Dinge perspektivisch darzustellen+. Ist die Übung auf der ersten
Stufe ausgiebig erfolgt, so wird die zweite Stufe keine besonderen
Schwierigkeiten mehr bereiten; denn bei näherem Zuschauen stellt
sich dann die perspektivische Darstellung körperhafter Dinge nur
als eine Zusammenstellung mehrerer perspektivisch dargestellter
Flächen dar. Eine Zigarrenkiste -- über Eck gestellt -- würde für die
perspektivische Wiedergabe die Lösung der Aufgabe verlangen: drei
viereckige Flächen -- zwei senkrecht und eine wagrecht stehende -- in
ihrem gegenseitigen Zusammenhang wiederzugeben (Abb. 6).
Es ist an und für sich gleichgültig, ob man die perspektivische
Wiedergabe körperhafter Dinge mit runden oder mit eckigen Formen
beginnt. Am leichtesten lassen sich Rundformen an das bisher erworbene
Können anschließen. Irgendein zylindrischer oder ein kegelförmiger
Körper lassen sich ohne weiteres aus der bereits geläufigen
flächenhaften Darstellung gewinnen (Abb. 46).
[Illustration: Abb. 44]
An Modellen für einfache linienperspektivische Darstellung ist
jedes Wohn- und Studierzimmer reich. Man lege ein Buch vor sich hin
auf den Tisch oder man schichte einen Stoß Bücher übereinander und
versuche die perspektivische Wiedergabe (Abb. 47). Man stelle kleine
Gruppen zusammen: Zigarrenkiste, Zündholzschachtel, Aschenbecher;
Tisch, Stuhl, Krug; Marktkorb, Flasche; Reisekorb, Hutschachtel u.
a., Schränke, Truhen, Öfen usw., Zimmerecken u. a. geben Gelegenheit
in Hülle und Fülle, das Erkannte an wirklichen Gegenständen neu zu
entdecken und wiederzugeben. Oder man werfe einen Blick durchs Fenster
-- der Rahmen des Fensters ist ein treffliches Mittel zur Erkenntnis
der Neigungswinkel -- und man wird eine Menge neuer geeigneter Modelle
vorfinden: den Giebel oder die gestaffelte Feuermauer vom Nachbarhaus
(Abb. 49), Erkertürmchen, Dachfenster, Kamin, Telegraphenstangen und
-drähte (Abb. 48) und was dergleichen Objekte sonst noch sein mögen.
[Illustration: Abb. 45]
Das Zeichnen nach der Vorstellung endet nicht mit jenen Übungen, wie
sie die Vorstufe verlangte, sondern findet seine Fortsetzung auf allen
Stufen der zeichnerischen Entwicklung. Nur wird aus jenen schematischen
Darstellungen nach und nach ein anschauungsgemäßeres Zeichnen werden,
je nach dem erreichten Grade von Verständnis und Können. Besonders
geeignet, Sicherheit in der Auffassung und Darstellung zu erzielen,
sind frei aus der Vorstellung heraus gefertigte perspektivische
Aufgaben.
Man stelle sich z. B. das Problem, eine eckige oder eine runde Säule,
eine Pyramide oder einen Kegel, zusammengesetzte geometrische Körper in
verschiedener Stellung über und unter Augenhöhe, stehend und liegend,
von vorn und von der Seite, von oben und unten betrachtet, mit wenig
Strichen perspektivisch wiederzugeben (Abb. 50).
[Illustration: Abb. 46]
Oder man versuche eine Anwendung der perspektivischen Erkenntnisse
und Fertigkeiten in der Darstellung wirklicher Objekte. Der
perspektivischen Wiedergabe des Zylinders z. B. in der Plakatsäule, im
Blumenkübel, im Maßkrug, in den Lampions, gleichzeitig im Zylinderhut,
im Stehkragen, in den Rockärmeln, im Hosen- und im Mantelsaume -- Abb.
