Umschweife. Er berichtete, wie er Freund Levan gefunden, von der
gewaltigen Aufregung, welche in Philadelphia herrsche und wie jeder
brave Mann daselbst gesonnen sei, für Freiheit und Unabhängigkeit in
den Kampf zu ziehen. Selbst Männer in reiferem Alter hätten Weib und
Kinder verlassen und die Waffen für die gerechte Sache ergriffen. Mein
Freund Levan, fuhr er fort, ist auch ein guter Patriot und hat sich
bereits der freiwilligen Militärcompagnie in Reading angeschlossen und
auch ich habe gedacht, nachdem ich mich mit Pfarrer Mühlenberg und der
Maria berathen, daß, wenn Ihr, lieber Vater Leinbach, nichts dagegen
habt, ich mit Levan nach Reading gehe, mich der Compagnie anschließe
und mit in den Kampf ziehe, denn es wäre ja eine Schande für einen
kräftigen jungen Mann, wenn er sich zurückziehen wollte dem Vaterland
zu dienen, während er sieht, daß Männer Weib und Kinder verlassen, zu
den Waffen greifen, um Tyrannen aus dem Lande zu jagen. Selbst seine
Maria hätte ihm zugerufen: Ziehe hinaus! Bleibe treu bis in den Tod dem
Vaterland und deiner Liebe!
Als Vater Leinbach die von Theodor mit großer Begeisterung gesprochenen
Worte vernommen, stand er auf, Thränen rollten über die Wangen des
sonst abgehärteten Mannes, und mit tiefer Rührung sprach er: Theodor,
das Vaterland, die gerechte Sache ruft dich, ziehe hinaus in den Kampf,
der Herr begleite dich auf allen deinen Wegen und führe dich wieder
glücklich zu uns zurück. Nun gehe und ruhe dich aus, denn morgen wird
es noch gar Manches für dich zu thun geben.
Da es schon spät war, begaben sich die jungen Männer zur Ruhe, aber
kaum begann das Grauen des nächsten Tages, da stand Theodor schon mit
Leinbach’s beiden Söhnen in Berathung, wie fernerhin die Arbeiten auf
der Farm geleitet werden sollten. Der ältere Sohn meinte, er könne
jetzt den Vater nicht verlassen, daß ihn aber, sobald die schwerste
Herbstarbeit verrichtet wäre, Niemand zurückhalten dürfe, mitzuhelfen,
den Engländern das Fell zu verklopfen. Er werde, fuhr er fort, die
Reading Compagnie aufsuchen, und stände sie in vollem Feuer. Gerührt
schüttelte Theodor dem jungen Manne die Hand.
Nachdem auch Vater Leinbach zu den jungen Leuten getreten war, beschloß
man, da die Herbsternte bereits eingeheimst sei, so viel als möglich
die Vorarbeiten für den Winter zu besprechen und zu besorgen, und als
noch der junge Levan dazu kam, so ging’s rasch an die Arbeit, und schon
am Abend waren alle Vorarbeiten in Scheuer, Stall und Remise besorgt,
so daß man auch ohne Theodor fertig werden konnte.
Die Nacht war hereingebrochen und ermüdet ging man in die Wohnstube, wo
ein gutes Essen für die Arbeiter bereit stand. Nach dem Essen ergriff
Leinbach das Wort, lobte die jungen Leute wegen ihrem Vorhaben, gab
denselben seinen besten Rath und bestimmte, daß sein Sohn mit nach
Reading reiten sollte und Theodors Pferd wieder mit zurückbringen, da
er ja doch keinen Gebrauch dafür habe. Hierauf begab man sich zur
Ruhe, doch kaum war wieder der nächste Morgen angebrochen, so waren
die jungen Männer auch auf den Beinen und machten sich reisefertig.
Als sie in die Stube traten, um Abschied zu nehmen, war schon ein
vortreffliches Frühstück aufgestellt und Vater Leinbach lud die
Anwesenden zum Essen ein. Nach dem Essen übergab Mutter Leinbach
Theodor ein Packet mit allem nöthigen Weißzeug, Vater Leinbach drückte
ihm eine wohlgefüllte Börse in die Hand und ohne Weiteres seinem treuen
Knecht sagen zu können, entfernte er sich, tief ergriffen von ihm
scheiden zu müssen, und eilte in ein Nebengemach. Theodor nahm jetzt
von den Uebrigen herzlichen Abschied und bald darauf eilten die drei
Reiter zur Farm hinaus; Theodor mit schwerem Herzen, denn vielleicht
war es das letzte Mal, daß er die Farm und seine Lieben sehen sollte.
