wirklich etwas erzielt werden, was über jene Vorstufe hinausweist
und +zeichnerisch+ fördert, so muß die Darstellung nach neuen
Gesichtspunkten erfolgen: Das +inhaltliche+ Interesse, das jene
Gedächtniszeichnungen der Vorstufe so stark beeinflußte, muß mehr und
mehr abgelöst werden durch ein +formales+ Interesse, das die Wahl der
Modelle und die Art ihrer Darstellung im wesentlichen bestimmt. Mit
andern Worten: die Auswahl der zu zeichnenden Gegenstände wird von
+zeichnerischen+ Gesichtspunkten aus erfolgen müssen.
[Illustration: Abb. 21]
[Illustration: Abb. 22]
Es wird sich darum handeln, solche Modelle zu wählen, deren Darstellung
nur dann in korrekter Weise gelingt, wenn eine dabei Anwendung findende
+Elementarform+ zeichnerisch beherrscht wird: wenn Ellipse, Eiform,
Kreis, Viereck, Dreieck, Raute, Trapez, Vielecke und ihre mannigfachen
Kompositionen zeichnerisch richtig zur Darstellung gelangen. Ein paar
Beispiele mögen illustrieren, wie ich mir die Sache denke:
Abb. 19 zeigt z. B. eine Reihe von Zeichnungen, die fast alle aus
der Oval- oder aus der Eiform entstanden sind. Nur erfährt diese
Elementarform +je nach der Eigenart des betreffenden Gegenstandes+ eine
gewisse Umwandlung.
[Illustration: Abb. 23]
Das veranschaulicht z. B. auch Abb. 20: Rechteck, Dreieck, Spitzbogen
usw. finden in derartigen Darstellungen eine technisch korrektere
Übung und Anwendung, als es bei den Darstellungen auf der Vorstufe
möglich und beabsichtigt war. Hier würde sich ein Mißlingen in
formaler Hinsicht ohne Zweifel empfindlicher bemerkbar machen als
auf jener Vorstufe, die ihr Hauptaugenmerk noch der inhaltlichen
Seite zuwenden durfte. Würde z. B. der dreieckige Papierhelm in
Abb. 20 statt des rechten Winkels einen spitzen oder einen stumpfen
Winkel erhalten, so wäre die Zeichnung nicht nur vom geometrischen,
sondern auch vom +technisch-konstruktiven+ Gesichtspunkt aus falsch;
denn beim Falten des Papierhelms in der angegebenen Weise muß der
betreffende Winkel naturnotwendig seine 90 Grad erhalten, wenn die
Sache handwerkstechnisch klappen soll. Ähnlich verhält es sich bei
den Fensterläden in Abb. 21. Würden die Läden zu schmal gezeichnet,
so könnten sie beim Schließen die Fensterscheiben nicht vollständig
decken. Würden sie jedoch zu breit dargestellt, so könnten sie
überhaupt nicht recht geschlossen werden.
[Illustration: Abb. 24]
Empfehlen wird es sich, derartige Darstellungen in größerem Format mit
ausgiebigem Material -- mit Kohle oder mit Farbstift -- auszuführen, um
nach und nach einen gewissen Schwung der Linienführung zu erreichen,
wie er eben nur durch fortgesetzte Übung an großformatigen Zeichnungen
erworben werden kann.
Als +2. Stufe+ könnte man +die flächenhafte Wiedergabe körperhafter
Dinge+ gelten lassen.
[Illustration: Abb. 25]
[Illustration: Abb. 26]
Auf der Suche nach geeignetem Material, nach zusammengesetzten
flächenhaften Modellen, wird man bald auf Gegenstände stoßen, die
gemischten Charakter tragen. Ein Hoftor z. B. zeigt in seinen hölzernen
Bestandteilen flächenhaften, in seinen steinernen körperhaften
Charakter. Die perspektivische Wiedergabe ist auf dieser Stufe
noch nicht möglich. Man gebe darum das Ganze flächenhaft (Abb.
