Die Engländer James Sully, E. Cooke, Lukens, die Amerikaner Stanley

Hall, William James, Earl Barnes, Maitland, der Franzose Bernard

Pérez, der Italiener Corrado Ricci, die Deutschen Wilh. Preyer,

Siegfr. Lewinstein, Gg. Kerschensteiner, Verworn, Karrenberg, R.

Bürckner u. a. haben in eingehenden experimentellen Untersuchungen

die Entwicklung der +zeichnerischen Begabung+ des Kindes untersucht.

Andere -- es sei nur an den Leipziger Historiker Karl Lamprecht und

an den Philosophen Wilh. Wundt erinnert -- haben ihre Forschungen

ausgedehnt auf die +Völkerpsychologie+, haben die historischen

Zeichnungen früherer Jahrhunderte und die prähistorischen vergangener

Jahrtausende untersucht oder -- wie Th. Koch, Karl Weule, Max Schmidt,

Moszelk, Hoffmann, Emil Stephan -- die Zeichnungen der Naturvölker

-- die zeichnerischen Darstellungen der Neger und der Indianer, der

Eskimos, der Buschmänner und der Südseeinsulaner -- zur Grundlage von

psychologischen Forschungen genommen.

Es ist an und für sich gleichgültig, wie viele +Stufen+ der

zeichnerischen Entwicklung die einzelnen Forscher unterschieden

haben, ob 3 (Sully), 4 (Cooke, Kerschensteiner) oder 6 (Barnes)

-- im allgemeinen hat sich gezeigt, daß der einzelne Mensch der

Gegenwart ebenso wie die Völker der Vergangenheit und die Naturvölker

unserer Tage mit einem Gekritzel beginnen und dann -- wenn wir Wilh.

Wundts Terminologie gebrauchen wollen -- vom idiographischen zum

physiographischen Typus fortschreiten. Mit andern Worten: der einzelne

wie die Gesamtheit eines Volkes zeichnet, nachdem sich die Freude an

der bloßen Bewegung, an dem »Gekritzel« ausgelebt hat, zuerst nach

selbstgebildeten Vorstellungen, nach Ideen, und erst später die Dinge

so, wie sie die Natur uns zeigt. +Das Zeichnen nach der Vorstellung

geht also stets dem Zeichnen nach der Wirklichkeit voraus+ und bildet

darum die natürlichste Unterstufe in der zeichnerischen Entwicklung des

Einzelmenschen wie des Volkes.

Und weiterhin zeigt sich, daß Kinder und Naturvölker zuerst darstellen,

was sie vom Gegenstande +wissen+, daß sie im Anfang nur andeuten, nur

schematisch beschreiben und erst später anschauungsgemäß darstellen.[4]

Der Mensch zeichnet wohl darum zuerst nach der Vorstellung, weil die

Wirklichkeit mit ihrer verwirrenden Mannigfaltigkeit ihm eine solche

Menge von zeichnerischen Problemen vor die Augen führt, daß er sie

unmöglich bewältigen kann. Dabei würde der fortwährende Vergleich mit

dem Gegenstande zeigen, daß die Wiedergabe nicht stimmt, daß irgend

etwas falsch ist, ohne daß es dem Zeichner klar würde, wie der Fehler

eigentlich zu beseitigen wäre.

Anders beim Zeichnen nach der Vorstellung: Das visuelle Vermögen

greift aus dem Chaos der Umgebung irgend etwas heraus und stellt es

gesondert als Erinnerungsbild vor die Seele. Dieses Erinnerungsbild ist

vereinfachter, schematisierter, schablonenmäßiger als die Wirklichkeit.

Darum ist es ganz natürlich, wenn der ungeübte Zeichner in seiner

Verlegenheit, die Wirklichkeit naturgetreu wiederzugeben, nach diesem

Produkt seines visuellen Gedächtnisses greift und seine zeichnerische

Wiedergabe versucht. Die Darstellung erscheint ihm leichter, weil das

Modell einfacher ist. Erst wenn die Fähigkeiten des Sehens und des

Vorstellens sich mehr entwickelt haben, erst dann fällt dem Zeichner

die starke Distanz zwischen der Wirklichkeit und seiner Darstellung

auf. Dann erst empfindet er die Notwendigkeit einer naturgetreueren,

einer anschauungsgemäßeren Darstellung. Dann ist aber auch die Zeit

gekommen, jenes Zeichnen nach der Vorstellung allmählich in ein

Zeichnen nach der Wirklichkeit überzuführen.

