Und in das Getriebe der sich fortbewegenden Heereskörper geriet, von Süden

gescheucht, hin und her taumelnd, der pockennarbige Mitzlaff; bei ihm die

Obersten Buben, Holk, Baudissin und zweitausend Pferde und sechs

Dragonerkompagnien. Merode und Pechmann hinter ihnen her; wie die Hirsche

flogen sie am Jäger vorbei. Schon waren sie bei Küstrin, da zwang sie

Pechmann ostwärts herüber. Von seinem Überfluß schickte der

vorbeimarschierende kaiserliche General Regimenter um sie herum, todeswütig

brachen die Gehetzten über eine Warthebrücke noch einmal nach Westen vor,

es war nicht mehr weit nach Dönitz.

Da standen in einer Augustnacht die Wallensteinischen Regimenter auf an

allen Seiten um sie. Bei Bernstein wurden die Dänen in der wolkenlosen

mondhellen Nacht zusammengehauen, nachdem sie noch vergeblich die

geängstigten brandenburgischen Befehlshaber, Lutherische wie sie, ihnen

herzlich zugetan, um Durchzug gebeten hatten. Buben, Holk wurden gefangen.

Pechmann, der Wallenstein geschworen hatte, er würde die Dänen nicht an

ihren König lassen, in der Mondhelligkeit von Mitzlaff erkannt, durch zwei

dänische fliehende Leutnants von seinem Stabe abgelockt, wurde, er, der

Sieger, von einer besonders beorderten Rotte niedergemacht, zermalmt, im

Tode enthauptet, geplündert, zerhackt; man fand später nur seine

Rüstungsstücke.

Mitzlaff und Baudissin schwammen, während man im Morgengrauen nach ihnen

suchte, schon über die rollende Warthe. Christian gelobte ihnen, als er sie

umarmt, den Krampf seines Herzens beruhigt hatte, er werde Widerstand

leisten dem Böhmen, aber er wolle fort, er wolle fort aus Deutschland.

Der Uckermärker Arnim mit Ungestüm gegen die Dänen unter dem unbeugsamen

Markgrafen von Durlach in Mecklenburg vordrängend nahm von der

überschwappenden Fülle der beiden Hauptmächte sieben Regimenter zu Pferde

und zu Fuß an sich, hieb aus Ort um Ort, Stadt um Stadt, Schloß um Schloß

den Durlach heraus. Die Proteste der beiden regierenden Mecklenburger

Herzöge, dem niedersächsischen Kriegsverband angeschlossen, nahm er nicht

an. Keinen Ort, der eine Mauer hatte, verschonte er. Vor Wismar, auf die

Insel Poel verkroch sich der Feind; da hielt Arnim an.

Der Kommandant von Dönitz übergab kampflos den Ort nach zwei Tagen.

Elbabwärts fuhr der Herzog zu Schiffe nach Lauenburg in Tillys Lager; mit

Pomp, kostbarer Bewirtung wurde er empfangen, selber mit königlicher

Pracht, wahrhaft asiatischem Gepränge auftretend, umgeben von seiner

Leibgarde und gefangenen feindlichen Offizieren.

Eine Verabredung wurde getroffen. Graf Schlick, achtundsechzig

Reiterkompagnien herumwerfend, gegen die geballten Massen des alten

Matthias Thurn, überritt die holsteinische Grenze, brauste über Trittau,

Altrahlstadt, an Hamburg vorbei. So groß war die Verwirrung Angst

Ratlosigkeit in der Hansastadt, als unabsehbar die Armeen herantobten, daß

sie drin die Waffen gegeneinander erhoben und erst die Sorge um die schwere

Lebensmittelkontribution sie zur Besinnung zwang. Die schweren Völker des

Herzogs, des Brabanters rollten nach, getrennt Lager und Hauptquartiere.

Tilly, von Tag zu Tag gepeitscht durch Briefe des Bayern, sich in seiner

Selbständigkeit nichts zu vergeben, im Erfolg die Vorderhand zu erlangen,

hitzig, vergrämt, kaum dem Kommando gewachsen, Offiziere dauernd an den

Herzog verlierend, flackernd zwischen Groll auf sich, Verbitterung gegen

seinen Kurfürsten, wurde, der wachsblasse Eisenzwerg, erlöst durch eine

Musketenkugel, die ihm nächst den Wällen Pinnebergs das linke Knie aufriß,

herunterwarf vom Pferd. In der Prunksänfte Wallensteins, der Herzog drängte

sie ihm auf, wurde er aus Pinneberg rückwärts getragen. Und dann, wie er

lag, weiter rückwärts. Seine Truppen zog er mit sich, an die

Weserstellungen; im Augenblick löste er sich von Friedland, ächzte, blickte

steif und drehte sich nicht um. Hinter Wallenstein marschierten nur drei

ligistische Regimenter, Fürstenberg, Reinach, Herberstorff, dazu die

Artillerie.

Die Kroaten, leichten Reiter, wehten dicht schwärmend wie Staub vor der

Stirn des bewegenden Heereskörpers. Ihr Windzug, der Dunst ihrer Pferde

warf Beklemmung über den Feind. Der Graf Thurn schäumend, seine Rüstung

zertretend, zwang seine Kavallerie, neben sich den Rheingrafen Otto Ludwig,

noch einmal ins Feld zwischen Elmshorn und Horst; wie Wasser über dem Feuer

verdampfte, verbrodelte die Masse beim Anrücken des Friedländers. Zum König

von Dänemark nach Glückstadt wich Thurn. Der Rheingraf rettete sich

nordwärts nach Rendsburg. In Glückstadt äscherte der König Häuser und

Scheunen um sich ein, das Land längs des Elbeufers setzte er unter Wasser.

Die Heere marschierten rechts vorbei. Über Itzehoe, vier Kompagnien

Schotten zermalmend, traten und tauchten sie. Die Schlicksche Kavallerie

breitete sich ostwärts aus in Holstein, nach Oldenburg im Lande Wagrien.

Der Durlacher setzte rettungsuchend, von der Insel Poel abgesperrt, auf

Schiffen mit dem Überbleibsel seiner Söldner nach Holstein über, flüchtend

und bereit, heimlich am Meer entlang zu schleichen. Von der Höhe des Dorfes

Großenbrode stieg im Morgengrauen Schlick überwältigend gegen ihn herunter.

Das Heer, nur die graue See hinter sich, in die Knie brechend, streckte die

Waffen. Siebenundzwanzig Kompagnien Infanterie, fünfzehn zu Pferd, die des

dänischen Königs Krone und Herz gewesen waren, hoben ihre Fahnen, ließen

das Regimentsspiel erklingen, dienten dem Sieger. Der Durlach hieb sich,

sein Herz versteinernd, durch seine eigene, Wege und Strand finster

überlagernde Armee. Zweitausend Reiter riß er mit sich nach Flensburg, nach

Fünen. Schlick flutete wild herauf nach Jütland.

Links von ihm Wallenstein faßte Rendsburg mit den Zähnen, schüttelte die

Besatzung wie aus einem Sack heraus. Sie liefen zu ihrem König.

Christian in Glückstadt an der Elbe verlassen schwamm mit seinen sanften

Frauen auf drei kleinen Barken, um seiner zerschlagenen zertrümmerten Dänen

ansichtig zu werden und sich gemeinsam mit ihnen fortwehen zu lassen. Jetzt

weinten die Frauen um ihn; aber er, ohne Waffen, weichäugig, im goldgelben

Rock, jünglingshaft schlank an einem Mast unter dem bunten Himmel stehend,

winkte den Dänen ruhig mit seinem leichten Federhut; es sei eine

Wiederholung, was hier geschehe. Der Pfälzer Friedrich, sein lieber edler

Freund, sei wie er gegen den römischen Kaiser gezogen; es sei ein Glück,

daß Dänemark nicht in Deutschland läge, man könne nicht heran an ihn. Er

müsse siegen, stöhnten die Damen, in dünnen Seidentüchern das Gesicht

verhüllend, er würde siegen; spitzfüßig liefen sie auf weißen Schuhchen zu

drei und vier auf ihn zu, die losen bunten Röcke raffend beim Sprung über

die Balken und Seile, die Reseden aus dem Haar verlierend. Nicht,

tätschelte er sie, oder doch, er werde siegen, er werde den deutschen

Kaiser besiegen, durch Ruhe und Klugheit; er werde Frieden mit ihm

schließen. »Ich muß bezahlen, meine lieben Kinder, oder mich in dies weite

schöne Meer stürzen.« Seine Armee suchte er bei Rendsburg und fand sie

nicht; in Flensburg nahm ihn die Woge der Durlachschen Kavallerie auf; sie

legten Hadersleben hinter sich in Asche, Kolding machten sie dem Erdboden

gleich; sie mußten Schiffe nehmen, die brachten sie nach Fünen.

Hinter ihnen nahm das Drängen kein Ende. Die Schlickschen Massen faßten

nach Westen herüber, packten bei Viborg versprengtes feindliches Kriegsvolk

an, das entwich nordwärts, stach verzweifelt Dämme und Gräben hinter sich

durch, warf Brandfackeln um sich, hinter sich in Gehöfte Dörfer:

sechsundzwanzig Kompagnien der Regimenter Kalenberg, Nell, Holk;

Baudissinsche Reiter, schleswigsche Landmannschaften. Am Limfjord machten

sie halt, wollten sich in die Sümpfe, Moräste von Vandsyssel werfen. Da

stellte sich ihnen das gereizte Landvolk entgegen, Kompagnien verweigerten

den Gehorsam, voll Unsicherheit lief man durch Aalberg zurück ans Meer. Bei

Hobro wurden sie zusammengehauen, im Getümmel wälzten sie sich zum

drittenmal auf Aalborg; da saß, Piken und Musketen vorstreckend, Graf

Schlick. Sie wurden nur schwer durch die Kaiserlichen abgehalten, unter

sich selbst in der Wut ein Blutbad anzurichten; man nahm ihnen die Waffen

ab; keiner entkam. Die dänischen Generäle, verwundet, von ihren eigenen

Soldaten ihrer Pferde beraubt, Konrad Nell, Heinrich Kalenberg, gaben sich

schamzuckenden Gesichts in den Schutz ihrer Feinde.

Durch das herbstliche Fünen fuhr langsam in einem Sechsspänner, den Stern

auf der linken Brust, eine breite goldene Schärpe auf dem gelben

zerdrückten Rock, Christian, sprach freundlich mit jeder Bäuerin, die sich

seinem Wagen näherte, ihm weinend ihre Kinder zeigend, drückte in Odense

auf dem Rathaus den Reichsräten mit Stolz und Ruhe die Hand. Die, um ihren

König klagend, Christian Friessen, Magnus Uhlfeld, Olof Rosenspars, Breide

Rantzau, Ewald Kruse, Kanzler, Reichsadmiral, Statthalter, erhoben, wie er

den Rücken kehrte und donnernd ungesättigt das grausame Kriegsungeheuer die

Krokodilskiefern über ihre Grenze streckte, ein markerschütterndes

Wehegeschrei: nicht die Krone Dänemark, nur der niedersächsische Kreis habe

mit diesem Krieg etwas zu schaffen, man möge dessen gedenken, menschlich

sein, der nachbarlichen Freundschaft sich erinnern. Man möge ein Ziel

setzen diesem grausigen, durch fast ganz Europa gezogenen Brand, bei eines

fremden Reiches Wassern und Seen, nicht noch mehr, endlos mehr Königreiche

Fürstentümer und Lande dem Unwesen, Raub, Verwüstung, grenzenlosem

Blutvergießen übergeben und aufopfern.

In Seeland erhob sich das Volk gegen den König, die Begleiter schützten

ihn, in Fischertracht flüchteten sie weiter. Im nördlichen Deutschland

verbreitete sich das Gerücht, die dänischen Bauern und Bürger hielten in

Odense ihren Reichsrat gefangen. Wollten in Entsetzen den Römischen Kaiser

oder Wallenstein zu ihrem König wählen, um sich zu retten.

* * * * *

Der Kaiser entschloß sich, nach den Siegen nach Böhmen zur Krönung zu

reisen. In einer unbezwinglichen Bewegung nahm ihn der Entschluß gefangen.

Er ordnete die Maßnahme in finsterer Freude, Gehobenheit an, gab der

Mantuanerin, die ihn fragte, warum man im Winterbeginn reisen wolle, den

Bescheid, daß keine Wahl bliebe. Er wollte sich gekrönt seinem großen

Widerpart über alle Länder weg gegenüberstellen, während der noch in

Holstein Mecklenburg war. Man brach mit ungeheurer Pracht auf; die Gelder,

aus dem Felde geschickt, strömten aus Kontributionen.

Auf dem Laurenzerberge krachten Geschütze; die Hälfte schoß Salut, die

andere schwieg, scharf geladen, zum Schutz des Kaisers. Aus der

Wenzelskapelle wurde die Krone geholt, die sich zuletzt der geächtete

Friedrich aufgesetzt hatte; ein Kardinal führte den Kaiser zum Hochaltar.

Gesalbt am rechten Arm, Schultern, Brust, mit dem Wenzelschwert umgürtet,

Szepter und Apfel tragend, die Krone aufgedrückt.

