Sie sah ihn aus ihren hellblauen Augen ernst und strafend an

Hermann Hesse

Gesammelte Werke

Märchen

von

Hermann Hesse

S. Fischer / Verlag / Berlin

25. bis 28. Anklage

Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung

Copyright 1919 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin

Inhalt

Augustus 9

Der Dichter 43

Merkwürdige Nachricht von einem andern Stern 54

Der schwere Weg 80

Eine Traumfolge 89

Faldum 108

Iris 138

Augustus

Emil und Bertha Molt gewidmet

In der Mostackerstraße wohnte eine junge Frau, die hatte durch ein

Unglück bald nach der Hochzeit ihren Mann verloren, und jetzt saß sie

arm und verlassen in ihrer kleinen Stube und wartete auf ihr Kind, das

keinen Vater haben sollte. Und weil sie so ganz allein war, so

verweilten immer alle ihre Gedanken bei dem erwarteten Kinde, und es gab

nichts Schönes und Herrliches und Beneidenswertes, das sie nicht für

dieses Kind ausgedacht und gewünscht und geträumt hätte. Ein steinernes

Haus mit Spiegelscheiben und einem Springbrunnen im Garten schien ihr

für den Kleinen gerade gut genug, und was seine Zukunft anging, so mußte

er mindestens ein Professor oder König werden.

Neben der armen Frau Elisabeth wohnte ein alter Mann, den man nur selten

ausgehen sah, und dann war er ein kleines, graues Kerlchen mit einer

Trottelmütze und einem grünen Regenschirm, dessen Stangen noch aus

Fischbein gemacht waren wie in der alten Zeit. Die Kinder hatten Angst

vor ihm, und die Großen meinten, er werde schon Gründe haben, sich so

sehr zurückzuziehen. Oft wurde er lange Zeit von niemand gesehen, aber

am Abend hörte man zuweilen aus seinem kleinen, baufälligen Hause eine

feine Musik wie von sehr vielen kleinen, zarten Instrumenten erklingen.

Dann fragten Kinder, wenn sie dort vorübergingen, ihre Mütter, ob da

drinnen die Engel oder vielleicht die Nixen sängen, aber die Mütter

wußten nichts davon und sagten: „Nein, nein, das muß eine Spieldose

sein.“

Dieser kleine Mann, welcher von den Nachbarn als Herr Binßwanger

angeredet wurde, hatte mit der Frau Elisabeth eine sonderbare Art von

Freundschaft. Sie sprachen nämlich nie miteinander, aber der kleine,

alte Herr Binßwanger grüßte jedesmal auf das freundlichste, wenn er am

Fenster seiner Nachbarin vorüberkam, und sie nickte ihm wieder dankbar

zu und hatte ihn gern, und beide dachten: Wenn es mir einmal ganz elend

gehen sollte, dann will ich gewiß im Nachbarhaus um Rat vorsprechen. Und

wenn es dunkel zu werden anfing und die Frau Elisabeth allein an ihrem

Fenster saß und um ihren toten Liebsten trauerte oder an ihr kleines

Kindlein dachte und ins Träumen geriet, dann machte der Herr Binßwanger

leise einen Fensterflügel auf, und aus seiner dunkeln Stube kam leis und

silbern eine tröstliche Musik geflossen wie Mondlicht aus einem

Wolkenspalt. Hinwieder hatte der Nachbar an seinem hintern Fenster

einige alte Geranienstöcke stehen, die er immer zu gießen vergaß und

welche doch immer grün und voll Blumen waren und nie ein welkes Blatt

zeigten, weil sie jeden Tag in aller Frühe von Frau Elisabeth begossen

und gepflegt wurden.

Als es nun gegen den Herbst ging und einmal ein rauher, windiger

Regenabend und kein Mensch in der Mostackerstraße zu sehen war, da

merkte die arme Frau, daß ihre Stunde gekommen sei, und es wurde ihr

angst, weil sie ganz allein war. Beim Einbruch der Nacht aber kam eine

alte Frau mit einer Handlaterne gegangen, trat in das Haus und kochte

Wasser und legte Leinwand zurecht und tat alles, was getan werden muß,

wenn ein Kind zur Welt kommen soll. Frau Elisabeth ließ alles still

geschehen, und erst als das Kindlein da war und in neuen feinen Windeln

seinen ersten Erdenschlaf zu schlummern begann, fragte sie die alte

Frau, woher sie denn käme.

„Der Herr Binßwanger hat mich geschickt,“ sagte die Alte, und darüber

schlief die müde Frau ein, und als sie am Morgen wieder erwachte, da war

Milch für sie gekocht und stand bereit, und alles in der Stube war

sauber aufgeräumt, und neben ihr lag der kleine Sohn und schrie, weil er

Hunger hatte; aber die alte Frau war fort. Die Mutter nahm ihren Kleinen

an die Brust und freute sich, daß er so hübsch und kräftig war. Sie

dachte an seinen toten Vater, der ihn nicht mehr hatte sehen können, und

bekam Tränen in die Augen, und sie herzte das kleine Waisenkind und

mußte wieder lächeln, und darüber schlief sie samt dem Büblein wieder

ein, und als sie aufwachte, war wieder Milch und eine Suppe gekocht und

das Kind in neue Windeln gebunden.

Bald aber war die Mutter wieder gesund und stark und konnte für sich und

den kleinen Augustus selber sorgen, und da kam ihr der Gedanke, daß nun

der Sohn getauft werden müsse und daß sie keinen Paten für ihn habe. Da

ging sie gegen Abend, als es dämmerte und aus dem Nachbarhäuschen wieder

die süße Musik klang, zu dem Herrn Binßwanger hinüber. Sie klopfte

schüchtern an die dunkle Türe, da rief er freundlich „Herein!“ und kam

ihr entgegen, die Musik aber war plötzlich zu Ende, und im Zimmer stand

eine kleine alte Tischlampe vor einem Buch, und alles war wie bei andern

Leuten.

„Ich bin zu Euch gekommen,“ sagte Frau Elisabeth, „um Euch zu danken,

weil Ihr mir die gute Frau geschickt habet. Ich will sie auch gerne

bezahlen, wenn ich nur erst wieder arbeiten und etwas verdienen kann.