Vergleicht man die Forderungen der großen Künstler mit den Resultaten

der gelehrten Forschung, so erscheint es dem flüchtigen Blick, als

bestände eine eigenartige Übereinstimmung zwischen beiden: Dort die

Forderung einer +wissenschaftlichen+ Grundlage, das Verlangen nach

einem Bewußtwerden geometrischer, perspektivischer, optischer und

anatomischer Gesetzmäßigkeiten -- hier die Erscheinung, daß das

Zeichnen von einer Niederschrift des +Gewußten+ zu einer Darstellung

des Erscheinungsgemäßen weiterschreitet. Dem tiefer dringenden Blick

aber zeigt sich, daß sich beide scheinbar analoge Entwicklungsstadien

doch nicht ohne weiteres in Übereinstimmung bringen lassen. Die

zeichnerische Tätigkeit ist eben doch eine zusammengesetztere, als daß

sie sich durch einen oder durch zwei Einteilungsgründe restlos gliedern

ließe.

+Die alte Schule machte den Versuch, den Zeichenunterricht mit

wissenschaftlichem Zeichnen nach der Vorstellung+ -- oder besser:

nach der Vorlage! -- +zu beginnen+. Sie ließ Punkte, Linien,

Striche zeichnen und schritt weiter zu geometrischen Figuren und zu

stereometrischen Körpern, zum Kopieren von Vorlagen und konstruierten

Modellen. Sie vermochte jedoch auf diesem Wege nichts Nennenswertes

zu erreichen. Was sie an Ergebnissen zeitigte, zeigte in der Regel

nur eine Seite der zeichnerischen Bildung: die Erziehung zu korrekter

Strichführung, zur Peinlichkeit und Sauberkeit. Es wurde mehr eine

Art +logischer+ Schulung, dazu eine +Bewegungsgeschicklichkeit+

gewisser Muskeln, Sehnen und Gelenke erzielt, aber keine zeichnerische

Ausbildung im künstlerischen Sinne. +Die apperzeptiven Vorgänge+ --

insbesondere jene, die sich auf Gefühl und Wille beziehen -- +blieben

unbeachtet+. »Die künstlerische Auffassung und innere Verarbeitung des

zu zeichnenden Objektes und der Zeichnung selbst« wurden ausgeschaltet,

da ja die Vorlage beides vorweg nahm und nur zum Kopieren anleitete.

Unbeachtet blieben ferner die visuellen Erinnerungsbilder, da das

Zeichnen nach der Vorlage ihrer nicht bedurfte.

Wer den rechten Weg finden will, der darf sein Augenmerk nicht nur

auf irgendein Teilgebiet der zeichnerischen Tätigkeit richten,

sondern auf die Gesamtheit der genannten Momente. Vor allem ist die

+Darstellungslust+ mit zu berücksichtigen, die jedoch nicht nur von den

Darstellungsweisen allein, sondern auch vom +Inhalte+, vom +Stoff+ der

zeichnerischen Darstellung, bedingt ist. Zu der Frage nach dem rechten

Weg tritt darum als Ergänzungsfrage die nach dem rechten Stoff.

Fünfter Abschnitt.

Der rechte Stoff.

Wollte man -- wie es die alte Schule getan -- mit einem streng

wissenschaftlichen Betrieb den Zeichenunterricht beginnen, wollte

man an den Anfang die Darstellung geometrischer Elemente oder die

exakte Wiedergabe geometrischer Flächen und stereometrischer Körper

stellen oder wollte man gleich mit den Gesetzen der Perspektive, der

Farbenlehre und der Anatomie beginnen, so würde die Darstellungslust

gar bald erlahmen. Denn weder das Kind noch der Naturmensch

verfolgen mit ihrer zeichnerischen Tätigkeit wissenschaftlich

gerichtete Interessen. Die Linie an sich, die geometrische Figur, der

stereometrische Körper sind ihnen gleichgültig.