Siebentes Kapitel.
Der Marsch nach Washington’s Armee. -- Freudiges Wiedersehn. -- Die
Hochzeit.
Der Krieger muß zum heil’gen Kampf hinaus,
Für Freiheit, Recht und Vaterland zu streiten;
Da zieht er noch vor seines Liebchens Haus,
Nicht ohne Abschied will er von ihr scheiden:
O weine nicht die Aeuglein roth,
Als wenn nicht Trost und Hoffnung bliebe,
Bleib’ ich doch treu bis in den Tod
Dem Vaterland und meiner Liebe.
Nach einem scharfen Ritt hatten die drei jungen Männer in wenigen
Stunden das damalige Dörfchen Reading erreicht, auf dessen Marktplatz
(jetzt das Square in der Pennstraße, zwischen der 5ten und 6ten) ein
sehr reges Leben herrschte. Man hörte die Trommeln rühren, sah Männer
und Burschen mit dem Gewehr auf der Schulter sich daselbst sammeln
und zum Abmarsch bereit machen. Capitän +Joseph Hister+ stand
auf einem erhöhten Platz und war eben im Begriff eine Anrede an die
Freiwilligen zu halten, als er Levan und seine Begleiter die Pennstraße
herabkommen sah. Schnell verließ er seinen Platz, eilte auf Levan zu
und bat denselben in aller Kürze sogleich zu berichten, wie es mit
der Sache der Aufständigen stehe, und wie es mit Washington’s Armee
aussehe. Als Levan berichtet hatte, daß die Aufständigen zu Hunderten
herbeieilten, um in den Kampf zu ziehen, daß Washington zwar jetzt nur
eine kleine, aber tapfere Schaar habe, welche in kleinen Scharmützeln
den Engländern tiefe Wunden beigebracht, daß viele Deutsche aus dem
Hessenlande, welche in die englische Armee gepreßt wurden, bereits zu
den Amerikanern übergegangen seien, und daß Washington bei Princetown
sein Lager habe, da eilte Hister zu seinem Platze zurück, schwang die
neue Fahne und verkündete der Menge die frohe Botschaft, worauf ein
donnernder Jubelruf die Luft durchtönte.
Als der erste Jubel vorüber war, stellte Levan seinen Kameraden,
Theodor Benz, als einen neuen Rekruten aus Oley vor, welcher mit
dreifachen herzhaften Hurrah’s empfangen wurde.
Noch an demselben Tage, gerade als die Glocke die Mittagsstunde
anzeigte, zogen die freiwilligen Streiter von Berks County aus Reading
und erreichten nach einem Marsche von drei und einem halben Tage
die Stadt Philadelphia. Unterwegs hatten sich den Freiwilligen noch
eine Zahl deutscher Farmerssöhne angeschlossen und so war es ein gar
stattlicher Zug, welcher in die Stadt der Bruderliebe einzog und von
den Bewohnern mit großem Jubel empfangen wurden.
Als +Hister’s+ Leute ihr Quartier eingenommen, eilte Theodor
Benz zu dem Capitän und bat ihn um Erlaubniß den Pfarrer Mühlenberg
besuchen zu dürfen, da er daselbst für sich Wichtiges zu besorgen
habe. Gerne willigte Hister in das Gesuch seines jungen Rekruten, der
dann der Wohnung des Pfarrers zueilte, wo er auf die freundlichste
Art von allen Gliedern der Familie und seiner Maria empfangen
wurde. Man besprach nun die Hauptsache, die Hochzeit, und da Maria
mit Allem einverstanden war, so kam man überein, daß die Trauung um
sechs Uhr Abends in der St. Michaelis-Kirche in der Fünften, nahe der
Cherrystraße, stattfinden und Mutter Kreuderin und sonstige Bekannte
und Freunde dazu eingeladen werden sollten. Als die bestimmte Stunde
herangenaht, war die kleine Kirche mit Eingeladenen und Neugierigen
gefüllt, unter ihnen die gute Mutter Kreuderin, Levan, Theodors Freund,
Capitän +Hister+ und Capitän +Graul+ und viele Andere.
