wurde, daß Han Fook allein am jenseitigen Ufer des Flusses wandelte. Er
lehnte sich an den Stamm eines Baumes, der sich über das Wasser neigte,
und sah im Spiegel des Flusses tausend Lichter schwimmen und zittern, er
sah auf den Booten und Flößen Männer und Frauen und junge Mädchen
einander begrüßen und in festlichen Gewändern wie schöne Blumen glänzen,
er hörte das schwache Gemurmel der beleuchteten Wasser, den Gesang der
Sängerinnen, das Schwirren der Zither und die süßen Töne der
Flötenbläser, und über dem allem sah er die bläuliche Nacht wie das
Gewölbe eines Tempels schweben. Dem Jünglinge schlug das Herz, da er als
einsamer Zuschauer, seiner Laune folgend, alle diese Schönheit
betrachtete. Aber so sehr ihn verlangte, hinüberzugehen und dabei zu
sein und in der Nähe seiner Braut und seiner Freunde das Fest zu
genießen, so begehrte er dennoch weit sehnlicher, dies alles als ein
feiner Zuschauer aufzunehmen und in einem ganz vollkommenen Gedichte
widerzuspiegeln: die Bläue der Nacht und das Lichterspiel des Wassers
sowohl wie die Lust der Festgäste und die Sehnsucht des stillen
Zuschauers, der am Stamm des Baumes über dem Ufer lehnt. Er empfand, daß
ihm bei allen Festen und aller Lust dieser Erde doch niemals ganz und
gar wohl und heiter ums Herz sein könnte, daß er auch inmitten des
Lebens ein Einsamer und gewissermaßen ein Zuschauer und Fremdling
bleiben würde, und er empfand, daß seine Seele unter vielen anderen
allein so beschaffen sei, daß er zugleich die Schönheit der Erde und das
heimliche Verlangen des Fremdlings fühlen mußte. Darüber wurde er
traurig und sann dieser Sache nach, und das Ziel seiner Gedanken war
dieses, daß ihm ein wahres Glück und eine tiefe Sättigung nur dann
zuteil werden könnte, wenn es ihm einmal gelänge, die Welt so vollkommen
in Gedichten zu spiegeln, daß er in diesen Spiegelbildern die Welt
selbst geläutert und verewigt besäße.
Kaum wußte Han Fook, ob er noch wache oder eingeschlummert sei, als er
ein leises Geräusch vernahm und neben dem Baumstamm einen Unbekannten
stehen sah, einen alten Mann in einem violetten Gewande und mit
ehrwürdigen Mienen. Er richtete sich auf und begrüßte ihn mit dem Gruß,
der den Greisen und Vornehmen zukommt, der Fremde aber lächelte und
sprach einige Verse, in denen war alles, was der junge Mann soeben
empfunden hatte, so vollkommen und schön und nach den Regeln der großen
Dichter ausgedrückt, daß dem Jüngling vor Staunen das Herz stillstand.
„Oh, wer bist du,“ rief er, indem er sich tief verneigte, „der du in
meine Seele sehen kannst und schönere Verse sprichst, als ich je von
allen meinen Lehrern vernommen habe?“
Der Fremde lächelte abermals mit dem Lächeln der Vollendeten und sagte:
„Wenn du ein Dichter werden willst, so komm zu mir. Du findest meine
Hütte bei der Quelle des großen Flusses in den nordwestlichen Bergen.
Mein Name ist Meister des vollkommenen Wortes.“
Damit trat der alte Mann in den schmalen Schatten des Baumes und war
alsbald verschwunden, und Han Fook, der ihn vergebens suchte und keine
Spur von ihm mehr fand, glaubte nun fest, daß alles ein Traum der
Müdigkeit gewesen sei. Er eilte zu den Booten hinüber und wohnte dem
Feste bei, aber zwischen Gespräch und Flötenklang vernahm er immerzu die
geheimnisvolle Stimme des Fremden, und seine Seele schien mit jenem
dahingegangen, denn er saß fremd und mit träumenden Augen unter den
Fröhlichen, die ihn mit seiner Verliebtheit neckten.
