Anders in der katholischen Kirche. Jeder Christ liebt Christus als

sein Ideal und fühlt sich den anderen Christen durch Identifizierung

verbunden. Aber die Kirche fordert von ihm mehr. Er soll überdies

sich mit Christus identifizieren und die anderen Christen lieben, wie

Christus sie geliebt hat. Die Kirche fordert also an beiden Stellen die

Ergänzung der durch die Massenbildung gegebenen Libidoposition. Die

Identifizierung soll dort hinzukommen, wo die Objektwahl stattgefunden

hat, und die Objektliebe dort, wo die Identifizierung besteht. Dieses

Mehr geht offenbar über die Konstitution der Masse hinaus. Man kann ein

guter Christ sein und doch könnte einem die Idee, sich an Christi Stelle

zu setzen, wie er alle Menschen liebend zu umfassen, ferne liegen.

Man braucht sich ja nicht als schwacher Mensch die Seelengröße und

Liebesstärke des Heilands zuzutrauen. Aber diese Weiterentwicklung

der Libidoverteilung in der Masse ist wahrscheinlich das Moment, auf

welches das Christentum den Anspruch gründet, eine höhere Sittlichkeit

gewonnen zu haben.

B. Wir sagten, es wäre möglich, die Stelle in der seelischen Entwicklung

der Menschheit anzugeben, an der sich auch für den Einzelnen der

Fortschritt von der Massen- zur Individualpsychologie vollzog.

Das hier folgende steht unter dem Einflusse eines Gedankenaustausches

mit Otto _Rank_.

Dazu müssen wir wieder kurz auf den wissenschaftlichen Mythus vom Vater

der Urhorde zurückgreifen. Er wurde später zum Weltenschöpfer erhöht,

mit Recht, denn er hatte alle die Söhne erzeugt, welche die erste

Masse zusammensetzten. Er war das Ideal jedes einzelnen von ihnen,

gleichzeitig gefürchtet und verehrt, was für später den Begriff des

Tabu ergab. Diese Mehrheit faßte sich einmal zusammen, tötete und

zerstückelte ihn. Keiner der Massensieger konnte sich an seine Stelle

setzen, oder wenn es einer tat, erneuerten sich die Kämpfe, bis sie

einsahen, daß sie alle auf die Erbschaft des Vaters verzichten müßten.

Sie bildeten dann die totemistische Brüdergemeinschaft, alle mit

gleichem Rechte und durch die Totemverbote gebunden, die das Andenken

der Mordtat erhalten und sühnen sollten. Aber die Unzufriedenheit mit

dem Erreichten blieb und wurde die Quelle neuer Entwicklungen. Allmählich

näherten sich die zur Brudermasse Verbundenen einer Herstellung des

alten Zustandes auf neuem Niveau, der Mann wurde wiederum Oberhaupt

einer Familie und brach die Vorrechte der Frauenherrschaft, die sich in

der vaterlosen Zeit festgesetzt hatte. Zur Entschädigung mag er damals

die Muttergottheiten anerkannt haben, deren Priester kastriert wurden

zur Sicherung der Mutter nach dem Beispiel, das der Vater der Urhorde

gegeben hatte; doch war die neue Familie nur ein Schatten der alten, der

Väter waren viele und jeder durch die Rechte des anderen beschränkt.

Damals mag die sehnsüchtige Entbehrung einen Einzelnen bewogen haben,

sich von der Masse loszulösen und sich in die Rolle des Vaters zu

versetzen. Wer dies tat, war der erste epische Dichter, der Fortschritt

wurde in seiner Phantasie vollzogen. Dieser Dichter log die Wirklichkeit

um im Sinne seiner Sehnsucht. Er erfand den heroischen Mythus. Heros

war, wer allein den Vater erschlagen hatte, der im Mythus noch als

totemistisches Ungeheuer erschien. Wie der Vater das erste Ideal des

Knaben gewesen war, so schuf jetzt der Dichter im Heros, der den Vater

ersetzen will, das erste Ichideal. Die Anknüpfung an den Heros bot

wahrscheinlich der jüngste Sohn, der Liebling der Mutter, den sie vor

der väterlichen Eifersucht beschützt hatte, und der in Urhordenzeiten

der Nachfolger des Vaters geworden war. In der lügenhaften Umdichtung

der Urzeit wurde das Weib, das der Kampfpreis und die Verlockung des

Mordes gewesen war, wahrscheinlich zur Verführerin und Anstifterin der

Untat.

