Sie saßen auf einer Bank. Statt zu sprechen, erhob sich Wallenstein, packte
seinen Degen, bat um kurzen Urlaub, ging ab, den Degen frei in der Hand
schwingend. Harrach atmete tief: »Dies ist das Beste. Es hätte kein gutes
Ende genommen. Er will sich beruhigen.«
* * * * *
Tagelang hörten sie von Wallenstein nichts. Wallenstein hatte seinen tollen
Zustand, den sie »den Schiefer« nannten; die Gicht war ihm in den Kopf
gestiegen, seine Augen geschwollen, tiefrot, das Gesicht tiefblaß. Er saß,
lag brütend herum; auf Pantoffeln mußte man gehen. Brüllte, sobald sich ihm
einer näherte in Sporen oder mit Hunden; in furchtbarer Gereiztheit
schleuderte er Becher, Gläser, fiel Unbedachte mit Peitsche und Degen an.
Zwanzig Jäger lagen bei solchem Zustand im Keller seines Palastes, in den
anliegenden Straßen; erschlugen auf seinen Befehl jeden Hund, der in der
Nähe bellte, würgten krähende Hähne; ringsum die Straßen voll Stroh. Sein
Arzt war bei ihm zu Aderlaß Dampfbädern.
Zum Erstaunen des freundlichen gebrechlichen Harrachs war Wallenstein, als
er sich wieder blicken ließ, noch zornig: »Machen die Herren mir nicht den
Vorwurf, daß ich dem Kaiser schlecht dienen wolle. Ich habe es bewiesen
gegen Venedig; fragt meine Feinde, die verräterischen Böhmen.«
Er redete mit kränklichem Gesicht, weiten Augen über den blanken Tisch in
dem tönenden Hauptsaal seines Palastes; die Bilder von Cäsar, Alexander dem
Großen, Hannibal waren überlebensgroß an den Wänden auf Holzplatten
aufgestellt; an einer Querwand sah man in sanften Farben die Geschichte
Josephs in Ägypten. Der greise Harrach, seine zitternde Hand berührend,
sprach seine Freude aus, ihn gesund zu sehen; sie wollten noch einmal
hören, welche Gedanken er, der alte Praktiker, über die Armee zu entwickeln
habe. Nach einigem Schweigen, in dem er sich offenbar bezwang, stieß
Wallenstein, der den langen zuckenden Arm auf dem Tisch liegen ließ, heiser
hervor: »Das Wichtigste ist zweierlei: der Kaiser braucht ein Heer, die
Stände wollen es ihm nicht aufstellen. Dann: das Reich ist bedroht, dem
Kaiser liegt der Schutz ob. Der Kaiser hat die Aufgabe und das Recht, die
Reichsverteidigung in die Wege zu leiten; er stellt das Heer auf.«
Graf Meggau bat innezuhalten; er blickte lange und intensiv den Obersten
an: »Dies also ist die Rechtslage.« Dann: »Sie ist Eure Überzeugung, Herr
Oberst?«
»Ja.«
»Der Kaiser stellt für das Reich das Heer auf.«
»Danach«, brachte Wallenstein widerstandslos und als ob er jeden Widerstand
breche aus sich heraus, »führt der Kaiser niemals gegen das Reich Krieg,
wenn er in Deutschland das Heer hinstellt, wo er will, und verpflegen
heißt.«
Nun zog der Fürst seinen Arm zurück und schien nicht mehr zuhören zu
wollen.
»Das ist ein Weiteres. Habt Geduld mit mir, Herr Oberst. Zunächst sah ich,
was ich schon wußte, daß Ihr gut kaiserlich gesinnt seid. Ihr erbietet
Euch, sofern die Römische Majestät zustimmt, in ihrem Namen Truppen
aufzustellen. Hiergegen könnte von niemandem Widerspruch erhoben werden;
jeder Fürst stellt Truppen auf. Daß das Reich diese Truppen zu erhalten
hat, ist problematisch: dies werden die Stände bestreiten. Ihr meint, sie
täten Unrecht daran.«
»Sie täten besser daran, es nicht zu bestreiten und sich vom Kaiser über
ihre Pflichten gegen ihn belehren zu lassen. Graf Meggau, wir haben vor
allem die Macht, den kaiserlichen Standpunkt zu vertreten. Sie aber nicht
ihren.«
Harrach lächelte ihn an: »Wir wollen es nicht gleich auf einen Krieg mit
den Ständen ankommen lassen.«
Wallenstein lachte mit: »Eben. Dies wird ihnen schwer werden. Wir machen es
ihnen leicht: wir sind gleich erdrückend da. Widerstand ist aussichtslos,
Paktieren, Jasagen die einzige Möglichkeit.«
Graf Meggau hatte sein Gesicht in stärkster Spannung zusammengerissen:
»Also Ihr setzt ein Heer hin, ein großes, erdrückendes; das Reich unterhält
es. Der Kaiser ist außer dem Spiel.«
Wallenstein einfach: »Hat der Herr Furcht, daß wir den Kaiser beseitigen?
Das Heer ist des Kaisers; darum nur wird es vom Reich unterhalten werden.«
»Und der Feldherr?«
»Wird vom Kaiser nach Willkür ernannt.«
»Und Ihr?«
»Ich setze dem Kaiser das Heer hin und werde ihm wie bisher dienen.«
»Wie gedenkt sich Euer Liebden schadlos zu halten?«
»Ich strecke dem Kaiser nicht zum erstenmal einen Betrag vor. Der Kaiser
wird rasch in der Lage sein, wenn er ein großes Heer in Deutschland hat,
mir meine Auslagen zu ersetzen.«
Die Spannung blieb unverändert in Meggaus blutlosem scharfem Gesicht:
»Sprecht deutlich zu mir, damit ich klar in Wien melden kann: Was fordert
Ihr, welche Erkenntlichkeit vom Kaiser als Gegenleistung?«
Behaglich, wie die Katze im Spiel mit der Maus, knurrte, sich über die
Tischplatte bückend, von Wallenstein und lachte: »Ich werde keine Gnade
fordern. Sofern die Räte auf mich hören, ist mir um mein Geld nicht bange.
Ich will in das Heer eintreten. Es soll mir vergönnt sein, wie früher für
den Kaiser zu kämpfen.«
Meggau räusperte sich unbefriedigt, ohne den Fürsten anzublicken.
Was Wallenstein plante, kam klar heraus in dem, was er seinem väterlichen
Verwandten, dem Harrach, offenbarte. Gemildert berichtete der dem Grafen
Meggau davon, der die Augen aufriß. Nach diesem Bericht gebrauchte von
Wallenstein Wendungen wie: Adlige, Bürger und Bauern vergessen, daß sie ihr
Eigentum nur verwalten; daß sie nur vorübergehende Lehnsträger des Reiches
seien. Man kann ihnen ihr Lehen wegnehmen, wenn Reichsbedürfnis vorliegt.
