Beim kleinen Kinde bestehen z. B. ambivalente Gefühlseinstel

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MASSENPSYCHOLOGIE

UND

ICH-ANALYSE

VON

PROF. SIGM. FREUD

INTERNATIONALER

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG G. M. B. H.

LEIPZIG WIEN ZÜRICH

1921

Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in alle Sprachen, vorbehalten.

Copyright 1921 by

»Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H.« Wien.

Gesellschaft für graphische Industrie, Wien III.

Inhalt.

I. Einleitung 1

II. _Le Bon_'s Schilderung der Massenseele 5

III. Andere Würdigungen des kollektiven Seelenlebens 25

IV. Suggestion und Libido 37

V. Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer 46

VI. Weitere Aufgaben und Arbeitsrichtungen 57

VII. Die Identifizierung 66

VIII. Verliebtheit und Hypnose 78

IX. Der Herdentrieb 89

X. Die Masse und die Urhorde 100

XI. Eine Stufe im Ich 112

XII. Nachträge 122

I.

Einleitung.

Der Gegensatz von Individual- und Sozial- oder Massenpsychologie, der

uns auf den ersten Blick als sehr bedeutsam erscheinen mag, verliert

bei eingehender Betrachtung sehr viel von seiner Schärfe. Die

Individualpsychologie ist zwar auf den einzelnen Menschen eingestellt

und verfolgt, auf welchen Wegen derselbe die Befriedigung seiner

Triebregungen zu erreichen sucht, allein sie kommt dabei nur selten,

unter bestimmten Ausnahmsbedingungen, in die Lage, von den Beziehungen

dieses Einzelnen zu anderen Individuen abzusehen. Im Seelenleben des

Einzelnen kommt ganz regelmäßig der Andere als Vorbild, als Objekt, als

Helfer und als Gegner in Betracht und die Individualpsychologie ist

daher von Anfang an auch gleichzeitig Sozialpsychologie in diesem

erweiterten, aber durchaus berechtigten Sinne.

Das Verhältnis des Einzelnen zu seinen Eltern und Geschwistern, zu

seinem Liebesobjekt und zu seinem Arzt, also alle die Beziehungen,

welche bisher vorzugsweise Gegenstand der psychoanalytischen

Untersuchung geworden sind, können den Anspruch erheben, als soziale

Phänomene gewürdigt zu werden, und stellen sich dann in Gegensatz zu

gewissen anderen, von uns _narzißtisch_ genannten Vorgängen, bei denen

die Triebbefriedigung sich dem Einfluß anderer Personen entzieht oder

auf sie verzichtet. Der Gegensatz zwischen sozialen und narzißtischen --

_Bleuler_ würde vielleicht sagen: _autistischen_ -- seelischen Akten

fällt also durchaus innerhalb des Bereichs der Individualpsychologie und

eignet sich nicht dazu, sie von einer Sozial- oder Massenpsychologie

abzutrennen.

In den erwähnten Verhältnissen zu Eltern und Geschwistern, zur

Geliebten, zum Freunde und zum Arzt erfährt der Einzelne immer nur den

Einfluß einer einzigen oder einer sehr geringen Anzahl von Personen, von

denen eine jede eine großartige Bedeutung für ihn erworben hat. Man hat

sich nun gewöhnt, wenn man von Sozial- oder Massenpsychologie spricht,

von diesen Beziehungen abzusehen und die gleichzeitige Beeinflussung des

Einzelnen durch eine große Anzahl von Personen, mit denen er durch

irgend etwas verbunden ist, während sie ihm sonst in vielen Hinsichten

fremd sein mögen, als Gegenstand der Untersuchung abzusondern. Die

Massenpsychologie behandelt also den einzelnen Menschen als Mitglied

eines Stammes, eines Volkes, einer Kaste, eines Standes, einer

Institution oder als Bestandteil eines Menschenhaufens, der sich zu

einer gewissen Zeit für einen bestimmten Zweck zur Masse organisiert.

Nach dieser Zerreißung eines natürlichen Zusammenhanges lag es dann

nahe, die Erscheinungen, die sich unter diesen besonderen Bedingungen

zeigen, als Äußerungen eines besonderen, weiter nicht zurückführbaren

Triebes anzusehen, des sozialen Triebes -- herd instinct, group mind --

der in anderen Situationen nicht zum Ausdruck kommt. Wir dürfen aber

wohl den Einwand erheben, es falle uns schwer, dem Moment der Zahl eine

so große Bedeutung einzuräumen, daß es ihm allein möglich sein sollte,

im menschlichen Seelenleben einen neuen und sonst nicht betätigten Trieb

zu wecken. Unsere Erwartung wird somit auf zwei andere Möglichkeiten

hingelenkt: daß der soziale Trieb kein ursprünglicher und unzerlegbarer

sein mag, und daß die Anfänge seiner Bildung in einem engeren Kreis wie

etwa in dem der Familie gefunden werden können.

Die Massenpsychologie, obwohl erst in ihren Anfängen befindlich, umfaßt

eine noch unübersehbare Fülle von Einzelproblemen und stellt dem

Untersucher ungezählte, derzeit noch nicht einmal gut gesonderte

Aufgaben. Die bloße Gruppierung der verschiedenen Formen von

Massenbildung und die Beschreibung der von ihnen geäußerten psychischen

Phänomene erfordern einen großen Aufwand von Beobachtung und Darstellung

und haben bereits eine reichhaltige Literatur entstehen lassen. Wer dies

schmale Büchlein an dem Umfang der Massenpsychologie mißt, wird

ohneweiters vermuten dürfen, daß hier nur wenige Punkte des ganzen

Stoffes behandelt werden sollen. Es werden wirklich auch nur einige

Fragen sein, an denen die Tiefenforschung der Psychoanalyse ein

besonderes Interesse nimmt.

II.

Le Bon's Schilderung der Massenseele.

Zweckmäßiger als eine Definition voranzustellen scheint es, mit einem

Hinweis auf das Erscheinungsgebiet zu beginnen und aus diesem einige

besonders auffällige und charakteristische Tatsachen herauszugreifen, an

welche die Untersuchung anknüpfen kann. Wir erreichen beides durch einen

Auszug aus dem mit Recht berühmt gewordenen Buch von _Le Bon_,

_Psychologie der Massen_[1].

[1] Übersetzt von Dr. Rudolf _Eisler_, zweite Auflage 1912.

