Eine besondere Rolle spielt im modernen Zeichenunterricht das +Zeichnen

nach dem Gedächtnis+, nach der Phantasie. Der alte Kurs kannte es

nicht. Da war die zeichnerische Darstellung streng geregelt durch

die Vorlage oder durch das Modell. Eine möglichst getreue Kopie galt

als beste Leistung. Jede Abweichung vom Vorbild wurde als Fehler

gebrandmarkt. Durch diesen beständigen Zwang zum bloßen Kopieren,

durch die Unmöglichkeit, eigene Erinnerungsbilder zeichnerisch zum

Ausdruck zu bringen, blieben die gestaltenden Kräfte ohne Übung.

Ein Unterricht, der auf freie Selbsttätigkeit hinzielt, darf nicht

nur sklavische Nachahmung verlangen, sondern muß entbinden, was an

Darstellungskraft und -lust im werdenden Menschen lebt und webt. Er

muß das Zeichnen aus der Vorstellung heraus als gleichberechtigt

neben dem Zeichnen nach der Wirklichkeit, nach der Natur, nach dem

Gegenständlichen gelten lassen.

Auch der neuzeitliche Zeichenunterricht kennt +Vorbilder+. Aber es

sind nicht mehr die Vorlagen der alten Schule mit ihren geometrischen

Vielecken und Rosetten, ihren Mäandern und Palmetten und sonstigen

ornamentalen Stilformen, sondern Bilder wirklicher Meister. Welche

Bedeutung die +künstlerische Bildbetrachtung+ für die Entwicklung des

Kunstverständnisses und Kunstgenusses haben kann, das hat vor allem

+Lichtwark+ in seinen »Übungen in der Betrachtung von Kunstwerken« zur

Darstellung gebracht. Einen Reichtum an +künstlerischem Wandschmuck+

haben einige Verlagsfirmen -- es sei nur an Teubner und an Voigtländer

erinnert -- geschaffen. Das moderne +Schulhaus+ hat einen neuen

Stil gewonnen. Kinderbilderbücher, Lesebücher, ja die gewöhnlichen

Gebrauchsgegenstände haben in der Ausstattung eine künstlerische

Läuterung erfahren, so daß nun auch bei uns in Deutschland in der

Tat eine neue »Ausdruckskultur« Geltung zu gewinnen scheint, in der

besonders der sichtbare Ausdruck und innerhalb seines Bereichs die

zeichnerische Darstellung eine höhere Bedeutung erhalten soll.

Bevor wir nun nach diesem geschichtlichen Rückblick uns fragen, was

an dem Alten und was an dem Neuen gesund und stark, berechtigt und

verfehlt genannt werden muß, werden wir gut daran tun, erst einmal die

+Natur des Zeichnens+ selbst einer näheren Betrachtung zu unterziehen,

nachdem der erste Abschnitt sich mehr mit der Bedeutung der

zeichnerischen Tätigkeit für die zu entwickelnde +Natur des Menschen+

befaßte. Denn nur aus beiden Erwägungen -- aus den künstlerischen wie

aus den psychologischen -- läßt sich der rechte Weg erschließen.

Dritter Abschnitt.

Die zeichnerischen Darstellungsweisen.

Man kann sich einig sein über den mannigfachen Wert einer Wissenschaft

oder einer Kunst. Man kann ihre Pflege in den Schulen für eine

dringende Notwendigkeit erklären, und man kann doch rat- und tatlos

dastehen, sobald es sich um die praktische Durchführung handelt. Aus

dem einfachen Grunde, +weil es an Kräften fehlt, die jene Wissenschaft

oder Kunst in rechter Weise vermitteln+. Mit der obligatorischen

Einführung des Zeichenunterrichts in den allgemein bildenden Schulen,

mit der detaillierten Aufstellung eines Lehrplans und bestimmter

methodischer Grundsätze ist noch wenig erreicht. Die Hauptsache ist und

bleibt -- wie überall im Unterricht so auch hier -- +der Lehrer selbst+.

