Obersten eine Zählung vor; dann hieß er die Menge der Profosse und Henker
verzehnfachen und sie vier Tage lang unter den Erschöpften Widerspenstigen
Aufsässigen Kranken aufräumen. Bei der Musterung, die er selbst abnahm, in
einer Kutsche wegen seiner Leberschwellung fahrend, erklärte er zum Fenster
heraus den Offizieren, sie seien nicht zum Spaß von ihm und dem Kaiser
angenommen worden, keineswegs, es könne um das Leben gehen. Er würde
Vertrauensoffiziere ernennen, denen er das Recht gebe, in den jetzt
beginnenden Schlachten jeden, Offizier und Mann, niederzumachen ohne
Gericht, der nicht mit voll erlaubter Grausamkeit sich gütlich tue an den
Meineidigen. Dies möge von Profossen und Henkern bekanntgegeben werden.
Einen Tag vor der Begegnung mit dem Feinde strömte das Blut im Heere der
Kaiserlichen, dem Blutbad fielen vierhundertfünfzig Mann zum Opfer; sie
wurden fast ohne Grund von Beauftragten in ihren Zelten oder auf
Lagerstraßen zur Abschreckung niedergemacht. Gepeitscht, gänzlich
besinnungslos, raste von Neuhäusel das kaiserliche Heer los. Sie lagerten
nicht zur Mittagsrast, setzten sich nur vier Stunden über Nacht, rannten --
Wallenstein unter ihnen -- daß Troß und Bagage zurückblieben und ihnen nur
Rettung in der Besiegung des Feindes gegeben war. Die Türken streckten die
Hälse über die Mauern von Neograd; in starren, unbezwinglichen, grausigen
Wellen kamen unten Massen her, ohne Artillerie, ohne Gefährt. Die Türken
wichen ab von der Stadt. Die Menschenwellen schlugen über der Stadt
zusammen. Sechs Tage setzte sich Wallenstein.
Wieder begann das Suchen nach dem Feind, man irrte tiefer in die
Torfsümpfe, kaute rohe Rüben und Blätter, scharfe Pflanzenhalme. Die
ungarische Ruhr brach unter den Reitern aus, das Heer erduldete ohne Laut
alles. Fast vernichtet, des Äußersten gewärtig, schleppten sich da Bethlen
und Mansfeldsche Heere an sie heran. Sie waren aneinander, hatten sich
gefunden, gingen nicht auseinander. Lagen sich Wochen auf Sandhügeln
gegenüber; Regengüsse, Sturm, Hagel; Fieber schüttelten die Söldner.
Meilenweit Öde. Aufglitzernde Teiche, Weidenbüsche, Röhricht, weiße Dünen.
Da lagen sie, die sich lange gesucht hatten. Knirschend und schreiend in
riesigen Wasserstiefeln, mit Sturmhaube in Eiltrupps tasteten die
Wallensteiner herüber, wo sich die Leiber der Mansfelder wanden, fanden
nicht hin. Der Himmel schlug mit Keulen auf sie ein, achtete nicht auf
erstarrende Herzen. Faulten in ihren Panzern, wußten auf dem Felde nicht,
was sie sollten. Auf Wagen hausten sie Tag und Nacht; Wasserratten
schwammen durch die lehmigen Tümpel Lachen, zogen sich an Zeltplanen hoch,
fraßen Holz Leder Leichen an, stürzten wimmelnd in die Lagerstätten.
Wie der Regen nachließ, gab die Steppe die letzten Menschen von Mansfelds
Heer frei; weg liefen sie, verschüchtert vergraust, zu Menschen, in die
Städte nach Norden, nach Westen, in die Dörfer Gehöfte, verkrochen sich in
Häuser, hingen sich an Kinder, an Tiere, versuchten zu denken mit
gerunzelten Stirnen.
Den Bastard fand man eines Morgens brüllend und schäumend am Boden seines
Wagens liegen; keiner ging zu ihm herein, man wußte, was das war. Zwölf
Mann seiner Leibgarde waren bei ihm; die letzten zwei Kompagnien hatte er
für tausend Dukaten an Bethlen verkauft. Sie glaubten, er würde im Anfall
verrecken.
Mittags stiegen zwei zu ihm auf den überdachten Troßwagen; er saß im Panzer
auf den Decken, der kleine geschwollene glotzäugige Mann, wog Geld in der
Rechten und Linken, schrie mit versagender Stimme: »Weiter! Weiter!« Warf
ihnen eine Hand voll Dukaten zu; die letzten Pferde wurden vorgespannt, man
machte sich auf die Flucht. »Ich muß nach Venedig, ich muß nach England.
Vorwärts. Wir sollen den Betrüger schlagen, den gelben Böhmen. Der falsche
Soldat, Kipper und Wipper.« »Weiber! Weiber!« Man brachte ihm aus Dörfern,
aus den Wäldern, vom Ziehbrunnen Frauen, denen man auflauerte, Mädchen.
Ärmelhemden aus feiner weißer Leinewand, zartblau, karmoisinrot, am Hals
gefältelt, manche mit Korallenkettchen, tiefgeschnittene Leibchen; sie
liefen mit nackten Füßen, schaukelten kirschrote kurze Röcke; wie Kälber
vor dem Abstechen schrien sie, als man sie auf die Pferde hob. Mansfeld
schlug eine Lache an, als man sie ihm in den Wagen setzte und sie weinten,
bettelten: »Weg mit den geputzten Affen! Die blödsinnigen Gesichter. Sucht
Euch Kornetts, junge Hündinnen.« Überhäufte sie mit Schmähungen; nicht
einmal Spaß machte es ihm, als seine Begleiter den Mädchen die Gewänder
auszogen auf offenem Feld und hinter die Nackten Piken schleuderten. Sie
schleppten ihm ganze Karren voller Weiber an, schwarzhaarige grausträhnige,
mit Läusen bedeckt, in morastigen übelduftenden Lumpen. Er befiel mit
Inbrunst das welke schmierige Gesindel, die tollen Vetteln vergewaltigte
er, das Krähenvolk raschelte verzückt mit den Flügeln und struppigem
Gefieder. Vom Küssen und Saugen an ihnen wurde seine Hasenscharte
entzündet, schwoll unter der kleinen Stülpnase wulstig an; die Narben, die
sein auseinandergezogenes Gesicht kreuz und quer durchzogen, lagen
reihenweise in Tälern, über die die blaugedunsene Haut hochquoll. Das
gräuliche Gelichter hätschelte er, nannte sie Mütterchen, sich den
Säugling; Hellebarden und Dolche lagen neben ihm.
Durch Ungarn nach Süden vorrückend, Bosnien genähert, pries er, täglich
stärker von Luftknappheit gequält, den König von England, den reichsten
edelsten Mann, den einzigen wahrhaften König, dazu den verlassenen
betrogenen Pfalzgrafen Friedrich. In den wilden bosnischen Bergen mußten
seine Leute einen katholischen Priester auftreiben; er erklärte ihm, daß er
noch zuletzt zu seinem alten Glauben wiederkehren wolle, beichtete und
empfing in feierlicher Handlung die Absolution; schlug den Priester dann
mit einem Stuhl nieder, seine Leute, die im Versteck zugehört hatten,
herbeirufend: »Er hat sie mir gegeben, die Absolution, ich hab' sie, er
kriegt sie nicht wieder. Hähä, ich hab' sie mir rechtlich erworben.« Des
Nachts zwischen Saratro und Spalatro in einem Dörfchen Utrakowitz in ein
Haus verbracht, verjagte er alles um sich, was nicht zu seinem Zug gehörte,
ließ sich sterbend den schweren Kürassierpanzer anlegen. In höchster
Atemnot stand er die ganze Nacht, wie einmal in der Mark, von abwechselnd
drei Mann gestützt mitten in der Stube, ließ sich die Knie halten, den
Rumpf. Er rasselte röchelte in den grauen Morgen hinein; bei jedem Versuch,
ihn hinzusetzen, schnappte er, schlug rückwärts mit einer Panzerschiene.
Mit beiden Fäusten klammerte er sich an sein langes Schwert, das er
zwischen den Füßen vor sich in einen Spalt des Holzbodens gestoßen hatte.
Als es ihm morgens aus den Händen polterte, packten sie ihn, legten den
Zuckenden auf das Bett. Zwischen dem letzten Keuchen nahmen sie ihm die
Panzerhaube ab, er umklammerte sie fest, quetschte noch aus der Kehle:
»Venedig, nach Venedig«, ehe die Augen glasig wurden.
* * * * *
An der Spitze seiner Musketierregimenter rückte der Herzog von Friedland
sehr langsam aus seinem Lager von Modern gegen die mährische Grenze. Die
Proviantkommandos jagten ihm voraus. Er setzte sich in Preßburg; zum
erstenmal von da schrieb er an den Wiener Hof einen Brief, daß Bethlen
Gabor einen Waffenstillstand geschlossen hätte, die Türken geflohen seien,
der Bastard Mansfeld seines Heeres verlustig gegangen, in Rakovitza seinen
unseligen Geist ausgehaucht habe; er selbst gehe über Kremsier auf Skalitz,
um vor Ende des Jahres in seiner Stadt Gitschin zu sein. Kein Wort darin,
was er vorhabe. Ungarn verlassend, fluchte er auf das Schelmenland, das
nicht wert sei, daß so viele ehrliche Leute aus Not und Krankheit hier
hatten sterben müssen. Wie er in größter Stille in Preßburg saß, arbeiteten
mit eiserner Strenge die Requisitions- und Kontributionstruppen; keinem von
denen, die so lange gehungert hatten und unbesoldet gewesen waren, ging ein
Heller verloren; Geldbelohnungen, Ehrenringe, goldene Ketten verlieh er in
großer Zahl, die das Land bezahlen mußte.
In Preßburg erschienen vor ihm zwei Obersten der Tillyschen Armee; sie
hatten schon seit Wochen Zugang zu ihm gesucht. Der eine war sein Oberst
Nikla Desfours. Sie berichteten: es hätte eine Schlacht zwischen der
ligistischen Armada und den Dänen stattgefunden, im Norden, am Barenberge
bei Hahausen. Der Wallensteinsche Sukkurs hätte daran teilgenommen, sechs
Regimenter, außer den Kroaten Peter Galls die Kürassiere Desfours,
Sachsen-Lauenburgs und Hußmanns, die Musketiere Kolloredos und Karbonis.
Ein Morast hätte beide Heere von einander getrennt. Die ligistischen
Regimenter Reinach und Schönberg wurden von den Dänen im Beginn der
Schlacht zersprengt, darauf folgte ein Angriff des gesamten feindlichen
Heeres, das über den Morast ging; währenddessen sei er, Desfours, mit
seiner Kavallerie von Hahausen aufgebrochen, habe sich an Nauen vorbei in
den Rücken der Dänen gemacht und es sei zu einer völligen Niederlage des
Dänenkönigs gekommen. Der feindliche General Fuchs sei gefallen,
Hofmarschall von Rantzau, der Generalkriegskommissar Lohausen, viele
Obersten, darunter Frank und Kourvilla, gefangen genommen; die
Reiterregimenter Hessen und Solms in den Sumpf gejagt. Schließlich seien
von den Dänen an achttausend auf dem Felde liegengeblieben. Das hörte der
aufrechtstehende Herzog mit völliger Ruhe an, um dann, nachdem er den
zweiten Oberst hinausgeschickt hatte, den Desfour zu fragen, wieviel Tote
er selbst gehabt habe. Der nannte eine hohe Zahl. Verächtlich zuckte der
Herzog mit dem Kopf; nachdem er ein paarmal im Saal hin und her gewandert
war, nahm er ein Kelchglas von der Kredenz, schmetterte es mit einer
grimmigen Verzerrung des Gesichts sich selbst vor die Füße. Den Desfour
schickte er weg, ohne ein Wort der Anerkennung.
Während der Herzog ohne Wien zu berühren sein Heer durch Mähren führte, in
loser Ordnung, den Söldnern alles gönnend, was das Land bieten konnte,
drängten sich in der kaiserlichen Antikamera Abgesandte der mährischen
Stände; baten bei Gottes Barmherzigkeit mit gebogenen Knien und
heißfließenden Zähren, der Kaiser möge ihr Schreien und Flehen erhören, den
Brandschatzungen, Plünderungen, Straßenräubereien, Vergewaltigung der
Weiber Einhalt tun. Vertreter der österreichischen Stände rangen die Hände:
man möge Frieden, um Jesu willen jeglichen Frieden machen; sie müßten durch
lauter Siege zugrunde gehen. Ein einzelner Mann, für seine Person
sprechend, bot das am stärksten erschütternde Bild der Kriegswirkungen, der
Kardinal Dietrichstein, des Kaisers Günstling, gelähmt auf den Schreck der
Überschwemmung seiner stillen Güter durch Kroaten, in einer Sänfte vor den
Kaiser getragen, immer vier einzelne Silben mit Beben des Gesichts
ausstoßend. Von den Briefen des böhmischen Gouverneurs Liechtenstein, dem
sein ehemaliger Kumpan, der Friedländer, einen bösen Streich mit der
Besetzung sämtlicher Güter gespielt hatte, von den beleidigten Äußerungen
des Thronfolgers Ferdinand konnte man nichts vor den Kaiser bringen; dem
Sohn des Herrschers waren trotz Einspruchs Troppau und Jägerndorf besetzt
worden; der Herzog hatte ihm sagen lassen: es käme auf die Monarchie in
Deutschland an; auf nichts sonst.
