Paul sagte etwas darüber. „Ja,“ antwortete ich, „es ist rührend, alle

die Mädchen.“

Wohl war ich viel höher als jene, aber ich klebte angstvoll auf meinem

Posten, sie indessen schwebten leicht und angstlos, und ich sah, ich war

zu hoch, ich war am falschen Ort. Jene hatten die richtige Höhe, nicht

am Boden und doch nicht so teuflisch hoch und fern wie ich, nicht unter

den Leuten und doch nicht so ganz vereinsamt, außerdem waren sie viele.

Ich sah wohl, daß sie eine Seligkeit darstellten, die ich noch nicht

erreicht hatte.

Aber ich wußte, daß ich irgendeinmal wieder an meiner ungeheuren Leiter

werde hinabklettern müssen, und der Gedanke daran war so beklemmend, daß

ich Übelkeit spürte und es keinen Augenblick mehr hier oben aushalten

konnte. Verzweiflungsvoll und zitternd vor Schwindel tastete ich mit den

Füßen unter mir nach den Leitersprossen – sehen konnte ich sie vom Brett

aus nicht – und hing grauenvolle Minuten, krampfhaft angeklammert, in

der schlimmen Höhe. Niemand half mir, Paul war fort.

In tiefer Bangigkeit tat ich gefährliche Tritte und Griffe, und ein

Gefühl hüllte mich wie Nebel ein, ein Gefühl, daß nicht die hohe Leiter

und der Schwindel es waren, was ich auszukosten und durchzumachen habe.

Alsbald verlor sich denn auch die Sichtbarkeit und Ähnlichkeit der

Dinge, es war alles Nebel und unbestimmt. Bald hing ich noch in den

Sprossen und spürte Schwindel, bald kroch ich klein und bang durch

furchtbar enge Erdschächte und Kellergänge, bald watete ich hoffnungslos

im Sumpf und Kot und fühlte wüsten Schlamm mir bis zum Munde steigen.

Dunkel und Hemmung überall. Furchtbare Aufgaben mit ernstem, doch

verhülltem Sinn. Angst und Schweiß, Lähmung und Kälte. Schweres Sterben,

schweres Geborenwerden.

Wieviel Nacht ist um uns her! Wieviel bange, arge Qualenwege gehen wir,

geht tief im Schacht unsre verschüttete Seele, ewiger armer Held, ewiger

Odysseus! Aber wir gehen, wir gehen, wir bücken uns und waten, wir

schwimmen erstickend im Schlamm, wir kriechen die glatten bösen Wände

hinan. Wir weinen und verzagen, wir jammern bang und heulen leidend auf.

Aber wir gehen weiter, wir gehen und leiden, wir gehen und beißen uns

durch.

Wieder stellte aus dem trüben Höllenqualme Bildlichkeit sich her, wieder

lag ein kleines Stück des finsteren Pfades vom gestaltenden Licht der

Erinnerungen beschienen, und die Seele drang aus dem Urweltlichen in den

heimatlichen Bezirk der Zeit.

Wo war das? Bekannte Dinge sahen mich an, ich atmete Luft, die ich

wiedererkannte. Ein Zimmer, groß im Halbdunkel, eine Erdöllampe auf dem

Tisch, meine eigne Lampe, ein großer runder Tisch, etwa wie ein Klavier.

Meine Schwester war da und mein Schwager, vielleicht bei mir zu Besuch

oder vielleicht ich bei ihnen. Sie waren still und sorgenvoll, voll

Sorgen um mich. Und ich stand im großen und düsteren Zimmer, ging hin

und her und stand und ging in einer Wolke von Traurigkeit, in einer Flut

voll bitterer, erstickender Traurigkeit. Und nun fing ich an, irgend

etwas zu suchen, nichts Wichtiges, ein Buch oder eine Schere oder so

etwas, und konnte es nicht finden. Ich nahm die Lampe in die Hand, sie

war schwer, und ich war furchtbar müde, ich stellte sie bald wieder ab

und nahm sie doch wieder und wollte suchen, suchen, obwohl ich wußte,

daß es vergeblich sei. Ich würde nichts finden, ich würde alles nur noch

mehr verwirren, die Lampe würde mir aus den Händen fallen, sie war so

schwer, so quälend schwer, und so würde ich weiter tasten und suchen und

durchs Zimmer irren, mein ganzes armes Leben lang.

