Wenn sich die Feindseligkeit gegen sonst geliebte Personen richtet,

bezeichnen wir es als Gefühlsambivalenz und erklären uns diesen Fall in

wahrscheinlich allzu rationeller Weise durch die vielfachen Anlässe zu

Interessenkonflikten, die sich gerade in so intimen Beziehungen ergeben.

In den unverhüllt hervortretenden Abneigungen und Abstoßungen gegen

nahestehende Fremde können wir den Ausdruck einer Selbstliebe, eines

Narzißmus, erkennen, der seine Selbstbehauptung anstrebt und sich so

benimmt, als ob das Vorkommen einer Abweichung von seinen individuellen

Ausbildungen eine Kritik derselben und eine Aufforderung sie umzugestalten

mit sich brächte. Warum sich eine so große Empfindlichkeit gerade auf

diese Einzelheiten der Differenzierung geworfen haben sollte, wissen wir

nicht; es ist aber unverkennbar, daß sich in diesem ganzen Verhalten der

Menschen eine Haßbereitschaft, eine Aggressivität kundgibt, deren

Herkunft unbekannt ist, und der man einen elementaren Charakter

zusprechen möchte.

In einer kürzlich (1920) veröffentlichten Schrift »Jenseits des

Lustprinzips« habe ich versucht, die Polarität von Lieben und Hassen

mit einem angenommenen Gegensatz von Lebens- und Todestrieben zu

verknüpfen, und die Sexualtriebe als die reinsten Vertreter der

ersteren, der Lebenstriebe, hinzustellen.

Aber all diese Intoleranz schwindet, zeitweilig oder dauernd, durch die

Massenbildung und in der Masse. Solange die Massenbildung anhält oder

soweit sie reicht, benehmen sich die Individuen als wären sie

gleichförmig, dulden sie die Eigenart des anderen, stellen sich ihm

gleich und verspüren kein Gefühl der Abstoßung gegen ihn. Eine solche

Einschränkung des Narzißmus kann nach unseren theoretischen Anschauungen

nur durch ein Moment erzeugt werden, durch libidinöse Bindung an andere

Personen. Die Selbstliebe findet nur an der Fremdliebe, Liebe zu

Objekten, eine Schranke[18]. Man wird sofort die Frage aufwerfen, ob

nicht die Interessengemeinschaft, an und für sich und ohne jeden

libidinösen Beitrag, zur Duldung des anderen und zur Rücksichtnahme

auf ihn führen muß. Man wird diesem Einwand mit dem Bescheid begegnen,

daß auf solche Weise eine bleibende Einschränkung des Narzißmus doch

nicht zustande kommt, da diese Toleranz nicht länger anhält als der

unmittelbare Vorteil, den man aus der Mitarbeit des anderen zieht.

Allein der praktische Wert dieser Streitfrage ist geringer, als man

meinen sollte, denn die Erfahrung hat gezeigt, daß sich im Falle der

Mitarbeiterschaft regelmäßig libidinöse Bedingungen zwischen den

Kameraden herstellen, welche die Beziehung zwischen ihnen über das

Vorteilhafte hinaus verlängern und fixieren. Es geschieht in den

sozialen Beziehungen der Menschen dasselbe, was der psychoanalytischen

Forschung in dem Entwicklungsgang der individuellen Libido bekannt

geworden ist. Die Libido lehnt sich an die Befriedigung der großen

Lebensbedürfnisse an und wählt die daran beteiligten Personen zu ihren

ersten Objekten. Und wie beim Einzelnen, so hat auch in der Entwicklung

der ganzen Menschheit nur die Liebe als Kulturfaktor im Sinne einer

Wendung vom Egoismus zum Altruismus gewirkt. Und zwar sowohl die

geschlechtliche Liebe zum Weibe mit all den aus ihr fließenden

Nötigungen das zu verschonen, was dem Weibe lieb war, als auch die

desexualisierte, sublimiert homosexuelle Liebe zum anderen Manne, die

sich aus der gemeinsamen Arbeit ergab.

