einer Berichtigung bedarf. Die Individualpsychologie muß vielmehr ebenso
alt sein wie die Massenpsychologie, denn von Anfang gab es zweierlei
Psychologien, die der Massenindividuen und die des Vaters, Oberhauptes,
Führers. Die Einzelnen der Masse waren so gebunden, wie wir sie heute
finden, aber der Vater der Urhorde war frei. Seine intellektuellen Akte
waren auch in der Vereinzelung stark und unabhängig, sein Wille bedurfte
nicht der Bekräftigung durch den anderer. Wir nehmen konsequenterweise
an, daß sein Ich wenig libidinös gebunden war, er liebte niemand außer
sich, und die anderen nur insoweit sie seinen Bedürfnissen dienten. Sein
Ich gab nichts Überschüssiges an die Objekte ab.
Zu Eingang der Menschheitsgeschichte war er der _Übermensch_, den
_Nietzsche_ erst von der Zukunft erwartete. Noch heute bedürfen die
Massenindividuen der Vorspiegelung, daß sie in gleicher und gerechter
Weise vom Führer geliebt werden, aber der Führer selbst braucht niemand
anderen zu lieben, er darf von Herrennatur sein, absolut narzißtisch,
aber selbstsicher und selbständig. Wir wissen, daß die Liebe den
Narzißmus eindämmt und könnten nachweisen, wie sie durch diese Wirkung
Kulturfaktor geworden ist.
Der Urvater der Horde war noch nicht unsterblich, wie er es später
durch Vergottung wurde. Wenn er starb, mußte er ersetzt werden; an
seine Stelle trat wahrscheinlich ein jüngster Sohn, der bis dahin
Massenindividuum gewesen war wie ein anderer. Es muß also eine
Möglichkeit geben, die Psychologie der Masse in Individualpsychologie
umzuwandeln, es muß eine Bedingung gefunden werden, unter der sich
solche Umwandlung leicht vollzieht, ähnlich wie es den Bienen möglich
ist, aus einer Larve im Bedarfsfalle eine Königin anstatt einer
Arbeiterin zu ziehen. Man kann sich da nur dies eine vorstellen: Der
Urvater hatte seine Söhne an der Befriedigung ihrer direkten sexuellen
Strebungen verhindert; er zwang sie zur Abstinenz und infolgedessen zu
den Gefühlsbindungen an ihn und aneinander, die aus den Strebungen mit
gehemmtem Sexualziel hervorgehen konnten. Er zwang sie sozusagen in die
Massenpsychologie. Seine sexuelle Eifersucht und Intoleranz sind in
letzter Linie die Ursache der Massenpsychologie geworden.
Es läßt sich etwa auch annehmen, daß die vertriebenen Söhne, vom
Vater getrennt, den Fortschritt von der Identifizierung miteinander
zur homosexuellen Objektliebe machten und so die Freiheit gewannen,
den Vater zu töten.
Für den, der sein Nachfolger wurde, war auch die Möglichkeit der sexuellen
Befriedigung gegeben und damit der Austritt aus den Bedingungen der
Massenpsychologie eröffnet. Die Fixierung der Libido an das Weib, die
Möglichkeit der Befriedigung ohne Aufschub und Aufspeicherung machte der
Bedeutung zielgehemmter Sexualstrebungen ein Ende und ließ den Narzißmus
immer zur gleichen Höhe ansteigen. Auf diese Beziehung der Liebe zur
Charakterbildung werden wir in einem Nachtrag zurückkommen.
