Mischt man blau, rot und gelb, so erhält man grau oder braun (vgl.

Farbtafel!). Dasselbe ist der Fall bei einer Mischung von violett

und gelb, von orange und blau, von grün und rot; denn jede dieser

Mischungen enthält die drei Grundfarben. Man nennt jene Farbe, die

einem bestimmten Farbton noch fehlt, um alle Grundfarben zu enthalten,

die +Komplementär+- oder Ergänzungsfarbe des betreffenden Farbtones.

Die Komplementärfarbe zu grün wäre also rot, zu orange blau usw. Bei

dekorativen Farbübungen oder bei Verwendung von farbigem Papier kann

das Wissen um diese Komplementärfarben gute Dienste leisten und vor

häßlichen und unmöglichen Farbzusammenstellungen bewahren. Auf grünem

Tonpapier wirkt z. B. rot -- die Komplementärfarbe -- gut, während

gelb und blau einen schlechten Zusammenklang mit grün ergeben. Setzt

man die Grundfarben in ihrer Reinheit unvermittelt nebeneinander, so

wirkt die Zusammenstellung oft hart und unschön oder schreiend und

dissonierend (vgl. Farbtafel!). Um dies zu vermeiden und um einen

gewissen Zusammenklang, eine »+Harmonie+« der Farben zu erzielen, sucht

man die Farben +zusammenzustimmen+. Man gibt ihnen einen einheitlichen

Gesamt- oder Grundton. Oder man »+bricht+« die Farben, indem man sie

entsprechend mischt. Man arbeitet dann mit sogenannten +Halbtönen+

(vgl. Farbtafel!), wie ja die Natur dem menschlichen Auge in der Regel

gebrochene Farbtöne zeigt und nur im hellen Sonnenlicht unter ganz

bestimmten Umständen den vollen Glanz einer ungebrochenen Farbe schauen

läßt.

Weiß und schwarz sind eigentlich keine rechten Farben. Sie dienen

vielmehr dazu, die Farben aufzuhellen oder nachzudunkeln. Nur mit rot

und orange gemischt läßt sich schwarz zur Herstellung eines helleren

oder dunkleren Braun verwenden (vgl. Farbtafel!).

Bei derartigen Farbtreffübungen ist mit allgemein gehaltenen

theoretischen Anleitungen jedoch wenig gedient. +Hauptsache bleiben die

praktischen Versuche+, da es nicht nur auf die Farbqualitäten, sondern

in besonderem Grade auch auf die Farbquantitäten ankommt und jedes mehr

oder weniger die Nuance der Mischung ändert.

Besonders schwierig gestaltet sich +die farbige Darstellung nach der

Wirklichkeit+, wie sie bei der körperhaften Wiedergabe körperhafter

Objekte mit farbigen Lichtern und Schatten gefordert wird. Der Anfänger

pflegt alle Glanzlichter weiß, alle Schlagschatten schwarz zu geben.

In Wahrheit kommen jedoch reines Weiß und reines Schwarz in der

Natur fast nie vor und sollten bei farbigen Darstellungen nach der

Wirklichkeit nur selten Verwendung finden. In der Regel pflegt es bei

den ersten Darstellungsversuchen ähnlich zu gehen, wie bei den ersten

zeichnerischen Versuchen überhaupt: es wird dargestellt, was man

+weiß+, nicht was man +sieht+.

Man weiß: der Schnee ist weiß; also wählt man weiß zu seiner

Wiedergabe. Man weiß: die Schatten sind dunkel; also gibt man sie

schwarz oder grau wieder. Man weiß: die Zitrone ist gelb; also malt

man sie auf der Lichtseite hell-, auf der Schattenseite dunkelgelb.

Dem Auge aber, das Farben sehen gelernt hat, wird diese Wiedergabe

unwirklich erscheinen; denn der Schnee ist nur auf bestimmt geneigten

Flächen fast weiß; die darauffallenden Schatten sind blau oder violett,

rötlich oder bräunlich, je nach den +Reflexen+, die vom Firmament

und von den farbigen Gegenständen selbst ausgehen. Man wird darum

+die Farbe des Gegenstandes+ und +die Farbe seiner Erscheinung+

streng auseinanderhalten müssen. Jedes Objekt erleidet in seiner

farbigen Erscheinung eine starke Beeinflussung durch die Umgebung,

in der es sich eben befindet, durch Tages- und Jahreszeit. Es gibt

kaum einen größeren Zauberer als das Licht, und es zählt zu den

reizvollsten Aufgaben, die mannigfachen Veränderungen zu studieren und

wiederzugeben, die ein Körper in seinen Eigenfarben erleidet, sobald

das Licht wechselt, das ihn umspielt.