Nun hat die deutsche Lehrerschaft wohl den besten Willen, zu leisten

und durchzuführen, was sie selbst als besser und fortschrittlicher

einsehen gelernt hat; aber ihre eigene Ausbildung verlief vielfach in

Bahnen, die unserer Zeit als Irrwege gelten. Die Mehrzahl der heute an

öffentlichen Schulen tätigen Lehrer wurde während ihrer Studienjahre

zeichnerisch verbildet. Durch die Stuhlmannsche Methode oder durch

jahrelanges Kopieren Weishauptscher oder Herdtlescher Vorlagewerke

wurden Kraft und Lust zu freier Gestaltung, ja die Freude am ganzen

Fache so gründlich ausgetrieben, daß man sich später scheute, die

alte Plage zu erneuern. Man ließ -- ohne es zu ahnen -- eines der

wirksamsten didaktischen Hilfsmittel ungenützt zur Seite liegen und

half sich auf andre Weise durch. Man verlor zuletzt den Glauben

an die eigene Fähigkeit -- trotz des »Seminareinsers«. Man stand

bewundernd und bedauernd vor dem Schüler, der aus eignem Antrieb

heraus zu zeichnen begann, und wußte weder ihm noch sich selbst zu

helfen. Man kaufte sich diesen oder jenen modernen Lehrgang; zu einem

rechten Verarbeiten aber wollte es nicht kommen. Irgendeinen Kursus zu

besuchen, war nicht jedermann möglich. Und selbst wer so glücklich war,

fand in der Regel in diesen fachmännisch geleiteten Kursen nicht das,

was gerade er +für seine Schularbeit+ suchte und brauchte. Der Betrieb

gestaltete sich fast ausschließlich nach der Natur des Faches und nahm

zu wenig oder gar keine Rücksicht auf die Natur des Kindes. Beides aber

muß in Einklang gebracht werden. Ist dies möglich?

Zeichnen ist ein künstlerisches Fach, ein Zweig der bildenden Kunst.

Zeichnen entnimmt seine Gesetze dem Reiche der Kunst. Wer sich klar

darüber werden will, welcher Art diese Normen sind, der muß die

Wissenschaft der Kunst, die Ästhetik, zu Rate ziehen. Wie überall in

didaktischen Fragen, so offenbart sich auch hier der pädagogische

Grundwissenschaftscharakter dieser philosophischen Disziplin.

Der bildende Künstler will die Welt des Sichtbaren mit sichtbaren

Ausdrucksmitteln wiedergeben. Die Welt des Sichtbaren besteht -- real

genommen -- eigentlich nur aus Körpern. Linien, Flächen, Farben und

Lichter sind Abstraktionen, die in Wirklichkeit gar nicht für sich

vorkommen können, sondern nur an Körpern. Der dünnste Seidenfaden ist

ein Körper, keine Linie. Der feinste Papierbogen hat Länge, Breite,

Dicke, ist also ein dreidimensionales Gebilde. Der kleinste Punkt, den

wir mit dem Stift oder mit der Kreide zu geben suchen, ist körperhafter

Natur.

Die der Natur selbst am meisten analoge Wiedergabe der sichtbaren Welt

ist darum die +plastische+ Gestaltung, die körperhafte Nachbildung, wie

sie der Bildhauer versucht. Wenn der Plastiker einen Menschen -- eine

Bismarckstatue z. B. -- modelliert, so tut er dasselbe, was nach der

biblischen Darstellung der Schöpfer bei Herstellung des ersten Menschen

getan haben soll: er formt und knetet aus bildsamer Masse einen

menschlichen +Körper+ und haucht ihm -- biblisch gesprochen -- mittels

seiner Kunst eine menschliche Seele ein.

