„Wir wollen rasten,“ sagte ich zum Führer.

Er lächelte geduldig, und wir setzten uns nieder. Es war kühl, und aus

dem Felsentore kam ein leiser Strom von finsterer, steinig kalter Luft

geflossen.

Häßlich, häßlich, diesen Weg zu gehen! Häßlich, sich durch dies unfrohe

Felsentor zu quälen, über diesen kalten Bach zu schreiten, diese schmale

schroffe Kluft im Finstern hinanzuklettern!

„Der Weg sieht scheußlich aus,“ sagte ich zögernd.

In mir flatterte wie ein sterbendes Lichtlein die heftige, ungläubige,

unvernünftige Hoffnung, wir können vielleicht wieder umkehren, der

Führer möchte sich noch überreden lassen, es möchte uns dies alles

erspart bleiben. Ja, warum eigentlich nicht? War es dort, von wo wir

kamen, nicht tausendmal schöner? Floß nicht dort das Leben reicher,

wärmer, liebenswerter? Und war ich nicht ein Mensch, ein kindliches und

kurzlebiges Wesen mit dem Recht auf ein bißchen Glück, auf ein Eckchen

Sonne, auf ein Auge voll Blau und Blumen?

Nein, ich wollte dableiben. Ich hatte keine Lust, den Helden und

Märtyrer zu spielen! Ich wollte mein Leben lang zufrieden sein, wenn ich

im Tal und an der Sonne bleiben durfte.

Schon fing ich an zu frösteln; hier war kein langes Bleiben möglich.

„Du frierst,“ sagte der Führer, „es ist besser, wir gehen.“

Damit stand er auf, reckte sich einen Augenblick zu seiner ganzen Höhe

aus und sah mich mit Lächeln an. Es war weder Spott noch Mitleid in dem

Lächeln, weder Härte noch Schonung. Es war nichts darin als Verständnis,

nichts als Wissen. Dies Lächeln sagte: Ich kenne dich. Ich kenne deine

Angst, die du fühlst, und habe deine Großsprecherei von gestern und

vorgestern keineswegs vergessen. Jeder verzweifelte Hasensprung der

Feigheit, den deine Seele jetzt tut, und jedes Liebäugeln mit dem lieben

Sonnenschein da drüben ist mir bekannt und vertraut, noch ehe du’s

ausführst.

Mit diesem Lächeln sah mich der Führer an und tat den ersten Schritt ins

dunkle Felsental voraus, und ich haßte ihn und liebte ihn, wie ein

Verurteilter das Beil über seinem Nacken haßt und liebt. Vor allem aber

haßte und verachtete ich sein Wissen, seine Führerschaft und Kühle,

seinen Mangel an lieblichen Schwächen, und haßte alles das in mir

selber, was ihm recht gab, was ihn billigte, was seinesgleichen war und

ihm folgen wollte.

Schon war er mehrere Schritte weit gegangen, auf Steinen durch den

schwarzen Bach, und war eben im Begriff, mir um die erste Felsenecke zu

entschwinden.

„Halt!“ rief ich so voller Angst, daß ich zugleich denken mußte: wenn

das hier ein Traum wäre, dann würde ihn in diesem Augenblick mein

Entsetzen zersprengen, und ich würde aufwachen. „Halt,“ rief ich, „ich

kann nicht, ich bin noch nicht bereit.“

Der Führer blieb stehen und blickte still herüber, ohne Vorwurf, aber

mit diesem seinem furchtbaren Verstehen, mit diesem schwer zu

ertragenden Wissen, Ahnen, Schon-im-voraus-verstanden-Haben.

„Wollen wir lieber umkehren?“ fragte er, und er hatte noch das letzte

Wort nicht ausgesprochen, da wußte ich schon voll Widerwillen, daß ich

nein sagen würde, nein sagen _müssen_ würde. Und zugleich rief alles

Alte, Gewohnte, Liebe, Vertraute in mir verzweiflungsvoll: „Sag’ ja,

sag’ ja!“, und es hängte sich die ganze Welt und Heimat wie eine Kugel

an meine Füße.

Ich wollte ja rufen, obschon ich genau wußte, daß ich es nicht würde tun

können.