Die Anrede des würdigen Predigers an das Brautpaar, sein Gebet zu
dem Allmächtigen für ihr Wohl, war so ergreifend, daß man in allen
Theilen der Kirche ein Schluchsen vernahm, und selbst dem feurigen
Soldaten Hister standen Thränen in den Augen; nur Maria’s und Theodor’s
Augen blieben Thränenleer. Als die Trauungsceremonie vorüber war und
der Pfarrer seinen Segen über Alle gesprochen, bemerkte er noch,
daß die Wirthin vom goldenen Schwan alle Anwesenden einlade, an dem
Hochzeitsmale das sie bereitet, Theil zu nehmen, und daß man von der
Kirche dahin in Prozession abgehen werde. Bald war der Zug in Bewegung.
Voran schritten Capitän Hister, Capitän Graul und Levan, dann folgten
die Neuvermählten, nach ihnen Pfarrer Mühlenberg und sein edles Weib
Anna, hinter ihnen kamen Mutter Kreuderin mit des Pfarrers Töchtern,
dann folgten die Uebrigen Zwei bei Zwei. -- Es war dieser Hochzeitszug
ein sehr stattlicher, aber ein sehr ruhiger, welcher mehr einem
Leichenzuge als Hochzeitszuge glich. -- Bald war das Hotel erreicht
und groß das Erstaunen der Kommenden, als sie alle Fenster, die
Hauptthüre, die Treppen mit Immergrün und Blumen geschmückt sahen. Auf
der rechten Seite der Treppe stand ein hoher, kräftig gebauter Mann,
auf der linken Seite eine liebliche Frauengestalt. Diese Leute waren
der Farmer Friedrich Leinbach und sein treues Weib Maria, eine geborne
Guldin, die von Mutter Kreuderin zur Hochzeit eingeladen waren, aber zu
spät ankamen, um der Trauung beiwohnen zu können. Kaum hatten Theodor
und Maria ihre Wohlthäter erkannt, so liefen sie auf dieselben zu,
umarmten und küßten sie, und nun erst traten dem jungen Paare schwere
Thränen in die Augen. Als man in das Eßzimmer getreten war wurden den
Neuvermählten von allen Seiten Glückwünsche dargebracht, hierauf setzte
man sich zur Tafel, die mit allen Delikatessen, welche Mutter Kreuderin
zusammen bringen konnte, reichlich bedeckt war. Eine heitere Stimmung
herrschte in der Gesellschaft, die unter frohem Gespräch fortdauerte,
bis zur späten Stunde und die Zeit zum Abschied nehmen herangekommen
war. Eben schlug die Mitternachtsstunde, die meisten Gäste hatten sich
bereits entfernt, und nur Mühlenberg, seine Frau und Maria, Vater
Leinbach, seine Frau und die drei Krieger waren zurückgeblieben, da
trat Theodor zu Maria, übergab ihr den Landschenkungsakt, seinen
Heimathsschein und Briefe seiner Eltern und sagte: Liebe Maria, bei
dir sind diese Dokumente besser aufgehoben als bei mir, du bist jetzt
mein Weib, und was mir gehört, gehört auch dir, und kehre ich glücklich
wieder zurück, dann meine Liebe wird die Freude gewiß groß sein, und
du kannst dann auch stolzer auf deinen Theodor sehen, der ein treuer
Kämpfer für Freiheit und Unabhängigkeit war. Er drückte ihr dann einen
Kuß auf den Mund, versprach sie noch einmal am nächsten Morgen zu
besuchen, dankte den Pfarrersleuten und Leinbach’s auf die herzlichste
Weise, für den warmen Antheil, den sie an seinem Schicksal genommen,
und entfernte sich mit seinen Kameraden nach dem Lager der Soldaten,
welches damals im offenen Felde stand, und jetzt das schöne Franklin
Square ist, eines der angenehmsten Plätze Philadelphia’s.