22). Man wähle auch auf dieser Stufe zunächst wieder Gegenstände,
die Formen zeigen, durch deren Wiedergabe jene Elementarformen
neuerdings geübt werden (Abb. 23). Solche Modelle finden sich unter
den Kulturerzeugnissen, auch unter den modernsten (Abb. 24) häufiger
als unter den naturgewachsenen; denn die Natur kümmert sich nicht um
geometrische Gesetze. Das Zeichnen nach der Wirklichkeit aber wird die
lebendige Natur nicht ausschalten können, sondern wird sie zeichnerisch
zu bewältigen suchen. Schon auf der 1. Stufe werden flache Naturformen:
Blätter, Schmetterlinge, Käfer, Fische, d. s. Lebewesen, die sich
überdies durch eine gewisse Symmetrie auszeichnen, dargestellt werden.
Aber auch hier werden -- wenigstens bei Anlage der Zeichnung -- jene
Elementarformen eine Rolle spielen, indem sie die Gesamterscheinung
charakterisieren und den Blick von verwirrenden Details ab- und dem
Wesentlichen zuwenden. Ein Efeublatt würde nicht in naturalistischer
Form (Abb. 25), sondern in einer gewissen Stilisierung wiedergegeben
werden, die ihr eigenartiges Gepräge jenem Streben nach Regelmäßigkeit,
Gefälligkeit und Linienschwung verdankt (Abb. 26).
[Illustration: Abb. 27]
In ähnlicher Weise könnte jedes Naturblatt zum zeichnerischen Problem
werden, ein gewaltiger Vorzug dieser modernen Modelle vor jenen
früheren Vorlageblättern, die fertige Problemlösungen brachten und dem
Zeichner die eigentlich künstlerische Leistung vorwegnahmen.
[Illustration: Abb. 28]
Dasselbe gilt von der Wiedergabe jener Tierformen, die in ihrer
symmetrischen Form Ähnlichkeit mit Blattdarstellungen haben (Abb. 27
und 28). Höheren Reiz gewinnen derartige Formen, sofern man versucht,
auch ihre +farbige+ Erscheinung mit zur Darstellung zu bringen.
[Illustration: Abb. 29]
Eine Art Übergang zur räumlichen Darstellung könnte in der +3. Stufe+
erblickt werden: in der +Beachtung der Überschneidungslinien+.
Gleichzeitig müßte die Darstellung auf dieser Stufe sich mehr und
mehr einer naturalistischeren Wiedergabe befleißigen und dadurch den
Zeichner zwingen, das Zeichnen nach der Vorstellung, das auf der
ersten und zweiten Stufe noch stark vorherrschte, in ein Zeichnen
nach der Wirklichkeit überzuführen. Starke Verkürzungen werden
jedoch weniger Berücksichtigung finden können. Statt der symmetrisch
gestalteten Modelle der ersten und zweiten Stufe würden Naturobjekte
unsymmetrischer Art -- Zweige, Bäume, Tiere und Menschen in
Seitstellung -- in Betracht kommen. Die Darstellung selbst dürfte in
der Hauptsache Silhouettencharakter tragen.
[Illustration: Abb. 30]
Man stelle bei derartigen Übungen das Modell so auf oder man suche
sich bei nicht verrückbaren Modellen einen derartigen Standpunkt, daß
ein +Hintergrund+ vorhanden ist, der für +scharfe Abgrenzung+ sorgt.
Man beobachte den Baumzweig, der aus dem Gewirr der Äste und Zweige
hinausstrebt in den lichtblauen Himmel, so daß Blätter und Früchte auch
wirklich in ihrem Silhouettencharakter in Erscheinung treten (Abb.
29). Man wage sich im Anfang nicht an große Baumgruppen oder gar an
einen ganzen Wald. Man wähle vielmehr den einzelnen Baum, am besten
einen freistehenden (Abb. 30), der noch ziemlich jung ist und kein
reiches Astgewirr aufweist. Das Laubwerk gebe man zusammenfassend,
ohne jedes Detail, jedes einzelne Blättchen, zu beachten (vgl. Abb.