Durch die Farbe kann übrigens auch eine +Raumwirkung+ erzielt werden,

ähnlich jener, die durch die Linienperspektive zustande kommt. Mit

zunehmender Entfernung ändert sich die Farbe des Gegenstandes. Wie wir

bei weit entfernten Objekten die Details der Linien und Formen nicht

mehr unterscheiden können, so vermischen sich für das menschliche

Auge auch alle Nuancen der Farbe. Sie verschmelzen und verschwimmen

zu einheitlichen Farbflächen. Die dazwischenliegende Luftschicht

wirkt mit und zieht einen bläulichen Schleier davor. Man spricht dann

von den Erscheinungen der +Luftperspektive+, die natürlich mit jedem

Wechsel der Witterung sich ändern und der Landschaft ihre eigenartigen

+Stimmungen+ verleihen.

Wer einen Körper nach seinen Lichtern, Schatten und Farben körperhaft

wiedergeben will, muß sich klar geworden sein über den +Unterschied

zwischen zeichnerischer und malerischer Darstellung+. Es wäre

irrtümlich zu glauben, die zeichnerische Wiedergabe wolle Linien, die

malerische dagegen Flächen darstellen. Wir sahen: beide wollen Körper

abbilden, weil die Wirklichkeit nur Körper bietet; aber beide können

nur Flächen darstellen, weil sie ihre Bilder auf einer Ebene -- auf dem

Papier oder auf der Leinwand -- entstehen lassen.

Der Zeichner charakterisiert jedoch seine Flächen in der Hauptsache

dadurch, daß er ihre +Grenzlinien+, wozu hier auch die Überschneidungen

gerechnet werden können, wiedergibt. Der Maler jedoch läßt die

Grenzlinien unberücksichtigt; er gibt hellere und dunklere farbige

+Flächeninhalte+, die durch ihre Helligkeitsunterschiede sich von

selbst begrenzen.

Dieser Unterschied bedingt eine verschiedene +Technik+ für die

zeichnerische wie für die malerische Darstellungsweise. Man hat eine

Zeitlang geglaubt, Malen sei für den Anfänger leichter als Zeichnen,

da der Zeichner die Gesamterscheinung in ihren wesentlichen Merkmalen

erfaßt haben muß, bevor er den ersten Strich zu ihrer Blockierung

ansetzt, während der Maler gewissermaßen von innen nach außen

gestaltet und aus einem farbigen Fleck durch allmähliches Erweitern

die entsprechende Form gewinnen kann. Es mag sein, daß auf diese Art

durch »Pinselspiele« allerlei Figuren entstehen können. Schon auf der

Vorstufe, beim Zeichnen nach der Vorstellung (Abb. 79). Sobald es

sich jedoch um die Wiedergabe der Wirklichkeit handelt, wird es sich

nötig erweisen, daß auch der Maler +zeichnen+ kann. Wenn er auch die

Grenzlinien nicht wiedergibt, so muß er doch genau wissen, wo die

Grenzen seiner Flächen sitzen. Auch für die malerische Darstellung ist

eine gute Zeichnung Grundlage.

Die Zeichnung kann auch farbig gegeben werden. Man kann die von

schwarzen Konturen eingeschlossenen Flächen farbig eindecken oder

die fertige Bleistift-, Tusch- oder Kohlezeichnung mit einer dünnen

Aquarellfarbe übermalen, ohne daß die Begrenzungslinien, Licht- und

Schattenstellen verwischt oder zugedeckt werden, sondern noch durch

die dünne Farbschicht sichtbar sind. Wir können die Konturen selbst

farbig geben. Wir erhalten auf diese Weise die farbig eingedeckte oder

die farbige +Zeichnung+.