Wenige Tage später wollte Han Fooks Vater seine Freunde und Verwandten
berufen, um den Tag der Vermählung zu bestimmen. Da widersetzte sich der
Bräutigam und sagte: „Verzeihe mir, wenn ich gegen den Gehorsam zu
verstoßen scheine, den der Sohn dem Vater schuldet. Aber du weißt, wie
sehr es mein Verlangen ist, in der Kunst der Dichter mich auszuzeichnen,
und wenn auch einige meiner Freunde meine Gedichte loben, so weiß ich
doch wohl, daß ich noch ein Anfänger und noch auf den ersten Stufen des
Weges bin. Darum bitte ich dich, laß mich noch eine Weile in die
Einsamkeit gehen und meinen Studien nachhängen, denn mir scheint, wenn
ich erst eine Frau und ein Haus zu regieren habe, wird dies mich von
jenen Dingen abhalten. Jetzt aber bin ich noch jung und ohne andere
Pflichten und möchte noch eine Zeit allein für meine Dichtkunst leben,
von der ich Freude und Ruhm erhoffe.“
Die Rede setzte den Vater in Erstaunen, und er sagte: „Diese Kunst muß
dir wohl über alles lieb sein, da du ihretwegen sogar deine Hochzeit
verschieben willst. Oder ist etwas zwischen dich und deine Braut
gekommen, so sage es mir, daß ich dir helfen kann, sie zu versöhnen oder
dir eine andere zu verschaffen.“
Der Sohn schwur aber, daß er seine Braut nicht weniger liebe als gestern
und immer und daß nicht der Schatten eines Streites zwischen ihn und sie
gefallen sei. Und zugleich erzählte er seinem Vater, daß ihm durch einen
Traum am Tage des Lampenfestes ein Meister kundgeworden sei, dessen
Schüler zu werden er sehnlicher wünsche als alles Glück der Welt.
„Wohl,“ sprach der Vater, „so gebe ich dir ein Jahr. In dieser Zeit
magst du deinem Traum nachgehen, der vielleicht von einem Gott zu dir
gesandt worden ist.“
„Es mögen auch zwei Jahre werden,“ sagte Han Fook zögernd, „wer will das
wissen?“
Da ließ ihn der Vater gehen und war betrübt, der Jüngling aber schrieb
seiner Braut einen Brief, verabschiedete sich und zog davon.
Als er sehr lange gewandert war, erreichte er die Quelle des Flusses und
fand in großer Einsamkeit eine Bambushütte stehen, und vor der Hütte saß
auf einer geflochtenen Matte der alte Mann, den er am Ufer bei dem
Baumstamm gesehen hatte. Er saß und spielte die Laute, und als er den
Gast sich mit Ehrfurcht nähern sah, erhob er sich nicht, noch grüßte er
ihn, sondern lächelte nur und ließ die zarten Finger über die Saiten
laufen, und eine zauberhafte Musik floß wie eine silberne Wolke durch
das Tal, daß der Jüngling stand und sich verwunderte und in süßem
Erstaunen alles andere vergaß, bis der Meister des vollkommenen Wortes
seine kleine Laute beiseite legte und in die Hütte trat. Da folgte ihm
Han Fook mit Ehrfurcht und blieb bei ihm als sein Diener und Schüler.
Ein Monat verging, da hatte er gelernt, alle Lieder, die er zuvor
gedichtet hatte, zu verachten, und er tilgte sie aus seinem
Gedächtnisse. Und wieder nach Monaten tilgte er auch die Lieder, die er
daheim von seinen Lehrern gelernt hatte, aus seinem Gedächtnis. Der
Meister sprach kaum ein Wort mit ihm, er lehrte ihn schweigend die Kunst
des Lautenspieles, bis das Wesen des Schülers ganz von Musik
durchflossen war. Einst machte Han Fook ein kleines Gedicht, worin er
den Flug zweier Vögel am herbstlichen Himmel beschrieb und das ihm
wohlgefiel. Er wagte nicht, es dem Meister zu zeigen, aber er sang es
eines Abends abseits von der Hütte, und der Meister hörte es wohl. Er
sagte jedoch kein Wort. Er spielte nur leise auf seiner Laute, und
alsbald ward die Luft kühl und die Dämmerung beschleunigt, ein scharfer
Wind erhob sich, obwohl es mitten im Sommer war, und über den grau
gewordenen Himmel flogen zwei Reiher in mächtiger Wandersehnsucht, und
alles dies war so viel schöner und vollkommener als des Schülers Verse,
daß dieser traurig wurde und schwieg und sich wertlos fühlte. Und so tat
der Alte jedesmal, und als ein Jahr vergangen war, da hatte Han Fook das
Lautenspiel beinahe vollkommen erlernt, die Kunst der Dichtung aber sah
er immer schwerer und erhabener stehen.