Mein Schwager sah mich an, ängstlich und etwas tadelnd. Sie merken, daß

ich wahnsinnig werde, dachte ich schnell und nahm wieder die Lampe.

Meine Schwester trat zu mir, still, mit bittenden Augen, voller Angst

und Liebe, daß mir das Herz brechen wollte. Ich konnte nichts sagen, ich

konnte nur die Hand ausstrecken und abwinken, abwehrend winken, und ich

dachte: Laßt mich doch! Laßt mich doch! Ihr könnt ja nicht wissen, wie

mir ist, wie weh mir ist, wie furchtbar weh! Und wieder: Laßt mich doch!

Laßt mich doch!

Das rötliche Lampenlicht floß schwach durchs große Zimmer, Bäume

stöhnten draußen im Wind. Einen Augenblick glaubte ich die Nacht draußen

innerlichst zu sehen und zu fühlen: Wind und Nässe, Herbst, bitterer

Laubgeruch, Blättergestiebe vom Ulmenbaum, Herbst, Herbst! Und wieder

einen Augenblick lang war ich nicht ich selber, sondern sah mich wie ein

Bild: ich war ein bleicher, hagerer Musiker mit flackernden Augen, der

hieß Hugo Wolf und war an diesem Abend im Begriff, wahnsinnig zu werden.

Dazwischen mußte ich wieder suchen, hoffnungslos suchen und die schwere

Lampe heben, auf den runden Tisch, auf den Sessel, auf einen Bücherstoß.

Und mußte mit flehenden Gebärden abwehren, wenn meine Schwester mich

wieder traurig und behutsam anblickte, mich trösten wollte, mir nahe

sein und helfen wollte. Die Trauer in mir wuchs und füllte mich zum

Zerspringen, und die Bilder um mich her waren von einer ergreifend

beredten Deutlichkeit, viel deutlicher, als jede Wirklichkeit sonst ist;

ein paar Herbstblumen im Wasserglas, eine dunkelrotbraune Georgine

darunter, glühten in so schmerzlich schöner Einsamkeit, jedes Ding und

auch der blinkende Messingfuß der Lampe war so verzaubert schön und von

so schicksalsvoller Einsamkeit umdrungen wie auf den Bildern der großen

Maler.

Ich spürte mein Schicksal deutlich. Noch ein Schatten mehr in diese

Traurigkeit, noch ein Blick der Schwester, noch ein Blick der Blumen,

der schönen seelenvollen Blumen – dann floß es über, und ich sank im

Wahnsinn unter. „Laßt mich! Ihr wißt ja nicht!“ Auf der polierten Wand

des Klaviers lag ein Strahl Lampenlicht im schwärzlichen Holz

gespiegelt, so schön, so geheimnisvoll, so gesättigt von Schwermut!

Jetzt erhob sich meine Schwester wieder, sie ging gegen das Klavier

hinüber. Ich wollte bitten, wollte innig abwehren, aber ich konnte

nicht, es reichte keinerlei Macht mehr aus meiner Vereinsamung heraus

und zu ihr hinüber. Oh, ich wußte, was jetzt kommen mußte. Ich kannte

die Melodie, die jetzt zu Wort kommen und alles sagen und alles

zerstören mußte! Ungeheure Spannung zog mein Herz zusammen, und während

die ersten glühenden Tropfen mir aus den Augen sprangen, stürzte ich

mich mit Kopf und Händen über den Tisch hin und hörte und empfand mit

allen Sinnen und mit neuen Sinnen dazu, Text und Melodie zugleich,

Wolfsche Melodie, den Vers:

Was wisset ihr, dunkle Wipfel,

Von der alten schönen Zeit?

Die Heimat hinter den Gipfeln,

Wie liegt sie so weit, so weit!