Eine Versammlung der Jesuiten, eine Provinzialkongregation, fand statt in
dem alten Profoßhaus. Sie saßen, die flachrandigen Krempenhüte vor sich auf
den Knien, in einem verrauchten langen Saal, sahen ein holzgeschnittenes
braunes Bild der Maria an, das hinter dem Katheder auf einem Wandpodest
stand. Zehn hohe rote Kerzen unter dem Bild warfen Licht in den Saal. Sie
begrüßten Wallensteins Vorhaben, seine Erfolge, seine Methode. Sie nannten
ihn stark und gewalttätig. Ein Bersten wird durch den Bau der Feinde gehen.
Er wird ein offenes Feuer anfachen, das Gebälk zerfressen. Sechs Rektoren,
die längst das vierte Gelübde getan hatten, erschienen in Audienz bei
Ferdinand, ihm zu danken für die Wahl des Herzogs von Friedland und zu
beglückwünschen. Die Türken hat er durch das Grauen seines Heeres, wie
durch das Anheben eines gorgonischen Hauptes, verscheucht, Bethlen hat
verzagen müssen, von Mansfeld ist nichts übriggeblieben. Der Herzog kümmert
sich nicht um das irdische Jammern; die Menschheit hat ein übernatürliches
Ziel, das Reich der Kirche muß ausgedehnt werden über Heiden und Ketzer;
wohl dem, der den Arm und das Schwert dazu leihen kann.
Der Kaiser hörte die Väter ehrerbietig an. Befremdet sprach er zu den
Räten: »Wofür danken Sie mir?«
In seiner Antikamera versammelte der Kaiser die Herren um sich, seit
Monaten zum erstenmal einer Besprechung beiwohnend. Bequem in seinem
Armsessel neben dem Ofen sitzend, sagte er: »Nun sehen die Herren. Und sage
man nicht, daß nur von bayrischer Seite uns Schwierigkeiten gemacht werden.
Ich habe meine Pflicht getan. Wir werden sehen, ob es nicht an der Zeit
ist, die Armada heimzuschicken.« Eggenberg setzte die Vorteile auseinander,
die die Armada gebracht habe. Harrach, aber auch Trautmannsdorf hielten
nicht mit der Äußerung zurück, daß sie etwas anderes zu hören erwartet
hatten nach Wallensteins Sieg, nach der Befreiung der Südostfront der
Erblande. »Und dennoch hab' ich den Wunsch,« fuhr der Kaiser sehr ernst,
ohne eine Miene zu verziehen, fort, »meinen lieben Oheim Wallenstein kommen
zu lassen und selber über die Stücke zu vernehmen, die man ihm nachträgt.
Die Feldherrn sind verschieden. Ich möchte hören, was er sagt.«
Eggenberg erklärte, man werde ihn, sobald er das Heer in die
Winterquartiere geführt habe, rufen. Das sei nicht nötig, fand Ferdinand;
das Heer brauche nicht erst in die Quartiere geführt werden. »Ich will Euch
selbst, mein lieber Eggenberg, schicken, damit Ihr mit ihm beratet und
vernehmt, wes Sinnes er ist. Ich trage ihm kein kriegerisches Mißgeschick
nach; die Fortuna des Schlachtfeldes ist nicht besser als die Fortuna des
Friedens. Auch habe er, ließe ich ihm sagen, am Mansfelder alles wieder ins
Gleiche gebracht. Darum handelt es sich nicht. Sondern darum, daß seine von
ihm geführte Armada den Namen einer kaiserlichen führt, also nach mir sich
benennt. Wie es denn kommt, unter meinen Flaggen, daß Reichsstände zum
Jammern vor mich laufen und wie lange das noch geschehen soll.« »Krieg«,
lächelte Trautmannsdorf. »Ist das Euer Ernst, Graf Trautmannsdorf?«
Bekümmert blickte der kleine in weiße Seide gekleidete Mann auf das
Parkett; nach einer Pause richtete er die Augen auf die gespannt
vorgebeugte Majestät: »Vielleicht ist es gut, die Sachen nicht zu ernst zu
nehmen und nicht zu streng anzusehen. Wenn man durch den Regen laufen muß,
wird man naß werden.« »Ach, lieber Trautmannsdorf, ich preise Euch, preise
Euch, daß Ihr so denken könnt. Lobet den Heiland dafür, daß Euch das
verliehen war. Mir wurde das nicht in die Wiege gegeben. Und wenn es mir in
die Wiege gegeben war, so ist es in dem Augenblick wieder von mir genommen,
wo mir die römische Krone zu Frankfurt aufgesetzt wurde. Meine Länder
sollen nicht zu mir kommen, ohne bei mir gnädiges Gehör zu finden.«
Eggenberg flehte: »Die frommen Patres der Jesugesellschaft haben Kenntnis
von allem erhalten, was sich ereignet in Ungarn hat. Die Stände sind zu
ihnen gekommen aus Mähren, Schlesien. Sie haben sie freundlich empfangen
und verabschiedet. Der Kaiserlichen Majestät dankten sie darauf für die
Wahl des Herzogs von Friedland.«
»Die Patres, mein Eggenberg, haben nicht viel gehört, und als die Stände zu
ihnen sprachen, haben die Väter nicht an Ungarn Schlesien und Mähren
gedacht, sondern an Gott und die Jungfrau. Ich habe unter den Worten der
Stände gezittert, als wenn meine Kinder es wären, die geplagt wurden; ich
konnte nicht an Gott denken wie die frommen Männer, mein Leib ist nicht so
stark, Jesus wird sich meiner erbarmen, ich bin nicht geweiht. Ich muß
meiner niedrigeren Natur Opfer bringen.«
»Was soll ich der friedländischen Durchlaucht nahe legen im Namen der
Majestät?«
»Eggenberg, lieber Freund, Ihr kennt meine Ansicht. Ich bin ihm gnädig
zugetan. Er ist im kaiserlichen Dienst, und wir müssen ihn zur
Verantwortung ziehen.«
»Ja, ihn fragen«, wollte Eggenberg am nächsten Morgen zum Abt Anton und
Eggenberg sagen. Da kam ein friedländischer Kurier mit einem Handbrief des
Generals aus Mähren; er erklärte und bat die Kaiserliche Majestät davon zu
informieren, daß er resigniere; er werde die Truppen in die Quartiere
verbringen, damit seine Ämter niederlegen.
Man kam überein, dem Kaiser, der vielleicht zugriffe, nichts von der
unbegreiflichen Meldung zu sagen; im kalten Schrecken saßen sie beim Abt
Anton hin, fanden kein Wort.
»Er hat uns in der Zange,« höhnte der kleine Graf; »nun geht, Eggenberg,
zieht ihn zur Verantwortung.«
Kollalto, der weintrinkende Friauler, Präsident des Hofkriegsrats, wurde
aufgesucht, nach seiner Bereitschaft das Feldherrnamt zu übernehmen
sondiert; von ihm kam der Bescheid, daß er zu arm für den Posten sei; er
bat den Fürsten Eggenberg mit zum Herzog gehen zu dürfen; der Herzog werde
sich versöhnen lassen; den Kaiser werde man versöhnen können.
Nach Bruck an der Leitha gebeten, erwiderte der Herzog erst nach zwei
langen Wochen, er werde sich aufmachen, die freundwilligen Herren zu
begrüßen.
Mit Grauen näherte sich der Fürst Eggenberg dem verschneiten Landhäuschen,
in dem sie den Friedländer treffen sollten; schweißbedeckt saß er unter den
Pelzen in dem Schlitten; wenn der Herzog starr bliebe, was war zu tun; wenn
er nachgebe, was würde er fordern? Plötzlich hatte er das Gefühl, dies war
die Rache, die Wallenstein für die Feindseligkeit bei seiner Erhebung zum
General nahm. Jetzt hatte er den Hof zum zweitenmal beim Kopf; was war dies
für ein Mensch.
Rot vor Scham stand der Fürst an der Stiege; der Sekretär des Generals kam
ihm entgegen, führte ihn in ein Vorzimmer. Er saß lange da, dann kam der
Sekretär wieder; er müsse klopfen, der Herzog sitze drin. Wie Eggenberg
gegen die Tür schlug, öffnete Wallenstein selber.
Sie saßen in dem kleinen warmen teppichbelegten Raum auf Lederbänken sich
gegenüber. Der Herzog sagte, ein Wunsch, ihn zurückzuhalten, sei
vergeblich. Er resigniere. Der Fürst begriff dies nicht; die Erfolge des
Feldzugs seien augenfällig. Nein, meinte der Herzog, Blicke schießend, er
müsse heraus aus dem Labyrinth. Er ertränke in Schwierigkeiten und Armut,
wenn es so weiter ginge. Tief drückte der Fürst den Kopf gegen seine
Zobeljacke; was es mit der Armut sei, man habe ihm keine Schwierigkeiten
bei den notwendigen Kontributionen gemacht. Keuchend stand der lange Herzog
vor ihm, die beiden Augen bis zur Weiße aufgerissen, das Kinn vorgeschoben,
die Fäuste hoch vor die Brust schüttelnd, es brauchte einige Zeit bis er,
zum Entsetzen des Rats, der an Flucht dachte, Worte ausstieß: »Nach
Ungarn,« heulte er mehr als er sprach, »haben die Herren mich gejagt, mein
Heer haben sie mir ruiniert. Was nicht verreckt ist, ist mir verhungert; in
ein meineidiges treuloses Land haben sie mich gejagt. Ihr werdet's
bezahlen. Ihr werdet es mir nicht wieder bieten.« Sich erhebend, bat
Eggenberg ihn, sich zu beruhigen; er klopfte ihm sanft auf die gekrampften
Hände. Der Unterkiefer Wallensteins schob sich noch nicht zurück; der
General zitterte am ganzen Leib; er stierte gegen die Schilde und Waffen an
der Wand, keuchte. Er hätte sich doch Lorbeeren in diesem Land geholt,
begütigte der Fürst, ihn umfassend, gegen die Bank nach rückwärts ziehend.
Unbeweglich stöhnte der Herzog: »Nach Ungarn. Nach Ungarn.« Wieder sagte
der mitleidige Eggenberg, er werde dies Land einmal als Wiege seines Ruhmes
betrachten. Der Herzog rieb sich die Arme, bald den rechten, bald den
linken, rückte von dem Fürsten ab, sich auf die Bank niederlassend; finster
murmelnd, sie hätten gesiegt, sie in Wien, die Friedhöfe in Ungarn
bezeugten es. Plötzlich freier werdend, das strenge Gesicht gegen ihn
gewandt, herrschte der Friedländer: nun würden sie, wie sie sich auch
stellten, bezahlen müssen. Wie Eggenberg bekümmert die Hände hob, schwoll
die Wut in Wallenstein wieder an; er brüllte, was sie also dann wagten, ihn
und seine ehrlichen Soldaten zu verderben, um nichts, sie alle zu Bettlern
zu machen.
Man brach ab.
Mittags besuchte der Herzog den kaiserlichen Rat auf seiner Kammer. Er
verharrte bei seiner Resignation: er hätte erfahren, daß der Graf Rambolt
Kollalto im Hause eingetroffen sei und hier logiere; was das zu bedeuten
habe. Eggenberg, im Bett liegend, gab den Bescheid, Kollalto sei nach ihm
im Augenblick der einzige Kriegssachverständige, der dem kaiserlichen Hause
nahestünde; wenn seine Liebden der Herzog beharrlich ablehne, sollte sich
Kollalto mit seiner Liebden unterhalten, was zu geschehen habe und ob sie
beide das erzherzogliche und kaiserliche Haus im Stiche lassen wollten,
beide, nachdem Kollalto gleichfalls den Gedanken der Kommandoübernahme
abgelehnt hatte. Der General formulierte darauf mit harter Stimme, am
Fenster mit dem Rücken gegen das Bett stehend, seine Bedingungen. Er sei in
der Notwehr und müsse sich schützen. Wiederholte seine Ideen zur
Kriegsführung, ausgeführt, mit dem Verlangen der ausdrücklichen Bestätigung
durch den Kaiser. Eine endgültige Antwort lehnte der Fürst für seine Person
ab, versprach, die Bedingungen in Wien zu empfehlen. Der Herzog verlangte
Kriegführung im Reiche, Steuern in Böhmen für Kriegszeit fortlaufend. Mit
siebenzigtausend Mann und siebzig Geschützen wolle er ins Feld ziehen; das
Reich besoldet die Armee so lange, bis es sich zu einem gerechten Frieden
versteht.
Man schickte nach Kollalto, der Herzog wünschte es selber. Als der beleibte
Mann am Bett Eggenbergs ihm gegenüber stand, fragte er, bevor er die Hand
gab: »Sind wir Freunde oder Feinde?« Kollalto ernst, er hoffe Freunde. Der
Soldat hatte einen andern Blick für Wallensteins Vorschläge; er äußerte
gegen Eggenberg schon nach wenigen Sätzen, daß dieser Weg zur Zeit der
einzig gangbare sei.