[Illustration: Abb. 79]

Bei der malerischen Behandlung jedoch wird man von jeder

Begrenzungslinie absehen. Um jedoch nicht in grobe Fehler oder in

»Sudeleien« zu verfallen, empfiehlt es sich für den Anfänger, den

Pinsel anzufeuchten und mit Wasserstrichen die Form +zeichnerisch+

zu skizzieren, bevor man sie +malerisch+ darstellt. Auch bei der

malerischen Darstellung können die Farben dünnflüssig -- besonders

beim Untermalen -- und dickflüssig -- als sogenannte Deckfarben --

Verwendung finden. Die Farben können neben- und übereinander gesetzt

werden. Es kann »Naß in Naß« gemalt werden, und es kann zur folgenden

Farbe gegriffen werden, wenn die daneben oder darunter gesetzte

völlig getrocknet ist. Jede dieser verschiedenen Techniken hat ihre

Berechtigung. Aber auch hier kann nur ausgiebige Übung lehren, was

für den Einzelfall am empfehlenswertesten oder am berechtigtsten ist.

Auf der Farbtafel könnte man z. B. den Krug und das Portemonnaie

als +malerische+ Darstellung, das Rebhuhn als farbige +Zeichnung+,

den Zweig mit den Beeren als ein Zwischending von malerischer und

zeichnerischer Wiedergabe gelten lassen. Bei der Darstellung des

Kruges und des Portemonnaies sind keine Konturen, sondern nur Flächen

wiedergegeben, und zwar ist in beiden Fällen der farbige Grund

des Papiertons mit verwendet, um eine bestimmte getönte Fläche zu

kennzeichnen. Bei der Krugdarstellung sind die Mitteltöne in demselben

Blaugrau gehalten wie der Hintergrund: Bei der Portemonnaiedarstellung

dient der lichtbraune Papierton zur Kennzeichnung der hellsten Flächen

des Gegenstandes.

Das Rebhuhn ist +gezeichnet+ und farbig eingedeckt. Man sieht genau die

dunkle Kontur, die Grenzlinien zwischen kontrastierenden Körperteilen.

Die Zeichnung könnte auch ohne Farbe bestehen. Krug und Portemonnaie

hingegen müßten, sobald man die Farben wegnehmen würde, aufhören,

sichtbar zu sein. Das wäre wohl auch bei dem Zweig mit den Beeren der

Fall; doch arbeitet diese Darstellung -- mit Ausnahme der lichteren

Stellen auf den Beeren ohne Hereinbeziehung des farbigen Grundtones und

setzt ihre Flächen scharf begrenzt -- wenn auch ohne eigentliche Kontur

-- auf den licht gehaltenen Grund.

Am leichtesten ist im Anfang das Arbeiten mit dickflüssigen Deckfarben.

Schwieriger gestaltet sich das Darstellen mit dünnflüssigen

Wasserfarben, da ein frühzeitiges Eintrocknen bei nochmaligem

Überfahren dunklere Flecken oder unschöne Ränder gibt.

Über die Behandlung der Öl- und der Temperafarben soll hier nichts

Näheres ausgeführt werden, da diese Techniken doch nur auf höherer

Stufe, als sie für unsere Zwecke in Betracht kommt, Geltung gewinnen

können.

Nur eine technische Frage soll im Anschluß an die vorstehenden

Betrachtungen noch kurz erörtert werden: +die Technik der

Licht- und Schattengebung+. Ich habe an anderer Stelle[9] eine

Spezialfrage dieser Technik ausführlich an der Hand von Hunderten

von Zeichnungen besprochen. Was ich dort von der Wandtafeltechnik im

besonderen zu sagen hatte, gilt grundsätzlich für jede Licht- und

Schattendarstellung: Es kommt in erster Linie auf das Material an, mit

dem gearbeitet wird: auf den Papierton, der die Zeichnung aufnehmen

soll, und auf das Werkzeug, mit dem gezeichnet oder gemalt wird.

Ist die Grundierung hell, so wird man sie mit heranziehen oder

aussparen für die Lichtstellen der Zeichnung (vgl. die Darstellung des

Portemonnaies); ist die Grundierung dunkel, so wird sie bei Darstellung

der Schattentöne Verwendung finden. In beiden Fällen werden die nicht

durch den Papierton gekennzeichneten Flächen aufgetragen werden müssen:

das eine Mal als dunkle Schatten, das andere Mal als helle Lichter.