Aber jetzt habe ich eine andere Sorge. Der Bub muß getauft werden und

soll Augustus heißen, wie sein Vater geheißen hat; aber ich kenne

niemand und weiß keinen Paten für ihn.“

„Ja, das habe ich auch gedacht,“ sagte der Nachbar und strich an seinem

grauen Bart herunter. „Es wäre schon gut, wenn er einen guten und

reichen Paten bekäme, der für ihn sorgen kann, wenn es Euch einmal

schlecht gehen sollte. Aber ich bin auch nur ein alter, einsamer Mann

und habe wenig Freunde, darum kann ich Euch niemand raten, wenn Ihr

nicht etwa mich selber zum Paten nehmen wollet.“

Darüber war die arme Mutter froh und dankte dem kleinen Mann und nahm

ihn zum Paten. Am nächsten Sonntag trugen sie den Kleinen in die Kirche

und ließen ihn taufen, und dabei erschien auch die alte Frau wieder und

schenkte ihm einen Taler, und als die Mutter das nicht annehmen wollte,

da sagte die alte Frau: „Nehmet nur, ich bin alt und habe, was ich

brauche. Vielleicht bringt ihm der Taler Glück. Dem Herrn Binßwanger

habe ich gern einmal einen Gefallen getan, wir sind alte Freunde.“

Da gingen sie miteinander heim, und Frau Elisabeth kochte für ihre Gäste

Kaffee, und der Nachbar hatte einen Kuchen mitgebracht, daß es ein

richtiger Taufschmaus wurde. Als sie aber getrunken und gegessen hatten

und das Kindlein längst eingeschlafen war, da sagte Herr Binßwanger

bescheiden: „Jetzt bin ich also der Pate des kleinen Augustus und möchte

ihm gern ein Königsschloß und einen Sack voll Goldstücke schenken, aber

das habe ich nicht, ich kann ihm nur einen Taler neben den der Frau

Gevatterin legen. Indessen, was ich für ihn tun kann, das soll

geschehen. Frau Elisabeth, Ihr habt Eurem Buben gewiß schon viel Schönes

und Gutes gewünscht. Besinnt Euch jetzt, was Euch das Beste für ihn zu

sein scheint, so will ich dafür sorgen, daß es wahr werde. Ihr habet

einen Wunsch für Euren Jungen frei, welchen Ihr wollet, aber nur einen,

überlegt Euch den wohl, und wenn Ihr heut abend meine kleine Spieldose

spielen höret, dann müßt Ihr den Wunsch Eurem Kleinen ins linke Ohr

sagen, so wird er in Erfüllung gehen.“

Damit nahm er schnell Abschied, und die Gevatterin ging mit ihm weg, und

Frau Elisabeth blieb allein und ganz verwundert zurück, und wenn die

beiden Taler nicht in der Wiege gelegen und der Kuchen auf dem Tisch

gestanden wäre, so hätte sie alles für einen Traum gehalten. Da setzte

sie sich neben die Wiege und wiegte ihr Kind und sann und dachte sich

schöne Wünsche aus. Zuerst wollte sie ihn reich werden lassen oder

schön, oder gewaltig stark, oder gescheit und klug, aber überall war ein

Bedenken dabei, und schließlich dachte sie: Ach, es ist ja doch nur ein

Scherz von dem alten Männlein gewesen.

Es war schon dunkel geworden, und sie wäre beinahe sitzend bei der Wiege

eingeschlafen, müde von der Bewirtung und von den Sorgen und den vielen

Wünschen, da klang vom Nachbarhause herüber eine feine, sanfte Musik, so

zart und köstlich, wie sie noch von keiner Spieldose gehört worden ist.

Bei diesem Klang besann sich Frau Elisabeth und kam zu sich, und jetzt

glaubte sie wieder an den Nachbar Binßwanger und sein Patengeschenk, und

je mehr sie sich besann und je mehr sie wünschen wollte, desto mehr

geriet ihr alles in den Gedanken durcheinander, daß sie sich für nichts

entscheiden konnte. Sie wurde ganz bekümmert und hatte Tränen in den

Augen, da klang die Musik leiser und schwächer, und sie dachte, wenn sie

jetzt im Augenblick ihren Wunsch nicht täte, so wäre es zu spät und

alles verloren.

Da seufzte sie auf und bog sich zu ihrem Knaben hinunter und flüsterte

ihm ins linke Ohr: „Mein Söhnlein, ich wünsche dir – ich wünsche dir –,“

und als die schöne Musik schon ganz am Verklingen war, erschrak sie und

sagte schnell: „Ich wünsche dir, daß alle Menschen dich liebhaben

müssen.“

Die Töne waren jetzt verklungen, und es war totenstill in dem dunklen

Zimmer. Sie aber warf sich über die Wiege und weinte und war voll Angst

und Bangigkeit und rief: „Ach, nun habe ich dir das Beste gewünscht, was

ich weiß, und doch ist es vielleicht nicht das Richtige gewesen. Und

wenn auch alle, alle Menschen dich liebhaben werden, so kann doch

niemand mehr dich so liebhaben wie deine Mutter.“

Augustus wuchs nun heran wie andre Kinder, er war ein hübscher, blonder

Knabe mit hellen, mutigen Augen, den die Mutter verwöhnte und der

überall wohlgelitten war. Frau Elisabeth merkte schon bald, daß ihr

Tauftagswunsch sich an dem Kind erfülle, denn kaum war der Kleine so

alt, daß er gehen konnte und auf die Gasse und zu andern Leuten kam, so

fand ihn jedermann so hübsch und keck und klug wie selten ein Kind, und

jedermann gab ihm die Hand, sah ihm in die Augen und zeigte ihm seine

Gunst. Junge Mütter lächelten ihm zu, und alte Weiblein schenkten ihm

Äpfel, und wenn er irgendwo eine Unart verübte, glaubte niemand, daß er

es gewesen sei, oder wenn es nicht zu leugnen war, zuckte man die

Achseln und sagte: „Man kann dem netten Kerlchen wahrhaftig nichts

übelnehmen.“

Es kamen Leute, die auf den schönen Knaben aufmerksam geworden waren, zu

seiner Mutter, und sie, die niemand gekannt und früher nur wenig

Näharbeit ins Haus bekommen hatte, wurde jetzt als die Mutter des

Augustus wohlbekannt und hatte mehr Gönner, als sie sich je gewünscht

hätte. Es ging ihr gut und dem Jungen auch, und wohin sie miteinander

kamen, da freute sich die Nachbarschaft, grüßte und sah den Glücklichen

nach.

Das Schönste hatte Augustus nebenan bei seinem Paten: der rief ihn

zuweilen am Abend in sein Häuschen, da war es dunkel, und nur im

schwarzen Kaminloch brannte eine kleine, rote Flamme, und der kleine,

alte Mann zog das Kind zu sich auf ein Fell am Boden und sah mit ihm in

die stille Flamme und erzählte ihm lange Geschichten. Aber manchmal,

wenn so eine lange Geschichte zu Ende und der Kleine ganz schläfrig

geworden war und in der dunklen Stille mit halboffenen Augen nach dem

Feuer schaute, dann kam aus der Dunkelheit eine süße, vielstimmige Musik

hervorgeklungen, und wenn die beiden ihr lange und verschwiegen zugehört

hatten, dann geschah es oft, daß unversehens die ganze Stube voll

kleiner glänzender Kinder war, die flogen mit hellen, goldenen Flügeln

in Kreisen hin und wieder und wie in schönen Tänzen kunstvoll umeinander

und in Paaren, und dazu sangen sie, und es klang hundertfach voll Freude

und heiterer Schönheit zusammen. Das war das Schönste, was Augustus je

gehört und gesehen hatte, und wenn er später an seine Kindheit dachte,

so war es die stille, finstere Stube des alten Paten und die rote Flamme

im Kamin mit der Musik und mit dem festlichen, goldenen Zauberflug der

Engelwesen, die ihm in der Erinnerung wieder emporstieg und Heimweh

machte.