Der Heros will die Tat allein vollbracht haben, deren sich gewiß nur die

Horde als Ganzes getraut hatte. Doch hat nach einer Bemerkung von _Rank_

das Märchen deutliche Spuren des verleugneten Sachverhalts bewahrt. Denn

dort kommt es häufig vor, daß der Held, der eine schwierige Aufgabe zu

lösen hat -- meist ein jüngster Sohn, nicht selten einer, der sich vor

dem Vatersurrogat dumm, d. h. ungefährlich gestellt hat -- diese Aufgabe

doch nur mit Hilfe einer Schar von kleinen Tieren (Bienen, Ameisen)

lösen kann. Dies wären die Brüder der Urhorde, wie ja auch in der

Traumsymbolik Insekten, Ungeziefer die Geschwister (verächtlich: als

kleine Kinder) bedeuten. Jede der Aufgaben in Mythus und Märchen ist

überdies leicht als Ersatz der heroischen Tat zu erkennen.

Der Mythus ist also der Schritt, mit dem der Einzelne aus der

Massenpsychologie austritt. Der erste Mythus war sicherlich der

psychologische, der Heroenmythus; der erklärende Naturmythus muß weit

später aufgekommen sein. Der Dichter, der diesen Schritt getan und sich

so in der Phantasie von der Masse gelöst hatte, weiß nach einer weiteren

Bemerkung von _Rank_ doch in der Wirklichkeit die Rückkehr zu ihr zu

finden. Denn er geht hin und erzählt dieser Masse die Taten seines

Helden, die er erfunden. Dieser Held ist im Grunde kein anderer als er

selbst. Er senkt sich somit zur Realität herab und hebt seine Hörer zur

Phantasie empor. Die Hörer aber verstehen den Dichter, sie können sich

auf Grund der nämlichen sehnsüchtigen Beziehung zum Urvater mit dem

Heros identifizieren[36].

[36] Vgl. _Hanns Sachs_, Gemeinsame Tagträume, Autoreferat eines

Vortrags auf dem VI. psychoanalytischen Kongreß im Haag, 1920.

Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI, 1920.

Die Lüge des heroischen Mythus gipfelt in der Vergottung des Heros.

Vielleicht war der vergottete Heros früher als der Vatergott, der

Vorläufer der Wiederkehr des Urvaters als Gottheit. Die Götterreihe

liefe dann chronologisch so: Muttergöttin--Heros--Vatergott. Aber erst

mit der Erhöhung des nie vergessenen Urvaters erhielt die Gottheit die

Züge, die wir noch heute an ihr kennen.

In dieser abgekürzten Darstellung ist auf alles Material aus Sage,

Mythus, Märchen, Sittengeschichte usw. zur Stütze der Konstruktion

verzichtet worden.

C. Wir haben in dieser Abhandlung viel von direkten und von

zielgehemmten Sexualtrieben gesprochen und dürfen hoffen, daß diese

Unterscheidung nicht auf großen Widerstand stoßen wird. Doch wird eine

eingehende Erörterung darüber nicht unwillkommen sein, selbst wenn sie

nur wiederholt, was zum großen Teil bereits an früheren Stellen gesagt

worden ist.

Das erste, aber auch beste Beispiel zielgehemmter Sexualtriebe hat uns

die Libidoentwicklung des Kindes kennen gelehrt. Alle die Gefühle,

welche das Kind für seine Eltern und Pflegepersonen empfindet, setzen

sich ohne Schranke in die Wünsche fort, welche dem Sexualstreben des

Kindes Ausdruck geben. Das Kind verlangt von diesen geliebten Personen

alle Zärtlichkeiten, die ihm bekannt sind, will sie küssen, berühren,

beschauen, ist neugierig, ihre Genitalien zu sehen und bei ihren intimen

Exkretionsverrichtungen anwesend zu sein, es verspricht, die Mutter

oder Pflegerin zu heiraten, was immer es sich darunter vorstellen mag,

setzt sich vor, dem Vater ein Kind zu gebären usw. Direkte Beobachtung

sowie die nachträgliche analytische Durchleuchtung der Kindheitsreste

lassen über das unmittelbare Zusammenfließen zärtlicher und

eifersüchtiger Gefühle und sexueller Absichten keinen Zweifel und legen

uns dar, in wie gründlicher Weise das Kind die geliebte Person zum

Objekt aller seiner noch nicht richtig zentrierten Sexualbestrebungen

macht. (Vgl. Sexualtheorie.)