Damit glitt vor mir und in mir die Welt auseinander, versank in Tränen

und Tönen, nicht zu sagen wie hingegossen, wie strömend, wie gut und

schmerzlich! O Weinen, o süßes Zusammenbrechen, seliges Schmelzen. Alle

Bücher der Welt voll Gedanken und Gedichte sind nichts gegen eine Minute

Schluchzen, wo Gefühl in Strömen wogt, Seele tief sich selber fühlt und

findet. Tränen sind schmelzendes Seeleneis, dem Weinenden sind alle

Engel nah.

Ich weinte mich, alle Anlässe und Gründe vergessend, von der Höhe

unerträglicher Spannung in die milde Dämmerung alltäglicher Gefühle

hinab, ohne Gedanken, ohne Zeugen. Dazwischen flatternde Bilder: ein

Sarg, darin lag ein mir so lieber, so wichtiger Mensch, doch wußte ich

nicht wer. Vielleicht du selber, dachte ich, da fiel ein andres Bild mir

ein, aus großer zarter Ferne her. Hatte ich nicht einmal, vor Jahren

oder in einem früheren Leben, ein wunderbares Bild gesehen: ein Volk von

jungen Mädchen hoch in Lüften hausend, wolkig und schwerelos, schön und

selig, leichtschwebend wie Luft und satt wie Streichmusik?

Jahre flogen dazwischen, drängten mich sanft und mächtig von dem Bilde

weg. Ach, vielleicht hatte mein ganzes Leben nur den Sinn gehabt, diese

holden schwebenden Mädchen zu sehen, zu ihnen zu kommen, ihresgleichen

zu werden! Nun sanken sie fern dahin, unerreichbar, unverstanden,

unerlöst, von zweifelnder Sehnsucht müd umflattert.

Jahre fielen wie Schneeflocken herab, und die Welt war verändert.

Betrübt wanderte ich einem kleinen Hause entgegen. Mir war recht elend

zumut, und ein banges Gefühl im Munde hielt mich befangen, ängstlich

tastete ich mit der Zunge an einen zweifelhaften Zahn, da sank er schon

schräg weg und war ausgefallen. Der nächste – auch er! Ein ganz junger

Arzt war da, dem ich klagte, dem ich bittend einen Zahn mit den Fingern

entgegenhielt. Er lachte leichtherzig, winkte mit fataler Berufsgebärde

ab und schüttelte den jungen Kopf – das mache nichts, ganz harmlos,

komme jeden Tag vor. Lieber Gott, dachte ich. Aber er fuhr fort und

deutete auf mein linkes Knie: da sitze es, da sei hingegen nimmer zu

spaßen. Furchtbar schnell griff ich ans Knie hinab – da war es! Da war

ein Loch, in das ich den Finger legen konnte, und statt Haut und Fleisch

nichts zu ertasten als eine gefühllose, weiche, lockere Masse, leicht

und faserig wie welkes Pflanzengewebe. O mein Gott, das war der Verfall,

das war Tod und Fäulnis! „Da ist nichts mehr zu machen?“ fragte ich mit

mühsamer Freundlichkeit. „Nichts mehr,“ sagte der junge Arzt und war

weg.

Ich ging erschöpft dem Häuschen entgegen, nicht so verzweifelt, wie ich

hätte sein müssen, sogar fast gleichgültig. Ich mußte jetzt in das

Häuschen gehen, wo meine Mutter mich erwartete – hatte ich nicht ihre

Stimme schon gehört? ihr Gesicht gesehen? Stufen führten hinauf,

wahnsinnige Stufen, hoch und glatt ohne Geländer, jede ein Berg, ein

Gipfel, ein Gletscher. Es wurde gewiß zu spät – sie war vielleicht schon

fort, vielleicht schon tot? Hatte ich sie eben nicht wieder rufen hören?

Schweigend rang ich mit dem steilen Stufengebirge, fallend und

gequetscht, wild und schluchzend, klomm und preßte mich, stemmte

brechende Arme und Knie auf, und war oben, war am Tor, und die Stufen

waren wieder klein und hübsch und von Buchsbaum eingefaßt. Jeder Schritt

ging zäh und schwer wie durch Schlamm und Leim, kein Vorwärtskommen, das

Tor stand offen, und drinnen ging in einem grauen Kleid meine Mutter,

ein Körbchen im Arm, still und in Gedanken. Oh, ihr dunkles, schwach

ergrautes Haar im kleinen Netz! Und ihr Gang, die kleine Gestalt! Und

das Kleid, das graue Kleid – hatte ich denn alle die vielen, vielen

Jahre her ihr Bild ganz verloren, gar niemals richtig mehr an sie

gedacht?! Da war sie, da stand und ging sie, nur von hinten zu sehen,

ganz wie sie war, ganz klar und schön, lauter Liebe, lauter

Liebesgedanke!