Es war Gewalt mit List, was der Friedländer vorschlug, ein scheußlicher
grauenerregender Plan: entschlossen und ohne Rücksicht sich des Herzens von
Deutschland bemächtigen, mit einer maßlosen Heeresmacht dort ruhen, die
Vorgänge im Reich bewachen und nicht davon gehen, bis aller Widerstand
erstickt und das Heer bezahlt ist.
Mit eisiger Ruhe, aber wie Eggenberg schien, jeden Augenblick im Begriff in
Wut auszubrechen, erklärte Wallenstein, sich vom Bett entfernend, seine
Arme lang über einen Tisch pressend und die Zeigefinger ausstreckend und
krümmend, daß er seinen Posten niedergelegt habe und ihn nicht wieder
übernehme vor Anerkennung seiner Bedingungen. Das seien seine
Lebensmöglichkeiten. Eggenberg wollte die Debatte auf das Verfängliche der
Situation in politischer Hinsicht bringen, der General hielt das
Militärische fest. Mit zwei Worten beleuchtete er nachher noch einmal die
Sachlage: er sei Privatmann und könne sich aus jedem Strick ziehen, er
brauche sich nicht freiwillig in ein Labyrinth zu begeben.
Darauf hatten Kollalto und Eggenberg abends eine Unterhaltung. Daß der Ton
Wallensteins unerträglich war, bemerkten sie kaum, der Plan stand im
Vordergrund; auch war Kollalto gedrückt, weil er dem General früher Unrecht
getan habe. Er wolle Präsident des Kriegsrats bleiben, um dem General desto
besser Dienste zu leisten; so hatte er eingebissen. Gegen Eggenbergs
kopfschüttelnden Einwand, sie lüden sich mit dem Plan das halbe oder ganze
Kurfürstenkolleg auf den Hals, denn die durchlauchtigen Herren würden die
Grundfesten ihrer Fürstenlibertät bedroht sehen, ihre Landeshoheit
geschmälert oder verneint durch die Einlagerung eines solchen Heeres,
setzte er: das Heer muß sehr groß sein. Eggenberg sah, der Militär war von
der Idee eines solchen Heeresmammuts berauscht. Seine Bemerkung, Kurfürsten
Fürsten und Stände würden in solcher Einlagerung eine gesetzwidrige
Besteuerung durch den Kaiser sehen, welche Besteuerung durch Kollegial und
Reichstagung zuvor bewilligt werden müsse, provozierte nur Kollaltos
freudige Wiederholung: das Heer muß sehr groß sein. Und als Eggenberg, der
im Schlafrock an Stöcken hin und her durch seine Kammer ging im
Kerzenlicht, fragte, vor dem glücklich sinnierenden andern haltmachend, ob
sie sich denn getrauten, ein solches Heer auf Posto zu bringen, hob er die
Arme wiegend hoch: das sei es ja gerade, das vermöchten sie, der Herzog
hätte für jeden Kenner ja bewiesen, was augenblicklich zu leisten sei; es
sei eine Glückslage jetzt, wie sie bald nicht wiederkehre. Drauf und dran;
sie ausnützen, beginnen, nicht zaudern. Eggenberg hielt ihn mit seinen
klaren Augen fest: wer dem Kaiser so rät, müsse auch wissen, daß er das
Haus Habsburg aufs äußerste gefährden könne. So sollte, lachte Kollalto,
der Fürst noch Karaffa, Liechtenstein, wen er wolle, befragen.
Eggenberg hielt es für gut, am nächsten Morgen vor der Abreise dem General
seine Zustimmung zu versichern; den genauen Bescheid der Majestät würde ihm
nach Prag ein eigener Bote überbringen. Kollalto schied in voller
Versöhnung vom Herzog.
Als Eggenberg in der goldblitzenden Antikamera des Kaisers stand, erinnerte
er sich erst, daß er nach Bruck gefahren war in den Schnee, um den
Friedländer zu warnen vor weiterer harter Kriegführung; kein Wort davon war
gefallen. Der Kaiser fragte streng, was der Herzog geantwortet habe.
»Nichts, als daß ich Eurer Majestät berichten sollte, daß die Kriegführung
mit Härten verbunden sei, auch mit Klagen uneinsichtiger Menschen.«
»Der grausame Mensch. Der Barbar.« Der Kaiser nahm von seinem Tisch eine
Rolle, las die Eingabe der mährischen Stände vor. »Also das ist nicht
zufällig und als Exzeß begegnet, das war nicht unvermeidbar, das hat mein
Oheim, der Herzog, mit Plan getan und geleistet. Eggenberg, lieber,« er
schüttelte den Fürsten an der Schulter, »ich habe gehört, daß Ihr nichts
mit dem verrufenen Mann zu tun haben wollt. Ihr selbst habt mir nicht
zuraten können. Das ist ein Christ, ein Katholik, er hat zu seinem Heiligen
gebetet, während ihm dies geschehen ist, nein, während er dies getan hat.«
Seine Lippen bebten. »Majestät sind Römischer Kaiser, viele Untaten
geschehen im Reiche; man kann nicht alles hindern.« »Das ist nicht mein
Geschäft, Eggenberg. Nie und nimmer. Ich weigere mich, ich wehre mich
dagegen. Es ist roh, es ist unnatürlich, es ist die planmäßige Vernichtung
ganzer Leben, ganzer Landschaften, die Gott geschaffen hat.« Nach einigem
Atmen fuhr er fort: »Und wozu? Um den Bastard Mansfeld zu beseitigen. Oder
-- mein Haus zu erhalten.« Leise der Fürst: »Gewiß möchte jetzt wohl jeder
Euch anbeten, Kaiserliche Majestät. Eure Frömmigkeit ist kein bloßes
Lippenspiel; es werden nicht viele deutsche Fürsten wie Ihr sein. Nur: wie
werdet Ihr den Thron behaupten können? Wie wollt Ihr das?« »Ihr seid der
Meinung, Eggenberg, solche Untaten sollen noch öfter in meinem Namen
geschehen?« Eggenberg ballte hinter seinem Rücken die Hände, zwang sich zu
sprechen: »Ich meine, es wird Ähnliches öfter geschehen müssen.« Ferdinand
von seinem Ton getroffen, musterte ihn scharf; rauh forderte er ihn auf zu
sprechen. Leise meinte der Fürst: der General hätte sich dahin geäußert,
solche menschlich beklagenswerten Mängel der Kriegführung seien in höchstem
Maße erwünscht; der Herzog habe mehr oder weniger deutlich abgelehnt, hier
von Schattenseiten oder Mängeln der Kriegführung zu sprechen; vielleicht
für die früheren treffe das zu. Er setze aber dies Unglück in seine
Rechnung. Er hielte es sogar im Augenblick für nötig, ein großes Heer in
die blühenden reichsten Gegenden des Reiches zu werfen; das Heer solle
erstickend auf dem Lande liegen; die feindlichen Bewegungen im Reich
beobachten, bis sich nichts mehr rege und man nur den Wunsch habe, das Heer
zu entfernen.
Starr blickte der Kaiser den Rat an, dann lachte er krampfhaft; so hätte
man also eine leichte Handhabe, diesen verrückten General wegzuschicken.
Darum, verneigte sich der Fürst, habe der General gebeten. »Gut,« schrie
Ferdinand, »gut,« und knirschte in Empörung mit den Zähnen, »so ist ja
allen geholfen.« Als Eggenberg sich das Kinn rieb, sah ihn Ferdinand an:
»Das Dekret der Entlassung wird fertiggestellt werden, wenn die Majestät es
befiehlt.« »Ich bitte darum.« »Wir werden nicht wissen, woher wir den
General und die Truppen entlohnen sollen. Wir brauchen ein Heer. Majestät,
es kann nicht daran gezweifelt werden, daß wir ein Heer brauchen.« »Euer
Liebden ist sonst nicht unklar. Wollt Euch nur deutlich ausdrücken: ich
soll mich diesem Verbrecher unterwerfen?« »Es ist ein furchtbarer Mensch.
Graf Kollalto setzt sich für ihn ein.« »Sprecht noch einmal.« Vor den
drohenden fassungslosen Kaiser wurde Graf Kollalto befohlen.
In dieser Unterhaltung stöhnte der Kaiser mehrmals: »Um des Heilands willen
schafft den Böhmen weg.« Rotwangig, mit kurzem weißen Knebelbart,
kurzstämmig stand der Friauler vor ihm, in hohen Beinstrümpfen, strenger
spanischer Tracht; man solle dem Böhmen vertrauen, er verstünde den Geist
des Augenblicks. Er wurde, als er die Erregung des Kaisers und die
unsichere, verdächtige Haltung Eggenbergs bemerkte, dringender,
Wallensteins Ideen seien eine entschlossene Tat. Und dann schmetterten
Ferdinand um die Ohren die Worte: »Der Römische Kaiser, das Heer, der
Kaiser, das Heer.« Es fiel kein Wort von den Mähren, Schlesiern.
Halbbetäubt hörte Ferdinand den Mann an, der seit Gradiska sein Vertrauen
besaß.
Der Saal war klein, die Wand schulterhoch mit brauner Verschalung
bekleidet, an der blauen Decke rangen riesenleibige Dämonen mit Armen,
Balken, Bergen gegeneinander, spien einen stählernen Kronleuchter gegen den
Boden, stießen hölzerne Säulenblöcke auf das Parkett. So herrisch trat
Kollalto mit seinen Worten auf, so ernst stand Eggenberg, einen Daumen am
silbernen Gürtel, neben ihm, daß Ferdinand plötzlich eine Unsicherheit, ja
Scham befiel, daß er gegen ein sonniges spitzbogiges Fenster zurücktreten
mußte. »Wir können siegen«, klang das rastlose Triumphgeschrei Kollaltos.
»Habsburg wird die Feinde im Reich unterwerfen.« Ferdinand beendete die
Audienz; er war in Furcht untergetaucht.
Die Kerzen brannten an dem Kronleuchter, auf einem Podium spielte die
Hofmusik, die Tür zu einer Nachbarkammer war weit geöffnet, drin saß im
prächtigen, eng verschnürten Rock vor einem rostbraunen Gobelin auf der
langen Polsterbank der Kaiser, bückte sich über sein Knie. In tiefer
Erschütterung fragte er den Fürsten Eggenberg, ließ sich wiederholen. Der
ungeheure Gedanke warf ihn um, wie er Kollalto umgeworfen hatte. Die
habsburgischen Königreiche und Länder sind zu schützen, indem man den Krieg
von ihnen fernhält, das Reich ist zu einem gerechten und vernünftigen
Frieden zu zwingen, das Reich muß wissen, daß es die Heere des Kaisers so
lange zu besolden hat, bis die Waffen niedergelegt sind. Öfter wollte
Ferdinand in einer aufsteigenden Trostlosigkeit, einer ihn durchirrenden
dumpfen Verzweiflung bitten, man möchte von diesen Reden lassen, er sei der
Schützer, der Mehrer des Reichs, dann trompetete es: »Der Römische Kaiser,
die Herrschaft über das Reich, der gerechte Friede«, er legte den
Degengriff an seinen Mund, fühlte die Kühle.
Und dann, gerade wie der Fürst eine Pause machte und drin heimlich und
sanft die ersten Stimmen eines Kanons von Geigen vorgesungen wurden,
stürzte, sauste urplötzlich der Gedanke Bayern über ihn, als wenn ihn die
Riesen geworfen hätten, die an der Decke nicht gehalten wurden,
beinbewegend ihn mit den platten Fußsohlen betrampelnd.
Ein leises Quietschen steckte in seinem Kehlkopf und kam nicht höher.
Bayern: er japste ringend unten weg. Sie hielten ihn. Der Fürst Eggenberg,
purpurne Schärpe, blaue Strümpfe, purpurne Kniebänder. Oben jubelte es,
knallte: »Sieg, Sieg, der Kaiser, das Heilige Reich.« Er duckte sich aus
seiner Höhle, verschämt, beschmutzt, platt hingedrückt, mißgestaltig,
blinzelte. Oben jubelte es, aus der kühlen, weinseligen Stimme Eggenbergs,
zu den zierlichen, schreitenden Takten des Kanons: Habsburg, Sieg,
Wallenstein. »Herr, führe mich nicht in Versuchung!«
Und wie die verzückte Angst, der wüste Taumel sich mit einem langen Ruck
durch ihn gestreckt hatte, war im Moment, wo er einen rotgeschwollenen Kopf
an den Gobelin legte, alles verschwunden, verrauscht, hatte ihn
sitzenlassen wirr in Fieber, Pein; eine nicht scharf erkenntliche,
halbschattenhafte wilde Jagd raste durch seinen Körper, er litt es, es
schwang hin und her, schwang, seine Muskeln bebten mit. Er setzte sich,
während der Rat von der Kriegslage nach der Schlacht am Barenberge sprach,
halb seitlich abgewandt, hatte das Gesicht mit der brillantgeschmückten
Hand beschattet. Dann zwang ihn etwas aufstehend nach der Mantuanerin zu
schicken.