Die Böhmen ließen es geschehen; sie hatten geträumt, Wallenstein würde in

Prag erscheinen; er ihr Trost, ihre unsinnige, immer wieder sich erneuernde

Hoffnung. Der Landtag wurde eröffnet, seit vielen Jahren der erste, man las

ihnen die königlichen Propositionen vor; keine Rettung, es gab keine

Wunder. Sie schmeichelten sich an den neuen König, brachten Geschenke,

bewilligten Steuern, boten eine Jagd bei Prag an; wurden bedankt, aber wie

zum Hohn ließ der Kaiser auch seinen Sohn vor ihnen krönen; man rief sie

nicht, nicht einmal zur Dekoration; die Prunkherren und Damen waren aus

Wien gefahren, füllten den heiligen Dom, schlossen die Wenzelkapelle auf.

Kein Wort klang von den alten Freiheiten und Privilegien, eine erneuerte

Landesordnung des Erbkönigreichs Böhmen machte allem ein Ende. Aber der

geistliche Stand nahm am böhmischen Landtag teil, Bischöfe, Priester,

Jesuiten, an dem Landtag, den die Adligen die habsburgische

Krönungsmaskerade nannten. Rasend vor Haß zogen sie sich zurück; weinende

und verbissene Gesichter bei ihren Zusammenkünften. Zum Grafen Thurn

wollten sie schicken, flehend, sie nicht zu lange leiden zu lassen, aber

lebte Thurn noch? Sie schickten Leute, ihn zu suchen; wieder wanderten

Adlige aus. Wallenstein gewinnen! Wallenstein gewinnen! Oder ermorden.

Und wie er ankam aus den Winterquartieren durch die gebändigten Gebiete,

durch Mecklenburg, die Mark, über Wittenberg Bernau, Sommerfeld Sagan, auf

Gitschin, langsam, auf den glatten und verschneiten Wegen, wußte er nicht,

daß er von böhmischen Exulanten, mordsüchtigen Fanatikern, seinen

Landsleuten umzüngelt war, aber begriff, daß man ihm zu jeder Zeit ans

Leben wollte. Er hatte seine Leibgarde auf sechshundert Mann erhöht; mit

vierhundert bis auf das Blut geprüften Wallonen und Italienern, die

hochmütig auf die deutschen Völker sahen, durch Stärke Gewandtheit Prunk

alle überragend, ließ er sich in den böhmischen Kessel herunter.

Da durchwellten schreckenverbreitend zwei Ströme das Land, der römische

Kaiserhof und Wallenstein. Wie Fremde standen die Böhmen in ihrem Land,

ihre Rücken beugten sie.

Der Kaiser zog zu Huldigungen durch die Städte; in Brandeis, auf dem

kaiserlichen Schloß, erreichte ihn der General der Armada. Er hatte nicht

den Wunsch, den Kaiser zu sprechen; Ferdinand hatte ihn zu sich gefordert.

Dann begegneten sie sich in dem Empfangssaal zu Brandeis. Ferdinand, der

heitere Banketteur, Wildschweinjäger, demütiger Christ, aufgerissen zu

blendender betäubender mystischer Größe unter einem Purpurbaldachin, die

Krönungsinsignien, Mantel mit furchtbar springenden schwanzpeitschenden

Löwen, goldene Krone, Szepterstab, kreuztragenden Reichsapfel wie eigene

Organe bewegend, drohend, lodernd, gar nicht versunken. Und vor ihm durch

das Spalier der Trabanten, Fahnenträger, starr stehenden Räte, Priester

herschleichend, verwundert und widerwillig, das lange ledergehüllte

gelbäugige Geschöpf, mißtrauisch, fremdartig. Mit schwanzpeitschenden

giraffenwürgenden Löwen aus Gold, mit bügelüberzogener buntgesteinter

Goldkrone, dem uralten Reichsschwert brannte der oben zu ihm her,

heischend, stumm sprechend aus einem Gehäuse von Purpur. Er verstand ihn

nicht; wollte man ihn morden, nach den Siegen; hatte er zuviel gesiegt; er

hatte seine unwiderstehlichen stählernen Wallonen nicht zum Schutz. Man

ließ ihn fort, nach feierlichen Gastmählern. Er schüttelte sich draußen,

trug nichts davon. Seine Garde führte ihn nach Prag.

Er rechnete mit dem Kaiser ab. Seine Verwaltung machte eine sehr genaue und

spezialisierte Aufstellung an den Abt von Kremsmünster, der sie lächelnd

dem Kaiser übergab. Ferdinand überflammt, tief beglückt: »So brauch' ich

doch nicht verzagen. So gibt mir der Herzog von Friedland eine Gelegenheit,

einen Vorwand, ihn zu ehren. Daß seine Verdienste um mich nicht

abzuschätzen sind, weiß ich. Ich bin ja geradezu wehrlos, gesteht selbst,

Abt Anton, gegen ihn. Wie soll ich mich rächen an ihm für diesen Feldzug?«

Er tat, als ob er lächelte, dann berührte er den Abt ernst an der Hand:

»Ich muß mich doch behaupten gegen ihn.«

Elf Herren bildeten den Geheimen Rat des Kaisers; zu besonderen Aufgaben

wurden noch zugezogen Zdenko Fürst Lobkowitz, Otto von Nostitz. Auf allen

lastete nach den beispiellosen Siegen des Sommers der Druck, sich mit dem

Böhmen abzufinden. Slawata, der schöne, Wallensteins Vetter, in den

Geheimen Rat aufgenommen, äußerte in Abwesenheit des Kaisers: »Der Herzog

hat sein Korn schon in den Scheuern. Bemühen sich die Herren nicht. Die

edlen Herren sind nicht meiner Auffassung. Die Aufstellung, die der Herzog

von Friedland eingeschickt hat, ist schamlos. Es ist richtig, wie er

schreibt, daß er den Obersten den genannten Betrag vorgestreckt hat; doch

hat er vergessen, von den Obersten, den Offizieren, von sich selbst eine

Aufstellung zu verlangen über die Kontributionsbeträge, die von den

Städten, Kreisen, Ständen, Privatpersonen erpreßt sind. Diese Gegenrechnung

wird uns selber von dem Lande und den Fürsten gemacht werden.«

Kollalto, der Präsident des Hofkriegsrats, der Weintrinker, gab von sich,

daß man sich mit solchen Vermutungen auf unsicheres Gebiet begebe. Das

Kriegshandwerk bringe Schwierigkeiten und Härten mit sich; insinuiere man

dem Herzog keine Gewalttätigkeiten und die Betreibung so ungeheurer Summen.

Trautmannsdorf hielt es für gleichgültig, ob der Herzog zu viel verlange,

zu wenig verlange; die Hauptsache bliebe, daß der Kaiser nicht »nein« sagen

könne.

Eggenberg gab ein schlechtweg friedländisches Votum ab; Wallensteins

Unkosten und Auslagen seien vom Kaiser zu begleichen, darüber hinaus sei

der Herzog zu belohnen. Er habe ihrer Majestät Königreiche, Lande, Erzhaus

und Nachfolge, die jedermann für verloren gehalten habe, von des Feindes

Gewalt befreit, ganz Deutschland zum Gehorsam gebracht, ihre Majestät zum

Herrn vom Adriatischen bis zum deutschen Meer gemacht.

Sie zerrten aneinander, dachten auf ihre Weise sich Wallensteins zu

entledigen. Er knirschte und krachte ihnen, wie sie noch saßen, sein

Begehren über Nacken und Schultern. Er vermöge, ließ er sich schallend aus

Prag vernehmen, keinen Unterschied zu sehen zwischen seinen Leistungen und

denen des Kurfürsten Maximilian nach der Prager Schlacht; danach ergebe

sich das Weitere für die Schulden des Hofes. Was den Landbesitz anlange,

auf den er bei der zeitigen Geldknappheit des Kaisers Anspruch erhebe, so

hätten die beiden Mecklenburger Herzöge durch ihren Anschluß an den

Niedersächsischen Bund ihr Land verwirkt wie der Pfälzer. Nur

Trautmannsdorf ging spöttelnd in dem lautlosen Kreise: »Jetzt wollt Ihr ihm

alle an den Leib. Warum die Dinge so überstürzen! Jetzt möchtet Ihr ihn aus

purer Voreiligkeit lieber heute als morgen absetzen, ja köpfen. Ihr Herren!

Habt Geduld! Laßt uns noch eine Zeitlang siegen. Warum so kurzatmig? Mir,

dem sehr beliebigen Trautmannsdorf, sogar Euch, dem verdienten Fürsten

Eggenberg, kann zwischen heute und morgen Schlimmes vom Herzog begegnen.

Und zwar Endgültiges. Derart, daß wir mit Homer lieber lebendige Mäuse

wären als begrabene, beiseite geschaffte, allerhöchste Würdenträger und

Bemäkler Wallensteins, des Feldherrnwunders und so fort. Vorläufig hat er

es aber gar nicht mit uns zu tun. Ich betone: vorläufig; ich lege Gewicht

auf den Zeitpunkt. Und Habsburg, oh, das nimmt es mit sehr vielen

Attentätern Bösewichten Hochverrätern auf. Das lebt sehr ungerührt und

kaltherzig über solche momentanen geistreichen Einfälle hinweg. Das meint

Ihr doch auch. Einem Herrscherhaus wie den Habsburgern kann im Grunde gar

nichts passieren. Und damit, Euer Liebden, möchte ich rechnen. Es ist nicht

so kurios, wie es scheint. Ich lasse dem Herzog seine Indolenzen und

Maßlosigkeiten durch. Als Vorspann macht er sich gut. Ein wildes Pferd

schlägt auch mal gegen den Wagen. Warum nicht? Es zeigt damit, daß es

töricht ist und eventuell nicht in den Stall geführt wird, vielleicht sein

hoffnungsvolles Leben in einer Roßschlächterei endet.«

In Prag hatten unter den Feiern andere Boten vergeblich Zutritt zu den

krönungstrunkenen Majestäten gesucht, stille, sehr wenig eilige Männer,

Greise, bettlerhaft gekleidete Menschen in großer Zahl, müde und verloren

herumwandernd, sich umblickend. Sie drängten traurig zum Römischen Kaiser,

Bürgermeister des niedersächsischen Kreises, Ausschüsse von Stadt- und

Dorfgemeinden, die nicht wußten, ob ihre Heimat noch aus mehr bestand als

Schutthaufen, leeren Häusern und Ställen; ihre friedliche Menschenherde

zerstäubt, Kinder, Bauern, Frauen, Tiere. Sie hatten sich eine grausige

Audienz ausgedacht, da sie nicht redekundig waren, auch nicht viel von

Worten erhofften. Sie schleppten zwischen lose gebundenen Brettern Leichen

ihrer Stadthäupter und Vorsteher mit weiter nach Wien; auf die Deckel

hatten sie genagelt beschriebene Rollen, Urkunden, enthaltend die

kaiserliche Zusicherung von Privilegien und Freiheiten; mit Siegeln hingen

beschwert aus den triefenden schimmligen Spalten der Gehäuse Schutzbriefe

des kaiserlichen Generals oder seiner Obersten; kleine aufgeklebte

Zettelchen nannten den Preis der Salvaguarden. Etwa sechs dieser Leute

starben zwischen ihrer Heimat und Prag, mißhandelt wie sie waren, auf die

beschwerliche Fahrt mitgeschleppt, um ihre Wunden, Brüche, Geschwüre,

Hinfälligkeiten sprechen zu lassen; sie vermehrten die Zahl der Särge. Man

wich der stinkenden Gesellschaft aus, Torwächter Stadtgarden ließen sie

unbehelligt, weil sie Beerdigungen annahmen; sie mußten wochenlang

hingehalten mit Bettelei sich durchschlagen, hingen zäh und still an der

Burg des deutschen Kaisers. Bis der Kaiser von ihnen gehört hatte und

begehrte sie zu sehen und zu sprechen. Er ließ ihnen, bevor er sie annahm,

am Burgeingang ihre Särge abnehmen, die Särge in Wagen stürzen, durch die

Totenbrüderschaft begraben. Sie selbst in einen Vorsaal gelassen, hörten

schon vor dem Empfang sein Schmähen, Aufstampfen gegen eine Person, die sie

nicht kannten. Es war der hohe weißbärtige Obersthofmeister Wolf Mansfeld,

der die ungewöhnliche Audienz zu verhindern suchte. Wie er bleich, heftig

atmend, mit erregten Blicken die Tür öffnete und die Schar an sich

vorbeiließ, wo sie in einem Haufen an der Tür sich sammelte, zuckte sein

feinhäutiges Gesicht vor Widerwillen und Ekel. Der Kaiser, ohne sich ihnen

zu nähern, Schweißperlen auf der Stirn, schrie sie wild an, sie möchten

herein, sie sollten die Tür schließen. Er hieb auf- und abgehend in eine

Masse von Rollen, die auf seinem Schreibpult hinter einer Eichenbarriere

lagen. Maßlosigkeit, Gedankenlosigkeit warf er ihnen vor. Glaubten sie, er

wüßte nicht? Was heiße das: Leichen mit sich herumschleppen? Ja, was das

heiße? Als sie ohne Antwort sich umeinanderschoben und sich fast

hintereinander versteckten, prasselte sein Schelten hitziger gegen sie her.

Vergessen der Untertanenpflicht sei es, Rebellion, malefizischer Aufruhr.