51 -- Aufgaben, gewissermaßen analog denen der Vorstufe -- Abb. 17,
18 -- jedoch mit Verwendung des mittlerweile erlernten Wissens und
Könnens. Durch derartige +freihändige Konstruktionen+ wird das Erlernte
immer mehr verfügbar und die Sicherheit der Wirklichkeit gegenüber
erfährt eine Steigerung, wie sie das Darstellen nach der Wirklichkeit
allein nie verleihen kann.
[Illustration: Abb. 47]
[Illustration: Abb. 48]
[Illustration: Abb. 49]
Durch ein derartiges Zurückgreifen auf die Tätigkeiten der Vorstufe
oder durch ein beständiges Einbeziehen des Gedächtniszeichnens in die
höheren Stufen der zeichnerischen Ausbildung gewinnt das Ganze einen
+inneren Zusammenhang+, wie er bei unseren Zeichenlehrplänen in der
Regel leider nicht zu finden ist. Nur auf diese Art aber ist eine
gewisse Stetigkeit in den Entwicklungsgang zu bringen; denn das bereits
Gewonnene erfährt durch die immer wiederkehrende Übung eine Festigkeit,
die zur sichersten Gewähr für einen lückenlosen Fortschritt wird.
+Es wäre grundfalsch zu glauben, das Zeichnen nach der Vorstellung
könne auf der Vorstufe erledigt werden.+ Das Gedächtniszeichnen sollte
vielmehr durch das Zeichnen nach der Wirklichkeit seine Vervollkommnung
erfahren. Es darf nichts auf der Stufe des Schemas stehen bleiben,
sondern muß die Entwicklung, die das anschauungsgemäße Zeichnen nach
dem Gegenstande durchläuft, gewissermaßen parallel mit durchlaufen. Es
ist eine vorzügliche Übung, wenn man, nachdem man versucht hat, ein
Objekt nach der Natur darzustellen, daran geht, das gleiche Objekt nach
der Vorstellung oder aus dem Gedächtnis zu zeichnen. Nur so werden die
Gesetze der Darstellung nicht nur bewußt, sondern auch geläufig.
[Illustration: Abb. 50]
Durch dieses Aufsuchen der körperhaften Elementarform -- des Würfels,
der Kugel, des Zylinders, der Pyramide und des Kegels -- in der
Naturform finden jene Übungen der vorausgehenden Stufe, die auf
ähnliche Weise die flächenhaften Elementarformen -- Quadrat, Rechteck,
Dreieck, Raute, Ovale, Kreis -- in den Wirklichkeitsformen aufsuchten
und darstellten (Abb. 19, 20, 21, 22, 23 u. 24), gewissermaßen
ein Analogon. Dadurch wird ein Mechanismus verhütet, der den
Zeichenunterricht jahrzehntelang zur langweiligen Plage machte. Wie
der Indianer an seiner Fischzeichnung Freude empfindet, so wird auch
hier die zeichnerische Tätigkeit ein Quell der Darstellungslust; denn
es sind nicht abstrakte geometrische Körperformen, die es nachzubilden
gilt; es sind Wirklichkeitsausschnitte: der Würfel wird zum Haus, das
dreikantige Prisma zum Dach, die Säule zum Turm, Kegel oder Pyramide
zu seiner Spitze. Die wirkliche Erscheinungswelt erfährt auf diese
Art eine Behandlung, wie es Pestalozzi mit seinem ABC der Anschauung
erstrebte, aber doch nicht zu erreichen vermochte, da ihm selbst an
technischem Können fehlte, was er seinen Zöglingen gern vermittelt
hätte.
Die wissenschaftliche Darstellung.
Hier wäre auch die Stelle, wo +das wissenschaftliche Zeichnen+
einsetzen könnte. Ein Zweifaches könnte unterschieden werden: das
+freie+ Zeichnen und das +gebundene+ Zeichnen mit Lineal, Winkel und
Zirkel (Abb. 2, 3, 4 u. 5).
