Da senkte sich der große Vogel lautlos auf den Boden nieder, breitete

seine Flügel lautlos auseinander und befahl dem Jüngling, sein Pferd

hier zurückzulassen und mit ihm zum König zu fahren.

Der Königsbote setzte sich und ritt auf dem Vogel. „Schließe die Augen!“

befahl der Vogel, und er tat es, und sie flogen durch die Finsternis des

Himmels lautlos und weich wie Eulenflug, nur die kalte Luft brauste an

des Boten Ohren. Und sie flogen und flogen die ganze Nacht.

Als es früh am Morgen war, da hielten sie still, und der Vogel rief: „Tu

deine Augen auf!“ Und der Jüngling tat seine Augen auf. Da sah er, daß

er am Rande eines Waldes stand, und unter ihm in der ersten Morgenhelle

die glänzende Ebene, daß ihr Licht ihn blendete.

„Hier am Walde findest du mich wieder,“ rief der Vogel. Er schoß in die

Höhe wie ein Pfeil und war alsbald im Blauen verschwunden.

* * * * *

Seltsam war es dem jungen Boten, als er vom Walde in die weite Ebene

hineinwanderte. Alles rings um ihn her war so verändert und verwandelt,

daß er nicht wußte, ob er wach oder im Traume sei. Wiesen und Bäume

standen ähnlich wie daheim, und Sonne schien, und Wind spielte in

blühenden Gräsern, aber nicht Mensch noch Tier, nicht Haus noch Garten

war zu sehen, sondern es schien hier gerade wie in des Jünglings Heimat

ein Erdbeben gewütet zu haben; denn Trümmer von Gebäuden, zerbrochene

Äste und umgerissene Bäume, zerstörte Zäune und verlorene Werkzeuge der

Arbeit lagen am Boden verstreut, und plötzlich sah er da, mitten im

Felde, einen toten Menschen liegen, der war nicht bestattet worden und

lag grauenhaft in halber Verwesung. Der Jüngling fühlte bei diesem

Anblick ein tiefes Grauen und einen Hauch von Ekel in sich aufsteigen,

denn nie hatte er so etwas gesehen. Dem Toten war nicht einmal das

Gesicht bedeckt, es schien von den Vögeln und von der Fäulnis schon halb

zerstört, und der Jüngling brach mit abgewandten Blicken grüne Blätter

und einige Blumen und deckte damit das Antlitz des Toten zu.

Ein namenlos scheußlicher und herzbeklemmender Geruch lag lau und zäh

über der ganzen Ebene. Wieder lag ein Toter im Grase, von Rabenflug

umkreist, und ein Pferd ohne Kopf, und Knochen von Menschen oder Tieren,

und alle lagen verlassen in der Sonne, niemand schien an Blumenfest und

Bestattung zu denken. Der Jüngling fürchtete, es möchte am Ende ein

unausdenkliches Unglück alle und jeden Menschen in diesem Lande getötet

haben, und es waren der Toten so manche, daß er aufhören mußte, ihnen

Blumen zu brechen und das Gesicht zu bedecken. Ängstlich, mit halb

geschlossenen Augen wanderte er weiter, und von allen Seiten strömte

Aasgestank und Blutgeruch, und von tausend Trümmerstätten und

Leichenstätten her flutete eine immer mächtigere Woge von unsäglichem

Jammer und Leid. Der Bote meinte in einem argen Traume befangen zu sein

und fühlte darin eine Mahnung der Himmlischen, weil seine Toten noch

ohne Blumenfest und ohne Begräbnis waren. Da kam ihm wieder in den Sinn,

was heute nacht der dunkle Vogel auf dem Dach des Tempels gesprochen

hatte, und er meinte wieder seine scharfe Stimme zu hören, wie er sagte:

„Es gibt viel Schlimmeres.“

Nun erkannte er, daß der Vogel ihn auf einen andern Stern gebracht habe

und daß alles das, was seine Augen sahen, Wirklichkeit und Wahrheit sei.