Diese erste Liebesgestaltung des Kindes, die typisch dem Ödipuskomplex

zugeordnet ist, erliegt dann, wie bekannt, vom Beginn der Latenzzeit an

einem Verdrängungsschub. Was von ihr erübrigt, zeigt sich uns als rein

zärtliche Gefühlsbindung, die denselben Personen gilt, aber nicht mehr

als »sexuell« bezeichnet werden soll. Die Psychoanalyse, welche die

Tiefen des Seelenlebens durchleuchtet, hat es nicht schwer aufzuweisen,

daß auch die sexuellen Bindungen der ersten Kinderjahre noch

fortbestehen, aber verdrängt und unbewußt. Sie gibt uns den Mut zu

behaupten, daß überall, wo wir ein zärtliches Gefühl begegnen, dies der

Nachfolger einer voll-»sinnlichen« Objektbindung an die betreffende

Person oder ihr Vorbild (ihre Imago) ist. Sie kann uns freilich nicht

ohne besondere Untersuchung verraten, ob diese vorgängige sexuelle

Vollströmung in einem gegebenen Fall noch als verdrängt besteht oder ob

sie bereits aufgezehrt ist. Um es noch schärfer zu fassen: es steht

fest, daß sie als Form und Möglichkeit noch vorhanden ist und jederzeit

wieder durch Regression besetzt, aktiviert werden kann; es fragt sich

nur und ist nicht immer zu entscheiden, welche Besetzung und Wirksamkeit

sie gegenwärtig noch hat. Man muß sich hierbei gleichmäßig vor zwei

Fehlerquellen in Acht nehmen, vor der Scylla der Unterschätzung des

verdrängten Unbewußten, wie vor der Charybdis der Neigung, das Normale

durchaus mit dem Maß des Pathologischen zu messen.

Der Psychologie, welche die Tiefe des Verdrängten nicht durchdringen

will oder kann, stellen sich die zärtlichen Gefühlsbindungen jedenfalls

als Ausdruck von Strebungen dar, die nicht nach dem Sexuellen zielen,

wenngleich sie aus solchen, die danach gestrebt haben, hervorgegangen

sind.

Die feindseligen Gefühle, um ein Stück komplizierter aufgebaut,

machen hievon keine Ausnahme.

Wir sind berechtigt zu sagen, sie sind von diesen sexuellen Zielen

abgelenkt worden, wenngleich es seine Schwierigkeiten hat, in der

Darstellung einer solchen Zielablenkung den Anforderungen der

Metapsychologie zu entsprechen. Übrigens halten diese zielgehemmten

Triebe immer noch einige der ursprünglichen Sexualziele fest; auch der

zärtlich Anhängliche, auch der Freund, der Verehrer sucht die

körperliche Nähe und den Anblick der nur mehr im »_paulinischen_« Sinne

geliebten Person. Wenn wir es wollen, können wir in dieser Zielablenkung

einen Beginn von _Sublimierung_ der Sexualtriebe anerkennen oder aber

die Grenze für letztere noch ferner stecken. Die zielgehemmten

Sexualtriebe haben vor den ungehemmten einen großen funktionellen

Vorteil. Da sie einer eigentlich vollen Befriedigung nicht fähig sind,

eignen sie sich besonders dazu, dauernde Bindungen zu schaffen, während

die direkt sexuellen jedesmal durch die Befriedigung ihrer Energie

verlustig werden und auf Erneuerung durch Wiederanhäufung der sexuellen

Libido warten müssen, wobei inzwischen das Objekt gewechselt werden

kann. Die gehemmten Triebe sind jedes Maßes von Vermengung mit den

ungehemmten fähig, können sich in sie rückverwandeln, wie sie aus

ihnen hervorgegangen sind. Es ist bekannt, wie leicht sich aus

Gefühlsbeziehungen freundschaftlicher Art, auf Anerkennung und

Bewunderung gegründet, erotische Wünsche entwickeln (das _Molière_'sche:

Embrassez-moi pour l'amour du Grec), zwischen Meister und Schülerin,

Künstler und entzückter Zuhörerin, zumal bei Frauen. Ja die Entstehung

solcher zuerst absichtsloser Gefühlsbindungen gibt direkt einen viel

begangenen Weg zur sexuellen Objektwahl. In der »Frömmigkeit des Grafen

von Zinzendorf« hat _Pfister_ ein überdeutliches, gewiß nicht

vereinzeltes Beispiel dafür aufgezeigt, wie nahe es liegt, daß auch

intensive religiöse Bindung in brünstige sexuelle Erregung

zurückschlägt. Anderseits ist auch die Umwandlung direkter, an sich

kurzlebiger, sexueller Strebungen in dauernde, bloß zärtliche Bindung

etwas sehr gewöhnliches und die Konsolidierung einer aus verliebter

Leidenschaft geschlossenen Ehe beruht zu einem großen Teil auf diesem

Vorgang.

Es wird uns natürlich nicht verwundern zu hören, daß die zielgehemmten

Sexualstrebungen sich aus den direkt sexuellen dann ergeben, wenn sich

der Erreichung der Sexualziele innere oder äußere Hindernisse

entgegenstellen. Die Verdrängung der Latenzzeit ist ein solches inneres

-- oder besser innerlich gewordenes -- Hindernis. Vom Vater der Urhorde

haben wir angenommen, daß er durch seine sexuelle Intoleranz alle Söhne

zur Abstinenz nötigt und sie so in zielgehemmte Bindungen drängt,

während er selbst sich freien Sexualgenuß vorbehält und somit ungebunden

bleibt. Alle Bindungen, auf denen die Masse beruht, sind von der Art der

zielgehemmten Triebe. Damit aber haben wir uns der Erörterung eines

neuen Themas genähert, welches die Beziehung der direkten Sexualtriebe

zur Massenbildung behandelt.

D. Wir sind bereits durch die beiden letzten Bemerkungen darauf

vorbereitet zu finden, daß die direkten Sexualstrebungen der Massenbildung

ungünstig sind. Es hat zwar auch in der Entwicklungsgeschichte der Familie

Massenbeziehungen der sexuellen Liebe gegeben (die Gruppenehe), aber je

bedeutungsvoller die Geschlechtsliebe für das Ich wurde, je mehr

Verliebtheit sie entwickelte, desto eindringlicher forderte sie die

Einschränkung auf zwei Personen -- una cum uno --, die durch die Natur

des Genitalziels vorgezeichnet ist. Die polygamen Neigungen wurden

darauf angewiesen, sich im Nacheinander des Objektwechsels zu

befriedigen.

Die beiden zum Zweck der Sexualbefriedigung aufeinander angewiesenen

Personen demonstrieren gegen den Herdentrieb, das Massengefühl,

indem sie die Einsamkeit aufsuchen. Je verliebter sie sind, desto

vollkommener genügen sie einander. Die Ablehnung des Einflusses

der Masse äußert sich als Schamgefühl. Die äußerst heftigen

Gefühlsregungen der Eifersucht werden aufgeboten, um die sexuelle

Objektwahl gegen die Beeinträchtigung durch eine Massenbindung zu

schützen. Nur, wenn der zärtliche, also persönliche, Faktor der

Liebesbeziehung völlig hinter dem sinnlichen zurücktritt, wird der

Liebesverkehr eines Paares in Gegenwart anderer oder gleichzeitige

Sexualakte innerhalb einer Gruppe wie bei der Orgie möglich.

Damit ist aber eine Regression zu einem frühen Zustand der

Geschlechtsbeziehungen gegeben, in dem die Verliebtheit noch keine

Rolle spielte, die Sexualobjekte einander gleichwertig erachtet

wurden, etwa im Sinne von dem bösen Wort _Bernard Shaw_'s:

Verliebtsein heiße, den Unterschied zwischen einem Weib und einem

anderen ungebührlich überschätzen.

