Sprechstube, und als diese ihren Theodor erblickte, stieß sie einen
Freudenruf aus, lief auf den jungen Mann zu und ohne Scheu vor den
Pfarrersleuten, drückte sie einen heißen Kuß auf seinen Mund, und mit
Thränen in den Augen dankte sie ihm, daß er den weiten Weg unternommen,
um sie zu besuchen.
Gefällt es dir noch in Oley? war die erste Frage des Mädchens. Gewiß,
entgegnete Theodor, denn ich werde ja dort wie ein Sohn und Bruder
behandelt, erwiedere aber auch diese gute Behandlung durch Treue
und Fleiß, und habe ich vor den braven Leuten kein Geheimniß, davon
kannst du dich hier überzeugen. Er nahm das Packet in welchem sich
die Leinwand befand, und überreichte es dem Mädchen und bat, dasselbe
zu eröffnen. Sie öffnete. Alle Anwesenden waren erstaunt, als sie die
herrliche Leinwand sahen, und wegen ihrer blendenden Weiße und Feinheit
bewundert wurde. Dieses Geschenk schicken die beiden jungen Töchter
meines Wohlthäters mit dem herzlichsten Wunsche, daß es dir gefallen
möge, und der Bitte, daß du sie einmal in der heißen Jahreszeit
besuchen möchtest. Nachdem Maria für das schöne Geschenk gedankt, bat
sie die Frau Pfarrerin, dasselbe für sie aufzubewahren, welche sich
auch gleich dazu bereit fand. Nun lud Mühlenberg Theodor ein bei ihm
zum Abendessen zu bleiben und nach dem Essen könne er mit Maria Frau
Kreuderin besuchen und ihre Angelegenheiten besprechen. Dankbar nahm
der junge Bauer die Einladung an.
Bald saß die ganze Familie Mühlenberg mit Theodor und Maria wohlgemuth
beim Abendessen beisammen; der Pfarrer war heute besonders vergnügt,
denn er hatte einen Brief von seinem Sohn Peter aus Shenandoah
erhalten, der ihm meldete, daß die deutsch-lutherische Gemeinde
daselbst ihn höchst freundlich empfangen, für ihn und seine Frau ein
gutes, wohlgebautes stattliches Haus in einer wunderschönen Lage
eingerichtet, welches für immer seine Wohnung sein solle. Bei seiner
Antrittsrede wäre die Kirche, welche größer als die St. Michaeliskirche
in Philadelphia sei, überfüllt gewesen und man hätte alle Fenster
öffnen müssen, damit die vielen Leute, welche nicht mehr in der Kirche
Platz, fanden, die Predigt draußen hören konnten. Das Shenandoah-Thal
sei eine wunderschöne und sehr fruchtbare Gegend, wo sich meistens nur
Deutsche niedergelassen hätten, die dort den Ackerbau auf fleißige
und geschickte Weise betrieben, aber auch durch reichliche Ernten
belohnt würden. Es sei ein sehr ehrliches, unverdorbenes Volk, das mit
reiner Liebe an ihrem Glauben hänge. Er danke Gott, daß er ihn hierher
geführt, er werde sich bestreben, seine Pflichten treu zu erfüllen.
Als das Abendessen eingenommen war, bemühte sich Frau Mühlenberg mit
ihrer ältesten Tochter und Maria, Alles wieder in Stube und Küche in
Ordnung zu bringen, damit der Maria Gelegenheit gegeben werde mit
Theodor einen Spaziergang durch die Stadt zu machen, wo jetzt so viele
neue Gebäude errichtet würden.
Während die Frauen so beschäftigt waren, unterhielt sich der Pastor
mit seinen beiden Söhnen Ernst und Christoph und Theodor über das
Schaffen und Vorwärtsschreiten der Deutschen in Pennsylvanien. -- Bald
waren die Frauen mit ihren Arbeiten fertig, und nachdem sich Maria
ordentlich gekleidet hatte, führte sie die Pfarrerin in die Stube,
wo die Männer saßen, und bat Theodor mit seiner Braut noch ein wenig
durch die Stadt zu wandern und dann zu Mutter Kreuderin zu führen, die
sich gewiß freuen werde, die beiden jungen Leute bei sich zu sehen.