[Illustration: Abb. 51]
Das +Linearzeichnen+ hat im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte
eine gründliche methodische Durcharbeitung erfahren. Schon Dürer
widmete seiner Methode ausführliche »Unterweisung«. Diese Gattung der
zeichnerischen Darstellung konnte durch die Reform keine nennenswerte
Förderung erfahren. Eher könnte man von einem Zurückdrängen und
teilweisen Verkennen sprechen. Was die neue Schule auf dem Gebiete des
wissenschaftlichen Zeichnens an Vorwärtsdrängendem brachte, das war
eine stärkere Betonung der +wissenschaftlichen Freihandskizze+.
[Illustration: Abb. 52]
[Illustration: Abb. 53]
Es wurde bereits darauf hingewiesen, welcher Art diese
wissenschaftliche Zeichnung sein kann: daß sie sich auf die Darstellung
des Grundrisses, des Aufrisses und der Seitenansicht sowie auf die
Wiedergabe charakteristischer Körperschnitte zu beschränken pflegt.
Jeder gebildete Mensch sollte derartige Darstellungen zu +lesen+
vermögen. Karten als Grundrisse, Profile als Aufrisse treten ja schon
jedem Volksschüler der Mittelklasse im heimatkundlichen Unterricht
entgegen. Aber auch im täglichen Leben, beim Bau eines Hauses, beim
Einrichten einer Wohnung, beim Herstellen eines Möbels und in hundert
ähnlichen Fällen kann sich die Notwendigkeit ergeben, wissenschaftliche
Zeichnungen verstehen und unter Umständen entwerfen zu müssen.
Der einfachste Weg zum Erlernen dieser Darstellungsweise wird
sich -- wie beim anschauungsgemäßen Wiedergeben eines Objekts --
an der Hand der Wirklichkeit finden lassen: Man beginne, wie beim
Freihandzeichnen auch, mit der Darstellung +flacher+ Objekte.
Fenster, Türen, Bilderrahmen, Wände eignen sich als Aufrisse. Haus-
und Gartenanlagen, Stadtbezirke u. ä. als Grundrisse. Bei der
Wiedergabe +körperhafter+ Objekte wähle man vorerst solche, die von
geometrischen Grundformen -- Prismen, Walzen, Pyramiden, Kegeln,
Kugeln, Halbkugeln -- wenig abweichen: Stühle, Schemel, Tische, Kästen
usw. Eine besonders reizvolle Aufgabe ist die freie Konstruktion der
eignen Zimmereinrichtung und ihre zeichnerische Darstellung für den
Schreiner. Man mache den Versuch, einen Küchenschrank z. B. mit genauer
Angabe der Maße im Grund- und Aufriß, sowie in der Seitenansicht
darzustellen, und man wird finden, welch reiches Maß von Überlegung
ein derartiges Möbelstück verlangt. Doch lohnt sich die Mühe reichlich
durch den persönlichen Stil, den auf diese Weise die Einrichtung des
eigenen Heimes gewinnt (Abb. 52 u. 53). Oder man versuche, die eigene
Wohnung auszumessen und im Grundriß darzustellen. Praktischen Wert
kann diese Übung bei einem Umzug gewinnen. Man weiß dann sofort, ob
der zur Verfügung stehende Platz ausreicht, in welcher Hinsicht sich
Ergänzungen notwendig erweisen und erspart von vornherein das mißliche
Verrücken der Möbel in der neuen Wohnung (Abb. 54).
[Illustration: Abb. 54]
Für wissenschaftliche Freihandskizzen sowie für die ersten Übungen im
Maßstabzeichnen eignet sich besonders gut quadriertes Papier.
Da es heutzutage an Beispielsammlungen für wissenschaftliches Zeichnen
-- besonders für Linear- und Maßstabzeichnen -- nicht mangelt, so
glaube ich von einer größeren Zahl von Darstellungen absehen zu können.