Es kam aber anders, als der gute Theodor sich gedacht, denn er mußte,
ohne noch einmal seine Lieben gesehen zu haben, für immer von ihnen
scheiden, denn kaum begann das Grauen des Tages, da wurde auch schon
die Trommel im Lager gerührt und der scharfe Befehl gegeben, daß die
Rekruten augenblicklich nach dem Delaware-Flusse marschiren sollten,
wo bereits ein Schiff auf sie warte, um sie nach der Jersey Seite zu
bringen. In aller Eile wurde auch dahin marschirt, das Schiff nahm
sogleich die Soldaten auf, und in kurzer Zeit landete man in der
Provinz New Jersey, wo mehrere Offiziere von Washingtons Armee die
Rekruten empfingen und mit Waffen, Munition und sonst noch Nothwendigem
versorgten. Nach einigen Stunden Ruhe begann der Marsch vorwärts nach
Trenton, welcher Ort damals schon eine Stadt genannt wurde. Dort
erhielt man den Befehl, nach Elisabethtown zu marschiren, daselbst zu
bleiben und im Exerciren sich zu üben, bis die Leute fähig wären der
regelmäßigen Armee einverleibt zu werden. Daselbst angelangt, wurden
die Berks Countyer in zwei Compagnien getheilt, die erste unter Capitän
Hister, die zweite unter Capitän Graul, und dann die jungen Soldaten
durch die Exercirmeister fort und fort in der Handhabung der Waffen,
sowie in den verschiedenen Märschen u. s. w. geübt.
Eines Tages stand Theodor mit noch einem Kameraden auf einer Anhöhe
etwas entfernt vom Lagerplatz, wo man die ganze Gegend übersehen
konnte, auf Wache, da sahen sie in der Gegend von Trenton her, mehrere
Männer rasch gegen das Lager marschiren. Als sie nahe genug an den
Wachtposten gelangt waren, so daß man einander verstehen konnte, rief
Theodor denselben Halt!! zu und befahl ihnen nicht weiter zu gehen,
ehe sie sich erklärt, was sie hier wollten. Soldaten werden, wie
du, Theodor, rief eine hellklingende Stimme, und man denke sich die
Ueberraschung, als Theodor in dem Rufenden seinen Freund, den jungen
Friedrich Leinbach, erkannte. Er eilte auf ihn zu und umschlang ihn mit
beiden Armen.
Endlich nahm Leinbach das Wort, deutete auf die vier jungen Männer,
die mit ihm gekommen waren und sagte: Dieses sind meine Freunde Samuel
Guldin, John de Turk, Samuel Bartolet und Jakob Yoder, alle aus Oley,
die sich in Hister’s Compagnie aufnehmen lassen wollen, und du,
Theodor, mußt uns Capitän Hister vorstellen. Gewiß, erwiederte er,
aber jetzt, Friedrich, hast du mir auch sonst noch Mittheilungen zu
machen? frug er etwas ängstlich. Ja, antwortete Friedrich: Zuerst Grüße
von meinen Eltern und Geschwistern, dann tausende von deiner netten
jungen Frau, und viele von Frau Kreuderin und den Pfarrersleuten, und
alle hoffen und wünschen dich bald wieder zu sehen und hier schickt dir
deine wackere Frau einen Silberring, den sie unter den nachgelassenen
Sachen ihres Vaters gefunden, den du ihr zu Liebe stets tragen möchtest.
Die jungen Männer mußten bei Theodor bleiben, bis er abgelöst wurde,
dann führte er sie zu Capitän Hister, der seine Berks Countyer
Landsleute mit großer Freude empfing, in seine Compagnie einreihte und
sie dann dem Exercirmeister freundlichst empfahl.
Theodor, den eine Art Heimweh beschlichen hatte, fühlte sich jetzt ganz
glücklich, einen so theuren Freund, wie Leinbach, gefunden zu haben,
der mit ihm brüderlich Leid und Freud theilen werde. Er erfuhr auch
von Capitän Hister, als er die jungen Leute vorgestellt hatte, daß am
folgenden Morgens der Armee-Bote nach Philadelphia sich begeben werde,
und wenn er etwas dahin zu berichten hätte, dazu die beste Gelegenheit
habe.
Noch spät Abends schrieb Theodor an seine liebe Frau, Friedrich an
seine Eltern, worin sie unter Anderm meldeten, wie sie sich gefunden
und wie sie nur der Tod trennen könne.
Die Briefe erreichten glücklich ihre Addressen und verbreiteten unter
Verwandten und Bekannten der jungen Männer große Freude.
[Illustration:
~F. S.~
Berg Maria. S. 58.
]
Achtes Kapitel.
Traurige Nachrichten.
Ach Gott! was ist des Menschen Glück,
Es währt oft nur ein Augenblick.