Sogleich war Theodor bereit, den Wunsch der Pfarrerin zu erfüllen.
Das Paar entfernte sich unter dem Zuruf: Viel Vergnügen! aus dem
Pfarrhause und begab sich zuerst nach der Chestnutstraße, wo noch
theilweise an dem Stadthause gebaut wurde, dann in die Zweite Straße
zur Christkirche, wo sie das damals so schöne Glockenspiel hörten,
dann begaben sie sich nach der Vierten und Cherrystraße, wo man eben
den Bau der deutsch-lutherischen Zionskirche begonnen, und zuletzt zum
goldenen Schwan, wo sie von der Mutter Kreuderin erwartet wurden. Diese
hatte bereits in ihrer Stube einen kleinen Imbiß hergerichtet und lud
die jungen Leute ein, etwas bei ihr zu genießen, denn es käme ja aus
gutem Herzen, und es freue sie herzlich, wenn es ihnen wohlschmecken
würde. Vor ihr hatten die Liebenden kein Geheimniß, und besprachen ihre
jetzigen Verhältnisse mit denen ihrer Zukunft.
Theodor war der Ansicht, er wolle noch einige Jahre Leinbach treulich
dienen, dann werde derselbe gewiß sein Versprechen halten, und ihm zu
einem Stück Land verhelfen auf dem sie sich häuslich niederlassen und
ernähren könnten. Maria sollte noch eine zeitlang bei Mühlenberg’s
bleiben und sich etwas für die Einrichtung der Haushaltung ersparen,
später wolle er wieder nach Philadelphia kommen, sich von Pastor
Mühlenberg trauen lassen und sie dann in die neue Heimath führen.
Bis dahin käme er ja noch öfters nach der Stadt, wo man das Nähere
besprechen könne. Mutter Kreuderin fand den Plan ausgezeichnet, und
Maria reichte Theodor die Hand und sagte, daß sein Plan ganz ihrem
Wunsche entspreche. Freudig erhob sich dann die Wirthin zum goldenen
Schwan und rief mit befehlerischer Stimme: Kinder! aber das sage ich
euch, die Hochzeit muß bei mir gefeiert werden, und da beißt die Maus
keinen Faden von ab. Gewiß! Gewiß! riefen die beiden Liebenden zu
gleicher Zeit: Ihr bleibt unsere Mutter in Freud und Leid. Der Himmel
gebe, daß wir einst in euren älteren Jahren euch pflegen und vergelten
können, was ihr so mütterlich für uns gethan.
Fünftes Kapitel.
Das Landgeschenk.
Deutsche Treu und Redlichkeit
Macht uns geltend weit und breit.
Nachdem Theodor die Aufträge, welche er von Leinbach und dessen
Nachbarn empfangen, pünktlich besorgt hatte, nahm er von seiner Maria,
den Pfarrersleuten und der guten Wirthin zum goldenen Schwan Abschied,
bestieg wohlgemuth sein ausgeruhtes Pferd, ritt rasch die Ridge Road
hinaus, Oley zu, und erreichte schon in der Hälfte des zweiten Tages
Leinbach’s Farm, wo ihm ein liebreicher Empfang zu Theil wurde.
Fleißig ging er wieder an die Arbeit, traf überall im Felde, sowie bei
der Viehzucht, praktische Verbesserungen, so daß ihm Leinbach sein
volles Zutrauen schenkte und die ganze Verwaltung der Farm überließ.