Indessen wurde der Knabe größer, und jetzt gab es für seine Mutter

zuweilen Stunden, wo sie traurig war und an jene Taufnacht zurückdenken

mußte. Augustus lief fröhlich in den Nachbargassen umher und war überall

willkommen, er bekam Nüsse und Birnen, Kuchen und Spielsachen geschenkt,

man gab ihm zu essen und zu trinken, ließ ihn auf dem Knie reiten und in

den Gärten Blumen pflücken, und oft kam er erst spät am Abend wieder

heim und schob die Suppe der Mutter widerwillig beiseite. Wenn sie dann

betrübt war und weinte, fand er es langweilig und ging mürrisch in sein

Bettlein; und wenn sie ihn einmal schalt und strafte, schrie er heftig

und beklagte sich, daß alle Leute lieb und nett mit ihm seien, bloß

seine Mutter nicht. Da hatte sie oft betrübte Stunden, und manchmal

erzürnte sie sich ernstlich über ihren Jungen, aber wenn er nachher

schlafend in seinen Kissen lag und auf dem unschuldigen Kindergesicht

ihr Kerzenlicht schimmerte, dann verging alle Härte in ihrem Herzen, und

sie küßte ihn vorsichtig, daß er nicht erwache. Es war ihre eigene

Schuld, daß alle Leute den Augustus gern hatten, und sie dachte manchmal

mit Trauer und beinahe mit einem Schrecken, daß es vielleicht besser

gewesen wäre, sie hätte jenen Wunsch niemals getan.

Einmal stand sie gerade beim Geranienfenster des Herrn Binßwanger und

schnitt mit einer kleinen Schere die verwelkten Blumen aus den Stöcken,

da hörte sie in dem Hof, der hinter den beiden Häusern war, die Stimme

ihres Jungen, und sie bog sich vor, um hinüberzusehen. Sie sah ihn an

der Mauer lehnen, mit seinem hübschen und ein wenig stolzen Gesicht, und

vor ihm stand ein Mädchen, größer als er, das sah ihn bittend an und

sagte: „Gelt, du bist lieb und gibst mir einen Kuß?“

„Ich mag nicht,“ sagte Augustus und steckte die Hände in die Taschen.

„O doch, bitte,“ sagte sie wieder. „Ich will dir ja auch etwas Schönes

schenken.“

„Was denn?“ fragte der Junge.

„Ich habe zwei Äpfel,“ sagte sie schüchtern.

Aber er drehte sich um und schnitt eine Grimasse.

„Äpfel mag ich keine,“ sagte er verächtlich und wollte weglaufen.

Das Mädchen hielt ihn aber fest und sagte schmeichelnd: „Du, ich habe

auch einen schönen Fingerring.“

„Zeig’ ihn her!“ sagte Augustus.

Sie zeigte ihm ihren Fingerring her, und er sah ihn genau an, dann zog

er ihn von ihrem Finger und tat ihn auf seinen eigenen, hielt ihn ans

Licht und fand Gefallen daran.

„Also, dann kannst du ja einen Kuß haben,“ sagte er obenhin und gab dem

Mädchen einen flüchtigen Kuß auf den Mund.

„Willst du jetzt mit mir spielen kommen?“ fragte sie zutraulich und hing

sich an seinen Arm.

Aber er stieß sie weg und rief heftig: „Laß mich jetzt doch endlich in

Ruhe! Ich habe andre Kinder, mit denen ich spielen kann.“

Während das Mädchen zu weinen begann und vom Hofe schlich, schnitt er

ein gelangweiltes und ärgerliches Gesicht; dann drehte er seinen Ring um

den Finger und beschaute ihn, und dann fing er an zu pfeifen und ging

langsam davon.

Seine Mutter aber stand mit der Blumenschere in der Hand und war

erschrocken über die Härte und Verächtlichkeit, mit welcher ihr Kind die

Liebe der andern hinnahm. Sie ließ die Blumen stehen und stand

kopfschüttelnd und sagte immer wieder vor sich hin: „Er ist ja böse, er

hat ja gar kein Herz.“

Aber bald darauf, als Augustus heimkam und sie ihn zur Rede stellte, da

schaute er sie lachend aus blauen Augen an und hatte kein Gefühl einer

Schuld, und dann fing er an zu singen und ihr zu schmeicheln und war so

drollig und nett und zärtlich mit ihr, daß sie lachen mußte und wohl

sah, man dürfe bei Kindern nicht alles gleich so ernst nehmen.

Indessen gingen dem Jungen seine Übeltaten nicht ohne alle Strafe hin.

Der Pate Binßwanger war der einzige, vor dem er Ehrfurcht hatte, und

wenn er am Abend zu ihm in die Stube kam und der Pate sagte: „Heute

brennt kein Feuer im Kamin, und es gibt keine Musik, die kleinen

Engelkinder sind traurig, weil du so böse warst,“ dann ging er

schweigend hinaus und heim und warf sich auf sein Bett und weinte, und

nachher gab er sich manchen Tag lang alle Mühe, gut und lieb zu sein.

Jedoch das Feuer im Kamin brannte seltener und seltener, und der Pate

war nicht mit Tränen und nicht mit Liebkosungen zu bestechen. Als

Augustus zwölf Jahre alt war, da war ihm der zauberische Engelflug in

der Patenstube schon ein ferner Traum geworden, und wenn er ihn einmal

in der Nacht geträumt hatte, dann war er am nächsten Tage doppelt wild

und laut und kommandierte seine vielen Kameraden als Feldherr über alle

Hecken weg.

Seine Mutter war es längst müde, von allen Leuten das Lob ihres Knaben

zu hören und wie fein und herzig er sei, sie hatte nur noch Sorgen um

ihn. Und als eines Tages sein Lehrer zu ihr kam und ihr erzählte, er

wisse jemand, der erbötig sei, den Knaben in fremde Schulen zu schicken

und studieren zu lassen, da hatte sie eine Besprechung mit dem Nachbar,

und bald darauf, an einem Frühlingsmorgen, kam ein Wagen gefahren, und

Augustus in einem neuen, schönen Kleide stieg hinein und sagte seiner

Mutter und dem Paten und den Nachbarsleuten Lebewohl, weil er in die

Hauptstadt reisen und studieren durfte. Seine Mutter hatte ihm zum

letzten Male die blonden Haare schön gescheitelt und den Segen über ihn

gesprochen, und nun zogen die Pferde an, und Augustus reiste in die

fremde Welt.

Nach manchen Jahren, als der junge Augustus ein Student geworden war und

rote Mützen und einen Schnurrbart trug, da kam er einmal wieder in seine

Heimat gefahren, weil der Pate ihm geschrieben hatte, seine Mutter sei

so krank, daß sie nicht mehr lange leben könne. Der Jüngling kam am

Abend an, und die Leute sahen mit Bewunderung zu, wie er aus dem Wagen

stieg und wie der Kutscher ihm einen großen ledernen Koffer in das

Häuschen nachtrug. Die Mutter aber lag sterbend in dem alten, niederen

Zimmer, und als der schöne Student in weißen Kissen ein weißes, welkes

Gesicht liegen sah, das ihn nur noch mit stillen Augen begrüßen konnte,

da sank er weinend an der Bettstatt nieder und küßte seiner Mutter kühle

Hände und kniete bei ihr die ganze Nacht, bis die Hände kalt und die

Augen erloschen waren.