Nur auf ein Gebiet möchte ich an dieser Stelle noch verweisen, da es
zu einem unerschöpflichen Born künstlerischen Genusses werden kann
und dem künstlerischen, besonders dem zeichnerischen Verständnis in
der eben angedeuteten Art immer neue Aufschlüsse zu geben vermag. Ich
meine das Studium der +Baustile+. Es ist keineswegs nötig, dickleibige,
wissenschaftlich gehaltene Bände durchzustudieren. Wir besitzen
heutzutage eine Anzahl kurzgefaßter handlicher Ausgaben über das
Wesentliche vergangener und gegenwärtiger Richtungen. Was Ägypter,
Griechen und Römer, was die altchristliche, romanische und gotische
Kunst, was Renaissance, Barock und Rokoko, was der Neuklassizismus und
die Moderne an eigenartigen Schöpfungen hervorbrachten, das findet
hier an der Hand zahlreicher Illustrationen eine Erläuterung, die
auch dem Laien verständlich ist. Und was ich für besonders wertvoll
erachte: fast jede deutsche Stadt bietet eine Fülle von architektonisch
Wertvollem. Man sollte kaum glauben, wieviele Menschen -- auch unter
den sogenannten Gebildeten -- heute noch blind und verständnislos an
den köstlichsten Schätzen ihrer täglichen Umgebung vorübergehen. Hätten
sie eine Ahnung davon, wieviel an Glück sie deshalb entbehren müssen,
sie würden nicht eher ruhen und rasten, bis ihnen die Sinne für diese
eigenartige Welt steinerner Schönheit erschlossen wären.
2. Licht und Schatten.
Die zeichnerische Darstellungsmöglichkeit des Körperhaften ist mit der
genauen Wiedergabe der Umgrenzungs- und Überschneidungslinien nicht
erschöpft. Der Wirklichkeitscharakter der Zeichnung wird gewaltig
gesteigert, sobald +Licht und Schatten+ mit zur Darstellung gelangen.
Selbst da, wo die Linienperspektive noch gar nicht in Frage kommt --
bei der flächenhaften Darstellung körperhafter Gegenstände -- kann
durch Unterscheidung von hellen und dunklen Stellen der Eindruck des
Körperhaften hervorgerufen werden.
[Illustration: Abb. 55]
Darum dürfte es sich vielleicht empfehlen mit dieser elementaren Art
von +Lichtstudien+ die Beleuchtungsdarstellungen zu beginnen (Abb. 55).
Für die ersten +Schattenstudien+ eignen sich am besten helle eckige
Körper, deren Kanten eine scharfe Grenze zwischen Licht und Schatten
bilden (Abb. 56).
[Illustration: Abb. 56]
Schwieriger gestaltet sich die Schattengebung bei runden Körpern,
da hier ein allmählicher Übergang zwischen den lichten und dunklen
Stellen zu finden ist. Für den Anfänger empfiehlt es sich, diese feinen
Unterschiede +zunächst+ unberücksichtigt zu lassen und Licht und
Schatten vorerst als geschlossene Flächen wiederzugeben. Dabei fällt
allerdings den meisten schwer, die Grenze zwischen Licht und Schatten
zu finden. Ein gutes Hilfsmittel ist, die Augenlider so weit zu
schließen, bis Licht und Schatten an dem betrachteten Objekt wirklich
als stark beleuchtete und stark verdunkelte Massen auseinanderfallen
(Abb. 57 ~a~ u. ~b~).
[Illustration: Abb. 57]
[Illustration: Abb. 58]
Außer dem Schatten, den der Körper selbst zeigt, ist auch jener
Schatten zu beachten, den der Körper auf seine Standfläche oder
auf eine in der Nähe befindliche Wand wirft. Dieser sogenannte
+Schlagschatten+ ist u. a. abhängig von der Helligkeit der Beleuchtung,
von dem Winkel der einfallenden Lichtstrahlen, von der Gestalt des
Objekts, kann also ganz verschiedene Helligkeitsstufen und Formen
erhalten und darf darum nicht nach irgendeinem Schema beigefügt
werden, sondern erfordert genaues Studium der Wirklichkeit (Abb. 58
u. 59). Ist man endlich so weit, daß man die einfachen Gegenstände
hinsichtlich ihrer Linienperspektive und hinsichtlich ihrer Belichtung
und Farbe zeichnerisch wiederzugeben vermag, so wird man, bevor man
zum Studium der lebenden Natur und zu Freilichtstudien übergeht, sich
an sogenannten +Stilleben+ versuchen. Man wird Gegenstände, +die in
Wirklichkeit ebenfalls beisammen zu stehen pflegen+ -- Zigarren-
und Zündholzschachteln, Zigaretten und Aschenschale, Töpfe und
Teller, Hobel und Hammer, Krüge, Flaschen und Gläser usw. -- +nach
zeichnerischen Gesichtspunkten gruppieren+ und darzustellen versuchen.