Da wies der Führer mit der ausgestreckten Hand in das Tal zurück, und

ich wandte mich nochmals nach den geliebten Gegenden um. Und jetzt sah

ich das Peinvollste, was mir begegnen konnte: ich sah die geliebten

Täler und Ebenen unter einer weißen entkräfteten Sonne fahl und lustlos

liegen, die Farben klangen falsch und schrill zusammen, die Schatten

waren rußig schwarz und ohne Zauber, und allem, allem war das Herz

herausgeschnitten, war der Reiz und Duft genommen – alles roch und

schmeckte nach Dingen, an denen man sich längst bis zum Ekel übergessen

hat. Oh, wie ich das kannte, wie ich das fürchtete und haßte, diese

schreckliche Art des Führers, mir das Geliebte und Angenehme zu

entwerten, den Saft und Geist daraus weglaufen zu lassen, Düfte zu

verfälschen und Farben leise zu vergiften! Ach, ich kannte das: was

gestern noch Wein gewesen war, war heut Essig. Und nie wieder wurde der

Essig zu Wein. Nie wieder.

Ich schwieg und folgte traurig dem Führer nach. Er hatte ja recht, jetzt

wie immer. Gut, wenn er wenigstens bei mir und sichtbar blieb, statt –

wie so oft – im Augenblick einer Entscheidung plötzlich zu verschwinden

und mich allein zu lassen – allein mit jener fremden Stimme in meiner

Brust, in die er sich dann verwandelt hatte.

Ich schwieg, aber mein Herz rief inbrünstig: „Bleib nur, ich folge ja!“

Die Steine im Bach waren von einer scheußlichen Schlüpfrigkeit, es war

ermüdend und schwindelerregend, so zu gehen, Fuß für Fuß auf schmalem,

nassem Stein, der sich unter der Sohle klein machte und auswich. Dabei

begann der Bachpfad rasch zu steigen, und die finsteren Felsenwände

traten näher zusammen, sie schwollen mürrisch an, und jede ihrer Ecken

zeigte die tückische Absicht, uns einzuklemmen und für immer vom Rückweg

abzuschneiden. Über warzige gelbe Felsen rann zäh und schleimig eine

Haut von Wasser. Kein Himmel, nicht Wolke noch Blau mehr über uns.

Ich ging und ging, dem Führer nach, und schloß oft vor Angst und

Widerwillen die Augen. Da stand eine dunkle Blume am Weg, sammetschwarz

mit traurigem Blick. Sie war schön und sprach vertraut zu mir, aber der

Führer ging rascher, und ich fühlte: Wenn ich einen Augenblick

verweilte, wenn ich noch einen einzigen Blick in dies traurige

Sammetauge senkte, dann würde die Betrübtheit und hoffnungslose

Schwermut allzu schwer und würde unerträglich, und mein Geist würde

alsdann immer in diesen höhnischen Bezirk der Sinnlosigkeit und des

Wahns gebannt bleiben.

Naß und schmutzig kroch ich weiter, und als die feuchten Wände sich

näher über uns zusammenklemmten, da fing der Führer sein altes Trostlied

an zu singen. Mit seiner hellen, festen Jünglingsstimme sang er bei

jedem Schritt im Takt die Worte: „Ich will, ich will, ich will!“ Ich

wußte wohl, er wollte mich ermutigen und anspornen, er wollte mich über

die häßliche Mühsal und Trostlosigkeit dieser Höllenwanderung

hinwegtäuschen. Ich wußte, er wartete darauf, daß ich mit in seinen

Singsang einstimme. Aber dies wollte ich nicht, diesen Sieg wollte ich

ihm nicht gönnen. War mir denn zum Singen zumute? Und war ich nicht ein

Mensch, ein armer einfacher Kerl, der da wider sein Herz in Dinge und

Taten hineingezerrt wurde, die Gott nicht von ihm verlangen konnte?

Durfte nicht jede Nelke und jedes Vergißmeinnicht am Bach bleiben, wo es

war, und blühen und verwelken, wie es in seiner Art lag?