Einen Grund dagegen zu rebellieren haben sie nicht; besonders nicht die
Adligen, Fürsten und Herren, die ihren Besitz seit Jahrhunderten
festhalten; diese sind längst reif, ihre Habe wieder abzugeben. Von
Wallenstein erklärte, im allgemeinen und besonders in schwierigen und
Kriegszeiten könne man das Nutznießen beenden; das Reich, der Kaiser werde
dann gedrängt, das Lehen zurückzuziehen. Das gilt von Pferden, Stroh, Heu,
jedwedem Material zur Verpflegung, dazu Unterkunft, Holz zum Heizen, auch
Gold und Silber.
Graf Meggau war halb glücklich, halb entsetzt; er hielt sich die Ohren mit
den Händen zu, schrie lachend: »Nein, nein.« Er verlangte nach seiner Art
wieder nachdenken zu dürfen, erklärte dann, das sei Böhmen, reinstes
echtestes Böhmen, was er gehört hätte. »Die tolle Gesellschaft, das
Konsortium, Ihr verzeiht mir, weil es Euer Verwandter ist. Aber der Boden
ist unverkennbar. Nicht Hab, nicht Gut, nämlich wenn es den andern gilt. O,
ich weiß schon, wie man diese Methode bezeichnen wird. Ihr Name ist so alt
wie das Strafrecht.«
Der alte Graf Harrach, verliebt in Wallenstein und völlig in seinem Bann,
widersprach nicht; auch ihm gingen die Argumente des Obersten schwer ein.
Kleinlaut meinte er, er hielte sich für sehr alt und wolle sich nicht
dreinmischen; ohne Zweifel sprächen alle Worte Friedlands von seiner
Dienstwilligkeit für den Kaiser.
»Und was sagte Euer Verwandter weiter?«
Harrach meinte bekümmert, wenn man dies für Raubritter- und
Strauchdieblogik ansähe, so lohne ja gar nicht, darüber zu reden.
»Er meinte also, dem Kaiser stehe im Grunde absolutes Konfiskationsrecht
zu?«
»Jedenfalls in schwierigen und Kriegsfällen. Er sagte übrigens auch nach
einiger Überlegung, und dabei hat er nicht mit der Wimper gezuckt, daß der
Kaiser nicht nur Anspruch auf die Sachen, sondern auch auf die Menschen
hätte.«
»Mein Gott und Heiland,« rang Meggau die Hände.
»Nicht, als ob der Kaiser seine Untertanen wie Leibeigene besitzen und nach
Belieben verwenden wolle, sondern: wie der Kaiser von Reichswegen Geld,
Sachen, Proviant als Steuern anfordere, so die Menschen, die er brauche.«
Dem alten Harrach war selbst nicht wohl, als er dies erzählte: »Ich habe
ihn gewarnt, solche Reden fallen zu lassen; man möchte die Römische
Majestät sonst gefährlicher Dinge gegen die deutsche und christliche
Freiheit beschuldigen. Aber ich wußte ja, worauf es ihm letztlich ankam,
auf die Söldner. Er ist ernstlich der Meinung, Graf Meggau, ganz ernstlich,
daß im Grunde der Kaiser nicht nötig habe, ein Heer anzuwerben und zu
bezahlen. Der Kaiser sei unverdient in einer so schwierigen Lage wie jetzt.
Er könne im ganzen Reiche eine Wehr ausheben, wenn er es für nötig hielte,
und die Leute müßten alles liegen- und stehenlassen und tun, was er
befehle.«
»Wißt Ihr,« Meggau verschränkte erregt die Arme, »redet lieber nicht mehr
davon. Diese Phantastereien sind mehr als töricht; sie kompromittieren
ihren Urheber. Von Wallenstein täte besser an sich zu halten, wenn er
wünscht, daß der Kaiser mit ihm in Verbindung tritt. Was soll man von
unserem allergnädigsten Herrn denken, wenn er so gegen die Freiheit eines
Menschen verfährt; sich erkühnen, eine derartige Vergewaltigung friedlicher
Wesen unserem frommen Herrscher zuzumuten. Der böhmische Herr sagte: aller
Besitz ginge seinen Weg, heute hierhin, morgen dahin, man müsse nur ohne
Zag zugreifen. Das ist Standpunkt des Kriegers. Ich bin kein Krieger. Wir
sind keine Krieger.«
Meggau war ernstlich verstimmt, plötzlich fiel ihm die Geste des Fürsten
Eggenberg ein, als von Wallenstein gesprochen wurde; jetzt verstand er sie.
Als sie sich am nächsten Mittag an die Tafel in ihrem Quartier setzten,
sagte Meggau, die Waschkanne reichend vorwurfsvoll leise zu dem betrübten
Harrach, was ihm vor einer Stunde Michna eingeflüstert hatte: »Wißt, lieber
Freund, ich habe es ganz heraus, woher der von Wallenstein so toll
kaiserlich gesinnt ist. Er streckt uns das Geld für das Heer vor, das Heer
aber soll ihm aus dem Reiche sein Geld wiederbringen mit Zins und
Zinseszins. Darum ist das Reich mit einmal vogelfrei. Laßt. Ich habe es
erfaßt.«
Sie konnten Wallenstein nicht entgehen. Der einzige Trumpf, der in ihren
Händen war, die Magnaten und Wucherer Böhmens, ging ihnen in dem Augenblick
verloren, wo die Böhmen erkannten, daß Wallenstein in der Tat sein ganzes
Vermögen aufs Spiel setzen wollte. Keiner wagte sich da noch neben ihn. Im
Augenblick schwenkten die Verängstigten, die schon begonnen hatten, ihre
bewegliche Habe zu verstecken, zu ihm über; im Augenblick flossen alle
Quellen für ihn. Es stand etwas bevor. Sie wurden aus Wien herüber herunter
zu ihm gezwungen. Nach Wien wurde eine Äußerung Wallensteins berichtet: die
Herren möchten sich beeilen; der Däne warte nicht auf sie.
* * * * *
Im Erdgeschoß des Antiquariums in der Münchener Neuen Feste stand der
gewaltige Doktor Jesaias Leuker, blauroten Gesichts, den federnbesetzten
Topfhut an die linke Hüfte pressend, im blauen bauschigen Wams, dessen
Knöpfe unter dem Hals krachten, breitbeinig auf spitzen hochhackigen
Stiefeln vor dem leeren Armsessel, hinter dem Maximilian an der Fensterwand
lehnte. Vierunddreißig Fenster öffneten sich nach dem weiten Hof; die alten
Brustbilder darüber in Öl waren unkenntlich nachgedunkelt. Maximilian sagte
mit einem fatalen Lächeln: »Sie mögen sich in Wien in Hoffnungen wiegen.