Als sie kam, verlangte er nichts. Er ließ sie nur neben sich setzen,
blickte zu der Tür hin, wo die beiden schwarzen Figuren, zwei Damen, zur
Musik lange Fächer am Handgelenk schaukelten. Er war von einer tiefen Scham
erfüllt, er mochte nicht denken, sein Inneres war ein heißes zittriges
Rührmichnichtan.
Er fragte plötzlich, wie des Herzogs von Friedland Liebden, sein Oheim,
aussähe. -- Es sei der lange hagere Mann mit kurzgeschorenem Haar. -- Der
Kaiser zuckte mit der linken Hand; genug. -- Eggenberg verneigte sich: ob
Wallenstein zur Audienz befohlen werde. -- Nein. --
Als die Tür hinter dem Fürsten fiel, drin alles still geworden war, die
Mantuanerin sanft und scheu ihm Konfekt bot, fragte er: »Ist er hinaus?«
Sie wollte, die Silberschale auf den Wandbord stellend, wissen, ob es
schlimm sei, was der Geheimrat gemeldet habe. Er biß sich den Schnurrbart,
stieß ein Lachen aus, das ihm gelang, elastisch aufstehend ging er herum
über den blauen weichen Teppich zu dem silbernen Delphin an einem Pfeiler
der Fensterwand, der Wasser in ein Kupferbecken sprudelte: »Es ist nicht
schlimm. Es ist schwer für mich. Es hat etwas -- Unertragbares für mich. Zu
viel, Eleonore.« Die Damen, halbabseits an der Tür, hielten die Fächer
geöffnet, geduckt, die Gesichter verborgen. Er setzte sich am Becken neben
sie: »Mein Heiland, wie gut, daß ich dich habe. Ich bin ein alter Mann.«
Seine Schultern zitterten. Und jetzt drang es durch die Kehle, er
schluchzte tonvoll, weinte gegen den Delphin gedreht, hörte sich klagen.
Seine Brust schnürte sich in Krämpfen zusammen, leidend, mit einer
verschwimmenden Lust, folgte er den schlagenden Bewegungen seines Körpers;
wie konnte er sich ergehen. Diese Fülle, diese Öffnung. Er dachte von fern
an die vergangenen Jahre und was jetzt auf ihn gelegt war. Was hatte er
verbrochen. Dicht hinter der Stirn, bandartig um die Augen, rings um den
Kopf war ihm sanft schwindlig. Eleonore brach in Tränen aus. Ihren nackten
rechten Arm legte sie über den Rand des Beckens, das Wasser unten verzerrte
ihr hergebeugtes zusammengezogenes Gesicht; sie fürchtete, die Damen
möchten sie sehen, denen sie versprochen hatte, nicht mehr zu weinen.
Er bat abwinkend, nicht zu fragen. Und blieb dabei, sie zu küssen und
fiebernd zu drücken.
Wie sonderbar aber, daß, als er in der Nacht einschlief, immer wieder in
ihm der Gedanke wiederkehrte, daß er sich an Wallenstein rächen würde.
Immer wieder zog an seinen Augen vorbei, daß er sich Genugtuung von ihm
holen würde. Der Gedanke beruhigte, sättigte ihn. Mit Zähneknirschen
wiederholte er ihn, ohne ihn zu verstehen. Der Gedanke gab seiner
schnaufenden Atmung Ruhe, ließ ihn in den traumlosen Schlaf fallen.
* * * * *
Eggenberg gab auf die Frage des stierblickenden geknechteten Ferdinand
zurück: man müsse den General halten. Das waren die, die ihm einmal einen
Dolch auf die Brust gesetzt hatten. Er war matt, wollte nicht mit ihnen
kämpfen.
Er sah voraus, daß er werde viel Wein trinken müssen. Entsetzt dachte er:
nicht wieder im Keller, nicht wieder mit dem Zwerge.
Er fragte: was Lamormain meine.
-- Die heilige Kirche und das Haus Habsburg hätten gemeinsame Interessen.
-- Erwischt den Herrn Lamormain, jauchzte es einen Augenblick in ihm; pfui,
pfui, der Menschen. Aber er wurde zurückgescheucht von den ernsten stummen
vergewaltigenden Mienen der andern. Er duckte sich, die Unsicherheit in ihm
verwirrte verschlang alles. Der Kaiser schloß den Mund.
Den Abgesandten der mährischen und schlesischen Stände, die sich in Wien
aufhielten, wurde die Teilnahme des Kaisers für ihre Leiden ausgesprochen;
der Kaiser lehnte ab, sie noch einmal zu empfangen; er wies bedauernd auf
die Schattenseiten der Kriegsführung im allgemeinen, daß sein General
gehalten sei, strenge Zucht zu üben; sie möchten nicht die Staatsraison aus
den Augen lassen.
In seinem Palast auf dem Hradschin empfing Wallenstein den Erlaß, der ihm
den Dank des Kaisers für seine erwiesene Vorsicht und Tatkraft aussprach,
dem Vertrauen Ausdruck gab, daß seine Liebden im kommenden Jahr eine starke
wohlausgestattete Armada aus den Winterquartieren gegen die furchtbar
rüstenden Übeltäter und Friedensbrecher führen werde.
* * * * *
Auf die Niederlage des Mansfelders antwortete England, seinen König
zwingend, mit einem Vertrage mit den Generalstaaten; es erklärte unter
keinen Umständen die Sache des Kurfürsten von der Pfalz und des Schutzes
seines Rechtes aufgeben zu wollen, ferner nicht tatenlos der vom deutschen
Kaiserhaus und Spanien mit ungeheurer Macht geplanten Ausrottung der
Gewissensfreiheit zuzusehen. Es schloß mit den Niederlanden ein Bündnis
gegen Spanien. Wie der Winter vorrückte und ungeheure Gerüchte von
habsburgischen Rüstungen herüberdrangen, wurde auch der stolze englische
König tief unruhig; es bedurfte nicht des Zudrängens des Parlaments, um ihn
zu bewegen. Die Lords Buckingham Kensington Dudley Koxleton wurden bestimmt
nach dem Haag zu gehen. Kamerarius, der Resident des Pfälzers, empfing sie
melancholisch; der Mansfelder sei tot, Bethlen Gabor verschwunden; was
solle er von Deutschland sagen -- es sei dahin, dahin. Die Engländer aber,
begleitet von dem tapferen kleinen Johann Joachim von Rußdorf, hielten die
Nacken steif; sie führten in Kisten mit sich dreihunderttausend Pfund
Sterling in Goldplatten und Edelsteinen. Von Frankreich erschienen
Gesandte; auf den Straßen von Haag ritten neben den mageren Engländern mit
den strengen braunen Gewändern, den hohen steifen Filzhüten, die
lockenwallenden Franzosen, die freien feinen Gesichter, in losen fliegenden
Kleidern, farbenstrahlend, von Hunden umtanzt. Ihre Berichterstatter und
Sendboten saßen in Straßburg Ulm Nürnberg. Konnetabel Lesdighieres und
Marquis Vieuvillier erklärten sich bereit, Subsidien an den Dänen und die
Generalstaaten zu zahlen; sechshunderttausend Louis an Christian, eine
Million französische Pfund an Holland. Freudig schwuren die Holländer,
keinen Frieden mit Spanien schließen zu wollen ohne Frankreich.
Brandenburgische Heere trafen ein; und plötzlich tauchten in schwarzer
Attila ungarische Magnaten auf, runde Pelzmützen mit Agraffen auf dem Kopf,
heftige schwarzäugige Herren, reich, mit lauter Stimme, die ihre
protestantische Freiheit gegen das verschlingende Habsburg verteidigen
wollten; riefen aus, wie bitter es Wallenstein ergangen sei und wie sie
sich geweigert hätten, ihm Zuzug zu leisten. Die englische Delegation
erhielt Briefe vom edlen Herrn Mark Antonio Padavin, dem Vertreter der
venetianischen Signoria am Kaiserhof; er habe Auftrag, Vorschläge zu
vermitteln nach Venedig über die von seiner Republik zu leistende
Unterstützung; der tapfere geliebte Mansfelder sei tot, die dänische
Majestät habe eine Schlappe erlitten; sie wollten mit Hilfe nicht
zurückstehen. Aus diesen Briefen erfuhr man, daß der Bassa von Ofen und der
Großtürke selber aufs stärkste gegen Habsburg zu rüsten begonnen hätten;
man vertraue auf Bethlen Gabor.
Und wie vor Weihnachten die frohen Nachrichten sich häuften, fand ein
feierlicher Kirchgang statt: hinter samtgekleideten Pagen und feinen
Marschällen ging zu Fuß durch die strenge Luft der besiegte Pfälzer
Friedrich, barhäuptig, die hellblonden gesalbten Locken neben den vollen
bläßlichen Wangen über den offenen Hals spielend, in blauem bauschigen
Wams, über dem goldenen breiten Wehrgehenk leicht zusammengesunken; seine
blauen Augen blickten träumerisch leer. Elisabeth lächelte aus ihrem naiven
Gesicht sonnig nach allen Seiten; die Gesandten ihres Bruders gingen hinter
ihr, sie machte heftige ungeduldige Schritte in ihren goldenen Schuhen; ihr
weiß gepudertes Haar erhob sich steif in Etagen über dem roten strotzenden
Gesicht; in einem weiten grünen Kleid quoll ihr froher Leib; sie drückte
die weiß bekleideten Hände geballt vor die Brust.
Die Generalstaaten, England, Ungarn, Frankreich, Brandenburger, saßen mit
ihnen auf den Bänken vor dem masthohen Kreuz mit dem hängenden
leinenbekleideten Heiland, hörten in dem hellen ungeheizten Raum die
Predigt an über das Wort: »Und du, Kapernaum, bist du nicht in den Himmel
erhoben? Du wirst in die Hölle hinuntergestoßen werden.« Nicht von der
Stelle zu rücken, gelobten sie, bis Habsburg, der deutsche Kaiser und
Spanien, geschlagen und vernichtet sei; sie hätten unermeßliche Zeit und
würden Gottes Mühlen gut mahlen lassen. »Dahin ist es gekommen mit
Deutschland,« erklärten sie, »daß fremde Herrscher zur Überwachung und
Anordnung seiner inneren Angelegenheiten berufen sind. Der Bund ist gegen
Habsburg geschlossen wegen Bruchs des Rechtsfriedens, Verletzung der
Reichsverfassung, der beschworenen Wahlkapitulation des Kaisers. Es ist
dahin gekommen, daß ein hochgeborener deutscher Fürst, geächtet, vogelfrei
erklärt ohne Gericht, bei fremden Nationen hat Schutz suchen müssen. Da den
benachbarten Staaten an Erhaltung des Friedens, der Verfassung und
beschworenen Wahlkapitulation gelegen ist, sehen sie sich gezwungen, den
rasenden unerträglichen Lauf dieser bösen Absichten und Unterdrückungen
durch Aufrechterhaltung der Reichsfreiheit zu hemmen, dem unverkennbaren
Ruin entgegenzutreten.«
Der Dänenkönig trieb seine Werbungen auf dreißigtausend Mann zu Fuß und
achttausend Reiter; zu Hamburg erlegte England monatlich dreihunderttausend
Gulden; achtzigtausend zahlten die Generalstaaten. Aus Venedig trat Graf
Heinrich Matthias Thurn, der Böhme, der Hauptrebell, capo di guerra, in
dänische Dienste. Fünf englisch-schottische Regimenter setzten unter Karl
Morgan über den schäumenden Kanal, drei Regimenter Schotten ließen sich von
Christian anwerben. Graf Ludwig von Montgommery trieb viertausend Franzosen
im Marsch nach Norden. Ein schwedischer Gesandter erschien, der König
Gustav Adolf versicherte den Bund seiner Sympathie; er stünde noch in Polen
in Kämpfen; man möge ihm Zeit lassen, er würde rechtzeitig kommen.
* * * * *
Auf die Werbungen der Obersten waren von Wallenstein vorzustrecken zwischen
sechshunderttausend und eine Million Gulden. Während der Unglückstage in
Ungarn waren von eigenen meuternden Truppen der Feldzeugmeister Graf
Schlick und del Maestro gefangen an Bethlen Gabor abgegeben worden; ihre
Auslösung erforderte hunderttausend Reichstaler. Die Ausarbeitung eines
Verpflegungssatzes für die einzulagernden Truppen übernahm der Serbe
Michna, der hündisch am Herzog hing; jeder einquartierten Kompagnie waren
zunächst seitens der Bevölkerung siebenhundert Gulden zum Unterhalt zu
reichen. De Witte spannte seine Einbildungskraft und Energie an, nützte
seine Beziehungen zu Bassewi aus, an die reichen Geldquellen der
portugiesischen Juden in Hamburg heranzukommen; die Herren Fernando Cardosi
und Henriko Rodrigez wurden gewonnen; sie beherrschten den Handel mit
ostindischem Kattun Gewürzen Rohrzucker, hatten die Hamburger Bank
begründet; auch der junge Diego Taxaira wurde sondiert. Indem sie Geld auf
den Namen de Wittes Bassewis und des reichen Friedländers hergaben, drangen
sie darauf, daß das Unternehmen auf die größte und sicherste Basis gestellt
werde; de Witte wies darauf hin, daß er, Michna und der Herzog persönlich
mit ganzem Hab und Gut beteiligt wären.