Heben wir noch als besonders lehrreich hervor, in welcher Beziehung zur
Konstitution der Urhorde die Veranstaltung steht, mittels deren eine
künstliche Masse zusammengehalten wird. Bei Heer und Kirche haben wir
gesehen, es ist die Vorspiegelung, daß der Führer alle Einzelnen in
gleicher und gerechter Weise liebt. Dies ist aber geradezu die
idealistische Umarbeitung der Verhältnisse der Urhorde, in der sich alle
Söhne in gleicher Weise vom Urvater verfolgt wußten und ihn in gleicher
Weise fürchteten. Schon die nächste Form der menschlichen Sozietät, der
totemistische Clan, hat diese Umformung, auf die alle sozialen Pflichten
aufgebaut sind, zur Voraussetzung. Die unverwüstliche Stärke der Familie
als einer natürlichen Massenbildung beruht darauf, daß diese notwendige
Voraussetzung der gleichen Liebe des Vaters für sie wirklich zutreffen
kann.
Aber wir erwarten noch mehr von der Zurückführung der Masse auf die
Urhorde. Sie soll uns auch das noch Unverstandene, Geheimnisvolle an der
Massenbildung näher bringen, das sich hinter den Rätselworten Hypnose
und Suggestion verbirgt. Und ich meine, sie kann es auch leisten.
Erinnern wir uns daran, daß die Hypnose etwas direkt Unheimliches an
sich hat; der Charakter des Unheimlichen deutet aber auf etwas der
Verdrängung verfallenes Altes und Wohlvertrautes hin[29]. Denken wir
daran, wie die Hypnose eingeleitet wird. Der Hypnotiseur behauptet im
Besitz einer geheimnisvollen Macht zu sein, die dem Subjekt den eigenen
Willen raubt, oder, was dasselbe ist, das Subjekt glaubt es von ihm.
Diese geheimnisvolle Macht -- populär noch oft als tierischer
Magnetismus bezeichnet -- muß dieselbe sein, welche den Primitiven als
Quelle des Tabu gilt, dieselbe, die von Königen und Häuptlingen ausgeht
und die es gefährlich macht, sich ihnen zu nähern (Mana). Im Besitz
dieser Macht will nun der Hypnotiseur sein und wie bringt er sie zur
Erscheinung? Indem er die Person auffordert, ihm in die Augen zu sehen;
er hypnotisiert in typischer Weise durch seinen Blick. Gerade der
Anblick des Häuptlings ist aber für den Primitiven gefährlich und
unerträglich, wie später der der Gottheit für den Sterblichen. Noch
Moses muß den Mittelsmann zwischen seinem Volke und Jehova machen, da
das Volk den Anblick Gottes nicht ertrüge, und wenn er von der Gegenwart
Gottes zurückkehrt, strahlt sein Antlitz, ein Teil des »Mana« hat sich
wie beim Mittler[30] der Primitiven auf ihn übertragen.
[29] Das Unheimliche. Imago, V, 1919.
[30] S. Totem und Tabu, und die dort zitierten Quellen.
Man kann die Hypnose allerdings auch auf anderen Wegen hervorrufen, was
irreführend ist und zu unzulänglichen physiologischen Theorien Anlaß
gegeben hat, z. B. durch das Fixieren eines glänzenden Gegenstandes oder
durch das Horchen auf ein monotones Geräusch. In Wirklichkeit dienen
diese Verfahren nur der Ablenkung und Fesselung der bewußten
Aufmerksamkeit. Die Situation ist die nämliche, als ob der Hypnotiseur
der Person gesagt hätte: Nun beschäftigen Sie sich ausschließlich mit
meiner Person, die übrige Welt ist ganz uninteressant. Gewiß wäre es
technisch unzweckmäßig, wenn der Hypnotiseur eine solche Rede hielte;
das Subjekt würde durch sie aus seiner unbewußten Einstellung gerissen
und zum bewußten Widerspruch aufgereizt werden. Aber während der
Hypnotiseur es vermeidet, das bewußte Denken des Subjekts auf seine
Absichten zu richten, und die Versuchsperson sich in eine Tätigkeit
versenkt, bei der ihr die Welt uninteressant vorkommen muß, geschieht
es, daß sie unbewußt wirklich ihre ganze Aufmerksamkeit auf den
Hypnotiseur konzentriert, sich in die Einstellung des Rapports, der
Übertragung, zum Hypnotiseur begibt. Die indirekten Methoden des
Hypnotisierens haben also, ähnlich wie manche Techniken des Witzes, den
Erfolg, gewisse Verteilungen der seelischen Energie, welche den Ablauf
des unbewußten Vorgangs stören würden, hintanzuhalten, und sie führen
schließlich zum gleichen Ziel wie die direkten Beeinflussungen durch
Anstarren oder Streichen.