Dazu Beleidigung, ja vornehmlich dies, Beleidigung seiner Person und

Stellung. Und dann zu wagen, vor ihn zu kommen, in sein Haus, ihm den Spott

in seinen eigenen Mauern antun. Da machte sich einer Mut und auf Tod und

Leben lossprechend sagte er etwas von ihren unertragbar gewordenen Leiden,

bat um die kaiserliche Gnade Hilfe und Fürsorge. Wie ein eingesperrtes,

grenzenlos gereiztes Tier klammerte sich der fette kleine Herr unter dem

weißen Federhut an den Schrecken an, rüttelte sie, brüllend, prustend,

speiend, blauroten Gesichts; er brauche sie nicht, Anmaßung, Anmaßung, er

wisse, was seine Pflicht sei, er brauche keine Belehrung. Gerecht sei es,

was sie sich anmaßten über ihn, diese Schmach, sie, die Untertanen, vor

seinem Gesicht gegen ihn den Kaiser; was schleppten sie sich durch die

Länder, versäumten ihre Zeit, nicht auszudenken.

Die Tür brach fast hinter ihnen auf, sie schwollen hinaus. Am äußeren

Burgtor wurden sie festgehalten, von dem Oberst der Leibgarde in sechs

Verliese der Burgmauer geworfen. Der Kaiser hatte den bösen Verdacht

geäußert, die Leute seien bestochen, gehetzt von fremder Seite in seine

Länder in diesem Aufzug geschickt. Nach zwei Wochen vergeblicher

Nachforschung wurden die fünf jüngsten von ihnen gepeitscht, sie selbst

zwangsweise bei einem Provianttransport unter militärischer Bedeckung in

ihren Kreis abgeschoben. Der Kaiser gab die Vermutung der fremden

Aufhetzung nicht auf; triumphierend sagte er zur Mantuanerin, wie entlarvt

seien die Männer gewichen, als er ihnen vorhielt, sie seien von Fremden

hergeschickt; sie seien ins Eisen gesteckt und gepeitscht worden; man würde

sich in Zukunft scheuen und schämen, klägliches schwaches Gesindel so für

sich arbeiten und das Fell zu Markte tragen zu lassen.

Der Kaiser, drängend auf Vorschläge über die Belohnung des Herzogs von

Friedland, sog verzückt die Gehässigkeiten des Grafen Wilhelms Slawata in

seiner Kammer ein: daß dem Herzog nicht zu trauen sei bei seinen

weitausschauenden Plänen, daß die Herzöge von Mecklenburg seit achthundert

Jahren das Land besäßen, ihre Entthronung Dänemark, Schweden, ja das ganze

Kurfürstenkolleg auf den Plan rufen würde. Daß er mit armer deutscher Leute

Schweiß und Blut die Kriegsvölker der ganzen Welt sättige und bald so viel

Länder werde an sich gerissen haben, daß keine Möglichkeit mehr sei, ihn

abzufinden. Ja, man werde ihn so erhöhen, daß man alle Freiheit gegen ihn

verliere und auch die Macht verliere, ihn zu erniedrigen.

Dies, fühlte Ferdinand, war gut. Wallenstein führte es aus. Und so stellte

er sich ihm selbst gegenüber, das ganze Kurfürstenkolleg tragend, auf den

Schultern noch Dänen und Schweden, und wich nicht.

Der riesige Luxemburger, Lamormain, sein Beichtvater, trat an den heftig

atmenden Kaiser, bat ihn im Namen der heiligen Kirche, das fromme Werk

nicht zu versäumen, den ungläubigen Fürsten das Land Mecklenburg zu

entreißen; er werde gottgefällig wirken wie einstmals, als er den Pfälzer

aus seinen Ländern wies. Ferdinand an seinem Gürtel nestelnd, hörte ihn

verwirrt an, sah ihn verwirrt sprechen, seine Hand nehmen. Er glühte auf,

beugte sich tief vor der ernsten schwarzen Gestalt, beschämt und wagte

nicht, seine Stimme anklingen zu lassen, um sich nicht, er wußte nicht

worin, zu verraten.

Eine Urkunde bestimmte: die Herzöge von Mecklenburg haben es

mitverschuldet, daß Krieg in den niedersächsischen Kreis getragen wurde.

Der Kaiser hat das von ihm und dem Heiligen Römischen Reich zu Lehen

rührende Herzogtum mit Heeresmacht überziehen und sich des Landes mit fast

unerschwinglichen Kriegskosten bemächtigen müssen. Deshalb wird das Land

der Genannten, das Herzogtum Mecklenburg, Fürstentum Wenden, Grafschaft

Schwerin, die Herrschaft der Lande Rostock und Stargard dem Herzog von

Friedland überlassen. Und zwar zu einem rechten wahren und beständigen Kauf

für die geleisteten, ansehnlichen und treuen Dienste in Dämpfung und

Bezwingung der Rebellen, für die Erhaltung des schuldigen Gehorsams im

niedersächsischen Kreise und die Zerschmetterung zweier Armaden, für die

Eroberung und Besetzung großer Fürstentümer neben einem Teil des

Königreichs Dänemark, er, der General, Feldhauptmann, ritterlich daran

setzend Gut und Blut.

Die Bestimmung des Kaufschillings wurde für später festgesetzt; vom

Schätzungswert wurden in Abzug gebracht die Schulden des Landes, die

Forderungen des Herzogs, eine Gnadengabe des Kaisers in Höhe von

siebenhunderttausend Gulden rheinisch. Verpfändet wurden dem General das

Bistum Schwerin und die im Mecklenburgischen liegenden geistlichen Stifte

gegen vorgeschossene siebenhundertfünfzigtausend Gulden.

In Prag traf der Kaiser ein zum Empfang des Marschalls Schlick, der aus der

Affäre von Aalborg und Hobro achtundzwanzig dänische Kornette und zwei

Fähnlein samt dem Generalmajor Konrad Nell und dem Obersten Heinrich von

Kalenberg hereinführte. An diesem Tage begrüßte Ferdinand den Herzog von

Friedland auf der Burg als einen reichsunmittelbaren Fürsten; er forderte

ihn in seiner Kammer bei geheimer Audienz auf, sein Haupt zu bedecken, was

Wallenstein nach kurzem Zögern tat. Als am nächsten Morgen die Majestäten

sich vor Tisch wuschen, reichte ihnen der Herzog das Handtuch. Der Kaiser

hieß ihn an offener Tafel sich bedecken. Das Fürstentum Sagan erhob an

diesem Tag Ferdinand zu einem Herzogtum, gab es dem General als ewiges

Erblehen.

Zu jener Zeit tauchte der Plan Wallensteins auf, konfisziertes Land mit

tapferen Offizieren zu besetzen. Zu Wallenstein wurden der Abt Anton und

Kollalto in Prag geschickt mit der Frage, wie er sich die Belohnung und

Abfindung solcher Offiziere denke. Der Herzog meinte, daß dazu kein neues

Prinzip nötig sei und daß der Umstand der zeitigen Geldknappheit des

Kaisers von Wichtigkeit wie von Vorteil sei. »Konfisziertes, also

rebellenuntertäniges Land wird am sichersten in Gehorsam gegen die Römische

Majestät durch Männer erhalten, die ihr Leben für die Majestät eingesetzt

haben. Zugleich wächst dadurch die Macht des Kaisers im Reich. Besetzungen

und Inthronisierungen sind furchtbare Drohungen für abfallslustige Fürsten.

Man erwäge keine andere Methode.« Sachlich und ohne Scheu erklärte sich

Friedland für Schaffung einer Militäraristokratie. Im Innersten erschüttert

war Ferdinand, als ihm der friedländische Vorschlag hinterbracht wurde. Er

hatte selbst mit dem Gedanken gespielt im Verfolg des friedländischen

Ideenkreises; jetzt sah er den Gedanken draußen nach Realisierung drängen

in der schauerlichen Konsequenz des Handelns seines Generals. Er nickte

kaum »ja«, floh, bestürzt, von oben nach unten durchwogt nach Wien, wo er

sich in die Gebete und Jagden warf.

Er war von jugendlicher Frische und fast überlebendiger Raschheit, aber

zugleich von einer schäumenden Gereiztheit und Aufgerissenheit; ruhelos

zwischen Empfindungen. Es war ihm eine Freude, als er bei den Jagden in

Sumpfgebieten vom Sumpffieber ergriffen wurde und schwer krank wochenlang

lag; der Beichtvater suchte nach der Sünde, deren Strafe der Kaiser erfuhr,

der Kaiser träumte, schlief matt; er sagte zu der Mantuanerin, er raste, er

sei ihr herzlich ergeben. Er klammerte sich im Fieber, wie ein Jüngling

blühend, an ihren strengen demütigen Leib an. Sie fühlte sich über ein

Weltenmeer, einen sinkenden Sumpf zu ihm geführt; mit Leiden und Gebeten

für ihn fing es an, mit Gram um ihre Kühle; manchmal tobte in ihr das

Gefühl, von einer Wut verschlungen zu werden, aber diese Wut war keine

fremde, war die des Kaisers, und es verlangte sie leise, zähnebeißend an

den Orkan heranzugehen. Sich ruhegebietend hineinzuwerfen als Beute; sie

war sein Weib, seine demütige Helferin.

* * * * *

Fauchend setzte sich in Dresden Johann Georg, der behäbige Kurfürst, auf

die Nachricht von Maßnahmen des kaiserlichen Generals vor einen Bogen,

malte einen Brief an den Mainzer als den Erzkanzler mit dem Verlangen,

ungesäumt einen Kurfürstentag anzuberaumen, zur Beschlußfassung über seine

Beschwerden. In Mülhausen tagten die Vertrauensmänner der Kurfürsten;

Johann Georg war selbst gekommen; Bayern, nicht entschlußfähig, hatte einen

Vertreter ohne Instruktion geschickt. Aus Kanzleien Kammern Spielstuben

Ballhäusern ihrer Fürsten gestiegen, saß die feine weiche Gesellschaft

beieinander auf Polsterbänken, zwischen Blumen, Springbrunnen, unter den

prunkvoll geschuhten Füßen die blanke schaukelnde Diele, im Rücken, um sich

weiße Bildsäulen des Theseus, des zitherspielenden Apollo, pfeilschießende

kleine Götter, enthüllte nach sinkenden Tüchern greifende Frauen, saßen

einander zugewandt in geheizter Luft unter gepuderten hohen Haaraufsätzen,

dünne Degen zwischen den Knien, wie farbenglitzernde Fasane in einem

Lustgarten, hörten sich an. Sie sprachen, während sie aus Silberbechern

tranken und neben sich auf Tischchen stellten, voll Abscheu über den Herzog

von Friedland und seine Praktiken. Sie lachten viel, durchgingen häusliche

und nachbarliche Veränderungen, flammten bei Jagdkuriosa auf. Mehr ächzend

zwischendurch, gestört, gepeinigt, tropften sie Worte vor sich über die

Ereignisse im Reich. Johann Georg, wegen seiner geschwollenen Beine in

einem Polsterstuhl halb liegend, nacktschädlig, brustfließenden Bartes,

eine stämmige dickbäuchige Masse, lappige Backen, blickte aus verquollenen

munteren braunen Augen um sich; es sei schon fast zu viel getan, sich mit

dem sogenannten Herzog von Friedland zu beschäftigen. Denn das sei zuerst

zu bedenken: wer ist dieser Mann eigentlich? Haben Edle, gefürstete und

gekrönte Häupter wie sie, es wirklich nötig, sich mit einem Böhmen aus dem

Hause Wallenstein zu befassen, Häuser, die es zu vielen Dutzenden in

Böhmen, zu Hunderten im Reich gäbe, noch bessere als Wallensteins? Wenn er

jetzt Herzog von Friedland sei oder von Sagan. Der Kurfürst lachte kräftig

kopfschüttelnd, die andern wie er; da könnte er sogleich ein halb Dutzend

seines Hofgesindes adeln freiherrn und grafen lassen und seien doch eben

Küchenjungen Boten Pürschmeister gewesen und nun nicht einen Heller und

böhmischen Groschen besser. Nein, nicht einen Groschen besser seien sie

dadurch. Und damit legte er sich die Hände über dem Bauch, zurück, fast

gesättigt; noch gelegentlich knurrend: »Kurios. Spaßhaft.« In schwarzem

Atlaskleid, silbern ornamentiert, mit bauschig hervortretenden Hemdspitzen

beider Ärmel, ernst und hoch unter einem bunten Reiterbild der

durchlauchtige hochgeborene Fürst und Graf zu Hohenzollern, Herr Johannes,

hielt die Arme verschränkt über seiner langen Perlenkette; wie bitter es zu

denken sei, monierte er leise gegen den Dresdner Koloß, daß sie ernsthaft

in großer Versammlung über Personen derartiger Natur zu verhandeln hätten;

es gäbe niemanden in dieser Gesellschaft, der der fraglichen Person nicht

überlegen sei sowohl in Art wie Geist Charakter Frömmigkeit; vom Stand zu

schweigen. Und doch hätten es die Dinge, der Verlauf im Reich gefügt, daß

sie über die Person handelten, nicht allein ernsthaft, sondern sogar mit

größtem Gewicht. Ein Kölner, schwer wie ein Stier, in blauem Tuch

dasitzend, legte nahe, dem Römischen Kaiser, zu bedeuten, wie man über

diese lärmmachende fatale Person denke. Die Fürsten und Regenten seien

angestammt ihren Ländern und Untertanen, sie hätten wohl recht, gehört zu

werden, wenn in dieser Weise deutsche Art beseitigt und über den Haufen

geworfen werden solle. Da käme ein Taugenichts, ein Brausewicht daher, wild

wie ein Sturmwind, reiße an Bäumen und Gewächsen -- nun er werde sich

verrauschen und verbrausen, aber genug Schaden richte er an und sollte

nicht geduldet werden um seines Tosens willen.