Von Prag wurde das Gerücht ausgesprengt, es ginge auf das Reich zu, man
werde plündern wie nie. Um die Galgen herum schlichen die Werber, in die
Wunderhöfe der Bettler; ließen Regimentsspiel erklingen, stellten sich vor
die Zunftstuben, Gesellenhäuser. Es gab niemand, der zu schwach war, und
niemand, der verworfen war. Über die verschneiten Felder fegten sie, hoben
Lebensmüde hinter Gartenhecken auf, spähten an Flußläufen entlang. Sie
mieteten sich Gauklertruppen, um Menschen anzulocken, Quacksalber Feldscher
Handleser liefen neben ihnen. Sie erzählten von Wunderdingen, die sich
begeben sollten im kommenden Frühling und Sommer, der deutsche Kaiser ziehe
aus Wien mit erstickender Macht gegen die Niedersachsen, Dänen; Wallenstein
sei sein Feldherr, der halb Böhmen besitze und geschworen hätte, sie
sollten ihm nicht entgehen oder er wolle in die Hölle fahren. Die Kranken,
dienstlosen Söldner, Bettler rafften sich aus den Gassen, von den
Kirchhöfen auf, ließen ihre Krücken und Schnappsäcke liegen, der finsteren
Verstumpfung, dem Gram entrissen. Wilder sprangen sie vor der Trommel, sie
waren die Herren, Totschlag und Diebstahl haschten vergeblich nach ihnen,
es gab Ehren; entwischt waren sie, es gab Fahnen und wilde Federn, Pferde,
Fräulein, Würfel, Wein, Fraß, Musik. Bürger und Bauern mußten verbleichen;
konnten ihre Güter taxieren; die Söldner taxierten noch einmal. Mit Grauen
sahen die Dörfer die Scharen von den Musterplätzen kommen, fahnenschwingend
klimpernd singend säbelgegürtet buntfedrig, herrliches Geld in dem Säckel.
Der römische Kaiser rief auf. Wie sie tosten, als gute Brüder taten. Daß
den Bauernburschen die Herzen gegen die Rippen hämmerten, Vikar und Diakon
sich erbarmten; hinaus: auf ein Jahr, nur ein Jahr. Viele Nester leer,
Sensen ohne Hände, alte Männer an den Pflügen, Krieg. Wie ein heftiger
Wind, der die Bäume schüttelt, reife Früchte abnimmt, hinwirft vor die Füße
zum Mitnehmen. Trübe Ehen wurden zerschlagen, die Männer nahmen die Pike
und Muskete, fühlten sich frei vor dem Tod. Die Türen der Frauenhäuser
wurden erbrochen, die Weiber strömten den Sammelplätzen zu, wo die Mannheit
auf die große Wanderschaft ging, heute alles, morgen nichts, übermorgen
verfault. Mit Erschütterung drang der Trommelschlag an die Herzen der
Studenten, in den Bursen, Stiften; über die Folianten blickten sie weg an
die Fenster, ihre Lauten und Flöten ließen sie liegen, schlichen nicht aus
den Winkeln, waren nicht lustig, nicht traurig, wagten sich nicht hervor an
die eisigkühle klangdurchtobte farbenschwingende Luft; bis sie die Hände an
die Ohren schlugen, wild an den Häusern der Lehrer und der Liebsten
vorbeirannten, davon; tonlos vor dem Werbekorporal, blaß: »Da bin ich.« Die
Mönche in den Klöstern auf dem flachen Lande horchten auf, senkten betend
ihre Köpfe tiefer; draußen vor den Gittern standen die älteren Brüder und
Oberen sorgenvoll, die Züge schwärmten trotzig und lachend, windgetragen,
vorbei; durch die vollen Speicher Scheunen Ställe gingen die Mönche, sahen
stumm im Refektorium die kostbaren Kelche Bilder, verriegelten die Gitter,
beteten um den Segen Gottes.
Wallensteins Werber ritten nach Polen, Kosaken aufzubieten; in Wallonien
brachen sie ein, in Lothringen, sein Geld floß nach Ungarn Kroatien
Dalmatien, riß die Menschen zum Würfelspiel nach Deutschland gewaltsam,
massenhaft. Er lockte die Zusammenbrechenden aus Böhmens Not her; die
Werber stachelten: »Was jammert Ihr. Ihr werdet's nicht ändern! Seid
Herren, rasch, rasch, Herren, mit der Pike und Muskete!« Stöhnend folgte
ihnen, was den Jammer satt hatte, verfluchte sein Schicksal, seine Heimat;
mit hineingerissen in ein finster freudiges niederbrechendes Ungewitter;
ihre Füße schwangen. Wollten abrechnen; Deutschland war da; abrechnen, daß
kein Tröpfchen Fett auf der Milch schwamm.
In den Kirchen fingen die Priester für Wallenstein zu werben an. Auf die
protestierenden Zyklopen und Pelagier ging es, auf die Epikuräer,
Beschützer der Säue, die Kalvinisten, Blutsäufer, Herrgottsfresser. »Was
wollen sie mit dem Evangelium des Markus Lukas Matthäus Johannes? Den
Heiland und sein Werk in Grund und Boden kritisieren, spintisieren,
destillieren, die Quacksalber am Leib unserer heiligen Kirche. Das
Evangelium ist zäh, frisch, ledern, für überscharfe spitze Zähne; die
Kirche läßt es Euch gut abhängen, daß es mürbe wird, gibt's in den
Rauchfang, stellt sich als gute Metzgerin dazu, hackt Euch heraus, was gut
schmeckt und nährt; immer kochen wir Euch ein Süppchen, schmoren, braten,
daß Euch der Magen sich wälzt. Seht hin auf die Lutheraner und Kalvinisten;
sie gehen herum mit herben sauren Mienen; der Darm ist ihnen überlastet,
sie können's nicht verdauen und lassen doch nicht davon. Ich will Euch
purgieren, liebe Seelen, daß Ihr alle keine schmähliche Not leidet. Wer auf
Erden hat das beste Himmelreich, der Lutheraner und Ketzer oder der
Katholik? Nun ist es ja schon unglaublich, daß Ketzer ein besseres
Himmelreich haben sollen als fromme Katholiken. Wer sagt überhaupt, daß
Ketzer in den Himmel kommen, wo doch die Hölle ihnen besser ansteht? Aber
nehmen wir an, gesetzt wir täten's, sie seien Christenmenschen, die
unwissentlich sündigen. Sie haben noch nicht geschleckt an unsern
Zuckerwaren, ihnen ist das Manna noch nicht ins Maul geloffen, das uns
täglich so herzlich befriedigt, bei jeglicher Jahreszeit und Witterung;
sobald wir nur die Augen aufreißen, fängt das Manna an zu fließen, ein
unbeschreiblicher, erschreckender Überfluß -- nur jenen Elenden nicht, die
zu faul sind, sich in ihren Betten wälzen und unser gottgefälliges
Frühläuten gar als Störung ihrer lästerlichen Ruhe betrachten. So also,
sage ich, ist diesen unwissentlichen Sündern entweder das Fegefeuer oder
bestenfalls ein Vorraum zum Paradies bereitet. Geduldet werden sie,
vielleicht nicht sehr geplagt, Behaglichkeit, etwas flauer Spaß ist alles,
was ihnen gelegentlich, sonntäglich blüht. Das also wäre so der Fall, wenn
es so wäre, wie es sollte und sie unwissentlich sündigten. Aber es ist
gesorgt dafür, daß der Andrang im Vorraum nicht gar zu groß ist. Aus allen
Ständen hat der Heiland und Herr Menschen berufen, um Raum zu schaffen. Sie
haben sich nicht gescheut, die frommen Männer und echten Papisten, die
Fahnenschwinger und Kreuzesträger, die Sünder und ihr schmutziges,
struppiges Fell anzupacken. Sie sind es, die die Sünde wissentlich machen.
Jetzt geht ein Jubel durch die Welt; es ist zu Ende mit dem lauen Zupacken,
ja einen Stoß kriegen sie von rückwärts ins Steiß, der sagt: aufgepaßt! Aus
Gnade und Mildtätigkeit tuen sie so die wahren Papisten, damit das Zittern
und Zähneschnarren über die verdammlichen Lutherbuben komme, daß die Reue
sie zusammenpreßt und wie erbärmliche lächerliche Klümpchen in den
Richtstuhl und Beichtstuhl treibt, flehend, man möchte sie aufheben, ihnen
das Paradies öffnen. Und wahrlich, genug Überwindung gehört dazu, sie
aufzuheben. Jetzt ist nicht mehr Zeit, vom protestantischen Himmelreich zu
sprechen. Der Satan ist informiert; er hat Auftrag, grimmig für Vorrat zu
sorgen an Knechten Messern Kübeln Bottichen Holz Blasebälgen, auf lose
Backen nicht zu vergessen, kräftige Fäuste, die Sünder anzupacken und hin
und her zu schleudern, Eisen und Haken, das Feuer zu schüren.
Die Böcke laufen herum, nicht jene, auf denen Satanas und die Hexen reiten,
sondern andere, heilsam, die die Sünder auf die Hörner packen, spießen,
sich durch die Luft zuwerfen und so sich die Zeit vertreiben mit Ballspiel.
Für die Stolzen und Übermütigen springen dürre Affen herum, die sich
anklammern an ihre Röcke und Wämser von hinten, mit beiden Händen ihnen
unter die Achseln greifen, mit den Beinen vorn über den Bauch, und nun
kitzeln, kitzeln, daß sie lachen. Ja, jetzt können sie lachen, brüllen,
sich winden, daß sie blau werden und bersten. Und vor ihnen steht ein
Teufel, schlägt ihnen ins Maul, schreit: Ruhe! hält dem Affen einen Krug
hin, damit er nicht verdürstet. Was ist das für ein Gelächter in der Hölle!
Fürwahr ein anderes als das sanfte melodische in unserm Himmelreich. Ein
Tier ist da und kriecht herum, dessen Bauch an hundert Quadratmeilen mißt.
Seine Schnauze ist die eines Hundes, sein Leib weiß und fett wie eines
Schweines, seine Füße grün mit knotigen kolbigen Zehen wie ein Frosch. Es
sitzt da, das Untier, in einer Ecke und immer, wenn die Hölle vor ihm recht
dick voll ist, bückt es sich mit einem knallenden Schnalzer, schluckt
hundert Verdammte, läßt sie in Schlund und Magen herumwirbeln, da wühlen
sie in Sudel, Wust, Lauge, dann würgt er sie wieder aus, holt die hundert
wieder und noch zehn-, zwanzigmal, bis er satt ist, und speit sie dann auf
einen Patzen hin. So spült sich das Tier den Rachen, schnappt zum Rest mit
den warzigen lappigen Lippen die hundert an den Füßen, schleudert sie im
Kreis, bis sie trocken sind, dann läßt es sie los.
Soll ich Euch von den Teufelsschlossern erzählen, die die Menschen
schmieden, als wenn sie Schmiedeeisen wären, von den Tischlern, die die
leibhaftigen Menschen zersägen und sich Stühle und Schemel aus ihnen
machen, um sich darauf zu setzen bei ihren Untaten. Da müßte ja der Christ
ein Narr sein, der derartiges erdulden wollte aus purer Halsstarrigkeit.