Die Situation, daß die Person unbewußt auf den Hypnotiseur eingestellt
ist, während sie sich bewußt mit gleichbleibenden, uninteressanten
Wahrnehmungen beschäftigt, findet ein Gegenstück in den
Vorkommnissen der psychoanalytischen Behandlung, das hier erwähnt
zu werden verdient. In jeder Analyse ereignet es sich mindestens
einmal, daß der Patient hartnäckig behauptet, jetzt fiele ihm aber
ganz bestimmt nichts ein. Seine freien Assoziationen stocken und die
gewöhnlichen Antriebe, sie in Gang zu bringen, schlagen fehl. Durch
Drängen erreicht man endlich das Eingeständnis, der Patient denke an
die Aussicht aus dem Fenster des Behandlungsraumes, an die Tapete
der Wand, die er vor sich sieht, oder an die Gaslampe, die von der
Zimmerdecke herabhängt. Man weiß dann sofort, daß er sich in die
Übertragung begeben hat, von noch unbewußten Gedanken in Anspruch
genommen wird, die sich auf den Arzt beziehen, und sieht die
Stockung in den Einfällen des Patienten schwinden, sobald man ihm
diese Aufklärung gegeben hat.
_Ferenczi_ hat richtig herausgefunden, daß sich der Hypnotiseur mit dem
Schlafgebot, welches oft zur Einleitung der Hypnose gegeben wird, an die
Stelle der Eltern setzt. Er meinte zwei Arten der Hypnose unterscheiden
zu sollen, eine schmeichlerisch begütigende, die er dem Muttervorbild,
und eine drohende, die er dem Vater zuschrieb[31]. Nun bedeutet das
Gebot zu schlafen in der Hypnose auch nichts anderes als die
Aufforderung, alles Interesse von der Welt abzuziehen und auf die Person
des Hypnotiseurs zu konzentrieren; es wird auch vom Subjekt so
verstanden, denn in dieser Abziehung des Interesses von der Außenwelt
liegt die psychologische Charakteristik des Schlafes und auf ihr beruht
die Verwandtschaft des Schlafes mit dem hypnotischen Zustand.
[31] _Ferenczi_, Introjektion und Übertragung. Jahrbuch der
Psychoanalyse, I, 1909.
Durch seine Maßnahmen weckt also der Hypnotiseur beim Subjekt ein Stück
von dessen archaischer Erbschaft, die auch den Eltern entgegenkam und
im Verhältnis zum Vater eine individuelle Wiederbelebung erfuhr, die
Vorstellung von einer übermächtigen und gefährlichen Persönlichkeit,
gegen die man sich nur passiv-masochistisch einstellen konnte, an die
man seinen Willen verlieren mußte, und mit der allein zu sein, »ihr
unter die Augen zu treten« ein bedenkliches Wagnis schien. Nur so etwa
können wir uns das Verhältnis eines Einzelnen der Urhorde zum Urvater
vorstellen. Wie wir aus anderen Reaktionen wissen, hat der Einzelne ein
variables Maß von persönlicher Eignung zur Wiederbelebung solch alter
Situationen bewahrt. Ein Wissen, daß die Hypnose doch nur ein Spiel,
eine lügenhafte Erneuerung jener alten Eindrücke ist, kann aber erhalten
bleiben und für den Widerstand gegen allzu ernsthafte Konsequenzen der
hypnotischen Willensaufhebung sorgen.