Und als sie die Mutter begraben hatten, da nahm ihn der Pate Binßwanger

am Arm und ging mit ihm in sein Häuschen, das schien dem jungen Menschen

noch niedriger und dunkler geworden, und als sie lange beisammen

gesessen waren und nur die kleinen Fenster noch schwach in der

Dunkelheit schimmerten, da strich der kleine alte Mann mit hageren

Fingern über seinen grauen Bart und sagte zu Augustus: „Ich will ein

Feuer im Kamin anmachen, dann brauchen wir die Lampe nicht. Ich weiß, du

mußt morgen wieder davonreisen, und jetzt, wo deine Mutter tot ist, wird

man dich ja so bald nicht wiedersehen.“

Indem er das sagte, zündete er ein kleines Feuer im Kamin an und rückte

seinen Sessel näher hinzu, und der Student den seinen, und dann saßen

sie wieder eine lange Weile und blickten auf die verglühenden Scheiter,

bis die Funken spärlicher flogen, und da sagte der Alte sanft: „Lebe

wohl, Augustus, ich wünsche dir Gutes. Du hast eine brave Mutter gehabt,

und sie hat mehr an dir getan, als du weißt. Gern hätte ich dir noch

einmal Musik gemacht und die kleinen Seligen gezeigt, aber du weißt, das

geht nicht mehr. Indessen sollst du sie nicht vergessen und sollst

wissen, daß sie noch immer singen und daß auch du sie vielleicht einmal

wieder hören kannst, wenn du einst mit einem einsamen und sehnsüchtigen

Herzen nach ihnen verlangst. Gib mir jetzt die Hand, mein Junge, ich bin

alt und muß schlafen gehen.“

Augustus gab ihm die Hand und konnte nichts sagen, er ging traurig in

das verödete Häuschen hinüber und legte sich zum letzten Male in der

alten Heimat schlafen, und ehe er einschlief, meinte er von drüben ganz

fern und leise die süße Musik seiner Kindheit wieder zu hören. Am

nächsten Morgen ging er davon, und man hörte lange nichts mehr von ihm.

Bald vergaß er auch den Paten Binßwanger und seine Engel. Das reiche

Leben schwoll rings um ihn, und er fuhr auf seinen Wellen mit. Niemand

konnte so wie er durch schallende Gassen reiten und die aufschauenden

Mädchen mit spöttischen Blicken grüßen, niemand verstand so leicht und

hinreißend zu tanzen, so flott und fein im Wagen zu kutschieren, so laut

und prangend eine Sommernacht im Garten zu verzechen. Die reiche Witwe,

deren Geliebter er war, gab ihm Geld und Kleider und Pferde und alles,

was er brauchte und haben wollte, mit ihr reiste er nach Paris und nach

Rom und schlief in ihrem seidenen Bett, seine Liebe aber war eine

sanfte, blonde Bürgerstochter, die er nachts mit Gefahr in ihres Vaters

Garten besuchte und die ihm lange, heiße Briefe schrieb, wenn er auf

Reisen war.

Aber einmal kam er nicht wieder. Er hatte Freunde in Paris gefunden, und

weil die reiche Geliebte ihm langweilig geworden und das Studium ihm

längst verdrießlich war, blieb er im fernen Land und lebte wie die große

Welt, hielt Pferde, Hunde, Weiber, verlor Geld und gewann Geld in großen

Goldrollen, und überall waren Menschen, die ihm nachliefen und sich ihm

zu eigen gaben und ihm dienten, und er lächelte und nahm es hin, wie er

einst als Knabe den Ring des kleinen Mädchens hingenommen hatte. Der

Wunschzauber lag in seinen Augen und auf seinen Lippen, Frauen umgaben

ihn mit Zärtlichkeit, und Freunde schwärmten für ihn, und niemand sah –

er selber fühlte es kaum –, wie sein Herz leer und habgierig geworden

war und seine Seele krank und leidend lag. Zuweilen wurde er es müde, so

von allen geliebt zu sein, und ging allein verkleidet durch fremde

Städte, und überall fand er die Menschen töricht und allzu leicht zu

gewinnen, und überall schien ihm die Liebe lächerlich, die ihm so eifrig

nachlief und mit so wenigem zufrieden war. Frauen und Männer wurden ihm

oft zum Ekel, daß sie nicht stolzer waren, und ganze Tage brachte er

allein mit seinen Hunden hin oder in schönen Jagdgebieten im Gebirge,

und ein Hirsch, den er beschlichen und geschossen hatte, machte ihn

froher als die Werbung einer schönen und verwöhnten Frau.

Da sah er einstmals auf einer Seereise die junge Frau eines Gesandten,

eine strenge, schlanke Dame aus nordländischem Adel, die stand zwischen

vielen andern vornehmen Frauen und weltmännischen Menschen wundervoll

abgesondert, stolz und schweigsam, als wäre niemand ihresgleichen, und

als er sie sah und beobachtete und wie ihr Blick auch ihn nur flüchtig

und gleichgültig zu streifen schien, war ihm so, als erfahre er jetzt

zum allerersten Male, was Liebe sei, und er nahm sich vor, ihre Liebe zu

gewinnen, und war von da an zu jeder Stunde des Tages in ihrer Nähe und

unter ihren Augen, und weil er selbst immerzu von Frauen und Männern

umgeben war, die ihn bewunderten und seinen Umgang suchten, stand er mit

der schönen Strengen inmitten der Reisegesellschaft wie ein Fürst mit

seiner Fürstin, und auch der Mann der Blonden zeichnete ihn aus und

bemühte sich, ihm zu gefallen.

Nie war es ihm möglich, mit der Fremden allein zu sein, bis in einer

Hafenstadt des Südens die ganze Reisegesellschaft vom Schiffe ging, um

ein paar Stunden in der fremden Stadt umherzugehen und wieder eine Weile

Erde unter den Sohlen zu fühlen. Da wich er nicht von der Geliebten, bis

es ihm gelang, sie im Gewühl eines bunten Marktplatzes im Gespräch

zurückzuhalten. Unendlich viele kleine, finstere Gassen mündeten auf

diesen Platz, in eine solche Gasse führte er sie, die ihm vertraute, und

da sie plötzlich sich mit ihm allein fühlte und scheu wurde und ihre

Gesellschaft nicht mehr sah, wandte er sich ihr leuchtend zu, nahm ihre

zögernde Hand in seine und bat sie flehend, hier mit ihm am Lande zu

bleiben und zu fliehen.

Die Fremde war bleich geworden und hielt den Blick zu Boden gewendet.

