Anstatt dessen werde ich den Versuch machen, zur Aufklärung der

Massenpsychologie den Begriff der _Libido_ zu verwenden, der uns im

Studium der Psychoneurosen so gute Dienste geleistet hat.

Libido ist ein Ausdruck aus der Affektivitätslehre. Wir heißen so die

als quantitative Größe betrachtete -- wenn auch derzeit nicht meßbare

-- Energie solcher Triebe, welche mit alldem zu tun haben, was man als

_Liebe_ zusammenfassen kann. Den Kern des von uns Liebe Geheißenen

bildet natürlich, was man gemeinhin Liebe nennt und was die Dichter

besingen, die Geschlechtsliebe mit dem Ziel der geschlechtlichen

Vereinigung. Aber wir trennen davon nicht ab, was auch sonst an dem

Namen Liebe Anteil hat, einerseits die Selbstliebe, andererseits

die Eltern- und Kindesliebe, die Freundschaft und die allgemeine

Menschenliebe, auch nicht die Hingebung an konkrete Gegenstände

und an abstrakte Ideen. Unsere Rechtfertigung liegt darin, daß die

psychoanalytische Untersuchung uns gelehrt hat, alle diese Strebungen

seien der Ausdruck der nämlichen Triebregungen, die zwischen den

Geschlechtern zur geschlechtlichen Vereinigung hindrängen, in anderen

Verhältnissen zwar von diesem sexuellen Ziel abgedrängt oder in der

Erreichung desselben aufgehalten werden, dabei aber doch immer genug

von ihrem ursprünglichen Wesen bewahren, um ihre Identität kenntlich zu

erhalten (Selbstaufopferung, Streben nach Annäherung).

Wir meinen also, daß die Sprache mit dem Wort »Liebe« in seinen

vielfältigen Anwendungen eine durchaus berechtigte Zusammenfassung

geschaffen hat, und daß wir nichts Besseres tun können, als dieselbe

auch unseren wissenschaftlichen Erörterungen und Darstellungen zugrunde

zu legen. Durch diesen Entschluß hat die Psychoanalyse einen Sturm von

Entrüstung entfesselt, als ob sie sich einer frevelhaften Neuerung

schuldig gemacht hätte. Und doch hat die Psychoanalyse mit dieser

»erweiterten« Auffassung der Liebe nichts Originelles geschaffen. Der

»_Eros_« des Philosophen _Plato_ zeigt in seiner Herkunft, Leistung

und Beziehung zur Geschlechtsliebe eine vollkommene Deckung mit der

Liebeskraft, der Libido der Psychoanalyse, wie _Nachmansohn_ und

_Pfister_ im Einzelnen dargelegt haben[13], und wenn der Apostel

_Paulus_ in dem berühmten Brief an die Korinther die Liebe über alles

andere preist, hat er sie gewiß im nämlichen »erweiterten« Sinn

verstanden[14], woraus nur zu lernen ist, daß die Menschen ihre großen

Denker nicht immer ernst nehmen, auch wenn sie sie angeblich sehr

bewundern.

[13] _Nachmansohn_, Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroslehre

Platos. Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse III, 1915, _Pfister_, ebd.

VII, 1921.

[14] »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der

Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle«,

u. ff.