Der unheimliche, zwanghafte Charakter der Massenbildung, der sich in
ihren Suggestionserscheinungen zeigt, kann also wohl mit Recht auf ihre
Abkunft von der Urhorde zurückgeführt werden. Der Führer der Masse ist
noch immer der gefürchtete Urvater, die Masse will immer noch von
unbeschränkter Gewalt beherrscht werden, sie ist im höchsten Grade
autoritätssüchtig, hat nach _Le Bon_'s Ausdruck den Durst nach
Unterwerfung. Der Urvater ist das Massenideal, das an Stelle des
Ichideals das Ich beherrscht. Die Hypnose hat ein gutes Anrecht auf die
Bezeichnung: eine Masse zu zweit; für die Suggestion erübrigt die
Definition einer Überzeugung, die nicht auf Wahrnehmung und Denkarbeit,
sondern auf erotische Bindung gegründet ist.
Es erscheint mir der Hervorhebung wert, daß wir durch die
Erörterungen dieses Abschnittes veranlaßt werden, von der
_Bernheim_'schen Auffassung der Hypnose auf die naive ältere
derselben zurückzugreifen. Nach _Bernheim_ sind alle hypnotischen
Phänomene von dem weiter nicht aufzuklärenden Moment der Suggestion
abzuleiten. Wir schließen, daß die Suggestion eine Teilerscheinung
des hypnotischen Zustandes ist, der in einer unbewußt erhaltenen
Disposition aus der Urgeschichte der menschlichen Familie seine gute
Begründung hat.
XI.
Eine Stufe im Ich.
Wenn man, eingedenk der einander ergänzenden Beschreibungen der Autoren
über Massenpsychologie, das Leben der heutigen Einzelmenschen
überblickt, mag man vor den Komplikationen, die sich hier zeigen, den
Mut zu einer zusammenfassenden Darstellung verlieren. Jeder Einzelne ist
ein Bestandteil von vielen Massen, durch Identifizierung vielseitig
gebunden, und hat sein Ichideal nach den verschiedensten Vorbildern
aufgebaut. Jeder Einzelne hat so Anteil an vielen Massenseelen, an der
seiner Rasse, des Standes, der Glaubensgemeinschaft, der Staatlichkeit
usw. und kann sich darüber hinaus zu einem Stückchen Selbständigkeit und
Originalität erheben. Diese ständigen und dauerhaften Massenbildungen
fallen in ihren gleichmäßig anhaltenden Wirkungen der Beobachtung
weniger auf als die rasch gebildeten, vergänglichen Massen, nach denen
_Le Bon_ die glänzende psychologische Charakteristik der Massenseele
entworfen hat, und in diesen lärmenden, ephemeren, den anderen gleichsam
superponierten Massen begibt sich eben das Wunder, daß dasjenige, was
wir eben als die individuelle Ausbildung anerkannt haben, spurlos, wenn
auch nur zeitweilig untergeht.
Wir haben dies Wunder so verstanden, daß der Einzelne sein Ichideal
aufgibt und es gegen das im Führer verkörperte Massenideal vertauscht.
Das Wunder, dürfen wir berichtigend hinzufügen, ist nicht in allen
Fällen gleich groß. Die Sonderung von Ich und Ichideal ist bei
vielen Individuen nicht weit vorgeschritten, die beiden fallen noch
leicht zusammen, das Ich hat sich oft die frühere narzißtische
Selbstgefälligkeit bewahrt. Die Wahl des Führers wird durch dies
Verhältnis sehr erleichtert. Er braucht oft nur die typischen
Eigenschaften dieser Individuen in besonders scharfer und reiner
Ausprägung zu besitzen und den Eindruck größerer Kraft und libidinöser
Freiheit zu machen, so kommt ihm das Bedürfnis nach einem starken
Oberhaupt entgegen und bekleidet ihn mit der Übermacht, auf die er sonst
vielleicht keinen Anspruch hätte. Die anderen, deren Ichideal sich in
seiner Person sonst nicht ohne Korrektur verkörpert hätte, werden dann
»suggestiv«, d. h. durch Identifizierung mitgerissen.