„Oh, das ist nicht ritterlich,“ sagte sie leise. „Lassen Sie mich

vergessen, was Sie da gesagt haben!“

„Ich bin kein Ritter,“ rief Augustus, „ich bin ein Liebender, und ein

Liebender weiß nichts anderes als die Geliebte, und hat keinen Gedanken,

als bei ihr zu sein. Ach, du Schöne, komm mit, wir werden glücklich

sein.“

Sie sah ihn aus ihren hellblauen Augen ernst und strafend an. „Woher

konnten Sie denn wissen,“ flüsterte sie klagend, „daß ich Sie liebe? Ich

kann nicht lügen: ich habe Sie lieb und habe oft gewünscht, Sie möchten

mein Mann sein. Denn Sie sind der erste, den ich von Herzen geliebt

habe. Ach, wie kann Liebe sich so weit verirren! Ich hätte niemals

gedacht, daß es mir möglich wäre, einen Menschen zu lieben, der nicht

rein und gut ist. Aber tausendmal lieber will ich bei meinem Manne

bleiben, den ich wenig liebe, der aber ein Ritter und voll Ehre und Adel

ist, welche Sie nicht kennen. Und nun reden Sie kein Wort mehr zu mir

und bringen Sie mich an das Schiff zurück, sonst rufe ich fremde

Menschen um Hilfe gegen Ihre Frechheit an.“

Und ob er bat und ob er knirschte, sie wandte sich von ihm und wäre

allein gegangen, wenn er nicht schweigend sich zu ihr gesellt und sie

zum Schiff begleitet hätte. Dort ließ er seine Koffer an Land bringen

und nahm von niemand Abschied.

Von da an neigte sich das Glück des Vielgeliebten. Tugend und Ehrbarkeit

waren ihm verhaßt geworden, er trat sie mit Füßen, und es wurde sein

Vergnügen, tugendhafte Frauen mit allen Künsten seines Zaubers zu

verführen und arglose Menschen, die er rasch zu Freunden gewann,

auszubeuten und dann mit Hohn zu verlassen. Er machte Frauen und Mädchen

arm, die er dann alsbald verleugnete, und er suchte sich Jünglinge aus

edlen Häusern aus, die er verführte und verdarb. Kein Genuß, den er

nicht suchte und erschöpfte; kein Laster, das er nicht lernte und wieder

wegwarf. Aber es war keine Freude mehr in seinem Herzen, und von der

Liebe, die ihm überall entgegenkam, klang nichts in seiner Seele wider.

In einem schönen Landhaus am Meere wohnte er finster und verdrossen und

quälte die Frauen und die Freunde, die ihn dort besuchten, mit den

tollsten Launen und Bosheiten. Er sehnte sich danach, die Menschen zu

erniedrigen und ihnen alle Verachtung zu zeigen; er war es satt und

überdrüssig von unerbetener, unverlangter, unverdienter Liebe umgeben zu

sein, er fühlte den Unwert seines vergeudeten und zerstörten Lebens, das

nie gegeben und immer nur genommen hatte. Manchmal hungerte er lange

Zeit, nur um doch wieder einmal ein rechtes Begehren zu fühlen und ein

Verlangen stillen zu können.

Es verbreitete sich unter seinen Freunden die Nachricht, er sei krank

und bedürfe der Ruhe und Einsamkeit. Es kamen Briefe, die er niemals

las, und besorgte Menschen fragten bei der Dienerschaft nach seinem

Befinden. Er aber saß allein und tief vergrämt im Saal über dem Meere,

sein Leben lag leer und verwüstet hinter ihm, unfruchtbar und ohne Spur

der Liebe wie die graue wogende Salzflut. Er sah häßlich aus, wie er da

im Sessel am hohen Fenster kauerte und mit sich selber Abrechnung hielt.

Die weißen Möwen trieben im Strandwinde vorüber, er folgte ihnen mit

leeren Blicken, aus denen jede Freude und jede Teilnahme verschwunden

war. Nur seine Lippen lächelten hart und böse, als er mit seinen

Gedanken zu Ende war und dem Kammerdiener schellte. Und nun ließ er alle

seine Freunde auf einen bestimmten Tag zu einem Fest einladen; seine

Absicht aber war, die Ankommenden durch den Anblick eines leeren Hauses

und seiner eigenen Leiche zu erschrecken und zu verhöhnen. Denn er war

entschlossen, sich vorher mit Gift das Leben zu nehmen.

Am Abend nun vor dem vermeintlichen Fest sandte er seine ganze

Dienerschaft aus dem Hause, daß es still in den großen Räumen wurde, und

begab sich in sein Schlafzimmer, mischte ein starkes Gift in ein Glas

Zyperwein und setzte es an die Lippen.

Als er eben trinken wollte, wurde an seine Türe gepocht, und da er nicht

Antwort gab, ging die Tür auf, und es trat ein kleiner alter Mann

herein. Der ging auf Augustus zu, nahm ihm sorglich das volle Glas aus

den Händen und sagte mit einer wohlbekannten Stimme: „Guten Abend,

Augustus, wie geht es dir?“

Der Überraschte, ärgerlich und auch beschämt, lächelte voll Spott und

sagte: „Herr Binßwanger, leben Sie auch noch? Es ist lange her, und Sie

scheinen wahrhaftig nicht älter geworden zu sein. Aber im Augenblick

stören Sie hier, lieber Mann, ich bin müde und will eben einen

Schlaftrunk nehmen.“

„Das sehe ich,“ antwortete der Pate ruhig. „Du willst einen Schlaftrunk

nehmen, und du hast recht, es ist dies der letzte Wein, der dir noch

helfen kann. Zuvor aber wollen wir einen Augenblick plaudern, mein

Junge, und da ich einen weiten Weg hinter mir habe, wirst du nicht böse

sein, wenn ich mich mit einem kleinen Schluck erfrische.“

Damit nahm er das Glas und setzte es an den Mund, und ehe Augustus ihn

zurückhalten konnte, hob er es hoch und trank es in einem raschen Zuge

aus.

Augustus war todesbleich geworden. Er stürzte auf den Paten los,

schüttelte ihn an den Schultern und schrie gellend: „Alter Mann, weißt

du, was du da getrunken hast?“

Herr Binßwanger nickte mit dem klugen grauen Kopf und lächelte. „Es ist

Zyperwein, wie ich sehe, und er ist nicht schlecht. Mangel scheinst du

nicht zu leiden. Aber ich habe wenig Zeit und will dich nicht lange

belästigen, wenn du mich anhören magst.“

Der verstörte Mensch sah dem Paten mit Entsetzen in die hellen Augen und

erwartete von Augenblick zu Augenblick, ihn niedersinken zu sehen.

Der Pate setzte sich indessen mit Behagen auf einen Stuhl und nickte

seinem jungen Freunde gütig zu.

„Hast du Sorge, der Schluck Wein könnte mir schaden? Da sei nur ruhig!

Es ist freundlich von dir, daß du Sorge um mich hast, ich hätte es gar

nicht vermutet. Aber jetzt laß uns einmal reden wie in der alten Zeit!