Es kann jedoch der Papierton auch als Hintergrund aufgefaßt werden

und beides -- Lichter und Schatten -- sowie alle Zwischentöne müssen

gegeben werden.

In all diesen Fällen handelt es sich um Kennzeichnung von Flächen.

Je nach dem Werkzeug wird die Fläche eine verschiedene Art der

Füllung erfordern. Mit dem Pinsel läßt sich die Fläche durch breite,

geschlossene Striche gleichmäßig decken (Abb. 80 ~b~). Mit einem

spitzen Werkzeug -- mit der Feder, dem Bleistift, dem Farbstift, der

Kreide und der Kohle -- jedoch wird man mit nebeneinanderliegenden oder

mit sich kreuzenden Schraffen arbeiten müssen, um den Eindruck der

Fläche zu erzeugen (Abb. 80 ~c~), es sei denn, man bediene sich eines

Wischers und verreibe die Zwischenräume, so daß eine der Pinseltechnik

ähnliche Darstellungsweise -- das Schummeln oder Röteln -- entsteht

(Abb. 80 ~a~). Jede dieser Schraffierungsarten hat ihre Berechtigung.

Für den Anfänger empfiehlt es sich jedoch, vorerst mit geschlossenen

Flächen -- Pinseltechnik -- und mit gleichmäßig nebeneinander gesetzten

Schattenstrichen zu arbeiten, bevor man sich an komplizierten Techniken

versucht.

[Illustration: Abb. 80]

Ist der Grund hell und wird die Zeichnung als dunkle Fläche aufgetragen

oder ist der Grund dunkel und die Zeichnung erscheint als lichte

Fläche, so macht sich eine Kontur oder eine besondere Kennzeichnung

des Umrisses eigentlich unnötig. Man vergleiche auf der Farbtafel

links oben die Darstellung der Blätter und der Beeren! Sie sind

dunkelgrün und dunkelblau auf lichten Grund gesetzt und sind darum in

ihren Begrenzungslinien durch den Kontrast der Flächen hinreichend

gekennzeichnet. Sie haben keine weitere Kontur nötig. Ähnlich verhält

es sich mit der Darstellung des Portemonnaies auf der gleichen

Tafel rechts unten. Nur tritt hier das umgekehrte Verhältnis ein:

das lichtbraune Leder hebt sich scharf ab von dem grünschraffierten

Hintergrund und muß in seiner Begrenzung nicht weiter gekennzeichnet

werden. Scheinen jedoch die Farbflächen des dargestellten Objektes

sich mit den Farben des Grundes zu vermischen, so daß die Ränder

verschwinden, so wird man der Zeichnung eine Kontur geben.

Dies gilt auch für dekorative Übungen. Hier kann die Kontur direkt

zum dekorativen Element werden. Orange auf grünblau, scharlachrot

auf graublau, ultramarin oder türkisblau auf grünlichem Weiß heben

sich ohne weiteres voneinander ab. Aber selbst in solchen Fällen

können dunkle und lichte Konturen zur Belebung beitragen. Trifft z.

B. wie bei der Bordüre auf der Farbtafel (unten rechts) ein dunkleres

Braun oder ein blasses Grün auf einen lichtbraunen Grund, so kann

durch Hinzufügung einer schwarzen Kontur der Eindruck des Weichen

und Verschwimmenden vermieden und die Darstellung geschlossener und

kräftiger gestaltet werden.

[Illustration: Abb. 81]

Es wäre falsch, zu behaupten, diese oder jene Art sei die

berechtigtere. Beide haben Existenzberechtigung, weil beide durchaus

verschiedenartig wirken und darum für verschieden geartete Zwecke

verwendet werden können. Auch die dekorative Zeichnung ist Ausdruck

einer seelischen Stimmung und wird je nach der Eigenart des Lebens,

dem sie entsprang, mit verschiedenen Ausdrucksmitteln gestaltet. Eine

dunkle Kontur macht die Zeichnung auf lichtem Grund schwerer und

massiger (Abb. 81 ~a~) als eine lichte Kontur auf dunkelm Grund (Abb.