Wir erkennen, was wir zur Aufklärung der libidinösen Struktur einer
Masse beitragen konnten, führt sich auf die Unterscheidung des Ichs vom
Ichideal und auf die dadurch ermöglichte doppelte Art der Bindung --
Identifizierung und Einsetzung des Objekts an die Stelle des Ichideals
-- zurück. Die Annahme einer solchen Stufe im Ich als erster Schritt
einer Ichanalyse muß ihre Rechtfertigung allmählich auf den
verschiedensten Gebieten der Psychologie erweisen. In meiner Schrift
»Zur Einführung des Narzißmus«[32] habe ich zusammengetragen, was sich
zunächst von pathologischem Material zur Stütze dieser Sonderung
verwerten ließ. Aber man darf erwarten, daß sich ihre Bedeutung bei
weiterer Vertiefung in die Psychologie der Psychosen als eine viel
größere enthüllen wird. Denken wir daran, daß das Ich nun in die
Beziehung eines Objekts zu dem aus ihm entwickelten Ichideal tritt, und
daß möglicherweise alle Wechselwirkungen, die wir zwischen äußerem
Objekt und Gesamt-Ich in der Neurosenlehre kennen gelernt haben, auf
diesem neuen Schauplatz innerhalb des Ichs zur Wiederholung kommen.
[32] Jahrbuch der Psychoanalyse, VI, 1914. -- Sammlung kleiner
Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge.
Ich will hier nur einer der von diesem Standpunkt aus möglichen
Folgerungen nachgehen und damit die Erörterung eines Problems
fortsetzen, das ich an anderer Stelle ungelöst verlassen mußte[33]. Jede
der seelischen Differenzierungen, die uns bekannt geworden sind, stellt
eine neue Erschwerung der seelischen Funktion dar, steigert deren
Labilität und kann der Ausgangspunkt eines Versagens der Funktion, einer
Erkrankung werden. So haben wir mit dem Geborenwerden den Schritt vom
absolut selbstgenügsamen Narzißmus zur Wahrnehmung einer veränderlichen
Außenwelt und zum Beginn der Objektfindung gemacht, und damit ist
verknüpft, daß wir den neuen Zustand nicht dauernd ertragen, daß wir ihn
periodisch rückgängig machen und im Schlaf zum früheren Zustand der
Reizlosigkeit und Objektvermeidung zurückkehren. Wir folgen dabei
allerdings einem Wink der Außenwelt, die uns durch den periodischen
Wechsel von Tag und Nacht zeitweilig den größten Anteil der auf uns
wirkenden Reize entzieht. Keiner ähnlichen Einschränkung ist das zweite,
für die Pathologie bedeutsamere Beispiel unterworfen. Im Laufe unserer
Entwicklung haben wir eine Sonderung unseres seelischen Bestandes in ein
kohärentes Ich und in ein außerhalb dessen gelassenes, unbewußtes
Verdrängtes vorgenommen und wir wissen, daß die Stabilität dieser
Neuerwerbung beständigen Erschütterungen ausgesetzt ist. Im Traum und in
der Neurose pocht dieses Ausgeschlossene um Einlaß an den von
Widerständen bewachten Pforten, und in wacher Gesundheit bedienen wir
uns besonderer Kunstgriffe, um das Verdrängte mit Umgehung der
Widerstände und unter Lustgewinn zeitweilig in unser Ich aufzunehmen.
Witz und Humor, zum Teil auch das Komische überhaupt, dürfen in diesem
Licht betrachtet werden. Jedem Kenner der Neurosenpsychologie werden
ähnliche Beispiele von geringerer Tragweite einfallen, aber ich eile zu
der beabsichtigten Anwendung.
[33] Trauer und Melancholie. Internationale Zeitschrift für
Psychoanalyse, IV, 1916/18. -- Sammlung kleiner Schriften zur
Neurosenlehre, 4. Folge.