Machen wir uns den Sachverhalt nochmals klar: Wenn die Psychologie,

welche die Anlagen, Triebregungen, Motive, Absichten eines einzelnen

Menschen bis zu seinen Handlungen und in die Beziehungen zu seinen

Nächsten verfolgt, ihre Aufgabe restlos gelöst und alle diese

Zusammenhänge durchsichtig gemacht hätte, dann fände sie sich plötzlich

vor einer neuen Aufgabe, die sich ungelöst vor ihr erhebt. Sie müßte die

überraschende Tatsache erklären, daß dies ihr verständlich gewordene

Individuum unter einer bestimmten Bedingung ganz anders fühlt, denkt und

handelt, als von ihm zu erwarten stand, und diese Bedingung ist die

Einreihung in eine Menschenmenge, welche die Eigenschaft einer

»psychologischen Masse« erworben hat. Was ist nun eine »Masse«, wodurch

erwirbt sie die Fähigkeit, das Seelenleben des Einzelnen so entscheidend

zu beeinflussen, und worin besteht die seelische Veränderung, die sie

dem Einzelnen aufnötigt?

Diese drei Fragen zu beantworten, ist die Aufgabe einer theoretischen

Massenpsychologie. Man greift sie offenbar am besten an, wenn man von

der dritten ausgeht. Es ist die Beobachtung der veränderten Reaktion des

Einzelnen, welche der Massenpsychologie den Stoff liefert; jedem

Erklärungsversuch muß ja die Beschreibung des zu Erklärenden

vorausgehen.

Ich lasse nun _Le Bon_ zu Worte kommen. Er sagt (S. 13): »An einer

psychologischen Masse ist das Sonderbarste dies: welcher Art auch die

sie zusammensetzenden Individuen sein mögen, wie ähnlich oder unähnlich

ihre Lebensweise, Beschäftigung, ihr Charakter oder ihre Intelligenz

ist, durch den bloßen Umstand ihrer Umformung zur Masse besitzen sie

eine Kollektivseele, vermöge deren sie in ganz anderer Weise fühlen,

denken und handeln, als jedes von ihnen für sich fühlen, denken und

handeln würde. Es gibt Ideen und Gefühle, die nur bei den zu Massen

verbundenen Individuen auftreten oder sich in Handlungen umsetzen. Die

psychologische Masse ist ein provisorisches Wesen, das aus heterogenen

Elementen besteht, die für einen Augenblick sich miteinander verbunden

haben, genau so wie die Zellen des Organismus durch ihre Vereinigung ein

neues Wesen mit ganz anderen Eigenschaften als denen der einzelnen

Zellen bilden.«

Indem wir uns die Freiheit nehmen, die Darstellung _Le Bon_'s durch

unsere Glossen zu unterbrechen, geben wir hier der Bemerkung Raum: Wenn

die Individuen in der Masse zu einer Einheit verbunden sind, so muß es

wohl etwas geben, was sie an einander bindet, und dies Bindemittel

könnte gerade das sein, was für die Masse charakteristisch ist. Allein

_Le Bon_ beantwortet diese Frage nicht, er geht auf die Veränderung des

Individuums in der Masse ein und beschreibt sie in Ausdrücken, welche

mit den Grundvoraussetzungen unserer Tiefenpsychologie in guter

Übereinstimmung stehen.

(S. 14.) »Leicht ist die Feststellung des Maßes von Verschiedenheit des

einer Masse angehörenden vom isolierten Individuum, weniger leicht ist

aber die Entdeckung der Ursachen dieser Verschiedenheit.

Um diese Ursachen wenigstens einigermaßen zu finden, muß man sich

zunächst der von der modernen Psychologie gemachten Feststellung

erinnern, daß nicht bloß im organischen Leben, sondern auch in den

intellektuellen Funktionen die unbewußten Phänomene eine überwiegende

Rolle spielen. Das bewußte Geistesleben stellt nur einen recht geringen

Teil neben dem unbewußten Seelenleben dar. Die feinste Analyse, die

schärfste Beobachtung gelangt nur zu einer kleinen Anzahl bewußter

Motive des Seelenlebens. Unsere bewußten Akte leiten sich aus einem,

besonders durch Vererbungseinflüsse geschaffenen, unbewußten Substrat

her. Dieses enthält die zahllosen Ahnenspuren, aus denen sich die

Rassenseele konstituiert. Hinter den eingestandenen Motiven unserer

Handlungen gibt es zweifellos die geheimen Gründe, die wir nicht

eingestehen, hinter diesen liegen aber noch geheimere, die wir nicht

einmal kennen. Die Mehrzahl unserer alltäglichen Handlungen ist nur die

Wirkung verborgener, uns entgehender Motive.«

In der Masse, meint _Le Bon_, verwischen sich die individuellen

Erwerbungen der Einzelnen, und damit verschwindet deren Eigenart.

Das rassenmäßige Unbewußte tritt hervor, das Heterogene versinkt im

Homogenen. Wir werden sagen, der psychische Oberbau, der sich bei den

Einzelnen so verschiedenartig entwickelt hat, wird abgetragen, und das

bei allen gleichartige unbewußte Fundament wird bloßgelegt.

Auf diese Weise käme ein durchschnittlicher Charakter der

Massenindividuen zustande. Allein _Le Bon_ findet, sie zeigen auch neue

Eigenschaften, die sie vorher nicht besessen haben, und sucht den Grund

dafür in drei verschiedenen Momenten.

(S. 15.) »Die erste dieser Ursachen besteht darin, daß das Individuum in

der Masse schon durch die Tatsache der Menge ein Gefühl unüberwindlicher

Macht erlangt, welches ihm gestattet, Trieben zu fröhnen, die es allein

notwendig gezügelt hätte. Es wird dies nun umso weniger Anlaß haben, als

bei der Anonymität und demnach auch Unverantwortlichkeit der Masse das

Verantwortlichkeitsgefühl, welches die Individuen stets zurückhält,

völlig schwindet.«

Wir brauchten von unserem Standpunkt weniger Wert auf das Auftauchen

neuer Eigenschaften zu legen. Es genügte uns zu sagen, das Individuum

komme in der Masse unter Bedingungen, die ihm gestatten, die

Verdrängungen seiner unbewußten Triebregungen abzuwerfen. Die

anscheinend neuen Eigenschaften, die es dann zeigt, sind eben die

Äußerungen dieses Unbewußten, in dem ja alles Böse der Menschenseele

in der Anlage enthalten ist; das Schwinden des Gewissens oder

Verantwortlichkeitsgefühls unter diesen Umständen macht unserem

Verständnis keine Schwierigkeit. Wir hatten längst behauptet, der Kern

des sogenannten Gewissens sei »soziale Angst«.

Eine gewisse Differenz zwischen der Anschauung _Le Bon_'s und der

unserigen stellt sich dadurch her, daß sein Begriff des Unbewußten

nicht ganz mit dem von der Psychoanalyse angenommenen zusammenfällt.

Das Unbewußte _Le Bon_'s enthält vor allem die tiefsten Merkmale der

Rassenseele, welche für die Psychoanalyse eigentlich außer Betracht

kommt. Wir verkennen zwar nicht, daß der Kern des Ichs, dem die

»archaische Erbschaft« der Menschenseele angehört, unbewußt ist,

aber wir sondern außerdem das »unbewußte Verdrängte« ab, welches

aus einem Anteil dieser Erbschaft hervorgegangen ist. Dieser Begriff

des Verdrängten fehlt bei _Le Bon_.