[Illustration: Abb. 59]
Auch beim Zeichnen sogenannter Stilleben wird es sich empfehlen, den
Blick vorerst für das Ganze zu schulen, für den Gesamteindruck, der
Gruppe, ehe man an die Ausarbeitung der Details denkt; denn wo die
+Raumverteilung+ als mißglückt bezeichnet werden muß, da kann auch die
sorgsamste Wiedergabe der Einzelheiten das Bild nicht mehr zu einem
gelungenen werden lassen.
Hat man sich an einfachen und zusammengesetzten Gebrauchsgegenständen
des Hauses hinreichend geübt, dann ist es an der Zeit, das erworbene
Wissen und Können an Objekten der lebenden Natur zu versuchen.
Zunächst an +Pflanzen+: Man gehe hinaus vor die Stadt und pflücke sich
vom Wegrain ein paar Ähren oder einige Blüten, die nicht so schnell
verwelken, sondern mehrere Stunden hindurch ihre Gestalt behalten, und
versuche ihre Wiedergabe (Abb. 60).
[Illustration: Abb. 60]
Man wird dabei finden, wie ungleich reicher und detaillierter
diese naturgewachsene Wirklichkeit ist als die von Menschenhand
hergestellten Erzeugnisse. Auch hier beim Skizzieren einer Pflanze
wird es sich in erster Linie darum handeln, die +Gesamterscheinung+ zu
charakterisieren: ihre Höhe und Breite anzugeben, die Hauptlinien --
bei einem Blatte die Mittelrippen, bei einer Blüte die Grundform, bei
einem Baume die stärksten Äste und den Umriß des gesamten Laubwerks --
zu charakterisieren und erst später Einzelheiten zu berücksichtigen
(Abb. 61). Denn +alles künstlerische Sehen ist ein vereinfachtes
Sehen+. Empfehlen wird sich, nicht nur die einzelnen Teile der
Pflanze, sondern auch die +Zwischenräume+ mit in Vergleich zu ziehen.
Für den Anfänger ist es ratsam, fleißig mit dem Stifte zu visieren, zu
untersuchen, welche Punkte senkrecht übereinander, welche in gleicher
Höhe liegen usw.
[Illustration: Abb. 61]
[Illustration: Abb. 62]
Noch schwieriger gestaltet sich die Aufgabe, ein lebendes +Tier+
zeichnerisch wiederzugeben; denn in jedem Augenblick ändert es seine
Stellung. Die natürlichsten Vorstufen wären darum die Tierdarstellungen
nach kunstgewerblich erzeugten Tierformen -- Kinderspielzeug,
Porzellanfiguren u. a. -- und nach ausgestopften Tieren (Abb. 62
~a~ u. ~b~ u. Abb. 63). Erst wenn man durch hinreichende Übung an
diesen stillen, tadellos modellstehenden »Lebewesen« sich eine
gewisse Treffsicherheit erworben hat, mag man sich an der zappeligen
Wirklichkeit versuchen. Empfehlenswert ist bei Anlage derartiger
Zeichnungen das +Blockieren+ der Gesamtfigur; denn erst soll das Ganze
der Erscheinung aufgefaßt werden, ehe man an die Darstellung aller
Einzelheiten herantritt.