Sie tun es. Noch. Sie lassen alles gehen. Treffen keine Maßnahmen. Sie
denken, gebt es nur zu, der kommende Krieg ist nur gegen mich gerichtet.«
»Sie denken ähnlich.«
»Sie wiegen sich in falschen Hoffnungen. Wißt Ihr Näheres?«
Leuker wechselte die Beine; die gelben Stiefelschäfte um die Waden öffneten
sich zu einem Kelch mit drei bunten Innenblättern, sanken tiefer: »Man hält
zurück; Erzherzog Leopold ist der einzige, der sich gehen läßt; er sagte
offen, man hätte genug gefochten und gekriegt; Habsburg sei friedfertig,
der Kaiser wünsche das Reich zu beruhigen.«
»Sie gönnen mir diesen Krieg, sagt nur gerade heraus. Welche Partei am Hofe
hält zu mir.«
Dann fragte er: »Kennt Ihr den spanischen Botschafter gut? Was ist seine
Gesinnung? Ist er befreundet mit einem Minister, ist er fromm?«
Er trat neben dem Sessel hart an Leuker heran, leise bemerkend: »Ich möchte
wissen, ob Spanien jede Herrschaft über Ferdinand den Andern verloren hat.
Ob es die Dinge gehen lassen will, wie sie gehen. Sagt dem Ognate, daß ich
ihn warne; Spanien kann die Subsidien an den Kaiser sparen. Mir sind die
Hände gebunden.«
Leuker hob den rechten Arm mit der kleinen Spitzenmanschette vor die
gewölbte Brust: »Ognate ist ein unberechenbarer Mensch; er will Eurer
Kurfürstlichen Gnaden nicht wohl seit seiner mißglückten Intrige in
Regensburg.«
»Sagt, ich hätte gesagt, die Sache jeder katholischen Partei steht auf dem
Spiel, wenn man den Kaiser nicht aufrüttelt. Sagt, ich hätte gesprochen
von: aufrütteln. Oder gedacht; oder scheine gedacht zu haben, daß er seine
Pflicht versäume als hispanischer Geschäftsträger. Die Pflicht gegen seinen
wohlmeinenden Herrscher. Es täte mir leid, so denken zu müssen von einem
gottergebenen Christen.«
»Er schmäht am Hofe, beim Kirchgang, beim Quintanrennen nur auf den
Franzosen.«
»Das Heilige Reich schläft; die Protestierenden nehmen einen starken
Anlauf, der Pfälzer und sein Anhang wächst.«
»Ich fürchte« -- Leuker bog kraftvoll den geschorenen Kopf in den Nacken,
zog unten an dem pludrigen Besatz seines Wamses. Maximilian stand am
Fenster, den Rücken gegen ihn: »Der Herr hat nichts zu fürchten. Der Herr
hat dem Ognate mitzuteilen, wie ich ihn instruiert habe.«
Der Marquis Ognate, der Spanier, mußte den Bayern mehrmals fragen, was
Maximilian ihm aufgetragen hatte. Er erzählte dann einigen vertrauten
Herrn, auch dem französischen Geschäftsträger, dem neuen Kurträger sei die
Angst ins Gehirn gestiegen, dicht unter den Kurhut; nunmehr sei
eingetreten, was er seit Regensburg prophezeit hätte: der Bayer müßte um
spanische Hilfe bitten. Empört stellte er den Doktor Leuker zur Rede: wie
er etwas gegen die Römische Majestät zu unternehmen anräte, gegen den nahen
Verwandten des spanischen Königs, seines eigenen Herrn. Später war er
äußerst geschmeichelt; er freue sich, das Vertrauen des klugen Kurfürsten
Maximilian zu genießen; sie vertreten die gemeinsame christliche Sache; er
würde nicht säumen mit dringenden Hinweisen seinen allergnädigsten König
und die Infantin in Brüssel zu benachrichtigen; sie würden den Ernst der
Lage verstehen, sich mit dem Bayern zusammenfinden, er könne seines Eifers
gewiß sein. Und stolz ließ der Marquis bald fallen, die niedersächsischen
und dänischen Herren möchten nur ihr Haupt erheben; auch Spanien würde
wissen, wessen Partei es unentwegt halte; Bemerkungen, die Unruhe am Hofe
erregten. Fürst Eggenberg vermochte keine befriedigende Aufklärung von dem
Spanier zu erlangen. Da erbat Ognate eines Tages eine Audienz beim Kaiser;
schwermütig vermittelte Eggenberg den Verkehr, und es trat ein, was man
schon erraten hatte: Ognate überbrachte dem Kaiser Grüße vom spanischen
König, Hinweise auf die drohende Weltlage, die einen Zusammenschluß aller
katholischen Fürsten erfordere, schließlich eine Einladung zur Beschickung
einer Konferenz, die zu Brüssel stattfinden sollte, zur Bereitstellung
eines Defensionswerkes gegen die neugläubigen Mächte. Maximilian, der neue
Kurfürst, würde daran teilnehmen, mit Spanien und der Infantin.
Einen Stich in der Brust empfand der tief gebräunte, sommerlich gekleidete
Kaiser; atemlos wartete er, bis sich der Spanier entfernte, lächelte dann
gespannt den zu Boden blickenden Eggenberg an: »Seht Eggenberg! Seht!
Versteht Ihr das? So hat er dies Glück auch! Spanien mischt sich in den
Krieg ein. Spanien, mein Vetter Philipp will mit Max und was noch mehr ist,
vielleicht bald gegen mich.«
»Habsburg ist nicht gegen Habsburg, Majestät.«
»Warum nicht? Wenn etwas dahinter steckt, das die Feindschaft belohnt? Wir
sind arm und wehrlos, Eggenberg, fragt den treuen Abt Anton, Gurland, seht
das Gesicht meines lieben Grafen Meggau an, die Säckel leer. Und Spanien
hat anderthalb Millionen Skudis aus Indien; es wird sich mit Bayern an uns
schadlos halten, das weiß der Bayer.«
Eggenberg stand welk dem Kaiser gegenüber auf dem großen leeren Teppich im
Empfangssaal: »Es ist kein schöner Schachzug Bayerns. Bayern droht
Zwietracht zwischen das erzherzogliche Haus und König Philipp zu säen, wenn
wir ihm nicht zu Hilfe kommen. Es ist kein schöner Zug.«
»Was habe ich ihm getan, Eggenberg? Nichts. Warum muß er so wild sein gegen
mich, mir zusetzen, vielleicht meinem Vetter Philipp heimtückisch Stücke
deutschen Landes verheißen. Er hat Spanien aufgeregt; ein schrecklicher
Dämon lebt in ihm.«
Ohne sich zu rühren sagte matt Eggenberg: »Bayern will uns in den Krieg für
sich zwingen. Wir könnten es darauf ankommen lassen; Spanien kann von uns
nicht lassen.«
»Wie erschreckt Ihr seid, alter Freund! Dies ist noch nicht die stärkste
seiner Künste.« Ferdinand lachte gutmütig. »Er hat uns in der Zwickmühle;
er gewinnt, wie wir's auch anstellen. Er zwingt Euch, den Mund aufzureißen,
während Ihr bei Tische sitzt, und Euch einen Zahn herauszuziehen. Ich
fürchte ihn nicht, ich kenne ihn ja. Er ist so ungebärdig von Haus aus; Ihr
sitzt vergnüglich auf Eurer Bank und er kommt, bittet nicht etwa um eine
Krume Brot, sondern um Eure Schuh, Euren Wams Hut Kette Degen, alles auf
einmal. Es ist seine Art. Ihr dankt ihm dafür, daß er den Kopf nicht
mitnahm.«
»Die Konferenz bei der Infantin werden Eure Majestät beschicken müssen, ich
sehe es schon. Soweit hat Bayern auf diesen Schlag gewonnen.«
Wieder lachte Ferdinand gutmütig und schüttelte sich: »Und das Weitere wird
ihm ebenso zufallen. Das gemeinsame Defensionswerk wird ihm gelingen; wir
werden neben ihm fechten und uns dazu Stücke aus unserem Fleisch schneiden.