„Ich will, ich will, ich will,“ sang der Führer unentwegt. Oh, wenn ich

hätte umkehren können! Aber ich war, mit des Führers wunderbarer Hilfe,

längst über Wände und Abstürze geklettert, über die es keinen, keinen

Rückweg gab. Das Weinen würgte mich von innen, aber weinen durfte ich

nicht, dies am allerwenigsten. Und so stimmte ich trotzig und laut in

den Sang des Führers ein, im gleichen Takt und Ton, aber ich sang nicht

seine Worte mit, sondern immerzu: „Ich muß, ich muß, ich muß!“ Allein es

war nicht leicht, so im Steigen zu singen, ich verlor bald den Atem und

mußte keuchend schweigen. Er aber sang unermüdet fort: „Ich will, ich

will, ich will,“ und mit der Zeit bezwang er mich doch, daß auch ich

seine Worte mitsang. Nun ging das Steigen besser, und ich mußte nimmer,

sondern wollte in der Tat, und von einer Ermüdung durch das Singen war

nichts mehr zu spüren.

Da wurde es heller in mir, und wie es heller in mir wurde, wich auch der

glatte Fels zurück, ward trockener, ward gütiger, half oft dem

gleitenden Fuß, und über uns trat mehr und mehr der hellblaue Himmel

hervor, wie ein kleiner blauer Bach zwischen den Steinufern, und bald

wie ein blauer kleiner See, der wuchs und Breite gewann.

Ich versuchte es, stärker und inniger zu wollen, und der Himmelssee

wuchs weiter, und der Pfad wurde gangbarer, ja ich lief zuweilen eine

ganze Strecke leicht und beschwerdelos neben dem Führer her. Und

unerwartet sah ich den Gipfel nahe über uns, steil und gleißend in

durchglühter Sonnenluft.

Wenig unterhalb des Gipfels entkrochen wir dem engen Spalt, Sonne drang

in meine geblendeten Augen, und als ich sie wieder öffnete, zitterten

mir die Knie vor Beklemmung, denn ich sah mich frei und ohne Halt an den

steilen Grat gestellt, ringsum unendlichen Himmelsraum und blaue bange

Tiefe, nur der schmale Gipfel dünn wie eine Leiter vor uns ragend. Aber

es war wieder Himmel und Sonne da, und so stiegen wir auch die letzte

beklemmende Steile empor, Fuß vor Fuß mit zusammengepreßten Lippen und

gefalteten Stirnen. Und standen oben, schmal auf durchglühtem Stein, in

einer strengen, spöttisch dünnen Luft.

Das war ein sonderbarer Berg und ein sonderbarer Gipfel! Auf diesem

Gipfel, den wir über so unendliche nackte Steinwände erklommen hatten,

auf diesem Gipfel wuchs aus dem Steine ein Baum, ein kleiner,

gedrungener Baum mit einigen kurzen, kräftigen Ästen. Da stand er,

unausdenklich einsam und seltsam, hart und starr im Fels, das kühle

Himmelsblau zwischen seinen Ästen. Und zu oberst im Baume saß ein

schwarzer Vogel und sang ein rauhes Lied.

Stiller Traum einer kurzen Rast, hoch über der Welt: Sonne lohte, Fels

glühte, Baum starrte streng, Vogel sang rauh. Sein rauhes Lied hieß:

Ewigkeit, Ewigkeit! Der schwarze Vogel sang, und sein blankes hartes

Auge sah uns an wie ein schwarzer Kristall. Schwer zu ertragen war sein

Blick, schwer zu ertragen war sein Gesang, und furchtbar war vor allem

die Einsamkeit und Leere dieses Ortes, die schwindelnde Weite der öden

Himmelsräume. Sterben war unausdenkbare Wonne, Hierbleiben namenlose

Pein. Es mußte etwas geschehen, sofort, augenblicklich, sonst

versteinerten wir und die Welt vor Grauen. Ich fühlte das Geschehnis

drücken und glühend einherhauchen wie den Windstoß vor einem Gewitter.

Ich fühlte es mir über Leib und Seele flattern wie ein brennendes

Fieber. Es drohte, es kam, es war da.

– – Es schwang sich der Vogel jäh vom Ast, warf sich stürzend in den

Weltraum.

Es tat mein Führer einen Sprung und Sturz ins Blaue, fiel in den

zuckenden Himmel, flog davon.