[Illustration: Abb. 63]
Beim +Zeichnen des lebenden Tieres+ ist die Mannigfaltigkeit noch
ungleich reicher, das Charakteristische ausgeprägter. Für die Zeichner,
welche dies Büchlein im Auge hat, wird es nicht darauf ankommen, in
der Tierdarstellung irgendeinem Spezialistentum zu huldigen. Darum
werden sich ins Detail gehende anatomische Studien der Muskelpartien u.
a. nicht nötig erweisen. Bei Vögeln sind Haut und Muskeln mit Federn
bedeckt, bei den Säugetieren mit Haaren. Eine gewisse Kenntnis des
Knochengerüstes wird genügen, das Wesentliche der Gesamterscheinung
einigermaßen treffsicher wiederzugeben.
Man wird beim Skizzieren lebender Tiere übrigens gut daran tun, im
Anfang solche Modelle zu wählen, die still sitzen oder sich nur langsam
bewegen (Abb. 64). Leichter fallen dem Anfänger Vögel als vierfüßige
Tiere. Darum beginne man mit der Skizzierung von Hühnern, Gänsen,
Enten, bevor man sich an Pferde, Hunde, Katzen, Rehe u. a. Säugetiere
wagt (Abb. 65, 66 und 67). Dabei wird es darauf ankommen, dem Tiere
zuerst eine günstige Stellung -- Seitenansicht (man vgl. Hahn und
Henne auf Abb. 65 und Tauben und Gans auf Abb. 67) oder Vorderansicht
(man vgl. Abb. 65 links) -- abzugewinnen, bevor man versucht auch
schwierigere Haltungen (man vgl. die Gänse vor der Futterschüssel in
Abb. 67, sowie den Papagei und die Enten) wiederzugeben.
[Illustration: Abb. 64]
[Illustration: Abb. 65]
[Illustration: Abb. 66]
[Illustration: Abb. 67]
+Die menschliche Figur+ ist bekanntlich das erste Modell, das sich
das kleine Kind beim Beginn seiner zeichnerischen Laufbahn erwählt.
Das gleiche tun der Naturmensch und der Künstler, der das Höchste
und Letzte erstrebt. Die menschliche Figur steht am Anfang und am
Ende der künstlerischen Darstellung. Sie ist also das Leichteste
und das Schwerste zugleich. Das Leichteste, insofern es sich um die
schematische, das Schwerste, sobald es sich um die anschauungsgemäße
Wiedergabe der menschlichen Figur handelt. Man hat darum die
menschliche Figur als Ganzes zuweilen ganz aus dem Schulzeichnen
verbannt und sich mit der Darstellung einzelner Glieder -- der Hände,
der Füße, der Ohren usw. -- begnügt. Ich halte diesen Weg für falsch.
Wer die menschliche Figur zeichnerisch einigermaßen beherrschen will,
der muß sie als +Ganzes+ auffassen und wiedergeben. Freilich kann
es sich nur um Skizzen handeln. Bei diesen Skizzen aber sollte die
Darstellung von Einzelheiten, von Details zunächst gar keine Rolle
spielen. Als geeignete Modelle empfehlen sich für den Anfang wieder
Kunstprodukte -- die drolligen Steiffpuppen z. B. (Abb. 68) -- bevor
man einen lebenden Menschen in ruhiger Haltung -- am besten zunächst
von vorn (Abb. 69) oder in Seitenansicht (Abb. 70 ~a~) wiedergibt.
Man kann sich dabei eines Proportionsschemas bedienen, wie es bereits
Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer konstruierten. Für gewöhnlich
aber genügt die Skizzierung einiger Richtungslinien und einfache
Blockierung (Abb. 70 ~c~). Für bestimmte Teile -- z. B. für den Kopf
-- kann die Kopie einer Photographie (Abb. 71) oder das Arbeiten nach
einem Gipsabguß (Abb. 72) dem Anfänger recht wohl zustatten kommen.
Ich möchte darum derartige Modelle nicht grundsätzlich ausgeschaltet
wissen. Sie stellen gewissermaßen +Zwischenstationen+ auf dem Wege nach
der zeichnerischen Wiedergabe lebendiger Natur dar.