81 ~b~). In beiden Fällen aber gewinnt die Darstellung eine gewisse

Stilisierung, da die Natur überhaupt keine Konturen, sondern nur

Flächen aufweist. Läßt man hingegen die Kontur überhaupt wegfallen, so

erweckt die Darstellung, auch wenn sie im übrigen keine wesentlichen

Änderungen erfährt, einen naturalistischeren und zugleich malerischen

Eindruck (Abb. 81 ~c~, ~d~). Es wird darum wohl immer Sache des

Geschmacks bleiben, zu bestimmen, welche Art der Technik und welche

Darstellungsweise in einzelnen Fällen Anwendung finden sollen. Mit

verstandesmäßigen Regeln allein ist hier nichts gedient.

Achter Abschnitt.

Das künstlerische Vorbild.

Vor 20 und 30 Jahren erlernte man das Zeichnen in der Hauptsache durch

Kopieren von Vorlageblättern. Das Zeichnen nach der Natur war damals

ein Zeichnen nach Gipsmodellen, nach Abgüssen ornamentaler Stilformen

oder nach Bruchstücken antiker Plastik. Die neue Richtung hat mit

dieser Gepflogenheit gebrochen. Sie fordert Zeichnen nach der Natur und

verbannt grundsätzlich Vorlagen und Gipsmodelle.

Der neue Grundsatz mag als Gegenforderung dem alten Betrieb gegenüber

verständlich sein. Bei rigoroser Durchführung aber führt er zu neuer

Einseitigkeit. Nicht darauf kann es ankommen, alle Vorlagen und Modelle

zu verbannen, sondern darauf, die rechten Vorlagen und die rechten

Modelle auszuwählen und sie neben dem Zeichnen nach der Wirklichkeit

in rechter Weise zu benützen. Denn bei Lichte besehen sind auch diese

Vorlagen ein Stück Wirklichkeit, ein Stück Natur, einmal insofern auch

sie konkrete Dinge und keine Abstrakta sind, dann aber auch darum, weil

jede künstlerische Darstellung ein Stück Menschennatur widerspiegelt,

das aneifernd und vorbildlich wirken kann. In doppeltem Sinn können

Zeichnungen und Bildwerke für den Lernenden in Frage kommen: als

Mittel zu künstlerischer Geschmacksbildung und als Vorbilder für die

technische Lösung zeichnerischer oder malerischer Probleme.

Wer zeichnen lernen will, muß Zeichnungen studieren. Muß sehen, wie

andere es machten, um diese oder jene Wirkung hervorzurufen, um gewisse

Schatten- und Lichtstellen treffend zu charakterisieren und was der

technischen Probleme sonst noch sein mögen. Dies kann geschehen, indem

man den Künstler beim Arbeiten selbst beobachtet, indem man aufmerkt,

wie er die Kohle, den Stift, die Feder, den Pinsel handhabt, oder indem

man die künstlerische Leistung studiert und aus den fertigen oder noch

besser aus den halbfertigen Bildern und Entwürfen den Entwicklungsgang

und die Entstehungsweise der Leistung herausliest. Es gibt für den

Lernenden darum kaum etwas Bildenderes als das +Studium künstlerischer

Handzeichnungen+, wie große Meister -- von Leonardo da Vinci,

Raffael, Dürer an bis zu den Modernen -- sie in ihren Skizzenbüchern

hinterlassen haben. +Die Vorlage muß künstlerischen Charakter tragen.+

Statt der alten Vorlagen eines Weishaupt und eines Herdtle sollten

künstlerische Skizzen[10] gesammelt und für den Zeichenunterricht

herausgegeben werden.

Wem die Gelegenheit fehlt, derartige Skizzen zu studieren, der greife

nach gut illustrierten Zeitschriften, nach den Fliegenden Blättern,

nach den Meggendorfer Blättern, der Jugend, dem Kunstwart und betrachte

sie vom zeichnerischen Standpunkt aus. Er wird eine Fülle von bildendem

Material finden. Die Eigenart der einzelnen Künstler wird ihm immer

mehr zum Bewußtsein kommen. Bald wird er fühlen: hinter all den Linien

und Farben lebt und webt ein Mensch mit bestimmtem Charakter, mit

eigenartigem Denken, Empfinden und Schauen.