Es wäre gut denkbar, daß auch die Scheidung des Ichideals vom Ich nicht
dauernd vertragen wird und sich zeitweilig zurückbilden muß. Bei allen
Verzichten und Einschränkungen, die dem Ich auferlegt werden, ist der
periodische Durchbruch der Verbote Regel, wie ja die Institution der
Feste zeigt, die ursprünglich nichts anderes sind als vom Gesetz
gebotene Exzesse und dieser Befreiung auch ihren heiteren Charakter
verdanken[34]. Die Saturnalien der Römer und unser heutiger Karneval
treffen in diesem wesentlichen Zug mit den Festen der Primitiven
zusammen, die in Ausschweifungen jeder Art mit Übertretung der sonst
heiligsten Gebote auszugehen pflegen. Das Ichideal umfaßt aber die Summe
aller Einschränkungen, denen das Ich sich fügen soll, und darum müßte
die Einziehung des Ideals ein großartiges Fest für das Ich sein, das
dann wieder einmal mit sich selbst zufrieden sein dürfte.
[34] Totem und Tabu.
Es kommt immer zu einer Empfindung von Triumph, wenn etwas im Ich mit
dem Ichideal zusammenfällt. Als Ausdruck der Spannung zwischen Ich
und Ideal kann auch das Schuldgefühl (und Minderwertigkeitsgefühl)
verstanden werden.
_Trotter_ läßt die Verdrängung vom Herdentrieb ausgehen. Es ist eher
eine Übersetzung in eine andere Ausdrucksweise als ein Widerspruch,
wenn ich in der »Einführung des Narzißmus« gesagt habe: die
Idealbildung wäre von seiten des Ichs die Bedingung der Verdrängung.
Es gibt bekanntlich Menschen, bei denen das Allgemeingefühl der Stimmung
in periodischer Weise schwankt, von einer übermäßigen Gedrücktheit durch
einen gewissen Mittelzustand zu einem erhöhten Wohlbefinden, und zwar
treten diese Schwankungen in sehr verschieden großen Amplituden auf, vom
eben Merklichen bis zu jenen Extremen, die als Melancholie und Manie
höchst qualvoll oder störend in das Leben der Betroffenen eingreifen.
In typischen Fällen dieser zyklischen Verstimmung scheinen äußere
Veranlassungen keine entscheidende Rolle zu spielen; von inneren Motiven
findet man bei diesen Kranken nicht mehr oder nichts anderes als bei
allen anderen. Man hat sich deshalb gewöhnt, diese Fälle als nicht
psychogene zu beurteilen. Von anderen, ganz ähnlichen Fällen zyklischer
Verstimmung, die sich aber leicht auf seelische Traumen zurückführen,
soll später die Rede sein.
Die Begründung dieser spontanen Stimmungsschwankungen ist also
unbekannt; in den Mechanismus der Ablösung einer Melancholie durch eine
Manie fehlt uns die Einsicht. Somit wären dies die Kranken, für welche
unsere Vermutung Geltung haben könnte, daß ihr Ichideal zeitweilig in's
Ich aufgelöst wird, nachdem es vorher besonders strenge regiert hat.
Halten wir zur Vermeidung von Unklarheiten fest: Auf dem Boden unserer
Ichanalyse ist es nicht zweifelhaft, daß beim Manischen Ich und Ichideal
zusammengeflossen sind, so daß die Person sich in einer durch keine
Selbstkritik gestörten Stimmung von Triumph und Selbstbeglücktheit des
Wegfalls von Hemmungen, Rücksichten und Selbstvorwürfen erfreuen kann.
Es ist minder evident, aber doch recht wahrscheinlich, daß das Elend des
Melancholikers der Ausdruck eines scharfen Zwiespalts zwischen beiden
Instanzen des Ichs ist, in dem das übermäßig empfindliche Ideal seine
Verurteilung des Ichs im Kleinheitswahn und in der Selbsterniedrigung
schonungslos zum Vorschein bringt. In Frage steht nur, ob man die
Ursache dieser veränderten Beziehungen zwischen Ich und Ichideal in den
oben postulierten periodischen Auflehnungen gegen die neue Institution
suchen, oder andere Verhältnisse dafür verantwortlich machen soll.