Diese Liebestriebe werden nun in der Psychoanalyse a potiori und von

ihrer Herkunft her Sexualtriebe geheißen. Die Mehrzahl der »Gebildeten«

hat diese Namengebung als Beleidigung empfunden und sich für sie

gerächt, indem sie der Psychoanalyse den Vorwurf des »Pansexualismus«

entgegenschleuderte. Wer die Sexualität für etwas die menschliche Natur

Beschämendes und Erniedrigendes hält, dem steht es ja frei, sich der

vornehmeren Ausdrücke Eros und Erotik zu bedienen. Ich hätte es auch

selbst von Anfang an so tun können und hätte mir dadurch viel

Widerspruch erspart. Aber ich mochte es nicht, denn ich vermeide gern

Konzessionen an die Schwachmütigkeit. Man kann nicht wissen, wohin

man auf diesem Wege gerät; man gibt zuerst in Worten nach und dann

allmählich auch in der Sache. Ich kann nicht finden, daß irgend ein

Verdienst daran ist, sich der Sexualität zu schämen; das griechische

Wort Eros, das den Schimpf lindern soll, ist doch schließlich nichts

anderes als die Übersetzung unseres deutschen Wortes Liebe, und endlich,

wer warten kann, braucht keine Konzessionen zu machen.

Wir werden es also mit der Voraussetzung versuchen, daß Liebesbeziehungen

(indifferent ausgedrückt: Gefühlsbindungen) auch das Wesen der

Massenseele ausmachen. Erinnern wir uns daran, daß von solchen bei den

Autoren nicht die Rede ist. Was ihnen entsprechen würde, ist offenbar

hinter dem Schirm, der spanischen Wand, der Suggestion verborgen. Auf

zwei flüchtige Gedanken stützen wir zunächst unsere Erwartung. Erstens,

daß die Masse offenbar durch irgend eine Macht zusammengehalten wird.

Welcher Macht könnte man aber diese Leistung eher zuschreiben als dem

Eros, der alles in der Welt zusammenhält? Zweitens, daß man den Eindruck

empfängt, wenn der Einzelne in der Masse seine Eigenart aufgibt und sich

von den anderen suggerieren läßt, er tue es, weil ein Bedürfnis bei ihm

besteht, eher im Einvernehmen mit ihnen als im Gegensatz zu ihnen zu

sein, also vielleicht doch »ihnen zuliebe«.

V.

Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer.

Aus der Morphologie der Massen rufen wir uns ins Gedächtnis, daß man

sehr verschiedene Arten von Massen und gegensätzliche Richtungen in

ihrer Ausbildung unterscheiden kann. Es gibt sehr flüchtige Massen und

höchst dauerhafte; homogene, die aus gleichartigen Individuen bestehen,

und nicht homogene; natürliche Massen und künstliche, die zu ihrem

Zusammenhalt auch einen äußeren Zwang erfordern; primitive Massen und

gegliederte, hoch organisierte. Aus Gründen aber, in welche die Einsicht

noch verhüllt ist, möchten wir auf eine Unterscheidung besonderen Wert

legen, die bei den Autoren eher zu wenig beachtet wird; ich meine die

von führerlosen Massen und von solchen mit Führern. Und recht im

Gegensatz zur gewohnten Übung soll unsere Untersuchung nicht eine

relativ einfache Massenbildung zum Ausgangspunkt wählen, sondern an

hoch organisierten, dauerhaften, künstlichen Massen beginnen. Die

interessantesten Beispiele solcher Gebilde sind die Kirche, die

Gemeinschaft der Gläubigen, und die Armee, das Heer.

Kirche und Heer sind künstliche Massen, das heißt, es wird ein gewisser

äußerer Zwang aufgewendet, um sie vor der Auflösung zu bewahren und

Veränderungen in ihrer Struktur hintanzuhalten. Man wird in der Regel

nicht befragt oder es wird einem nicht freigestellt, ob man in eine

solche Masse eintreten will; der Versuch des Austritts wird gewöhnlich

verfolgt oder strenge bestraft oder ist an ganz bestimmte Bedingungen

geknüpft. Warum diese Vergesellschaftungen so besonderer Sicherungen

bedürfen, liegt unserem Interesse gegenwärtig ganz ferne. Uns zieht nur

der eine Umstand an, daß man an diesen hochorganisierten, in solcher

Weise vor dem Zerfall geschützten Massen mit großer Deutlichkeit gewisse

Verhältnisse erkennt, die anderswo weit mehr verdeckt sind.