Als zwei Jahre vergangen waren, spürte der Jüngling ein heftiges Heimweh
nach den Seinigen, nach der Heimat und nach seiner Braut, und er bat den
Meister, ihn reisen zu lassen.
Der Meister lächelte und nickte. „Du bist frei,“ sagte er, „und kannst
gehen, wohin du willst. Du magst wiederkommen, du magst wegbleiben, ganz
wie es dir gefällt.“
Da machte sich der Schüler auf die Reise und wanderte rastlos, bis er
eines Morgens in der Dämmerung am heimatlichen Ufer stand und über die
gewölbte Brücke nach seiner Vaterstadt hinübersah. Er schlich verstohlen
in seines Vaters Garten und hörte durchs Fenster des Schlafzimmers
seines Vaters Atem gehen, der noch schlief, und er stahl sich in den
Baumgarten beim Hause seiner Braut und sah vom Wipfel eines Birnbaumes,
den er erstieg, seine Braut in der Kammer stehen und ihre Haare kämmen.
Und indem er dies alles, wie er es mit seinen Augen sah, mit dem Bilde
verglich, das er in seinem Heimweh davon gemalt hatte, ward es ihm
deutlich, daß er doch zum Dichter bestimmt sei, und er sah, daß in den
Träumen der Dichter eine Schönheit und Anmut wohnt, die man in den
Dingen der Wirklichkeit vergeblich sucht. Und er stieg von dem Baume
herab und floh aus dem Garten und über die Brücke aus seiner Vaterstadt
und kehrte in das hohe Tal im Gebirge zurück. Da saß wie einstmals der
alte Meister vor seiner Hütte auf der bescheidenen Matte und schlug mit
seinen Fingern die Laute, und statt der Begrüßung sprach er zwei Verse
von den Beglückungen der Kunst, bei deren Tiefe und Wohllaut dem Jünger
die Augen voll Tränen wurden.
Wieder blieb Han Fook bei dem Meister des vollkommenen Wortes, der ihn
nun, da er die Laute beherrschte, auf der Zither unterrichtete, und die
Monate schwanden hinweg wie Schnee im Westwinde. Noch zweimal geschah
es, daß ihn das Heimweh übermannte. Das eine Mal lief er heimlich in der
Nacht davon, aber noch ehe er die letzte Krümmung des Tales erreicht
hatte, lief der Nachtwind über die Zither, die in der Tür der Hütte
hing, und die Töne flogen ihm nach und riefen ihn zurück, daß er nicht
widerstehen konnte. Das andere Mal aber träumte ihm, er pflanze einen
jungen Baum in seinen Garten, und sein Weib stünde dabei, und seine
Kinder begössen den Baum mit Wein und Milch. Als er erwachte, schien der
Mond in seine Kammer, und er erhob sich verstört und sah nebenan den
Meister im Schlummer liegen und seinen greisen Bart sachte zittern; da
überfiel ihn ein bitterer Haß gegen diesen Menschen, der, wie ihm
schien, sein Leben zerstört und ihn um seine Zukunft betrogen habe. Er
wollte sich über ihn stürzen und ihn ermorden, da schlug der Greis die
Augen auf und begann alsbald mit einer feinen, traurigen Sanftmut zu
lächeln, die den Schüler entwaffnete.
