wird die Deutung des Bildes immer unverkennbarer. Die auf direkte
Sexualbefriedigung drängenden Strebungen können nun ganz zurückgedrängt
werden, wie es z. B. regelmäßig bei der schwärmerischen Liebe des
Jünglings geschieht; das Ich wird immer anspruchsloser, bescheidener,
das Objekt immer großartiger, wertvoller; es gelangt schließlich in den
Besitz der gesamten Selbstliebe des Ichs, so daß dessen Selbstaufopferung
zur natürlichen Konsequenz wird. Das Objekt hat das Ich sozusagen
aufgezehrt. Züge von Demut, Einschränkung des Narzißmus, Selbstschädigung
sind in jedem Falle von Verliebtheit vorhanden; im extremen Falle werden
sie nur gesteigert und durch das Zurücktreten der sinnlichen Ansprüche
bleiben sie alleinherrschend.
Dies ist besonders leicht bei unglücklicher, unerfüllbarer Liebe der
Fall, da bei jeder sexuellen Befriedigung doch die Sexualüberschätzung
immer wieder eine Herabsetzung erfährt. Gleichzeitig mit dieser
»Hingabe« des Ichs an das Objekt, die sich von der sublimierten Hingabe
an eine abstrakte Idee schon nicht mehr unterscheidet, versagen die dem
Ichideal zugeteilten Funktionen gänzlich. Es schweigt die Kritik, die
von dieser Instanz ausgeübt wird; alles was das Objekt tut und fordert,
ist recht und untadelhaft. Das Gewissen findet keine Anwendung auf
alles, was zugunsten des Objekts geschieht; in der Liebesverblendung
wird man reuelos zum Verbrecher. Die ganze Situation läßt sich restlos
in eine Formel zusammenfassen: _Das Objekt hat sich an die Stelle des
Ichideals gesetzt._
Der Unterschied der Identifizierung von der Verliebtheit in ihren
höchsten Ausbildungen, die man Faszination, verliebte Hörigkeit heißt,
ist nun leicht zu beschreiben. Im ersteren Falle hat sich das Ich um die
Eigenschaften des Objekts bereichert, sich dasselbe nach _Ferenczi_'s
Ausdruck »introjiziert«; im zweiten Fall ist es verarmt, hat sich
dem Objekt hingegeben, dasselbe an die Stelle seines wichtigsten
Bestandteils gesetzt. Indes merkt man bei näherer Erwägung bald, daß
eine solche Darstellung Gegensätze vorspiegelt, die nicht bestehen. Es
handelt sich ökonomisch nicht um Verarmung oder Bereicherung, man kann
auch die extreme Verliebtheit so beschreiben, daß das Ich sich das
Objekt introjiziert habe. Vielleicht trifft eine andere Unterscheidung
eher das Wesentliche. Im Falle der Identifizierung ist das Objekt
verloren gegangen oder aufgegeben worden; es wird dann im Ich wieder
aufgerichtet, das Ich verändert sich partiell nach dem Vorbild des
verlorenen Objekts. Im anderen Falle ist das Objekt erhalten geblieben
und wird als solches von seiten und auf Kosten des Ichs überbesetzt.
Aber auch hiegegen erhebt sich ein Bedenken. Steht es denn fest, daß die
Identifizierung das Aufgeben der Objektbesetzung voraussetzt, kann es
nicht Identifizierung bei erhaltenem Objekt geben? Und ehe wir uns in
die Diskussion dieser heikeln Frage einlassen, kann uns bereits die
Einsicht aufdämmern, daß eine andere Alternative das Wesen dieses
Sachverhalts in sich faßt, nämlich _ob das Objekt an die Stelle des Ichs
oder des Ichideals gesetzt wird_.
Von der Verliebtheit ist offenbar kein weiter Schritt zur Hypnose.