Und damit sind wir noch nicht am Ende.«
»Verhüt' es Gott, verhüt' es Gott.«
Langsam stand der Kaiser auf: »Helft mir parieren, Eggenberg; beten kann
ich selber. Rat, Eggenberg, Entschluß, Kraft, Kraft. Ah Dighby: wie ich zu
ihm sagte: in die Knie, in die Knie, so ist's recht.«
Er legte beide Arme auf Eggenbergs zarte Schultern, sanft sprechend:
»Denkt, Eggenberg, Ihr sollt die Kraft sein, die mir helfen soll.« »Vergebt
mir,« sagte er nach einer Weile auf den traurigen Blick, »ich grolle Euch
gewißlich nicht.«
* * * * *
Sie schickten aus Wien fort eine finstere zorndrohende Gesandtschaft nach
Brüssel; aber sie stießen auf die grauhaarige spanische Infantin, die nicht
einmal der Höllenhund unsicher gemacht hätte. Sie war stark in ihrem
Glauben und unerbittlich in ihren Ansprüchen, dabei biegsam wie der Wind
und gefügig, sich in die feinsten Spalten einzuschleichen. Der Bayer und
der Österreicher begegneten sich auf den Gängen ihres Palastes; dem
Österreicher war der Zorn auf der Stirn eingetragen, der Bayer wich ihm
aus.
Die Infantin trug einen mächtigen weißen Krausenkragen um den dünnen Hals,
die braune engärmelige Jacke zeigte ihren mageren sehnigen Arm, sie ging
mit kleinen Schritten über den Teppich der Geheimratsstube, der rote weite
Rock bewegte sich um sie nicht. Sie setzte sich hochstirnig auf ein
niedriges Podium; auf dem grauweißen Haar hatte sie einfachen schwarzen
Filzhut mit Reiherfedern. Sie trug dem Gesandten des Kaisers vor, wie arm
wehrlos und machtlos das Heilige Römische Reich sei, wie verschuldet der
Hof sei bei diesen Ämtern, diesen Staats- und Privatpersonen, wieviel
Regimenter noch abzudanken seien und nicht abgedankt werden könnten, so daß
der Gesandte nicht faßte, woher ihr diese einzelne Kenntnis kam. Sie
stellte Spaniens Macht und dauernde Einkunft daneben; schloß lächelnd
stolz: sie wolle für den kommenden Krieg gegen die voraussichtliche
Koalition der Katholischen sechstausend Mann, achtzehn Reiterfähnlein,
sechs Geschütze stellen.
Der verwirrte prunkvoll ausstaffierte Mann verneigte sich nur,
hervorstoßend, daß er davon Bericht nach Hause machen werde. Die Infantin
wiederholte ihre Worte, noch freudiger; und stand, nachdem sie ihm mit den
Augen zugewinkt hatte, rasch auf; man riß die Tür vor ihr auf.
An den nächsten Tagen umgingen den Österreicher hochmütig die
niederländischen und spanischen Diplomaten; es war keine Rede von den
schwebenden Geschäften, wie auf Verabredung; man beobachtete ihn
freundlich; der Gesandte mußte sich vorsehen, nicht irgend jemand
unversehens in seiner Gereiztheit zu überfallen. Er schickte seinen
Kammerdiener aus, ein Hoffräulein der Infantin einzufangen, um von ihr
Heimlichkeiten zu erfahren; er vermochte lange nicht den genauen Anspruch
der Infantin zu ermitteln. Es schien ihm, als ob der Bayer sich über ihn
lustig mache; der ging Arm in Arm mit dem Spanier; er stand allein. Eines
Morgens wurde ihm durch einen Rat der Infantin die Frage gestellt, was das
deutsche Habsburg den Spaniern böte, im Falle es sich am gemeinsamen
Defensionswerk gegen die drohende Koalition beteilige. Ohnmächtig sah Graf
Schwarzenberg wieder, wie man die Sache umkehrte, daß man um diese Hilfe ja
nicht gebeten hätte, da man sich nicht angegriffen fühlte. Sofort fügte der
Rat hinzu, die Infantin verlange ein Reichsverbot gegen die Holländer, mit
Deutschland Handel zu treiben, Sperrung von Weser und Ems für sie; weiter
einen Hafen am Belt. Soweit die Infantin von sich aus, für das spanische
Niederland; er vermöchte hinzuzusetzen, daß Spanien alsdann dem Kaiser zur
Seite treten werde mit dem niederburgundischen Kreis, daß es die Ächtung
Hollands begehre, ferner noch etwas Besonderes. Dieses Besondere wollte der
im übrigen sehr bestimmte Rat nicht äußern; er sagte, der fragliche Punkt
sei nicht von Wichtigkeit im Augenblick; es ergab sich dann, daß Spanien
strikte dem Bayern das Recht bestritt der Achtsvollstreckung gegen den
Pfälzer; die Besetzung der Pfalz stünde Spanien zu und müsse Spanien
eingeräumt werden.
Glückstrunken hörte der Österreicher dies; am nächsten Morgen wurde ihm
durch die Infantin bei einer zufälligen Begegnung vor der Messe derselbe
Bescheid; liebenswürdig streng, dabei eigentümlich kokett groß die
schwarzen Augen aufschlagend, erklärte sie, sie hätte es mit ihren Räten
weidlich erwogen; sie werde dem Kaiser helfen wie der König Philipp; sie
könne aber von ihrem Begehren nicht abstehen.