[Illustration: Abb. 68]
[Illustration: Abb. 69]
[Illustration: Abb. 70]
[Illustration: Abb. 71]
[Illustration: Abb. 72]
[Illustration: Abb. 73]
[Illustration: Abb. 74]
Das +Landschaftzeichnen+ wäre die natürliche Fortsetzung jener
Übungen, die zur Erlernung der Linienperspektive, sowie beim Studium
der Beleuchtungserscheinungen dienten. Vom einzelnen perspektivisch
gesehenen und dargestellten Körper zur Wiedergabe einfacher Stilleben,
von der Darstellung von Innenräumen -- Zimmerecken, Gängen -- bis
zur +Wiedergabe landschaftlicher Ausschnitte+ -- nur um solche,
nicht um Landschafts+bilder+, kann es sich auf der Stufe, die hier
in Frage steht, handeln -- läßt sich unschwer ein Gang vom Einfachen
zum Zusammengesetzten, vom Leichten zum Schwereren nach schon
gekennzeichneten Grundsätzen einhalten.
[Illustration: Abb. 75]
Beim Darstellen der Landschaft wähle man im Anfang ferne Objekte,
bei denen die Details verschwinden. Günstiger als der Mittag
sind Morgen und Abend, besonders wenn die Sonne hinter den zu
zeichnenden Gegenständen steht, so daß sich diese silhouettenhaft
vom lichten Himmel abheben (Abb. 73 u. 74). Auch hier ist der
Beginn mit flächenhafter Darstellung der natürliche Ausgangspunkt.
Bei körperhafter Darstellung aber wähle man zunächst möglichst
einfache Objekte (Abb. 75), bei denen die Perspektive noch keine
besonderen Anforderungen stellt (Abb. 76). Zu empfehlen ist dabei das
Zusammenfassen der Details im Baumschlag z. B. zu einheitlichen Massen,
sowie das Herausgreifen geschlossener Gruppen -- Bäume oder Häuser
(Abb. 77 u. 78). Erst wenn man an derartigen Ausschnitten den Blick für
das landschaftlich Malerische geübt und eine gewisse Technik entwickelt
hat, gehe man an die Wiedergabe reicherer Motive. Daß dabei das Studium
guter Landschaftsgemälde, sowie das Kopieren von Meisterskizzen von
Wert sein kann, soll im Schlußabschnitt noch näher ausgeführt werden.
[Illustration: Abb. 76]
[Illustration: Abb. 77]
[Illustration: Abb. 78]
~C.~ Farbige Darstellung.
Die neue Richtung betont mit besonderem Nachdruck die Verwendung der
+Farbe+ in der zeichnerischen Darstellung. Dadurch erhält der moderne
Zeichenbetrieb größere Wärme; denn wo die Farbe fehlt, da wirkt alles
kälter, freudenärmer. Man wird darum auf dieses Darstellungsmittel,
das die Darstellungslust in besonderem Maße zu fördern vermag, nicht
verzichten. Schon bei den Übungen der Vorstufe wird man farbig
gestalten. Statt des schwarzen Graphitstiftes wird man mit
Farbstiften, mit Kohle und farbigen Kreiden arbeiten.
[Illustration: Farbtafel]
Noch stärkere Geltung gewinnt die Farbe bei der flächenhaften
Darstellung, insbesondere beim schmückenden Zeichnen. Das Ornament z.
B. gewinnt erst durch die Farbe Leben und Kraft. Hier wird es sich
jedoch in der Hauptsache um flüssige Farben handeln, die mit dem Pinsel
aufzutragen sind. Bevor man jedoch daran geht, mit Farbe und Pinsel zu
arbeiten, wird es sich nötig erweisen, einige Übungen im +Farbmischen+
und im +Farbtreffen+ zu veranstalten.
Zu dem Zwecke drückt man aus den Tuben zunächst die drei +Grundfarben+
oder primären Farben blau -- rot -- gelb auf die Palette und versucht
nun durch Mischung die sogenannten +Zwischenfarben+ oder sekundären
Farben zu erhalten. Dabei wird sich etwa folgende Skala ergeben:
blau
| } violett
rot
| } orange
gelb
| } grün
blau