[18] S. Zur Einführung des Narzißmus 1914, Sammlung kleiner Schriften

zur Neurosenlehre, vierte Folge 1918.

Wenn also in der Masse Einschränkungen der narzißtischen Eigenliebe

auftreten, die außerhalb derselben nicht wirken, so ist dies ein

zwingender Hinweis darauf, daß das Wesen der Massenbildung in

neuartigen libidinösen Bindungen der Massenmitglieder aneinander

besteht.

Nun wird aber unser Interesse dringend fragen, welcher Art diese

Bindungen in der Masse sind. In der psychoanalytischen Neurosenlehre

haben wir uns bisher fast ausschließlich mit der Bindung solcher

Liebestriebe an ihre Objekte beschäftigt, die noch direkte Sexualziele

verfolgen. Um solche Sexualziele kann es sich in der Masse offenbar

nicht handeln. Wir haben es hier mit Liebestrieben zu tun, die ohne

darum minder energisch zu wirken, doch von ihren ursprünglichen Zielen

abgelenkt sind. Nun haben wir bereits im Rahmen der gewöhnlichen

sexuellen Objektbesetzung Erscheinungen bemerkt, die einer Ablenkung des

Triebs von seinem Sexualziel entsprechen. Wir haben sie als Grade von

Verliebtheit beschrieben und erkannt, daß sie eine gewisse Beeinträchtigung

des Ichs mit sich bringen. Diesen Erscheinungen der Verliebtheit werden

wir jetzt eingehendere Aufmerksamkeit zuwenden, in der begründeten

Erwartung, an ihnen Verhältnisse zu finden, die sich auf die Bindungen

in den Massen übertragen lassen. Außerdem möchten wir aber wissen, ob

diese Art der Objektbesetzung, wie wir sie aus dem Geschlechtsleben

kennen, die einzige Weise der Gefühlsbindung an eine andere Person

darstellt, oder ob wir noch andere solche Mechanismen in Betracht zu

ziehen haben. Wir erfahren tatsächlich aus der Psychoanalyse, daß es

noch andere Mechanismen der Gefühlsbindung gibt, die sogenannten

_Identifizierungen_, ungenügend bekannte, schwer darzustellende

Vorgänge, deren Untersuchung uns nun eine gute Weile vom Thema der

Massenpsychologie fernhalten wird.

VII.

Die Identifizierung.

Die Identifizierung ist der Psychoanalyse als früheste Äußerung einer

Gefühlsbindung an eine andere Person bekannt. Sie spielt in der

Vorgeschichte des Ödipuskomplexes eine Rolle. Der kleine Knabe legt ein

besonderes Interesse für seinen Vater an den Tag, er möchte so werden

und so sein wie er, in allen Stücken an seine Stelle treten. Sagen wir

ruhig: er nimmt den Vater zu seinem Ideal. Dies Verhalten hat nichts mit

einer passiven oder femininen Einstellung zum Vater (und zum Manne

überhaupt) zu tun, es ist vielmehr exquisit männlich. Es verträgt sich

sehr wohl mit dem Ödipuskomplex, den es vorbereiten hilft.

Gleichzeitig mit dieser Identifizierung mit dem Vater oder etwas später,

hat der Knabe begonnen, eine richtige Objektbesetzung der Mutter nach

dem Anlehnungstypus vorzunehmen. Er zeigt also dann zwei psychologisch

verschiedene Bindungen, zur Mutter eine glatt sexuelle Objektbesetzung,

zum Vater eine vorbildliche Identifizierung. Die beiden bestehen eine

Weile nebeneinander, ohne gegenseitige Beeinflussung oder Störung.