Wütend watete mein lahmer Schritt in der zähen Luft, Pflanzenranken wie

dünne starke Seile umschlangen mich mehr und mehr, feindseliges Hemmnis

überall, kein Vorwärtskommen! „Mutter!“ rief ich – aber es gab keinen

Ton ... Es klang nicht. Es war Glas zwischen ihr und mir.

Meine Mutter ging langsam weiter, ohne zurückzublicken, still in

schönen, sorglichen Gedanken, strich mit der wohlbekannten Hand einen

unsichtbaren Faden vom Kleide, bückte sich über ihr Körbchen zum

Nähzeug. O das Körbchen! Darin hatte sie mir einmal Ostereier versteckt.

Ich schrie verzweifelt und lautlos. Ich lief und kam nicht vom Ort!

Zärtlichkeit und Wut zerrten an mir.

Und sie ging langsam weiter durch das Gartenhaus, stand in der

jenseitigen offenen Tür, schritt ins Freie hinaus. Sie senkte den Kopf

ein wenig zur Seite, sanft und horchend, ihren Gedanken nach, hob und

senkte das Körbchen – ein Zettel fiel mir ein, den ich als Knabe einmal

in ihrem Körbchen fand, darauf stand von ihrer leichten Hand

aufgeschrieben, was sie für den Tag zu tun und zu bedenken vorhatte –

„Hermanns Hosen ausgefranst – Wäsche einlegen – Buch von Dickens

entlehnen – Hermann hat gestern nicht gebetet.“ – Ströme der Erinnerung,

Lasten von Liebe!

Umschnürt und gefesselt stand ich am Tor, und drüben ging die Frau im

grauen Kleide langsam hinweg, in den Garten, und war fort.

Faldum

Geo Reinhart gewidmet

Der Jahrmarkt

Die Straße, die nach der Stadt Faldum führte, lief weit durch das

hüglige Land, bald an Wäldern hin oder an grünen, weiten Weiden, bald an

Kornfeldern vorbei, und je mehr sie sich der Stadt näherte, desto

häufiger standen Gehöfte, Meiereien, Gärten und Landhäuser am Wege. Das

Meer lag weit entfernt, man sah es nicht, und die Welt schien aus nichts

anderm zu bestehen als aus kleinen Hügeln, kleinen hübschen Tälern, aus

Weiden, Wald, Ackerland und Obstwiesen. Es war ein Land, das an Frucht

und Holz, an Milch und Fleisch, an Äpfeln und Nüssen keinen Mangel litt.

Die Dörfer waren recht hübsch und sauber, und die Leute waren im ganzen

brav und fleißig und keine Freunde von gefährlichen oder aufregenden

Unternehmungen, und ein jeder war zufrieden, wenn es seinem Nachbar

nicht besser ging als ihm selber. So war das Land Faldum beschaffen, und

ähnlich sind die meisten Länder in der Welt, solange nicht besondere

Dinge sich ereignen.

Die hübsche Straße nach der Stadt Faldum (sie hieß wie das Land) war an

diesem Morgen seit dem ersten Hahnenschrei so lebhaft begangen und

befahren, wie es nur einmal im Jahre zu sehen war, denn in der Stadt

sollte heute der große Markt abgehalten werden, und auf zwanzig Meilen

rundum war kein Bauer und keine Bäuerin, kein Meister und kein Gesell

noch Lehrbube, kein Knecht und keine Magd und kein Junge oder Mädchen,

die nicht seit Wochen an den großen Markt gedacht und davon geträumt

hätten, ihn zu besuchen. Alle konnten ja nun nicht gehen; es mußte auch

für Vieh und kleine Kinder, für Kranke und Alte gesorgt werden, und wen

das Los getroffen hatte, daß er dableiben mußte, um Haus und Hof zu

hüten, dem schien fast ein Jahr seines Lebens verloren, und es tat ihm

leid um die schöne Sonne, die schon seit aller Frühe warm und festlich

am blauen Spätsommerhimmel stand.