Wie auf Sturmwolken rasten die Kuriere von Brüssel an den Rhein, jagten von
Mainz nach Regensburg, wo sie sich einschifften, um dem Hofe diese freudige
Mitteilung zu bringen, daß Spanien vom Kurfürsten Maximilian Mannheim und
Heidelberg begehre. Es werde unmöglich sein, daß sich die beiden
verbündeten. Eggenberg reckte sich, wie sich der Kaiser selbst reckte. Es
war der alte Wunsch Spaniens, eine Verbindung von Süden her zu den
Niederlanden zu haben. Eggenberg lachte befreit: »Wir werden die Pfalz dem
Spanier versprechen.« Der kaiserliche Gesandte in Brüssel wurde nicht müde,
die Wichtigkeit der spanischen und niederländischen Hilfe für den Kaiser zu
betonen, er erwähnte die außerordentliche Bereitwilligkeit seines Herrn in
eine Allianz mit Spanien und Bayern zu treten, damit den Ungläubigen der
Fuß auf den Nacken gesetzt werde; auch werde eine Einigung über allen und
jeglichen Punkt sicherlich zustande kommen; soweit er. Bezüglich der
Kurpfalz verhehlte er nicht, daß sich die spanischen Wünsche nicht sehr von
den deutschen unterschieden, es sei da leider eine Auseinandersetzung
Spaniens mit dem derzeitigen Okkupanten des Landes, dem Kurfürsten
Maximilian, vonnöten. Bayer und Spanier hatten von dem Tage an weniger
Anziehungskraft füreinander; sie gingen mehr Arm in Arm, aber bald fest
Degen gegen Degen.
Dröhnend, ehrfurchtheischend der Österreicher vor der Infantin in der
Ratsstube. Er überbrachte die besonderen freundschaftlichen Grüße der
verwandten Majestät; sie hege die Hoffnung auf glückliche Befestigung des
Bündnisses. Die Infantin antwortete stark und kalt; ihre Damen, die um
ihren Sessel standen, bewunderten sie, wie sicher sie dem Österreicher
seine Anmaßung und Triumph wiedergab. Maximilian zog sich aus dem
verlorenen Spiel zurück; sein Gesandter bellte, der Kurfürst müsse über den
Vorschlag mit seinen ligistischen Freunden beraten, dann biß er nach dem
Spanier: Maximilian wolle jeden Punkt erfüllen, aber Spanien müsse sich mit
Waffenhilfe für den ganzen kommenden Feldzug, für alle seine Möglichkeiten
bis zum gemeinsamen Frieden festlegen. Eine Forderung, mit der er brüllende
Wutausbrüche bei dem fremden Gesandten auslöste. Die alte Abneigung Bayerns
und Spaniens lag offen zutage.
Der Zwischenfall war erledigt. Eine herzliche Sonderbotschaft wurde von
Wien nach Madrid getragen. Maximilian war allein.
In den Kammern der Burg gingen die Geheimen Räte gespannt umeinander. Der
Schlag war abgewendet; wessen sollte man sich vergegenwärtigen. Der Bayer
rüstete gewaltig mit seinen ligistischen Freunden und Anhängern. Es konnte
das Furchtbare eintreten, daß er den Dänen allein besiegte.
* * * * *
Zwanzig Karossen trabten auf den böhmischen Landstraßen, die den reichen
von Wallenstein nach Wien führten. Dieser Böhme war mit nichts in den Krieg
gezogen; in fünf Jahren waren ihm an vierundsechzig Dominien im Norden des
Königreichs zugefallen, die an der Grenze im Norden bis Melinik, von
Leipa-Neuschloß bis Wildschütz im Osten reichten. Als Wahlspruch hatte er
gewählt: dem Neid zum Trotz. Er besaß das Land des Rebellen Christoph von
Redern Friedland-Reichenberg; ihm gehörte Kumburg-Aulititz, Welisch, Sagan,
Weißwasser, Hühnerwasser, Smil, Trotzky, Hauska. Er hatte Böhmen abgerahmt;
aus dem feinen giftigen Mund seines Vetters Slavata stammte das Wort: die
Schlacht am Weißen Berge hat Wallenstein gewonnen. Der Zug seiner Karossen
wälzte sich gegen Wien. Man erwartete ihn mit Beklemmung; die Folgerungen
aus der Situation mußten gezogen werden. Man forschte seine Begleiter
unterwegs aus, was er sagte, wie er sich äußerte, wie seine Stimmung sei;
schickte ihm zwei Ärzte entgegen, die für seinen Zustand bürgen sollten.
Während Meggau und andere noch zögerten, waren Eggenberg, Trautmannsdorf,
auch Questenberg nach der spanisch-bayrischen Attaque entschlossen, es
ginge wie es wolle, sich des tollen Böhmen zu bedienen, ihn auszuschütteln,
bis kein Dukaten an ihm hinge; nur auf das Geld käme es an; man lasse ihn
projektieren, störe ihn beileibe nicht; die hohen Kurfürsten und Stände
würden schon für die Einrichtung zur rechten Zeit sorgen. Die beiden Ärzte
hatten Geheimauftrag, in keinem Fall den Böhmen nach Wien hereinzulassen
vor oder während eines Schieferanfalls. Aber nichts wurde gemeldet als die
prächtige Verfassung, in der sich der Reisende befand; man erwog für ihn
Festlichkeiten Schauspiel Judenverbrennungen, unerhörte Ehrungen für einen
Privatmann. Trautmannsdorf scherzte, er wolle sich zu einem Tanz um dieses
goldene Kalb erbieten.
In dem Pomp, mit dem er sich zu umgeben liebte, zog er in die Stadt ein;
die Wiener steckten verwundert die Fäuste in die Säcke, als die
versilberten Partisanen der Vorreiter anrückten, Zaumzeug und Schabracken,
wie ihr Kaiser sie führte, Lakaien, Pagen in feinsten französischen
Stoffen, eine halbe kriegsstarke Kompagnie voraus, eine halbe hinterher als
Bedeckung. Unter den Scharen der Herumstehenden lief das Wort, da komme
einer von den neuen Alchymisten, die machen Gold aus böhmischem Blut. Als
er an dem einstöckigen verfallenen Spukhaus von Schabdenrüssel vorbeifuhr,
steckte der Oberst den mageren kurzgeschorenen Kopf ohne Hut zum Fenster
heraus, lachte erschreckend stark, wie man sagte, hier könne einer den
Buckel verlieren; draußen höhnte man über den Hanswurst, der in seiner
Kutsche ungeniert fast eine viertel Stunde lang vergnügt rumorte und
meckerte. Verwegene Gesellen der Rauchfangkehrer saßen auf Bänken vor ihrem
Bierhaus; brachten ihm ein Konzert, als sie ihn lachen hörten, indem sie
mit ihren Besenstielen gegen die hölzerne Hauswand ein knallendes Lied
schlugen. Nahe dem leeren weiten Stephansplatz, am Bischofsplatz neben dem
Heiligturmstuhl, stand das Haus des Kaufherrn Hans Federl. Da bezog der als
überreich und verschroben verschriene Böhme sein Quartier. In diesem Hause
hatte noch ein anderer Mann seinen Wohnsitz seit einigen Wochen, der Prager
Judenprimas Bassewi. Juden wohnten nicht mehr in der Stadt, sie waren durch
kaiserliches erneutes Dekret vor die Mauern verwiesen an den unteren Werd;
der Prager mit dem gelben Barett hatte einen kaiserlichen Schutzbrief, man
mußte ihn dulden. Das Gesindel, das mit Wallensteins Kavalkade anschwärmte,
schrie und tobte, als der abenteuerlich schöne und kostbare Troß vor
Bassewis Hause sich staute, die Kutsche Wallensteins sich öffnete und ihn
auf die Stiege entließ, die Begleitung in die Nachbarschaft abritt. Haufen
über Haufen sammelten sich vor dem Federlhof an; wieder sprangen die
Rauchfangkehrer, die berußten Gesellen, stellten ihre Leitern vor das Haus,
zu sechs, zu zehn, zu zwanzig, standen da schwarz und grimassierend,
meckerten, näselten, kreischten Judenspottlieder, machten sich drauf und
dran, auf das Dach zu klettern. Es war eine Beleidigung ohnegleichen, die
Wallenstein der Stadt erwies, er, von dem es hieß, daß er vom kaiserlichen
Hof geladen war.