„Erinnere dich, Han Fook,“ sagte der Alte leise, „du bist frei, zu tun,
was dir beliebt. Du magst in deine Heimat gehen und Bäume pflanzen, du
magst mich hassen und erschlagen, es ist wenig daran gelegen.“
„Ach, wie könnte ich dich hassen,“ rief der Dichter in heftiger
Bewegung. „Das ist, als ob ich den Himmel selbst hassen wollte.“
Und er blieb und lernte die Zither spielen, und danach die Flöte, und
später begann er unter des Meisters Anweisung Gedichte zu machen, und er
lernte langsam jene heimliche Kunst, scheinbar nur das Einfache und
Schlichte zu sagen, damit aber in des Zuhörers Seele zu wühlen wie der
Wind in einem Wasserspiegel. Er beschrieb das Kommen der Sonne, wie sie
am Rand des Gebirges zögert, und das lautlose Huschen der Fische, wenn
sie wie Schatten unter dem Wasser hinfliehen, oder das Wiegen einer
jungen Weide im Frühlingswind, und wenn man es hörte, so war es nicht
die Sonne und das Spiel der Fische und das Flüstern der Weide allein,
sondern es schien der Himmel und die Welt jedesmal für einen Augenblick
in vollkommener Musik zusammenzuklingen, und jeder Hörer dachte dabei
mit Lust oder Schmerzen an das, was er liebte oder haßte, der Knabe ans
Spiel, der Jüngling an die Geliebte und der Alte an den Tod.
Han Fook wußte nicht mehr, wie viele Jahre er bei dem Meister an der
Quelle des großen Flusses verweilt habe; oft schien es ihm, als sei er
erst gestern abend in dieses Tal getreten und vom Saitenspiel des Alten
empfangen worden, oft auch war ihm, als seien hinter ihm alle
Menschenalter und Zeiten hinabgefallen und wesenlos geworden.
Da erwachte er eines Morgens allein in der Hütte, und wo er auch suchte
und rief, der Meister war verschwunden. Über Nacht schien plötzlich der
Herbst gekommen, ein rauher Wind rüttelte an der alten Hütte, und über
den Grat des Gebirges flogen große Scharen von Zugvögeln, obwohl es noch
nicht ihre Zeit war.
Da nahm Han Fook die kleine Laute mit sich und stieg in das Land seiner
Heimat hinab, und wo er zu Menschen kam, begrüßten sie ihn mit dem Gruß,
der den Alten und Vornehmen zukommt, und als er in seine Vaterstadt kam,
da war sein Vater und seine Braut und seine Verwandtschaft gestorben,
und andere Menschen wohnten in ihren Häusern. Am Abend aber wurde das
Lampenfest auf dem Flusse gefeiert, und der Dichter Han Fook stand
jenseits auf dem dunkleren Ufer, an den Stamm eines alten Baumes
gelehnt, und als er auf seiner kleinen Laute zu spielen begann, da
seufzten die Frauen und blickten entzückt und beklommen in die Nacht,
und die jungen Männer riefen nach dem Lautenspieler, den sie nirgends
finden konnten, und riefen laut, daß noch keiner von ihnen jemals solche
Töne einer Laute gehört habe. Han Fook aber lächelte. Er schaute in den
Fluß, wo die Spiegelbilder der tausend Lampen schwammen; und wie er die
Spiegelbilder nicht mehr von den wirklichen zu unterscheiden wußte, so
fand er in seiner Seele keinen Unterschied zwischen diesem Feste und
jenem ersten, da er hier als ein Jüngling gestanden war und die Worte
des fremden Meisters vernommen hatte.
Merkwürdige Nachricht von einem andern Stern
Frau Helene Welti gewidmet
In einer der Südprovinzen unseres schönen Sterns war ein gräßliches
Unglück geschehen. Ein von furchtbaren Gewitterstürmen und
Überschwemmungen begleitetes Erdbeben hatte drei große Dörfer und alle
ihre Gärten, Felder, Wälder und Pflanzungen beschädigt. Eine Menge von
Menschen und Tieren war umgekommen, und, was am meisten traurig war, es
fehlte durchaus an der notwendigen Menge von Blumen, um die Toten
einzuhüllen und ihre Ruhestätten geziemend zu schmücken.