So waren etwas über zwei Jahre seiner Dienstzeit verflossen, während
welcher er seiner Maria und Freunden in Philadelphia mehrere Besuche
abgestattet hatte. Da sagte eines Tages Leinbach zu seiner Frau: Liebe
Anna, seitdem wir den Theodor auf unserer Farm haben, ist der Segen des
lieben Gottes doppelt bei uns eingekehrt. Er hat unsere beiden Buben
zu Fleiß und Ordnung angehalten und zu verständigen Bauern gemacht,
es ist daher jetzt Zeit, daß wir auch an den braven Mann denken, der
uns so viel Glück ins Haus gebracht, und unsere Farm zu einer der
wohlhabendsten in der ganzen Gegend gemacht. Was denkst du, wenn wir
ihm dass schöne Stück Land von 175 Ackern, bei Motz Mühle gelegen, zum
Geschenk machten, das ich ja doch nicht bebauen kann, und mir Vetter
Jakob de B. Keim so oft gerathen, nicht leer stehen zu lassen, sondern
zu verkaufen. Unsere Farm, fuhr er fort, ist vollkommen groß genug,
zwei Familien reichlich zu ernähren, in diese können sich, wenn wir
einst die Augen geschlossen, unsere Buben theilen, für unsere Mädchen
haben wir in der Nähe des Dorfes Reading zwei große Stücke des
werthvollsten Landes, auf welche mir schon große Gebote gemacht wurden.
Nun, wie wäre es, wenn wir unserm Theodor, wenn er uns noch eine
zeitlang treulich dient, das erwähnte Stück Land schenken würden? --
Unser Vetter Jakob de B. Keim würde dann einen guten Nachbar bekommen,
Theodor sich eine Heimath gründen, seine Maria heimführen, gegen uns
gewiß dankbar sein und oft zu uns herüberkommen, um zu sehen, ob unsere
Buben Alles recht machen.
Mit vielem Vergnügen willige ich ein, erwiederte Mutter Leinbach,
und unsere Kinder werden auch nichts dagegen haben, denn sie lieben
ihn ja, als wenn er ihr leiblicher Bruder wäre. Gut, sagte Leinbach
gar freundlich, indem er seiner Frau die Hand drückte, morgen ist
Theodors Geburtstag, ich werde mit ihm hinüber reiten und das Land
zeigen, gefällt es ihm, so mag er es haben. Ich will ihm sagen: Sieh,
lieber junger Mann, wir schenken dir das schöne Stück Land, worauf du
dir leicht eine gute Heimath gründen, und dann deine treue Maria als
ehrsame Hausfrau einführen kannst, und dazu bitten wir den lieben Gott,
daß er dir seinen Segen schenken möge.
Der braven Frau traten bei diesen Worten die Thränen in die Augen, sie
trat zu ihrem Manne und sagte: Friederich, du bist ein guter Mensch,
des Allmächtigen Güte wird uns und unser Haus auch ferner beschützen.
Noch an demselben Abend rief Leinbach seinen Knecht Theodor in seine
Nebenstube, ersuchte ihn Platz zu nehmen und richtete folgende Worte
an ihn: Theodor, du weißt, daß wir Alle dich gerne bei uns haben und
wissen, daß morgen dein Geburtstag ist, da dachte ich heute so bei mir
selbst, wir wollen einmal an diesem Tage die nicht ganz nothwendige
Arbeit ruhen lassen und hinüber reiten zu unserm Vetter Keim bei der
Motz Mühle, du warst ja noch niemals dort drüben, wo auch tüchtige
Bauern wohnen. Theodor nahm die Einladung dankend an, denn er war sehr
neugierig, die Gegend daselbst, sowie den fruchtbaren Boden, von dem er
so viel hatte reden hören, kennen zu lernen.
Am nächsten Morgen in aller Frühe sprengten die beiden Reiter, Vater
Leinbach und Theodor Benz, zum Hof hinaus, und rasch ging’s auf Keim’s
Farm zu. Dort wurden sie auf die freundlichste Weise von der ganzen
Familie begrüßt und da es gerade Mittagszeit war, auf das Beste
bewirthet.