Dem Maler und dem Zeichner aber erwächst eine andere Aufgabe. Sie

gestalten zwar auch Körperliches, weil die Außenwelt, die sie

nachbilden, nur Körperliches bietet; aber sie haben bei ihrer

Gestaltungsarbeit nicht drei, sondern +nur zwei Dimensionen+ zur

Verfügung. Vor dem Zeichner liegt nur eine Fläche -- eine Tafel, ein

Papier oder eine Leinwand -- und auf diesem zweidimensionalen Gebilde

soll er die dreidimensionale Außenwelt wiedergeben. Das Papier,

die Leinwand haben wohl auch eine Dicke -- eben weil es Dinge der

Außenwelt, also Körper, sind -- aber diese dritte Dimension kommt für

den Künstler nicht in Betracht. Er kann nur mit der ihm zugewandten

Fläche rechnen. Er weiß: da draußen ist ein Ding, das Länge, Breite

und Dicke hat, und hier ist eine Fläche, die mir nur Länge und Breite

zur Verfügung stellt. Und doch soll er Wirklichkeit nachbilden. Jenes

körperliche Gebilde soll flächenhaft wiedergegeben werden. Diese

Aufgabe stellt ihn vor ein Problem. Auf doppelte Weise kann sich die

Lösung vollziehen. Ein Beispiel möge es erläutern:

Nehmen wir an, eine +Zündholzschachtel+ soll dargestellt werden. Wir

wissen: die Schachtel hat sechs Flächen, von denen je zwei einander

gleich sind. Es müßten also nur drei Flächen gezeichnet werden, aber in

welcher Weise? Schauen wir von oben auf die Schachtel, so sehen wir die

größte (Abb. 1 ~a~), bei einer Vierteldrehung die mittlere (Abb. 1 ~b~)

oder die kleinste (Abb. 1 ~c~) Fläche. Wir können die drei Flächen mit

genauer Angabe ihrer Größe zeichnerisch darstellen (Abb. 1 ~a~, ~b~,

~c~) -- ein rechtes Bild der Schachtel aber würden wir auf diese Art

nicht erhalten. Es fehlt der Zusammenhang.

Wir könnten versuchen, diesen Zusammenhang dadurch zu erzielen, daß wir

+alle+ Flächen in ihrer +Verbindung+ darstellen: die Schachtelhülse

mit ihren vier (Abb. 2) und die innere Schachtel mit ihren fünf (Abb.

3) Flächen. Wir könnten, indem wir die neun Flächen mit der Schere

ausschnitten und entsprechend zusammenklebten, sogar das Modell einer

Zündholzschachtel aus Papier darstellen. Aber das wäre im Grunde

genommen doch nur eine +plastische+, keine zeichnerische Gestaltung.

[Illustration: Abb. 1]

[Illustration: Abb. 2]

[Illustration: Abb. 3]

[Illustration: Abb. 4]

Die rechte +zeichnerische+ Darstellung käme erst zustande, wenn jene

drei doppelt vorhandenen Flächen in ihrem +Zusammenhang+ als Grundriß,

Aufriß, Seitenansicht durch eine bestimmte Lagerung entsprechend

gekennzeichnet würden. Etwa folgendermaßen: (Abb. 4). Auf diese Weise

bekämen wir +eine wissenschaftliche Skizze+. Sie zeigt uns, wie der

Körper +in Wirklichkeit ist+. Aber nur ein für zeichnerische Projektion

geschultes Auge wird diese Darstellung richtig deuten können. Denn

die Zündholzschachtel +sieht+ in Wahrheit gar +nicht so aus+. Wir

haben in Abb. 4 immer nur Rechtecke vor uns, nur Flächenbilder, nicht

Körperbilder. Es wird zwar wiedergegeben, wie die Schachtel nach ihren

verschiedenen Ausdehnungen ist, aber nicht, wie sie dem menschlichen

Auge +erscheint+. Soll dieser +Augeneindruck+ wiedergegeben werden, so

muß ein anderer Weg eingeschlagen werden. Zu den dargestellten Flächen

muß die Dicke des Körpers treten -- seine +Tiefe+ muß +vorgetäuscht+

werden. Die Außenwelt muß so dargestellt werden, +wie sie sich auf der

Netzhaut des Auges projiziert+.

Das ist das Eigenartige in der Welt des Sichtbaren: wohl gibt es

draußen in der Außenwelt nur Körper; aber in unsrer Innenwelt, auf

der Netzhaut des menschlichen Auges, finden sich nur Flächen, nur

zweidimensionale Bilder einer dreidimensionalen Wirklichkeit. Auch

das Papier, auch die Leinwand sind Flächen, analog der Augennetzhaut.