Sie tranken, freuten sich ihrer Einigkeit, erzählten von niederländischen

Bildern, kamen auf das Reich zurück. Das Neuste, das Neuste im Heiligen

Reich, Herr Wallenstein und Böhmen. Wer wird ihm noch Länder verkaufen zu

billigem Preis, damit er dem Kaiser bessere Vorschüsse leisten kann? Die

Jüdlein haben ihn im Sack. Wie lange, klopft Herr Bassewi, das Hofjüdlein

aus Prag, in der Burg an: »Kaiserliche Majestät, alles vertan; wollen die

Majestät noch leben, müssen sie ein Jüdlein werden, einen gelben Fleck auf

den Purpurmantel nehmen. O heiliges jüdisches Reich deutscher Nation.«

»Seid nicht so kräftig«, warnte der zufriedene Kurfürst; sie aßen Lebkuchen

von Tellern, die sächsische Pagen herumtrugen. »Es ist schon gut, wenn wir

uns hier zusammenfinden. Nicht verzagen, nicht übermütig sein. Mag der

Römische Kaiser wissen, daß wir hier zusammensitzen und unliebsam die Dinge

im Reich empfinden. Er wird uns gnädig anhören.«

Der feine Kurz von Senftenau, vom Bayern geschickt, neben dem Hohenzollern

sitzend, rosig wie ein Kind, klein, die Stirnhaut ständig gerunzelt, pfiff:

»Der Böhme wird sich lustig machen über uns. Wir wissen ja, daß er die Liga

verachtet und unsern Grafen Tilly erbärmlich und veraltet findet. Er ist

sehr sicher, der Böhme, er verachtet das Alter. Er wird seine Macht

erfahren. Wir haben still mit unseren Völkern am Boden liegend die

Jahrhunderte für uns. Der Böhme soll versuchen, diesen Urwald zu roden. Ein

einziger Baum kann ihn umwerfen. Er ist ein Knecht Habsburgs, einer von den

zahllosen; eines Tages wird Habsburg ihn abschütteln.«

Grollend zustimmend richtete sich der schmeerbäuchige Kurfürst im Stuhl

auf: »Auf einem unterwühlten Boden lebt der Kaiser. Seine Räte sind

gekauft, es bleibt ihm nichts übrig, als sich ihnen zu fügen.«

Auf dem riesigen Treppenflur und im Prunkvestibül wurden die Schritte

vieler Menschen laut. Während einzelne feierlich gekleidete Männer, von

pikenbewehrten Trabanten und Saalwächtern hereingeführt wurden, sprach man

drin von dem Auftreten der niedersächsischen Landvertreter in Wien.

Behaglich erzählte man sich Einzelheiten, stritt über die Zahl der Leichen,

die sie mitgeführt hatten, wie viele Leichen hinzugekommen wären, wie sie

verpackt waren, über den Heroismus der Leute. Es erschienen die ehrsamen

Vertreter der Reichsstädte mehrerer Kreise in der Mitte des Halbrunds, in

dem die Herren saßen; mit freundlicher Grußerwiderung, mit gnädigem

Schnurren und Behagen ließen sie an sich die Klage vorüberziehen. Die

Reichsstädte erhoben entrüsteten Protest gegen die endlosen Einlagerungen

Durchzüge und Kriegspressionen, denen sie ausgesetzt seien, trotz teuer

erkaufter Assekuranzen und Salvaguardien. Der fränkische Kreis drohte, er

sei nicht mehr geneigt, beim Herzog von Friedland zu petitionieren. Das

Stift Magdeburg enthielt sich bitter jeder Klage; legte seine

Kontributionsrechnungen für die letzte Zeit vor, an siebenhunderttausend

Taler. Die Stadt Halle kam, Schwarzburg-Rudolstadt, Sondershausen mit

hunderttausenden Gulden an erzwungenen Kriegsabgaben. Dem schwäbischen

Kreis waren unerschwingliche Summen abgenötigt worden. Eine lange

Klageschrift lasen die märkischen Herren vor, klagten über die Regimenter

des Fahrensbach und Montekukulli, deren Übermut darin bestünde, daß sie

ganze Kontributionen für halbe Regimenter erhöben.

Man genoß die Klagen, schwelgte in den Schandtaten. Auf den Vorschlag

Johann Georgs, dem Hauptübeltäter doch einmal auf die Schultern zu klopfen,

ganz leise leise, kam man überein, dem kaiserlichen General einen Brief zu

schreiben über die Vorgänge, zu deren Kenntnis man gelangt sei. Man

schmunzelte, das werde wirken. Es wurden drei lange Zusammenkünfte damit

verbracht, die Anrede an den Herzog zusammenzubringen. Es sollte dem Herzog

einen Vorgeschmack geben. Würde man ihn als Reichsfürst anerkennen, müßte

man ihm die Titulatur »Herr und Freund« geben; man wollte ihn nicht

anerkennen, andererseits auch nicht abschrecken. Man einigte sich unter

gespannter Mitwirkung des schließlich tief saturierten Kollegs auf die

Anrede: »Besonders lieber Freund, auch gnädiger Fürst und Herr.« Und dann

schrieben sie, was sie wußten. Und gingen kichernd auseinander.

* * * * *

Das Heer, lagernd im Reich und den Erblanden, wuchs den Winter durch. Der

Herzog Franz von Lothringen erhielt eine Kapitulation auf ein Regiment zu

Fuß, sechstausend Mann stark. Franzesko Magni, der Bruder des langen

Kapuziners Valeriano Magni, nahm eine Oberstenbestellung über fünfhundert

Arkebusierpferde. Oberhauptmann Friedrich von Damnitz warb tausend Knechte,

Hebron sechshundert Kürassiere, tausend Arkebusiere, dreitausend

Musketiere. Johann Wengler brachte ein Regiment Hochdeutscher auf den Fuß.

Johann Virmont wurde angewiesen, fünfhundert Arkebusiere aufzustellen.

Zwölf Infanterieregimenter führte Torquato Konti heran. Augustin von

Morando verpflichtete sich auf sechs Fußkompagnien, Johann Ludwig Isolani

auf neunhundert Berittene. Neue Regimenter stellten auf Graf Wratislaw, der

dem Uckermärker Arnim hatte Platz machen müssen, Kolloredo, Karboni,

Aldringen.

Die Bewehrungen der Regimenter Wratislaws Kolloredos Aldringens streckte

der Herzog mit sechsunddreißigtausend Gulden vor. Für die übrigen Truppen,

Werbe- und Anrittgeld, Anfangssold, stiegen die Vorschüsse des Herzogs über

den Betrag von einer halben Million, zu der sich der Kaiser erkannte.

Wallenstein verstärkte seine eigene noch in Pommern liegende Leibgarde auf

zwei Kompagnien Arkebusiere, zwei Kompagnien Dragoner, nur Welsche Wallonen

und Italiener, dazu katholische Iren; die ihnen zustehende Kontribution

zahlte er aus eigener Tasche.

Die Armee, zum Wintersende seiner Ankunft und seines Befehls wartend,

strotzend stolz ungeduldig, wurde von ihm gereinigt, sie sollte biegsam wie

eine Rute in seiner Hand sein. Im Magdeburgischen sahen die eingelagerten

Ligisten mit Schrecken von weitem angezogene Friedländische Regimenter

halbe unter Prozeß stehende Kompagnien umzingeln, fesseln, entwaffnen, aus

größter Nähe mit Rottenfeuer über den Haufen schießen. Die Proviantstäbe

einzelner Regimenter wurden samt und sonders rasch beseitigt. Eine Anzahl

Obersten wurden nach Prag gerufen, andere ritten selbst herbei, um Befehle

für den Feldzug entgegenzunehmen. Sie saßen als Gäste im Palast des

Herzogs, um Tags darauf dem Generalprofoß zugeführt zu werden. Dem wurde

vom Herzog bedeutet, der Herren, die in den letzten Jahren gut waren,

Schrecken in Deutschland zu verbreiten, bedürfe er nicht mehr. Der

krummbeinige gelbgesichtige Herr von Gürzenich, Schellard Dorenwert, der

Einäugige war gefangen, er der die Kurtrierer Nonnenklöster verwüstet

hatte; später hatte ihn rachsüchtig der Kölner Erzbischof gefaßt,

eingekerkert, erst auf Wallensteins Andringen freigelassen; vom Rhein zur

Elbe losbrechend, übte der wilde Schellard Schandtaten über Schandtaten,

Plünderungen, Erpressungen; mit triefenden Schnauzen stießen seine

Arkebusierreiter und vier Kornette Kürassiere zu der Wallensteinschen

Hauptmacht, sie schluckten die Wonnen des Feldzugs herunter. Das Gericht

verurteilte den fade blickenden gefesselten Mann zum Tode durch das Rad. Er

spuckte dem Generalprofoß, keifend und ihn wie einen Wahnsinnigen

verlachend, gegen den Stiefelschaft; es half ihm nicht, daß er sich als

friedländischen Lehensmann gab, er wurde eines warmen Märzmorgens auf dem

Felde vor der Prager Altstadt ohne Aufsehen mit dem Schwert exekutiert.

Der ältere Kratz, Graf Hans Philipp von Scharffenstein, wurde in Prag auf

dem Kirchgang überrumpelt und aufgehoben. Ihm hatte der Friedländer stolz

und mit vielsagenden Blicken versprochen, er hätte ein Herz für seine

Soldaten, Kratz solle herrliche Quartiere mit seinen Regimentern beziehen.

Darauf ging Kratz, verständnisvoll lächelnd, mit sich zu Rate, führte seine

Reiter nach Franken und Schwaben, den Markgraf von Baden herausfordernd.

Das Urteil des wilden, der vom Leben zum Tode befördert werden sollte, war

schon gesprochen, als ihm, der riesenstark war, gelang, sein Zellgitter zu

zerbrechen, bei Nacht in den Graben zu springen. Dem Wachposten, der ihn

jenseits erwartete, drückte er, ihn hin und her werfend, mit den Ellbogen

den Brustkasten ein, entkam in den Kleidern des Ausgeraubten, in den Graben

Geschleuderten. In Baden zeigte er sich an der Spitze der von ihm

geworbenen Regimenter, schickte einen Höhnbrief an seinen General; nach

drei frech im Lande durchbrausten Wochen führte er seine Regimenter über

den Rhein zum Herzog von Lothringen.

Oberstleutnant Gottfried Eichzel, des Regimentes Fahrensbach, ein

dickleibiger flinker blutrünstiger Mann, stationierte im Gefolge der Armee

Arnims in der Grafschaft Ruppin. Er, der den Krieg nicht als Martyrium für

sich und seine Offiziere erachtete, bemächtigte sich in Ruppin der Häuser

von Adligen, schließlich des kurfürstlichen Schlosses selbst, von da

mächtig und in Ruhe das Land überfallend, ausplündernd. Vom Herzog von

Friedland verlautete, er hätte wegwerfend vom Brandenburger Kurfürsten

gesprochen, der mit dem Schweden und Bethlen versippt war, und man hätte

keinen Grund, sein Land sonderlich zu schonen und in Acht zu nehmen. Der

runde wippende Eichzel verließ Prag nach dem Besuch für lange Zeit nicht;

nach Formierung seines Prozesses wurde er in Eisen geschlagen, in einem

Kellerloch verwahrt.

Den Obersten Marquis Brissy und Haußmann wurden die Regimenter

abgesprochen. Des Daniel Hebron, eines strengen ihm mißliebigen Mannes,

konnte er sich nicht bemächtigen. Aus dem Heer gestoßen wurden nach kurzem

Prozeß die Kroatenobersten Orahoczi, Hrastowacki. Hinweise auf frühere

Verdienste drangen beim Herzog nicht durch. Die Namen einiger Entflohenen

wurden vom Henker an den Galgen geschlagen.

* * * * *

Wie ein Eber den weichen Waldesboden aufreißt, daß die Erde und Moos

beiseite spritzen, so stießen Wallensteins Armeen im Reiche vor, warfen die

Menschen auseinander, zerschmetterten und durchwirbelten sie, zerstreuten

sie in die Winde. In dem Schritte des Heeres war kein Gleichmaß, aber

gebändigt war die steife tragende Kraft, die die Dächer abhob, mit

Sicherheit Korn Heu Stroh in tausenden Maltern aus den Dörfern trug,

unduldsam, bei Gefahr völlig vernichtete.

Wie der süßeste Wein schlich dem Kaiser der Brief der Fürsten ins Herz, der

ihm die drohsam vergewaltigende Übermacht des Generals schilderte. Sein

Gesicht blühte auf, seine Augen weiteten sich feuchtverklärt. Und dann

erlosch er, sank mit schlaffen Knien, schlotterndem Kopf auf den Sessel,

ließ den Speichel vor sich auf den roten Teppich träufeln, blickte stier.