Jetzt war die Welle des Schicksals auf der Höhe, jetzt riß sie mein Herz

davon, jetzt brach sie lautlos auseinander.

Und ich fiel schon, ich stürzte, sprang, ich flog; in kalte Luftwirbel

geschnürt schoß ich selig und vor Qual der Wonne zuckend durchs

Unendliche hinabwärts, an die Brust der Mutter.

Eine Traumfolge

Volkmar Andreä gewidmet

Mir schien, ich verweile schon eine Menge von unnützer dickflüssiger

Zeit in dem lauen Salon, durch dessen Nordfenster der falsche See mit

den unechten Fjorden blickte und wo nichts mich hielt und anzog als die

Gegenwart der schönen, verdächtigen Dame, die ich für eine Sünderin

hielt. Ihr Gesicht einmal richtig zu sehen, war mein unerfülltes

Verlangen. Ihr Gesicht schwebte undeutlich zwischen dunklen, offenen

Haaren und bestand einzig aus süßer Blässe, sonst war nichts vorhanden.

Vielleicht waren die Augen dunkelbraun, ich fühlte Gründe in mir, das zu

erwarten, aber dann paßten die Augen nicht zu dem Gesicht, das mein

Blick aus der unbestimmten Blässe zu lesen wünschte und dessen

Gestaltung ich bei mir in tiefen, unzugänglichen Erinnerungsschichten

ruhen wußte.

Endlich geschah etwas. Die beiden jungen Männer traten ein. Sie

begrüßten die Dame mit sehr guten Formen und wurden mir vorgestellt.

Affen, dachte ich und zürnte mir selber, weil des einen rotbrauner Rock

mit seinem hübsch koketten Sitz und Schnitt mich beschämte und neidisch

machte. Scheußliches Gefühl des Neides gegen die Tadellosen,

Ungenierten, Lächelnden! „Beherrsche dich!“ rief ich mir leise zu. Die

beiden jungen Leute griffen gleichgültig nach meiner dargereichten Hand

– warum hatte ich sie hingeboten?! – und machten spöttische Gesichter.

Da spürte ich, daß etwas an mir nicht in Ordnung sei, und fühlte lästige

Kälte an mir aufsteigen. Hinunterblickend sah ich mit Erbleichen, daß

ich ohne Schuhe in bloßen Strümpfen stand. Immer wieder diese öden,

kläglichen, dürftigen Hindernisse und Widerstände! Andern passierte es

nie, daß sie nackt oder halbnackt in Salons vor dem Volk der Tadellosen

und Unerbittlichen standen! Traurig suchte ich den linken Fuß wenigstens

mit dem rechten zu decken, dabei fiel mein Blick durchs Fenster, und ich

sah die steilen Seeufer blau und wild in falschen düsteren Tönen drohen,

sie wollten dämonisch sein. Betrübt und hilfsbedürftig blickte ich die

Fremden an, voll Haß gegen diese Leute und voll von größerem Haß gegen

mich – es war nichts mit mir, es glückte mir nichts. Und warum fühlte

ich mich für den dummen See verantwortlich? Ja, wenn ich es fühlte, dann

war ich’s auch. Flehentlich sah ich dem Rotbraunen ins Gesicht, seine

Wangen glänzten gesund und zart gepflegt, und wußte doch so gut, daß ich

mich unnütz preisgebe, daß er nicht zu rühren sei.

Eben jetzt bemerkte er meine Füße in den groben dunkelgrünen Strümpfen –

ach, ich mußte noch froh sein, daß sie ohne Löcher waren – und lächelte

häßlich. Er stieß seinen Kameraden an und zeigte auf meine Füße. Auch

der andre grinste voller Spott.

„Sehen Sie doch den See!“ rief ich und deutete durchs Fenster.

Der Rotbraune zuckte die Achseln, es fiel ihm nicht ein, sich nur gegen

das Fenster zu wenden, und sagte zum andern etwas, das ich nur halb

verstand, das aber auf mich gemünzt war und von Kerlen in Strümpfen

handelte, die man in einem solchen Salon gar nicht dulden sollte. Dabei

war „Salon“ für mich wieder so etwas wie in Bubenjahren, mit einem etwas

schönen und etwas falschen Klang von Vornehmheit und Welt.