Aber dumm sind meine Lutheraner nicht, sie sind mit vielen Wassern
gewaschen und mit den meisten die unter ihnen, die sich Gelehrte,
Prädikanten schelten und fromme Seelen verlocken. Für sie ist eine
besondere Strafe erfunden, damit sie, die im irdischen Leben etwas
Besonderes waren, sich auch dort dessen rühmen können. Da hängen so
zierliche Seilchen von der Decke der Hölle herunter, versteht Ihr recht,
Seilchen, nicht viele, denn gar so viele sind nicht so schlimm. Nicht gut
kann man die Seilchen sehen, denn ein Dunst, ein Nebel, ein Wrasen wie aus
einem Kochtopf steigt immer von unten auf. Und wenn die Teufel nun so einen
erwischt haben, so eine abgelebte alte Prädikantenmißgeburt, die vermeinte,
flugs und unversehens in den paradiesischen Vorraum zu schlüpfen, so heben
sie ihn sacht auf ein bequemes Schemelchen, binden ihn an zwei Seilchen,
ziehen ihn hoch und lassen nun den Wrasen gehen, verkleben ihm auch schön
die Ohren mit Pech. Und täglich kommt zu einer Stunde ein Teufel, nimmt ihm
das Pech aus den Ohren heraus und tut mit ihm disputieren, damit sein hoher
Witz sich gar nicht abstumpft. Das scheint Euch nichts? Oh, oh! Das lebt,
das sieht nichts, das hört nichts. Vom Dampf verschrumpfeln sie wie Äpfel,
sie sitzen den ganzen Tag in der warmen Nässe wie Waschfrauen, tropfen,
ziehen keinen Zug gute Luft und werden nicht trocken. Mögen sie sich
umgucken, mögen sie in den Rauch hineinschnappen, ob's nicht wo was zu
sehen gebe: ist nichts zu sehen. Sie tropfen, verschrumpfeln, verfaulen in
langer Weile. Nur eine Nadel steckt in der Rücklehne des Schemels, die
bohrt sich in ihre Rücken, wenn sie einschlafen wollen. Möchten nur recht
viel von ihnen kommen, wären die geplagten Teufel froh genug und hätten
ihre Ergötzlichkeit. Wie sie sich drehen auf ihren Schemeln, möchtet Ihr
sehen, wie sie rasen, nicht trocken werden, den Dampf wegblasen wollen und
unten kochen sie immer weiter, wie sie schäumen gleich den wütenden Ebern,
wie sie sich anfallen in der Einsamkeit da oben an den beiden Seilchen
schwebend an der Decke der Hölle, sich die Knöchel zerbeißen, sich gern
umbrächten, wenn sie nur könnten. Da ist nichts in ihnen als Schäumen und
Rache, Geschrei, Gewein, bis sie müde werden, und wenn sie wieder frisch
sind, dann sehen sie wieder nur sich und es ist nichts.«
In den neugläubigen Landkreisen ließen die Werber die Parole »deutscher
Kaiser« gehen, mit Macht suchten sie Protestanten zu gewinnen, Wallenstein
hatte mit den stärksten Ausdrücken darauf gedrungen; er hatte befohlen,
Anlauf- und Antrittsgeld zu verdoppeln, wenn es Lutheraner und Kalvinisten
gälte. Heftig sprudelten und schäumten die frommen Kreise der Erblande
dagegen, schwer konnten sich die jesuitischen Gesellschaften beruhigen. Der
Herzog gab kein Wort der Erklärung; er wollte auch Lutheraner im Heer, hieß
es in Prag. Von der Wiener Hofkammer und dem Geheimen Ratskolleg wurde auf
des Friedländers schlaue Taktik hierin hingewiesen; er verfahre nach der
allgemeinen Direktive, den Oppositionsmächten den Vorwand der Religion zu
benehmen; man dürfe nicht länger sagen die garantierte Religionsfreiheit
werde vom Kaiser bedroht. Der Herzog zog lutherische Offiziere in sehr
großer Zahl an sich; kaiserliche Oberstpatente gab er ihnen. Die zu Bruck
seinen Erklärungen beigewohnt hatten, begriffen scheu, daß sich seine
finsteren furchtbaren Ideen vom Kaisertum dahinter regten: der Kaiser über
Deutschland, und sonst nichts. Nichts von Kirche.
An seinen Wagen spannte er die ungeheuerlichen Wildgestalten der Herzöge
von Lauenburg. Die verschuldeten Reichsfürsten, lahm daliegend, buckelten
sich hoch und schüttelten sich, sie ließen sich die langen starken Leinen
Wallensteins überwerfen. Der Mansfelder, abenteuerlich, bezaubernd vorüber
tosend, hatte ihnen ins Herz gestochen, die Zungen klebten ihnen am Gaumen
vor Gier. Rudolf Maximilian, der Sachsenlauenburger, ein haarschaukelnder
Kentaur, langschenklig, stieß seine Fahnen im Erzstift Mainz in den Boden,
ließ die rotblutigen Glotzaugen rollen, donnerte, schrie, kehlte
Spießgesellen heran, Grauen verbreitend. Er war eine Röhre, ein Rinnsal,
ein Kanal, Wein und Biere flossen von Morgen bis Abend über ihn; er war wie
ein Schwimmer, ertrank nicht drin, schlug um sich, wie ein Fisch. Der
Fürstbischof suchte ihn zu besänftigen, ließ ihm Proviant, Furage zufahren;
er stopfte, was man ihm gab, ohne zu danken, behielt den Hunger. Seine
Backen blaurot geädert; die Söldner sahen es mit Freude. Reich war das
goldene Mainz. Kleine Detachements erbrachen Kirchen; wie Rudolf Max sagte,
aus Verzweiflung. Und eines Sonntags machte sich der Herzog selbst auf,
ging auf Lüttich zu. Da hatten seine Leute trefflich geworben, und als sein
Quartiermeister kein Handgeld weiter hatte und die Reiter ins Saufen kamen,
schenkte Max ihnen den Markt von Lüttich und die sechs einstrahlenden
Hauptstraßen. Die Pferde standen parat. Die Bürger waren auf der Hut. Als
man einige Pikeniere totgeschlagen hatte, andere aus Schenken Weinfässer
fortrollten auf geraubte Karren und Wagen, wurden die widerstrebenden
Bürger, die sich zu Hilfe kamen, umringt. Mordiogeschrei und Getümmel in
die Finsternis hinein. Alarm die Glocken. Bei Morgengrauen saß das Untier,
der barhäuptige Herzog, flüchtig in der Sakristei des Sankt Lambrecht
Klosters auf den Stufen; die mitleidigen Mönche wichen angstvoll vor ihm
aus, dem schnaubenden schweißflutenden, der sich entstellt den
Brustharnisch schlug. Der Bürgermeister von Lüttich nahm sich drohend und
höhnisch seiner an, heimlich in der Frühe zu ihm gelassen. Knirschend mußte
der Lauenburger sich gefangen geben. Pferde Wagen Leute Soldateska im Stich
gelassen. Knirschend mußte er sich vom Bürgermeister und Stadtsekretär die
Knie binden lassen. Dann wie ein Kalb in den Sack gesteckt, auf einen
Packwagen des Klosters geworfen, von Mönchen gefahren aus der
tumultierenden Stadt über die Grenze. Fünfhundert Gulden hatte er dem
Bürgermeister aus seinem Säckel geben müssen. In Mainz wurde er nicht
stiller, warb sechstausend Mann zu Fuß, eintausendfünfhundert zu Pferd.
Sein Freund war der Herr von Gürzenich, Adam Wilhelm Schelhard Dorenwart;
er hatte das Patent, in der Wetterau und den Nachbarquartieren ein Regiment
zu Fuß aufzurichten, ferner zu seinen auf den Fuß gebrachten vier Kornetten
Kürassiere sechs Kompagnien Arkebusierreiter. Eine Kartätschenkugel steckte
ihm aus einem Gefecht in Ungarn mit dem Grafen Zriny in der Leber; sein
Blut floß gelb. Nichts hatte er; auf sein ausgeschlagenes Auge und die
Kugel im Bauch schoß ihm der Herzog von Friedland Anritt und Laufgeld vor;
davon warf der Gürzenich vor die Soldaten keinen Heller, die Ausrüstung
beschaffte er; Lohn hieß er sie sich selber holen. Auf einem stämmigen
Rumpf mit krummen starken Beinen saß der kurze Hals mit dem gelben
Kleinkindergesicht und den riesigen Kiefern. Seine Kompagnien stürzten sich
über die Wetterau. An den Weibern hatte ihr Oberst solchen Spaß, daß er
schwur, kein Weib im Umkreis zwischen vierzehn und vierzig Jahren sollte
passieren, ohne sich seinen Leuten ergeben zu haben oder über die Klinge zu
springen. Und wenn seine Leute auch die Ernte wegfräßen und die Menschen
verdürben, krächzte er voll Wonne, so wollte er doch verbürgen, daß ihre
Aussaat unvergleichlich sei, prächtig, gescheckt braun und purpurn mit der
Franzosenkrankheit, geschwürige Embleme auf der Haut, wie sich für Adlige
ziemt, schöne Kielköpfe, pralle Wasserbäuche; man würde nicht wissen, wenn
sie auf den Beinen stünden, ob sie besser watscheln, schwimmen oder fliegen
könnten; aber rauben, saufen und stehlen würden sie, so wie sie das
Tageslicht erblickten, so gewiß ihre Väter es täten.
Vor Limburg an der Lahn erschien der Herzog Adolf von Holstein-Gottorp, ein
Bruder des regierenden Herzogs Friedrich. Ihm hatten ein Jahr zuvor seine
Quartiere nicht behagt; darauf machte er sich mit einigen Fähnlein Knechten
auf, fiel ins Gebiet des Trierer Erzbischofs ein, wüstete dort. Jetzt trat
er ganz zaghaft zu Limburg auf, sein Trompeter verkündete dem Torschreiber,
sie wollten friedlichen freundlichen Durchzug durch die Stadt. Der Herzog
Adolf liebte Zorn und Blut für sein Leben. Drin würfelten sangen spazierten
die Spanier, lagen als Besatzung in den Häusern Schenken Gärten Bädern; und
als der Herzog die schönen Quartiere besah, erschien ihm doppelt gut, hier
haltzumachen. Die Spanier lachten: sie säßen da; der Herzog: er käme an.
Wachtmeister Kornett Korporal Musketier sahen nur ihren weißblonden Oberst
auf seinem Gaul an, schlank stählern im silbernen Küraß, unter der
buntfedrigen Eisenhaube das lange viereckige Gesicht, frisch rosa, mit den
vorstehenden Oberzähnen; sie sahen, wie seine Unterlippe sich füllte,
hochstieg wie eine Pflanze nach dem Regen und umkippte. Er gab vom Pferde
springend den Spitzhammer abhalfternd das Zeichen; von fünfhundert
schäumenden Spaniern entkamen nur sechs. Die Bürger hatten gedroht, sie
fürchteten sich nicht, hätten sich vor dem Grafen Mansfeld nicht
gefürchtet. Sie mußten das Wort bald bereuen. Nach vier Tagen ritt der
weißblonde Herzog mit seinen Knechten und vielen Beutewagen wieder aus, die
Lippe schlaff, der Blick leer.
Der Oberst von Merode, Schrecken Schlesiens, schlug im Fränkischen seine
Werbeplätze auf: zehntausend Mann war sein Ziel.
Bei Nürnberg tauchten auf zwei Großoheime des regierenden Märker
Kurfürsten, die Markgrafen Johann und Johann Georg von
Brandenburg-Kulmbach; zwei Regimenter zu Fuß, zwei Regimenter zu Pferd.
Hans Georg von Arnim aus der Uckermark stand in Diensten Gustav Adolfs von
Schweden, dann bei Sigismund von Polen, beim Mansfelder. Vom Friedländer
wurde er mit einem Regiment beliehen.
Torquato Konti Graf von Quadragnola, am Weißen Berge bewährt,
Generaloberstleutnant in päpstlichen Diensten, zum Wallenstein
einschwenkend. Wolmar von Fehrensbach, Graf von Karkus zubenannt, aus
schwedischem Dienst verräterisch zum Polen übergehend, vom Friedländer zum
Obersten über ein Infanterieregiment mit dreitausend Mann bestellt, in
Schlesien eingelagert.
Herr Sparr von Hohen-Finow, zehn Kompagnien Arkebusierreiter, nach Jüterbog
gewiesen.
Die Pfalz Birkenfeld, die Grafschaften an der Eifel besetzten die Brüder
Cratz von Scharffenstein, Alwig Graf Sulz. In der Grafschaft Stollberg nahm
Quartier Hans Ernst Vitztum von Eckstädt, Oberstleutnant über fünfhundert
Dragoner.
Johann Franz Barwitz, Oberst über fünf Kompagnien Dragoner.
Verdugo, des Ordens Sankt Jakobi a Spada Ritter, des Königs in Hispanien
Kriegsrat, dreitausend Mann zu Fuß, fünfhundert Kürassiere.
Baron Bettino Riccasoli della Trappola, fünfhundert Arkebusierreiter.
Johann Philipp Hußmann de Namedy, tausend Kürassiere.
Graf Ferdinand Nagaroll, elf Kompagnien.
Oberst Hebron, ein Arkebusierregiment, ein Dragonerregiment.
Herrmann Frank, der Däne, ehemaliger Mansfelder, ein Infanterieregiment.
Hans Friedrich von Stößel, sechs Kompagnien Arkebusierreiter.
Marquis de Boissy, sechs Kompagnien Arkebusiere.
Scharen über Scharen, unermeßliche, strömten dem Friedländer zu. In der
Nähe von Pirnitz erschien der Kroatenführer Milli-Dragsi mit fünfhundert
leichten Reitern.
Freiwillige Franzosen, vierhundert Mann, eine begeisterte kampfgierige
Schar, setzten bei Lauenburg über den Rhein; in Rotten folgten andere.
Als die Ordnung unter dem Übermaß des Zudrangs zu springen drohte, wurde
zum Generalwachtmeister ernannt: Lorenzo del Maestro, Hannibal von
Schaumburg. Don Balthasar Marradas wurde Stellvertreter des Herzogs, sein
Generaloberstleutnant und Feldmarschall.