Nach langen Minuten fand er sich zusammen. Ging freudig weich durch die

Kammern, sein Herz voll Seligkeit. Der zarte Doktor Frey fragte ihn, was er

zu antworten gedenke. Ferdinand sah in die wasserblaue Frühlingsluft: »Ich

danke ihnen.« Der wiederholte seine Frage. Ferdinand: »Ich danke ihnen, ich

ließe ihnen vielen Dank sagen.« Befremdet der Sekretär: »Den

durchlauchtigen Kurfürsten und Fürsten.« Ferdinand, die Arme verschränkt,

in einer sonnigen Gewißheit: »Schreib' ihnen recht schön. Frage Eggenberg,

was du schreiben sollst. Ich ließe ihnen doch danken, vielen Dank sagen.«

Der Böhme schrieb an den Rand des Briefes: »Es deucht mich ein Gutes, daß

die Mißgünstigen sich regen. Sie werden bald offen abtrünnig werden. Es

gibt keine andere Möglichkeit sich auszubreiten als durch Reizung der

Übelwoller.« Er selbst empfahl als Antwort für den Brief: wie man, Fürsten

und Stände, dem Kaiser seine Kriegskosten zu ersetzen gedenke, wenn man

Schatzungen und Kontributionen nicht wolle; und wenn er Frieden schließen

solle sofort und bei beliebiger Kriegslage, wie man sich die Abdankung des

Heeres denke, von der Rachsucht des Dänen zu schweigen.

Der Kaiser las den Brief der Fürsten noch einmal. Er ging am Arm Freys in

den sprießenden Garten herunter, straff, den Degen wie einen Stock

aufstoßend. Durchdringend und mitleidig blickte er Frey an, als der wieder

Bedenken vortrug. Er ließ seinen Arm.

Unter dem Schall der Abendglocken diktierte er an den Fürsten Eggenberg und

den Präsidenten des Hofkriegsrats. Es müsse zur Durchführung der

kriegerischen Notwendigkeiten, zur Sicherung der kaiserlichen Vormacht dem

von Wallenstein freie Hand gelassen werden. Er wiederholte: »Freie Hand«.

Und daß Friedland zum Generalobersten Feldhauptmann über die gesamte

Kriegsmacht ernannt werde, mit Vollmacht, Regimenter nach Gutdünken zu

reduzieren und aufzustellen, Obersten selbständig zu ernennen; keine

Verhandlungen mit dem Feinde gegen seinen Willen.

* * * * *

Vom Wiener Hof fuhren auf Wagen und wanderten mit nackten Füßen in die

verwüstete Heimat die bettlerhaften Abgesandten, die ihr Unglück hatten

bejammern wollen und vom Kaiser ausgepeitscht waren. Sie wanderten durch

unruhige, seltsam aufgeregte Städte. Von den Häusern Gassen Scheunen, aus

den Gewölben, Fenstern blinkte der Wohlstand. Die Felder wurden zum

Frühjahr bestellt. Prozessionen begegneten ihnen, Söldnertrupps zogen

vorbei mit Wagen und Geschütz, fochten die Bettler nicht an, die gedrängt

still gingen. Die Bettler hatten leere ausgeweitete Blicke, mit denen sie

die trottenden Menschen überzogen. Stumpf beobachteten sie die staunenden,

ausweichenden Bürger und Weiber, denen sie ängstliche Kriegserlebnisse

waren; wild zuckte und stach plötzlich den Städtern das Herz. Sie

schleppten sich träge aus den Mauern, keine Liebe, kein Traum blieb hinter

ihnen zurück. Die Häuser schützten nicht, die Mauern schützten nicht,

Kanonenkugeln konnten die Tore umlegen, Soldaten über die Mauern springen,

Pferde durch die Wassergräben schwimmen, geworfene Brandpfeile, Granaten

konnten Flammen über die Köpfe tragen. Die Torwächter konnten blasen,

Kroaten bliesen auch. Die Kinder konnten spielen, Pferdehufe und

Kavallerieregimenter unterschieden nicht zwischen Steinen und Knochen.

Blumen vor den Fenstern, Altarstationen an den Gassenkreuzungen; für den

Augenblick gemacht; Täuschung, daran sein Herz zu hängen. Kirchen voll

herrlicher Bildsäulen, prangender Glasfenster, bunter schmerzlicher

Gemälde: was war dies alles! Kein Amulett gegen den Oberst Fahrensbach,

Quartiermeister mit peitschenschwingendem Gefolge, gegen Isolani, den

stinkenden mit dem Affenkopf und seinen schnatternden Ungarn. Seidenkleider

über weibliche Glieder, fließendes glattes gebundenes Haar: kein Sinn,

Fastnacht und Spiel, man mag nicht einmal darüber lachen. Einer wird sein

Pferd an einen Torweg binden, wird euch knebeln und tun, was ihm lieb ist.

Da ist nichts drüber zu sagen. Es ist die Welt und das Leben.

Nach Norden. Nach Brandenburg, Mecklenburg, Bremen, Schleswig. Nicht in

diesem Lande bleiben. Sie wissen nicht, daß Krieg ist. Es ist nicht die

richtige Welt, es ist die falsche, die sich eigensüchtig pflegt hinter den

Mauern, sich auf Polsterbänken wiegt, wärmt, die Kammern voller Vorräte

hat. Sie genießen sich, spielen miteinander, essen voneinander, bereiten

sich einer für den andern. Das Getuschel, Gelutsche, die sanften Backen,

frommen Äuglein, sauberen Hände, gestriegelten Haare, bunt geschuhten Füße,

der dufthauchende Kleiderwust um die Leiber: sie servieren sich wohl,

schmecken und schmatzen. Wenn dampfende Panzerreiter dazwischen traben,

Schwadron hinter Schwadron, verweht der Duft, ist alles verblasen, die Welt

ist weiter als die Mauern; es geht nur die Rede von Heu, Stroh und Hafer

für die Gäuler, die Soldatenweiber und Wäscherinnen tragen Körbe, ziehen

Karren hinter sich, darauf haben sie die Zelte Stiefel Kleider Wämse. Es

wird geschrien, zerbrochen, vergossen, verwundet, erschlagen, betrogen. Die

bemalten Häuser verbrennen eines Nachts eine Gasse lang, denkt keiner zu

löschen, dreht sich keiner um danach. Und so ist alles verbrannt, die

Kinder mit, die Frauen erschlagen, verschleppt, verlaufen, der Hausrat

zertrümmert; die lieben Eltern, Frauen, lieben Kinder, der behütete Hausrat

von Ahn und Urahn her. Die Herzen schwollen ihnen, sie weinten auf den

langen Landstraßen, schutzlos, nackt einer vor dem andern, weinten, die

Stöcke schleppend, über das blanke Gesicht, der Wind blies ihnen hinein,

sie flennten weiter, zeigten ohne Gedanken den Entgegenkommenden ihre

zitternden, mürrisch zusammengezogenen und wieder aufgelösten Mienen; das

rieselnde Wasser lief von oben her aus den Nasen vor ihnen her auf den Weg

in den Staub, Tröpfchen hinter Tröpfchen, einer ging auf denen des andern.

Bis sie nur noch verzagt stöhnten, die Köpfe auf die Schultern, vor die

Brust hängen ließen und weiter trieben. Nach Norden. Zum Oberst

Fahrensbach, zum Isolani, und wer ihnen beschert war. An ihrem Erdflecken,

zwischen den und den Hügeln, hinter dem und dem Weiher, zwischen den und

den Wäldern.

Einmal fielen sie einem wandernden böhmischen Emigranten in die Hände,

einem plötzlich aus einer Strohmiete auftauchenden Vagabunden, der einen

zerfetzten schwarzen Prädikantenrock trug mit weiten Ärmeln, in die er

Brotstücke und Speck eingebunden hatte. Ein Kranz von grauen Stoppelhaaren

stand um seine beschmierte Glatze; er schmatzte viel, schien irr zu sein.

In einem Bauernhof, wo man sie eingelassen hatte, hielt er ihnen mit

Gelächter über seinem verschrumpften Gesicht, Äpfel und Brot schmatzend, an

einem Heuwagen eine Rede. Sie sollten nicht mit Christus kommen, sollten

nicht von Gott reden. Was das alles für Kindergewäsch wäre. »Gott ist so

groß, so -- so -- groß! Niemand weiß etwas von ihm, als was geschrieben

steht. Es steht nicht einmal fest, ob er lebt. Jawohl, er kann schon

verschwunden sein aus Ärger und Abscheu und hat die ganze Gesellschaft wie

ein hohles Gehäus liegenlassen. Und da können wir heulen, beten und schöne

Sonntagskleider machen, singen von morgens bis abends, und Gott ist schon

über alle Berge, daß es zum Lachen ist.«

Wie sie mit starren Seelen, leicht heiß, ganz innen sonderbar durchglüht,

sich ihren Dörfern näherten, fanden sie wenige, denen sie zuflüstern

konnten. Daß der Römische Kaiser ihre Toten hatte auf Wagen kippen und

verscharren, sie selbst aber auspeitschen lassen; er wolle sie gar nicht

schützen. Vielleicht würden die starken Hansastädte, die Fürsten sie

schützen. Vielleicht. Es waren zu viele geflohen und gestorben inzwischen.

Und wenn sich plötzlich die Dörfer von den Soldaten leerten, das

Trompetenblasen kein Ende nahm, gingen sie zwischen den leeren Häusern

herum; es wurde leichenstill, sie faßten gedankenlos die Säcke Sensen in

den Scheuern an, blickten zu den Baumwipfeln hoch, gruben die Fäuste in die

Taschen. An einem Ende des Dorfes fing es an, das leise Flüstern, vor sich

Herschimpfen, Fluchen auf den Kaiser, und lief durch die Gäßchen, Gehöfte,

wo sich Menschen schwer aus Lehm und Schutt wühlten hinter den Truppen, die

sich unter dem Herzog nach dem Meer zu schoben. Schreie, Drohungen; wie

wenn Mäuse in einem Schrank beißen, so knisterten, knackten, knatterten um

Ferdinand die leisen scharfen Verwünschungen, rissen mit blitzschnellen

Krallchen an seinen Schuhen, Strümpfen, ließen sich durch kurze Stöße nicht

verjagen in ihrer Wut, knatterten, liefen an, kratzten, krallten, bissen.

Bei Strelitz grub sich ein Einsiedler eine Höhle in einem Hügel. Er betete

nicht, saß feueräugig, wildbärtig, fellbehangen, an einer Kiefer auf dem

nadelbestreuten Boden, sang Soldatenlieder, schaufelte um sich einen Wall,

auf den er Moos trug. Dörflern, die zu ihm jammernd nach Rat, Papieren und

Amuletten schlichen, gab er Auskunft: Die Welt hat einen Hauch von

Verwesung. Es ist ein zarter Geruch, der bei mancher Witterung stärker

wird.

»Der Regen fällt herunter, der Wind wirft die Blätter und Stacheln von den

Ästen, sie vermantschen; es sitzt eine schreckvolle Unruhe in der Welt.

Jeder Tag, der aufgeht, die Nacht, die über uns fällt, drängt und jagt. Es

läßt uns keine Geduld; so ist es doch. Es frißt von uns. Ihr denkt nicht

daran. Ihr habt Euch damit abgefunden. Der Mond ist Euch blaß und schön,

nicht wahr. Blaß, schön, golden und silbern. Die Sonne ist der schamloseste

Heuchler, der frechste Schelm, Betrüger, Ihr kennt sie nicht. Sie wärmt

Euch, wärmt, wärmt, bis Ihr nicht wißt wie Euch wird, wie sie Euch das Fett

abschwitzt, Muskeln und Sehnen vertrocknet. Es soll nichts dauern. Auf eine

Schaubühne von Betrug zwischen Äsern ist der Mensch hingestellt samt dem

Getier und den Blumen. Sie sollen den Mist mehren, der auf der Erde lagert.

Vorüber! Vorüber! In Verwesung ist unser Leben eingehüllt. Wer hat dies

angestellt? Von wem ist dies also gerichtet? Häuser sind nicht nötig,

Hütten sind nicht nötig. Es schadet nichts, wenn man Euch totschlägt; wenn

Ihr tote Ratten und Kröten fressen müßt und dran sterbt.«

Mit unsicheren Schritten, wochenlang anhaltend, heftig vorstürzend,

torkelte nach rechts und links über das zerschlagene, ausgesogene Land die

Pest, wie der weiß und grünliche Schimmel über dem faulen Fleisch. Man fing

an, die Äcker zu bestellen, richtete neue Schmieden ein. Das Frühjahr

rückte vor. Wieder schwärmten, rasch verschwindend, Söldnertrupps vorüber;

Gerüchte liefen um von Schießen bei Magdeburg, vom Krieg der Hansa mit dem

Kaiser, über Stralsund solle es gehen. Es sickerte durch das Land, die Zeit

des Satans sei wieder gekommen, er habe das Szepter der Erde an sich

gerissen. Er führe auf glühenden Karossen durch das Reich mit gelben und

kleinen Pferden. Er schwirre und sause durch die Finsternis her, lecke das

Menschen- und Tierblut, den jungen Getreidesaft. Auf den Laternen der

feurigen Karossen sitzen tropische Schimpansen aus dem Urwald, schreien

greulich: »Mach' Platz, mach' Platz.« Der Satan hat lange behaarte Arme,

die er hinter sich schleifen läßt aus den Wagentüren, er belfert, peitscht,

triumphiert. Ihm hängt ein Schlüssel an dem Hals, damit will er die

Schleusen der Sintflut wieder öffnen. Von Tag zu Tag tobt und drängt er

schrecklicher. Er hat den Bart und das Gesicht des römischen Kaisers

Ferdinand, seinen Harn träufelt er in die deutsche Reichskrone und spritzt

die Jauche um sich in den Wind. Er hat den römischen Kaiser gestürzt, seine

Maske genommen, will das Heilige Reich von Grund aus verderben und

versenken.