Für alles andere war natürlich sofort gesorgt worden. Boten mit dem
großen Liebesruf hatten alsbald nach der schrecklichen Stunde die
benachbarten Gegenden durcheilt, und von allen Türmen der ganzen Provinz
hörte man die Vorsänger jenen rührenden und herzbewegenden Vers singen,
der seit alters als der Gruß an die Göttin des Mitleids bekannt ist und
dessen Tönen niemand widerstehen konnte. Es kamen aus allen Städten und
Gemeinden her alsbald Züge von Mitleidigen und Hilfsbereiten herbei, und
die Unglücklichen, welche das Dach über dem Haupte verloren hatten,
wurden mit freundlichen Einladungen und Bitten überhäuft, hier und dort
bei Verwandten, bei Freunden, bei Fremden Wohnung zu nehmen. Speise und
Kleider, Wagen und Pferde, Werkzeuge, Steine und Holz und viele andere
Dinge wurden von allen Seiten her zu Hilfe gebracht, und während die
Greise, Weiber und Kinder noch von mildtätigen Händen tröstlich und
gastlich hinweggeführt wurden, während man die Verletzten sorgfältig
wusch und verband und unter den Trümmern nach den Toten suchte, da waren
andere schon daran gegangen, eingestürzte Dächer abzuräumen, wankende
Mauern mit Balken abzustützen und alles Notwendige für den raschen
Neubau vorzubereiten. Und obwohl von dem Unglück her noch ein Hauch von
Grauen in den Lüften hing und von allen Toten eine Mahnung zu Trauer und
ehrerbietigem Schweigen ausging, war dennoch in allen Gesichtern und
Stimmen eine freudige Bereitschaft und eine gewisse zarte Festlichkeit
zu verspüren; denn die Gemeinsamkeit eines fleißigen Tuns und die
erquickende Gewißheit, etwas so ungemein Notwendiges, etwas so Schönes
und Dankenswertes zu tun, strömte in allen Herzen über. Anfangs war
alles noch in Scheu und Schweigen geschehen, bald aber wurde da und dort
eine fröhliche Stimme, ein leise zur gemeinsamen Arbeit gesungenes Lied
hörbar, und wie man sich denken kann, waren unter allem, was gesungen
wurde, obenan die beiden alten Spruchverse: „Selig, Hilfe zu bringen dem
frisch von der Not Überfallenen; trinkt nicht sein Herz die Wohltat wie
ein dürrer Garten den ersten Regen und gibt Antwort in Blumen und
Dankbarkeit?“ Und jener andere: „Heiterkeit Gottes strömt aus
gemeinsamem Handeln.“
Aber nun entstand eben jener beklagenswerte Mangel an Blumen. Die Toten
zwar, die man zuerst gefunden hatte, waren mit den Blumen und Zweigen
geschmückt worden, welche man noch aus den zerstörten Gärten gesammelt
hatte. Dann hatte man begonnen, aus den benachbarten Orten alle
erreichbaren Blumen zu holen. Aber dies war eben das besondere Unglück,
daß gerade die drei zerstörten Gemeinden die größten und schönsten
Gärten für die Blumen dieser Jahreszeit besessen hatten. Hierher war man
in jedem Jahre gekommen, um die Narzissen und die Krokus zu sehen, deren
es nirgends sonst solche unabsehbare Mengen gab und so gepflegte,
wunderbar gefärbte Arten; und das alles war nun zerstört und verdorben.
So stand man bald ratlos und wußte nicht, wie man an allen diesen Toten
das Gebot der Sitte erfüllen sollte, welches doch verlangt, daß jeder
gestorbene Mensch und jedes gestorbene Tier festlich mit den Blumen der
Jahreszeit geschmückt und daß seine Bestattung desto reicher und
prangender begangen werde, je plötzlicher und trauriger einer ums Leben
gekommen ist.
Der Älteste der Provinz, der als einer der ersten von den
Hilfebringenden in seinem Wagen erschienen war, fand sich bald so sehr
von Fragen, Bitten und Klagen bestürmt, daß er Mühe hatte, seine Ruhe
und Heiterkeit zu bewahren. Aber er hielt sein Herz in festen Händen,
seine Augen blieben hell und freundlich, seine Stimme klar und höflich,
und seine Lippen unter dem weißen Barte vergaßen nicht einen Augenblick
das stille und gütige Lächeln, das ihm als einem Weisen und Ratgeber
anstand.