Die Übereinstimmungen beider sind augenfällig. Dieselbe demütige
Unterwerfung, Gefügigkeit, Kritiklosigkeit gegen den Hypnotiseur wie
gegen das geliebte Objekt. Dieselbe Aufsaugung der eigenen Initiative;
kein Zweifel, der Hypnotiseur ist an die Stelle des Ichideals getreten.
Alle Verhältnisse sind in der Hypnose nur noch deutlicher und
gesteigerter, so daß es zweckmäßiger wäre, die Verliebtheit durch die
Hypnose zu erläutern als umgekehrt. Der Hypnotiseur ist das einzige
Objekt, kein anderes wird neben ihm beachtet. Daß das Ich traumhaft
erlebt, was er fordert und behauptet, mahnt uns daran, daß wir
verabsäumt haben, unter den Funktionen des Ichideals auch die Ausübung
der Realitätsprüfung zu erwähnen[24]. Kein Wunder, daß das Ich eine
Wahrnehmung für real hält, wenn die sonst mit der Aufgabe der
Realitätsprüfung betraute psychische Instanz sich für diese Realität
einsetzt. Die völlige Abwesenheit von Strebungen mit ungehemmten
Sexualzielen trägt zur extremen Reinheit der Erscheinungen weiteres bei.
Die hypnotische Beziehung ist eine uneingeschränkte verliebte Hingabe
bei Ausschluß sexueller Befriedigung, während eine solche bei der
Verliebtheit doch nur zeitweilig zurückgeschoben ist und als spätere
Zielmöglichkeit im Hintergrunde verbleibt.
[24] S. Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre. Sammlung kleiner
Schriften zur Neurosenlehre, Vierte Folge, 1918.
Anderseits können wir aber auch sagen, die hypnotische Beziehung sei --
wenn dieser Ausdruck gestattet ist -- eine Massenbildung zu zweien. Die
Hypnose ist kein gutes Vergleichsobjekt mit der Massenbildung, weil sie
vielmehr mit dieser identisch ist. Sie isoliert uns aus dem komplizierten
Gefüge der Masse ein Element, das Verhalten des Massenindividuums zum
Führer. Durch diese Einschränkung der Zahl scheidet sich die Hypnose von
der Massenbildung, wie durch den Wegfall der direkt sexuellen
Strebungen von der Verliebtheit. Sie hält insoferne die Mitte zwischen
beiden.
Es ist interessant zu sehen, daß gerade die zielgehemmten
Sexualstrebungen so dauerhafte Bindungen der Menschen aneinander
erzielen. Dies versteht sich aber leicht aus der Tatsache, daß sie einer
vollen Befriedigung nicht fähig sind, während ungehemmte
Sexualstrebungen durch die Abfuhr bei der Erreichung des jedesmaligen
Sexualziels eine außerordentliche Herabsetzung erfahren. Die sinnliche
Liebe ist dazu bestimmt, in der Befriedigung zu erlöschen; um andauern
zu können, muß sie mit rein zärtlichen, d. h. zielgehemmten Komponenten
von Anfang an versetzt sein oder eine solche Umsetzung erfahren.
Die Hypnose würde uns das Rätsel der libidinösen Konstitution einer
Masse glatt lösen, wenn sie selbst nicht noch Züge enthielte, die sich
der bisherigen rationellen Aufklärung -- als Verliebtheit bei Ausschluß
direkt sexueller Strebungen -- entziehen. Es ist noch vieles an ihr als
unverstanden, als mystisch anzuerkennen. Sie enthält einen Zusatz von
Lähmung aus dem Verhältnis eines Übermächtigen zu einem Ohnmächtigen,
Hilflosen, was etwa zur Schreckhypnose der Tiere überleitet. Die Art,
wie sie erzeugt wird, ihre Beziehung zum Schlaf, sind nicht durchsichtig,
und die rätselhafte Auswahl von Personen, die sich für sie eignen,
während andere sie gänzlich ablehnen, weist auf ein noch unbekanntes
Moment hin, welches in ihr verwirklicht wird, und das vielleicht erst
die Reinheit der Libidoeinstellungen in ihr ermöglicht. Beachtenswert
ist auch, daß häufig das moralische Gewissen der hypnotisierten Person
sich selbst bei sonst voller suggestiver Gefügigkeit resistent zeigen
kann. Aber das mag daher kommen, daß bei der Hypnose, wie sie zumeist
geübt wird, ein Wissen erhalten geblieben sein kann, es handle sich nur
um ein Spiel, eine unwahre Reproduktion einer anderen, weit
lebenswichtigeren Situation.