Wohl arbeiten sie mit Linien und Punkten; aber diese Art der

Darstellung ist im wesentlichen bedingt durch die Art des Werkzeugs

und des Materials, das ihnen zur Verfügung steht: In der Steinzeit

gab man den Umriß mit einem spitzen Feuerstein und füllte die Fläche

mit rotem Ocker, mit Kreide oder mit einer andern durch Fett oder

durch Wasser breiig verrührten Farbe, indem man mit dem Finger die

Fläche innerhalb der Umgrenzungslinie »eindeckte«. Wohl findet man

unter den Darstellungen meist geometrische Figuren: Dreiecke, Rauten,

Kreise, Bandstreifen usw. +Aber die Absicht war nicht, geometrische

Gebilde darzustellen, sondern lebendige Wesen.+ Die Dreiecke auf

Indianerzeichnungen +bedeuteten+ Fledermäuse, die Rauten Bienen usw.

Daß die Darstellung so wenig naturgetreu ausfiel, lag eben in der

tiefen Entwicklungsstufe des Zeichners begründet. Wir sehen eine

Wiederholung dieses Vorgangs bei der zeichnerischen Entwicklung des

Kindes.

»Das Kind vermag erst von einem gewissen Lebensalter an, etwa dem 10.

Jahre an,« schreibt Johannes Kretzschmar in einem Artikel über »die

freie Kinderzeichnung in der wissenschaftlichen Forschung«[5], »zum

physiographischen Typus überzugehen, weil es in eben diesem Alter

auf einen bestimmten Grad der +seelischen+ Entwicklung gelangt, zum

Stadium der Normierungsfähigkeit. Es zeichnet vorher ideographisch,

weil es noch auf dem psychischen Standpunkt des Assoziationsmechanismus

steht; es richtet seine Aufmerksamkeit nur auf den Inhalt, nicht auf

die Form der zeichnerischen Darstellung, weil seine Phantasie die

Beobachtungsfähigkeit beeinträchtigt und keine Rücksicht nimmt auf den

Unterschied zwischen Schein und Wirklichkeit.«

Kinder wollen zunächst zeichnen, was ihnen der Darstellung wert

erscheint: das Lebendige, das Bewegte, das Auffallende -- nicht

geometrische Elementarformen, nicht inhaltlose Abstraktionen. Nach

den Resultaten der gelehrten Forschung bringen 75% der freien

Kinderzeichnungen die menschliche Gestalt. Dann folgen Tiere, Häuser,

Bäume, sowie Gegenstände, die in irgendein Gefühlsverhältnis zum Kinde

treten: Waffen, Weihnachtsgeschenke, Luftschiffe, Eisenbahnen u. ä.

Für +perspektivische Gesetzmäßigkeit+ fehlt im Anfang noch alles

Verständnis. Wir wissen: die perspektivische Darstellung in der Kunst

ist das Produkt einer jahrtausendelangen Entwicklung. Ägypter und

Griechen gaben die Tiefe noch durch die Höhe. Sie zeichneten entfernte

Gegenstände über die näher gerückten. Wir wissen: auch die Entwicklung

des +farbigen+ Sehens brauchte Jahrtausende, ehe es die heutige Höhe

erreichte. Noch Dürer und seine Zeitgenossen gaben die Farben in einer

konventionellen Art, die in der Gegenwart überholt ist.

Die Forderung unserer großen Künstler -- eine wissenschaftliche

Grundlage durch Vermittlung geometrischer, perspektivischer, optischer

und anatomischer Erfahrungen und Einsichten zu geben -- bleibt wohl

zu Recht bestehen; sie erfährt jedoch durch die Ergebnisse der

psychologischen Forschung eine Verrückung ihres Grundlagencharakters:

Sie wird nicht mehr an den Anfang aller zeichnerischen Betätigung zu

stellen sein, sondern erst da einsetzen, wo es sich um die +Erlernung

einer anschauungsgemäßen Darstellung+ handelt, wo das Zeichnen nach der

Natur, nach der Wirklichkeit, auftritt. Erst dann, wenn das Kind --

wie Kretzschmar es ausdrückt -- fähig ist, »zum physiographischen Typ

überzugehen«.