Mit kleinen Körbchen am Arm kamen die Frauen und Mägde gegangen und die

Burschen mit rasierten Wangen, und jeder mit einer Nelke oder Aster im

Knopfloch, alles im Sonntagsputz, und die Schulmädchen mit sorgfältig

gezöpften Haaren, die noch feucht und fett in der Sonne glänzten. Wer

kutschierte, der trug eine Blume oder ein rotes Bändchen an den

Peitschenstiel gebunden, und wer es vermochte, dessen Rosse hatten bis

zu den Knien am breiten Schmuckleder die blankgeputzten Messingscheiben

hängen. Es kamen Leiterwagen gefahren, über denen aus rundgebogenen

Buchenästen ein grünes Dach gebaut war, und darunter saßen dichtgedrängt

die Leute, mit Körben oder Kindern auf dem Schoß, und die meisten sangen

laut im Chor, und dazwischen kam hin und wieder, besonders geschmückt

mit Fahnen und mit Papierblumen rot und blau und weiß im grünen

Buchenlaub, ein Wagen, aus dem quoll eine schallende Dorfmusik hervor,

und zwischen den Ästen im Halbschatten sah man die goldenen Hörner und

Trompeten leise und köstlich funkeln. Kleine Kinder, die schon seit

Sonnenaufgang hatten laufen müssen, fingen zu weinen an und wurden von

schwitzenden Müttern getröstet, manches fand bei einem gutmütigen

Fuhrmann Aufnahme. Eine alte Frau schob ein Paar Zwillinge im

Kinderwagen mit, und beide schliefen, und zwischen den schlafenden

Kinderköpfen lagen auf dem Kissen, nicht weniger rund und rotwangig zwei

schöngekleidete und gestrählte Puppen.

Wer da am Wege wohnte und nicht selber heute nach dem Jahrmarkt

unterwegs war, der hatte einen unterhaltsamen Morgen und beständig beide

Augen voll zu schauen. Es waren aber wenige. Auf einer Gartentreppe saß

ein zehnjähriger Junge und weinte, weil er allein bei der Großmutter

daheim bleiben sollte. Als er aber genug gesessen und geweint hatte und

gerade ein paar Dorfbuben vorübertraben sah, da sprang er mit einem Satz

auf die Straße und schloß sich ihnen an. Nicht weit davon wohnte ein

alter Junggeselle, der nichts vom Jahrmarkt wissen wollte, weil das Geld

ihn reute. Er hatte sich vorgenommen, am heutigen Tage, wo alles

feierte, ganz still für sich die hohe Weißdornhecke an seinem Garten zu

beschneiden, denn sie hatte es nötig, und er war auch, kaum daß der

Morgentau ein wenig vergangen war, mit seiner großen Hagschere munter

ans Werk gegangen. Aber schon nach einer kleinen Stunde hatte er wieder

aufgehört und sich zornig ins Haus verkrochen, denn es war kein Bursch

vorübergegangen oder -gefahren, der nicht dem Heckenschneiden verwundert

zugesehen und dem Manne einen Witz über seinen unzeitigen Fleiß

zugeworfen hatte, und die Mädchen hatten dazu gelacht; und wenn er

wütend wurde und mit seiner langen Schere drohte, dann hatte alles die

Hüte geschwenkt und ihm lachend zugewinkt. Nun saß er drinnen hinter

geschlossenen Läden, äugte aber neidisch durch die Spalten hinaus, und

als sein Zorn mit der Zeit vergangen war und er die letzten spärlichen

Marktgänger vorübereilen und -hasten sah, als ginge es um die Seligkeit,

da zog er Stiefel an, tat einen Taler in den Beutel, nahm den Stock und

wollte gehen. Da fiel ihm schnell ein, ein Taler sei doch viel Geld; er

nahm ihn wieder heraus, tat statt seiner einen halben Taler in den

ledernen Beutel und schnürte ihn zu. Dann steckte er den Beutel in die

Tasche, verschloß das Haus und die Gartentür und lief so hurtig, daß er

bis zur Stadt noch manchen Fußgänger und sogar zwei Wagen überholte.