Durch die bisherigen Erörterungen sind wir aber voll darauf vorbereitet,
die Formel für die libidinöse Konstitution einer Masse anzugeben.
Wenigstens einer solchen Masse, wie wir sie bisher betrachtet haben, die
also einen Führer hat und nicht durch allzu viel »Organisation« sekundär
die Eigenschaften eines Individuums erwerben konnte. _Eine solche
primäre Masse ist eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe
Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt und sich infolgedessen in
ihrem Ich miteinander identifiziert haben._ Dies Verhältnis läßt eine
graphische Darstellung zu:
[Illustration]
IX.
Der Herdentrieb.
Wir werden uns nur kurze Zeit der Illusion freuen, durch diese Formel
das Rätsel der Masse gelöst zu haben. Alsbald muß uns die Mahnung
beunruhigen, daß wir ja im wesentlichen die Verweisung auf das Rätsel
der Hypnose angenommen haben, an dem so vieles noch unerledigt ist. Und
nun zeigt uns ein anderer Einwand den weiteren Weg.
Wir dürfen uns sagen, die ausgiebigen affektiven Bindungen, die wir in
der Masse erkennen, reichen voll aus, um einen ihrer Charaktere zu
erklären, den Mangel an Selbständigkeit und Initiative beim Einzelnen,
die Gleichartigkeit seiner Reaktion mit der aller anderen, sein
Herabsinken zum Massenindividuum sozusagen. Aber die Masse zeigt, wenn
wir sie als Ganzes ins Auge fassen, mehr; die Züge von Schwächung der
intellektuellen Leistung, von Ungehemmtheit der Affektivität, die
Unfähigkeit zur Mäßigung und zum Aufschub, die Neigung zur Überschreitung
aller Schranken in der Gefühlsäußerung und zur vollen Abfuhr derselben
in Handlung, dies und alles Ähnliche, was wir bei _Le Bon_ so
eindrucksvoll geschildert finden, ergibt ein unverkennbares Bild von
Regression der seelischen Tätigkeit auf eine frühere Stufe, wie wir sie
bei Wilden oder bei Kindern zu finden nicht erstaunt sind. Eine solche
Regression gehört insbesondere zum Wesen der gemeinen Massen, während
sie, wie wir gehört haben, bei hoch organisierten, künstlichen
weitgehend hintangehalten werden kann.
Wir erhalten so den Eindruck eines Zustandes, in dem die vereinzelte
Gefühlsregung und der persönliche intellektuelle Akt des Individuums zu
schwach sind, um sich allein zur Geltung zu bringen, und durchaus auf
Bekräftigung durch gleichartige Wiederholung von seiten der anderen
warten müssen. Wir werden daran erinnert, wieviel von diesen Phänomenen
der Abhängigkeit zur normalen Konstitution der menschlichen Gesellschaft
gehört, wie wenig Originalität und persönlicher Mut sich in ihr findet,
wie sehr jeder Einzelne durch die Einstellungen einer Massenseele
beherrscht wird, die sich als Rasseneigentümlichkeiten, Standesvorurteile,
öffentliche Meinung u. dgl. kundgeben. Das Rätsel des suggestiven
Einflusses vergrößert sich für uns, wenn wir zugeben, daß ein solcher
nicht allein vom Führer, sondern auch von jedem Einzelnen auf jeden
Einzelnen geübt wird, und wir machen uns den Vorwurf, daß wir die
Beziehung zum Führer einseitig herausgehoben, den anderen Faktor der
gegenseitigen Suggestion aber ungebührend zurückgedrängt haben.