Es handelt sich also darum, das +körperhaft+ wirkende Bild auf der

Netzhaut+fläche+ so auf der Papier+fläche+ wiederzugeben, daß es auch

hier +körperhaften+ Eindruck im Betrachter erwecken kann.

[Illustration: Abb. 5]

[Illustration: Abb. 6]

Stellen wir jene Zündholzschachtel derart, daß sie uns eine ihrer

senkrechten Kanten zukehrt, so sehen wir die Hälfte ihrer sechs

Flächen: von je zwei gleichgroßen und gleichgestaltigen Flächen

eine. Eine Wiedergabe dieser drei Flächen müßte also das rechte

Wirklichkeits+bild+ ergeben, sofern wir so darstellen, wie die Flächen

unserm Auge +erscheinen+. Bei näherem Zusehen wird sich nämlich zeigen,

daß besonders zwei Flächen von der Rechteckfigur stark abweichen.

Wir könnten versuchen, diese Umwandlung durch Rauten oder Rhomboide

auszudrücken, wie es die sogen. +Parallelperspektive+ tut (Abb. 5 ~a~

u. ~b~). Allein auch diese Darstellung würde der Erscheinung nicht

gerecht werden. In Wahrheit +erscheint+ keine Fläche mehr als Rechteck,

keine als Raute und keine als Rhomboid. Es sind vielmehr Vierecke, bei

denen keine Seite mehr der andern gleich ist, bei denen kein Winkel

mehr mit dem gegenüberliegenden übereinstimmt (Abb. 6).

Die Gesetze der +Perspektive+ werden in ihre Rechte eintreten und

Berücksichtigung fordern. Wir werden ferner finden, daß die eine Fläche

heller, die andre dunkler erscheint, daß Farben und Schlagschatten zu

sehen sind und was der Belichtungserscheinungen sonst noch sein mögen.

Das auf diese Art entstandene Bild ist grundsätzlich verschieden

von jener wissenschaftlichen Skizze, die der denkende Verstand

konstruierte. Handelte es sich dort um eine Wiedergabe des wirklich

Existierenden, so finden wir hier eine Wiedergabe der sichtbaren

Erscheinung. Im Gegensatz zu jener +wissenschaftlichen+ Darstellung

haben wir es hier mit einer +künstlerischen+ zu tun. Diese beiden

Darstellungsweisen muß der Zeichner scharf auseinanderhalten.

Beide haben ihre Berechtigung; aber beide verfolgen durchaus

verschiedene Zwecke. Beide können einander unterstützen. Über beide

Darstellungsweisen muß sich klar sein, wer die Welt des sichtbaren

mit zeichnerischen Mitteln wiedergeben möchte. In beiden muß darum

unterrichtet werden, wo Zeichnen gelehrt werden soll.

Noch ein zweiter Unterschied muß dem Zeichner klar geworden sein:

der zwischen dem Zeichnen +nach der Vorstellung+ und dem Zeichnen

+nach der Wirklichkeit+. Die alte Schule kannte -- wie wir sahen --

eigentlich keines von beiden; denn sie betrieb den Zeichenunterricht

fast ausschließlich nach Vorlagen und nach Modellen, die eigens für den

Zeichenunterricht präpariert wurden: nach geometrischen Vollkörpern,

nach Stabmodellen und nach Gipsabgüssen. Die Reformer verwarfen diese

Hilfsmittel und forderten ein Zeichnen nach der Natur und ein Zeichnen

nach dem Gedächtnis oder nach der Phantasie.

Bei näherem Zuschauen erweist sich allerdings der Unterschied

zwischen dem Zeichnen nach der Vorstellung und dem Zeichnen nach der

Wirklichkeit nur als gradueller, nicht als wesentlicher; denn jedes

Zeichnen nach der Vorstellung ist zugleich ein Zeichnen nach der

Wirklichkeit, ist doch nach einem alten Spruch nichts im Verstande,

was nicht vorher in den Sinnen war. Alles -- auch was wir aus dem

Gedächtnis, aus der Erinnerung, aus der Phantasie heraus zeichnen

-- muß vorher -- wenigstens in den Elementen -- wirklich gesehen

worden sein. Umgekehrt ist jedes Zeichnen nach der Wirklichkeit auch

zugleich ein Zeichnen nach der Vorstellung; denn kein Zeichner, auch

wenn er noch so sehr darnach strebt, nur wiederzugeben, was ihm die

Wirklichkeit zeigt, gibt reine, volle Wirklichkeit, sondern nur

Ausschnitte, irgendein Etwas, worauf sein Interesse eingestellt war.