Es schwelte in Oberösterreich im Hunsrückviertel, dem Pfandbesitz des

Bayern, in Mähren kroch die Flamme am Boden, Dunst hing über den

okkupierten Ländern, einzelne Schreie stiegen aus dem schwäbischen

fränkischen Kreise auf. Die Städte am Rhein wanden sich stumm unter dem

Soldatendruck. Soldaten des Regiments Verdugo wurden im Eichsfeld in ihren

Quartieren zersprengt, von Ort zu Ort gejagt. Am Harz verbarrikadierten sie

sich in den Gehöften. Vor Wallensteins eigenen Türen erhoben sich die

Bauern auf den Trzkaschen Gütern. Er konnte nicht zum Heere ausrücken, ohne

die Hurensöhne geschlagen zu haben. Ein großes Bauernheer wurde von ihm bei

Smiritz durch die Regimenter Marradas und Liechtenstein eingeschlossen,

nach drei Tagen zersprengt, fünfhundert Bauern in Stücke gehauen.

* * * * *

Die Tage wurden wärmer, aus den abgegrasten norddeutschen Gebieten ritten

fünftausend Arkebusiere und Kürassiere des Kaisers nach Süden, gegen Ulm

zu. Da gab es Futter Quartier Geld und Vieh. In gefährlicher Nähe der

ligistischen Herren zogen sich immer dichtere Schwärme her von Norden; sie

standen, grasten da untätig, erzwangen Kontributionen, dehnten sich aus.

Er selbst, der Herzog rückte im Hochsommer zwischen den wandernden

klirrenden Mauern seiner Leibgarde aus, über Sagan Berlin Prenzlau

Greifswald, um die Hansastadt Stralsund zur Aufnahme einer Besatzung zu

zwingen und den Rest der Dänen zu vernichten, die von der Ostsee andrangen.

Über Pommern und der Mark lagerte sein Heer, taub für den Widerspruch der

Landesfürsten. Torquato Konti hielt die Mittelmark, ein anderer die

Priegnitz, fünf Kompagnien Dohna erpreßten den Kreis Starnberg, mit

Wallensteinschen Leibgardisten besetzte Arnim Frankfurt. In Gardelegen

Pappenheim; nach Norden reckten sich Montekukulli Hebron Marradas, Franz

Albrecht von Lauenburg. Friedlands Marschall, den zähen strengen

braunbärtigen Arnim von Boitzenburg, hungerten die Stadtbürger Stralsunds

auf der Insel Dänholm aus. Auf der Reise schmähte der General: sie seien

Reichsfeinde und Verräter, ihrem Bekenntnis wolle niemand zu Leibe, Arnim

sei ihr Nachbar, Märker, dazu Lutheraner.

Bürgerschaft und Rat schworen zur Fahne der Stadt einen heiligen Eid in

sieben Artikeln, daß sie Rat, Bestellte der Stadt, Oberste, Kapitäne und

Befehlshaber, Alter- und Hundertmänner, Werkmeister und Gemeine keine

Besetzung und Einquartierung innerhalb ihrer Ringmauern Schlagbäume und

Zingeln dulden wollten; sie wollten sie, wenn nötig, mit Blutvergießen

abwehren; schworen unter sich alle Parteiung Rotten Zank und Schmähung ab.

Achtzigtausend Taler wollten sie, meldeten sie heraus, dem Kaiser zahlen,

ihre Garnison dem Kaiser mit Eiden und Pflichten zu verbinden; der Herzog

mit fünfzehn Regimentern in Heinholz unter ihren Wällen lagernd, gab ihrem

Protonotar Wahl zurück, es sei ihm nicht um das Geld zu tun, er müsse sein

Volk drin haben, so wäre er verwahrt. Er brauchte die Küste, die Häfen; der

Däne versteckte sich hinter dem Wasser.

Sie mußten nach einem grausigen Bombardement klein beigeben. Dann aber kam

zu den tausend Dänen, die sie bei sich hatten, ein schwedisches Hilfskorps

auf Schiffen an. Vom Frankentor fielen die Schweden gegen Arnim aus. Der

Pommernherzog legte sich ins Mittel, wie die Raserei drin und draußen

stieg, er sah das Schicksal der ihm untertänigen Stadt voraus, wenn man den

Böhmen zum Äußersten reize; stand für die Erfüllung der Bedingungen ein,

die festgesetzt wurden in Schleifung der Außenwerke, Abschaffung jeglicher

Besatzung aus der Stadt, Abbitte, Geldzahlung.

In Wien, München kicherte man über den Akkord; der Herzog ruhig abrückend

bedeutete dem Notar Wahl, der ihm das stralsundische Gelöbnis der Devotion

gegen Kaiser und Reich überbrachte, wenn die Stadt sich zum Sprungbrett des

Dänen oder Schweden machen wolle, werde sie bald aufgehört haben, deutsch

zu sein, sie werde das ganze Römische Reich gefährden, er habe Zeit und

warne die Stadt.

Den Dänen fing er bei Wolgast ab. Die Verzweiflung des dänischen Volkes

über die Beraubung fast ihres ganzen Festlandes war besiegt worden von dem

Gram und der Empörung über die erlittene Niederlage. Ihr König Christian,

vom Pöbel angefaßt im Unglück, flammte wieder vor ihnen.

Die dänische Flotte, hundert Schiffe, kreuzte vor Warnemünde, Barth,

Usedom. Bei Wolgast landeten sie. Zwischen Sümpfen, Morästen, hinter Wällen

stürzte sich der Kaiserliche auf sie, griff sie bei Hals und Schultern an,

schlug sie, Fußvolk und Reiter, nieder, warf den flüchtigen Christian aus

der Stadt, dem festen Schloß. Die Masse der Fremden aufgerieben, der Rest

mit dem König in die Schiffe gejagt. Rostock fiel, Krempe; der Däne war

hoffnungslos vom Festland verdrängt.

In alle erreichbaren Häfen der Ostsee schob der Herzog Besatzungen, Wismar

nahm er ein, da baute er eine Werft. Das Meer von zwei Seiten einspannend,

drängte er herüber. Er brauchte Schiffe. Wasser war dem Herzog neu, nach

den Chausseen, marschierenden Truppen, Kanonen in Fahrt, rollenden Wagen

und Zelten. Jetzt fehlte das einfachste, der Weg, eine flüssige, schwere

Masse schwamm vor seinen Füßen; die Herren, kraftstrotzend, standen mit

einem Strick am Bein am Küstenrand. Gegen sein neues Herzogtum Mecklenburg

schwankte das zerquellende widerstandslose Element an, er beobachtete es

widerwillig. In Wismar setzte er neben sich einen Generalleutnant, Fiskel,

Sekretär. Die befreundete spanische Monarchie, die Herrscherin zur See ging

er um Rat an gegen dies wässrige, grüne Gespenst. Dem aus Brüssel

anfahrenden spanischen Beauftragten, Gabriel de Roy, einem kühn

auftretenden Offizier, erklärte er, man müsse noch das Meer überwinden;

Spanien solle Hilfe leisten, die verbündete Monarchie könne Vorteil aus der

Sache ziehen. Er werde die Elbe- und Wesermündungen halten, die Ligisten

die Grafschaft Oldenburg und die Ströme der Grafschaft Emden; man müsse die

Ostsee gemeinsam beherrschen, den niederländischen Handel matt setzen. Der

Stadtoberst von Lübeck wurde um Schiffe angegangen, versprach achtzehn gute

Orlogs auszustaffieren. Der polnische König, vom Schweden bedrängt,

hilfenehmend, erklärte sich zu vierundzwanzig Schiffen bereit. Dann

heischte er generell von den Hansastädten, sie sollten eine Flotte bilden

gegen die schwedisch-dänische Übermacht; es sei ein gemeinsames deutsches

Interesse. Der Böhme glaubte der Hansastädte sicher zu sein, die schwersten

Drangsalierungen Vergewaltigungen Beraubungen ihrer Privilegien auf Malmö,

Schonen, Ystert durch Christian ausgesetzt waren. Mit hartem Druck

umlagerte seine Truppenmacht sie, die die Brücken und Wege innehatten über

das nachgiebige Element, Lübeck, Hamburg, Rostock, Bremen, Wismar,

Stralsund; er drohte herüber nach Lüneburg, Magdeburg, Köln.

Zweihunderttausend Kronen wies Spanien an.

In Güstrow ließ er sich huldigen von seinen neuen Untertanen. Vor seine

Füße rollte ein kaiserliches Handschreiben. Der Böhme erinnerte sich in

manchen Augenblicken kaum des Kaisers. Der schrieb, daß er ihn zum

Kapitängeneral dieses erreichten ozeanischen und baltischen Meeres ernenne,

nachdem die feindliche Macht zu Land gedämpft und man dazu übergegangen

sei, eine Armada zu Meere herzurichten und zu unterhalten. Der Kaiser

huldigte: er vertraue, daß mit einem solchen Haupt versehen, in

Tüchtigkeit, Qualität, Erfahrung, Genie reichlich im Krieg und Frieden

erprobt, Heer und Flotte in sicherster Hut seien, machtvoll blühen werden

zum Ruhm des Hauses Habsburg, des Römischen Reiches und des Geschlechtes

Wallenstein. Der Herzog schniefte gestört, fast gereizt, zuckte die

Achseln.

* * * * *

Hinter den schützenden Wasserbergen vergraben der blonde König Christian,

der dem niedersächsischen Kreis Bundesoberst gewesen war. Klagend über den

menschlichen Größenwahn, der ihn auf Eroberungen nach Deutschland trieb; er

forderte seine Reichsstände heraus, sie möchten es wagen und sich an ihm

vergreifen.

Gelähmt hinter dem anderen Wasser England. Die verzogene kapriziöse

Königin, von ihrer Schönheit besessen; ihre duftende französische Umgebung

brüskierte noch die puritanischen Lords, die sehr zeremoniell am

königlichen Hofe erschienen. Mit katholischem Pomp, Weihrauch, Bildern und

Fahnen, die sich auf die Straße wagten, forderte sie die Londoner heraus.

Nach einer Revolte mußte Karl die Franzosen heimschicken. So wuchs die

Erregung des Volkes an, daß Karl in seiner Bestürzung daran dachte, die

Königin selber zurückzuschicken. Er brach mit den französischen

Machthabern, nur besänftigen wollte er das Volk, das Parlament, ging

betteln bei der Opposition, lockte ratlos mit Baronettstiteln. Unter dem

Beben des Bodens, dem drängenden. Grollen von Parlament und Hauptstadt rang

der blasse König täglich mit der übermütigen kreischenden Tochter der

Medizäerin, die ihr Spielzeug, ihren Hof, prunkvolle Andachten wieder

verlangte.

Als Buckingham, nicht mehr Herr seines Spottes und Dialektik, flehte, um

sich selbst in Angst, dem Parlament nachzugeben, um das Schlimmste zu

verhüten. Grausam drohten die Lords, die Bürgerschaften. Buckingham,

zitternd, machte sich selbst auf, den Parlamentswillen zu vollstrecken,

Hilfe den Hugenotten gegen Richelieu zu bringen, der sie in der

französischen Seefeste Larochelle eingeschlossen hatte. Aber auf der Rheede

des Hafens sah er die furchtbare Übermacht der Katholischen, hochmastige

Schiffe, zu Lande zielende Kanonen, Männer, verwirrt gab er, noch auf der

Rheede Befehl, umzukehren. Brüllte weinend in seiner Kajüte gegen die

Kapitäne, es sei unmöglich, unmöglich, er könne dies nicht verantworten,

die englische Flotte sei mehr als ein fettes Futter für die Welschen.

Ans Land gestiegen kam er nicht weit. Sein Haus in Portsmouth hielt eine

tobende Menschenmenge eingeschlossen; er wollte zum König nach London. In

der Vorhalle seines Hauses wurde er nach vier Tagen, gewaltsam versuchend

auszubrechen, von der Volksmenge erstickt, zerquetscht, seine weißgepuderte

Perücke zerfasert, seine tanzlustigen Knochen zerbrochen, seine lasciven

Lippen mit Kot bedeckt. Der König in London schloß sich zwei Tage ein,

verfluchte sich, die Königin, das Parlament, machte sich mit innigstem

Grimm zum Zweikampf mit dem Volk bereit. In wilden Zuckungen warf sich

England, griff keinen Feind mehr an.