Es sind reichlich Anzeichen dafür vorhanden, daß die Verliebtheit

erst spät in die Sexualbeziehungen zwischen Mann und Weib Eingang

fand, so daß auch die Gegnerschaft zwischen Geschlechtsliebe und

Massenbindung eine spät entwickelte ist. Nun kann es den Anschein

haben, als ob diese Annahme unverträglich mit unserem Mythus von der

Urfamilie wäre. Die Brüderschar soll doch durch die Liebe zu den

Müttern und Schwestern zum Vatermord getrieben worden sein, und es

ist schwer, sich diese Liebe anders denn als eine ungebrochene,

primitive, d. h. als innige Vereinigung von zärtlicher und

sinnlicher vorzustellen. Allein bei weiterer Überlegung löst sich

dieser Einwand in eine Bestätigung auf. Eine der Reaktionen auf den

Vatermord war doch die Einrichtung der totemistischen Exogamie, das

Verbot jeder sexuellen Beziehung mit den von Kindheit an zärtlich

geliebten Frauen der Familie. Damit war der Keil zwischen die

zärtlichen und sinnlichen Regungen des Mannes eingetrieben, der

heute noch in seinem Liebesleben festsitzt[37]. Infolge dieser

Exogamie mußten sich die sinnlichen Bedürfnisse der Männer mit

fremden und ungeliebten Frauen begnügen.

[37] S. Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens, 1912,

Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge.

In den großen künstlichen Massen, Kirche und Heer, ist für das Weib als

Sexualobjekt kein Platz. Die Liebesbeziehung zwischen Mann und Weib

bleibt außerhalb dieser Organisationen. Auch wo sich Massen bilden, die

aus Männern und Weibern gemischt sind, spielt der Geschlechtsunterschied

keine Rolle. Es hat kaum einen Sinn zu fragen, ob die Libido, welche die

Massen zusammenhält, homosexueller oder heterosexueller Natur ist, denn

sie ist nicht nach den Geschlechtern differenziert und sieht insbesondere

von den Zielen der Genitalorganisation der Libido völlig ab.

Die direkten Sexualstrebungen erhalten auch für das sonst in der Masse

aufgehende Einzelwesen ein Stück individueller Betätigung. Wo sie

überstark werden, zersetzen sie jede Massenbildung. Die katholische

Kirche hatte die besten Motive, ihren Gläubigen die Ehelosigkeit zu

empfehlen und ihren Priestern das Zölibat aufzuerlegen, aber die

Verliebtheit hat oft auch Geistliche zum Austritt aus der Kirche

getrieben. In gleicher Weise durchbricht die Liebe zum Weibe die

Massenbindungen der Rasse, der nationalen Absonderung und der sozialen

Klassenordnung und vollbringt damit kulturell wichtige Leistungen.

Es scheint gesichert, daß sich die homosexuelle Liebe mit den

Massenbindungen weit besser verträgt, auch wo sie als ungehemmte

Sexualstrebung auftritt; eine merkwürdige Tatsache, deren Aufklärung

weit führen dürfte.

Die psychoanalytische Untersuchung der Psychoneurosen hat uns gelehrt,

daß deren Symptome von verdrängten, aber aktiv gebliebenen direkten

Sexualstrebungen abzuleiten sind. Man kann diese Formel vervollständigen,

wenn man hinzufügt: oder von solchen zielgehemmten, bei denen die Hemmung

nicht durchgehends gelungen ist oder einer Rückkehr zum verdrängten

Sexualziel den Platz geräumt hat. Diesem Verhältnis entspricht, daß die

Neurose asozial macht, den von ihr Betroffenen aus den habituellen

Massenbildungen heraushebt. Man kann sagen, die Neurose wirkt in

ähnlicher Weise zersetzend auf die Masse wie die Verliebtheit. Dafür

kann man sehen, daß dort, wo ein kräftiger Anstoß zur Massenbildung

erfolgt ist, die Neurosen zurücktreten und wenigstens für eine Zeitlang

schwinden können. Man hat auch mit Recht versucht, diesen Widerstreit

von Neurose und Massenbildung therapeutisch zu verwerten. Auch wer das

Schwinden der religiösen Illusionen in der heutigen Kulturwelt nicht

bedauert, wird zugestehen, daß sie den durch sie Gebundenen den

stärksten Schutz gegen die Gefahr der Neurose boten, so lange sie selbst

noch in Kraft waren. Es ist auch nicht schwer, in all den Bindungen

an mystisch-religiöse oder philosophisch-mystische Sekten und

Gemeinschaften den Ausdruck von Schiefheilungen mannigfaltiger Neurosen

zu erkennen. Das alles hängt mit dem Gegensatz der direkten und der

zielgehemmten Sexualstrebungen zusammen.