Fort war er, und sein Haus und Garten standen leer, und der Staub über

der Straße begann sich sacht zu legen, Pferdegetrab und Blechmusiken

waren verklungen und verflogen, schon kamen die Sperlinge von den

Stoppelfeldern herüber, badeten sich im weißen Staub und besahen, was

von dem Tumult übriggeblieben war. Die Straße lag leer und tot und heiß,

ganz aus der Ferne wehte zuweilen noch schwach und verloren ein Jauchzer

und ein Ton wie von Hörnermusik.

Da kam aus dem Walde hervor ein Mann gegangen, den breiten Hutrand tief

über die Augen gezogen, und wanderte ganz ohne Eile allein auf der

verödeten Landstraße fort. Er war groß gewachsen und hatte den festen,

ruhigen Schritt, wie ihn Wanderer haben, welche sehr viel zu Fuß gereist

sind. Gekleidet war er grau und unscheinbar, und aus dem Hutschatten

blickten seine Augen sorgfältig und ruhig wie die Augen eines Menschen,

der weiter nichts von der Welt begehrt, aber jedes Ding mit

Aufmerksamkeit betrachtet und keins übersieht. Er sah alles, er sah die

unzähligen verwirrten Wagenspuren dahinlaufen, er sah die Hufspuren

eines Rosses, das den linken Hinterhuf nachgeschleift hatte, er sah in

der Ferne aus einem staubigen Dunst klein mit schimmernden Dächern die

Stadt Faldum am Hügel ragen, er sah in einem Garten eine kleine alte

Frau voll Angst und Not umherirren und hörte sie nach jemand rufen, der

nicht Antwort gab. Er sah am Wegrand einen winzigen Metallglanz zucken

und bückte sich und hob eine blanke runde Messingscheibe auf, die ein

Pferd vom Kummet verloren hatte. Die steckte er zu sich. Und dann sah er

an der Straße einen alten Hag von Weißdorn, der war ein paar Schritt

weit frisch beschnitten, und zu Anfang schien die Arbeit genau und

sauber und mit Lust getan, mit jedem halben Schritt aber schlechter,

denn bald war ein Schnitt zu tief gegangen, bald standen vergessene

Zweige borstig und stachlig heraus. Weiterhin fand der Fremde auf der

Straße eine Kinderpuppe liegen, über deren Kopf ein Wagenrad gegangen

sein mußte, und ein Stück Roggenbrot, das noch von der weggeschmolzenen

Butter glänzte; und zuletzt fand er einen starken ledernen Beutel, in

dem stak ein halber Taler. Die Puppe lehnte er am Straßenrande gegen

einen Prellstein, das Stück Brot verkrümelte er und fütterte es den

Sperlingen, den Beutel mit dem halben Taler steckte er in die Tasche.

Es war unsäglich still auf der verlassenen Straße, der Rasenbord zu

beiden Seiten lag dick verstaubt und sonnverbrannt. Nebenan in einem

Gutshof liefen die Hühner herum, kein Mensch weit und breit, und

gackelten und stotterten träumerisch in der Sonnenwärme. In einem

bläulichen Kohlgarten stand gebückt ein altes Weib und raufte Unkraut

aus dem trockenen Boden. Der Wanderer rief sie an, wie weit es noch bis

zur Stadt sei. Sie war aber taub, und als er lauter rief, blickte sie

nur hilflos herüber und schüttelte den grauen Kopf.