30 links und rechts). Auch hier handelt es sich um +das Ganze+, um
den Gesamteindruck, nicht um unwesentliche Einzelheiten. Bei größeren
Bäumen greife man nur einen Teil heraus (vgl. Abb. 30 Mitte), wenn die
Darstellung des ganzen Objektes zu schwer erscheinen sollte. Aber auch
beim Skizzieren solcher Teile, muß der Ausschnitt als zeichnerische
Einheit erfaßt und dargestellt werden mit entsprechender Verteilung auf
der zur Verfügung stehenden Fläche.
[Illustration: Abb. 31]
Schwieriger gestaltet sich die flächenhafte Wiedergabe der bewegten
Erscheinung. Man beobachte, den Stift in der Hand, eine Rabenschar,
wie sie sich z. B. im Frühjahr oder im Herbst zwischen den Furchen
der Sturzäcker breit macht. Der fliegende Vogel ändert sein
Erscheinungsbild mit jedem Augenblick. Wer es festhalten will, muß sich
an blitzschnelles Beobachten gewöhnen. Mit wenigen Strichen wäre dann
der in der Vorstellung haftende Eindruck im Umriß wiederzugeben. Das
Eindecken der dunklen Fläche kann man zu Hause mit dem Pinsel vornehmen
(Abb. 31). Die Darstellung wird in solchen Fällen einem Gemisch von
Zeichnen nach der Natur und Zeichnen nach der Vorstellung entspringen.
[Illustration: Abb. 32]
Bei der Wiedergabe vierfüßiger Tiere wird man gut daran tun, schwierige
Verkürzungen anfangs zu vermeiden. Die charakteristische Wiedergabe
gewinnt man am leichtesten aus der Seitenansicht (Abb. 32). Ein
treffliches Hilfsmittel bietet auf dieser Stufe das Studium guter
Silhouetten.
[Illustration: Abb. 33]
Auch das +Ausschneiden aus Papier mit der Schere+ ist wie kaum eine
zweite Tätigkeit geeignet, das Erfassen +ganzer+ Figuren und das
Gedächtnis für charakteristische Formen zu fördern. +Das Zeichnen
und Gestalten nach der Vorstellung+ dürfte eben auch auf dieser
Stufe nicht versäumt werden. Nur sollte man stets darnach streben,
alles mittlerweile durch Beobachten der Natur und durch Darstellen
der Wirklichkeit Gewonnene und Erlernte mit einzubeziehen und mit
zu verwerten (vgl. Abb. 33), so daß nach und nach auch das sogen.
Gedächtniszeichnen sich vom bloßen Schema zu lösen und mehr und mehr
den Eindruck des Erscheinungsgetreuen zu erwecken vermag.
Schmückendes Zeichnen.
Ist der Zeichner so weit gekommen, daß er einige Treffsicherheit
in der flächenhaften Wiedergabe flächenhafter und körperhafter
Gegenstände erzielt hat, dann wäre es an der Zeit, das erlangte Können
in den Dienst +dekorativer+ Aufgaben zu stellen. Über Art und Wesen
des zeichnerischen Schmuckes habe ich an anderer Stelle[8] bereits
ausführlich geschrieben, so daß ich mich hier kurz fassen kann. Ich
vertrete die Anschauung, daß Schmuck kein Sonderdasein führen kann,
sondern eines zu schmückenden Gegenstandes bedarf. Oder noch richtiger
ausgedrückt: daß der Gegenstand nach dem Schmuck rufen muß, nicht
umgekehrt, und daß darum die Art des Schmuckes durch die Art des
Gegenstandes bedingt wird.
Diese Grundbedingung zugegeben, wird man doch als Vorstufe Übungen
dekorativer Art anstellen können, die mit gewonnenen Formen und mit zu
füllenden Flächen rechnen, ohne zunächst ein bestimmtes Objekt, das
geschmückt werden soll, ins Auge zu fassen. Denn zeichnerischer Schmuck
ist immer Flächenfüllung und trägt, da es sich um Flächen handelt, am
besten flächenhaften Charakter. Wo das zeichnerische Ornament Tiefe
vortäuscht, da gewinnt es Bildcharakter und zerreißt den Eindruck der
Ebene, des Flächenhaften. Zum dekorativen Füllen einer Fläche eignen
sich darum in erster Linie wieder Flächen. Um flächenfüllend zu wirken,
müssen die Figuren, sofern sie der lebenden Natur entnommen sind, eine
gewisse Stilisierung erfahren, da sonst das Ornament nicht den Eindruck
der Geschlossenheit hervorruft. Diese Stilisierung, diese Anbequemung
der Füllung an die Form der zu füllenden Fläche ist ein Problem, das
ohne Zweifel starken Bildungswert besitzt, für Kinder jedoch in der
Regel zu schwer ist.
