken und die Sterne. Nicht Mensch noch Tier

habe je in diese Schale geblickt, die der Berg dem Himmel entgegenhalte,

denn auch die Adler flögen nicht so hoch.

Die Leute von Faldum lebten fröhlich in der Stadt und in den vielen

Tälern; sie tauften ihre Kinder, sie trieben Markt und Gewerbe, sie

trugen einander zu Grabe. Und alles, was von den Vätern zu den Enkeln

kam und weiterlebte, das war ihr Wissen und Träumen vom Berge. Hirten

und Gemsjäger, Wildheuer und Blumensucher, Sennen und Reisende mehrten

den Schatz, und Liederdichter und Erzähler gaben ihn weiter; sie wußten

von unendlichen finsteren Höhlen, von sonnenlosen Wasserfällen in

verborgenen Klüften, von tiefgespaltenen Gletschern, sie lernten die

Lawinenbahnen und die Wetterluken kennen, und was dem Lande zukam an

Wärme und Frost, an Wasser und Wuchs, an Wetter und Winden, das kam

alles vom Berge.

Von den früheren Zeiten wußte niemand mehr. Da gab es wohl die schöne

Sage von dem wundersamen Jahrmarkt, an welchem jede Seele in Faldum sich

wünschen durfte, was sie mochte. Aber daran, daß an jenem Tage auch der

Berg entstanden sei, wollte kein Mensch mehr glauben. Der Berg, das war

gewiß, stand von Anbeginn der Dinge an seinem Ort und würde in Ewigkeit

dastehen. Der Berg war die Heimat, der Berg war Faldum. Aber die

Geschichte von den drei Mädchen und von dem Geiger, die hörte man gern,

und zu allen Zeiten gab es hier oder dort einen Jüngling, der bei

verschlossener Tür sich tief ins Geigenspiel verlor und davon träumte,

einmal in seinem schönsten Liede so zu vergehen und dahinzuwehen wie der

zum Himmel gefahrene Geiger.

Der Berg lebte still in seiner Größe dahin. Jeden Tag sah er fern und

rot die Sonne aus dem Weltmeer steigen und ihren runden Gang um seinen

Gipfel tun, von Osten nach Westen, und jede Nacht denselben stillen Weg

die Sterne. Jedes Jahr umhüllte ihn der Winter tief mit Schnee und Eis,

und jedes Jahr zu ihrer Zeit suchten die Lawinen ihren Weg, und lachten

am Rand ihrer Schneereste die helläugigen Sommerblumen blau und gelb,

und die Bäche sprangen voller, und die Seen blauten warm im Licht. In

unsichtbaren Klüften donnerten dumpf die verlorenen Wasser, und der

kleine runde See zu oberst auf dem Gipfel lag schwer mit Eis bedeckt und

wartete das ganze Jahr, um in der kurzen Zeit der Sommerhöhe sein

lichtes Auge aufzutun und wenig Tage lang die Sonne und wenig Nächte

lang die Sterne zu spiegeln. In dunklen Höhlen standen die Wasser, und

läutete das Gestein im ewigen Tropfenfall, und in geheimen Schlünden

wuchsen die tausendjährigen Kristalle treulich ihrer Vollkommenheit

entgegen.

Am Fuße des Berges und wenig höher als die Stadt lag ein Tal, da floß

ein breiter Bach mit klarem Spiegel zwischen Erlen und Weiden hin.

Dorthin gingen die jungen Menschen, die sich liebhatten, und lernten vom

Berg und von den Bäumen die Wunder der Jahreszeiten. In einem andern

Tale hielten die Männer ihre Übungen mit Pferden und Waffen, und auf

einer steilen, hohen Felsenkuppe brannte in der Sommersonnwendnacht

jedes Jahres ein gewaltiges Feuer.

Die Zeiten rannen dahin, und der Berg beschützte Liebestal und

Waffenplatz, er bot den Sennen Raum und den Holzfällern, den Jägern und

den Flößern; er gab Steine zum Bauen und Eisen zum Schmelzen.

Gleichmütig sah er zu und ließ gewähren, wie das erste Sommerfeuer auf

der Kuppe loderte, und sah es hundertmal und wieder manche hundert Male

wiederkehren. Er sah die Stadt da unten mit kleinen stumpfen Armen um

sich greifen und über die alten Mauern hinauswachsen; er sah die Jäger

ihre Armbrüste vergessen und mit Feuerwaffen schießen. Die Jahrhunderte

liefen ihm dahin wie Jahreszeiten, und die Jahre wie Stunden.

Ihn kümmerte es nicht, daß einmal im langen Lauf der Jahre das rote

Sonnwendfeuer auf der Felsenplatte nicht mehr aufglühte und von da an

vergessen blieb. Ihm schuf es keine Sorgen, als im langen Lauf der

Zeiten das Tal der Waffenübungen verödete und auf der Rennbahn Wegerich

und Distel heimisch wurden. Und er hinderte es nicht, als einmal im

langen Lauf der Jahrhunderte ein Bergsturz seine Form veränderte und daß

unter den davongerollten Felsen die halbe Stadt Faldum in Trümmern

liegenblieb. Er blickte kaum hinab, und er nahm nicht wahr, daß die

zertrümmerte Stadt liegenblieb und nicht wieder aufgebaut wurde.

Märchen · 第 6 / 8 段