Mir scheint, du hast das leichte Leben satt bekommen? Das kann ich

verstehen, und wenn ich weggehe, kannst du ja dein Glas wieder

vollmachen und austrinken. Aber vorher muß ich dir etwas erzählen.“

Augustus lehnte sich an die Wand und horchte auf die gute, wohlige

Stimme des uralten Männleins, die ihm von Kinderzeiten her vertraut war

und die Schatten der Vergangenheit in seiner Seele wachrief. Eine tiefe

Scham und Trauer ergriff ihn, als sähe er seiner eigenen unschuldigen

Kindheit in die Augen.

„Dein Gift habe ich ausgetrunken,“ fuhr der Alte fort, „weil ich es bin,

der an deinem Elend schuldig ist. Deine Mutter hat bei deiner Taufe

einen Wunsch für dich getan, und ich habe ihr den Wunsch erfüllt, obwohl

er töricht war. Du brauchst ihn nicht zu kennen, er ist ein Fluch

geworden, wie du ja selber gespürt hast. Es tut mir leid, daß es so

gegangen ist, und es möchte mich wohl freuen, wenn ich es noch erlebte,

daß du einmal wieder bei mir daheim vor dem Kamin sitzest und die

Englein singen hörst. Das ist nicht leicht, und im Augenblick scheint es

dir vielleicht unmöglich, daß dein Herz je wieder gesund und rein und

heiter werden könne. Es ist aber möglich, und ich möchte dich bitten, es

zu versuchen. Der Wunsch deiner armen Mutter ist dir schlecht bekommen,

Augustus. Wie wäre es nun, wenn du mir erlaubtest, auch dir noch einen

Wunsch zu erfüllen, irgendeinen? Du wirst ja wohl nicht Geld und Gut

begehren, und auch nicht Macht und Frauenliebe, davon du genug hast.

Besinne dich, und wenn du meinst, einen Zauber zu wissen, der dein

verdorbenes Leben wieder schöner und besser und dich wieder einmal froh

machen könnte, dann wünsche ihn dir!“

In tiefen Gedanken saß Augustus und schwieg, er war aber zu müde und

hoffnungslos, und so sagte er nach einer Weile: „Ich danke dir, Pate

Binßwanger, aber ich glaube, mein Leben läßt sich mit keinem Kamm wieder

glattstreichen. Es ist besser, ich tue, was ich zu tun gedachte, als du

hereinkamst. Aber ich danke dir doch, daß du gekommen bist.“

„Ja,“ sagte der Alte bedächtig, „ich kann mir denken, daß es dir nicht

leicht fällt. Aber vielleicht kannst du dich noch einmal besinnen,

Augustus, vielleicht fällt dir das ein, was dir bis jetzt am meisten

gefehlt hat, oder vielleicht kannst du dich an die früheren Zeiten

erinnern, wo die Mutter noch lebte, und wo du manchmal am Abend zu mir

gekommen bist. Da bist du doch zuweilen glücklich gewesen, nicht?“

„Ja, damals,“ nickte Augustus, und das Bild seiner strahlenden

Lebensfrühe sah ihm fern und bleich wie aus einem uralten Spiegel

entgegen. „Aber das kann nicht wiederkommen. Ich kann nicht wünschen,

wieder ein Kind zu sein. Ach, da finge doch alles wieder von vorne an!“

„Nein, das hätte keinen Sinn, da hast du recht. Aber denke noch einmal

an die Zeit bei uns daheim und an das arme Mädchen, das du als Student

bei Nacht in ihres Vaters Garten besucht hast, und denke auch an die

schöne blonde Frau, mit der du einmal auf dem Meerschiff gefahren bist,

und denke an alle Augenblicke, wo du einmal glücklich gewesen bist und

wo das Leben dir gut und wertvoll schien. Vielleicht kannst du das

erkennen, was dich damals glücklich gemacht hat, und kannst dir das

wünschen. Tu es mir zuliebe, mein Junge!“

Augustus schloß die Augen und sah über sein Leben zurück, wie man aus

einem dunklen Gange nach jenem fernen Lichtpunkt sieht, von dem man

hergekommen ist, und er sah wieder, wie es einst hell und schön um ihn

gewesen und dann langsam dunkler und dunkler geworden war, bis er ganz

im Finstern stand und nichts ihn mehr erfreuen konnte. Und je mehr er

nachdachte und sich erinnerte, desto schöner und liebenswerter und

begehrenswerter blickte der ferne Lichtschein herüber, und schließlich

erkannte er ihn, und Tränen stürzten aus seinen Augen.

„Ich will es versuchen,“ sagte er zu seinem Paten. „Nimm den alten

Zauber von mir, der mir nicht geholfen hat, und gib mir dafür, daß ich

die Menschen liebhaben kann!“

Weinend kniete er vor seinem alten Freunde und fühlte schon im

Niedersinken, wie die Liebe zu diesem alten Manne in ihm brannte und

nach vergessenen Worten und Gebärden rang. Der Pate aber nahm ihn sanft,

der kleine Mann, auf seine Arme und trug ihn zum Lager, da legte er ihn

nieder und strich ihm die Haare aus der heißen Stirn.

„Es ist gut,“ flüsterte er ihm leise zu, „es ist gut, mein Kind, es wird

alles gut werden.“

Darüber fühlte Augustus sich von einer schweren Müdigkeit überfallen,

als sei er im Augenblick um viele Jahre gealtert, er fiel in einen

tiefen Schlaf, und der alte Mann ging still aus dem verlassenen Hause.

Augustus erwachte von einem wilden Lärm, der das hallende Haus erfüllte,

und als er sich erhob und die nächste Tür öffnete, fand er den Saal und

alle Räume voll von seinen ehemaligen Freunden, die zu dem Fest gekommen

waren und das Haus leer gefunden hatten. Sie waren erbost und

enttäuscht, und er ging ihnen entgegen, um sie alle wie sonst mit einem

Lächeln und einem Scherzwort zurückzugewinnen; aber er fühlte plötzlich,

daß diese Macht von ihm gewichen war. Kaum sahen sie ihn, so begannen

sie alle zugleich auf ihn einzuschreien, und als er hilflos lächelte und

abwehrend die Hände ausstreckte, fielen sie wütend über ihn her.

„Du Gauner,“ schrie einer, „wo ist das Geld, das du mir schuldig bist?“

Und ein anderer: „Und das Pferd, das ich dir geliehen habe?“ Und eine

hübsche, zornige Frau: „Alle Welt weiß meine Geheimnisse, die du

ausgeplaudert hast. O wie ich dich hasse, du Scheusal!“ Und ein

hohläugiger junger Mensch schrie mit verzerrtem Gesicht: „Weißt du, was

du aus mir gemacht hast, du Satan, du Jugendverderber?“

Und so ging es weiter, und jeder häufte Schmach und Schimpf auf ihn, und

jeder hatte recht, und viele schlugen ihn, und als sie gingen und im

Gehen die Spiegel zerschlugen und viele von den Kostbarkeiten mitnahmen,

erhob sich Augustus vom Boden, geschlagen und verunehrt, und als er in

sein Schlafzimmer trat und in den Spiegel blickte, um sich zu waschen,

da schaute sein Gesicht ihm welk und häßlich entgegen, die roten Augen

tränten, und von der Stirne tropfte Blut.