Nachdem man sich eine kurze Zeit über die Tagesereignisse und besonders
über die große Unzufriedenheit des Volkes der Colonien gegen England
besprochen, und zuletzt einig wurde, daß die Krone Englands zu
tyrannisch gegen ihre Colonisten handle, bat Leinbach mit ihnen hinaus
zu gehn, um die ihm gehörigen 175 Acker, welche er in der Nähe von Motz
Mühle besitze, in Augenschein zu nehmen. Er möchte auch gern von seinem
Verwalter Theodor hören, welchen Werth das Land ohngefähr habe. Keim
war dazu gerne bereit. Als sie auf dem Grundstück angekommen waren,
schenkte Theodor demselben seine ganze Aufmerksamkeit, untersuchte hier
und da den Boden, fand einige ganz vortreffliche Quellen, bewunderte
den schönen Wald am Hügel mit seinen kräftigen Hickory-, Eichen- und
Kastanienbäumen, und sagte dann zu seinen Begleitern: Dieses Stück Land
ist ein so vortreffliches, wie irgend eines in der ganzen Gegend, und
er sei ganz erstaunt, daß Vater Leinbach es habe so lange brach liegen
lassen; es könne ja so leicht urbar gemacht werden und ein tüchtiger
Bauer mit wenig Hülfe in einigen Jahren eine höchst ergiebige Farm
daraus machen. Lieber Theodor, erwiederte Vater Leinbach, ich habe nur
auf den tüchtigen Bauern gewartet, und habe ihn nun gefunden, dies Land
soll dein sein und meine Frau und Kinder wünschen dir Glück dazu, in
einigen Tagen werde ich dir das Dokument zustellen, welches dich zum
rechtmäßigen Besitzer macht. Du hast es durch Treue und Fleiß verdient
und freue ich mich, daß Vetter Keim einen so guten Nachbarn bekömmt.
Theodor stand eine zeitlang wie versteinert, dann rollten Thränen über
seine Wangen und stumm drückte er seinem Wohlthäter die Hand. Nun,
nun, fasse dich, sprach Vetter Keim, reichte dem jungen Manne die
Hand und sagte: Theodor, wir sind jetzt Nachbarn, und ich gebe dir
das Versprechen, sobald du Besitz davon nimmst, deine Nachbarn dir
behülflich sein werden, ein ordentliches Blockhaus darauf zu bauen,
in welches du dein Weibchen einführen kannst. Da ich den Plan meines
Vetters Leinbach kannte, so habe ich schon zu unserm nächsten Nachbarn,
dem Müller Motz, gesprochen, und auch mit dem geschickten Zimmermann
Bartolet, welcher freundlichst versprach, den Bau des Hauses zu
leiten, da er gehört, daß du ein so tüchtiger Bauer und außerdem ein
religiöser, friedliebender und ehrenhafter Mann bist.
Nach dieser Unterredung wurde noch der Müller Motz besucht, der die
Angekommenen freundlichst begrüßte und sich freute, daß Theodor ihn
einmal besuche. Auch in der Motz Mühle[2] wurde die Angelegenheit
zwischen dem König von England und den Colonisten besprochen, und das
nämliche Urtheil wie bei Vetter Keim gefällt.
Der Nachmittag war schon weit vorgerückt als die Reiter Keim’s Farm
verließen, doch kamen sie wohlbehalten wieder in ihrer Heimath an.
[2] Diese Mühle existirt heute noch, hat immer noch einen guten
Namen bei den Bauern und wird jetzt von dem Müller Reichert
geleitet.
Sechstes Kapitel.
Die Revolution.
Fürs Vaterland, Recht und Freiheit streiten,
Das ist des Mannes höchste Pflicht.
In wenigen Tagen hatte Theodor das Nothwendigste auf der Farm besorgt
und da nichts Besonderes weiter zu thun war, ersuchte er Vater
Leinbach, ihm zu erlauben, nach Philadelphia zu reisen und seiner Maria
die frohe Kunde von dem Landgeschenke überbringen zu dürfen, in welchen
Wunsch Leinbach gern willigte, da er überdies mehrere Aufträge daselbst
zu besorgen hätte, denn wie er vernommen, sehe es in Philadelphia jetzt
sehr unruhig aus, und je früher er das Pferd sattle, desto lieber
wäre es ihm. Theodor versprach Alles auf’s Pünktlichste zu besorgen
und schon am nächsten Morgen in der Frühe ritt er zur Farm hinaus,
Philadelphia zu.
Wie immer, wenn er nach dieser Stadt kam, wurde er von der guten
Kreuderin, sowie von der Familie Mühlenberg und seiner Maria herzlich
empfangen und so zu sagen gehätschelt, denn er war ein gar schöner
und anständiger Mann geworden, dem man bei der Unterhaltung gar nicht
anmerkte, daß er sich nur mit Ackerbau und der Viehzucht beschäftigte.