Er erinnerte sich an das Gefühl, mit dem er einigemal als Knabe

schaurige Märchen aus der Urzeit hatte erzählen hören. Dieses nämliche

Gefühl empfand er jetzt wieder: ein fröstelndes Grausen, und hinter dem

Grausen einen stillen frohen Trost im Herzen, denn dies alles war ja

unendlich fern und lang vergangen. Alles war hier wie ein Gruselmärchen,

diese ganze seltsame Welt der Greuel und Leichen und Aasvögel schien

ohne Sinn und ohne Zucht unverständlichen Regeln untertan, tollen

Regeln, nach welchen immer das Schlechte, das Törichte, das Häßliche

geschah statt des Schönen und Guten.

Indessen sah er nun einen lebendigen Menschen über das Feld gehen, einen

Bauern oder Knecht, und er lief schnell zu ihm hinüber und rief ihn an.

Als er ihn in der Nähe sah, erschrak der Jüngling, und sein Herz wurde

von Mitleid überfallen, denn dieser Bauer sah furchtbar häßlich und kaum

mehr wie ein Kind der Sonne aus. Er sah aus wie ein Mensch, der daran

gewöhnt wäre, nur an sich selbst zu denken, der daran gewöhnt wäre, daß

überall stets das Falsche, das Häßliche und Schlimme geschah, wie ein

Mensch, der immerfort in grauenvollen Angstträumen lebte. In seinen

Augen und in seinem ganzen Gesicht und Wesen war nichts von Heiterkeit

oder Güte, nichts von Dankbarkeit und Vertrauen, jede einfachste und

selbstverständliche Tugend schien diesem Unglücklichen zu mangeln.

Aber der Jüngling nahm sich zusammen, er näherte sich dem Menschen mit

großer Freundlichkeit, als einem vom Unglück Gezeichneten, grüßte ihn

brüderlich und redete ihn mit Lächeln an. Der Häßliche stand wie

erstarrt und blickte verwundert aus großen, trüben Augen. Seine Stimme

war roh und ohne Musik wie das Gebrüll niederer Wesen; aber es war ihm

doch nicht möglich, der Heiterkeit und dem demütigen Vertrauen in des

Jünglings Blick zu widerstehen. Und als er eine Weile auf den Fremdling

gestarrt hatte, brach aus seinem zerklüfteten und rohen Gesicht eine Art

von Lächeln oder Grinsen – häßlich genug, aber sanft und erstaunt, wie

das erste kleine Lächeln einer wiedergeborenen Seele, die soeben aus dem

untersten Bezirk der Erde gekommen wäre.

„Was willst du von mir?“ fragte der Mensch den fremden Jüngling.

Nach der heimatlichen Sitte gab der Jüngling Antwort: „Ich danke dir,

Freund, und ich bitte dich, mir zu sagen, ob ich dir einen Dienst

erweisen kann.“

Als der Bauer schwieg und staunte und verlegen lächelte, fragte ihn der

Bote: „Sag’ mir, Freund, was ist das hier, dieses Entsetzliche und

Furchtbare?“ und wies mit der Hand ringsum.

Der Bauer bemühte sich, ihn zu verstehen, und als der Bote seine Frage

wiederholt hatte, sagte er: „Hast du das nie gesehen? Das ist der Krieg.

Das ist ein Schlachtfeld.“ Er zeigte auf einen schwarzen Trümmerhaufen

und rief: „Das da war mein Haus,“ und als der Fremde ihm voll herzlicher

Teilnahme in die unreinen Augen blickte, schlug er sie nieder und sah zu

Boden.

„Habt ihr keinen König?“ fragte nun der Jüngling weiter, und als der

Bauer bejahte, fragte er: „Wo ist er denn?“ Der Mensch wies mit der Hand

hinüber, wo ganz in der Weite ein Zeltlager klein und fern zu sehen war.

Da nahm der Bote Abschied, indem er seine Hand auf des Menschen Stirn

legte, und ging weiter. Der Bauer aber befühlte seine Stirn mit beiden

Händen, schüttelte bekümmert den schweren Kopf und stand noch lange Zeit

und starrte dem Fremden nach.

Der lief und lief über Schutt und Greuel hinweg, bis er an dem Zeltlager

angekommen war. Da standen und liefen bewaffnete Männer überall, niemand

wollte ihn sehen, und er ging zwischen den Menschen und Zelten hindurch,

bis er das größte und schönste Zelt des Lagers fand, welches das Zelt

des Königs war. Da ging er hinein.