Nahe am Weinen bückte ich mich zu meinen Füßen hinab, ob da etwas zu

bessern sei, und sah jetzt, daß ich aus weiten Hausschuhen geglitten

war; wenigstens lag ein sehr großer, weicher, dunkelroter Pantoffel

hinter mir am Boden. Ich nahm ihn unschlüssig in die Hand, beim Absatz

packend, noch ganz weinerlich. Er entglitt mir, ich erwischte ihn noch

im Fallen – er war inzwischen noch größer geworden – und hielt ihn nun

am vorderen Ende.

Dabei fühlte ich plötzlich, innig erlöst, den tiefen Wert des

Pantoffels, der in meiner Hand ein wenig federte, vom schweren Absatz

hinabgezogen. Herrlich, so ein roter schlapper Schuh, so weich und

schwer! Versuchsweise schwang ich ihn ein wenig durch die Luft, es war

köstlich und durchfloß mich mit Wonnen bis in die Haare. Eine Keule, ein

Gummischlauch war nichts gegen meinen großen Schuh. Calziglione nannte

ich ihn auf italienisch.

Als ich dem Rotbraunen einen ersten spielerischen Schlag mit dem

Calziglione an den Kopf gab, sank der junge Tadellose schon taumelnd auf

den Divan, und die andern und das Zimmer und der schreckliche See

verloren alle Macht über mich. Ich war groß und stark, ich war frei, und

beim zweiten Schlag auf den Kopf des Rotbraunen war schon nichts mehr

von Kampf, nichts mehr von schäbiger Notwehr in meinem Zuhauen, sondern

lauter Jauchzen und befreite Herrenlaune. Auch haßte ich den erlegten

Feind nicht im mindesten mehr, er war mir interessant, er war mir

wertvoll und lieb, ich war ja sein Herr und sein Schöpfer. Denn jeder

gute Schlag mit meiner welschen Schuhkeule formte diesen unreifen und

affigen Kopf, schmiedete ihn, baute ihn, dichtete ihn, mit jedem

formenden Hieb ward er angenehmer, wurde hübscher, feiner, wurde mein

Geschöpf und Werk, das mich befriedigte und das ich liebte. Mit einem

letzten zärtlichen Schmiedehieb trieb ich ihm den spitzen Hinterkopf

gerade hinlänglich nach innen. Er war vollendet. Er dankte mir und

streichelte mir die Hand. „Schon gut,“ winkte ich. Er kreuzte die Hände

vor der Brust und sagte schüchtern: „Ich heiße Paul.“

Wundervoll machtfrohe Gefühle dehnten meine Brust und dehnten den Raum

von mir hinweg, das Zimmer – nichts mehr von „Salon“! – wich beschämt

davon und verkroch sich nichtig; ich stand am See. Der See war

schwarzblau, Stahlwolken drückten auf die finsteren Berge, in den

Fjorden kochte dunkles Wasser schaumig auf, Föhnstöße irrten zwanghaft

und ängstlich in Kreisen. Ich blickte empor und reckte die Hand aus zum

Zeichen, daß der Sturm beginnen möge. Ein Blitz knallte hell und kalt

aus der harten Bläue, senkrecht herab heulte ein warmer Orkan, am Himmel

schoß graues Formengetümmel zerfließend in Marmoradern auseinander.

Große runde Wogen stiegen angstvoll aus dem gepeitschten See, von ihren

Rücken riß der Sturm Schaumbärte und klatschende Wasserfetzen und warf

sie mir ins Gesicht. Die schwarz erstarrten Berge rissen Augen voll

Entsetzen auf. Ihr Aneinanderkauern und Schweigen klang flehentlich.

In dem prachtvoll auf Gespenster-Riesenpferden jagenden Sturm klang

neben mir eine schüchterne Stimme. Oh, ich hatte dich nicht vergessen,

bleiche Frau im langschwarzen Haar. Ich neigte mich zu ihr, sie sprach

kindlich – der See komme, man könne hier nicht sein. Noch schaute ich

gerührt auf die sanfte Sünderin, ihr Gesicht war nichts als stille

Blässe in breiter Haardämmerung, da schlug schon klatschendes Gewoge an

meine Knie und schon an meine Brust, und die Sünderin schwankte wehrlos

und still auf steigenden Wellen. Ich lachte ein wenig, legte den Arm um

ihre Knie und hob sie zu mir empor. Auch dies war schön und befreiend,

die Frau war seltsam leicht und klein, voll frischer Wärme und die Augen

herzlich, vertrauensvoll und erschrocken, und ich sah, sie war gar keine

Sünderin und keine ferne unklare Dame. Keine Sünden, kein Geheimnis; sie

war einfach ein Kind.