Sich selbst überlassen ist der Neurotiker genötigt, sich die großen

Massenbildungen, von denen er ausgeschlossen ist, durch seine

Symptombildungen zu ersetzen. Er schafft sich seine eigene

Phantasiewelt, seine Religion, sein Wahnsystem und wiederholt so die

Institutionen der Menschheit in einer Verzerrung, welche deutlich den

übermächtigen Beitrag der direkten Sexualstrebungen bezeugt[38].

[38] S. Totem und Tabu, zu Ende des Abschnitts II: Das Tabu und die

Ambivalenz.

E. Fügen wir zum Schluß eine vergleichende Würdigung der Zustände, die

uns beschäftigt haben, vom Standpunkt der Libidotheorie an, der

Verliebtheit, Hypnose, Massenbildung und der Neurose.

Die _Verliebtheit_ beruht auf dem gleichzeitigen Vorhandensein von

direkten und von zielgehemmten Sexualstrebungen, wobei das Objekt einen

Teil der narzißtischen Ichlibido auf sich zieht. Sie hat nur Raum für

das Ich und das Objekt.

Die _Hypnose_ teilt mit der Verliebtheit die Einschränkung auf diese

beiden Personen, aber sie beruht durchaus auf zielgehemmten

Sexualstrebungen und setzt das Objekt an die Stelle des Ichideals.

Die _Masse_ vervielfältigt diesen Vorgang, sie stimmt mit der Hypnose

in der Natur der sie zusammenhaltenden Triebe und in der Ersetzung des

Ichideals durch das Objekt überein, aber sie fügt die Identifizierung

mit anderen Individuen hinzu, die vielleicht ursprünglich durch die

gleiche Beziehung zum Objekt ermöglicht wurde.

Beide Zustände, Hypnose wie Massenbildung, sind Erbniederschläge aus

der Phylogenese der menschlichen Libido, die Hypnose als Disposition,

die Masse überdies als direktes Überbleibsel. Die Ersetzung der direkten

Sexualstrebungen durch die zielgehemmten befördert bei beiden die

Sonderung von Ich und Ichideal, zu der bei der Verliebtheit schon ein

Anfang gemacht ist.

Die _Neurose_ tritt aus dieser Reihe heraus. Auch sie beruht auf einer

Eigentümlichkeit der menschlichen Libidoentwicklung, auf dem durch die

Latenzzeit unterbrochenen, doppelten Ansatz der direkten Sexualfunktion.

(S. Sexualtheorie, 4. Aufl., 1920, S. 96.)

Insoferne teilt sie mit Hypnose und Massenbildung den Charakter einer

Regression, welcher der Verliebtheit abgeht. Sie tritt überall dort auf,

wo der Fortschritt von direkten zu zielgehemmten Sexualtrieben nicht

voll geglückt ist, und entspricht einem _Konflikt_ zwischen den ins Ich

aufgenommenen Trieben, welche eine solche Entwicklung durchgemacht

haben, und den Anteilen derselben Triebe, welche vom verdrängten

Unbewußten her -- ebenso wie andere völlig verdrängte Triebregungen --

nach ihrer direkten Befriedigung streben. Sie ist inhaltlich ungemein

reichhaltig, da sie alle möglichen Beziehungen zwischen Ich und Objekt

umfaßt, sowohl die, in denen das Objekt beibehalten als auch andere, in

denen es aufgegeben oder im Ich selbst aufgerichtet ist, aber ebenso die

Konfliktbeziehungen zwischen dem Ich und seinem Ichideal.

[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei

jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile

steht.

[10] _Brugeilles_, L'essence du phénomène social: la suggestion Revue

[10] _Brugeilles_, L'essence du phénomène social: la suggestion. Revue

frißt nur die, die er lieb hat[19]

frißt nur die, die er lieb hat.[19]

den direkten Sexualzielen an. In ungünstigen Fällen bleiben sie als

den direkten Sexualzielen ein. In ungünstigen Fällen bleiben sie als

Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse, VI., 1920

Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse, VI., 1920.

Wir sind bereits durch die beiden letzten Bemerkungen darauf

D. Wir sind bereits durch die beiden letzten Bemerkungen darauf

Teil der narzistischen Ichlibido auf sich zieht. Sie hat nur Raum für

Teil der narzißtischen Ichlibido auf sich zieht. Sie hat nur Raum für

]

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Massenpsychologie und Ich-Analyse · 第 6 / 6 段