Preisgegeben der stolze Friedrich von der Pfalz. Die englische

Königstochter preisgegeben. Die Welt konnte sich erbarmen ihrer Ansprüche.

Rusdorf, der leidenschaftliche kleine Johann Joachim, hatte lange England

verlassen; seinen kranken Freund Pavel auf niederländischen Boden

verbracht, wich nicht aus Haag, aus der Nähe seines Kurfürsten Friedrich;

die Erde mochte untergehen, der Kurfürst sich aller Ansprüche entschlagen;

er wollte von dem Recht nicht lassen, durchfiebert von der Rachsucht auf

das grausame übermächtige Habsburg, angewidert von der englischen und

dänischen Schwäche.

* * * * *

Maximilian fuhr um die Höhe des Sommers vom Berge Andechs, wo er gebetet

hatte, mit Fyans, dem stummen niederländischen Arzt, nach München. Er hielt

sich in seiner Residenz vier Tage eingeschlossen; Fremde suchten seine

Audienz nach, Bildersammler Gemmenhändler wollten ihm ihre Auslagen

bringen, Briefe von Tilly liefen ein, seine Tür war nur Vervaux, dem

Beichtvater, und dem Leibarzt offen. Man sah ihn durch den Hofgarten, die

Grottenhöfe in der warmen Herbstluft gehen. Es geschah, daß er seinen

Kriegsratspräsidenten zu sich berief und zum ersten Male im Rat über die

Kriegslage sprach. »Mein Heiland, daß du mich versuchst«, kam aus seinem

Mund vor dem Präsidenten gegen Schluß des Vortrags.

Er ließ seine Räte und die Vertrauten des Hofes eines dunklen Morgens in

eine kleine Ritterstube rufen. Maximilian, barhäuptig, ungegürtet, stand,

nachdem er sich von einem Sessel erhoben hatte, streng und wie abwesend vor

einer hohen Prunkkredenz. Er dankte ihnen mit leiser Stimme, die sich bald

kräftigte, daß sie erschienen seien. Er denke gewiß groß von ihnen, die ihm

so viel geleistet hätten. Ihre Gesinnung hätte sich gegen ihn zu jeder

Stunde bewährt. Er stockte viel. Es sei ihm klar geworden, nach vielem

Nachdenken, daß er sich kaum werde behaupten können. Als darauf Bewegung

unter den ernsten alten Herren entstand, richtete er sich aus seinem

Hinstarren auf. Ja, er hielt es nicht für unwahrscheinlich, daß er der

letzte des Hauses Wittelsbach sei. Daß er nicht spielte, erkannte man an

den glühroten Striemen über seiner Stirn, an der Art, wie seine Finger über

dem weißen Wams zuckten. Sie seien in Gefahr wie noch nie. Es sei ihm

unmöglich, jetzt schon deutlicher zu sein. Wer sehen könnte, sähe schon; es

werde bald erhellen. Er wisse nicht, wie er aus diesem Kreis feindlicher

Mächte Bayern herausgeleiten könne. Zum Schluß flüsterte er, er brauche

Mitwisser, Mithelfer. Sie möchten seiner gedenk sein. Es war fast

ängstlich, ihn anzusehen, wie sich der Stolze abrang so zu sprechen und wie

die Audienz fast mitten in der Rede abgebrochen wurde. Aber die finstere

Katastrophenstimmung, unter der er stand, nahmen sie mit. Sie nahmen das

Entsetzen mit, daß der Einsame, der sonst nichts von sich gab, mit seinen

halblauten Worten von sich strömte. Als stünde der Feind vor der Tür.

Er saß in seinem verschlossenen Palast, mit Fasten, nächtelangem Beten,

Selbstfolterungen an sich rüttelnd. Die Liga war verdrängt vom

Kriegsschauplatz, Graf Tilly, er konnte nicht an ihn denken, ohne geätzt zu

werden von der blinden verzweifelnden Wut, seine Kiefern rieben sich

aneinander. In den sehr stillen, glühheißen Wochen ritten häufiger und

häufiger fremdländische sanfte Männer durch die Straßen Münchens. Sie waren

fromm; standen vor der diamantenüberschütteten Reiterstatue des heiligen

Georg in der Hofkapelle, beteten vor ihr; keine Frühmesse versäumten sie.

Feine freie lockenumspielte Gesichter hatten sie, kleine Spitzbärte, mit

Lächeln blickten sie die Männer und Mädchen an; keiner konnte ohne Freude

sie zierlich und fest hinschreiten sehen. Bologneserhündchen mit glatten

weißen Haaren, schwarzer Nase, trugen Diener hinter manchen her; auf den

Brunnenrändern spielten und gurrten die Herren mit ihnen. Wie eine magische

Tröstung drängten sie sich dem lethargischen Maximilian auf, der seinen

Vater zurückwies, seine Räte beschied, ihn nicht zu stören mit ungefragten

Naseweisheiten. Marquis Marcheville, ein langer Herr mit schwarzen vollen

Locken, geschwungener starker Nase, feuchten großen Augen, flüsterte vor

der deutschen Kurfürstlichen Durchlaucht verschwiegen erinnernd an ihre

alten Besprechungen, die französische Majestät hätte mit Freuden Kenntnis

genommen von dem siegreichen Vorgehen der katholischen Mächte gegen den

Dänen, sie vermeine, es sei vielleicht jetzt an der Zeit, den Frieden

anzubahnen. Und als der Kurfürst hart zurückgab, nicht an ihn möge sich der

edle Herr deswegen wenden, sondern an den Römischen Kaiser, schmeichelte

der feingeschuhte Mann, so könne er doch nicht glauben, daß ein bayrischer

Fürst, Kurfürst und Wittelsbacher, einflußlos im Heiligen Reiche sei und

nicht Rechte und Pflichten in der Sicherung des Reiches vertrete. Dann

bemerkte er, daß das ligistische Heer an den Erfolgen beteiligt sei. Danach

dankte der Kurfürst.

Als zweiter trat in das weite ebenholzgetäfelte Empfangszimmer nach einigen

Tagen im Kardinalspurpur eine niedrige fahlgesichtige Figur; ihre Stimme

streng, sicher, Bagni, der päpstliche Nuntius in Paris, segnete den Bayern,

besah flüchtig einige Gobelins, schalt, in dem Kriegstreiben dürfe man die

heilige Kirche nicht vergessen, als bedeute sie nichts; an Frieden müsse

man denken, noch weiter friedliche Christenmenschen dem Unwesen

auszusetzen, sei Todsünde, beflecke wie Mord. Mit Entzücken habe der Papst

von dem Wunsche seines treuen Sohnes, des gallischen Königs gehört,

Vermittlung den Parteien anzubieten; möge Maximilian, dessen Frömmigkeit so

hoch stünde, dies annehmen. Der Papst wünsche Frieden, wünsche ihn innigst.

Der Kurfürst, sich im Sessel vorbeugend, küßte das Kreuz aus Elfenbein, das

der Kardinal ihm mit herber Miene bot.

Den habichtsköpfigen Marcheville ersuchte Maximilian, nachdem er plötzlich

seinen Räten Besprechungen mit den Franzosen befohlen hatte, selbst zu

sich. »Ich will Frieden,« stieß er zwischen den Zähnen mit aufbebendem

Gesicht vor, »es ist meine Pflicht, diesen Streit zu beenden. Welche

Vorschläge macht mir Euer König?« Der Franzose: Die Vermittlung solle den

Pfälzer Ausgangspunkt vernichten in irgendeiner Weise. »Ich will wissen,

Marquis, was Ihr wollt, und was Ihr mir gebt; ich will baldige Vorschläge.

Ich muß mich entscheiden.« Der Marquis riet, Bayern und die Liga solle sich

neutral erklären, solle einen Sonderfrieden mit Dänemark schließen,

Frankreich werde diesen Frieden garantieren; man müsse ohne Wien und Madrid

handeln. »Ja, das muß man,« stöhnte der Kurfürst; »Ihr braucht es mir nicht

sagen. Ihr wollt freie Hand im Elsaß und im Artois, ich weiß. Ja, ich

weiß.«

* * * * *

Von den eroberten und besetzten Gebieten pulsierte Gold nach Österreich in

wilden Takten; Wallenstein, der General, hatte das Heer als Stab in der

Hand, mit dem er Quellen entdeckte. Man brauchte nicht, wie Hispanien, das

neue Indien unter Gefahren aufsuchen; es war, wie der Böhme prophezeit

hatte, übergenug im Reich vorhanden. Nur ab und zu erinnerte Abt Anton den

Herzog, der bisweilen versunken schien, an die Bedürfnisse des Hofes und

das Glück der Stunde.

Der Hof verfolgte von Wien aus den Kampf, das grausame Niederringen des

Dänen an der Meeresküste wie von einer bekränzten hohen Tribüne herab,

unter schallenden Flöten Zinken Posaunen Pauken; der Herzog von Friedland

war als Ritter Georg hinausgeschickt worden, den Drachen zu bezwingen. Und

er machte es vorzüglich, man mochte ihm den Beifall nicht vorenthalten. Er

war treu und bieder; was er konfiszierte, schickte er dem Kaiser, konnte

auch selbst seinen Teil dran haben, sollte ihm nicht verdacht werden. Sein

Lob sangen sie mit vielen Stimmen: die früheren Kaiser und Päpste haben

treffliche Diener gehabt, die ihnen in der Not beigestanden hätten; aber

könnte sich keiner vergleichen mit dem hageren heftigen Böhmen, der sich

von Schlachten in Schlachten stürzt, sein Vermögen blind und unaufgefordert

hinwirft, das Reich rettet, den kaiserlichen Hof mit Gold überschüttet. Der

Papst hat seine Jesuiten, der Kaiser den Herzog von Friedland. Entzückt

schwebte der Hof, keine abenteuerlichen Wünsche versagten sie sich, die

Pracht der Feste Gastereien Schloßausstattungen Jagdaufzüge überstieg alles

Frühere. Abt Anton schrieb, der Herzog zahlte. Sie winkten kaum: »Wir

danken, wir danken.«

Es gab welche, die lächelten sich bei Tisch an, wetzten ihre Zungen an dem

Böhmen draußen, der sich in den Morästen und öden Ländereien herumschlug:

»Der Unhold von Altdorf hat seinen guten Platz gefunden. Er hatte die Wahl

zwischen einem gefährlichen Raufbold und kaiserlichen Offizier, kann dem

Kaiser danken, daß er ihn annahm und nicht Spitzbube werden brauchte.«

»Wir haben zwei Chorherren in Kompagnie, werden bestätigen, was ich meine.

Dem Herzog ist ein Glück geschehen. Der Kaiser hat ihn aus dem Kot gezogen,

in dem seine rebellischen Vettern und Freunde verreckt sind; so hat er

Grund, dankbar zu sein. Ist ein weidlich starker, dicker Büffel, zieht den

Pflug, das ist sein Handwerk. Das Recht hat er zu siegen, wenn er kann;

noch andere können siegen; die römische Majestät hat ihm wohlgewollt. Danke

er, nichts weiter.«

»Den Segen des Heiligen Johannes wollen wir trinken. Der Narr Wallenstein

soll leben. Der Büffel, ja, der dicke Büffel, der in Holstein Sumpfwasser

sauft. Gottes Tierreich ist groß. Trinken wir Alikante, lassen wir ihn Elbe

saufen.«

Sie schütteten ihr Gelächter vor sich hin.

»Wird das Vögelchen zu lustig werden, werden wir ihm die Federn rupfen. Ist

dann genugsam geflogen, sagen wir: >Danke schön, danke fein, Herr

Vögelchen. Kettchen am Bein, Ringchen am Hals, Näpfchen vor dem Schnabel.

Traurig Leben, traurig Leben.<«

»Was glauben die Herren Brüder? Pro clausula finali geschenkt! Er ist gut,

er ist hold, er ist fromm. Die Renegaten sind die frommsten. Wenn die

Römische Majestät genug hat von ihm und seine Knochen hohl sind, entläßt

sie ihn in Gnaden, gibt ihm einen Klaps, einen schönen Namen -- nicht

Kälbchen, nicht Äffchen, nicht Schäfchen -- vielleicht ein neues

Wappenschild, und so muß er die Tür nehmen.«

Zu dem jubelnden Abt Anton, der jeden seiner Freunde küßte, die ihn

besuchten in seiner blumen- und weinduftenden Bibliothek, meinte

Trautmannsdorf, indem er einen Tanz vor dem Händeklatschenden versuchte:

»Ich begreife alles. Es ist nicht nötig, daß Ihr klatscht, Ehrwürden. Die

Musik macht der Herzog von Friedland, von Sagan, von Mecklenburg. Ich gehe

in Ferien. Wir brauchen nicht mehr regieren. Wir erhalten unsere Gehälter,

und er tut die Arbeit. Ich stelle mich Euch zur Verfügung; wie wollt Ihr

mich beschäftigen?«

Anton streckte feierlich, aus glücklichen Äuglein blickend, die

talarversteckten Arme aus: »Seid in Euren Ferien bei mir willkommen. Feiert

Eure Ferien mit mir! Setzt Euch zwischen Folianten, Kerzen, Büchern, dort

auf Eure Truhe. Ich will Euch bedienen.«

Und während sich der feine Graf schlaff auf die Truhe niederließ, eine

Papierrolle beiseite schiebend, bot ihm der vollwangige Abt strahlend einen

französischen gepfefferten Likör, erbeutet in Holstein von einem

Wallensteinschen Streifkorps: »Seht, Lieber, Bücher sind vorhanden, der

Likör hat sein Dasein. Aber wißt Ihr, wißt Ihr, wir sind beinah nicht mehr

da. Ihr könnt raten: was ist das Wichtigste für einen Menschen?«

»Aber Ehrwürden, die unsterbliche Seele.«

»Gewiß, unbestritten. Im übrigen aber. Denkt nach. Der Stellvertreter; das

ist das Wichtigste für einen Menschen. Wenn es einen gibt, der einem Recht

zum Leben gibt, daß man aufatmen kann, weil er die Arbeit abnimmt.