Aus den Wellen trug ich sie über Felsen und durch den regenfinsteren,

königlich trauernden Park, wohin der Sturm nicht reichte und wo aus

gesenkten Kronen alter Bäume lauter sanftmenschliche Schönheit sprach,

lauter Gedichte und Symphonien, Welt der holden Ahnungen und lieblich

gezähmten Genüsse, gemalte liebenswerte Bäume von Corot und

ländlich-holde Holzbläsermusik von Schubert, die mich mit flüchtig

aufzuckendem Heimweh mild in ihre geliebten Tempel lockte. Doch umsonst,

viel Stimmen hat die Welt, und für alles hat die Seele ihre Stunden und

Augenblicke.

Weiß Gott, wie die Sünderin, die bleiche Frau, das Kind, ihren Abschied

nahm und mir verlorenging. Es war eine Vortreppe aus Stein, es war ein

Haustor, Dienerschaft war da, alles schwächlich und milchig wie hinter

trübem Glase, und andres, noch wesenloser, noch trüber, Gestalten

windhaft hingeweht, ein Ton von Tadel und Vorwurf gegen mich verleidete

mir das Schattengestöber. Nichts blieb von ihm zurück als die Figur

Paul, mein Freund und Sohn Paul, und in seinen Zügen zeigte und verbarg

sich ein nicht mit Namen zu nennendes, dennoch unendlich wohlbekanntes

Gesicht, ein Schulkameradengesicht, ein vorgeschichtlich sagenhaftes

Kindermagdgesicht, genährt aus den guten, nahrhaften Halberinnerungen

fabelhafter erster Jahre.

Gutes, inniges Dunkel, warme Seelenwiege und verlorne Heimat tut sich

auf, Zeit des ungestalteten Daseins, unentschlossene erste Wallung überm

Quellgrund, unter dem die Ahnenvorzeit mit den Urwaldträumen schläft.

Taste nur, Seele, irre nur, wühle blind im satten Bad schuldloser

Dämmertriebe! Ich kenne dich, bange Seele, nichts ist dir notwendiger,

nichts ist so sehr Speise, so sehr Trank und Schlaf für dich wie die

Heimkehr zu deinen Anfängen. Da rauscht Welle um dich, und du bist

Welle, Wald, und du bist Wald, es ist kein Außen und Innen mehr, du

fliegst Vogel in Lüften, schwimmst Fisch im Meer, saugst Licht und bist

Licht, kostest Dunkel und bist Dunkel. Wir wandern, Seele, wir schwimmen

und fliegen und lächeln und knüpfen mit zarten Geistfingern die

zerrissenen Fäden wieder an, tönen selig die zerstörten Schwingungen

wieder aus. Wir suchen Gott nicht mehr. Wir sind Gott. Wir sind die

Welt. Wir töten und sterben mit, wir schaffen und auferstehen mit unsern

Träumen. Unser schönster Traum, der ist der blaue Himmel, unser

schönster Traum, der ist das Meer, unser schönster Traum, der ist die

sternhelle Nacht, und ist der Fisch, und ist der helle frohe Schall, und

ist das helle frohe Licht – alles ist unser Traum, jedes ist unser

schönster Traum. Eben sind wir gestorben und zu Erde geworden. Eben

haben wir das Lachen erfunden. Eben haben wir ein Sternbild geordnet.

Stimmen tönen, und jede ist die Stimme der Mutter. Bäume rauschen, und

jeder hat über unsrer Wiege gerauscht. Straßen laufen in Sternform

auseinander, und jede Straße ist der Heimweg.