„Meine Freunde,“ sagte er, „es ist ein Unglück über uns gekommen, mit
welchem die Götter uns prüfen wollen. Alles, was hier vernichtet ist,
werden wir unsern Brüdern bald wieder aufbauen und zurückgeben können,
und ich danke den Göttern, daß ich im hohen Alter dieses noch erleben
durfte, wie ihr alle gekommen seid und das Eure habet liegen lassen, um
unsern Brüdern zu helfen. Wo aber nehmen wir nun die Blumen her, um alle
diese Toten schön und anständig für das Fest ihrer Verwandlung zu
schmücken? Denn es darf, solange wir da sind und leben, nicht geschehen,
daß ein einziger von diesen müden Pilgern ohne sein richtiges
Blumenopfer begraben werde. Dies ist ja wohl auch eure Meinung.“
„Ja,“ riefen alle, „das ist auch unsere Meinung.“
„Ich weiß es,“ sagte der Älteste mit seiner väterlichen Stimme. „Ich
will nun sagen, was wir tun müssen, ihr Freunde. Wir müssen alle jene
Ermüdeten, welche wir heute nicht begraben können, in den großen
Sommertempel hoch ins Gebirge bringen, wo jetzt noch der Schnee liegt.
Dort sind sie sicher und werden sich nicht verändern, bis ihre Blumen
herbeigeschafft sind. Aber da ist nur einer, der uns zu so vielen Blumen
in dieser Jahreszeit helfen könnte. Das kann nur der König. Darum müssen
wir einen von uns zum König senden, daß er ihn um Hilfe bitte.“
Und wieder nickten alle und riefen: „Ja, ja, zum König!“
„So ist es,“ fuhr der Älteste fort, und unter dem weißen Bart sah
jedermann mit Freude sein schönes Lächeln glänzen. „Wen aber sollen wir
zum König schicken? Er muß jung und rüstig sein, denn der Weg ist weit,
und wir müssen ihm unser bestes Pferd mitgeben. Er muß aber auch hübsch
und guten Herzens sein und viel Glanz in den Augen haben, damit ihm das
Herz des Königs nicht widerstehen kann. Worte braucht er nicht viele zu
sagen, aber seine Augen müssen reden können. Am besten wäre es wohl, ein
Kind zu senden, das hübscheste Kind aus der Gemeinde, aber wie könnte
das eine solche Reise tun? Ihr müsset mir helfen, meine Freunde, und
wenn einer da ist, der die Botschaft auf sich nehmen will, oder wenn
jemand einen kennt und weiß, so bitte ich ihn, es zu sagen.“
Der Älteste schwieg und blickte mit seinen hellen Augen umher, es trat
aber niemand vor und keine Stimme meldete sich.
Als er seine Frage nochmals und zum drittenmal wiederholte, da kam ihm
aus der Menge ein Jüngling entgegen, sechzehn Jahre alt und beinahe noch
ein Knabe. Er schlug die Augen zu Boden und wurde rot, als er den
Ältesten begrüßte.
Der Älteste sah ihn an und sah im Augenblick, daß dieser der rechte Bote
sei. Aber er lächelte und sagte: „Das ist schön, daß du unser Bote sein
willst. Aber wie kommt es denn, daß unter all diesen vielen gerade du es
bist, der sich anbietet?“
Da hob der Jüngling seine Augen zu dem alten Manne auf und sagte: „Wenn
kein andrer da ist, der gehen will, so lasset mich gehen.“
Einer aus der Menge aber rief: „Schicket ihn, Ältester, wir kennen ihn.
Er stammt aus diesem Dorfe hier, und das Erdbeben hat seinen
Blumengarten verwüstet, es war der schönste Blumengarten in unserm Ort.“
Freundlich blickte der Alte dem Knaben in die Augen und fragte: „Tut es
dir so leid um deine Blumen?“
Der Jüngling gab ganz leise Antwort: „Es tut mir leid, aber nicht darum
habe ich mich gemeldet. Ich habe einen lieben Freund gehabt, und auch
ein junges schönes Lieblingspferd, die sind beide im Erdbeben
umgekommen, und sie liegen in unsrer Halle, und es müssen Blumen dasein,
damit sie begraben werden können.“
Der Älteste segnete ihn mit aufgelegten Händen, und alsbald wurde das
beste Pferd für ihn ausgesucht, und er sprang augenblicklich auf den
Rücken des Pferdes, klopfte ihm den Hals und nickte Abschied, dann
sprengte er aus dem Dorfe und quer über die nassen und verwüsteten
Felder hin von dannen.
Den ganzen Tag war der Jüngling geritten. Um schneller zu der fernen
Hauptstadt und zum König zu kommen, schlug er den Weg über das Gebirge
ein, und am Abend, als es zu dunkeln anfing, führte er sein Roß am Zügel
einen steilen Weg durch Wald und Felsen hinan.