(S. 16.) »Eine zweite Ursache, die Ansteckung, trägt ebenso dazu bei,

bei den Massen die Äußerung spezieller Merkmale und zugleich deren

Richtung zu bewerkstelligen. Die Ansteckung ist ein leicht zu

konstatierendes aber unerklärliches Phänomen, das man den von uns

sogleich zu studierenden Phänomenen hypnotischer Art zurechnen muß. In

der Menge ist jedes Gefühl, jede Handlung ansteckend, und zwar in so

hohem Grade, daß das Individuum sehr leicht sein persönliches Interesse

dem Gesamtinteresse opfert. Es ist dies eine seiner Natur durchaus

entgegengesetzte Fähigkeit, deren der Mensch nur als Massenbestandteil

fähig ist.«

Wir werden auf diesen letzten Satz später eine wichtige Vermutung

begründen.

(S. 16.) »Eine dritte, und zwar die wichtigste Ursache bedingt in den

zur Masse vereinigten Individuen besondere Eigenschaften, welche denen

des isolierten Individuums völlig entgegengesetzt sind. Ich rede hier

von der Suggestibilität, von der die erwähnte Ansteckung übrigens nur

eine Wirkung ist.

Zum Verständnis dieser Erscheinung gehört die Vergegenwärtigung gewisser

neuer Entdeckungen der Physiologie. Wir wissen jetzt, daß ein Mensch

mittels mannigfacher Prozeduren in einen solchen Zustand versetzt werden

kann, daß er nach Verlust seiner ganzen bewußten Persönlichkeit allen

Suggestionen desjenigen gehorcht, der ihn seines Persönlichkeitsbewußtseins

beraubt hat, und daß er die zu seinem Charakter und seinen Gewohnheiten

in schärfstem Gegensatz stehenden Handlungen begeht. Nun scheinen sehr

sorgfältige Beobachtungen darzutun, daß ein eine Zeitlang im Schoße

einer tätigen Masse eingebettetes Individuum in Bälde -- durch

Ausströmungen, die von ihr ausgehen oder sonst eine unbekannte Ursache

-- in einem Sonderzustand sich befindet, der sich sehr der Faszination

nähert, die den Hypnotisierten unter dem Einfluß des Hypnotisators

befällt ..... Die bewußte Persönlichkeit ist völlig geschwunden, Wille

und Unterscheidungsvermögen fehlen, alle Gefühle und Gedanken sind nach

der durch den Hypnotisator hergestellten Richtung orientiert.

So ungefähr verhält sich auch der Zustand des einer psychologischen

Masse angehörenden Individuums. Es ist sich seiner Handlungen nicht mehr

bewußt. Wie beim Hypnotisierten können bei ihm, während zugleich gewisse

Fähigkeiten aufgehoben sind, andere auf einen Grad höchster Stärke

gebracht werden. Unter dem Einflusse einer Suggestion wird es sich mit

einem unwiderstehlichen Triebe an die Ausführung bestimmter Handlungen

machen. Und dieses Ungestüm ist bei den Massen noch unwiderstehlicher

als beim Hypnotisierten, weil die für alle Individuen gleiche Suggestion

durch Gegenseitigkeit anwächst.«

(S. 17.) »Die Hauptmerkmale des in der Masse befindlichen Individuums

sind demnach: Schwund der bewußten Persönlichkeit, Vorherrschaft der

unbewußten Persönlichkeit, Orientierung der Gedanken und Gefühle in

derselben Richtung durch Suggestion und Ansteckung, Tendenz zur

unverzüglichen Verwirklichung der suggerierten Ideen. Das Individuum ist

nicht mehr es selbst, es ist ein willenloser Automat geworden.«

Ich habe dies Zitat so ausführlich wiedergegeben, um zu bekräftigen, daß

_Le Bon_ den Zustand des Individuums in der Masse wirklich für einen

hypnotischen erklärt, nicht etwa ihn bloß mit einem solchen vergleicht.

Wir beabsichtigen hier keinen Widerspruch, wollen nur hervorheben,

daß die beiden letzten Ursachen der Veränderung des Einzelnen in

der Masse, die Ansteckung und die höhere Suggerierbarkeit offenbar

nicht gleichartig sind, da ja die Ansteckung auch eine Äußerung der

Suggerierbarkeit sein soll. Auch die Wirkungen der beiden Momente

scheinen uns im Text _Le Bon_'s nicht scharf geschieden. Vielleicht

deuten wir seine Äußerung am besten aus, wenn wir die Ansteckung auf die

Wirkung der einzelnen Mitglieder der Masse aufeinander beziehen, während

die mit den Phänomenen der hypnotischen Beeinflussung gleichgestellten

Suggestionserscheinungen in der Masse auf eine andere Quelle hinweisen.

Auf welche aber? Es muß uns als eine empfindliche Unvollständigkeit

berühren, daß eines der Hauptstücke dieser Angleichung, nämlich die

Person, welche für die Masse den Hypnotiseur ersetzt, in der Darstellung

_Le Bon_'s nicht erwähnt wird. Immerhin unterscheidet er von diesem im

Dunkeln gelassenen faszinierenden Einfluß die ansteckende Wirkung, die

die Einzelnen auf einander ausüben, durch welche die ursprüngliche

Suggestion verstärkt wird.

Noch ein wichtiger Gesichtspunkt für die Beurteilung des

Massenindividuums: (S. 17.) »Ferner steigt durch die bloße Zugehörigkeit

zu einer organisierten Masse der Mensch mehrere Stufen auf der Leiter

der Zivilisation herab. In seiner Vereinzelung war er vielleicht ein

gebildetes Individuum, in der Masse ist er ein Barbar, d. h. ein

Triebwesen. Er besitzt die Spontaneität, die Heftigkeit, die Wildheit

und auch den Enthusiasmus und Heroismus primitiver Wesen.« Er verweilt

dann noch besonders bei der Herabsetzung der intellektuellen Leistung,

die der Einzelne durch sein Aufgehen in der Masse erfährt[2].

[2] Vergleiche das _Schiller_'sche Distichon:

Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig;

Sind sie in corpore, gleich wird euch ein Dummkopf daraus.

Verlassen wir nun den Einzelnen und wenden wir uns zur Beschreibung der

Massenseele, wie _Le Bon_ sie entwirft. Es ist kein Zug darin, dessen

Ableitung und Unterbringung dem Psychoanalytiker Schwierigkeiten

bereiten würde. _Le Bon_ weist uns selbst den Weg, indem er auf die

Übereinstimmung mit dem Seelenleben der Primitiven und der Kinder

hinweist. (S. 19.)