Und jeder gibt diesen Ausschnitt nur so, wie er in seiner Seele sich

ein Bild, eine Vorstellung davon geschaffen hat. Wenn zehn Maler

dieselbe Landschaft zeichnen, so werden nicht zehn gleiche, sondern

zehn verschiedene Bilder entstehen, und ein geschultes Auge wird --

sofern es sich um bekannte Künstler handelt -- auf den ersten Blick

die Schöpfer der einzelnen Bilder erkennen können; denn jeder wählte

anders aus, jeder vereinfachte und charakterisierte auf seine eigene

Art. Die Persönlichkeit wandelt das Wirklichkeitsbild um. Keiner gibt

die Wirklichkeit objektiv wieder, sondern nur, was von ihr in seiner

Vorstellung lebte.

Wenn der Zeichner auch bei jedem Strich, den er zu Papier bringt,

vorher die Wirklichkeit anschaut, im Moment der Niederschrift ist doch

der Blick auf den Strich gerichtet, der darum unmittelbar durch die

Vorstellung und nur mittelbar durch die Wirklichkeit dirigiert wird.

Das gleiche ist jedoch auch beim Zeichnen nach der Vorstellung der

Fall. Der ganze Unterschied ist also nur darin zu suchen, daß +die

zeitliche Differenz+ zwischen dem Betrachten der Wirklichkeit und der

graphischen Darstellung beim Zeichnen nach der Vorstellung eine große,

beim Zeichnen nach der Wirklichkeit eine kleine ist.

Beide Arten haben ihre Berechtigung; in beiden Weisen werden wir uns

üben müssen, wenn wir zeichnerische Schulung anstreben. Es fragt sich

nun nach diesen mehr theoretisch gehaltenen Erwägungen, welchen Weg wir

in der Praxis am besten einschlagen, um den verschiedenen Forderungen

entsprechen und um möglichst rasch und möglichst sicher dem erstrebten

Ziele nahe kommen zu können.

Vierter Abschnitt.

Der rechte Weg.

Wir haben vier Arten der zeichnerischen Darstellung unterschieden:

die wissenschaftliche und die künstlerische Zeichnung, das Zeichnen

nach der Vorstellung und nach der Wirklichkeit. Jede dieser vier Arten

soll gepflegt werden. Es fragt sich jedoch: womit beginnen? Welche

Darstellungsweise ist die leichtere? Welche kann zur Grundlage für

die anderen werden? In welche Verbindungen können die beiden Gruppen

treten? Und was dergleichen Fragen sonst noch sein mögen.

Bei näherem Betrachten ergibt sich, daß für die Unterscheidung beider

Gruppen verschiedene Gesichtspunkte maßgebend waren. Gliedert man die

Darstellungsweisen in wissenschaftliche und künstlerische, so gewinnt

man den Einteilungsgrund aus der +Natur des Faches+, aus dem Wesen der

zeichnerischen Darstellung. Eine Unterscheidung des Zeichnens nach der

Vorstellung und nach der Wirklichkeit dagegen gewinnt man im Hinblick

auf die +Natur des zeichnenden Menschen+. Das eine Mal bestimmten

+technische+, das andere Mal +psychologische+ Gesichtspunkte die

Einteilung.

Wir werden darum, wenn wir klar darüber werden wollen, welche der

einzelnen Darstellungsweisen grundlegend werden können, bei zwei

Stellen anfragen müssen: beim »Fach«, bei der +Kunst+ selbst, d.

i. bei den Künstlern, den eigentlichen »Technikern«, und bei der

+Psychologie+, d. i. bei den gelehrten Forschern, bei den Theoretikern:

den Kinderpsychologen und den Historikern, und bei den Praktikern: den

Pädagogen.