Er erzählte den Lieben, wie nobel er von Vater Leinbach behandelt
werde, er zeigte ihnen den Schenkungsakt über das schöne Stück Land,
das künftig seine Heimath werden sollte, worüber Alle hoch erfreut
und den jungen Leuten zu ihrer neuen Heimath alles Glück wünschten.
Dann wurde nochmals die Hochzeit besprochen und beschlossen, daß
Pastor Mühlenberg die Trauung in Philadelphia vollziehen sollte und
daß Theodor den Vater Leinbach und seine liebe Frau zum Hochzeitsfeste
nach Philadelphia mitbringen müsse, doch sollte die Hochzeit nicht
eher stattfinden, bis das Blockhaus auf dem neuen Lande wohnlich
eingerichtet und Maria unterdessen für die inneren Bequemlichkeiten
desselben gesorgt hätte, wobei ihr die Frau Pfarrerin und ihre Tochter
(später die Frau des Pastors Kuntz), und die gute Frau Kreuderin,
behülflich sein wollten.
Ueberglücklich war Theodor und seine Maria und schauten mit den
schönsten Hoffnungen in die so nahe vor ihnen liegende Zukunft.
Allein es sollte leider anders werden. -- Der Mensch denkt, Gott lenkt!
--
In dieser Zeit erhoben sich immer mehr dunkele Wolken über die
Colonien, immer mehr lastete der Druck der englischen Regierung auf
ihren Colonisten in Nordamerika, immer mehr stieg die Erbitterung
derselben gegen ihre Unterdrücker, und hatte bereits in Boston das Volk
den so hoch von den Engländern besteuerten Thee aus den englischen
Schiffen über Bord geworfen, auch hatten schon mehrere Gefechte
zwischen den Colonisten und den englischen Soldaten stattgefunden.
Dies war die Veranlassung, daß die edelsten Männer des Landes sich in
Philadelphia versammelten, um das englische Joch abzuschütteln. Sie
riefen die Männer der Colonien zu den Waffen, um Gewalt gegen Gewalt
zu setzen, und freudig erschienen täglich Hunderte, um sich anwerben
zu lassen. Besonders herrschte in Philadelphia reges Leben, überall
vernahm man Verwünschungen gegen das englische Gouvernement und seine
Bevollmächtigten, und tüchtige Redner schürten das Feuer, bis es in
helle Flammen aufloderte. Selbst Pastor Mühlenberg, der so christliche
Mann, war über die Handlungen der englischen Regierung empört, und
erklärte offen, daß der König von England und seine Gewaltherrscher
gegen die Colonisten gewissenlos handelten.
Doch, lassen wir die Vorgänge ruhen, die bei dem Kampfe für Freiheit
und Unabhängigkeit dieser Vereinigten Staaten stattfanden, dieselben
sind ja Jedermann bekannt, und kehren wieder zu unserer Erzählung
zurück.
Zufällig traf Theodor in Philadelphia einen jungen Bauerssohn Namens
Isaak Levan, aus der Nachbarschaft von Reading, welcher einige Male
Leinbach’s Farm besucht und mit welchem er und Friedrich, Leinbach’s
ältester Sohn, gute Kameradschaft gemacht. Der junge Levan hatte öfters
Friedrich und Theodor eingeladen, seines Vaters Farm in Elsaß, bei
Reading, zu besuchen, doch hatten sie ihr Versprechen, dahin zu kommen,
bis jetzt noch nicht erfüllen können.