Die Masse ist impulsiv, wandelbar und reizbar. Sie wird fast

ausschließlich vom Unbewußten geleitet[3]. Die Impulse, denen die Masse

gehorcht, können je nach Umständen edel oder grausam, heroisch oder

feige sein, jedenfalls aber sind sie so gebieterisch, daß nicht das

persönliche, nicht einmal das Interesse der Selbsterhaltung zur Geltung

kommt. (S. 20.) Nichts ist bei ihr vorbedacht. Wenn sie auch die Dinge

leidenschaftlich begehrt, so doch nie für lange, sie ist unfähig zu

einem Dauerwillen. Sie verträgt keinen Aufschub zwischen ihrem Begehren

und der Verwirklichung des Begehrten. Sie hat das Gefühl der Allmacht,

für das Individuum in der Masse schwindet der Begriff des

Unmöglichen[4].

[3] Unbewußt wird von _Le Bon_ richtig im Sinne der Deskription

gebraucht, wo es nicht allein das »Verdrängte« bedeutet.

[4] Vergleiche _Totem und Tabu_ III., Animismus, Magie und Allmacht

der Gedanken.

Die Masse ist außerordentlich beeinflußbar und leichtgläubig, sie ist

kritiklos, das Unwahrscheinliche existiert für sie nicht. Sie denkt

in Bildern, die einander assoziativ hervorrufen, wie sie sich beim

Einzelnen in Zuständen des freien Phantasierens einstellen, und die von

keiner verständigen Instanz an der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit

gemessen werden. Die Gefühle der Masse sind stets sehr einfach und sehr

überschwenglich. Die Masse kennt also weder Zweifel noch Ungewißheit.

In der Deutung der Träume, denen wir ja unsere beste Kenntnis vom

unbewußten Seelenleben verdanken, befolgen wir die technische Regel,

daß von Zweifel und Unsicherheit in der Traumerzählung abgesehen und

jedes Element des manifesten Traumes als gleich gesichert behandelt

wird. Wir leiten Zweifel und Unsicherheit von der Einwirkung der

Zensur ab, welcher die Traumarbeit unterliegt, und nehmen an, daß

die primären Traumgedanken Zweifel und Unsicherheit als kritische

Leistung nicht kennen. Als Inhalte mögen sie natürlich, wie alles

andere, in den zum Traum führenden Tagesresten vorkommen.

(S. Traumdeutung. 5. Aufl. 1919, S. 386.)

Sie geht sofort zum Äußersten, der ausgesprochene Verdacht wandelt sich

bei ihr sogleich in unumstößliche Gewißheit, ein Keim von Antipathie

wird zum wilden Haß. (S. 32.)

Die nämliche Steigerung aller Gefühlsregungen zum Extremen und

Maßlosen gehört auch der Affektivität des Kindes an und findet sich

im Traumleben wieder, wo dank der im Unbewußten vorherrschenden

Isolierung der einzelnen Gefühlsregungen ein leiser Ärger vom Tage

sich als Todeswunsch gegen die schuldige Person zum Ausdruck bringt

oder ein Anflug irgend einer Versuchung zum Anstoß einer im Traum

dargestellten verbrecherischen Handlung wird. Zu dieser Tatsache hat

Dr. Hanns _Sachs_ die hübsche Bemerkung gemacht: »Was der Traum uns

an Beziehungen zur Gegenwart (Realität) kundgetan hat, wollen wir

dann auch im Bewußtsein aufsuchen und dürfen uns nicht wundern, wenn

wir das Ungeheuer, das wir unter dem Vergrößerungsglas der Analyse

gesehen haben, als Infusionstierchen wiederfinden.« (Traumdeutung,

S. 457.)

Selbst zu allen Extremen geneigt, wird die Masse auch nur durch

übermäßige Reize erregt. Wer auf sie wirken will, bedarf keiner

logischen Abmessung seiner Argumente, er muß in den kräftigsten Bildern

malen, übertreiben und immer das Gleiche wiederholen.

Da die Masse betreffs des Wahren oder Falschen nicht im Zweifel ist und

dabei das Bewußtsein ihrer großen Kraft hat, ist sie ebenso intolerant

wie autoritätsgläubig. Sie respektiert die Kraft und läßt sich von der

Güte, die für sie nur eine Art von Schwäche bedeutet, nur mäßig

beeinflussen. Was sie von ihren Helden verlangt, ist Stärke, selbst

Gewalttätigkeit. Sie will beherrscht und unterdrückt werden und ihren

Herrn fürchten. Im Grunde durchaus konservativ hat sie tiefen Abscheu

vor allen Neuerungen und Fortschritten und unbegrenzte Ehrfurcht vor der

Tradition. (S. 37.)

Um die Sittlichkeit der Massen richtig zu beurteilen, muß man in

Betracht ziehen, daß im Beisammensein der Massenindividuen alle

individuellen Hemmungen entfallen und alle grausamen, brutalen,

destruktiven Instinkte, die als Überbleibsel der Urzeit im Einzelnen

schlummern, zur freien Triebbefriedigung geweckt werden. Aber die

Massen sind auch unter dem Einfluß der Suggestion hoher Leistungen von

Entsagung, Uneigennützigkeit, Hingebung an ein Ideal fähig. Während der

persönliche Vorteil beim isolierten Individuum so ziemlich die einzige

Triebfeder ist, ist er bei den Massen sehr selten vorherrschend. Man

kann von einer Versittlichung des Einzelnen durch die Masse sprechen.

(S. 39.) Während die intellektuelle Leistung der Masse immer tief unter

der des Einzelnen steht, kann ihr ethisches Verhalten dies Niveau ebenso

hoch überragen wie tief darunter herabgehen.

Ein helles Licht auf die Berechtigung, die Massenseele mit der Seele der

Primitiven zu identifizieren, werfen einige andere Züge der _Le Bon_'schen

Charakteristik. Bei den Massen können die entgegengesetztesten Ideen

nebeneinander bestehen und sich miteinander vertragen, ohne daß sich aus

deren logischem Widerspruch ein Konflikt ergäbe. Dasselbe ist aber im

unbewußten Seelenleben der Einzelnen, der Kinder und der Neurotiker der

Fall, wie die Psychoanalyse längst nachgewiesen hat.

Beim kleinen Kinde bestehen z. B. ambivalente Gefühlseinstellungen

gegen die ihm nächsten Personen lange Zeit nebeneinander, ohne daß

die eine die ihr entgegengesetzte in ihrem Ausdruck stört. Kommt

es dann endlich zum Konflikt zwischen den beiden, so wird er oft

dadurch erledigt, daß das Kind das Objekt wechselt, die eine der

ambivalenten Regungen auf ein Ersatzobjekt verschiebt. Auch aus der

Entwicklungsgeschichte einer Neurose beim Erwachsenen kann man

erfahren, daß eine unterdrückte Regung sich häufig lange Zeit in

unbewußten oder selbst bewußten Phantasien fortsetzt, deren Inhalt

natürlich einer herrschenden Strebung direkt zuwiderläuft, ohne daß

sich aus diesem Gegensatz ein Einschreiten des Ichs gegen das von

ihm Verworfene ergäbe. Die Phantasie wird eine ganze Weile über

toleriert, bis sich plötzlich einmal, gewöhnlich infolge einer

Steigerung der affektiven Besetzung derselben, der Konflikt zwischen

ihr und dem Ich mit allen seinen Folgen herstellt.