Zur Füllung der Fläche können eigentlich alle bisher behandelten
Formen Verwendung finden, von der geometrischen Elementarform bis
herauf zur Tier- und Menschenfigur. Die einfachste Art der Dekoration
wird durch Wiederholung, durch Neben- oder Übereinanderreihung (Abb.
34), durch symmetrische Ordnung von einem bestimmten Mittelpunkt aus
erzielt werden. Erst auf höherer Stufe wird man eine freiere und
mannigfaltigere Art des Schmuckes wählen.
[Illustration: Abb. 34]
Bei jeder praktischen Verwendung der Schmuckform aber wird die Natur
des Objekts, das geschmückt werden soll, Form und u. a. auch Inhalt
des Ornaments bestimmen müssen. Es hat darum einen weitaus höheren
Bildungswert, sich die Aufgabe zu stellen, ein bestimmtes Objekt --
einen Abreißkalender, eine Einladungskarte, ein Türschild, einen
Gratulationsbrief, irgendeinen Gebrauchsgegenstand -- nach eigenen
Ideen zu schmücken, als ein vom geschmückten Gegenstand gelöstes
historisches Ornament zu kopieren, wie es die alte Schule tat.
[Illustration: Abb. 35]
Wenn Walter Crane die +Farbe+ als »das vollendetste und schönste
Ausdrucksmittel in Kunst« erklärt, so gilt diese Anschauung ganz
besonders auch vom dekorativen Zeichnen. Nichts wirkt dekorativer
als die Farbe. Da der farbigen Darstellung jedoch ein eigener
Abschnitt gewidmet werden soll, so möchte ich hier nicht näher auf die
Probleme der farbigen Darstellung eingehen, sondern vorerst einige
Vorfragen, nämlich die der +Raumverteilung+ und der +Raumfüllung+
kurz erörtern. Soll eine Fläche mit zeichnerischem Schmuck versehen
werden, so wird man sich zunächst fragen müssen, was für ein Schmuck
gerade auf +diese+ Fläche paßt. Eine Zimmerwand wird man mit anderen
Zeichnungen schmücken als ein Vorsatzpapier und dieses anders als
eine Gratulationskarte. Doch abgesehen von derartigen Erwägungen, die
wahrscheinlich den +Inhalt+ des zeichnerischen Schmuckes bestimmen,
wird die Fläche +ihrer individuellen Form+ und +Stellung wegen+
ganz bestimmte Forderungen an ihren Schmuck stellen. Es wird darauf
ankommen, ob die Fläche eben oder gewölbt ist, ob sie senkrecht
zu stehen oder wagrecht zu liegen kommt, ob sie quadratisch oder
bandförmig, kreisrund oder oval ist. Denn der Schmuck wird sich der
Bewegung, die der Mensch naturnotwendig in jede Fläche hineinsieht,
anbequemen müssen. Eine rechteckige Fläche z. B., die höher ist als
breit, ein sogenanntes »stehendes Rechteck«, macht auf den Beschauer
den Eindruck des Aufwärtsstrebenden, des Emporwachsens; eine
rechteckige Fläche hingegen, die breiter als hoch ist, ein sogenanntes
»liegendes Rechteck«, erweckt das Gefühl des Ruhenden, des Behäbigen,
und gewinnt erst wieder Bewegungscharakter, sobald sie sich zum Band,
zur wagrecht »laufenden« Bordüre verlängert.