Infolge der unaufhaltsam fortschreitenden Vereinheitlichung des

Seelenlebens treffen sie sich endlich und durch dies Zusammenströmen

entsteht der normale Ödipuskomplex. Der Kleine merkt, daß ihm der Vater

bei der Mutter im Wege steht; seine Identifizierung mit dem Vater nimmt

jetzt eine feindselige Tönung an und wird mit dem Wunsch identisch, den

Vater auch bei der Mutter zu ersetzen. Die Identifizierung ist eben von

Anfang an ambivalent, sie kann sich ebenso zum Ausdruck der Zärtlichkeit

wie zum Wunsch der Beseitigung wenden. Sie benimmt sich wie ein

Abkömmling der ersten _oralen_ Phase der Libidoorganisation, in welcher

man sich das begehrte und geschätzte Objekt durch Essen einverleibte und

es dabei als solches vernichtete. Der Kannibale bleibt bekanntlich auf

diesem Standpunkt stehen; er hat seine Feinde zum Fressen lieb, und er

frißt nur die, die er lieb hat.[19]

[19] S. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie und _Abraham_:

»Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe der

Libido«. Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IV, 1916, auch in dessen

»Klinische Beiträge zur Psychoanalyse.« Intern. psychoanalyt.

Bibliothek. Bd. 10, 1921.

Das Schicksal dieser Vateridentifizierung verliert man später leicht aus

den Augen. Es kann dann geschehen, daß der Ödipuskomplex eine Umkehrung

erfährt, daß der Vater in femininer Einstellung zum Objekte genommen

wird, von dem die direkten Sexualtriebe ihre Befriedigung erwarten, und

dann ist die Vateridentifizierung zum Vorläufer der Objektbindung an den

Vater geworden. Dasselbe gilt mit den entsprechenden Ersetzungen auch

für die kleine Tochter.

Es ist leicht, den Unterschied einer solchen Vateridentifizierung von

einer Vaterobjektwahl in einer Formel auszusprechen. Im ersten Falle ist

der Vater das, was man _sein_, im zweiten das, was man _haben_ möchte.

Es ist also der Unterschied, ob die Bindung am Subjekt oder am Objekt

des Ichs angreift. Die erstere ist darum bereits vor jeder sexuellen

Objektwahl möglich. Es ist weit schwieriger, diese Verschiedenheit

metapsychologisch anschaulich darzustellen. Man erkennt nur, die

Identifizierung strebt danach, das eigene Ich ähnlich zu gestalten wie

das andere zum »Vorbild« genommene.

Aus einem verwickelteren Zusammenhange lösen wir die Identifizierung bei

einer neurotischen Symptombildung. Das kleine Mädchen, an das wir uns

jetzt halten wollen, bekomme dasselbe Leidenssymptom wie seine Mutter,

z. B. denselben quälenden Husten. Das kann nun auf verschiedenen

Wegen zugehen. Entweder ist die Identifizierung dieselbe aus dem

Ödipuskomplex, die ein feindseliges Ersetzenwollen der Mutter bedeutet,

und das Symptom drückt die Objektliebe zum Vater aus; es realisiert die

Ersetzung der Mutter unter dem Einfluß des Schuldbewußtseins: Du hast

die Mutter sein wollen, jetzt bist du's wenigstens im Leiden. Das ist

dann der komplette Mechanismus der hysterischen Symptombildung. Oder

aber, das Symptom ist dasselbe wie das der geliebten Person (so wie

z. B. Dora im »Bruchstück einer Hysterieanalyse« den Husten des Vaters

imitiert); dann können wir den Sachverhalt nur so beschreiben, _die

Identifizierung sei an Stelle der Objektwahl getreten, die Objektwahl

sei zur Identifizierung regrediert_. Wir haben gehört, daß die

Identifizierung die früheste und ursprünglichste Form der Gefühlsbindung

ist; unter den Verhältnissen der Symptombildung, also der Verdrängung,

und der Herrschaft der Mechanismen des Unbewußten kommt es oft vor,

daß die Objektwahl wieder zur Identifizierung wird, also das Ich die

Eigenschaften des Objekts an sich nimmt. Bemerkenswert ist es, daß das

Ich bei diesen Identifizierungen das eine Mal die ungeliebte, das andere

Mal aber die geliebte Person kopiert. Es muß uns auch auffallen, daß

beide Male die Identifizierung eine partielle, höchst beschränkte ist,

nur einen einzigen Zug von der Objektperson entlehnt.