„Das ist die Vergeltung,“ sagte er zu sich selber und wusch das Blut von

seinem Gesicht, und kaum hatte er sich ein wenig besonnen, da drang von

neuem Lärm ins Haus, und Menschen kamen die Treppen heraufgestürmt:

Geldleiher, denen er sein Haus verpfändet hatte, und ein Gatte, dessen

Frau er verführt hatte, und Väter, deren Söhne durch ihn verlockt ins

Laster und Elend gekommen waren, und entlassene Diener und Mägde,

Polizei und Advokaten, und eine Stunde später saß er gefesselt in einem

Wagen und wurde ins Gefängnis geführt. Hinterher schrie das Volk und

sang Spottlieder, und ein Gassenjunge warf durchs Fenster dem

Davongeführten eine Handvoll Kot ins Gesicht.

Da war die Stadt voll von den Schandtaten dieses Menschen, den so viele

gekannt und geliebt hatten. Kein Laster, dessen er nicht angeklagt war,

und keines, das er verleugnete. Menschen, die er lange vergessen hatte,

standen vor den Richtern und sagten Dinge aus, die er vor Jahren getan

hatte; Diener, die er beschenkt und die ihn bestohlen, erzählten die

Geheimnisse seiner Laster, und jedes Gesicht war voll von Abscheu und

von Haß, und keiner war da, der für ihn sprach, der ihn lobte, der ihn

entschuldigte, der sich an Gutes von ihm erinnerte.

Er ließ alles geschehen, ließ sich in die Zelle und aus der Zelle vor

die Richter und vor die Zeugen führen, er blickte verwundert und traurig

aus kranken Augen in die vielen bösen, entrüsteten, gehässigen

Gesichter, und in jedem sah er unter der Rinde von Haß und Entstellung

einen heimlichen Liebreiz und Schein des Herzens glimmen. Alle diese

hatten ihn einst geliebt, und er keinen von ihnen, nun tat er allen

Abbitte und suchte bei jedem sich an etwas Gutes zu erinnern.

Am Ende wurde er in ein Gefängnis gesteckt, und niemand durfte zu ihm

kommen, da sprach er in Fieberträumen mit seiner Mutter und mit seiner

ersten Geliebten, mit dem Paten Binßwanger und mit der nordischen Dame

vom Schiff, und wenn er erwachte und furchtbare Tage einsam und verloren

saß, dann litt er alle Pein der Sehnsucht und Verlassenheit und

schmachtete nach dem Anblick von Menschen, wie er nie nach irgendeinem

Genusse oder nach irgendeinem Besitz geschmachtet hatte.

Und als er aus dem Gefängnisse kam, da war er krank und alt, und niemand

kannte ihn mehr. Die Welt ging ihren Gang, man fuhr und ritt und

promenierte in den Gassen, Früchte und Blumen, Spielzeug und Zeitungen

wurden feilgeboten, nur an Augustus wandte sich niemand. Schöne Frauen,

die er einst bei Musik und Champagner in seinen Armen gehalten hatte,

fuhren in Equipagen an ihm vorbei, und hinter ihren Wagen schlug der

Staub über Augustus zusammen.

Die furchtbare Leere und Einsamkeit aber, in welcher er mitten in seinem

prächtigen Leben erstickt war, die hatte ihn ganz verlassen. Wenn er in

ein Haustor trat, um sich für Augenblicke vor der Sonnenglut zu

schützen, oder wenn er im Hof eines Hinterhauses um einen Schluck Wasser

bat, dann wunderte er sich darüber, wie mürrisch und feindselig ihn die

Menschen anhörten, dieselben, die ihm früher auf stolze und lieblose

Worte dankbar und mit leuchtenden Augen geantwortet hatten. Ihn aber

freute und ergriff und rührte jetzt der Anblick jedes Menschen, er

liebte die Kinder, die er spielen und zur Schule gehen sah, und er

liebte die alten Leute, die vor ihrem Häuschen auf der Bank saßen und

die welken Hände an der Sonne wärmten. Wenn er einen jungen Burschen

sah, der ein Mädchen mit sehnsüchtigen Blicken verfolgte, oder einen

Arbeiter, der heimkehrend am Feierabend seine Kinder auf die Arme nahm,

oder einen feinen, klugen Arzt, der still und eilig im Wagen dahinfuhr

und an seine Kranken dachte, oder auch eine arme, schlecht gekleidete

Dirne, die am Abend in der Vorstadt bei einer Laterne wartete und sogar

ihm, dem Verstoßenen, ihre Liebe anbot, dann waren alle diese seine

Brüder und Schwestern, und jeder trug die Erinnerung an eine geliebte

Mutter und an eine bessere Herkunft oder das heimliche Zeichen einer

schöneren und edleren Bestimmung an sich und jeder war ihm lieb und

merkwürdig und gab ihm Anlaß zum Nachdenken, und keiner war schlechter,

als er selbst sich fühlte.

Augustus beschloß, durch die Welt zu wandern und einen Ort zu suchen, wo

es ihm möglich wäre, den Menschen irgendwie zu nützen und ihnen seine

Liebe zu zeigen. Er mußte sich daran gewöhnen, daß sein Anblick

niemanden mehr froh machte; sein Gesicht war eingefallen, seine Kleider

und Schuhe waren die eines Bettlers, auch seine Stimme und sein Gang

hatten nichts mehr von dem, was einst die Leute erfreut und bezaubert

hatte. Die Kinder fürchteten ihn, weil sein struppiger grauer Bart lang

herunterhing, die Wohlgekleideten scheuten seine Nähe, in der sie sich

unwohl und beschmutzt fühlten, und die Armen mißtrauten ihm als einem

Fremden, der ihnen ihre paar Bissen wegschnappen wollte. So hatte er

Mühe, den Menschen zu dienen. Aber er lernte und ließ sich nichts

verdrießen. Er sah ein kleines Kind sich nach der Türklinke des

Bäckerladens strecken und sie mit dem Händchen nicht erreichen. Dem

konnte er helfen, und manchmal fand sich auch einer, der noch ärmer war

als er selbst, ein Blinder oder Gelähmter, dem er ein wenig auf seinem

Wege helfen und wohltun konnte. Und wo er das nicht konnte, da gab er

doch freudig das wenige, was er hatte, einen hellen, gütigen Blick und

einen brüderlichen Gruß, eine Gebärde des Verstehens und des Mitleidens.

Er lernte es auf seinen Wegen den Leuten ansehen, was sie von ihm

erwarteten, woran sie Freude haben würden: der eine an einem lauten,

frischen Gruß, der andere an einem stillen Blick und wieder einer daran,

daß man ihm auswich und ihn nicht störte. Er wunderte sich täglich,

wieviel Elend es auf der Welt gäbe und wie vergnügt doch die Menschen

sein können, und er fand es herrlich und begeisternd, immer wieder zu

sehen, wie neben jedem Leid ein frohes Lachen, neben jedem Totengeläut

ein Kindergesang, neben jeder Not und Gemeinheit eine Artigkeit, ein

Witz, ein Trost, ein Lächeln zu finden war.