In der Kirche -- wir können mit Vorteil die katholische Kirche zum

Muster nehmen -- gilt wie im Heer, so verschieden beide sonst sein

mögen, die nämliche Vorspiegelung (Illusion), daß ein Oberhaupt da ist,

-- in der katholischen Kirche Christus, in der Armee der Feldherr --

das alle Einzelnen der Masse mit der gleichen Liebe liebt. An dieser

Illusion hängt alles; ließe man sie fallen, so zerfielen sofort, soweit

der äußere Zwang es gestattete, Kirche wie Heer. Von Christus wird diese

gleiche Liebe ausdrücklich ausgesagt: Was ihr getan habt Einem unter

diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Er steht zu

den Einzelnen der gläubigen Masse im Verhältnis eines gütigen älteren

Bruders, ist ihnen ein Vaterersatz. Alle Anforderungen an die Einzelnen

leiten sich von dieser Liebe Christi ab. Ein demokratischer Zug geht

durch die Kirche, eben weil vor Christus alle gleich sind, alle den

gleichen Anteil an seiner Liebe haben. Nicht ohne tiefen Grund wird

die Gleichartigkeit der christlichen Gemeinde mit einer Familie

heraufbeschworen und nennen sich die Gläubigen Brüder in Christo, d. h.

Brüder durch die Liebe, die Christus für sie hat. Es ist nicht zu

bezweifeln, daß die Bindung jedes Einzelnen an Christus auch die Ursache

ihrer Bindung unter einander ist. Ähnliches gilt für das Heer; der

Feldherr ist der Vater, der alle seine Soldaten gleich liebt, und darum

sind sie Kameraden untereinander. Das Heer unterscheidet sich

strukturell von der Kirche darin, daß es aus einem Stufenbau von

solchen Massen besteht. Jeder Hauptmann ist gleichsam der Feldherr und

Vater seiner Abteilung, jeder Unteroffizier der seines Zuges. Eine

ähnliche Hierarchie ist zwar auch in der Kirche ausgebildet, spielt aber

in ihr nicht dieselbe ökonomische Rolle, da man Christus mehr Wissen und

Bekümmern um die Einzelnen zuschreiben darf als dem menschlichen

Feldherrn.

Gegen diese Auffassung der libidinösen Struktur einer Armee wird man

mit Recht einwenden, daß die Ideen des Vaterlandes, des nationalen

Ruhms u. a., die für den Zusammenhalt der Armee so bedeutsam sind,

hier keine Stelle gefunden haben. Die Antwort darauf lautet, dies

sei ein anderer, nicht mehr so einfacher Fall von Massenbindung, und

wie die Beispiele großer Heerführer, Caesar, Wallenstein, Napoleon,

zeigen, sind solche Ideen für den Bestand einer Armee nicht

unentbehrlich. Von dem möglichen Ersatz des Führers durch eine

führende Idee und den Beziehungen zwischen beiden wird später kurz

die Rede sein. Die Vernachlässigung dieses libidinösen Faktors in

der Armee, auch dann, wenn er nicht der einzig wirksame ist, scheint

nicht nur ein theoretischer Mangel, sondern auch eine praktische

Gefahr. Der preußische Militarismus, der ebenso unpsychologisch war

wie die deutsche Wissenschaft, hat dies vielleicht im großen

Weltkrieg erfahren müssen. Die Kriegsneurosen, welche die deutsche

Armee zersetzten, sind ja bekanntlich als Protest des Einzelnen

gegen die ihm in der Armee zugemutete Rolle erkannt worden, und

nach den Mitteilungen von E. _Simmel_[15] darf man behaupten, daß

die lieblose Behandlung des gemeinen Mannes durch seine Vorgesetzten

obenan unter den Motiven der Erkrankung stand. Bei besserer

Würdigung dieses Libidoanspruches hätten wahrscheinlich die

phantastischen Versprechungen der 14 Punkte des amerikanischen

Präsidenten nicht so leicht Glauben gefunden und das großartige

Instrument wäre den deutschen Kriegskünstlern nicht in der Hand

zerbrochen.