Im Zelte saß auf einem einfachen niedern Lager der König, sein Mantel

lag neben ihm, und hinten im tieferen Schatten hockte ein Diener, der

war eingeschlafen. Der König saß gebeugt in tiefen Gedanken. Sein

Gesicht war schön und traurig, ein Büschel grauen Haares hing über seine

gebräunte Stirn, sein Schwert lag vor ihm am Boden.

Der Jüngling grüßte stumm in tiefer Ehrerbietung, wie er seinen eignen

König begrüßt hätte, und er blieb wartend mit auf der Brust gekreuzten

Armen stehen, bis der König ihn erblickte.

„Wer bist du?“ fragte er streng und zog die dunklen Brauen zusammen,

aber sein Blick blieb an den reinen und heitern Zügen des Fremden

hängen, und der Jüngling blickte ihn so vertrauensvoll und freundlich

an, daß des Königs Stimme milder wurde.

„Ich habe dich schon einmal gesehen,“ sagte er nachsinnend, „oder du

gleichst jemand, den ich in meiner Kindheit kannte.“

„Ich bin ein Fremder,“ sagte der Bote.

„Dann ist es ein Traum gewesen,“ sagte leise der König. „Du erinnerst

mich an meine Mutter. Sprich zu mir. Erzähle mir.“

Der Jüngling begann: „Ein Vogel hat mich hergebracht. In meinem Lande

war ein Erdbeben, da wollten wir unsre Toten bestatten, und keine Blumen

waren da.“

„Keine Blumen?“ sagte der König.

„Nein, gar keine Blumen mehr. Und nicht wahr, es ist doch schlimm, wenn

man einen Toten bestatten soll und kann ihm kein Blumenfest feiern; denn

er soll doch in Pracht und Freuden zu seiner Verwandlung eingehen.“

Da fiel dem Boten plötzlich ein, wie viele noch nicht bestattete Tote

draußen auf dem schrecklichen Felde lagen, und er hielt inne, und der

König sah ihn an und nickte und seufzte schwer.

„Ich wollte zu unserm König gehen und ihn um viele Blumen bitten,“ fuhr

der Bote fort, „aber als ich im Tempel auf dem Gebirge war, da kam der

große Vogel und sagte, er wolle mich zum König bringen, und er brachte

mich durch die Lüfte zu dir. O lieber König, es war der Tempel einer

unbekannten Gottheit, auf dessen Dach der Vogel saß, und ein höchst

seltsames Sinnbild hatte dieser Gott auf seinem Steine stehen: ein Herz,

und an dem Herzen fraß ein wilder Vogel. Mit jenem großen Vogel aber

hatte ich in der Nacht ein Gespräch, und erst jetzt kann ich seine Worte

verstehen, denn er sagte, es gebe viel, viel mehr Leid und Schlimmes in

der Welt, als ich wüßte. Und nun bin ich hier und bin über das große

Feld her gekommen und habe in diesen Stunden unendliches Leid und

Unglück gesehen, ach, viel mehr, als in unseren grausigsten Märchen

steht. Da bin ich zu dir gekommen, o König, und ich möchte dich fragen,

ob ich dir irgendeinen Dienst erweisen kann.“

Der König, welcher aufmerksam zugehört hatte, versuchte zu lächeln, aber

sein schönes Gesicht war so ernst und so bitter traurig, daß er nicht

lächeln konnte.

„Ich danke dir,“ sagte er, „du kannst mir keinen Dienst erweisen. Du

hast mich an meine Mutter erinnert, dafür danke ich dir.“

Der Jüngling war betrübt darüber, daß der König nicht lächeln konnte.

„Du bist so traurig,“ sagte er zu ihm, „ist das wegen dieses Krieges?“

„Ja,“ sagte der König.

Der Jüngling konnte sich nicht enthalten, diesem tief bedrückten und

doch, wie er spürte, edlen Menschen gegenüber eine Regel der Höflichkeit

zu verletzen, indem er ihn fragte: „Aber sage mir, ich bitte darum,

warum ihr denn auf eurem Sterne solche Kriege führt? Wer hat denn schuld

daran? Hast du selbst eine Schuld daran?“

Der König starrte lange auf den Boten, er schien über die Dreistigkeit

seiner Frage unwillig. Doch vermochte er nicht, seinen finstern Blick

lange in dem hellen und arglosen Blick des Fremden zu spiegeln.