Und kurz nachdem die liederliche Stadtgarde, die mit dem Gesindel
paktierte, das übermütigste Volk vertrieben hatte, erschien mit einer
goldenen Kette um den Hals hoch zu Roß unter dem Heiligturmstuhl ein
starkleibiger Stadtrat. Mit entschlossener Großartigkeit stieg er an der
freigemachten: Treppe ab, ließ sich in die Empfangsstube führen; eingeladen
vom Bassewi selbst, in die Ritterstube zu treten, blieb er starr unter dem
Deckenleuchter stehen; er bekenne, sagte er mit durchdringenden Blicken
gegen den lächelnden kleinen Graukopf, daß er nicht vorhabe mit Bassewi was
auch immer zu besprechen, vielmehr habe er mit dem eben eingetroffenen
Prager Oberst, der in kaiserlicher Gunst stehe, zu verhandeln. Jedoch sei
dieser, verneigte sich bedauernd der Hofjude, hinten von Berechnungen,
nicht astrologischen, sondern einfach geschäftlichen okkupiert; es sei bei
dem bekannten Humor des Gastes nicht ganz beliebig ihn zu stören; selbst
wenn ein ganz illustrer Besuch vorläge. Darauf fand es der Rat für gut, zu
wiederholen, daß er angemeldet zu werden wünsche.
Ehe aber Bassewi die Tür geöffnet hatte hinter einem teppichartigen
Vorhang, kam mit langen Schritten, den Blick gegen den Boden, Wallenstein
heraus.
Es war seine Art breitspurig zu gehen, wenn er nachdachte, die Stühle
beiseite zu rücken, dabei die Lippen aufeinander zu pressen, manchmal
rüsselartig zu wölben, um die Möbel herumzuwandern. Er machte lebhafte
Grimassen, stieß heftige Worte aus, zischte, lachte, blieb stehen, rüttelte
an einem Schrank, schlug wiehernd auf die Tischplatte, ließ sich die
Fransen des Vorhangs über den Kopf hängen; öfter setzte er sich mitten
während des Wanderns, wo er sich gerade aufhielt. Er kam mit stürmischen
Bewegungen aus der Tür heraus, spielte mit den Blicken um die beiden
Männer, bemerkte sie offenbar nicht. Bassewi, nach einem Augenwink gegen
den Wiener, wich ihm aus, und als er merkte, daß Wallensteins Weg wieder
gegen ihn führte, riß er zwei Tischchen und einen kleinen Schemel zur Seite
gegen die Wand, verhielt sich völlig lautlos. Der Rat seinen Degengurt
umziehend, räusperte sich bei Öffnung der Tür. Als der Oberst um ihn
herumging, räusperte er sich unter Scharren der Schuhe; er war entrüstet
über die völlig ungewöhnliche Tracht des Fremden, der mit nackten, stark
behaarten Armen schlenkerte, um die Brust nur eine niedrige Samtweste,
unter den Achseln hervorlugend ein enges Panzerhemd. Dann tönte durch das
schmale von Scharren Fußstapfen Zischeln erfüllte Gemach die gepreßte
gekränkte Stimme des fetten Rates: »Edler Herr, edler und gestrenger Herr.
Unser viellieber Freund.« Der blieb nach einer kleinen Weile vor ihm dicht
stehen, den Kopf über ihn hängend; knurrende knirschende Laute stieß er
tierisch über ihm aus, den Mann aufs allerhöchste erschreckend, drängte ihn
an die leere Wand, zerrte ihn an dem Degengurt, der einriß, einmal rechts
und links, ließ ab; vier große Schritte, hinter Wallenstein wehte der
Vorhang, die Tür schmetterte ins Schloß.
Als Bassewi dem krummstehenden Mann helfen wollte, holte der aus, schlug
ihm gegen den Hals. Bassewi sagte nichts, nicht einmal, daß sein Haus unter
dem Schutz des Kaisers stünde. Der Rat fluchte sich zurechtmachend, spie
gegen den Hebräer.
Zwei andere Stadträte, die kurz vor dem Nachtessen kamen, benahmen sich
höflich; Bassewis Einladung zum Mahl lehnten sie ab, erhielten aber den
beruhigenden Bescheid, daß der Gast seit einer knappen halben Stunde das
Haus verlassen habe. Denn draußen standen und rotteten sich die Menschen
zusammen, man kannte das sich steigernde Gejohl aus dem vergangenen Jahre,
die Eisenhaube der Rumorwache, die Piken der Stadtgarde. Dieses Krakeels
wegen ließ sich Wallenstein, der allen Ernstes vorhatte, hier zu
übernachten und das von der Stadt angebotene Quartier abzusagen,
herübertragen, nachdem seine Soldaten in Kürze die Straße von Volk
gesäubert, mit Hieben zurückgedrängt, die verwahrlosten Männlein der
Stadtgarde über den Haufen geworfen hatten unter kurzem gräßlichen Gebrüll.
Die Erbitterung dieser Stadtwache, die mit dem Pöbel fraternisierte, war so
groß, daß der Herr Daniel Moser, der Bürgermeister, den Hauptmann der
böhmischen Eskorte aufsuchte, von ihm beruhigende Versprechungen erhielt.
Und was den Zorn der auf ihre Piken und Federn stolzen Rotte von Säufern
Hehlern Kupplern Gelegenheitshandwerkern am meisten besänftigte, war die
Großmut des Fremden.
Als er von der Notlage einiger kleiner Brüderschaften in der Stadt hörte,
von ihren verfallenen Baulichkeiten, wies er ihnen hohe Beträge an. Es
hieß, er habe zweihunderttausend Reichstaler mitgebracht.