[Illustration: Abb. 36]
Der zeichnerische Schmuck wird dieser jeder charakteristischen Fläche
gewissermaßen von Natur aus innewohnenden Bewegung gerecht werden
müssen. Quadrat- und Kreisfüllungen werden sich am besten um einen
Mittelpunkt gruppieren (Abb. 35 links und rechts). Senkrecht steigende
Bordüren werden auch in ihrem Schmuck den Eindruck des Steigenden, des
Emporstrebenden erwecken müssen. Wagrecht laufende Bordüren dagegen
werden den Charakter des Seitwärtslaufenden oder des Ruhenden (Abb.
36) oder des Hängenden (Abb. 35) zu erwecken haben, wenn der Schmuck
der geschmückten Fläche entsprechen soll. Unter Umständen können auch
mehrere Gesichtspunkte zugleich nach Geltung streben. Bei einer Tapete
z. B. wird die obere Kante die Wandfläche abschließen und gleichzeitig
den Blick ringsum zu lenken haben, während die Fläche selbst, je weiter
sie abwärts führt, nach Ruhe zu streben hat, damit die Silhouetten
der im Zimmer stehenden Möbel und der darin wohnenden Menschen sich
wohltuend von der ruhig gehaltenen Fläche abheben können.
[Illustration: Abb. 37]
[Illustration: Abb. 38]
Der Anfänger tut, sobald er über den Bewegungscharakter der Fläche
Klarheit gewonnen hat, gut daran, die zu schmückende Fläche zu
zerteilen (Abb. 37). Entweder durch senkrechte (Abb. 37 ~a~) oder durch
wagrechte (Abb. 37 ~b~) Striche, durch Schräg- (Abb. 37 ~d~, ~e~) oder
durch Bogenlinien (Abb. 37 ~f~, ~g~), durch Kombination der Elemente
(Abb. 37 ~c~, ~e~, ~f~), durch strahlenförmige Gliederung der Fläche
(Abb. 37 ~h~) usw. Auf diese Weise erhält man eine reiche Zahl von
Elementarfiguren, von Quadraten (Abb. 37 ~c~, ~d~), Rauten, Dreiecken
(Abb. 37 ~e~) u. a. Gebilden. Diese geometrischen Einzelfiguren gilt
es nun zu »füllen«. Entweder alle gleichmäßig oder im rhythmischen
Wechsel (Abb. 37 ~f~). Die Füllung selbst kann ebenfalls geometrischen
Charakter erhalten; sie kann jedoch auch Formen verwenden, die sie
dem Pflanzen- (Abb. 34, 35 und Farbtafel), dem Tier- (Abb. 36) oder
dem Menschenreich entnimmt. In diesem Falle wird der Zeichner vor die
Aufgabe gestellt, die Naturform in jene geometrische Teilfigur, in ein
Quadrat, in ein Rechteck, in eine Raute usw. einzufügen. Das verlangt
in der Regel eine Wandlung, eine Stilisierung der nach der Natur
entworfenen Zeichnung.
Die Naturform wird bei dieser Eingliederung in das entworfene
Liniennetz selbst etwas vom geometrischen Charakter annehmen, indem
sie ihre Begrenzungslinien den geometrischen +parallel+ laufen läßt
(Abb. 38 links) oder indem sie eine diagonale Anordnung versucht
(Abb. 38 Mitte). In beiden Fällen können die Objekte, die zur Füllung
verwandt werden, verdoppelt (Abb. 38 rechts), verdrei- und vervierfacht
werden; nur wird es sich nötig erweisen, in solchen Fällen nach einem
gewissen +Gegengewicht+ zu streben, damit nicht innerhalb des zu
füllenden Raumes eine unangenehme Leere sich bemerkbar macht.
[Illustration: Abb. 39]
Ist auf diese Weise durch das Netz der Hilfslinien eine Sicherheit
gewonnen, die sich gern an schwierigeren Aufgaben versuchen möchte,
dann kann man daran denken, die Fläche freier, d. h. +ohne geometrische
Zerteilung+, zu füllen (Abb. 39).