Es ist ein dritter, besonders häufiger und bedeutsamer Fall der

Symptombildung, daß die Identifizierung vom Objektverhältnis zur

kopierten Person ganz absieht. Wenn z. B. eines der Mädchen im Pensionat

einen Brief vom geheim Geliebten bekommen hat, der ihre Eifersucht

erregt, und auf den sie mit einem hysterischen Anfall reagiert, so

werden einige ihrer Freundinnen, die darum wissen, diesen Anfall

übernehmen, wie wir sagen, auf dem Wege der psychischen Infektion. Der

Mechanismus ist der der Identifizierung auf Grund des sich in dieselbe

Lage Versetzenkönnens oder Versetzenwollens. Die anderen möchten auch

ein geheimes Liebesverhältnis haben und akzeptieren unter dem Einfluß

des Schuldbewußtseins auch das damit verbundene Leid. Es wäre unrichtig,

zu behaupten, sie eignen sich das Symptom aus Mitgefühl an. Im Gegenteil,

das Mitgefühl entsteht erst aus der Identifizierung, und der Beweis

hiefür ist, daß sich solche Infektion oder Imitation auch unter

Umständen herstellt, wo noch geringere vorgängige Sympathie zwischen

beiden anzunehmen ist, als unter Pensionsfreundinnen zu bestehen pflegt.

Das eine Ich hat am anderen eine bedeutsame Analogie in einem Punkte

wahrgenommen, in unserem Beispiel in der gleichen Gefühlsbereitschaft,

es bildet sich daraufhin eine Identifizierung in diesem Punkte, und

unter dem Einfluß der pathogenen Situation verschiebt sich diese

Identifizierung zum Symptom, welches das eine Ich produziert hat. Die

Identifizierung durch das Symptom wird so zum Anzeichen für eine

Deckungsstelle der beiden Ich, die verdrängt gehalten werden soll.

Das aus diesen drei Quellen Gelernte können wir dahin zusammenfassen,

daß erstens die Identifizierung die ursprünglichste Form der

Gefühlsbindung an ein Objekt ist, zweitens daß sie auf regressivem Wege

zum Ersatz für eine libidinöse Objektbindung wird, gleichsam durch

Introjektion des Objekts ins Ich, und daß sie drittens bei jeder neu

wahrgenommenen Gemeinsamkeit mit einer Person, die nicht Objekt der

Sexualtriebe ist, entstehen kann. Je bedeutsamer diese Gemeinsamkeit

ist, desto erfolgreicher muß diese partielle Identifizierung werden

können und so dem Anfang einer neuen Bindung entsprechen.

Wir ahnen bereits, daß die gegenseitige Bindung der Massenindividuen von

der Natur einer solchen Identifizierung durch eine wichtige affektive

Gemeinsamkeit ist, und können vermuten, diese Gemeinsamkeit liege in der

Art der Bindung an den Führer. Eine andere Ahnung kann uns sagen, daß

wir weit davon entfernt sind, das Problem der Identifizierung erschöpft

zu haben, daß wir vor dem Vorgang stehen, den die Psychologie

»Einfühlung« heißt, und der den größten Anteil an unserem Verständnis

für das Ichfremde anderer Personen hat. Aber wir wollen uns hier auf die

nächsten affektiven Wirkungen der Identifizierung beschränken und ihre

Bedeutung für unser intellektuelles Leben beiseite lassen.

Die psychoanalytische Forschung, die gelegentlich auch schon die

schwierigeren Probleme der Psychosen in Angriff genommen hat, konnte uns

auch die Identifizierung in einigen anderen Fällen aufzeigen, die

unserem Verständnis nicht ohne weiteres zugänglich sind. Ich werde zwei

dieser Fälle als Stoff für unsere weiteren Überlegungen ausführlich

behandeln.