Dem Zeichnen nach der Wirklichkeit aber wird eine +Vorstufe+ den

Erfolg sichern müssen: eine Vorstufe, auf der jene +Darstellungslust+

sich ausleben kann, indem sie alles in ihren Bereich einschließt,

was überhaupt zu zeichnerischer Darstellung reizt. Nicht um streng

wissenschaftliches Zeichnen, auch nicht um anschauungsgemäße

Darstellungen wird es sich auf dieser Vorstufe handeln, sondern

um ein Zeichnen nach +psychologischen+ Grundsätzen. Aber in diesen

schematischen Zeichnungen wird doch enthalten sein, was Pestalozzi ein

»ABC der Anschauung« nennt.

II. Praxis.

Sechster Abschnitt.

Die Vorstufe.

Es ist nicht meine Absicht, in folgendem eine Methode des

Zeichenunterrichts ausführlich darzustellen oder Zeichnen in

irgendeiner Schulgattung als Unterrichtsfach und als Unterrichtsprinzip

eingehend zu schildern und zu veranschaulichen. Das Ziel, das ich in

diesem Büchlein verfolge, ist ein andres. Es soll hier an einigen

Beispielen gezeigt werden, wie jeder, der keinen lebendigen Lehrmeister

zur Seite hat, doch durch Selbsttätigkeit und durch selbständige

Versuche sich nach und nach auf autodidaktischem Wege erwerben kann,

was ein gebildeter Mensch heutzutage an zeichnerischem Wissen und

Können braucht.

Besonders den Lehrern von heute wird es erwünscht sein, wenn ihnen

Gelegenheit geboten wird, die Zeichenfertigkeit, die sie sich während

ihrer Bildungsjahre holten und die den neuen Anforderungen nicht mehr

genügt, zu vervollkommnen. Was in folgendem geraten und geboten wird,

ist wahrscheinlich wesentlich andrer Art als der Zeichenunterricht der

alten Schule. Ich selbst ging zwar durch diese alte Schule hindurch;

aber was ich mir an zeichnerischer Bildung dort holte, hatte für mich

wenig Lebenswert. Was mir vonnöten war, mußte ich mir auf eigne Faust

zusammensuchen. Dabei entstand für mich selbst ein eigner Lehrgang,

der mit jenem der alten Schule nicht zusammenstimmte, der jedoch --

wenn ich ihn an den im vorausgehenden aufgestellten theoretischen

Forderungen messe -- in der Hauptsache den neuzeitlichen Grundsätzen

entspricht.

Meine Ausführungen werden wohl Ähnlichkeit mit denen haben, die

ich in meiner Methodik des Zeichenunterrichts[6] darlegte; denn

die verschiedenen Entwicklungsstufen der zeichnerischen Begabung

sind im Grunde dieselben, einerlei, ob es sich um Kinder oder um

Erwachsene handelt. Wie es Völker gibt, die auf einer bestimmten

Stufe stehen bleiben und es nie zur erscheinungsgemäßen oder gar zur

raumgemäßen Darstellung bringen, so gibt es auch unter den erwachsenen

Einzelmenschen in Deutschland eine Unmenge, die in ihrer zeichnerischen

Entwicklung noch auf der Stufe des Schemas, wie wir sie bei normalen

6--8jährigen Kindern finden, stehen und zeitlebens auf dieser Stufe

verharren, trotzdem sie in ihrer Jugend jahrelang den Zeichenunterricht

der alten Schule genossen haben. Ich werde also auch in meinen

Darlegungen bei jener untersten Stufe beginnen müssen. Da ich mich

jedoch an geistig reife Menschen wende, werden Ausgestaltung und Tempo

meines Lehrgangs doch andres Gepräge tragen müssen als die Lehrgänge

eines streng geregelten Schulunterrichts.

[Illustration: Abb. 7]

Ich denke mir also einen Schüler, der geistig so reif ist, daß er

mittels eines Buches sein eigner Lehrer werden kann. Oder einen Lehrer,

der wissenschaftlich auf der Höhe steht, im Zeichnen aber noch auf

der Entwicklungsstufe eines Naturmenschen verbleiben mußte, da ihm

seinerzeit nicht die rechte Anleitung zuteil wurde. Einen Lehrer also,

der durch Zuhilfenahme dieses Büchleins sein eigner Schüler werden

soll. Womit sollen derartige Kunstbeflissene auf der +Vorstufe+, um

die es sich zunächst handelt, die zeichnerische Darstellungslust

befriedigen?