„Du bist ein Kind,“ sagte der König, „und das sind Dinge, die du nicht

verstehen könntest. Der Krieg ist niemandes Schuld, er kommt von selber

wie Sturm und Blitz, und wir alle, die ihn kämpfen müssen, wir sind

nicht seine Anstifter, wir sind nur seine Opfer.“

„Dann sterbet ihr wohl sehr leicht?“ fragte der Jüngling. „Bei uns in

meiner Heimat ist zwar der Tod nicht eben sehr gefürchtet, und die

meisten gehen willig und viele gehen freudig zur Verwandlung ein; doch

würde niemals ein Mensch es wagen, einen andern zu töten. Auf eurem

Stern muß das anders sein.“

Der König schüttelte den Kopf. „Bei uns wird zwar nicht selten getötet,“

sagte er, „doch sehen wir das als das schwerste Verbrechen an. Einzig im

Kriege ist es erlaubt, weil im Kriege keiner aus Haß oder Neid zum

eignen Vorteil tötet, sondern alle nur das tun, was die Gemeinschaft von

ihnen verlangt. Aber es ist ein Irrtum, wenn du glaubst, wir stürben

leicht. Wenn du in die Gesichter unsrer Toten schaust, kannst du es

sehen. Sie sterben schwer, sie sterben schwer und widerwillig.“

Der Jüngling hörte dies alles an und erstaunte über die Traurigkeit und

Schwere des Lebens, das auf diesem Stern die Menschen zu führen

schienen. Viele Fragen hätte er noch stellen mögen, aber er fühlte

deutlich voraus, daß er den ganzen Zusammenhang dieser dunklen und

schrecklichen Dinge nie begreifen würde, ja er fühlte in sich auch nicht

den vollen Willen, sie zu verstehen. Entweder waren diese

Beklagenswerten Wesen einer niedern Ordnung, waren noch ohne die lichten

Götter und wurden von Dämonen regiert, oder aber, es war auf diesem

Sterne ein eignes Mißgeschick, ein Fehler und Irrtum waltend. Und es

schien ihm allzu peinlich und grausam, diesen König weiter auszufragen

und ihn zu Antworten und Bekenntnissen zu nötigen, deren jedes nur

bitter und demütigend sein konnte. Diese Menschen, welche in dunkler

Bangigkeit vor dem Tode lebten und dennoch einander in Menge erschlugen,

diese Menschen, deren Gesichter einer so würdelosen Roheit fähig waren

wie das des Bauern und einer so tiefen und furchtbaren Trauer wie das

des Königs, sie taten ihm leid und schienen ihm doch sonderbar und

beinahe lächerlich, auf eine betrübende und beschämende Art lächerlich

und töricht.

Aber eine Frage konnte er dennoch nicht unterdrücken. Wenn diese armen

Wesen hier Zurückgebliebene waren, verspätete Kinder, Söhne eines späten

friedlosen Sternes, wenn das Leben dieser Menschen so als ein zuckender

Krampf verlief und in verzweifelten Totschlägen endete, wenn sie ihre

Toten auf den Feldern liegen ließen, ja sie vielleicht auffraßen – denn

auch davon war in einigen jener Schreckensmärchen aus der Vorzeit die

Rede –, so mußte doch immerhin eine Ahnung der Zukunft, ein Traum von

den Göttern, etwas wie ein Keim von Seele in ihnen vorhanden sein. Sonst

wäre diese ganze unschöne Welt ja nur ein Irrtum und ohne Sinn gewesen.

„Verzeihe, König,“ sagte der Jüngling mit schmeichelnder Stimme,

„verzeihe, wenn ich noch eine Frage an dich richte, ehe ich dein

merkwürdiges Land wieder verlasse.“

„Frage nur!“ lud der König ein, dem es mit diesem Fremden sonderbar

erging; denn er erschien ihm in vielen Dingen wie ein feiner, reifer und

unübersehbar geweiteter Geist, in andern aber wie ein kleines Kind, das

man schonen muß und nicht ganz ernst nimmt.