Die Genese der männlichen Homosexualität ist in einer großen Reihe von

Fällen die folgende: Der junge Mann ist ungewöhnlich lange und intensiv

im Sinne des Ödipuskomplexes an seine Mutter fixiert gewesen. Endlich

kommt doch nach vollendeter Pubertät die Zeit, die Mutter gegen ein

anderes Sexualobjekt zu vertauschen. Da geschieht eine plötzliche

Wendung; der Jüngling verläßt nicht seine Mutter, sondern identifiziert

sich mit ihr, er wandelt sich in sie um und sucht jetzt nach Objekten,

die ihm sein Ich ersetzen können, die er so lieben und pflegen kann, wie

er es von der Mutter erfahren hatte. Dies ist ein häufiger Vorgang, der

beliebig oft bestätigt werden kann und natürlich ganz unabhängig von

jeder Annahme ist, die man über die organische Triebkraft und die Motive

jener plötzlichen Wandlung macht. Auffällig an dieser Identifizierung

ist ihre Ausgiebigkeit, sie wandelt das Ich in einem höchst wichtigen

Stück, im Sexualcharakter, nach dem Vorbild des bisherigen Objekts um.

Dabei wird das Objekt selbst aufgegeben, ob durchaus oder nur in dem

Sinne, daß es im Unbewußten erhalten bleibt, steht hier außer

Diskussion. Die Identifizierung mit dem aufgegebenen oder verlorenen

Objekt zum Ersatz desselben, die Introjektion dieses Objekts ins Ich,

ist für uns allerdings keine Neuheit mehr. Ein solcher Vorgang läßt sich

gelegentlich am kleinen Kind unmittelbar beobachten. Kürzlich wurde

in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse eine solche

Beobachtung veröffentlicht, daß ein Kind, das unglücklich über den

Verlust eines Kätzchens war, frischweg erklärte, es sei jetzt selbst das

Kätzchen, dem entsprechend auf allen Vieren kroch, nicht am Tische essen

wollte usw.[20]

[20] _Markuszewicz_, Beitrag zum autistischen Denken bei Kindern,

Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI., 1920.

Ein anderes Beispiel von solcher Introjektion des Objekts hat uns die

Analyse der Melancholie gegeben, welche Affektion ja den realen oder

affektiven Verlust des geliebten Objekts unter ihre auffälligsten

Veranlassungen zählt. Ein Hauptcharakter dieser Fälle ist die grausame

Selbstherabsetzung des Ichs in Verbindung mit schonungsloser Selbstkritik

und bitteren Selbstvorwürfen. Analysen haben ergeben, daß diese

Einschätzung und diese Vorwürfe im Grunde dem Objekt gelten und die

Rache des Ichs an diesem darstellen. Der Schatten des Objekts ist auf

das Ich gefallen, sagte ich an anderer Stelle. Die Introjektion des

Objekts ist hier von unverkennbarer Deutlichkeit.

Diese Melancholien zeigen uns aber noch etwas anderes, was für unsere

späteren Betrachtungen wichtig werden kann. Sie zeigen uns das Ich

geteilt, in zwei Stücke zerfällt, von denen das eine gegen das andere

wütet. Dies andere Stück ist das durch Introjektion veränderte, das das

verlorene Objekt einschließt. Aber auch das Stück, das sich so grausam

betätigt, ist uns nicht unbekannt. Es schließt das Gewissen ein, eine

kritische Instanz im Ich, die sich auch in normalen Zeiten dem Ich

kritisch gegenübergestellt hat, nur niemals so unerbittlich und so

ungerecht. Wir haben schon bei früheren Anlässen die Annahme machen

müssen (Narzißmus, Trauer und Melancholie), daß sich in unserem Ich eine

solche Instanz entwickelt, welche sich vom anderen Ich absondern und in

Konflikte mit ihm geraten kann. Wir nannten sie das »Ichideal« und

schrieben ihr an Funktionen die Selbstbeobachtung, das moralische

Gewissen, die Traumzensur und den Haupteinfluß bei der Verdrängung zu.