Ein derartig geschulter Betrachter wird in Zukunft ein Bild, eine

Zeichnung nicht mehr ausschließlich inhaltlich und gefühlsmäßig werten,

sondern seine Aufmerksamkeit auch der Künstlerpersönlichkeit und

den formalen technischen Bedingungen zuwenden, die das Bild werden

ließen. Das naive Interesse an der bildlichen Darstellung wird zum

künstlerischen und gleichzeitig zum kunsthistorischen werden. Man wird

nicht nur das Entstehen des Einzelbildes der Beachtung wert halten,

man wird gleichzeitig auch das Werden einer gewissen künstlerischen

Richtung, eines gewissen Stils begreifen wollen, man wird sich dazu

gedrängt fühlen, +Kunstgeschichte+ zu studieren.

Ich denke hier nicht an das Studium abstrakter ästhetischer Theorien,

an das Lesen kunstgeschichtlicher Leitfäden; ich denke hier vor allem

an das Studium der Kunstwerke selbst und an die Biographien wirklicher

Künstler, wie sie z. B. die Künstlermonographien v. H. Knackfuß oder

die Künstlermappen von F. Avenarius bieten.

Dem zeichnerisch Geschulten, dem technisch Tätigen wird sich dabei

der Wert des Originals offenbaren. Er wird wertlose Reproduktionen,

mechanisch hergestellte farbige Drucke, die eine verfehlte Mischung

wiedergeben, verwerfen. Er wird nach dem Echten greifen. Unsere

Künstler erwarten mit Recht von einem künstlerisch erzogenen Publikum

eine neue Blüte ihrer Kunst; denn das Angebot pflegt sich auch auf dem

Kunstmarkt nach der Nachfrage zu richten. Wertloser Kitsch kann nur

gedeihen, wo eine kritiklose Masse sich mit Schund begnügt.

Die Meisterzeichnung kann auch als +Vorlage+ dienen; sie kann und

soll +kopiert+ werden. Es gibt Anhänger der modernen Richtung, die

dies bestreiten. Reformer, die grundsätzlich gegen jede Vorlage,

gegen jedes Kopieren Front machen. Das ist eine Einschränkung der

Bildungsmöglichkeiten, eine Versperrung der besten Bildungsgelegenheit

für den Lernenden. Kein Künstler ist durch das Studium der Natur

allein zu dem geworden, was er letzten Endes erreichte. Natur +und

Kunst+ waren seine Führerinnen. Wollte man den Künstler zwingen, nur

Wirklichkeit, nur Natur zu studieren, man würde ihn gleichzeitig dazu

verdammen, alle Irrtümer zu wiederholen, welche die Kunst im Laufe der

Jahrhunderte überwinden mußte. Jeder Künstler war einmal Nachahmer,

Jünger eines Meisters. Daß er später selbst Meister wurde, tut dieser

Jüngerschaft keinen Eintrag. Was von den Großen gilt, es gilt sicher

auch von den Kleinen: von uns Alltagsmenschen, die zeichnen lernen

wollen.

Allerdings wird viel davon abhängen, welcher Art diese Vorbilder sind.

Eine Aufgabe, die gewissermaßen als Überleitung zum Zeichnen nach der

Wirklichkeit gelten kann, ist das +Zeichnen nach Photographien+. Es ist

eine oft gehörte Warnung, daß das Betrachten von Photographien, wie

man sie heutzutage in gewissen Wochenschriften findet, künstlerisch

verbildend wirkt. Das verwirrende Allerlei, die geschmacklose

Zusammenstellung u. a. machen diese Reproduktionen der Wirklichkeit in

der Tat künstlerisch wertlos. Es ist jedoch durch mannigfache Beispiele

bewiesen worden, daß die Photographie selbst einer künstlerischen

Kultur wohl fähig ist. Und viel zu wenig scheint mir beachtet zu

werden, daß gute Photographien geeignete Vorlagen abgeben können für

die zeichnerische Darstellung. Unsere Künstler wissen das längst.