[15] Kriegsneurosen und »Psychisches Trauma«, München 1918.

Merken wir an, daß in diesen beiden künstlichen Massen jeder Einzelne

einerseits an den Führer (Christus, Feldherrn), andererseits an die

anderen Massenindividuen libidinös gebunden ist. Wie sich diese beiden

Bindungen zueinander verhalten, ob sie gleichartig und gleichwertig sind

und wie sie psychologisch zu beschreiben wären, das müssen wir einer

späteren Untersuchung vorbehalten. Wir getrauen uns aber jetzt schon

eines leisen Vorwurfes gegen die Autoren, daß sie die Bedeutung des

Führers für die Psychologie der Masse nicht genügend gewürdigt haben,

während uns die Wahl des ersten Untersuchungsobjekts in eine günstigere

Lage gebracht hat. Es will uns scheinen, als befänden wir uns auf dem

richtigen Weg, der die Haupterscheinung der Massenpsychologie, die

Unfreiheit des Einzelnen in der Masse, aufklären kann. Wenn für jeden

Einzelnen eine so ausgiebige Gefühlsbindung nach zwei Richtungen

besteht, so wird es uns nicht schwer werden, aus diesem Verhältnis die

beobachtete Veränderung und Einschränkung seiner Persönlichkeit

abzuleiten.

Einen Wink ebendahin, das Wesen einer Masse bestehe in den in ihr

vorhandenen libidinösen Bindungen, erhalten wir auch in dem Phänomen der

Panik, welches am besten an militärischen Massen zu studieren ist. Eine

Panik entsteht, wenn eine solche Masse sich zersetzt. Ihr Charakter ist,

daß kein Befehl des Vorgesetzten mehr angehört wird, und daß jeder für

sich selbst sorgt ohne Rücksicht auf die anderen. Die gegenseitigen

Bindungen haben aufgehört und eine riesengroße, sinnlose Angst wird

frei. Natürlich wird auch hier wieder der Einwand naheliegen, es sei

vielmehr umgekehrt, indem die Angst so groß gewachsen sei, daß sie sich

über alle Rücksichten und Bindungen hinaussetzen konnte. _McDougall_

hat sogar (S. 24) den Fall der Panik (allerdings der nicht militärischen)

als Musterbeispiel für die von ihm betonte Affektsteigerung durch

Ansteckung (primary induction) verwertet. Allein diese rationelle

Erklärungsweise geht hier doch ganz fehl. Es steht eben zur Erklärung,

warum die Angst so riesengroß geworden ist. Die Größe der Gefahr kann

nicht beschuldigt werden, denn dieselbe Armee, die jetzt der Panik

verfällt, kann ähnlich große und größere Gefahren tadellos bestanden

haben, und es gehört geradezu zum Wesen der Panik, daß sie nicht im

Verhältnis zur drohenden Gefahr steht, oft bei den nichtigsten Anlässen

ausbricht. Wenn der Einzelne in panischer Angst für sich selbst zu

sorgen unternimmt, so bezeugt er damit die Einsicht, daß die affektiven

Bindungen aufgehört haben, die bis dahin die Gefahr für ihn

herabsetzten. Nun, da er der Gefahr allein entgegensteht, darf er sie

allerdings höher einschätzen. Es verhält sich also so, daß die panische

Angst die Lockerung in der libidinösen Struktur der Masse voraussetzt

und in berechtigter Weise auf sie reagiert, nicht umgekehrt, daß die

Libidobindungen der Masse an der Angst vor der Gefahr zugrunde gegangen

wären.