Auf solche Weise zur Bescheidenheit gewiesen, werden wir geneigt sein,
auf eine andere Stimme zu horchen, welche uns Erklärung auf einfacheren
Grundlagen verspricht. Ich entnehme eine solche dem klugen Buch von W.
_Trotter_ über den Herdentrieb, an dem ich nur bedauere, daß es sich den
durch den letzten großen Krieg entfesselten Antipathien nicht ganz
entzogen hat[25].
[25] W. _Trotter_, Instincts of the Herd in Peace and War. London
1916.
_Trotter_ leitet die an der Masse beschriebenen seelischen Phänomene von
einem Herdeninstinkt (gregariousness) ab, der dem Menschen wie anderen
Tierarten angeboren zukommt. Diese Herdenhaftigkeit ist biologisch eine
Analogie und gleichsam eine Fortführung der Vielzelligkeit, im Sinne
der Libidotheorie eine weitere Äußerung der von der Libido ausgehenden
Neigung aller gleichartigen Lebewesen, sich zu immer umfassenderen
Einheiten zu vereinigen[26]. Der Einzelne fühlt sich unvollständig
(incomplete), wenn er allein ist. Schon die Angst des kleinen Kindes sei
eine Äußerung dieses Herdeninstinkts. Widerspruch gegen die Herde ist
soviel wie Trennung von ihr und wird darum angstvoll vermieden. Die
Herde lehnt aber alles Neue, Ungewohnte ab. Der Herdeninstinkt sei etwas
Primäres, nicht weiter Zerlegbares (which cannot be split up).
[26] Siehe meinen Aufsatz: Jenseits des Lustprinzips. Beiheft II zur
Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse, VI., 1920.
_Trotter_ gibt als die Reihe der von ihm als primär angenommenen Triebe
(oder Instinkte): den Selbstbehauptungs-, Ernährungs-, Geschlechts- und
Herdentrieb. Der letztere gerate oft in die Lage, sich den anderen
gegenüberzustellen. Schuldbewußtsein und Pflichtgefühl seien die
charakteristischen Besitztümer eines gregarious animal. Vom
Herdeninstinkt läßt _Trotter_ auch die verdrängenden Kräfte ausgehen,
welche die Psychoanalyse im Ich aufgezeigt hat, und folgerichtig
gleicherweise die Widerstände, auf welche der Arzt bei der
psychoanalytischen Behandlung stößt. Die Sprache verdanke ihre Bedeutung
ihrer Eignung zur gegenseitigen Verständigung in der Herde, auf ihr
beruhe zum großen Teil die Identifizierung der Einzelnen miteinander.
Wie _Le Bon_ vorwiegend die charakteristischen flüchtigen
Massenbildungen und _McDougall_ die stabilen Vergesellschaftungen, so
hat _Trotter_ die allgemeinsten Verbände, in denen der Mensch, dies
+zôon politikon+ lebt, in den Mittelpunkt seines Interesses gerückt und
deren psychologische Begründung angegeben. Für _Trotter_ bedarf es aber
keiner Ableitung des Herdentriebes, da er ihn als primär und nicht
weiter auflösbar bezeichnet. Seine Bemerkung, _Boris Sidis_ leite den
Herdentrieb von der Suggestibilität ab, ist zum Glück für ihn
überflüssig; es ist eine Erklärung nach bekanntem, unbefriedigendem
Muster, und die Umkehrung dieses Satzes, also daß die Suggestibilität
ein Abkömmling des Herdeninstinkts sei, erschiene mir bei weitem
einleuchtender.