Die Photographie ist Wiedergabe der Wirklichkeit. Mechanische

Wiedergabe, nicht Darstellung durch Menschenhand. Wohl wählt der

Photograph einen bestimmten Ausschnitt, bestimmte Stellungen, bestimmte

Belichtungserscheinungen; aber innerhalb der gegebenen Verhältnisse

kann er Wesentliches nicht ändern. Er muß, wenn er nicht mit

unnatürlicher Retouche arbeiten will, hinnehmen und darstellen, was ihm

die Wirklichkeit bietet. Man kann sagen: der photographische Apparat

gibt Wirklichkeit, Natur ohne menschliches Hinzu- oder Hinwegtun.

Die Photographie stellt +objektiver+ dar als der Mensch. Sie bedient

sich einer außer- oder übermenschlichen Technik. Sie ist darum das

Gegenteil der Vorlage. Gerade aus diesem Grunde aber hat sie eine

besondere Berechtigung im modernen Zeichenbetrieb. +Sie vermittelt

nicht Problemlösungen, sie stellt vielmehr jedem, der sie kopieren

möchte, zeichnerische oder malerische Probleme.+ Eben weil sie der

Eigentätigkeit so viel zu tun übrig läßt.

Auch die Kopie einer Photographie sollte nur ein +Zwischenglied+ in

der zeichnerischen Ausbildung darstellen. Handelt es sich um Objekte,

deren zeichnerische Wiedergabe zunächst unüberwindliche Schwierigkeiten

bietet, so kann eine entsprechende Photographie recht wohl als

Zwischenstation Verwendung finden (Abb. 82).

Bei +Darstellung eines lebenden Tieres+, eines Hundes z. B., fällt

es dem Anfänger, wie bereits bemerkt wurde, schwer, über den

flüchtigen Umriß hinaus zu kommen, da das Modell in der Regel nicht zum

Stillhalten zu bringen ist. Hier könnte die Kopie einer Photographie

(Abb. 82 ~c~) recht wohl als +Vorübung+ eingeschaltet werden.

[Illustration: Abb. 82]

Die Umsetzung dieser mechanischen Darstellung durch den Apparat

in eine Zeichnung erfordert sicher ein weitaus größeres Maß von

Überlegung, von technischer Erfindungsgabe als die Darstellung nach

irgendeiner Zeichnung; denn gerade die Umsetzung einer Photographie in

zeichnerische Technik stellt Probleme. Sie wird verschieden ausfallen

je nach Material und Werkzeug. Der Pinsel (Abb. 82 ~a~) arbeitet

anders als Bleistift (Abb. 82 ~d~) und Feder (Abb. 82 ~e~). Eventuelle

Verwendung zu dekorativen Zwecken erfordert die Stilisierung (Abb.

82 ~b~) der Naturform. Die Wiedergabe wird verschieden ausfallen,

je nachdem nur Flächen, nur Umrisse oder auch Licht und Schatten

wiedergegeben, ob ohne oder mit Farben dargestellt werden soll und was

der Probleme sonst noch sein mögen.

Ebenso einseitig wie die Forderung, alle Vorlagen auszuschalten, ist

die, alle +Modelle+ zu verwerfen, die nicht der Natur entnommen sind;

denn es ist schwer, die rechte Grenze zwischen Natur und Zeichenmodell

älteren oder neueren Stils genau zu bestimmen. Wollte man unter

»Natur« nur das ohne Zutun des Menschen Gewordene, das Naturgewachsene

-- die Pflanze, das Tier, den Menschen -- gelten lassen, so müßte

eine Menge von Modellen in Wegfall kommen, die gerade der moderne

Zeichenunterricht bisher ausgiebig benutzte: Gebrauchsgegenstände,

Tische, Stühle, Zimmereinrichtungen, Häuser usw. Läßt man aber diese

»+Natur+«, die im Grunde genommen »+Kultur+« ist, gelten, so sehe ich

keinen zwingenden Grund, warum man gewisse Zeichenmodelle grundsätzlich

ausscheiden will. Zwischen einem Tennisschläger und einer griechischen

Palmette ist -- soferne man beide Kulturerzeugnisse als Modelle für

den Zeichenunterricht wertet -- kein wesentlicher Unterschied. Beide

sind Körper mit flächenhaftem Charakter, der eine aus Holz, der andre

aus Stein; beide stellen ähnliche zeichnerische Probleme, soferne sie

dargestellt werden sollen.

Der Weg zur Zeichenkunst Ein Büchlein für theoretische und praktische Selbstbildung · 第 6 / 7 段