Handelt es sich endlich um eine praktische Verwendung der skizzierten
Ornamente, so wird es nötig werden, auch das +Material+ zu erwägen,
woraus der Schmuck hergestellt werden soll, desgleichen das +Werkzeug+
in Betracht zu ziehen, das bei der Materialverarbeitung verwendet wird.
Soll die Leistung +material-+ und +werkgerecht+ ausfallen, so kommt zu
all den bereits genannten Überlegungen noch ein sogenanntes »+Denken
im Material+«, eine geistige Tätigkeit, die sich erst nach vielfacher
Übung mit dem betreffenden Werkzeug und an dem in Frage stehenden
Material erwerben läßt. Hier wäre die Stelle, wo zeichnerisches
Darstellen und plastisches Gestalten eine durch die Natur der Sache
geforderte Verbindung gewinnen könnten.
[Illustration: Abb. 40]
Zum schmückenden Zeichnen können auch jene Übungen gezählt werden, die
ihre Aufgabe darin erblicken, die Schriftformen des großen und kleinen
Alphabets in künstlerischer Art wiederzugeben. Die Schriftformen sind
dem Erwachsenen in der Regel geläufig. Auch die schwierigeren Formen
der geschriebenen Buchstaben und Ziffern. Darum kann die Fertigkeit
im Schreiben die Erwerbung zeichnerischer Geschicklichkeit fördern
helfen. Abb. 12 z. B. zeigt einige Buchstaben und Ziffern, die bei
Erlernung der Spiralen und Schneckenlinien mit Verwendung finden
können. Noch geeigneter jedoch für dekorative Zwecke sind die Formen
der Antiqua. Sie lassen sich ohne besonderen Zwang aus einer Reihe
von geometrischen Elementarformen entwickeln (Abb. 40), und indem man
sich an ihrer Konstruktion versucht, stellt man gleichzeitig Quadrate,
Rechtecke, Dreiecke, Kreise, Ovale, Halbkreise, Spiralen usw. dar
(Abb. 40 oben). Eine Aneinanderreihung gewisser Buchstabenformen des
großen lateinischen S z. B. (Abb. 40 unten) ergibt bei geringförmiger
Abänderung direkt ornamentale Formgebilde, ein Beweis für den
dekorativen Charakter dieser Schriftform. Mit vollem Recht wenden darum
die Methodiker der Gegenwart ihr Augenmerk einer Reorganisation der
Beschriftung von künstlerischen Gesichtspunkten aus zu.
~B.~ Körperhafte Darstellung.
1. Linienperspektive.
Wenn man bedenkt, wie wenig Grundgesetze bei Beherrschung einer
elementaren perspektivischen Darstellung gekannt und angewendet
werden müssen, und weiterhin, daß jeder Mensch mit gesunden Sinnen
die perspektivischen Erscheinungen in jedem Augenblick seines wachen
Daseins fortwährend zu sehen bekommt, so muß man sich eigentlich
wundern, daß die Menschheit erst eine Entwicklung von Jahrtausenden
brauchte, um diese Gesetze zu entdecken und sie bewußt zu verwenden,
ja, daß die Naturvölker der Gegenwart und die meisten Erwachsenen
bis zur Stunde nicht imstande sind, irgend etwas aus der Fülle ihre
täglichen Erscheinungen perspektivisch richtig darzustellen.
Wer klar werden will über jene Grundgesetze, der tut am besten daran,
gleich vor die +Wirklichkeit+ zu treten. Doch kommt viel darauf
an, +die rechten Objekte+ zu wählen. An kleinen Gegenständen, an
Zündholzschachteln, an Zigarrenkästen, an Bällen und Kugeln, wie sie
gewöhnlich für den ersten Unterricht im perspektivischen Zeichnen
benützt werden, sieht man die perspektivischen Eigenheiten erst dann,
wenn das Auge bereits gelernt hat, +bewußt perspektivisch aufzufassen+.
+Erst müssen die perspektivischen Gesetze einmal an wirklichen
Erscheinungen gesehen worden sein, ehe man sie darstellen läßt.+ Dazu
aber eignen sich am besten Gegenstände größeren Formats: Bäume,
Häuser, besonders aber Baumreihen, Häuserreihen -- Alleen, Straßenzüge.