„Du fremder König,“ war nun des Boten Rede, „du hast mich traurig

gemacht. Sieh, ich komme aus einem andern Lande, und der große Vogel auf

dem Dache des Tempels hat recht gehabt: es gibt hier bei euch unendlich

viel mehr Jammer, als ich mir hätte erdenken können. Ein Traum der Angst

scheint euer Leben zu sein, und ich weiß nicht, ob ihr von Göttern oder

Dämonen regiert werdet. Sieh, König, bei uns ist eine Sage, und ich habe

sie früher für Märchenwust und leeren Rauch gehalten, es ist eine Sage,

daß einstmals auch bei uns solche Dinge bekannt gewesen seien wie Krieg

und Mord und Verzweiflung. Diese schaudervollen Worte, welche unsre

Sprache seit langem nicht mehr kennt, lesen wir in den alten

Märchenbüchern, und sie klingen uns grausig und auch ein wenig

lächerlich. Heute habe ich gelernt, daß dies alles Wirklichkeit ist, und

ich sehe dich und die Deinigen das tun und erleiden, was ich nur aus den

schrecklichen Sagen der Vorzeit gekannt hatte. Aber nun sage mir: Habt

ihr nicht in eurer Seele eine Ahnung, daß ihr nicht das Richtige tuet?

Habt ihr nicht eine Sehnsucht nach hellen, heitern Göttern, nach

verständigen und fröhlichen Führern und Lenkern? Träumet ihr niemals im

Schlaf von einem andern und schönern Leben, wo keiner will, was nicht

alle wollen, wo Vernunft und Ordnung herrscht, wo die Menschen einander

nicht anders begegnen als mit Heiterkeit und Schonung? Habt ihr niemals

den Gedanken gedacht, es möchte die Welt ein Ganzes sein, und es möchte

beglückend und heilend sein, das Ganze ahnend zu verehren und ihm in

Liebe zu dienen? Wißt ihr nichts von dem, was wir bei uns Musik nennen,

und Gottesdienst und Seligkeit?“

Der König hatte beim Anhören dieser Worte sein Haupt gesenkt. Als er es

nun erhob, da war sein Gesicht verwandelt und mit einem Schimmer von

Lächeln umglänzt, obwohl ihm Tränen in den Augen standen.

„Schöner Knabe,“ sagte der König, „ich weiß nicht recht, ob du ein Kind

oder ein Weiser oder vielleicht eine Gottheit bist. Aber ich kann dir

Antwort geben, daß wir das alles kennen und in der Seele tragen, wovon

du sprachest. Wir ahnen Glück, wir ahnen Freiheit, wir ahnen Götter. Wir

haben eine Sage von einem Weisen der Vorzeit, er habe die Einheit der

Welt als einen harmonischen Zusammenklang der Himmelsräume vernommen.

Genügt dir dies? Sieh, vielleicht bist du ein Seliger aus dem Jenseits,

aber du magst Gott selber sein, so ist doch in deinem Herzen kein Glück,

keine Macht, kein Wille, davon nicht eine Ahnung und ein Widerschein und

ferner Schatten auch in unsern Herzen lebte.“

Und plötzlich richtete er sich in die Höhe, und der Jüngling stand

überrascht, denn einen Augenblick war des Königs Gesicht in ein helles,

schattenloses Lächeln getaucht wie in Morgenschein.

„Geh nun,“ rief er dem Boten zu, „geh und laß uns kriegen und morden! Du

hast mir das Herz weich gemacht, du hast mich an meine Mutter erinnert.