Aber gegen _Trotters_ Darstellung läßt sich mit noch besserem Recht als
gegen die anderen einwenden, daß sie auf die Rolle des Führers in der
Masse zu wenig Rücksicht nimmt, während wir doch eher zum gegenteiligen
Urteil neigen, daß das Wesen der Masse bei Vernachlässigung des Führers
nicht zu begreifen sei. Der Herdeninstinkt läßt überhaupt für den
Führer keinen Raum, er kommt nur so zufällig zur Herde hinzu, und im
Zusammenhange damit steht, daß von diesem Trieb aus auch kein Weg zu
einem Gottesbedürfnis führt; es fehlt der Hirt zur Herde. Außerdem aber
kann man _Trotters_ Darstellung psychologisch untergraben, d. h. man
kann es zum mindesten wahrscheinlich machen, daß der Herdentrieb nicht
unzerlegbar, nicht in dem Sinne primär ist wie der Selbsterhaltungstrieb
und der Geschlechtstrieb.
Es ist natürlich nicht leicht, die Ontogenese des Herdentriebes zu
verfolgen. Die Angst des kleinen Kindes, wenn es allein gelassen wird,
die _Trotter_ bereits als Äußerung des Triebes in Anspruch nehmen will,
legt doch eine andere Deutung näher. Sie gilt der Mutter, später anderen
vertrauten Personen und ist der Ausdruck einer unerfüllten Sehnsucht,
mit der das Kind noch nichts anderes anzufangen weiß, als sie in Angst
zu verwandeln[27]. Die Angst des einsamen kleinen Kindes wird auch
nicht durch den Anblick eines beliebigen anderen »aus der Herde«
beschwichtigt, sondern im Gegenteil durch das Hinzukommen eines solchen
»Fremden« erst hervorgerufen. Dann merkt man beim Kinde lange nichts von
einem Herdeninstinkt oder Massengefühl. Ein solches bildet sich zuerst
in der mehrzähligen Kinderstube aus dem Verhältnis der Kinder zu den
Eltern, und zwar als Reaktion auf den anfänglichen Neid, mit dem das
ältere Kind das jüngere aufnimmt. Das ältere Kind möchte gewiß das
nachkommende eifersüchtig verdrängen, von den Eltern fernhalten und es
aller Anrechte berauben, aber angesichts der Tatsache, daß auch dieses
Kind -- wie alle späteren -- in gleicher Weise von den Eltern geliebt
wird, und infolge der Unmöglichkeit, seine feindselige Einstellung ohne
eigenen Schaden festzuhalten, wird es zur Identifizierung mit den
anderen Kindern gezwungen, und es bildet sich in der Kinderschar ein
Massen- oder Gemeinschaftsgefühl, welches dann in der Schule seine
weitere Entwicklung erfährt. Die erste Forderung dieser Reaktionsbildung
ist die nach Gerechtigkeit, gleicher Behandlung für alle. Es ist
bekannt, wie laut und unbestechlich sich dieser Anspruch in der Schule
äußert. Wenn man schon selbst nicht der Bevorzugte sein kann, so soll
doch wenigstens keiner von allen bevorzugt werden. Man könnte diese
Umwandlung und Ersetzung der Eifersucht durch ein Massengefühl in
Kinderstube und Schulzimmer für unwahrscheinlich halten, wenn man nicht
den gleichen Vorgang später unter anderen Verhältnissen neuerlich
beobachten würde. Man denke an die Schar von schwärmerisch verliebten
Frauen und Mädchen, die den Sänger oder Pianisten nach seiner Produktion
umdrängen. Gewiß läge es jeder von ihnen nahe, auf die andere
eifersüchtig zu sein, allein angesichts ihrer Anzahl und der damit
verbundenen Unmöglichkeit, das Ziel ihrer Verliebtheit zu erreichen,
verzichten sie darauf, und anstatt sich gegenseitig die Haare
auszuraufen, handeln sie wie eine einheitliche Masse, huldigen dem
Gefeierten in gemeinsamen Aktionen und wären etwa froh, sich in seinen
Lockenschmuck zu teilen. Sie haben sich, ursprünglich Rivalinnen, durch
die gleiche Liebe zu dem nämlichen Objekt miteinander identifizieren
können. Wenn eine Triebsituation, wie ja gewöhnlich, verschiedener
Ausgänge fähig ist, so werden wir uns nicht verwundern, daß jener
Ausgang zustande kommt, mit dem die Möglichkeit einer gewissen
Befriedigung verbunden ist, während ein anderer, selbst ein näher
liegender, unterbleibt, weil die realen Verhältnisse ihm die Erreichung
dieses Zieles versagen.