Die Stadt wurde in den nächsten Tagen von Geld überschüttet. Die Räte,
hohen Würdenträger, Offiziere, Geistlichen saßen zusammen, sprachen von dem
kuriosen Böhmen, der sich mit dem Volk gemein machte und den großen Herrn
spielte. Seine Schriftstücke liefen durch die Kanzleien; den Weg hatte er
ihnen erleichtert durch Besuche bei den maßgebenden Instanzen. Es geschah
etwas, was ohne Beispiel am Wiener Hofe war. Eines Morgens lag der Schnee
auf den Straßen und Plätzen hoch, auf den Basteien Brücken Erkern Giebeln
Türmchen. Vom Federlhof her rollten Schlitten auf Schlitten auf den
Stephansplatz herüber, mächtige unförmige drachenköpfige fischschwänzige
Gehäuse, mit Wimpeln und Glöckchen geschmückt. Vor jedem ritten zehn
Trabanten; die Gefährte zerstreuten sich in der Stadt. Hielten beim Fürsten
Eggenberg, bei Trautmannsdorf, Questenberg, Meggau, beim Abt Anton, beim
alten Grafen Harrach, den Beichtvätern Weingärtner, Knorr von Rosenrot,
Lamormain, dem Grafen Strahlendorff. Kaum eine viertel Stunde dauerte der
Besuch der Abgesandten des Böhmen bei den hochvermögenden Herren; sie
überbrachten jedem eine Kostbarkeit, dazu ein Handbrieflein ihres Herrn.
Als die aber die Fäden der Brieflein lösten, wurden sie vom Feuer
überfahren; der Friedländer schrieb ihnen nach einem Gruße und einer
Erinnerung, sein Bankhalter de Witte in Prag sei angewiesen, ihnen die und
die Summe, einen ungeheuren Betrag zu überweisen. Mit einer
Unverfrorenheit, für die es keinen Namen gab, bot ihnen Wallenstein riesige
Gelder an, fragte sie nicht, sagte nicht, wozu warum. Die Schlitten fuhren
klingelnd, hellbestaunt in den fröhlichen weißen Straßen herum; die Edlen
saßen in ihren Kammern, hielten die Papiere in den Händen, zitterten.
Draußen wälzte sich greifbar, für die Augen kenntlich, grell maskiert der
böhmische Schrecken durch die Straßen. Die unten staunten ihn an, aber er
hatte Beine, ging in die Stuben ein, war da, widerwärtig, krallte sich an
sie fest. Zuletzt fuhr ein Schlitten beim spanischen Botschafter Ognate
vor. Er empfing den böhmischen Abgesandten in seinem kleinen Fechtsaal: den
dünnen schmalen Degen zwischen die Zähne sperrend nahm er das Brieflein an,
nachdem er mit einer hochmütigen Handbewegung die Überreichung einer
goldgefaßten Schale aus dem Horn des Rhinozeros, ein breites unförmiges
Gerät, verhindert hatte. Die Lippen fletschte er, wie ein Tiger grell wild
blickte er den Böhmen und den Trabanten an aus gelblichem erblaßtem
Gesicht, machte, ohne sprechen zu können, schüttelnde schleudernde
Handbewegungen gegen sie, nach dem Brieflein zu, gegen seine Brust, sein
Herz, übersprudelte sie dann, den Degen abziehend, mit losgelassener
spanischer Heftigkeit. Darauf plötzlich: sie sollten sich einige Minuten
gedulden. Er übergab dem Trabanten dann zu dem Brieflein des Wallenstein
einen eigenen, mit geschriebenen Drohungen und Verwarnungen. Ohne sie
weiter zu beachten begann er von neuem sein Fechten und Springen, wies nur,
als sie die Tür vor sich öffneten, wild auf die Hornschale, die am Boden
stand; er hieb flach über sie weg.
Einigen der übrigen Herren half der greise Harrach rasch über die peinvolle
Situation. Er lud sie zu sich hin, sprach vom Reichtum seines Verwandten,
erwähnte, welche kostbaren Gaben an den Kaiser und die Kaiserin gegangen
seien, sagte, wie er ihn bedacht hatte. Man lachte, lachte zaghaft, es war
die erschreckende Höhe der Dotationen, die sie erschüttert hatte. Ein
Barbar dieser Böhme, gewiß, gewiß. Aber sie waren nicht befreit.
* * * * *
In dieser Nacht erwachte der Kammerdiener des Kaisers Ferdinand. Er hörte
den Kaiser in seiner Schlafkammer kichern, lachen, schallend lachen. Dann
hörte er seinen Namen rufen. Er ging eilig durch das Halbdunkel des weiten
Vorsaals, in dem zwei dünne Kerzen brannten, zündete an der Wand, wie er
sich einem ungeheuren figurenbelebten Rahmen näherte, der die ganze Breite
des Saals einnahm, eine dritte Kerze an. Bis zur Decke reichte der Rahmen
heran hinter der schweren Kristallkrone; ein dicker Vorhang fiel von der
Höhe des Rahmens herunter, füllte mit dichten Falten seine Mitte aus.
Dahinter die Schlafkammer Ferdinands. Eine kleine Glastür zur Linken
öffnete, das Licht anhebend, der Diener. Eine bemalte bekränzte
Mariensäule, blinkend, wieder in den dicken Schatten huschend. Auf dem
hohen Polster Ferdinand, aufrecht sitzend, schluckend, Lachtränen in den
zugekniffenen geblendeten Augen, die weiße Nachtkappe gegen die rechte
Backe vor den Mund gepreßt; er bat sich verschluckend um ein Sacktuch. Er
zischelte, indem er sich zurücklegte: »Könnte nicht der -- ja wie heißt er
doch? -- ja könnte nicht der Trautmannsdorf oder der Eggenberg oder einer
der Herren gerufen werden? Oder, bleib noch. Schick lieber zu Baroneß
Khevenhüller; geh hin, ich ließe sie bitten, sie möchte ihre Herrin wecken,
ich wollte ihr etwas sagen.« Hinterher aus der Kammer: »Nimm die Kerze mit,
sag' ihr, ich ließe die Kaiserin bitten, es sei nichts, ich sei nicht
krank.«
Bis an die Tür des Vorsaals geleitete sie ein Fräulein, dann führte sie
unter die Kronleuchter an die kleine Glastür der Kammerdiener.
Auf dem Hofe war unter den Bewegungen in den Gemächern die Wache
angetreten, man rumorte über den Plätzen, es liefen Schritte über
Holzbrettern. Als sie eintrat, war Ferdinands Schlafkammer verdunkelt; er
schrie erschrocken: »Wer ist da?« hatte geträumt. Sie zog einen Schemel von
der Wand, setzte sich, die Kerze flammte rot hinter ihr unter der
Mariensäule. Er war völlig munter und aufgeräumt, achtete nicht, daß der
Diener sich gebückt an der Wand zu schaffen machte; sie hatte ängstlich
unterwegs den Mann gebeten, in der Kammer zu verbleiben; schwer konnte sie
sich an den deutschen Mann gewöhnen, seine Frömmigkeit war ihr Glück.
»Lore, mir fiel etwas ein. Wie war der Hirsch, den du geschossen hast
vorige Woche in Gattersburg; wieviel Enden hatte der noch?«
Sie hatte beide Arme über ihre Knie gelegt, saß leicht gebückt da; ein
braunes Seidentuch durchscheinend über ihrem Haar, unter dem Kamm geknotet,
verwirrte Locken über der Nasenwurzel; traurig senkte sie den Blick auf
ihre gefalteten Hände, weil er sich nicht entschuldigte und weil sie sich
nicht darüber wunderte.