Freudig begrüßten sich die beiden jungen Männer, und Levan erzählte
Theodor, daß er auf die Bitte des +Joseph Hister+ in Reading hierher
gekommen sei, um zu erfahren, wie es mit der Sache der Aufständigen
stehe, und auf welche Weise man denselben Hülfe bringen könne, denn
in Reading und in Berks County überhaupt, sei man entschlossen, sein
Schärflein zur Befreiung der Colonien aus den Händen der Engländer
beizutragen, besonders sei es Joseph Hister, ein noch junger, doch
für Freiheit und Unabhängigkeit glühender Mann, daran gelegen zu
erfahren, wie es mit der Armee des Generals Washington stehe, da
Joseph Hister beabsichtige, aus den jungen Leuten von Berks County
eine Militärcompagnie zu errichten und dieselbe unter Commando des
braven Washington zu stellen. Ferner erzählte Levan, daß er +Benjamin
Franklin+ und +Thomas Jefferson+ besucht habe und diese ihm versichert,
daß bei einer Energie und Opferwilligkeit, wie sie Washington besitze,
derselbe zuletzt doch siegen müsse, wenn auch nach schweren Kämpfen,
und hätten sich beide Männer sehr gefreut, daß die Deutschen sich mit
Eifer der Sache der Freiheit annehmen. Auch in Bethlehem und Lancaster
sammelten die Deutschen Leute, welche freiwillig in den Kampf für
Freiheit ziehen wollten und ihre Zahl sei keine geringe. Jefferson
habe ihm noch den besonderen Auftrag gegeben, Hister, dessen Vater er
kenne, und von dem er wisse, daß er für die Sache der Unabhängigkeit
hoch begeistert sei, sowie Alle, welche in den gerechten Kampf ziehen
wollten, herzlich zu grüßen. Bedenke, junger Mann, habe Jefferson
noch hinzugefügt, wenn wir sagen können, dieses große, herrliche Land
ist unser, den Bürgern gehört’s, die sich selbst regieren wollen und
können. Welcher Segen wird für uns entspringen, ja für die ganze
Menschheit!
Nun Freund Theodor, fuhr Levan fort, will ich wieder nach Reading
zurückkehren und berichten, was ich von den großen Patrioten vernommen,
dann wollen wir eifrig daran gehen, eine Militär-Compagnie zu bilden
und sobald dieselbe vollständig, in Washington’s Lager ziehen, auch
ich will mitgehen, denn es ist ja des Mannes heiligste Pflicht, für
Freiheit und Vaterland zu kämpfen und freudig ziehe ich in den Kampf.
Nachdem Levan seine Erzählung geendet hatte, stand Theodor noch eine
zeitlang sinnend da, dann hob er plötzlich sein Haupt empor, reichte
seinem Freunde die Hand und sprach: Isaak, glaube mir, ich bin wie du
mit Leib und Seele der Sache der Freiheit und Unabhängigkeit ergeben,
und was ich heute Morgen von dem braven Pastor Mühlenberg vernommen,
daß die Engländer mit Feuer und Schwert die nach Gerechtigkeit rufenden
Colonisten verfolgen und tyrannisiren, habe ich eine solche Wuth
bekommen, daß ich auf der Stelle hätte darein schlagen mögen. Als mir
aber der Pfarrer noch erzählte, daß sein Sohn Peter den Priesterrock
ausgezogen, das Schwert umgürtet, um die Unterdrücker zum Lande
hinauszujagen, da hatte ich keine Ruhe mehr, und bin jetzt froh, dich
hier gefunden zu haben. Ich will mithelfen, den Räubertroß nach England
zurückzujagen, und dazu bin ich jetzt fest entschlossen, obschon ich
eben daran war, mir ein schönes Heim zu gründen und ein, ach! so liebes
Weibchen, mein zu nennen, doch wie ein jeder guter Patriot sagt, will
auch ich sagen: +Es ist des Mannes heiligste Pflicht für Freiheit
und Vaterland zu kämpfen.+ Nun, Levan, fuhr er fort, da dein Weg
nach Reading nicht gar weit von unserer Farm vorbeizieht, so reite ich
mit dir, du kehrst bei uns ein, erzählst Vater Leinbach was vorgeht,
und da ich weiß, daß er einen großen Haß gegen die Unterdrücker hegt,
so wird er wohl nichts dagegen haben, wenn auch ich mich den Berks
Countyern anschließe und mit in den Krieg ziehe. Ehe ich jedoch
Philadelphia verlasse, will ich noch einmal zu Pastor Mühlenberg gehen
und ihm mein Vorhaben mittheilen und seinen Rath vernehmen. Du, Levan,
gehst unterdessen zu Mutter Kreuderin, wartest auf meine Zurückkunft,
dann wollen wir zusammen abreisen. Mache es nicht lange, erwiederte
Levan, dann können wir heute noch Norris Wirthshaus erreichen, dort
übernachten und morgen Abend noch Vater Leinbach’s Farm erreichen.