[27] Siehe Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, über die
Angst.
Was man dann später in der Gesellschaft als Gemeingeist, esprit de corps
usw. wirksam findet, verleugnet nicht seine Abkunft vom ursprünglichen
Neid. Keiner soll sich hervortun wollen, jeder das gleiche sein und
haben. Soziale Gerechtigkeit will bedeuten, daß man sich selbst vieles
versagt, damit auch die anderen darauf verzichten müssen, oder was
dasselbe ist, es nicht fordern können. Diese Gleichheitsforderung ist
die Wurzel des sozialen Gewissens und des Pflichtgefühls. In
unerwarteter Weise enthüllt sie sich in der Infektionsangst der
Syphilitiker, die wir durch die Psychoanalyse verstehen gelernt haben.
Die Angst dieser Armen entspricht ihrem heftigen Sträuben gegen den
unbewußten Wunsch, ihre Infektion auf die anderen auszubreiten, denn
warum sollten sie allein infiziert und von so vielem ausgeschlossen sein
und die anderen nicht? Auch die schöne Anekdote vom Urteil Salomonis hat
denselben Kern. Wenn der einen Frau das Kind gestorben ist, soll auch
die andere kein lebendes haben. An diesem Wunsch wird die
Verlustträgerin erkannt.
Das soziale Gefühl ruht also auf der Umwendung eines erst feindseligen
Gefühls in eine positiv betonte Bindung von der Natur einer
Identifizierung. Soweit wir den Hergang bis jetzt durchschauen können,
scheint sich diese Umwendung unter dem Einfluß einer gemeinsamen
zärtlichen Bindung an eine außer der Masse stehende Person zu
vollziehen. Unsere Analyse der Identifizierung erscheint uns selbst
nicht als erschöpfend, aber unserer gegenwärtigen Absicht genügt es,
wenn wir auf den einen Zug, daß die konsequente Durchführung der
Gleichstellung gefordert wird, zurückkommen. Wir haben bereits bei der
Erörterung der beiden künstlichen Massen, Kirche und Armee, gehört, ihre
Voraussetzung sei, daß alle von einem, dem Führer, in gleicher Weise
geliebt werden. Nun vergessen wir aber nicht, daß die Gleichheitsforderung
der Masse nur für die Einzelnen derselben, nicht für den Führer gilt.
Alle Einzelnen sollten einander gleich sein, aber alle wollen sie von
einem beherrscht werden. Viele Gleiche, die sich miteinander
identifizieren können, und ein einziger, ihnen allen Überlegener, das
ist die Situation, die wir in der lebensfähigen Masse verwirklicht
finden. Getrauen wir uns also, die Aussage _Trotter_'s, der Mensch sei
ein _Herdentier_, dahin zu korrigieren, er sei vielmehr ein
_Hordentier_, ein Einzelwesen einer von einem Oberhaupt angeführten
Horde.
X.
Die Masse und die Urhorde.