Mit diesen Bemerkungen wird der Behauptung, daß die Angst in der

Masse durch Induktion (Ansteckung) ins Ungeheure wachse, keineswegs

widersprochen. Die _McDougall_'sche Auffassung ist durchaus

zutreffend für den Fall, daß die Gefahr eine real große ist und daß

in der Masse keine starken Gefühlsbindungen bestehen, Bedingungen,

die verwirklicht werden, wenn z. B. in einem Theater oder

Unterhaltungslokal Feuer ausbricht. Der lehrreiche und für unsere

Zwecke verwertete Fall ist der oben erwähnte, daß ein Heereskörper

in Panik gerät, wenn die Gefahr nicht über das gewohnte und oftmals

gut vertragene Maß hinaus gesteigert ist. Man wird nicht erwarten

dürfen, daß der Gebrauch des Wortes »Panik« scharf und eindeutig

bestimmt sei. Manchmal bezeichnet man so jede Massenangst, andere

Male auch die Angst eines Einzelnen, wenn sie über jedes Maß

hinausgeht, häufig scheint der Name für den Fall reserviert, daß der

Angstausbruch durch den Anlaß nicht gerechtfertigt wird. Nehmen wir

das Wort »Panik« im Sinne der Massenangst, so können wir eine

weitgehende Analogie behaupten. Die Angst des Individuums wird

hervorgerufen entweder durch die Größe der Gefahr oder durch das

Auflassen von Gefühlsbindungen (Libidobesetzungen); der letztere

Fall ist der der neurotischen Angst. (S. Vorlesungen zur Einführung

in die Psychoanalyse, XXV., 3. Aufl., 1920.) Ebenso entsteht die

Panik durch die Steigerung der Alle betreffenden Gefahr oder durch

das Aufhören der die Masse zusammenhaltenden Gefühlsbindungen, und

dieser letzte Fall ist der neurotischen Angst analog. (Vgl. hiezu

den gedankenreichen, etwas phantastischen Aufsatz von _Bela

v. Felszeghy_: Panik und Pankomplex, »Imago«, VI, 1920.)

Wenn man die Panik wie _McDougall_ (l. c.) als eine der deutlichsten

Leistungen des »group mind« beschreibt, gelangt man zum Paradoxon,

daß sich diese Massenseele in einer ihrer auffälligsten Äußerungen

selbst aufhebt. Es ist kein Zweifel möglich, daß die Panik die

Zersetzung der Masse bedeutet, sie hat das Aufhören aller Rücksichten

zur Folge, welche sonst die Einzelnen der Masse für einander zeigen.

Der typische Anlaß für den Ausbruch einer Panik ist so ähnlich, wie er

in der _Nestroy_'schen Parodie des _Hebbel_schen Dramas von Judith und

Holofernes dargestellt wird. Da schreit ein Krieger: »Der Feldherr hat

den Kopf verloren«, und darauf ergreifen alle Assyrer die Flucht. Der

Verlust des Führers in irgend einem Sinne, das Irrewerden an ihm bringt

die Panik bei gleichbleibender Gefahr zum Ausbruch; mit der Bindung an

den Führer schwinden -- in der Regel -- auch die gegenseitigen Bindungen

der Massenindividuen. Die Masse zerstiebt wie ein Bologneser Fläschchen,

dem man die Spitze abgebrochen hat.

Die Zersetzung einer religiösen Masse ist nicht so leicht zu beobachten.

Vor kurzem geriet mir ein von katholischer Seite stammender, vom Bischof

von London empfohlener englischer Roman in die Hand mit dem Titel: »When

it was dark«, der eine solche Möglichkeit und ihre Folgen in geschickter

und, wie ich meine, zutreffender Weise ausmalte. Der Roman erzählt wie

aus der Gegenwart, daß es einer Verschwörung von Feinden der Person

Christi und des christlichen Glaubens gelingt, eine Grabkammer in

Jerusalem auffinden zu lassen, in deren Inschrift Josef von Arimathäa

bekennt, daß er aus Gründen der Pietät den Leichnam Christi am dritten

Tag nach seiner Beisetzung heimlich aus seinem Grab entfernt und hier

bestattet habe. Damit ist die Auferstehung Christi und seine göttliche

Natur abgetan und die Folge dieser archäologischen Entdeckung ist eine

Erschütterung der europäischen Kultur und eine außerordentliche Zunahme

aller Gewalttaten und Verbrechen, die erst schwindet, nachdem das

Komplott der Fälscher enthüllt werden kann.