Vernehmt: kein Schatten. Sondern --«

»Einfach Wallenstein.« Trautmannsdorf lächelte, goß sein Glas in eine

Blumenvase: »Die Reseden sind so schön, sie mögen auch von Eurem Likör

schmecken.«

»Er ist der Stellvertreter, wie wir ihn seit Jahrzehnten gebraucht haben.

Das Haus Habsburg seufzte nach ihm. Nun ist er da.«

»Er erfüllt in der Tat diese Aufgabe außerordentlich. Ihr seid bald nicht

mehr da. Er hat dem Kaiser die Last abgenommen, Kaiser zu sein. Er siegt

für ihn, ernennt für ihn, politisiert für ihn.«

»Also. Ihr seht: außerordentlich. Wir haben dies gebraucht. Es ist eine

Lust, Kaiser zu sein. Es gibt keinen Diener, der neben dem Böhmen zu nennen

wäre.«

Trautmannsdorf tauchte und drehte die Reseden in der tönernen, bemalten

Vase neben sich: »Sie werden bald betrunken sein, die Reseden. Paßt auf,

wie sie die Köpfe senken werden. Sie vertragen so kräftige Nahrung nicht.

Und was meint Ihr, was wird nachher aus Friedland, wenn er trefflich Kaiser

spielt, und aus dem Kaiser, wenn er sich so trefflich vertreten lassen

kann?«

»Sie ergänzen sich; sie ehren sich. Es wird keiner im Reich nach dem Kaiser

mächtiger sein als Friedland; Augustus, sein Feldherr Cäsar.«

Nur Fürst Eggenberg sah sich am Hofe um, erkannte die schrankenlose Freude,

gegen die es kein Ankämpfen gab. Er war allein. Die geifernde, grollende

Clique der Bayern, der Spanier wollte sich an ihn werfen, Strahlendorf

sprach ihm zu; trauriger zog er sich zurück, als er erschreckt bemerkte,

daß die Feinde Ferdinands sich ihm gesellten.

Dann setzte er sich gegen den Kaiser. Er hegte nicht mehr das geringste

Mißtrauen gegen Wallenstein, ihn widerten die Bayern an, die Haß am Hofe

säten; er hatte still in sich das unverrückbare Gefühl: diese furchtbare

Macht darf nicht auf einen einzelnen gehäuft werden. Mit Liebe suchte er

die Bewegungen in der Seele des Kaisers nachzufühlen, seine Glückseligkeit

über das Geschick, das Wallenstein vollstreckte. Er trauerte; er wußte, wie

wohl dem Kaiser war, wie er beglückt war nach der schweren bayrischen

Affäre. Wochenlang hielt sich Eggenberg in seiner Wohnung. Dann war ihm

klar: dem Herzog mußte die Macht abgenommen werden; es durfte nicht zum

letzten Bruch mit den Kurfürsten kommen. Und mit wachsender Angst hörte er

um sich jubeln, sah das Schrecknis des böhmischen Herzogs. Spähte um sich,

verschloß entsetzt die Fenster und Tore seines Hauses.

Machttriefend, ungeheuer, unmäßig schluchzend nach Herrschaft, Sieg, hörte

ihn der Kaiser an; wie schon einmal stellte sich ihm sein vertrautester

Ratgeber mit schlotternden Gliedern gegenüber. Jetzt lachte der Kaiser

Tränen über ihn; ob er nicht wie jener Eulenspiegel sei, der ächze, wenn er

ins Tal herabstiege, juble beim Klettern -- ein Spaßmacher. Bei Abt Anton

kreuzte der Fürst die Wege des verwachsenen Grafen. Der, von einer großen

Helle, neigte sich ihm halb zu, vom allgemeinen Rausch mitgenommen; man

müsse sehen, wieviel Wallenstein durchzusetzen vermöge im Reich, dürfe ihn

nicht stören; Gefahren müsse man an sich herankommen lassen. Eggenberg

versteckte sich.

Ferdinand der Andere, des Römischen Reichs Mehrer, rauschte als

glöckchenklingelnde bänderwerfende Riesenstandarte in Purpur über ihnen, in

den Boden gerammt, häuserhoch am Mast, an der sein Ungestüm zerrte, als

wollte er sie hochtragen. Er war nach dem monatelang an ihm wütenden

Wechselfieber zum Skelett abgemagert, auf Jagden stürzte er oft ohnmächtig

vom Pferde, nach kleinen Ritten hing er schweißgebadet im Sattel; seine

Nase war schmal und überaus hoch geworden; ein dünnes, beängstigend zartes

Gesicht mit verschatteten, sehr weiten Augen. Die Freude zu trinken, zu

bankettieren hatte ihn verlassen; er saß wie sonst den feierlichen und

intimen Gastereien vor, liebte die Üppigkeiten der Küche vor sich zu sehen;

das Knuspern Knacken Schmatzen Schlucken lösten in ihm Wonne aus, als ob er

selbst schmauste, der Dunst der Braten Soßen Suppen badete seine Nase,

seinen Mund. Ins Gestühl vergraben schnalzte er zur herunterwogenden Musik.

Seine Hände mit den knotigen Fingern waren hellgelb und durchsichtig

geworden; wenn er sie vor das dünne Gesicht hob gegen das Kerzenlicht,

entzückte ihn in einer unverständlichen Weise das durchscheinende helle

feine pulsierende Rot; es schien ihm beglückend zu sein wie das, was ihn

erwartete. An Ringen Goldgehenken Schnallen Prunkschärpen, bemalten

durchwirkten Gewändern schleppte er auf seinem matten Körper mit sich herum

in Karossen, auf Tummelpferden, als ob er in Konstantinopel wäre. Seine

Leibwagen mit ungeheuren Hinterrädern, deren Speichen wechselnd silbern und

kupfern blinkten; die Vorderräder zwerghaft kriechend, demütig, fußfällig

am Boden; auf ihrer Rundung Kränze und Kronen silbern auf rot. Zwischen den

Räderpaaren auf biegsamen Achsen gelagert das schwere zitternde

Wagengehäuse, die Wände schräg gewaltsam nach oben auseinander strebend,

kleiner Boden, breitausladendes Dach, von elfenbeinen gedrehten Säulchen

gestützt; seitlich durchbrochen von kristallenen Fenstern in

Ebenholzrahmen. Auf dem Dach offen ruhend vor dem Licht eine Krone aus

heißem Gold mit hohem Kreuz und breiten Steinen; von den vier Wagenwänden

stiegen Riesen mit Bronzeleibern und silbernen Bärten auf, hielten Keulen

und Schwerter um die Krone. Drei faustdicke Goldpuscheln herab hinter den

Sitzen der Kutschierenden, drei Puscheln gebückt vor den rückwärts

deckenden Hellebardieren. Drin halb liegend unter Decken er, träumend

aufgeschreckt, die Lippen bewegend.

Durch seine Finger lief das Gold, um sich in Almosen Altarbilder, in

Teppichbeete Laubengänge Lusthäuser Springbrunnen Pfauengärten

Vogelvolieren Fischweiher aufzulösen. Der Pfennigmeister Gurland, der

Schatzmeister suchten den Strom in ihre Räume zu lenken; der Kaiser freute

sich ihrer Gier. Dankbar für die Errettung aus der Krankheit schickte er

dem Papst Urban hunderttausend Taler als Peterspfennig. Nur durch Gebete

und Verehrung konnte man den Himmel versöhnen für die Sünden, die man ohne

Unterlaß beging, Verzeihung erreichen, sich würdig neuer Gnaden erweisen,

neuen Segen anlocken. Er ließ Lamormain, den Beichtvater, täglich zu sich

kommen, als wenn er seinen Schutz brauchte; zu ihm sagte er, er sei sein

bestes Amulett; mit einer krampfhaften Erregung hing er sich an ihn; so

maßlos beschenkte er die Stiftungen Schulen Konvente der Väter von der

Jesugesellschaft, daß Lamormain besorgt ablehnte; Ferdinand bettelte, man

möchte ihn nicht zurückweisen: »Was wollt Ihr, Ehrwürden, es werden nicht

viele Kaiser nach mir Euch wohltun, wie Ihr verdient.«

Hochgerissen neben ihm die Kaiserin, die junge verwirrte sich entfremdete

Mantuanerin. Sie litt das Glück wie er, gräßlich heimgesucht, in ihrer

Entwurzelung schwankend, hilflos. Sie ritten ohne Dienerschaft spazieren

durch die Wälder von Schönbrunn, beide auf hohen weißen Pferden, lange

Reitstöcke wippten in ihren Händen. Farblos ihre beiden Gesichter. Eleonore

fragte, ob er sich besinne, wie er sie einmal nachts habe rufen lassen; es

sei vor der Ernennung des Friedländers zum General gewesen. Sein häutiges

Gesicht vibrierte, seine Augen strahlten, er blickte fasziniert vor sich:

»Ich habe gelacht. Ich habe lachen müssen über unseren Schwager, den

Maximilian. Er hatte mich dazu gedrängt.« »Du hast dich in Wallenstein

nicht getäuscht; wie ich mich freue mit dir.« »Ich habe gelacht. Ich habe

recht behalten. Er hat mich sehr beglückt.« »Er hatte dir Schlimmes

angetan, dein Schwager; warum hast du ihn zum Kurfürsten gemacht. Jetzt

hast du Macht, beseitige ihn.« So weggenommen von Träumen war er, daß er

nicht auf die heißen Augen achtete, den zudringenden Ton in der Kehle der

Frau. Er hieb, Lachen ausstoßend, auf Äste neben sich: »Ist nicht nötig,

Eleonore. Nicht mehr nötig. Was Gott übernommen hat, liegt in guten Händen.

Wir werden -- wir werden unsere Feinde im Zaume halten, wie keiner vor uns.

Es ist uns um nichts mehr bange. Wir werden an der Ostsee gebieten wie am

Adriatischen Meer. Die Ketzer werden sich hinter das Wasser verkriechen.«

Er war in Zittern aufgelöst. Sie schrie, während ihr der Stock entfiel und

sie sich an der Pferdemähne festhielt. Glitt vom Pferde, die Tränen liefen

über ihre beiden weißen Backen; wild weinte sie, sich am Zügel seines

Schimmels haltend, während er in das Grün hineinsprach und zu ihr

herabnickte. Sie streichelte mit beiden Händen sein Pferd, seine Füße,

Gamaschen; er solle nicht sprechen, er solle still sein. Ja, sie wolle

wieder auf das Pferd steigen, aber wenn er nicht mehr so zu ihr spräche und

gut zu ihr wäre.

In der Burg stand er an einem Herbstmorgen am Fenster seiner Schlafkammer.

Wie er hinunterblickte auf den Hof und der Narr Jonas unten trollte, fühlte

er sich jäh hingezogen. Mit hellem Gelächter begrüßte er am Schuppen den

Zwerg, der Kobolz schoß und gierig auf seine Hand blickte. Ferdinand sah

hoch, ob ihn einer vom Fenster beobachte. Als wenn seine mageren Glieder

zuckten, sprang er spielend über den Kleinen, der im Sand rollte neben Brot

und umgekippten Eßnäpfen, reizte ihn mit der Fußspitze, griff von oben nach

ihm, schlug seine Hände zurück. Menschenfresserisch knirschend zog er ihn

auf, schaukelte ihn mit zauberischem Schlangenblick flüsternd vor der

Brust. Mit brünstigem Vergnügen riß Ferdinand, der Degen und Wehrgehenk in

der linken Hand trug, das Türchen zum Keller auf; in den Dunst ließen sie

sich herunter, schlugen ein Faß an, zechten. Ferdinand erbrach im

Augenblick. Sie schrien triumphierend, bellten die Decken in der Dunkelheit

an, drohten, kicherten, reizten die Fässer zum Kampfe. Bis sie frech auf

dem Rücken über die Steine kollerten, mit den Armen schaukelten und immer

einzelne Worte trillerten schnoben herausbrüllten, wobei der andere das

Echo machte: »Papst! Papst.« »Urban! Urban.« »Papst! Papst.« »Jonas.«

Sie platzten vor wonnigem Lachen. Und als Ferdinand wieder würgte und nicht

mehr trinken konnte, bat er den Narren, einen Eimer zu nehmen und Wein ihm

auf den Kopf zu gießen, auf die Brust, immer mehr.

»Ich bin ein Heide, Herr Papst. Taufe er mich, Herr Papst.«

Und der betrunkene Zwerg zelebrierte über dem Kaiser die Taufe.

Wallenstein. 1 (of 2) · 第 32 / 34 题