Wir sagten, sie sei der Erbe des ursprünglichen Narzißmus, in dem das

kindliche Ich sich selbst genügte. Allmählich nehme sie aus den

Einflüssen der Umgebung die Anforderungen auf, die diese an das Ich

stelle, denen das Ich nicht immer nachkommen könne, so daß der Mensch,

wo er mit seinem Ich selbst nicht zufrieden sein kann, doch seine

Befriedigung in dem aus dem Ich differenzierten Ichideal finden dürfe.

Im Beobachtungswahn, stellten wir ferner fest, werde der Zerfall dieser

Instanz offenkundig und dabei ihre Herkunft aus den Einflüssen der

Autoritäten, voran der Eltern, aufgedeckt[21]. Wir haben aber nicht

vergessen anzuführen, daß das Maß der Entfernung dieses Ichideals vom

aktuellen Ich für das einzelne Individuum sehr variabel ist, und daß bei

vielen diese Differenzierung innerhalb des Ichs nicht weiter reicht als

beim Kinde.

[21] Zur Einführung des Narzißmus, l. c.

Ehe wir aber diesen Stoff zum Verständnis der libidinösen Organisation

einer Masse verwenden können, müssen wir einige andere der

Wechselbeziehungen zwischen Objekt und Ich in Betracht ziehen.

Wir wissen sehr gut, daß wir mit diesen der Pathologie entnommenen

Beispielen das Wesen der Identifizierung nicht erschöpft haben und

somit am Rätsel der Massenbildung ein Stück unangerührt lassen. Hier

müßte eine viel gründlichere und mehr umfassende psychologische

Analyse eingreifen: Von der Identifizierung führt ein Weg über die

Nachahmung zur Einfühlung, d. h. zum Verständnis des Mechanismus,

durch den uns überhaupt eine Stellungnahme zu einem anderen

Seelenleben ermöglicht wird. Auch an den Äußerungen einer

bestehenden Identifizierung ist noch vieles aufzuklären. Sie hat

unter anderem die Folge, daß man die Aggression gegen die Person,

mit der man sich identifiziert hat, einschränkt, sie verschont und

ihr Hilfe leistet. Das Studium solcher Identifizierungen, wie sie

z. B. der Clangemeinschaft zugrunde liegen, ergab _Robertson Smith_

das überraschende Resultat, daß sie auf der Anerkennung einer

gemeinsamen Substanz beruhen (Kinship and Marriage, 1885), daher

auch durch eine gemeinsam genommene Mahlzeit geschaffen werden

können. Dieser Zug gestattet es, eine solche Identifizierung mit der

von mir in »Totem und Tabu« konstruierten Urgeschichte der

menschlichen Familie zu verknüpfen.

VIII.

Verliebtheit und Hypnose.

Der Sprachgebrauch bleibt selbst in seinen Launen irgend einer Wirklichkeit

treu. So nennt er zwar sehr mannigfaltige Gefühlsbeziehungen »Liebe«,

die auch wir theoretisch als Liebe zusammenfassen, zweifelt aber dann

wieder, ob diese Liebe die eigentliche, richtige, wahre sei, und deutet

so auf eine ganze Stufenleiter von Möglichkeiten innerhalb der

Liebesphänomene hin. Es wird uns auch nicht schwer, dieselbe in der

Beobachtung aufzufinden.

In einer Reihe von Fällen ist die Verliebtheit nichts anderes als

Objektbesetzung von seiten der Sexualtriebe zum Zweck der direkten

Sexualbefriedigung, die auch mit der Erreichung dieses Zieles erlischt;

das ist das, was man die gemeine, sinnliche Liebe heißt. Aber wie

bekannt, bleibt die libidinöse Situation selten so einfach. Die

Sicherheit, mit der man auf das Wiedererwachen des eben erloschenen

Bedürfnisses rechnen konnte, muß wohl das nächste Motiv gewesen sein,

dem Sexualobjekt eine dauernde Besetzung zuzuwenden, es auch in den

begierdefreien Zwischenzeiten zu »lieben«.