Was bei der hier angenommenen Zersetzung der religiösen Masse zum

Vorschein kommt, ist nicht Angst, für welche der Anlaß fehlt, sondern

rücksichtslose und feindselige Impulse gegen andere Personen, die sich

bis dahin dank der gleichen Liebe Christi nicht äußern konnten[16].

Außerhalb dieser Bindung stehen aber auch während des Reiches Christi

jene Individuen, die nicht zur Glaubensgemeinschaft gehören, die ihn

nicht lieben und die er nicht liebt; darum muß eine Religion, auch wenn

sie sich die Religion der Liebe heißt, hart und lieblos gegen diejenigen

sein, die ihr nicht angehören. Im Grunde ist ja jede Religion eine

solche Religion der Liebe für alle, die sie umfaßt, und jeder liegt

Grausamkeit und Intoleranz gegen die nicht dazugehörigen nahe. Man darf,

so schwer es einem auch persönlich fällt, den Gläubigen daraus keinen zu

argen Vorwurf machen; Ungläubige und Indifferente haben es in diesem

Punkte psychologisch umso viel leichter. Wenn diese Intoleranz sich

heute nicht mehr so gewalttätig und grausam kundgibt wie in früheren

Jahrhunderten, so wird man daraus kaum auf eine Milderung in den Sitten

der Menschen schließen dürfen. Weit eher ist die Ursache davon in der

unleugbaren Abschwächung der religiösen Gefühle und der von ihnen

abhängigen libidinösen Bindungen zu suchen. Wenn eine andere

Massenbindung an die Stelle der religiösen tritt, wie es jetzt der

sozialistischen zu gelingen scheint, so wird sich dieselbe Intoleranz

gegen die Außenstehenden ergeben wie im Zeitalter der Religionskämpfe,

und wenn die Differenzen wissenschaftlicher Anschauungen je eine

ähnliche Bedeutung für die Massen gewinnen könnten, würde sich dasselbe

Resultat auch für diese Motivierung wiederholen.

[16] Vgl. hiezu die Erklärung ähnlicher Phänomene nach dem Wegfall der

landesväterlichen Autorität bei P. _Federn_, Die vaterlose Gesellschaft,

Wien, Anzengruber-Verlag, 1919.

VI.

Weitere Aufgaben und Arbeitsrichtungen.

Wir haben bisher zwei artifizielle Massen untersucht und gefunden, daß

sie von zweierlei Gefühlsbindungen beherrscht werden, von denen die eine

an den Führer -- wenigstens für sie -- bestimmender zu sein scheint als

die andere, die der Massenindividuen aneinander.