* * * * *
Wie der Fürstbischof von Mainz, des alten sanften in das Grab gesunkenen
Schweikhard Nachfolger, Friedrich von Greiffenklau, die Untaten des wütigen
Lauenburgers auf seinem Stiftsboden sah, hatte er keine Freude mehr an
Messelesen Falkenbeizen Würfeln. Finster kaute er an seinem Zorn. In seinen
Jagdgründen erlegte er mit eigener Hand wildernde Pikeniere, das schaffte
ihm eine kleine Ruhe. Sein Grimm labte sich an den brennenden kleinen
Bauernhäusern, die den Wallensteinern über den Köpfen angezündet waren. Er
ritt an der Spitze seiner geharnischten Leibgarde, segnete vor den drohend
andringenden Knechten die Bauernhaufen. An der Tafel saß er abends mit
seinen Äbten und Domherren, man löste ihm den Brustpanzer. Schmetternd
sprach er, ließ seine schwarze Inbrunst rollen vor den samtenen
händefaltenden sich sättigenden Frommen. Auf seinen Gütern! Auf dem
Stiftsbesitz der heiligen Kirche! Freches Raubgesindel, vom Kaiser
legitimiert! Den anderen weichen troffen die Lippen, sie lobten den
Bischof; das Unrecht, das sie erlitten, blähte sie auf; das Rebenblut, das
sie schluckten, feuerte ihr Herz. Draußen zogen die Bauern trübe in die
Wälder, Kinder auf den Schultern, Gänse, Hühner auf Karren. Das Schreiben,
das der Herr, des Heiligen Reiches Kanzler, an seinen benachbarten Freund,
den Kölner Kurfürsten, richtete, besagte im Stolz des Rechtes, wenn nicht
baldigst Abhilfe erfolge, so werde er auf Mittel bedacht sein, sich der
unerträglichen Last mit der Tat zu erwehren. Als darauf die Kölner ihn
sondierten, ob er nicht an den Kaiser schreiben wollte, schob er sie erregt
beiseite; er wollte sich seine Wut, die ihn erfrischte, nicht durch einen
Brief entreißen lassen. Der Kölner Ferdinand selbst, ein Bruder des
bayrischen Maximilian, vexierte die Wallensteiner auf seine Weise; er hatte
von Bestellungen gehört, die Wallensteinische Obersten in seinem Gebiet auf
Rüstungsstücke gemacht; als Oberst Hebron nach seinen Kürassen forschte,
stellte sich heraus, daß der Kölner Kurfürst sie hatte beschlagnahmen
lassen. Da zappelten sie und schrien vor dem Wiener Kriegsrat.
Wie im Frühling die Meldungen einen abenteuerlichen, nie gesehenen Umfang
der Rüstungen erkennen ließen, fanden sich Vertreter der ligistischen
Herren zusammen; Maximilian gab das Stichwort; unruhige fragende
Klageschreiben gingen an den Kaiserhof ab, von Mainz und Köln, dann
gemeinsam von den vier altgläubigen Kurfürsten. Der Druck der Einlagerungen
wuchs; der Umfang des Heeres nahm zu, von Tag zu Tag; Werbungen Durchzüge
Einlagerungen Kontributionen, in immer neuen Reichsbezirken. Bayrische
Zwischenträger streuten die Ansicht aus: Wallenstein suche durch die große
Menge des Volkes die deutschen Länder zu beschweren und durch unerhörte
Drangsale zu entnerven; alsdann gedenke er alles nach Belieben zu
disponieren. Man geriet in wachsende Spannung und Furcht. Der starke
Greiffenklau von Mainz war schon nicht mehr so eigenbrödlerisch; er ließ an
seiner Tafel hören, es möchten seines unvorgreiflichen Ermessens noch
Mittel zu finden seien, wie sich die Liga, wenn es gegen die Freiheit der
Fürsten ginge, mit dem König von Dänemark so weit verständige, daß die
Bundesarmee mit anderen Reichsständen das Reich verteidigen könnte, die
kaiserliche Armada aber sattsam zur Erhaltung der Erbkönigreiche gebraucht
werde.
Das Frühjahr rückte gnadenlos vor, jeden Tag konnte der Losbruch der
Heeressintflut auf das Reich erfolgen.
Da wußten sich die Fürsten, in Würzburg zusammengekommen, keinen Rat. Sie
bewilligten ohne Debatte eine Million Taler für Heereszwecke. Es würde
erfolgen -- blickten sie sich lahm an -- was man sich erzählte, daß der
Däne geschlagen würde, das Heer aus Deutschland nicht wiche, sondern
wachse, ohne Schranken, wie es in den wenigen Monaten gewachsen war. Und
niemand konnte wissen, was ihnen drohte. Was aus ihnen würde. Wie weit es
Friedland mit seinen Kontributionen triebe. Sie faßten Beschlüsse; im
letzten Augenblick sollte vorgebeugt werden. Zwei Kuriere jagten sie nach
Wien zum Kaiser. Sie baten ihn erstmals, ihnen einen baldigen Kurfürstentag
zu veranstalten zur Besprechung urwichtiger Dinge und einzuschlagender
Maßnahmen, dann flehten sie an, des unbeschreiblichen Unwesens gedenk zu
sein, das mit der Überflutung Deutschlands durch die riesigen Truppenmassen
erfolge; der Fluch der Nation würde sich gegen die Fürsten richten, die
dies nicht haben verhindern können. Sie böten ihm starke, ausreichende
Truppen gegen den Dänenkönig an; dem friedländischen Heere würde die
Säuberung und Verteidigung der Erblande in Schlesien nach Ungarn gegen die
Türken zufallen. Hinter die beiden Abgesandten lief ein Kurier, der ihnen
als letzten Trumpf eine Verschärfung ihrer Instruktion ans Herz zu legen
hatte: man sei bei Ausbleiben einer Remedur des Heereswesens entschlossen,
die Bundesarmee vom Feind abzuziehen und in Notwehr zur Verteidigung der
deutschen bedrängten Stände zu gebrauchen.
Friedland gelüstete nach Wien. Kein besonderes Vorkommnis drängte ihn; er
wollte noch einmal den Kaiser, die Räte sehen. Er wollte wissen, woran er
war, bevor er aufbrach.
Er lag im Harrachschen Haus in Wien auf der Freyung; wieder lähmte ihn das
Podagra. Obersten meldeten sich bei ihm, berichteten, Ordonnanzen von den
Gütern; sonst lag er allein. Es besuchte ihn niemand. Im Auftrag des
Kaisers bewillkommnete ihn an den ersten Tagen der liebenswürdige Fürst
Eggenberg, der ihm zwei Ärzte zuführte. Kurze formale Audienz bei Hofe. Der
Hof schwieg, die Räte schwiegen, der Kaiser schwieg. Wallenstein wunderte
sich nicht. Er war gewohnt, daß man ihn fürchtete oder verabscheute. Er
wies seinen Wirt und Verwandten, den Grafen Harrach, ab; ihn trösten,
beruhigen? Was die Herren bei ihm sollten. Als er acht Tage gelegen hatte
und leidlich hergestellt war, machte er einen kurzen Abschiedsbesuch bei
Eggenberg, reiste gekräftigt, geleitet von einer Kompagnie des Regiments
von Löbl, ab. Er war zufrieden; ihn hatte am letzten Tage seiner
Anwesenheit noch sehr die Hilflosigkeit der Wiener Stadtgarde beim Löschen
eines Brandes in seiner Nähe gelabt, wo im Anschluß an eine Verbrennung
beschlagnahmter protestantischer Bücher im Bischofshof eine Feuersbrunst
sich erhob, die den Bischofshof selber, zwei Klöster,
hundertsechsundzwanzig Häuser einäscherte. Am Fenster zusehend lachte er
stundenlang; dort unten ritten auch die hohen aufgeregten Würdenträger und
Beamten, sie schlugen die Hände zusammen, schrien sich Unverständliches zu,
zeigten in den Qualm, stoben davon; es sei ein vortrefflicher Abschluß,
meinte der Herzog gegen seinen Wirt, so hätte er die Herren doch alle
kennengelernt.
Dicht bei Wien stellte ihn Doktor Leuker, hinter den sich die beiden
Kuriere gesteckt hatten, die nach einigen unverbindlichen Worten vom Grafen
Kollalto an den Friedländer selbst gewandt waren, ihm aber ständig aus
Furcht auswichen. In einem Dorfgasthaus traf Leuker den Friedländer; der
Herzog gab ihm freundlich die Hand. Leuker, sehr blaß, stammelnd, wollte
ihn zu einer Unterredung im Garten bitten, der Herzog lehnte lächelnd ab:
»Was gibt es zwischen uns zu sprechen, das nicht jeder hören könnte?«
Militärische Wünsche trug der kaum seiner Sinne mächtige Resident vor,
steif zu Boden blickend, sich an sein Schwert haltend; Tilly wünschte
eiligst die Wallensteinsche Hilfe mit einigen Regimentern; er brachte nicht
klar heraus, was ihm aufgetragen war, daß Tilly Kommando und Disposition
dieser Hilfstruppen haben sollte. Der Herzog, halbseitlich am Fenster einem
Ochsengespann zusehend, gestand es bereitwillig zu. Dann gab sich der dicke
Leuker einen Ruck, preßte hervor, erst den gelbsüchtigen Herzog mit dem
Blick streifend, dann über dessen Kopf sich mit den Augen am oberen
Fensterrahmen festnagelnd, was von Truppenübergriffen verlautet sei, von
Erpressungen, Verwüstungen. Gutmütig stimmte der andere bei: »Wird wohl bei
den Herren Ligisten nicht anders zugegangen sein.« Als der Bayer glaubte,
aus den Geschehnissen den Schluß ziehen zu müssen, daß die Werbungen
vermindert würden, meinte der Herzog nur, ihm zutraulich die Schulter
berührend, er sei unlogisch, eine einzige schlimme Kompagnie richte mehr an
als zehn gute Regimenter, er werde die schlimmen Truppen entlassen und
weiter gute Regimenter anwerben. Was den Bayern, der den Boden unter den
Füßen verlor, zu der fast unwillkürlichen Entladung veranlaßte aber die
Kurfürsten und Fürsten wünschten, beständen auf einer Einschränkung der
Rüstungen. In voller Heiterkeit der Herzog: »Ja, warum lassen das die
erlauchten Herren mir, gerade mir sagen? Sie haben ja den Grafen Tilly: so
mag man es ihm doch befehlen; auf die Minute wird es geschehen. Wie sind
die Herren hilflos!« Zähne beißend, halbtoll wiederholte, quetschte der
andere an seinen Sätzen; der General blieb im schallenden Lachen, bat den
Residenten um Verzeihung für seine Heiterkeit; wenn man wolle, werde er es
dem Tilly auftragen. Bis der Bayer sich, komme was wolle, zu dem Geständnis
hinreißen ließ, auf eben die kaiserlichen Rüstungen sei es abgesehen, weil
man sie für überflüssig hielte. »Nicht überflüssig. Sagt nur deutlich,
lieber Herr Doktor, gefährlich. Gefährlich für Euch, Ihr werdet nie finden,
daß ich ein zugebundenes Maul habe; und Ihr seid ja auch reichlich
offenherzig. Euer Herr, der Kurfürst in Bayern, wünscht den Kaiser nicht im
Reich. Ich kann es der bayrischen Durchlaucht nachfühlen, aber die
bayrische Durchlaucht kann den Kaiser nicht hindern, andere Wünsche zu
haben.«
»Die Kurfürsten haben dem Kaiser geschworen. Aber der Kaiser hat auch dem
Reich geschworen.«
»Woraus sich nicht der Schluß ziehen läßt, lieber Herr Doktor, daß der
Kaiser eine Holzpuppe ist. Ich kenn Euch gut, Herr Leuker, hörte, daß Ihr
sonst ein kluger Mann seid. Ich rechne es Euch darum nicht an, daß Ihr
heute kein Glück mit Argumenten habt. Fahrt nur wieder heim. Berichtet so:
ich hätte selbst gesagt, Ihr hättet Euch tapfer geführt.«
Mit einer Handbewegung lud er den kauenden Mann an den ärmlichen
Kieferntisch im Zimmer, auf dem Messingbecher um einen Weinkrug standen.
Als der noch nicht gefaßte Doktor ohne sich zu drehen stumm Bewegungen mit
den blassen Lippen machte, lachte Wallenstein, der schon auf dem Schemel
saß, so daß ihm die Tränen die Backen herunterliefen: »Was wollt Ihr nur,
Herr Leuker? Ihr habt ja alles gut gemacht! Ihr habt das Examen bestanden.
Merkt Euch zum Bericht nach Hause das Wort Bildsäule, Statua auf
lateinisch. In solchem Zustand kommen Kaiser nur nach ihrem Tode vor.«
* * * * *
Vierzehn Regimenter zogen mit Wallenstein aus Böhmen. Es ging auf den
Hauptsammelplatz Neiße. Die Beruhigung der katholischen Kurfürsten hatte er
dem Wiener Hofe überlassen. Seine Leibgarde, zweihundert ausgewählt starke
und geschickte Knechte aus allen Nationen, eisenknarrend vom Kopf zu den
Füßen, auf gepanzerten Pferden, Musketen Lanzen Spieße Beile führend,
umschloß seine Sänfte, ritt ihm voraus, folgte auf den wärmebrütenden
menschenleeren Chausseen. Meilenweit wich das Volk aus. Er stieß durch ein
wüstes Böhmen auf Schlesien zu. An der Spitze der Regimenter fuhr der
Herzog in einem puschelwedelnden sechsspännigen Wagen; achtzehn Rüstwagen
mit roten Juchten ihm voraus, zwölf zweispännige Kaleschen mit dem Stab;
hinter ihm seine prunkende Sänfte, auf Pferden bunte unbewaffnete Pagen und
Trabanten, Leibpferde; am Ende offene Feldgeschütze mit Artilleristen und
Munitionswagen.