»Es war bei Begelhof, Ferdinand.«
»Bei Begelhof freilich. Wieviel Enden hatte das Tier? Zwanzig, nicht wahr?«
»Ich weiß nicht genau.«
»Zwanzig, freilich. Ich zeigte dir doch noch. Ich prägte noch dem Mansfeld
ein, nicht zu vergessen an Kursachsen zu schreiben, wieviel Enden es waren,
von dir erlegt. Ein kapitales Tier. Denk mal nach. Hast du dich nicht
gefreut? Und was hast du denn gesagt, Lore?«
Listig schaute er, auf dem rechten Arm halbseitlings aufgerichtet. »Denk'
mal nach, Lorchen. Es war etwas Schönes, Feines, was ich dir versprochen
habe für den Schuß.«
Die junge Kaiserin immer stärker befremdet, tief traurig: »Ach. Mein
Mantuaer Betpult.«
Er legte sich zurück, zeigte herausplatzend mit dem Finger: »Das war es,
dein altes Betpult, nur nicht aus Holz. Aus Gold und Alabaster. Das Bild
unter einem Muschelbaldachin. Und ich versprach dir noch die doppelte
Summe, daß du es bekommst.«
Sie bewegte leise sprechend die Hände vor das Gesicht: »Wenn ich das Pult
nicht bekommen sollte: verzeih mir. Es war nur ein Scherz. Ich will es gar
nicht.« Ferdinand ausgestreckt, eifrig mit den Armen auf die grüne Decke
schlagend: »Sollst es haben, sollst es haben; aber durchaus nicht. Aber
einer wollte es dir nicht geben. Und das ist ihm nicht geglückt. Lore, ich
habe hier so gelacht für dich, ich bin nicht herausgekommen aus dem
Lachen.«
»Weißt du,« er richtete sich rasch hoch, geheimnisvoll, »mein Schwager
Maximilian ist ein kluger Mann; seine Regierung ist streng und seine
Politik, o, das ist das klügste, was es gibt. Ich bewundere ihn, ich will
es nicht leugnen. Aber er hat nicht immer Glück. Sie sind ihm jetzt scharf
auf den Fersen. Mir freilich auch. Aber er, er ruft mich! Er ruft mich!
Nun, ich will dir sagen, Lore, seit die Welt erschaffen ist, wurde solch
Witz nicht gemacht. Ich dachte schon eben daran, Eggenberg und die anderen
zu wecken. Die Herren sollen auch ihre Freude haben, aber ihnen setzen die
Altersgebrechen zu, ich will sie schlafen lassen.«
Er sprang im Schlafanzug heraus, griff nach seinem Nachtmantel, warf ihn
sich über: »Wollen wir ihm die Armada schicken, die er begehrt. Wenn er sie
will, wollen wir sie ihm schicken? Sag' du, sag' du, Lore!«
Sie bewegte sich nicht, knüpfte sich nur den Schleier unter dem Kinn auf;
er fragte sie nun auch nach Politik.
»Sag'. Sag' ja. Wenn er ruft, wollen wir sie ihm nicht versagen. Wollen ihm
ein gnädiger Kaiser sein. Ein gnädiger Kaiser. O, o.«
Er schaukelte auf der Bettkante sitzend unter Gelächter den Rumpf. Sie wich
ihm mit ihren Blicken aus. Er fuhr fort: »Ich werde es mir mit Gewalt
abstreiten lassen. Ich werde ein saures grünes Gesicht machen. Hoho. Homer,
der schläft.«
Sie war entsetzt; der Kaiser war so erregt und glühend. Sie bat ihn sich
wieder zu legen; hilfesuchend sah sie sich nach dem Diener um, er war fort,
ein Weinen war sie. Er umarmte sie, indem er mit den Armen zu der gebeugt
sitzenden herüberlangte: »Du bist meine herzliebe Lore. Du bist ein Weib,
wie es in ganz Europa nicht besser ist. Nicht bei meinem jungen Vetter
Philipp, nicht in Mantua.«
* * * * *
Bei Eleonore die Gräfin Kollonitsch, ihre Freundin.
Der einfache stille erwärmte Raum. Auf dem braunen glatten Holzboden der
würflige weiße Kachelofen in einer Ecke, auf plumpen kantigen Füßen.
Zwischen Ofen und Wand ein kleiner gepolsterter Sitz; da eingeschlossen saß
in blauem Samt die mädchenhafte Kaiserin, hörte sanftblickend die schwarze
junge Gräfin an, die unruhig auf der hochleistigen Polsterbank eng an der
getünchten Wand lehnte. Still endete die Gräfin: »Ich teile seine Liebe mit
den Hunden, zwei Falken, Majolikavasen.«
»Du weißt das lange, Angelika. Grollst du ihm?« »Er liebt ja auch Maria,
die Mutter Gottes.« »Angelika!«
»Beneide ich Maria? Ich weiß nicht; ich muß soviel weinen.«
»Meine arme.«
Ruhiger saß die Gräfin: »Wir leben, allergnädigste Herrin, wißt Ihr, in
einer Zeit, die wohl die glückseligste von allen ist; die Kirchen sind
prächtig, die Menschen in Masse bekehrt, die ehrwürdigen Väter von der
Gesellschaft Jesu sind so eifrig und ihre Mühe ist belohnt, wie sie es
verdienen. Nur,« sie sah mit Tränen zu den rosettengeschmückten Deckbalken
auf, »wir Frauen sind nicht gut daran. Wir haben das Nachsehen. Manchmal
denke ich, -- ich schäme mich, es zu sagen, -- wir sind bestohlen und
betrogen. Doch, doch, o, ich weiß, ich bin böse.«
»Angelika, wie kannst du so sprechen.«
»Warum dem Glauben alles und den Frauen nichts? Man heiratet uns, der
Priester weiht uns zusammen zu einem Paar; und was bin ich dann?«
»Dein Gatte ist nicht gut zu dir. Wir wollen mit ihm sprechen.«
»Ich liebe ihn, allergnädigste Kaiserin, ich bete für ihn. Ich bete für
meine Kinder.«
»Du gönnst ihm nicht die Pferde, die Hunde, die Bilder, Angele, nicht
einmal den himmlischen Gott und die Heiligen.«
»Ich bin böse, ich bin böse, ich weiß.« Sie blitzte die feine Dame auf dem
Ofensitz an, wild den Kopf zuckend: »Ich möchte meinen Gatten irre machen.
Er soll alles vergessen. Das Hirn soll ihm wirbeln. Wie ein Bäumchen möchte
ich ihn entwurzeln und in meiner Hand haben und ihn schütteln. So, so.«
»Du bist zornig auf ihn.«
Die Gräfin bedeckte ihr Gesicht vor der zarten Kaiserin, die wie ein Kind
die Füße schaukeln ließ: »Ich gehe um wie ein krankes Tier und lasse meine
Zunge heraushängen. Ich lebe und will zu ihm.«