Im Fortschritt der Entwicklung vom Kinde zum reifen Erwachsenen

kommt es überhaupt zu einer immer weiter greifenden _Integration_

der Persönlichkeit, zu einer Zusammenfassung der einzelnen

unabhängig voneinander in ihr gewachsenen Triebregungen und

Zielstrebungen. Der analoge Vorgang auf dem Gebiet des Sexuallebens

ist uns als Zusammenfassung aller Sexualtriebe zur definitiven

Genitalorganisation lange bekannt (Drei Abhandlungen zur

Sexualtheorie 1905). Daß die Vereinheitlichung des Ichs übrigens

dieselben Störungen erfahren kann wie die der Libido, zeigen

vielfache, sehr bekannte Beispiele, wie das der Naturforscher, die

bibelgläubig geblieben sind u. a.

Ferner unterliegt die Masse der wahrhaft magischen Macht von Worten, die

in der Massenseele die furchtbarsten Stürme hervorrufen und sie auch

besänftigen können. (S. 74.) »Mit Vernunft und Argumenten kann man gegen

gewisse Worte und Formeln nicht ankämpfen. Man spricht sie mit Andacht

vor den Massen aus, und sogleich werden die Mienen respektvoll und die

Köpfe neigen sich. Von vielen werden sie als Naturkräfte oder als

übernatürliche Mächte betrachtet.« (S. 75.) Man braucht sich dabei nur

an die Tabu der Namen bei den Primitiven, an die magischen Kräfte, die

sich ihnen an Namen und Worte knüpfen, zu erinnern[5].

[5] Siehe _Totem und Tabu_.

Und endlich: Die Massen haben nie den Wahrheitsdurst gekannt. Sie

fordern Illusionen, auf die sie nicht verzichten können. Das Irreale hat

bei ihnen stets den Vorrang vor dem Realen, das Unwirkliche beeinflußt

sie fast ebenso stark wie das Wirkliche. Sie haben die sichtliche

Tendenz, zwischen beiden keinen Unterschied zu machen. (S. 47.)

Diese Vorherrschaft des Phantasielebens und der vom unerfüllten Wunsch

getragenen Illusion haben wir als bestimmend für die Psychologie der

Neurosen aufgezeigt. Wir fanden, für die Neurotiker gelte nicht die

gemeine objektive, sondern die psychische Realität. Ein hysterisches

Symptom gründe sich auf Phantasie anstatt auf die Wiederholung

wirklichen Erlebens, ein zwangsneurotisches Schuldbewußtsein auf die

Tatsache eines bösen Vorsatzes, der nie zur Ausführung gekommen. Ja wie

im Traum und in der Hypnose, tritt in der Seelentätigkeit der Masse die

Realitätsprüfung zurück gegen die Stärke der affektiv besetzten

Wunschregungen.

Was _Le Bon_ über die Führer der Massen sagt, ist weniger erschöpfend

und läßt das Gesetzmäßige nicht so deutlich durchschimmern. Er meint,

sobald lebende Wesen in einer gewissen Anzahl vereinigt sind, einerlei

ob eine Herde Tiere oder eine Menschenmenge, stellen sie sich instinktiv

unter die Autorität eines Oberhauptes. (S. 86.) Die Masse ist eine

folgsame Herde, die nie ohne Herrn zu leben vermag. Sie hat einen

solchen Durst zu gehorchen, daß sie sich jedem, der sich zu ihrem Herrn

ernennt, instinktiv unterordnet.

Kommt so das Bedürfnis der Masse dem Führer entgegen, so muß er ihm doch

durch persönliche Eigenschaften entsprechen. Er muß selbst durch einen

starken Glauben (an eine Idee) fasziniert sein, um Glauben in der Masse

zu erwecken, er muß einen starken, imponierenden Willen besitzen, den

die willenlose Masse von ihm annimmt. _Le Bon_ bespricht dann die

verschiedenen Arten von Führern und die Mittel, durch welche sie auf die

Masse wirken. Im ganzen läßt er die Führer durch die Ideen zur

Bedeutung kommen, für die sie selbst fanatisiert sind.

Diesen Ideen wie den Führern schreibt er überdies eine geheimnisvolle

unwiderstehliche Macht zu, die er »Prestige« benennt. Das Prestige ist

eine Art Herrschaft, die ein Individuum, ein Werk oder eine Idee über

uns übt. Sie lähmt all unsere Fähigkeit zur Kritik und erfüllt uns mit

Staunen und Achtung. Sie dürfte ein Gefühl hervorrufen, ähnlich wie das

der Faszination der Hypnose. (S. 96.)

Er unterscheidet erworbenes oder künstliches und persönliches Prestige.

Das erstere wird bei Personen durch Name, Reichtum, Ansehen verliehen,

bei Anschauungen, Kunstwerken u. dgl. durch Tradition. Da es in allen

Fällen auf die Vergangenheit zurückgreift, wird es für das Verständnis

dieses rätselhaften Einflusses wenig leisten. Das persönliche Prestige

haftet an wenigen Personen, die durch dasselbe zu Führern werden, und

macht, daß ihnen alles wie unter der Wirkung eines magnetischen Zaubers

gehorcht. Doch ist jedes Prestige auch vom Erfolg abhängig und geht

durch Mißerfolge verloren. (S. 105.)

Man gewinnt nicht den Eindruck, daß bei _Le Bon_ die Rolle der Führer

und die Betonung des Prestige in richtigen Einklang mit der so glänzend

vorgetragenen Schilderung der Massenseele gebracht worden ist.

III.

Andere Würdigungen des kollektiven Seelenlebens.

Wir haben uns der Darstellung von _Le Bon_ als Einführung bedient, weil

sie in der Betonung des unbewußten Seelenlebens so sehr mit unserer

eigenen Psychologie zusammentrifft. Nun müssen wir aber hinzufügen, daß

eigentlich keine der Behauptungen dieses Autors etwas Neues bringt.

Alles was er Abträgliches und Herabsetzendes über die Äußerungen der

Massenseele sagt, ist schon vor ihm ebenso bestimmt und ebenso

feindselig von anderen gesagt worden, wird seit den ältesten Zeiten der

Literatur von Denkern, Staatsmännern und Dichtern gleichlautend so

wiederholt[6]. Die beiden Sätze, welche die wichtigsten Ansichten _Le

Bon_'s enthalten, der von der kollektiven Hemmung der intellektuellen

Leistung und der von der Steigerung der Affektivität in der Masse waren

kurz vorher von _Sighele_ formuliert worden[7]. Im Grunde erübrigen als

_Le Bon_ eigentümlich nur die beiden Gesichtspunkte des Unbewußten und

des Vergleichs mit dem Seelenleben der Primitiven, auch diese natürlich

oftmals vor ihm berührt.