Ein großer dunkler Vogel, wie er noch keinen gesehen hatte, flog ihm
voraus, und er folgte ihm, bis der Vogel sich auf dem Dache eines
kleinen offenen Tempels niederließ. Der Jüngling ließ sein Roß im
Waldgras stehen und trat zwischen den hölzernen Säulen in das einfache
Heiligtum. Als Opferstein fand er nur einen Felsblock aufgestellt, einen
Block aus schwarzem Gestein, wie man es in der Gegend nicht fand, und
darauf das seltene Sinnbild einer Gottheit, die der Bote nicht kannte:
ein Herz, an welchem ein wilder Vogel fraß.
Er bezeigte der Gottheit seine Ehrfurcht und brachte als Opfergabe eine
blaue Glockenblume dar, die er am Fuß des Berges gepflückt und in sein
Kleid gesteckt hatte. Alsdann legte er sich in einer Ecke nieder, denn
er war sehr müde und dachte zu schlafen.
Aber er konnte den Schlaf nicht finden, der sonst jeden Abend ungerufen
an seinem Lager stand. Die Glockenblume auf dem Felsen, oder der
schwarze Stein selbst, oder was es sonst war, strömte einen sonderbar
tiefen und schmerzlichen Duft aus, das unheimliche Sinnbild des Gottes
schimmerte geisterhaft in der finstern Halle, und auf dem Dache saß der
fremde Vogel und schlug von Zeit zu Zeit gewaltig mit seinen ungeheuren
Flügeln, daß es rauschte wie ein Sturm in den Bäumen.
So kam es, daß mitten in der Nacht sich der Jüngling erhob und aus dem
Tempel trat und zu dem Vogel emporschaute. Der schlug mit den Flügeln
und blickte den Jüngling an.
„Warum schläfst du nicht?“ fragte der Vogel.
„Ich weiß nicht,“ sagte der Jüngling. „Vielleicht, weil ich Leid
erfahren habe.“
„Was für Leid hast du denn erfahren?“
„Mein Freund und mein Lieblingsroß sind beide umgekommen.“
„Ist denn Sterben so schlimm?“ fragte der Vogel höhnend.
„Ach nein, großer Vogel, es ist nicht so schlimm, es ist nur ein
Abschied, aber nicht darüber bin ich traurig. Schlimm ist, daß wir
meinen Freund und mein schönes Pferd nicht begraben können, weil wir gar
keine Blumen mehr haben.“
„Es gibt Schlimmeres als dies,“ sagte der Vogel, und seine Flügel
rauschten unwillig.
„Nein, Vogel, Schlimmeres gibt es gewiß nicht. Wer ohne Blumenopfer
begraben wird, dem ist es verwehrt, nach seines Herzens Wunsche
wiedergeboren zu werden. Und wer seine Toten begräbt und feiert nicht
das Blumenfest dazu, der sieht die Schatten seiner Gestorbenen im Traum.
Du siehst, schon kann ich nicht mehr schlafen, weil meine Toten noch
ohne Blumen sind.“
Der Vogel schnarrte kreischend mit dem gebogenen Schnabel.
„Junger Knabe, du weißt nichts von Leid, wenn du sonst nichts erfahren
hast als dieses. Hast du denn nie von den großen Übeln reden hören? Vom
Haß, vom Mord, von der Eifersucht?“
Der Jüngling, da er diese Worte aussprechen hörte, glaubte zu träumen.
Dann besann er sich und sagte bescheiden: „Wohl, du Vogel, ich erinnere
mich; davon steht in den alten Geschichten und Märchen geschrieben. Aber
das ist ja außerhalb der Wirklichkeit, oder vielleicht war es einmal vor
langen Zeiten so auf der Welt, als es noch keine Blumen und noch keine
guten Götter gab. Wer wird daran denken!“
Der Vogel lachte leise mit seiner scharfen Stimme. Dann reckte er sich
höher und sagte zu dem Knaben: „Und nun willst du also zum König gehen,
und ich soll dir den Weg zeigen?“
„Oh, du weißt es schon,“ rief der Jüngling freudig. „Ja, wenn du mich
führen willst, so bitte ich dich darum.“