»Die Beziehung zum originalen Vorbild ist gerade das, was dem Indianer

die Freude an der Zeichenkunst gibt. Es macht ihm Spaß, daß er mit

wenigen Strichen einen Fisch zeichnen kann.«

So schreibt Karl von den Steinen in seinem Buche »Unter den

Naturvölkern«, wo er von der Ornamentik der Bakairi berichtet. Ich

bin der Anschauung, daß mit dieser Freude an der verhältnismäßig

leichten Art der charakteristischen Darstellung eines bekannten Objekts

der Zeichenunterricht beginnen müßte. Es wird sich darum zunächst

um jene Ausdrucksmittel und Darstellungsweisen handeln, die es auch

dem zeichnerisch Ungeschulten ermöglichen, mit wenig Strichen etwas

Konkretes -- am besten etwas Lebendiges oder doch Gefühlsbetontes,

nicht eine geometrische Abstraktion -- wiederzugeben.

Vor kurzem saß ich einmal mit einem ehemaligen Studienfreunde

zusammen, der seit Abgang von der Lehrerbildungsanstalt nichts mehr

gezeichnet hatte. Von all den vielen damaligen »Errungenschaften«

des Zeichenunterrichts war ihm nichts geblieben. Nur was uns einmal

der Lehrer für Rechenmethodik an der Tafel veranschaulicht hatte,

die charakteristische Darstellung eines Apfels mit einem einzigen

Linienzug, das konnte er noch, das allein hatte er in seinem

Lehrerdasein praktisch verwenden können (Abb. 7). Dieser Apfel

hatte ihm dieselbe Freude bereitet, wie sie der Indianer bei der

schematischen Darstellung seines Fisches empfand, und er hatte die

Leistung durch zwei Jahrzehnte hindurch herübergerettet in seine

Mannesjahre als einziges zeichnerisches Kunststücklein, dessen

Vorführung nicht zu mißglücken pflegte.

[Illustration: Abb. 8]

Das Erlebnis erinnerte mich zugleich lebhaft an das »einzige

zeichnerische Kunststücklein«, das meine Großmutter sich ins

Greisenalter mitgenommen hatte und das sie seinerzeit uns Kindern immer

wieder vorführte, so oft wir baten, sie möchte uns etwas »malen«.

Der Stoff war wohl etwas schwieriger zu bewältigen -- es handelte

sich um die Darstellung eines Storches -- im Prinzip aber war die

Sache dieselbe wie die eben erwähnte: mit wenigen Strichen wurde eine

charakteristische Lebensform wiedergegeben.

Die Großmutter pflegte dabei folgendes zu erzählen: »Es war einmal

ein Mann. Der hatte einen hübschen Teich. Darin schwammen große und

kleine Fische herum (Abb. 8 ~a~). Der Mann aber hatte sich in der Nähe

ein Häuslein bauen lassen und schaute jeden Tag zum Fenster hinaus

auf seinen Teich hinab, wo die vielen Fische herumschwammen (Abb. 8

~b~). Später ließ er sich sogar einen schönen breiten Weg bauen (Abb.

8 ~c~). Darauf ging er jeden Tag hinunter ans Wasser und freute sich

seines Besitzes. Am Abend aber ging er zufrieden wieder nach Hause.

Sechs Spitzbuben aber (Abb. 8 ~d~) lauerten auf der andern Seite des

Teiches, und in der Nacht schlichen sie auf schmalen Pfaden heran

(Abb. 8 ~e~) und fingen dem Mann die Fische weg. Als dieser es merkte,

wurde er zornig und schrie in seiner Wut: »Da möcht man ja gleich ein

Storch werden!« Kaum hatte er den Wunsch ausgesprochen, da war er auch

schon erfüllt (Abb. 8 ~f~): er war ein richtiger Storch geworden«

-- und die Großmutter hielt uns zu allgemeinem Ergötzen das fertige

Storchenschema, das während der Erzählung entstanden war, vor die Augen.