[6] Vergleiche den Text und das Literaturverzeichnis in B. _Kraskovic_

jun., Die Psychologie der Kollektivitäten. Aus dem Kroatischen

übersetzt von _Siegmund von Posavec_. Vukovar 1915.

[7] Siehe Walter _Moede_, Die Massen- und Sozialpsychologie im

kritischen Überblick. Zeitschrift für pädagogische Psychologie und

experimentelle Pädagogik von _Meumann_ und _Scheibner_, XVI., 1915.

Aber noch mehr, die Beschreibung und Würdigung der Massenseele, wie

_Le Bon_ und die anderen sie geben, ist auch keineswegs unangefochten

geblieben. Kein Zweifel, daß alle die vorhin beschriebenen Phänomene der

Massenseele richtig beobachtet worden sind, aber es lassen sich auch

andere, geradezu entgegengesetzt wirkende Äußerungen der Massenbildung

erkennen, aus denen man dann eine weit höhere Einschätzung der

Massenseele ableiten muß.

Auch _Le Bon_ war bereit zuzugestehen, daß die Sittlichkeit der Masse

unter Umständen höher sein kann als die der sie zusammensetzenden

Einzelnen, und daß nur die Gesamtheiten hoher Uneigennützigkeit und

Hingebung fähig sind.

(S. 38.) »Während der persönliche Vorteil beim isolierten Individuum so

ziemlich die einzige Triebfeder ist, ist er bei den Massen sehr selten

vorherrschend.«

Andere machen geltend, daß es überhaupt erst die Gesellschaft ist,

welche dem Einzelnen die Normen der Sittlichkeit vorschreibt, während

der Einzelne in der Regel irgendwie hinter diesen hohen Ansprüchen

zurückbleibt. Oder, daß in Ausnahmszuständen in einer Kollektivität das

Phänomen der Begeisterung zustande kommt, welches die großartigsten

Massenleistungen ermöglicht hat.

In Betreff der intellektuellen Leistung bleibt zwar bestehen, daß die

großen Entscheidungen der Denkarbeit, die folgenschweren Entdeckungen

und Problemlösungen nur dem Einzelnen, der in der Einsamkeit arbeitet,

möglich sind. Aber auch die Massenseele ist genialer geistiger

Schöpfungen fähig, wie vor allem die Sprache selbst beweist, sodann das

Volkslied, Folklore und anderes. Und überdies bleibt es dahingestellt,

wieviel der einzelne Denker oder Dichter den Anregungen der Masse, in

welcher er lebt, verdankt, ob er mehr als der Vollender einer seelischen

Arbeit ist, an der gleichzeitig die anderen mitgetan haben.

Angesichts dieser vollkommenen Widersprüche scheint es ja, daß die Arbeit

der Massenpsychologie ergebnislos verlaufen müsse. Allein es ist leicht,

einen hoffnungsvolleren Ausweg zu finden. Man hat wahrscheinlich als

»Massen« sehr verschiedene Bildungen zusammengefaßt, die einer Sonderung

bedürfen. Die Angaben von _Sighele_, _Le Bon_ und anderen beziehen sich

auf Massen kurzlebiger Art, die rasch durch ein vorübergehendes

Interesse aus verschiedenartigen Individuen zusammengeballt werden. Es

ist unverkennbar, daß die Charaktere der revolutionären Massen,

besonders der großen französischen Revolution, ihre Schilderungen

beeinflußt haben. Die gegensätzlichen Behauptungen stammen aus der

Würdigung jener stabilen Massen oder Vergesellschaftungen, in denen die

Menschen ihr Leben zubringen, die sich in den Institutionen der

Gesellschaft verkörpern. Die Massen der ersten Art sind den letzteren

gleichsam aufgesetzt, wie die kurzen, aber hohen Wellen den langen

Dünungen der See.

_McDougall_, der in seinem Buch _The Group Mind_[8] von dem nämlichen,

oben erwähnten Widerspruch ausgeht, findet die Lösung desselben im

Moment der Organisation. Im einfachsten Falle, sagt er, besitzt die

Masse (group) überhaupt keine Organisation oder eine kaum nennenswerte.

Er bezeichnet eine solche Masse als einen Haufen (crowd). Doch gesteht

er zu, daß ein Haufen Menschen nicht leicht zusammenkommt, ohne daß

sich in ihm wenigstens die ersten Anfänge einer Organisation bildeten,

und daß gerade an diesen einfachen Massen manche Grundtatsachen der

Kollektivpsychologie besonders leicht zu erkennen sind. (S. 22.) Damit

sich aus den zufällig zusammengewehten Mitgliedern eines Menschenhaufens

etwas wie eine Masse im psychologischen Sinne bilde, wird als Bedingung

erfordert, daß diese Einzelnen etwas miteinander gemein haben, ein

gemeinsames Interesse an einem Objekt, eine gleichartige Gefühlsrichtung

in einer gewissen Situation und (ich würde einsetzen: infolgedessen) ein

gewisses Maß von Fähigkeit sich untereinander zu beeinflussen. (Some

degree of reciprocal influence between the members of the group)

(S. 23.) Je stärker diese Gemeinsamkeiten (this mental homogeneity)

sind, desto leichter bildet sich aus den Einzelnen eine psychologische

Masse und desto auffälliger äußern sich die Kundgebungen einer

Massenseele.

[8] Cambridge, 1920.

Das merkwürdigste und zugleich wichtigste Phänomen der Massenbildung ist

nun die bei jedem Einzelnen hervorgerufene Steigerung der Affektivität

(exaltation or intensification of emotion) (S. 24). Man kann sagen,

meint _McDougall_, daß die Affekte der Menschen kaum unter anderen

Bedingungen zu solcher Höhe anwachsen, wie es in einer Masse geschehen

kann, und zwar ist es eine genußreiche Empfindung für die Beteiligten,

sich so schrankenlos ihren Leidenschaften hinzugeben und dabei in der

Masse aufzugehen, das Gefühl ihrer individuellen Abgrenzung zu verlieren.

Dies Mitfortgerissenwerden der Individuen erklärt _McDougall_ aus dem

von ihm so genannten »principle of direct induction of emotion by way of

the primitive sympathetic response« (S. 25), d. h. durch die uns bereits

bekannte Gefühlsansteckung. Die Tatsache ist die, daß die wahrgenommenen

Zeichen eines Affektzustandes geeignet sind, bei dem Wahrnehmenden

automatisch denselben Affekt hervorzurufen. Dieser automatische Zwang

wird umso stärker, an je mehr Personen gleichzeitig derselbe Affekt

bemerkbar ist. Dann schweigt die Kritik des Einzelnen und er läßt sich

in denselben Affekt gleiten. Dabei erhöht er aber die Erregung der

anderen, die auf ihn gewirkt hatten, und so steigert sich die

Affektladung der Einzelnen durch gegenseitige Induktion. Es ist

unverkennbar etwas wie ein Zwang dabei wirksam, es den anderen

gleichzutun, im Einklang mit den Vielen zu bleiben. Die gröberen und

einfacheren Gefühlsregungen haben die größere Aussicht, sich auf solche

Weise in einer Masse zu verbreiten. (S. 39.)