Genug, genug davon, du lieber hübscher Knabe. Geh nun und fliehe, ehe

die neue Schlacht beginnt! Ich werde an dich denken, wenn das Blut

fließt und die Städte brennen, und ich werde daran denken, daß die Welt

ein Ganzes ist, davon unsre Torheit und unser Zorn und unsre Wildheit

uns doch nicht abtrennen kann. Leb’ wohl, und grüße mir deinen Stern,

und grüße mir jene Gottheit, deren Sinnbild ein Herz ist, daran der

Vogel frißt! Ich kenne dies Herz und kenne den Vogel wohl. Und merke

dir, mein hübscher Freund aus der Ferne: Wenn du an deinen Freund, an

den armen König im Kriege denkst, so denke nicht an ihn, wie er auf dem

Lager saß und in Trauer versunken war, sondern denke an ihn, wie er mit

den Tränen im Auge und mit dem Blut an den Händen gelächelt hat!“

Der König hob das Zelttuch, ohne den Diener zu wecken, mit eigener Hand

und ließ den Fremden hinaustreten. In neuen Gedanken schritt der

Jüngling über die Ebene zurück und sah im Abendschein am Rande des

Himmels eine große Stadt in Flammen stehen und stieg über tote Menschen

und zerfallende Leichen von Pferden hinweg, bis es dunkel ward und er

den Rand des Waldgebirges erreichte.

Da senkte sich auch schon der große Vogel aus den Wolken herab, er nahm

ihn auf seine Flügel, und sie flogen durch die Nacht zurück, lautlos und

weich wie Eulenflug.

Als der Jüngling aus einem unruhigen Schlaf erwachte, lag er in dem

kleinen Tempel im Gebirge, und vor dem Tempel stand im feuchten Grase

sein Pferd und wieherte dem Tag entgegen. Von dem großen Vogel aber und

von seiner Reise nach einem fremden Stern, von dem König und von dem

Schlachtfeld wußte er nichts mehr. Es war nur ein Schatten in seiner

Seele geblieben, ein kleiner verborgener Schmerz wie ein feiner Dorn, so

wie hilfloses Mitleid schmerzt, und ein kleiner, unbefriedigter Wunsch,

wie er in Träumen uns quälen kann, bis wir endlich dem begegnen, dem

Liebe zu erzeigen, dessen Freude zu teilen, dessen Lächeln zu sehen

unser heimliches Verlangen war.

Der Bote stieg zu Pferde und ritt den ganzen Tag und kam in die

Hauptstadt zu seinem Könige, und es zeigte sich, daß er der rechte Bote

gewesen war. Denn der König empfing ihn mit dem Gruß der Gnade, indem er

seine Stirn berührte und ihm zurief: „Deine Augen haben zu meinem Herzen

gesprochen, und mein Herz hat ja gesagt. Deine Bitte hat sich erfüllt,

noch ehe ich sie angehört habe.“

Alsbald erhielt der Bote einen Freibrief des Königs, daß ihm alle Blumen

des ganzen Landes, deren er bedürfte, zu Gebote ständen, und Begleiter

und Boten und Diener zogen mit, und Pferde und Wagen schlossen sich

ihnen an, und als er, das Gebirge umgehend, nach wenigen Tagen auf der

ebenen Landstraße in seine Provinz und seine Gemeinde heimkehrte, da

führte er Wagen und Karren und Körbe, Pferde und Maultiere mit sich, und

alles war beladen mit den schönsten Blumen aus Gärten und aus

Treibhäusern, deren es im Norden viele gab, und es waren ihrer genug

vorhanden, sowohl um die Körper der Toten zu bekränzen und ihre

Grabstätten reichlich zu schmücken, wie auch um für eines jeden Toten

Andenken eine Blume, einen Strauch und einen jungen Fruchtbaum zu

pflanzen, wie es die Sitte erfordert. Und der Schmerz um seinen Freund

und sein Lieblingspferd wich von ihm und sank im stillen heitern

Angedenken unter, nachdem er auch sie geschmückt und begraben und über

ihren Stätten zwei Blumen, zwei Büsche und zwei Fruchtbäume gepflanzt

hatte.

Nachdem er so seinem Herzen Genüge getan und seine Pflichten erfüllt

hatte, begann die Erinnerung an die Reise in jener Nacht sich in seiner

Seele zu rühren, und er bat seine Nächsten um einen Tag der Einsamkeit

und saß unter dem Gedankenbaum einen Tag und eine Nacht und breitete die

Bilder dessen, was er auf dem fremden Stern gesehen, rein und faltenlos

in seinem Gedächtnis aus. Darauf trat er eines Tages zum Ältesten, bat

ihn um geheimes Gespräch und erzählte ihm alles.