Das Menschenleben schien ihm vorzüglich eingerichtet. Wenn er um eine

Ecke bog und es kam ihm eine Horde Schulbuben entgegengesprungen, wie

blitzte da Mut und Lebenslust und junge Schönheit aus allen Augen, und

wenn sie ihn ein wenig hänselten und plagten, so war das nicht so

schlimm; es war sogar zu begreifen, er fand sich selber, wenn er sich in

einem Schaufenster oder beim Trinken im Brunnen gespiegelt sah, recht

welk und dürftig von Ansehen. Nein, für ihn konnte es sich nicht mehr

darum handeln, den Leuten zu gefallen oder Macht auszuüben, davon hatte

er genug gehabt. Für ihn war es jetzt schön und erbaulich, andere auf

jenen Bahnen streben und sich fühlen zu sehen, die er einst gegangen

war, und wie alle Menschen so eifrig und mit soviel Kraft und Stolz und

Freude ihren Zielen nachgingen, das war ihm ein wunderbares Schauspiel.

Indessen wurde es Winter und wieder Sommer, Augustus lag lange Zeit in

einem Armenspital krank, und hier genoß er still und dankbar das Glück,

arme, niedergeworfene Menschen mit hundert zähen Kräften und Wünschen am

Leben hängen und den Tod überwinden zu sehen. Herrlich war es, in den

Zügen der Schwerkranken die Geduld und in den Augen der Genesenden die

helle Lebenslust gedeihen zu sehen, und schön waren auch die stillen,

würdigen Gesichter der Gestorbenen, und schöner als dies alles war die

Liebe und Geduld der hübschen, reinlichen Pflegerinnen. Aber auch diese

Zeit ging zu Ende, der Herbstwind blies, und Augustus wanderte weiter,

dem Winter entgegen, und eine seltsame Ungeduld ergriff ihn, als er sah,

wie unendlich langsam er vorwärts kam, da er doch noch überall hinkommen

und noch so vielen, vielen Menschen in die Augen sehen wollte. Sein Haar

war grau geworden, und seine Augen lächelten blöde hinter roten, kranken

Lidern, und allmählich war auch sein Gedächtnis trübe geworden, so daß

ihm schien, er habe die Welt niemals anders gesehen als heute; aber er

war zufrieden und fand die Welt durchaus herrlich und liebenswert.

So kam er mit dem Einbruch des Winters in eine Stadt; der Schnee trieb

durch die dunkeln Straßen, und ein paar späte Gassenbuben warfen dem

Wanderer Schneeballen nach, sonst aber war alles schon abendlich still.

Augustus war sehr müde, da kam er in eine schmale Gasse, die schien ihm

wohlbekannt, und wieder in eine, und da stand seiner Mutter Haus und das

Haus des Paten Binßwanger, klein und alt im kalten Schneetreiben, und

beim Paten war ein Fenster hell, das schimmerte rot und friedlich durch

die Winternacht.

Augustus ging hinein und pochte an die Stubentür, und der kleine alte

Mann kam ihm entgegen und führte ihn schweigend in seine Stube, da war

es warm und still und ein kleines, helles Feuer brannte im Kamin.

„Bist du hungrig?“ fragte der Pate. Aber Augustus war nicht hungrig, er

lächelte nur und schüttelte den Kopf.

„Aber müde wirst du sein?“ fragte der Pate wieder, und er breitete sein

altes Fell auf dem Boden aus, und da kauerten die beiden alten Leute

nebeneinander und sahen ins Feuer.

„Du hast einen weiten Weg gehabt,“ sagte der Pate.

„Oh, es war sehr schön, ich bin nur ein wenig müde geworden. Darf ich

bei dir schlafen? Dann will ich morgen weitergehen.“

„Ja, das kannst du. Und willst du nicht auch die Engel wieder tanzen

sehen?“

„Die Engel? O ja, das will ich wohl, wenn ich einmal wieder ein Kind

sein werde.“

„Wir haben uns lange nicht mehr gesehen,“ fing der Pate wieder an. „Du

bist so hübsch geworden, deine Augen sind wieder so gut und sanft wie in

der alten Zeit, wo deine Mutter noch am Leben war. Es war freundlich von

dir, mich zu besuchen.“

Der Wanderer in seinen zerrissenen Kleidern saß zusammengesunken neben

seinem Freunde. Er war noch nie so müde gewesen, und die schöne Wärme

und der Feuerschein machte ihn verwirrt, so daß er zwischen heute und

damals nicht mehr deutlich unterscheiden konnte.

„Pate Binßwanger,“ sagte er, „ich bin wieder unartig gewesen und die

Mutter hat daheim geweint. Du mußt mit ihr reden und ihr sagen, daß ich

wieder gut sein will. Willst du?“

„Ich will,“ sagte der Pate, „sei nur ruhig, sie hat dich ja lieb.“

Nun war das Feuer kleingebrannt, und Augustus starrte mit denselben

großen schläfrigen Augen in die schwache Röte, wie einstmals in seiner

früheren Kindheit, und der Pate nahm seinen Kopf auf den Schoß, eine

feine, frohe Musik klang zart und selig durch die finstere Stube, und

tausend kleine, strahlende Geister kamen geschwebt und kreisten

frohmütig in kunstvollen Verschlingungen umeinander und in Paaren durch

die Luft. Und Augustus schaute und lauschte und tat alle seine zarten

Kindersinne weit dem wiedergefundenen Paradiese auf.

Einmal war ihm, als habe ihn seine Mutter gerufen; aber er war zu müde,

und der Pate hatte ihm ja versprochen, mit ihr zu reden. Und als er

eingeschlafen war, legte ihm der Pate die Hände zusammen und lauschte an

seinem stillgewordenen Herzen, bis es in der Stube völlig Nacht geworden

war.

Der Dichter

Mathilde Schwarzenbach gewidmet

Es wird erzählt, daß der chinesische Dichter Han Fook in seiner Jugend

von einem wunderbaren Drang beseelt war, alles zu lernen und sich in

allem zu vervollkommnen, was zur Dichtkunst irgend gehört. Er war

damals, da er noch in seiner Heimat am Gelben Flusse lebte, auf seinen

Wunsch und mit Hilfe seiner Eltern, die ihn zärtlich liebten, mit einem

Fräulein aus gutem Hause verlobt worden, und die Hochzeit sollte nun

bald auf einen glückverheißenden Tag festgesetzt werden. Han Fook war

damals etwa zwanzig Jahre alt und ein hübscher Jüngling, bescheiden und

von angenehmen Umgangsformen, in den Wissenschaften unterrichtet und

trotz seiner Jugend schon durch manche vorzügliche Gedichte unter den

Literaten seiner Heimat bekannt. Ohne gerade reich zu sein, hatte er

doch ein auskömmliches Vermögen zu erwarten, das durch die Mitgift

seiner Braut noch erhöht wurde, und da diese Braut außerdem sehr schön

und tugendhaft war, schien an dem Glücke des Jünglings durchaus nichts

mehr zu fehlen. Dennoch war er nicht ganz zufrieden, denn sein Herz war

von dem Ehrgeiz erfüllt, ein vollkommener Dichter zu werden.

Märchen · 第 1 / 8 段