+Fragen wir zunächst bei der Kunst an.+ Sie soll entscheiden, welche

Art des Zeichnens -- die wissenschaftliche oder die künstlerische --

Grundlage werden kann. Das beste wird sein: wir wenden uns gleich an

die rechte Schmiede, nicht an irgendeinen Fachzeichenlehrer, sondern an

wirkliche Künstler und zwar an die größten, sofern sie uns hinterlassen

haben, was Ratschlag werden kann. Zum Glück haben sich gerade die

namhaftesten unter ihnen bewußt über ihr Schaffen geäußert. Wie auf

dem Gebiete der Dichtkunst Goethe und Schiller, Friedrich Hebbel und

Otto Ludwig, wie auf dem Felde der Tonkunst Richard Wagner, so haben

sich auch große bildende Künstler -- z. B. Leonardo da Vinci und

Albrecht Dürer unter den Alten, Hans Thoma unter den Modernen -- Zeit

ihres Lebens ernstlich bemüht, klar zu werden über die Naturgesetze

ihrer Tätigkeit und zum Teil schriftlich niedergelegt, was ihnen diese

Selbstbetrachtung offenbarte.

Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß fast alle diese großen

Meister der Kunst zu ähnlichen Forderungen kamen wie Pestalozzi,

der pädagogische Reformator, der zwar selbst nicht zeichnen konnte,

dessen pädagogisches Genie ihn aber doch das Rechte ahnen ließ. Fast

alle diese großen Künstler verlangten für den zeichnerischen, für den

künstlerischen Betrieb eine wissenschaftliche, ja eine mathematisch

charakterisierte Grundlage.

+Leonardo da Vinci+, den ein moderner Zeichenmethodiker -- H.

Grothmann, der Redakteur der bekannten Zeitschrift »Schaffen und

Schauen« -- als das Ideal des Zeichenlehrers bezeichnet, schreibt

in seinem berühmten »~Trattato della pittura~«: »Wissenschaft ist

nur auf mathematischer Grundlage möglich, und indem die Malerei mit

mathematischen Mitteln göttliche Werke bis zum Verwechseln nachbildet,

ist sie Wissenschaft.« Ferner: »Diejenigen, welche sich in Praxis ohne

Wissenschaft verlieben, sind wie die Schiffer, die ohne Steuerruder

oder Kompaß zu Schiffe gehen; sie sind nie sicher, wohin sie gehen. Die

Praxis soll stets auf guter Theorie aufgebaut sein, und von dieser ist

die Perspektive Leitseil und Eingangstür, ohne sie geschieht nichts

recht in den Fällen der Malerei.«

Leonardo fordert also als Grundlage des zeichnerischen Betriebs vor

allem zwei wissenschaftliche Disziplinen: Mathematik und Perspektive.

Hören wir, was andere große Meister auf unsere Frage antworten.