Im Jahre 1912 habe ich die Vermutung von Ch. _Darwin_ aufgenommen, daß
die Urform der menschlichen Gesellschaft die von einem starken Männchen
unumschränkt beherrschte Horde war. Ich habe darzulegen versucht, daß
die Schicksale dieser Horde unzerstörbare Spuren in der menschlichen
Erbgeschichte hinterlassen haben, speziell, daß die Entwicklung des
Totemismus, der die Anfänge von Religion, Sittlichkeit und sozialer
Gliederung in sich faßt, mit der gewaltsamen Tötung des Oberhauptes und
der Umwandlung der Vaterhorde in eine Brüdergemeinde zusammenhängt[28].
Es ist dies zwar nur eine Hypothese wie so viele andere, mit denen die
Prähistoriker das Dunkel der Urzeit aufzuhellen versuchen -- eine »just
so story« nannte sie witzig ein nicht unliebenswürdiger englischer
Kritiker (_Kroeger_) -- aber ich meine, es ist ehrenvoll für eine solche
Hypothese, wenn sie sich geeignet zeigt, Zusammenhang und Verständnis
auf immer neuen Gebieten zu schaffen.
[28] Totem und Tabu. 2. Auflage 1920.
Die menschlichen Massen zeigen uns wiederum das vertraute Bild des
überstarken Einzelnen inmitten einer Schar von gleichen Genossen, das
auch in unserer Vorstellung von der Urhorde enthalten ist. Die
Psychologie dieser Masse, wie wir sie aus den oft erwähnten
Beschreibungen kennen, -- der Schwund der bewußten Einzelpersönlichkeit,
die Orientierung von Gedanken und Gefühlen nach gleichen Richtungen,
die Vorherrschaft der Affektivität und des unbewußten Seelischen, die
Tendenz zur unverzüglichen Ausführung auftauchender Absichten, -- das
alles entspricht einem Zustand von Regression zu einer primitiven
Seelentätigkeit, wie man sie gerade der Urhorde zuschreiben möchte.
Für die Urhorde muß insbesondere gelten, was wir vorhin in der
allgemeinen Charakteristik der Menschen beschrieben haben. Der Wille
des Einzelnen war zu schwach, er getraute sich nicht der Tat. Es
kamen gar keine anderen Impulse zustande als kollektive, es gab nur
einen Gemeinwillen, keinen singulären. Die Vorstellung wagte es
nicht, sich in Willen umzusetzen, wenn sie sich nicht durch die
Wahrnehmung ihrer allgemeinen Verbreitung gestärkt fand. Diese
Schwäche der Vorstellung findet ihre Erklärung in der Stärke der
allen gemeinsamen Gefühlsbindung, aber die Gleichartigkeit der
Lebensumstände und das Fehlen eines privaten Eigentums kommen hinzu,
um die Gleichförmigkeit der seelischen Akte bei den Einzelnen zu
bestimmen. -- Auch die exkrementellen Bedürfnisse schließen, wie man
an Kindern und Soldaten merken kann, die Gemeinsamkeit nicht aus.
Die einzige mächtige Ausnahme macht der sexuelle Akt, bei dem der
Dritte zumindest überflüssig, im äußersten Fall zu einem peinlichen
Abwarten verurteilt ist. Über die Reaktion des Sexualbedürfnisses
(der Genitalbefriedigung) gegen das Herdenhafte siehe unten.
Die Masse erscheint uns so als ein Wiederaufleben der Urhorde. So wie
der Urmensch in jedem Einzelnen virtuell erhalten ist, so kann sich aus
einem beliebigen Menschenhaufen die Urhorde wieder herstellen; soweit
die Massenbildung die Menschen habituell beherrscht, erkennen wir den
Fortbestand der Urhorde in ihr. Wir müssen schließen, die Psychologie
der Masse sei die älteste Menschenpsychologie; was wir unter
Vernachlässigung aller Massenreste als Individualpsychologie isoliert
haben, hat sich erst später, allmählich und sozusagen immer noch nur
partiell aus der alten Massenpsychologie herausgehoben. Wir werden noch
den Versuch wagen, den Ausgangspunkt dieser Entwicklung anzugeben.