Dieser Mechanismus der Affektsteigerung wird noch durch einige andere,

von der Masse ausgehende Einflüsse begünstigt. Die Masse macht dem

Einzelnen den Eindruck einer unbeschränkten Macht und einer

unbesiegbaren Gefahr. Sie hat sich für den Augenblick an die Stelle der

gesamten menschlichen Gesellschaft gesetzt, welche die Trägerin der

Autorität ist, deren Strafen man gefürchtet, der zuliebe man sich so

viele Hemmungen auferlegt hat. Es ist offenbar gefährlich, sich in

Widerspruch mit ihr zu setzen, und man ist sicher, wenn man dem

ringsumher sich zeigenden Beispiel folgt, also eventuell sogar »mit den

Wölfen heult«. Im Gehorsam gegen die neue Autorität darf man sein

früheres »Gewissen« außer Tätigkeit setzen und dabei der Lockung des

Lustgewinns nachgeben, den man sicherlich durch die Aufhebung seiner

Hemmungen erzielt. Es ist also im ganzen nicht so merkwürdig, wenn wir

den Einzelnen in der Masse Dinge tun oder gutheißen sehen, von denen er

sich in seinen gewohnten Lebensbedingungen abgewendet hätte, und wir

können selbst die Hoffnung fassen, auf diese Weise ein Stück der

Dunkelheit zu lichten, die man mit dem Rätselwort der »Suggestion« zu

decken pflegt.

Dem Satz von der kollektiven Intelligenzhemmung in der Masse

widerspricht auch _McDougall_ nicht (S. 41). Er sagt, die geringeren

Intelligenzen ziehen die größeren auf ihr Niveau herab. Die letzteren

werden in ihrer Betätigung gehemmt, weil die Steigerung der Affektivität

überhaupt ungünstige Bedingungen für korrekte geistige Arbeit schafft,

ferner weil die Einzelnen durch die Masse eingeschüchtert sind und ihre

Denkarbeit nicht frei ist, und weil bei jedem Einzelnen das Bewußtsein

der Verantwortlichkeit für seine Leistung herabgesetzt wird.

Das Gesamturteil über die psychische Leistung einer einfachen,

»unorganisierten« Masse lautet bei _McDougall_ nicht freundlicher als

bei _Le Bon_. Eine solche Masse ist (S. 45): überaus erregbar, impulsiv,

leidenschaftlich, wankelmütig, inkonsequent, unentschlossen und dabei

zum äußersten bereit in ihren Handlungen, zugänglich nur für die

gröberen Leidenschaften und einfacheren Gefühle, außerordentlich

suggestibel, leichtsinnig in ihren Überlegungen, heftig in ihren

Urteilen, aufnahmsfähig nur für die einfachsten und unvollkommensten

Schlüsse und Argumente, leicht zu lenken und zu erschüttern, ohne

Selbstbewußtsein, Selbstachtung und Verantwortlichkeitsgefühl, aber

bereit, sich von ihrem Kraftbewußtsein zu allen Untaten fortreißen zu

lassen, die wir nur von einer absoluten und unverantwortlichen Macht

erwarten können. Sie benimmt sich also eher wie ein ungezogenes Kind

oder wie ein leidenschaftlicher, nicht beaufsichtigter Wilder in einer

ihm fremden Situation; in den schlimmsten Fällen ist ihr Benehmen eher

das eines Rudels von wilden Tieren als von menschlichen Wesen.

Da _McDougall_ das Verhalten der hoch organisierten Massen in Gegensatz

zu dem hier Geschilderten bringt, werden wir besonders gespannt sein zu

erfahren, worin diese Organisation besteht und durch welche Momente sie

hergestellt wird. Der Autor zählt fünf dieser »principal conditions« für

die Hebung des seelischen Lebens der Masse auf ein höheres Niveau auf.

Die erste, grundlegende Bedingung ist ein gewisses Maß von Kontinuität

im Bestand der Masse. Diese kann eine materielle oder eine formale sein,

das erste, wenn dieselben Personen längere Zeit in der Masse verbleiben,

das andere, wenn innerhalb der Masse bestimmte Stellungen entwickelt

sind, die den einander ablösenden Personen angewiesen werden.

Die zweite, daß sich in dem Einzelnen der Masse eine bestimmte

Vorstellung von der Natur, der Funktion, den Leistungen und Ansprüchen

der Masse gebildet hat, so daß sich daraus für ihn ein Gefühlsverhältnis

zum Ganzen der Masse ergeben kann.

Die dritte, daß die Masse in Beziehung zu anderen ihr ähnlichen, aber

doch von ihr in vielen Punkten abweichenden Massenbildungen gebracht

wird, etwa daß sie mit diesen rivalisiert.

Die vierte, daß die Masse Traditionen, Gebräuche und Einrichtungen

besitzt, besonders solche, die sich auf das Verhältnis ihrer Mitglieder

zueinander beziehen.

Die fünfte, daß es in der Masse eine Gliederung gibt, die sich in der

Spezialisierung und Differenzierung der dem Einzelnen zufallenden

Leistung ausdrückt.

Durch die Erfüllung dieser Bedingungen werden nach _McDougall_ die

psychischen Nachteile der Massenbildung aufgehoben. Gegen die kollektive

Herabsetzung der Intelligenzleistung schützt man sich dadurch, daß man

die Lösung der intellektuellen Aufgaben der Masse entzieht und sie

Einzelnen in ihr vorbehält.

Es scheint uns, daß man die Bedingung, die _McDougall_ als »Organisation«

der Masse bezeichnet hat, mit mehr Berechtigung anders beschreiben kann.

Die Aufgabe besteht darin, der Masse gerade jene Eigenschaften zu

verschaffen, die für das Individuum charakteristisch waren und die bei

ihm durch die Massenbildung ausgelöscht wurden. Denn das Individuum

hatte -- außerhalb der primitiven Masse -- seine Kontinuität, sein

Selbstbewußtsein, seine Traditionen und Gewohnheiten, seine besondere

Arbeitsleistung und Einreihung und hielt sich von anderen gesondert, mit

denen es rivalisierte. Diese Eigenart hatte es durch seinen Eintritt in

die nicht »organisierte« Masse für eine Zeit verloren. Erkennt man so

als Ziel, die Masse mit den Attributen des Individuums auszustatten, so

wird man an eine gehaltreiche Bemerkung von W. _Trotter_[9] gemahnt, der

in der Neigung zur Massenbildung eine biologische Fortführung der

Vielzelligkeit aller höheren Organismen erblickt.