Der Umschlag in Manie ist kein notwendiger Zug im Krankheitsbild der
melancholischen Depression. Es gibt einfache, einmalige und auch
periodisch wiederholte Melancholien, welche niemals dieses Schicksal
haben. Anderseits gibt es Melancholien, bei denen die Veranlassung
offenbar eine ätiologische Rolle spielt. Es sind die nach dem Verlust
eines geliebten Objekts, sei es durch den Tod desselben oder infolge von
Umständen, die zum Rückzug der Libido vom Objekt genötigt haben. Eine
solche psychogene Melancholie kann ebensowohl in Manie ausgehen und
dieser Zyklus mehrmals wiederholt werden wie bei einer anscheinend
spontanen. Die Verhältnisse sind also ziemlich undurchsichtig, zumal da
bisher nur wenige Formen und Fälle von Melancholie der psychoanalytischen
Untersuchung unterzogen worden sind[35]. Wir verstehen bis jetzt nur
jene Fälle, in denen das Objekt aufgegeben wurde, weil es sich der Liebe
unwürdig gezeigt hatte. Es wird dann durch Identifizierung im Ich wieder
aufgerichtet und vom Ichideal streng gerichtet. Die Vorwürfe und
Aggressionen gegen das Objekt kommen als melancholische Selbstvorwürfe
zum Vorschein.
[35] Vgl. _Abraham_, Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung und
Behandlung des manisch-depressiven Irreseins etc., 1912, in »Klinische
Beiträge zur Psychoanalyse«, 1921.
Genauer gesagt: sie verbergen sich hinter den Vorwürfen gegen das
eigene Ich, verleihen ihnen die Festigkeit, Zähigkeit und
Unabweisbarkeit, durch welche sich die Selbstvorwürfe der
Melancholiker auszeichnen.
Auch an eine solche Melancholie kann sich der Umschlag in Manie
anschließen, so daß diese Möglichkeit einen von den übrigen Charakteren
des Krankheitsbildes unabhängigen Zug darstellt.
Ich sehe indes keine Schwierigkeit, das Moment der periodischen
Auflehnung des Ichs gegen das Ichideal für beide Arten der Melancholien,
die psychogenen wie die spontanen, in Betracht kommen zu lassen. Bei den
spontanen kann man annehmen, daß das Ichideal zur Entfaltung einer
besonderen Strenge neigt, die darin automatisch seine zeitweilige
Aufhebung zur Folge hat. Bei den psychogenen würde das Ich zur
Auflehnung gereizt durch die Mißhandlung von seiten seines Ideals, die
es im Fall der Identifizierung mit einem verworfenen Objekt erfährt.
XII.
Nachträge.
Im Laufe der Untersuchung, die jetzt zu einem vorläufigen Abschluß
gekommen ist, haben sich uns verschiedene Nebenwege eröffnet, die wir
zuerst vermieden haben, auf denen uns aber manche nahe Einsicht winkte.
Einiges von dem so zurückgestellten wollen wir nun nachholen.
A. Die Unterscheidung von Ichidentifizierung und Ichidealersetzung durch
das Objekt findet eine interessante Erläuterung an den zwei großen
künstlichen Massen, die wir eingangs studiert haben, dem Heer und der
christlichen Kirche.
Es ist evident, daß der Soldat seinen Vorgesetzten, also eigentlich den
Armeeführer, zum Ideal nimmt, während er sich mit seinesgleichen
identifiziert und aus dieser Ichgemeinsamkeit die Verpflichtungen der
Kameradschaft zur gegenseitigen Hilfeleistung und Güterteilung ableitet.
Aber er wird lächerlich, wenn er sich mit dem Feldherrn identifizieren
will. Der Jäger in Wallensteins Lager verspottet darob den Wachtmeister:
Wie er räuspert und wie er spuckt,
Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt!...