Der, der sich Paul nannte, mein Geschöpf und mein Freund, war wieder da

und war so alt wie ich geworden. Er glich einem Jugendfreunde, doch

wußt’ ich nicht welchem, und ich war darum gegen ihn etwas unsicher und

zeigte einige Höflichkeit. Daraus zog er Macht. Die Welt gehorchte nicht

mehr mir, sie gehorchte ihm, darum war alles vorige verschwunden und in

demütiger Unwahrscheinlichkeit untergegangen, beschämt durch ihn, der

nun regierte.

Wir waren auf einem Platz, der Ort hieß Paris, und vor mir stand ein

eiserner Balken in die Höhe, der war eine Leiter und hatte zu beiden

Seiten schmale eiserne Sprossen, an denen konnte man sich mit den Händen

halten und mit den Füßen auf sie treten. Da Paul es wollte, kletterte

ich hinan und er daneben auf einer ebensolchen Leiter. Als wir so hoch

geklettert waren wie ein Haus und wie ein sehr hoher Baum, begann ich

Bangigkeit zu fühlen. Ich sah zu Paul hinüber, der fühlte keine

Bangigkeit, aber er erriet die meine und lächelte.

Einen Atemzug lang, während er lächelte und ich ihn ansah, war ich ganz

nahe daran, sein Gesicht zu erkennen und seinen Namen zu wissen, eine

Kluft von Vergangenheit riß auf und spaltete sich bis zur Schülerzeit

hinab, zurück bis da, wo ich zwölfjährig war, herrlichste Zeit des

Lebens, alles voll Duft, alles genial, alles mit einem eßbaren Duft von

frischem Brot und mit einem berauschenden Schimmer von Abenteuer und

Heldentum vergoldet – zwölfjährig war Jesus, als er im Tempel die

Gelehrten beschämte, mit zwölf Jahren haben wir alle unsre Gelehrten und

Lehrer beschämt, waren klüger als sie, genialer als sie, tapferer als

sie. Anklänge und Bilder stürmten in Knäueln auf mich ein: vergessene

Schulhefte, Arrest in der Mittagstunde, ein mit der Schleuder getöteter

Vogel, eine Rocktasche klebrig voll gestohlener Pflaumen, wildes

Bubengeplätscher im Schwimmbad, zerrissene Sonntagshosen und innig

schlechtes Gewissen, heißes Abendgebet um irdische Sorgen, wunderbar

heldische Prachtgefühle bei einem Vers von Schiller. – –

Es war nur ein Sekundenblitz, gierig hastende Bilderfolge ohne

Mittelpunkt, im nächsten Augenblick sah Pauls Gesicht mich wieder an,

quälend halbbekannt. Ich war meines Alters nicht mehr sicher, möglich,

daß wir Knaben waren. Tiefer und tiefer unter unsern dünnen

Leitersprossen lag die Straßenmasse, welche Paris hieß. Als wir höher

waren als jeder Turm, gingen unsre Eisenstangen zu Ende und zeigten sich

jede mit einem wagerechten Brett gekrönt, einer winzig kleinen

Plattform. Es schien unmöglich, sie zu erklimmen. Aber Paul tat es

gelassen, und ich mußte auch.

Oben legte ich mich flach aufs Brett und sah über den Rand hinunter, wie

von einer kleinen hohen Wolke. Mein Blick fiel wie ein Stein ins Leere

hinab und kam an kein Ziel, da machte mein Kamerad eine deutende

Gebärde, und ich blieb an einem wunderlichen Anblick haften, der mitten

in den Lüften schwebte. Da sah ich, über einer breiten Straße in der

Höhe der höchsten Dächer, aber noch unendlich tief unter uns, eine

fremdartige Gesellschaft in der Luft, es schienen Seiltänzer zu sein,

und wirklich lief eine der Figuren auf einem Seil oder einer Stange

dahin. Dann entdeckte ich, daß es sehr viele waren und fast lauter junge

Mädchen, und sie schienen mir Zigeuner oder wanderndes Volk zu sein. Sie

gingen, lagerten, saßen, bewegten sich in Dachhöhe auf einem luftigen

Gerüste aus dünnsten Latten und laubenähnlichem Gestänge, sie wohnten

dort und waren heimisch in dieser Region. Unter ihnen war die Straße zu

ahnen, ein feiner schwebender Nebel reichte von unten her bis nahe an

ihre Füße.

Märchen · 第 4 / 8 段