[Illustration: Abb. 41]
Man gehe zunächst einmal hinaus vor die Stadt auf ein Stück Land, das
einen weiten Ausblick gestattet. Am besten wird sich eine freie Ebene
dazu eignen. In der Ferne scheinen sich Himmel und Erde zu berühren. Es
ist der +Horizont+. Man halte den Arm in Augenhöhe wagrecht vor sich
hin, und man wird finden, daß der Horizont +eine wagrechte Linie in
Augenhöhe+ bildet. Vergleicht man die auf der Ebene stehenden Bäume,
Häuser und Menschen miteinander, so wird man ohne weiteres entdecken,
daß der Gegenstand +um so undeutlicher und umso kleiner erscheint, je
weiter er sich von uns entfernt, umso deutlicher und größer aber, je
näher er unserm Auge rückt+.
Schreitet man einer fernen Baumreihe zu, die unsern Weg im rechten
Winkel schneidet, so erscheinen die Bäume -- falls sie es in
Wirklichkeit sind -- aus der Ferne alle gleich groß zu sein. Trifft
unser Blick die Baumreihe jedoch im spitzen Winkel, so tritt das
bereits gefundene Gesetz in Kraft: die entfernten Bäume erscheinen
kleiner. Wollte man diese Erscheinung darstellen, so würde sich
ergeben, daß +alle wagrechten Linien über der Augenhöhe abwärts,
alle wagrechten Linien unter der Augenhöhe aufwärts zu laufen+ und
sich in einem Punkt zu vereinigen scheinen, der in Augenhöhe liegt.
Dieser Punkt ist der +Fluchtpunkt+. +Senkrechte Linien+ dagegen -- die
Stämme der Bäume z. B. -- erscheinen wohl verkürzt, je weiter sich der
Gegenstand entfernt, +bleiben jedoch immer senkrecht+ (Abb. 41 u. 42).
[Illustration: Abb. 42]
Mit diesen wenigen Gesetzen wäre eigentlich die elementare Perspektive,
soweit sie für die freihändige Wiedergabe der Wirklichkeit in Frage
käme, erschöpft. Schwierigkeiten ergeben sich für den Anfänger
eigentlich nur noch dann, wenn ein Gegenstand »über Eck« steht, d. i.
wenn er dem Anschauer eine Kante und infolgedessen +zwei Seitenflächen+
zuwendet. Dann wird man finden, daß auch +zwei Fluchtpunkte+ anzunehmen
sind und daß +der Fluchtpunkt+ jener Vorderkante +um so näher liegt,
je verkürzter, umso ferner aber, je breiter die Seitenfläche dem Blick
erscheint+ (Abb. 43). Erst wenn es gelungen ist, diese Gesetzmäßigkeit
der Wirklichkeitserscheinungen zu +sehen+ und zu +verstehen+, wird man
daran gehen, sie zeichnerisch darzustellen.
Als +1. Stufe+ wird +die perspektivische Darstellung flächenhafter
Dinge+ zu nennen sein: Geöffnete Fensterflügel, Türen, Briefumschläge,
Hefte, Schachbrett, Bilderrahmen, Reißschiene, Winkel, Münzen,
Schützenscheiben (Abb. 44). Gute Dienste vermögen bei derartigen
Anfangsübungen das genaue +Visieren+ und +Messen+ zu leisten. Das
natürlichste Hilfsmittel hierzu ist der gewöhnliche Bleistift. Manche
Methodiker befürworten eigene Visierrähmchen und Maßstäbchen. Andere
verwerfen jedes Hilfsmittel. Ich bin der Anschauung, daß man im Anfang
sich recht wohl solcher Stützen bedienen kann, daß man jedoch darnach
streben soll, sich möglichst bald von ihnen frei zu machen. Besondere
Schwierigkeiten bereitet dem Anfänger das richtige Halten des Stiftes
oder des Stäbchens. Es soll immer so gehalten werden, daß es -- von
oben gesehen -- parallel zu der Linie steht, die man sich durch beide
Augen gezogen denkt (Abb. 45).
[Illustration: Abb. 43]