Nun gäbe es in der Morphologie der Massen noch viel zu untersuchen und

zu beschreiben. Man hätte von der Feststellung auszugehen, daß eine

bloße Menschenmenge noch keine Masse ist, so lange sich jene Bindungen

in ihr nicht hergestellt haben, hätte aber das Zugeständnis zu machen,

daß in einer beliebigen Menschenmenge sehr leicht die Tendenz zur

Bildung einer psychologischen Masse hervortritt. Man müßte den

verschiedenartigen, mehr oder minder beständigen Massen, die spontan

zustande kommen, Aufmerksamkeit schenken, die Bedingungen ihrer

Entstehung und ihres Zerfalls studieren. Vor allem würde uns der

Unterschied zwischen Massen, die einen Führer haben, und führerlosen

Massen beschäftigen. Ob nicht die Massen mit Führer die ursprünglicheren

und vollständigeren sind, ob in den anderen der Führer nicht durch eine

Idee, ein Abstraktum ersetzt sein kann, wozu ja schon die religiösen

Massen mit ihrem unaufzeigbaren Oberhaupt die Überleitung bilden, ob

nicht eine gemeinsame Tendenz, ein Wunsch, an dem eine Vielheit Anteil

nehmen kann, den nämlichen Ersatz leistet. Dieses Abstrakte könnte sich

wiederum mehr oder weniger vollkommen in der Person eines gleichsam

sekundären Führers verkörpern, und aus der Beziehung zwischen Idee und

Führer ergäben sich interessante Mannigfaltigkeiten. Der Führer oder die

führende Idee könnten auch sozusagen negativ werden; der Haß gegen eine

bestimmte Person oder Institution könnte ebenso einigend wirken und

ähnliche Gefühlsbindungen hervorrufen wie die positive Anhänglichkeit.

Es fragte sich dann auch, ob der Führer für das Wesen der Masse wirklich

unerläßlich ist u. a. m.

Aber all diese Fragen, die zum Teil auch in der Literatur der

Massenpsychologie behandelt sein mögen, werden nicht imstande sein,

unser Interesse von den psychologischen Grundproblemen abzulenken, die

uns in der Struktur einer Masse geboten werden. Wir werden zunächst von

einer Überlegung gefesselt, die uns auf dem kürzesten Weg den Nachweis

verspricht, daß es Libidobindungen sind, welche eine Masse

charakterisieren.

Wir halten uns vor, wie sich die Menschen im allgemeinen affektiv

zueinander verhalten. Nach dem berühmten _Schopenhauer_'schen Gleichnis

von den frierenden Stachelschweinen verträgt keiner eine allzu intime

Annäherung des anderen.

»Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten

Wintertage, recht nahe zusammen, um durch die gegenseitige Wärme,

sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die

gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder voneinander

entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher

zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß sie

zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine

mäßige Entfernung herausgefunden hatten, in der sie es am besten

aushalten konnten.« (Parerga und Paralipomena, II. Teil, XXXI.,

Gleichnisse und Parabeln.)

Nach dem Zeugnis der Psychoanalyse hinterläßt fast jedes intime

Gefühlsverhältnis zwischen zwei Personen von längerer Dauer --

Ehebeziehung, Freundschaft, Eltern- und Kindschaft[17] -- einen

Bodensatz von ablehnenden, feindseligen Gefühlen, der erst durch

Verdrängung beseitigt werden muß. Unverhüllter ist es, wenn jeder

Kompagnon mit seinem Gesellschafter hadert, jeder Untergebene gegen

seinen Vorgesetzten murrt. Dasselbe geschieht dann, wenn die Menschen

zu größeren Einheiten zusammentreten. Jedesmal, wenn sich zwei Familien

durch eine Eheschließung verbinden, hält sich jede von ihnen für die

bessere oder vornehmere auf Kosten der anderen. Von zwei benachbarten

Städten wird jede zur mißgünstigen Konkurrentin der anderen; jedes

Kantönli sieht geringschätzig auf das andere herab. Nächstverwandte

Völkerstämme stoßen einander ab, der Süddeutsche mag den Norddeutschen

nicht leiden, der Engländer sagt dem Schotten alles Böse nach, der

Spanier verachtet den Portugiesen. Daß bei größeren Differenzen sich

eine schwer zu überwindende Abneigung ergibt, des Galliers gegen den

Germanen, des Ariers gegen den Semiten, des Weißen gegen den Farbigen,

hat aufgehört uns zu verwundern.

[17] Vielleicht mit einziger Ausnahme der Beziehung der Mutter zum

Sohn, die auf Narzißmus gegründet, durch spätere Rivalität nicht

gestört und durch einen Ansatz zur sexuellen Objektwahl verstärkt

wird.

Massenpsychologie und Ich-Analyse · 第 2 / 6 段