[Illustration: Abb. 9]

Ähnlicher Art pflegen in der Regel die zeichnerischen Leistungen zu

sein, die der erwachsene Mensch sich handbereit zu erhalten vermag und

mit denen er unter Umständen sein zeichnerisches Laientum oder seine

absolute Unfähigkeit zu widerlegen strebt.

[Illustration: Abb. 10]

Soll ihm nun die eigne Fortbildung Spaß bereiten, so wird es darauf

ankommen, ihm noch mehr derartige Formen zu zeigen, die er sich

rasch aneignen kann und deren Beherrschung die eigene Erfindungsgabe

anzuregen vermögen. Vor allem Lebewesen, deren charakteristische

Erscheinungsformen sich leicht darstellen lassen. Ohne Rücksicht

auf die Gesetze der Perspektive. Die Zeichnungen der Kinder wie der

Naturvölker zeigen zunächst flächenhafte Formen; denn es wäre verfrüht,

auf einer niedern Entwicklungsstufe die Darstellungsweisen einer

höhern Staffel mitzuteilen. Wir werden darum gleich den Künstlern der

Stein- und Bronzezeit, gleich den Ägyptern, gleich den Mönchen des

Mittelalters auf dieser Vorstufe die Tiefe unberücksichtigt lassen

und nur flächenhaft gestalten. Verkürzungen, schwierige Probleme der

Überschneidung, alle Beleuchtungserscheinungen werden auf dieser Stufe

ausgeschaltet bleiben. Wir werden uns nur bemühen, mit den einfachsten

Mitteln ein charakteristisches Abbild irgendeines Objektes aus der

Vorstellung wiederzugeben.

[Illustration: Abb. 11]

Dabei werden freilich alle die verschiedenen geometrischen Elemente,

alles, was Pestalozzi sein »ABC der Anschauung« nennt -- »die

horizontalen, perpendikularen und schrägen Linien, der rechte,

der spitze und der stumpfe Winkel, das gleichseitige Viereck, das

Rechteck, die gebogene Linie, der Kreis, das Oval, der Halbkreis,

der Viertelskreis, das halbe Oval« usw. -- mit zur Darstellung

kommen, aber -- +und hierin liegt der grundlegende Unterschied --

nicht als geometrische Abstraktion, sondern als charakteristische

Darstellungsweise einer konkreten Lebensform+.

[Illustration: Abb. 12]

Nicht darum handelt es sich -- wie manche Methodiker es taten und wie

ich es an anderer Stelle verwerfend kritisierte[7] -- aus geometrischen

Grundformen schwierige Naturformen unnatürlich zu konstruieren, sondern

darum, Lebensformen auf einfachste Weise aus dem visuellen Gedächtnis

heraus zeichnerisch zu charakterisieren.

[Illustration: Abb. 13]

[Illustration: Abb. 14]

[Illustration: Abb. 15]

Ein paar Beispiele mögen kennzeichnen, wie ich mir die Sache denke:

Abb. 9 gibt Lebewesen -- Katzen, Hasen, Vögel -- die mit einfachen

Kreisen, Ovalen usw. charakterisiert werden können.

Abb. 10 zeigt einige Baumformen in primitivster Bleistifttechnik.

Oder man suche nach Objekten, deren natürliche Erscheinung an

zeichnerische Elementarformen erinnert, und versuche z. B. aus

dem Halbkreis -- Abb. 11 -- oder aus der Spirale -- Abb. 12 --

charakteristische Lebensformen zu gestalten.

Derartige Beispiele lassen sich leicht verdutzendfachen und geben

der Selbsttätigkeit immer neue Anregung -- Abb. 13. Eine besonders

zu empfehlende Übung ist die Darstellung des bewegten Menschen in

einfacher schematischer Art -- Abb. 14 u. 15.

[Illustration: Abb. 16]

[Illustration: Abb. 17]

[Illustration: Abb. 18]

Für die Übung senkrechter und wagrechter Linien eignen sich Bäume,

Gartenzäune u. a. Abb. 16.