Aus der sehr merkwürdigen Entwicklungsgeschichte des menschlichen

Liebeslebens kommt ein zweites Moment hinzu. Das Kind hatte in der

ersten, mit fünf Jahren meist schon abgeschlossenen Phase in einem

Elternteil ein erstes Liebesobjekt gefunden, auf welches sich alle seine

Befriedigung heischenden Sexualtriebe vereinigt hatten. Die dann

eintretende Verdrängung erzwang den Verzicht auf die meisten dieser

kindlichen Sexualziele und hinterließ eine tiefgreifende Modifikation

des Verhältnisses zu den Eltern. Das Kind blieb fernerhin an die Eltern

gebunden, aber mit Trieben, die man »zielgehemmte« nennen muß. Die

Gefühle, die es von nun an für diese geliebten Personen empfindet,

werden als »zärtliche« bezeichnet. Es ist bekannt, daß im Unbewußten die

früheren »sinnlichen« Strebungen mehr oder minder stark erhalten

bleiben, so daß die ursprüngliche Vollströmung in gewissem Sinne

weiterbesteht[22].

[22] S. Sexualtheorie l. c.

Mit der Pubertät setzen bekanntlich neue sehr intensive Strebungen nach

den direkten Sexualzielen ein. In ungünstigen Fällen bleiben sie als

sinnliche Strömung von den fortdauernden »zärtlichen« Gefühlsrichtungen

geschieden. Man hat dann das Bild vor sich, dessen beide Ansichten von

gewissen Richtungen der Literatur so gerne idealisiert werden. Der Mann

zeigt schwärmerische Neigungen zu hochgeachteten Frauen, die ihn aber

zum Liebesverkehr nicht reizen, und ist nur potent gegen andere Frauen,

die er nicht »liebt«, geringschätzt oder selbst verachtet[23]. Häufiger

indes gelingt dem Heranwachsenden ein gewisses Maß von Synthese der

unsinnlichen, himmlischen und der sinnlichen, irdischen Liebe, und ist

sein Verhältnis zum Sexualobjekt durch das Zusammenwirken von

ungehemmten mit zielgehemmten Trieben gekennzeichnet. Nach dem Beitrag

der zielgehemmten Zärtlichkeitstriebe kann man die Höhe der Verliebtheit

im Gegensatz zum bloß sinnlichen Begehren bemessen.

[23] Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. Sammlung,

4. Folge, 1918.

Im Rahmen dieser Verliebtheit ist uns von Anfang an das Phänomen

der Sexualüberschätzung aufgefallen, die Tatsache, daß das geliebte

Objekt eine gewisse Freiheit von der Kritik genießt, daß alle seine

Eigenschaften höher eingeschätzt werden als die ungeliebter Personen

oder als zu einer Zeit, da es nicht geliebt wurde. Bei einigermaßen

wirksamer Verdrängung oder Zurücksetzung der sinnlichen Strebungen kommt

die Täuschung zustande, daß das Objekt seiner seelischen Vorzüge wegen

auch sinnlich geliebt wird, während umgekehrt erst das sinnliche

Wohlgefallen ihm diese Vorzüge verliehen haben mag.

Das Bestreben, welches hier das Urteil fälscht, ist das der

_Idealisierung_. Damit ist uns aber die Orientierung erleichtert; wir

erkennen, daß das Objekt so behandelt wird wie das eigene Ich, daß also

in der Verliebtheit ein größeres Maß narzißtischer Libido auf das Objekt

überfließt. Bei manchen Formen der Liebeswahl wird es selbst

augenfällig, daß das Objekt dazu dient, ein eigenes, nicht erreichtes

Ichideal zu ersetzen. Man liebt es wegen der Vollkommenheiten, die man

fürs eigene Ich angestrebt hat und die man sich nun auf diesem Umweg zur

Befriedigung seines Narzißmus verschaffen möchte.

Massenpsychologie und Ich-Analyse · 第 3 / 6 段