Theodor eilte nun der Behausung des Pfarrers Mühlenberg zu und als er
in dieselbe getreten war, fand er die ganze Familie, auch Maria, in
des Pfarrers Sprechstube. Alle waren in großer Aufregung, denn der
Pfarrer hatte eben den folgenden Brief, den er von seinem Sohn Peter
erhalten, vorgelesen:
Lieber Vater, Mutter und Geschwister!
Das zehnte Virginische Regiment, aus lauter Deutschen bestehend, zu
dessen Colonel ich ernannt wurde, ist jetzt vollkommen gerüstet;
meine Leute sind alle muthig und ziehen freudig noch heute in den
Kampf für die gerechte Sache. Möge Gott uns Alle beschützen, und
möget ihr nur Gutes von mir vernehmen. Ich verlasse ein theures
Weib, ein liebes Kind, doch das Vaterland ruft mich und es ist
meine Pflicht dem Rufe zu folgen.
Lebt Alle wohl!
Euer +Peter Mühlenberg+,
Colonel des zehnten Virginischen Regiments.
Durch diese Mittheilung ermuthigt, theilte Theodor den Pfarrersleuten
mit, daß auch er sich entschlossen habe, dem Vaterlande seine Dienste
zu weihen, und sich der Militär-Compagnie, die man jetzt in Reading
gründe, anschließen wolle, wenn es Maria nicht zu hart nehme, daß
er sie verlasse, wo ihnen jetzt eine so schöne Zukunft bevorstehe.
Als Maria diese Worte vernommen, rollten schwere Thränen über ihre
Wangen, doch mit festen Tritten trat sie zu ihm, reichte ihm die Hand
und sprach: Mein lieber Theodor, du hast mir noch heute versprochen,
eine gute Heimath uns zu gründen und mich als dein Weib heimzuführen,
wodurch ich hoch erfreut war und mit großer Sehnsucht der Zeit
entgegen sah, wo wir vereint mit einander leben sollten, doch darf ich
dir nicht verhehlen, daß fort und fort eine düstere Ahnung mein Herz
erfüllte, daß die so gewünschte Zeit sich in weite Ferne ziehen werde,
und siehe, die Ahnung fängt heute schon an, sich zu bewahrheiten;
doch glaube ja nicht, daß ich gegen dein Vorhaben bin, denn ich sehe
ja hier schon seit einiger Zeit, daß viele Männer ihre Frauen und
Kinder verlassen, um in den heiligen Kampf zu ziehen, wie es ja auch
Vater Mühlenbergs Sohn gethan, und so sage ich, zieh’ hin mein theurer
Theodor, bleibe treu bis in den Tod dem Vaterland und deiner Liebe. Sie
drückte dem jungen Manne noch einen herzhaften Kuß auf den Mund und
verließ eilig die Stube.
Erschüttert und bleich stand nach diesen Worten Maria’s Theodor bei den
Pfarrersleuten, die ebenfalls von Maria’s Worten ergriffen waren; dann
ging er aber rasch zu der Frau Pfarrerin, reichte ihr die Hand und bat
mit den bewegtesten Worten, daß sie sich des armen Mädchens annehmen
möchte, und wenn möglich zu veranlassen suchen, sich mit ihm trauen zu
lassen, ehe er in den Krieg ziehe. Pfarrer Mühlenberg und sein gutes
Weib versprachen Elternstelle bei Maria zu übernehmen und wollten sie
auch zu bewegen suchen, sich mit ihm, ehe er in den Kampf ziehe, trauen
zu lassen.
Nach herzlichem Abschied von der guten Familie, eilte er zu Frau
Kreuderin, wo sein Freund Levan seiner wartete, und bald saßen die
beiden jungen Leute zu Pferde und rasch ging es nach Oley zu, der Farm
des Vaters Leinbach, welche sie auch am nächsten Nachmittag ohne
Unfälle erreichten und von der ganzen Familie auf das Freundlichste
aufgenommen wurden.