Ist man endlich so weit, daß man Tier- und Menschenformen in

schematischer Darstellung wiederzugeben vermag, so versuche man

kleinere Szenen -- Abb. 17 u. 18 -- wie ja schon das vorschulpflichtige

Kind seine Freude an derartigen phantasiemäßig geschauten Bildchen

hat und immer wieder neue Lust aus ihrem Gelingen schöpft. Darauf

aber kommt es auf dieser Stufe vor allem an; denn nur +fleißige Übung+

vermag die Kräfte zu wecken und die Geschicklichkeiten zu entwickeln,

die nötig sind, das im folgenden Geforderte zu erreichen.

Es handelt sich bei derartigen Versuchen nicht darum, irgendeine

Erscheinung vollkommen erscheinungsgetreu wiederzugeben; es kommt

vielmehr darauf an, das Bild oder das Schema, das unsere +Erinnerung+

von irgendeinem Ding der Außenwelt in der Seele festgehalten hat,

in charakteristischer, technisch einfachster Art darzustellen. Der

zeichnerische Stoff ist auf dieser Stufe noch unbegrenzt. Alles ist

darstellbar: die ganze Welt der Erscheinungen, der leblosen wie

der belebten. Man sollte sich seine Darstellungsfreude nicht durch

anfängliches Mißlingen verderben lassen. Es ist auch gar nicht nötig,

alle Formen dieser Vorstufe aus sich zu schöpfen. Findet man irgendwo

-- in einer illustrierten Zeitschrift oder auf einem Plakat -- eine

stark vereinfachte, charakteristische Darstellung, so betrachte man sie

aufmerksam, präge ihre Formen dem Gedächtnisse ein und versuche sie

+aus der Erinnerung+ wiederzugeben.

Zwei Ziele sind es, die es auf dieser Stufe zu erreichen gilt: erstens

die Auffassung einzelner Objekte und bestimmter Szenen +als Ganzes+;

denn derartige schematische Grundlagen werden auch auf höherer Stufe

beim Entwurf Grundlage für die erscheinungsgetreue Darstellung werden

können. Der andere Grund aber bezieht sich auf die Gewinnung einer

gewissen +technischen Fertigkeit+. Nur durch beständige Übung wird

die Hand nach und nach gefügiger werden, dem Willen des Zeichners

zu gehorchen. Die verschiedenen +Elementarformen+ aber, auf deren

Vermittlung man früher soviel Zeit verwandte, werden hier unbewußt, wie

im Spiele, miterlernt und zur Darstellung gebracht -- ein Nebengewinn,

der keineswegs zu unterschätzen ist.

Siebenter Abschnitt.

Die anschauungsgemäße Darstellung.

~A.~ Flächenhafte Darstellung.

In Wirklichkeit existieren nur Körper. Flächen, gelöst von Körpern,

sind Gedankendinge. Und doch soll jede zeichnerische Darstellung

auf einer Fläche erfolgen, also flächenhaften Charakter tragen.

Am leichtesten sind für den perspektivisch Ungeschulten im Anfang

darum solche Gegenstände darzustellen, die eine geringe Dicke oder

Tiefe haben, so daß durch flächenhafte Wiedergabe ihre Erscheinung

hinreichend charakterisiert wird.

[Illustration: Abb. 19]

Es wird sich also, sobald auf jener Vorstufe die elementarsten

zeichnerischen Kenntnisse und Geschicklichkeiten erworben wurden, darum

handeln, unter den wirklich vorführbaren Gegenständen jene auszuwählen,

die eine geringe Dicke besitzen, also flächenhaften Charakter tragen

und sich darum am besten flächenhaft wiedergeben lassen. Beim Zeichnen

nach der Wirklichkeit wäre als

+1. Stufe die flächenhafte Wiedergabe flächenhafter Dinge zu nennen+.

Es existiert eine ganze Reihe von derartigen Objekten, und jeder

moderne Zeichenlehrplan weiß sie zu nennen: Blattformen, Schilde,

Brillengläser, Spiegel, Bilderrahmen, Schiefertafel, Heft,

Briefumschlag, Türe, Fenster, Papierdrachen, Schere; unter den Tieren

Schmetterlinge, Fische u. a.

[Illustration: Abb. 20]

Der Weg zur Zeichenkunst Ein Büchlein für theoretische und praktische Selbstbildung · 第 3 / 7 段