Gitschin Nachod Glatz wurden passiert. Durch Deutschland, das schwang, sich
unruhig bewegte und zuckte, donnerten neue Regimenter herüber aus Schwaben
Franken Mähren, vom Rhein Dragoner mit Piken, fliegende Musketiere, leichte
polnische Reiter, die Freitag und Samstag keine Eier und Butter aßen;
Kroaten mit Arkebusen, Husaren, die Panzerstecher trugen, die eingemauerten
Eisenmenschen, die Kürisser, ungesehene Massen zu unbekannten Zwecken. In
hellen Haufen eine graue Gesellschaft hinter schweren unförmigen Wagen,
Schanzbauern Büchsenmeister Schnaller Fuhrknechte Konstabler
Schlangenschützen Pulverhüter; unter ihren leinenbezogenen Gefährten
Sturmtöpfe Pechkränze Sturmfässer Mordschläge Brandkugeln, Fuder von
Salpeter Schwefel Kohle, hundertpfündige Mörser, offen durch die sonnigen
blumigen erschreckenden Landschaften gefahren, mäulersperrend wie Leichen
urzeitlicher Untiere, Kartaunen Hagelgeschütze Totenorgeln Haubitzen.
Inzwischen saßen die Kinder vor den Kellertüren, spielten, kreischten,
lachten, drehten ihr Rosenkränzchen, ritten auf Stecken; die Frauen wiegten
ihre Säuglinge, sangen, tändelten mit Ohrringen und Ketten; die Bauern
vergrößerten ihre Scheunen, dengelten Sensen, prüften Dreschflegel, die
Bürger schrieben sich Briefe, kauften, lasen Kalender, malten die Tafeln
ihrer Vorfahren auf, dachten an Adelsdiplome, die Kranken betrauerten ihr
elendes Schicksal, grollten, daß sie bald sterben mußten; aus den Fenstern
hingen Teppiche vom letzten Festtag.
Gleichmäßig schön das Wetter, Tag um Tag, helle luftdurchwehte Nächte, die
Tage wuchsen, langsam verschoben sich oben unhörbar die Gestirne.
Am neunten Tage des Aufbruchs erreichte der Generalissimus seine Hauptmacht
bei Neiße, der schlesischen Stadt.
Er machte sich den Rücken frei. Von dem teuflischen Zug Mansfelds nach
Ungarn steckten schlesische Städte voll feindlicher Besatzungen; die Dänen
hatten sie planmäßig aufgefüllt; furchtbar auf das Land ausfallend,
eroberten sie Zuckmantel, Starnberg, überrumpelten Sohrau, Beuthen; Kosel
wurde ausgeplündert; herausfordernd schwärmten leichte Trupps, Brände um
sich werfend, kleine Detachements abfangend, bis vor den Sammelplatz der
Kaiserlichen.
Wallenstein schritt mit vierzigtausend Mann am Gebirge entlang. Die Städte
Loebschütz Jägerndorf geworfen. Er bog gegen die Oder um, umfaßte Kosel, wo
siebentausend Dänen saßen unter Joachim von Mitzlaff, einem bissigen
Kavalier, der die Pest und die ungarische Krankheit überstanden hatte, in
Polenschlachten zerfleischt war. Er nahm die Belagerung an hinter seiner
sumpfumzogenen Schanze; am fünften Tag von drei Seiten bestürmt floh er mit
der Reiterei. Raste nach Süden, den Weg Mansfelds, Bethlen Gabor zu. Vom
Lande, aus den Nachbarorten schwirrten ihm zersprengte Fähnlein zu,
viertausend Pferde staubten Tag und Nacht gegen den Jablonkapaß. Sie
prallten auf Kaiserliche. Umwerfend zurück; Mitzlaffs Tobsucht riß seine
meuternden Reiter mit; er mußte durch Schlesien Polen auf Brandenburg zu
gehen. Hinter ihnen Pechmann und Merode mit der ganzen Friedländischen
Reiterei.
»Sie sind verloren wie Judas Seele«, hob Wallenstein die Arme.
Er fiel, von abtrünnigen Dänen verstärkt, Troppau an, das ein Rantzau
halten wollte. Nach vierzehn Tagen war drin das Pulver verschossen. Die
Stadt war sein. Keine dänische Maus lief mehr in Schlesien. Auf Neiße
schwenkte er um.
Harrach auf der Wiener Freyung empfing einen Brief: »Ich übersende Ihrer
Majestät fünfundsechzig Fähnlein und Kornette, die dem Feinde abgenommen
sind. Übermorgen marschiere ich ins Reich.«
Die Schweidnitzer Stände sandten zu ihm nach Neiße Vertreter, feierlich
voll Rühmens glückwünschend zu den unerhörten, blitzschnell
herniederfahrenden Siegen, dankend für die Befreiung von den Kriegslasten
und den Truppen. Er empfing die barhäuptigen berittenen Herren noch vor dem
blumengeschmückten Tore im geöffneten Reisewagen, sah sie, gebückt sitzend,
kalt an; es war nicht sicher, ob er ihnen zuhörte.
Ohne weiteres verließ er das Land, ließ hinter sich in dem dumpf staunenden
Schlesien und Mähren fünfzehntausend Mann, die sich zu verstärken hatten.
* * * * *
Und während er sich in drei Heersäulen nach Norden und Nordwesten schob,
erwartete ihn der Dänenkönig Christian.
Fiebernd und sich selbst grollend erwartete ihn der Däne; voll Ruhmbegier,
ohne Not, in der Hoffnung auf den sicheren Sieg hatte er den Krieg
begonnen, dann hatte sich, wie von Satanas geschickt, in Böhmen dieses
Wesen emporgewälzt, nicht vorauszusehen, noch jetzt nicht zu fassen,
ausgestattet mit Reichtum, Härte, Unabhängigkeit, neben einem
zusammenbrechenden Kaisertum, und tatzte nach ihm, nach seiner jungen
lebensdurstigen Herrlichkeit. Mit diesem gab es keine Versöhnung, der
kannte kein Paktieren, der niedriggeborene Mensch, das widrige
feuergeglühte Geschöpf. Er jagte jetzt den edlen teuern Mitzlaff her durch
halb Europa, wollte ihn fassen. Wenn er doch käme, der Mitzlaff, der
tapfere, nicht zu zerbrechende. Und um sich sah der Däne alles anders wie
vor einem halben Jahr im winterlichen Haag, wo man sich zugetrunken hatte.
Er mußte danken und sich freuen, wenn zwei drei neue Fähnlein Schotten zu
ihm stießen und eine Handvoll Franzosen. Wie strahlten die Augen des Grafen
Montgommery, der auf seine Franzosen zeigte, die schon gegen die Spanier
Siege errungen hatten; was würden sie machen gegen diese zermalmende Masse,
von deren Schwere und Sicherheit sie keinen Begriff hatten. Zarte süße
dänische Frauen nahmen sich ihres Königs zu Stade im Lager an; er sagte
ihnen, ihrem Gesange würden viele dänische Soldaten die Ehre zu verdanken
haben. Und dann übergoß ihn mit dem tiefsten Entzücken und stellte ihn
wieder ruhig hin die Ankunft eines alten Mannes, des Markgrafen von
Durlach, den einmal Tilly besiegt hatte. Das kleine Land, um dessen
Erbschaft Durlach gekämpft hatte, war ihm nicht zugefallen; sein eigenes
war verloren; er kämpfte jetzt, wie er sagte, für etwas Besseres, wie die
andern gegen den neuen Antichristen, der ehedem Papst, jetzt Kaiser und
Friedland hieße und wie der Papst sinken werde. Der alte Markgraf hatte als
wandernder Kaufmann den schlesischen Besatzungen Mut zugesprochen, dann
warb er in Frankreich für Christian, ein holländisches Kriegsschiff trug
ihn nach Dänemark. Dünn waren Christians Scharen, die sich von Bremen bis
in die Mark streckten, aber tapfere unbekümmerte Männer; oft mußten die
Frauen den König trösten, der immer wieder weinte, wenn er seine jungen
lachenden Offiziere sah. Er ließ verbreiten, daß auch Mitzlaff zu ihnen
stoßen würde, was hellen Jubel auslöste; er sagte nicht, wie Mitzlaff zu
ihm komme.
Still lag zwischen Niederelbe und Weser im hildesheimischen Städtchen Peine
Tilly. Hinter dem Rücken des Friedländers hatte er dem Feinde einen
schweren Schlag versetzt, von dem sich der Feind noch nicht erholt hatte.
Jetzt drängte der Böhme von Süden herauf, er mußte ihn noch rufen, sich mit
ihm verständigen, denn es sah aus, als ob der Däne sich über die
Weserarmeen werfen würde. Schrecklich antwortete der kaiserliche General,
er könne keine Truppen entbehren; Tilly hätte genug Regimenter, um den
Feind in Schach zu halten. Der Ligist, fast erstarrend, meldete den
Bescheid dem Bundesobersten, dem bayrischen Kurfürsten. In der Gefahr,
überrannt zu werden von den Feinden, die der Friedländer offensichtlich
gerade gegen ihn jagte, sprang er auf und drang an die Elbe, nordostwärts
durch Lüneburg. Er wollte selbst den Feind stellen und schlagen. Der Däne
sollte nach Süden abgeriegelt werden, um im Norden von einer einstoßenden
Armee wie in einer Falle gefaßt zu werden. Der Ligist setzte seine
Hauptmacht aufs Spiel; der entscheidende Schlag, der Elbübergang unweit
Lauenburg gelang. So glückverwirrt war der edle Graf, so völlig aus seinen
Angeln gehoben, daß er selbst an den Kaiser, den Herrn der nahenden
friedländischen Macht, schrieb, die Entscheidung in dem Feldzug sei
gefallen, sei schon gefallen, es sei nicht nötig, daß Truppen herbeieilten,
um den Dänen den Garaus zu geben, fast getraue er sich mit einiger Hilfe,
ihn zu übermannen. Er triumphierte wild gedankenlos hinaus, nur noch einer
kleinen Nachhilfe bedürfe es, um dem Krieg das gewünschte Ende zu geben,
bettelte zum Schluß um die Belohnungen und Gaben, die, wie er sich
ausdrückte, wohlverdienten Kriegsobersten von kaiserlich mildesten Gnaden
aus den verwirkten und konfiszierten Feindeslanden zufielen. »Ich hätte
nicht leben können,« schrie er, auf seinem weißen Gaul hängend, gespenstige
kleine Figur, unter wallenden Federn, schwarzen Mänteln sich verbergend,
gegen den Marschall Anhalt, der ihn am breiten Elbstrom auf einer
Pappelallee zur Beratung aufsuchte; »ich hätte nicht länger leben können,«
schrie er nach allen Seiten gegen seinen Stab, seine Zeltgäste, »dies ist
mir geglückt, Maria sei gelobt.« Und morgens und abends heiser
herausfordernd: »Ich hätte nicht leben können; jetzt soll er kommen, der
Wallenstein.«
* * * * *
Aus Böhmen kam er heraus, ohne Zeit für Worte und Blicke, ein nackter Leib
der Gewalt, schamlos wie ein Säugling.
Er drängte eine Heeressäule unter seinem Oberst Arnim von Boitzenburg, dem
schwärmerischen Protestanten, von Neiße über Krossen auf Frankfurt in die
Mark hinein. Dem Kurfürst Georg Wilhelm wurde durch ein Schreiben bedeutet:
der Herzog habe vernommen, daß er, der Kurfürst, die Pässe in der Mark und
an der Oder gegen des Dänen Einfall nicht versehen könne mit eigenem Volk;
der Kaiser habe ihm den Schutz der getreuen Reichsstände wider den Feind
gnädigst empfohlen; so werde der Oberst Arnim abgefertigt, Städte und Pässe
in der Mark und an der Oder mit der notwendigen Besatzung zu versehen. Ein
offenes Patent verkündete den brandenburgischen Landen, man solle sich
hüten, Schwierigkeiten zu machen; der Kaiserlichen Majestät sei ein
dankbares Gemüt zu erzeigen. Durch die Mark schob sich, nach rechts und
links mit Kompagnien ausschlagend, Arnim die Havel und Spree entlang, stieß
gegen den weichenden Dänen über Oranienburg, Bernau, legte sich über seine
heimische Uckermark, tastete bei Lychen über die mecklenburgische Grenze.
Eine zweite Heeressäule trieb Friedland mit dem Marschall Schlick, die
gesamte Kavallerie führend, über Breslau, Liegnitz auf Krossen gegen
Havelberg.
Die dritte geleitete er selbst mit dem Fußvolk durch Schlesien über
Kottbus, Jüterbog, den ausgesogenen nördlichen Landstrich vermeidend, gegen
den festen mecklenburgischen Ort Dönitz an der Elbe.