Im Weitergehen hörte er hin und wieder Musik von der Stadt herüber

aufrauschen und verstummen, und immer öfter und länger, und zuletzt

klang es ununterbrochen wie ein entfernter Wasserfall, Musik und

Stimmengewirr, als wäre da drüben das sämtliche Menschenvolk vergnügt

beieinander. Ein Bach lief jetzt neben der Straße hin, breit und still,

mit Enten darauf und grünbraunem Seegras unterm blauen Spiegel. Da

begann die Straße zu steigen, der Bach bog sich zur Seite, und eine

steinerne Brücke führte hinüber. Auf der niederen Brückenmauer saß ein

Mann, eine dünne Schneiderfigur, und schlief mit hängendem Kopf; sein

Hut war ihm in den Staub gefallen, und neben ihm saß ein kleiner

drolliger Hund, der ihn bewachte. Der Fremde wollte den Schläfer wecken,

er konnte sonst im Schlaf über den Brückenrand fallen. Doch blickte er

erst hinunter und sah, daß die Höhe gering und das Wasser seicht sei; da

ließ er den Schneider sitzen und weiterschlafen.

Jetzt kam nach einer kleinen steilen Steige das Tor der Stadt Faldum,

das stand weit offen, und kein Mensch war dort zu sehen. Der Mann

schritt hindurch, und seine Tritte hallten plötzlich laut in einer

gepflasterten Gasse wider, wo allen Häusern entlang zu beiden Seiten

eine Reihe von leeren, abgespannten Wagen und Kaleschen stand. Aus

andern Gassen her schallte Lärm und dumpfes Getriebe, hier aber war kein

Mensch zu sehen, das Gäßlein lag voll Schatten, und nur die oberen

Fenster spiegelten den goldenen Tag. Hier hielt der Wanderer eine kurze

Rast, auf der Deichsel eines Leiterwagens sitzend. Als er weiterging,

legte er auf die Fuhrmannsbank die messingene Roßscheibe, die er draußen

gefunden hatte.

Kaum war er noch eine Gasse weit gegangen, da hallte rings um ihn Lärm

und Jahrmarktgetöse; in hundert Buden hielten schreiende Händler ihre

Waren feil, Kinder bliesen in versilberte Trompeten, Metzger fischten

ganze Ketten von frischen, nassen Würsten aus großen kochenden Kesseln,

ein Quacksalber stand hoch auf einer Tribüne, blickte eifrig aus einer

dicken Hornbrille und hatte eine Tafel aller menschlichen Krankheiten

und Gebrechen aufgehängt. An ihm vorüber zog ein Mensch mit schwarzen

langen Haaren, dieser führte am Strick ein Kamel hinter sich. Das Tier

blickte von seinem langen Halse hochmütig auf die Volksmenge herunter

und schob die gespaltenen Lippen kauend hin und her.

Der Mann aus dem Walde schaute mit Aufmerksamkeit dem allem zu, er ließ

sich vom Gedränge stoßen und schieben, blickte hier in den Stand eines

Bilderbogenmannes und las dort die Sprüche und Devisen auf den

bezuckerten Lebkuchen, doch blieb er nirgend verweilen und schien das,

was er etwa suchte, noch nicht gefunden zu haben. So kam er langsam

vorwärts und auf den großen Hauptplatz, wo an der Ecke ein Vogelhändler

horstete. Da lauschte er eine Weile den Stimmen, die aus den vielen

kleinen Käfigen kamen, und gab ihnen Antwort und pfiff ihnen leise zu,

dem Hänfling, der Wachtel, dem Kanarienvogel, der Grasmücke.

Plötzlich sah er es in seiner Nähe so hell und blendend aufblinken, als

wäre aller Sonnenschein auf diesen einzigen Fleck zusammengezogen, und

als er näher ging, war es ein großer Spiegel, der in einer Meßbude hing,

und neben dem Spiegel hingen andre Spiegel, zehn und hundert und noch

mehr, große und kleine, viereckige, runde und ovale, Spiegel zum

Aufhängen und zum Aufstellen, auch Handspiegel und kleine, dünne

Taschenspiegel, die man bei sich tragen konnte, damit man sein eignes

Gesicht nicht vergesse. Der Händler stand und fing in einem blitzenden

Handspiegel die Sonne auf und ließ den funkelnden Widerschein über seine

Bude tanzen; dazu rief er unermüdlich: „Spiegel, meine Herrschaften,

hier kauft man Spiegel! Die besten Spiegel, die billigsten Spiegel von

Faldum! Spiegel, meine Damen, herrliche Spiegel! Blicken Sie nur hinein,

alles echt, alles bester Kristall!“

Märchen · 第 5 / 8 段