[9] Instincts of the herd in peace and war. London 1916.

IV.

Suggestion und Libido.

Wir sind von der Grundtatsache ausgegangen, daß ein Einzelner innerhalb

einer Masse durch den Einfluß derselben eine oft tiefgreifende

Veränderung seiner seelischen Tätigkeit erfährt. Seine Affektivität wird

außerordentlich gesteigert, seine intellektuelle Leistung merklich

eingeschränkt, beide Vorgänge offenbar in der Richtung einer Angleichung

an die anderen Massenindividuen; ein Erfolg, der nur durch die Aufhebung

der jedem Einzelnen eigentümlichen Triebhemmungen und durch den Verzicht

auf die ihm besonderen Ausgestaltungen seiner Neigungen erreicht werden

kann. Wir haben gehört, daß diese oft unerwünschten Wirkungen durch eine

höhere »Organisation« der Massen wenigstens teilweise hintangehalten

werden, aber der Grundtatsache der Massenpsychologie, den beiden Sätzen

von der Affektsteigerung und der Denkhemmung in der primitiven Masse

ist dadurch nicht widersprochen worden. Unser Interesse geht nun dahin,

für diese seelische Wandlung des Einzelnen in der Masse die

psychologische Erklärung zu finden.

Rationelle Momente wie die vorhin erwähnte Einschüchterung des

Einzelnen, also die Aktion seines Selbsterhaltungstriebes, decken

offenbar die zu beobachtenden Phänomene nicht. Was uns sonst als

Erklärung von den Autoren über Soziologie und Massenpsychologie geboten

wird, ist immer das nämliche, wenn auch unter wechselnden Namen: das

Zauberwort der _Suggestion_. Bei _Tarde_ hieß sie _Nachahmung_, aber wir

müssen einem Autor recht geben, der uns vorhält, die Nachahmung falle

unter den Begriff der Suggestion, sei eben eine Folge derselben[10]. Bei

_Le Bon_ wurde alles Befremdende der sozialen Erscheinungen auf zwei

Faktoren zurückgeführt, auf die gegenseitige Suggestion der Einzelnen

und das Prestige der Führer. Aber das Prestige äußert sich wiederum nur

in der Wirkung, Suggestion hervorzurufen. Bei _McDougall_ konnten wir

einen Moment lang den Eindruck empfangen, daß sein Prinzip der »primären

Affektinduktion« die Annahme der Suggestion entbehrlich mache. Aber bei

weiterer Überlegung müssen wir doch einsehen, daß dies Prinzip nichts

anderes aussagt als die bekannten Behauptungen der »Nachahmung« oder

»Ansteckung«, nur unter entschiedener Betonung des affektiven Moments.

Daß eine derartige Tendenz in uns besteht, wenn wir die Zeichen eines

Affektzustandes bei einem anderen gewahren, in denselben Affekt zu

verfallen, ist unzweifelhaft, aber wie oft widerstehen wir ihr

erfolgreich, weisen den Affekt ab, reagieren oft in ganz gegensätzlicher

Weise? Warum also geben wir dieser Ansteckung in der Masse regelmäßig

nach? Man wird wiederum sagen müssen, es sei der suggestive Einfluß der

Masse, der uns nötigt, dieser Nachahmungstendenz zu gehorchen, der den

Affekt in uns induziert. Übrigens kommen wir auch sonst bei _McDougall_

nicht um die Suggestion herum; wir hören von ihm wie von anderen: die

Massen zeichnen sich durch besondere Suggestibilität aus.

[10] _Brugeilles_, L'essence du phénomène social: la suggestion. Revue

philosophique XXV. 1913.

Man wird so für die Aussage vorbereitet, die Suggestion (richtiger die

Suggerierbarkeit) sei eben ein weiter nicht reduzierbares Urphänomen,

eine Grundtatsache des menschlichen Seelenlebens. So hielt es auch

_Bernheim_, von dessen erstaunlichen Künsten ich im Jahre 1889 Zeuge

war. Ich weiß mich aber auch damals an eine dumpfe Gegnerschaft gegen

diese Tyrannei der Suggestion zu erinnern. Wenn ein Kranker, der sich

nicht gefügig zeigte, angeschrieen wurde: Was tun Sie denn? Vous vous

contresuggestionnez! so sagte ich mir, das sei offenbares Unrecht und

Gewalttat. Der Mann habe zu Gegensuggestionen gewiß ein Recht, wenn man

ihn mit Suggestionen zu unterwerfen versuche. Mein Widerstand nahm dann

später die Richtung einer Auflehnung dagegen, daß die Suggestion, die

alles erklärte, selbst der Erklärung entzogen sein sollte. Ich

wiederholte mit Bezug auf sie die alte Scherzfrage[11]:

Christoph trug Christum,

Christus trug die ganze Welt,

Sag', wo hat Christoph

Damals hin den Fuß gestellt?

Christophorus Christum, sed Christus sustulit orbem:

Constiterit pedibus dic ubi Christophorus?

[11] _Konrad Richter_, Der deutsche S. Christoph. Berlin 1896. Acta

Germanica V, 1.

Wenn ich nun nach etwa 30jähriger Fernhaltung wieder an das Rätsel der

Suggestion herantrete, finde ich, daß sich nichts daran geändert hat.

Von einer einzigen Ausnahme, die eben den Einfluß der Psychoanalyse

bezeugt, darf ich ja bei dieser Behauptung absehen. Ich sehe, daß man

sich besonders darum bemüht, den Begriff der Suggestion korrekt zu

formulieren, also den Gebrauch des Namens konventionell festzulegen[12],

und dies ist nicht überflüssig, denn das Wort geht einer immer weiteren

Verwendung mit aufgelockerter Bedeutung entgegen und wird bald jede

beliebige Beeinflussung bezeichnen wie im Englischen, wo »to suggest,

suggestion« unserem »nahelegen«, unserer »Anregung« entspricht. Aber

über das Wesen der Suggestion, d. h. über die Bedingungen, unter denen

sich Beeinflussungen ohne zureichende logische Begründung herstellen,

hat sich eine Aufklärung nicht ergeben. Ich würde mich der Aufgabe nicht

entziehen, diese Behauptung durch die Analyse der Literatur dieser

letzten 30 Jahre zu erhärten, allein ich unterlasse es, weil mir bekannt

ist, daß in meiner Nähe eine ausführliche Untersuchung vorbereitet wird,

welche sich eben diese Aufgabe gestellt hat.

[12] So _McDougall_ im »Journal of Neurology and Psychopathology«,

Vol I, No. 1, May 1920: A note on suggestion.

Massenpsychologie und Ich-Analyse · 第 1 / 6 段