+Albrecht Dürer+ hat in seinen Büchern von der »Unterweysung der

meßung« (1525) und »von menschlicher Proportion« (1528) eine

Art Lehrgang hinterlassen, der die Grundlagen aller Form- und

Raumanschauung, das mathematische Fundament aller Zeichenkunst,

vermitteln will. Mit einfachen geometrischen Elementen wird begonnen,

zu regelmäßigen Figuren und Körpern wird fortgeschritten. Auch das

höchstwertige Gebilde der Natur, der Mensch, wird in seiner Erscheinung

mathematisch zu begreifen gesucht. Das Buch, schreibt +Hans Thoma+, der

berühmte Karlsruher Maler, über Dürers »Underweysung«, »ist auch ein

Dokument, aus welchem zu ersehen ist, auf welch sicherem Grund eine

so hohe geklärte Kunst wie die Dürers, ja die aller großen Meister,

beruht.« »Es zeigt, wie notwendig zum künstlerischen Schaffen das auf

dem Wissen beruhende Vorstellen vom Raume als Grundlage aller bildenden

Künste ist.«

Thoma hat ferner in seinen gesammelten Erinnerungsblättern »Im Herbste

des Lebens« ein Bildungsprogramm für Kunstschüler veröffentlicht, worin

er den eben erwähnten Gedanken weiter ausführt. Thoma verlangt eine

»künstlerische Raumanschauung« als Grundlage für alles künstlerische

Schaffen: »Den Schülern würden die Elemente der Geometrie, und zwar

möglichst auf Anschauung sich gründend, gelehrt werden: die Gesetze

der Optik, der Perspektive werden sich anschließen.« Ferner: »Zur

Übung müßten die mannigfachsten geometrischen und perspektivischen

Konstruktionen entworfen werden. Diese Raumlehre müßte sozusagen das

ABC des Künstlers bilden.« Es ist ganz im Sinne Pestalozzis gedacht,

wenn der Direktor der Karlsruher Akademie weiter betont: »In der Kunst

ist nur dasjenige Wissen erzieherisch, welches sich auch immer zugleich

praktisch betätigen läßt, und nur so viel von diesem Wissen ist

fruchtbringend, als sich in Anschaulichkeit, in die Tat umsetzen läßt

-- so soll die Raumlehre, Perspektive, Anatomie, Farbenlehre nie bloß

theoretisch erfaßt, neben dem Können herlaufen, sondern muß sich gleich

von Anfang an in augenscheinliche, sinnenkräftige Kunst umsetzen oder

umzusetzen sich bemühen.«

Ähnlich wie diese großen Künstler dachten und forderten u. a. der

Florentiner Baumeister +Filarete+, der im 15. Jahrhundert einen Traktat

über die Baukunst veröffentlichte, ferner Leon Battista +Alberti+

(1402--1472), der erste Zeichenmethodiker, der Lütticher Maler

Gérard de +Lairesse+ (1640--1711), der die Geometrie »das ABC der

Zeichenkunst« nannte und der Philosoph Herbert +Spencer+.[2] Alles was

diese Klassiker des Zeichenunterrichts an Forderungen erhoben, ist wie

eine Umschreibung des Spruches, mit dem im alten Hellas Plato seine

Philosophieschüler empfangen haben soll: »Kein Unkundiger der Geometrie

trete unter mein Dach!«

Wenn über eine Frage, so herrscht über diese unter den +Meistern+

der Kunst Einigkeit: Kunst hat neben dem Unaussprechlichen, außer

jenem Geheimnisvollen, das nicht lehrbar ist, das aus der Tiefe des

menschlichen Innenlebens hervorquillt, das nur dem Genie, der Intuition

erfaßbar ist, eine Menge von Bestandteilen, die begrifflich, also

wissenschaftlich bestimmbar und darum lehrbar sind.

Wir erfahren gleichzeitig schon aus den wenigen, eben zitierten

Aussprüchen, welcher Art diese Bestandteile sind. Wir können dazu

zählen die Grundgesetze der Geometrie (Mathematik), der Perspektive,

der Farbenlehre (Optik) und der anatomischen Verhältnisse. Mit ihnen,

+mit der Vermittlung einer »künstlerischen Raumanschauung+«, wie Thoma

es nennt, +müßte darum+ gleichsam wie mit einem »ABC des Künstlers«

oder -- um einen Ausdruck Pestalozzis zu gebrauchen -- +wie mit einem

»ABC der Anschauung« im Zeichenunterricht begonnen werden+.

+Fragen wir nun, was die Psychologie uns raten kann+, ob die

Theoretiker und die Praktiker, die Forscher und die Pädagogen, jenen

Künstlerforderungen zustimmen und was sie selbst aus der Natur des

zeichnenden Menschen an Forderungen ableiten.

Wir sind heute bei Beantwortung dieser Frage ungleich günstiger daran

als die Zeichenmethodiker vor 10 oder gar vor 20 Jahren; denn eine

große Zahl von Gelehrten hat bereits auf diesem Gebiete gearbeitet und

ihre im wesentlichen übereinstimmenden Forschungsresultate beweisen

die Richtigkeit der Ergebnisse, wenn auch noch, wie es Prof. Meumann

in seinem »Programm zur psychologischen Untersuchung des Zeichnens«

ausführt,[3] eine Menge von Einzelfragen der Beantwortung harrt.

Der Weg zur Zeichenkunst Ein Büchlein für theoretische und praktische Selbstbildung · 第 2 / 7 段