Der Älteste hörte zu, blieb in Gedanken sitzen und fragte dann: „Hast

du, mein Freund, nun dieses alles mit deinen Augen gesehen, oder ist es

ein Traum gewesen?“

„Ich weiß es nicht,“ sagte der Jüngling. „Ich glaube wohl, daß es ein

Traum gewesen sein mag. Indessen, mit deiner Erlaubnis sei es gesagt, es

scheint mir kaum einen Unterschied zu bedeuten, sollte die Sache nun

auch meinen Sinnen in aller Wirklichkeit begegnet sein. Es ist ein

Schatten von Traurigkeit in mir geblieben, und mitten in das Glück des

Lebens weht mir von jenem Sterne her ein kühler Wind hinein. Darum frage

ich dich, Verehrter, was ich tun soll.“

„Gehe morgen,“ sprach der Älteste, „nochmals in das Gebirge und an jenen

Ort hinauf, wo du den Tempel gefunden hast. Seltsam scheint mir das

Sinnbild jenes Gottes, von dem ich nie gehört habe, und es mag wohl

sein, daß es ein Gott von einem andern Sterne ist. Oder aber ist jener

Tempel und sein Gott vielleicht so alt, daß er von unsern frühesten

Vorfahren stammt und aus den fernen Zeiten, da es unter uns noch Waffen,

Furcht und Todesangst gegeben haben soll. Gehe du zu jenem Tempel,

Lieber, und dort bringe Blumen, Honig und Lieder dar.“

Der Jüngling dankte und gehorchte dem Rat des Ältesten. Er nahm eine

Schale mit feinem Honig, wie man ihn im Frühsommer beim ersten Immenfest

den Ehrengästen vorzusetzen pflegt, und nahm seine Laute mit. Im Gebirge

fand er die Stelle wieder, wo er damals eine blaue Glockenblume

gepflückt hatte, und fand den steilen Felsenpfad, der im Walde bergan

führte und wo er kürzlich vor seinem Pferde her zu Fuß gegangen war. Die

Stelle des Tempels aber und den Tempel selbst, den schwarzen Opferstein,

die hölzernen Säulen, das Dach und den großen Vogel auf dem Dache konnte

er nicht wieder finden, heute nicht und nicht am nächsten Tage, und

niemand wußte ihm etwas von einem solchen Tempel, wie er ihn beschrieb,

zu sagen.

Da kehrte er in seine Heimat zurück, und da er am Heiligtum des

liebevollen Gedenkens vorüberkam, trat er hinein, brachte den Honig dar,

sang ein Lied zur Laute und empfahl der Gottheit des liebevollen

Gedenkens seinen Traum, den Tempel und den Vogel, den armen Bauern und

die Toten auf dem Schlachtfelde und am meisten den König in seinem

Kriegszelte. Danach ging er mit erleichtertem Herzen in seine Wohnung,

hängte im Schlafzimmer das Sinnbild von der Einheit der Welten auf,

ruhte in tiefem Schlafe von den Erlebnissen dieser Tage aus und begann

am nächsten Morgen den Nachbarn zu helfen, welche in Gärten und Feldern

unter Gesang die letzten Spuren des Erdbebens hinwegzutilgen bemüht

waren.

Der schwere Weg

Dr. Hans Brun und seiner Frau gewidmet

Am Eingang der Schlucht, bei dem dunkeln Felsentor, stand ich zögernd

und drehte mich zurückblickend um.

Sonne schien in dieser grünen wohligen Welt, über den Wiesen flimmerte

wehend die bräunliche Grasblüte. Dort war gut sein, dort war Wärme und

liebes Behagen, dort summte die Seele tief und befriedigt wie eine

wollige Hummel im satten Duft und Lichte. Und vielleicht war ich ein

Narr, daß ich das alles verlassen und ins Gebirge hinaufsteigen wollte.

Der Führer berührte mich sanft am Arm. Ich riß meine Blicke von der

geliebten Landschaft los, wie man sich gewaltsam aus einem lauen Bade

losmacht. Nun sah ich die Schlucht in sonnenloser Finsternis liegen, ein

kleiner schwarzer Bach kroch aus der Spalte, bleiches Gras wuchs in

kleinen Büscheln an seinem Rande, auf seinem Boden lag herabgespültes

Gestein von allen Farben tot und blaß wie Knochen von Wesen, welche

einst lebendig waren.

Märchen · 第 3 / 8 段