Mittlerweile wurden Hister’s und Graul’s Compagnien Berks County
Freiwilliger von Elisabethtown nach Long Island beordert und
Washingtons regulärer Armee einverleibt, dann dauerte es auch nicht
lange, daß zwischen den Amerikanern und Engländern Scharmützel
vorkamen, in welchen einige Berks Countyer verwundet und getödtet
wurden, und bald darauf, nachdem sich die Engländer in Eile gesammelt
hatten, griffen diese mit Macht die Amerikaner an, tödteten viele,
nahmen Capitän Hister, mehrere Officiere und viele Soldaten gefangen,
welche in das furchtbar berühmte Gefängnißschiff Jersey eingesperrt
wurden. Durch die schlechte Behandlung, welche den Gefangenen zu Theil
wurde, erkrankten und starben viele der braven Kämpfer für Freiheit und
Recht, und nachdem die überlebenden Gefangenen mehrere Monate in dem
furchtbaren Kerker geschmachtet, wurden sie nach New York gebracht, wo
es ihnen nicht viel besser erging.
Friedrich Leinbach, der den Klauen des Feindes entkommen war und zu
einem andern Regiment eingetheilt wurde, schrieb seinen Eltern bei
erster Gelegenheit die Vorgänge auf Long Island, und bemerkte dabei,
daß er seit der Ueberrumpelung Theodor aus den Augen verloren und seit
dieser Zeit nichts mehr von ihm gehört, wahrscheinlich wäre er mit
Capitän Hister gefangen worden. Auch nach Philadelphia war die traurige
Nachricht von dem Verlust der Armee gekommen, und als Maria den
Bericht von Friedrich Leinbach vernommen, wurde sie von tiefer Wehmuth
ergriffen und stärker erhob sich die Ahnung, meinen theuern Theodor
werde ich nie wieder sehen. Weder die Trostworte des Pfarrers, noch die
seiner braven Gattin, konnten die junge Frau beruhigen; sie verrichtete
zwar wie bisher pünktlich ihre Arbeit, doch kam kein Lächeln mehr
in ihr jetzt so blasses Gesicht. Ihre sonst so blühende Gesundheit
verschwand mit jedem Tage mehr und mehr und nur in der Religion suchte
sie ihren Trost.
Mühlenberg gab sich alle erdenkliche Mühe, um etwas über sein Schicksal
zu erfahren, er schrieb an Freunde in New York, wandte sich an den
Quartiermeister der Armee, doch Alles war vergebens, Niemand konnte ihm
Auskunft über den Vermißten geben. Endlich, als Capitän Hister aus der
Gefangenschaft befreit und ausgetauscht war, berichtete er dem Pfarrer
auf dessen Anfrage, daß Theodor mit ihm aus dem Gefängnißschiff Jersey
nach New York transportirt worden wäre, derselbe sei schwer verwundet
gewesen und habe ganz elend ausgesehen. In New York wäre er selbst
krank geworden, und kaum sei er etwas genesen, ausgetauscht worden,
habe aber von Theodor Benz nichts mehr gehört und gesehen.
Pastor Mühlenberg verschwieg Maria diese Nachricht, denn er wollte die
Traurige nicht noch trauriger machen und tröstete sie täglich damit,
daß Theodor aller Wahrscheinlichkeit nach noch in der Gefangenschaft
sei.
* * * * *
Es waren Jahre verflossen, die Amerikaner siegten über ihre
Unterdrücker, Frieden wurde geschlossen, das Land war frei. Da kehrten
die Sieger in ihre Heimath zurück, darunter auch Friedrich Leinbach. Er
kam von Yorktown, wo er ehrenvoll von der Armee entlassen worden war
und nahm seinen Weg nach Philadelphia, wo er hoffte von dem Pfarrer
oder Maria etwas von Theodor zu erfahren, aber leider konnte man ihm
nicht das Geringste über den Vermißten mittheilen. Obschon Mühlenberg
sich eine Liste der gefangenen und gestorbenen Vaterlands-Vertheidiger
zu verschaffen gewußt hatte, so fand er Theodor Benz Namen jedoch
nur in der Rollenliste als Sergeant in Capitän Hister’s Compagnie
verzeichnet. Noch sprach Friedrich mit dem Pfarrer, als Maria eintrat,
um ihn zu begrüßen, aber ganz erschüttert und sprachlos stand der junge
Krieger, als er Maria’s traurige Gestalt auf sich zukommen sah, um ihm
Hand und Gruß zu bieten; wo war das blühende, freundliche Gesicht, wo
waren die schönen Züge, die kräftige Gestalt des Mädchens. Mit tiefer
Rührung bat er Maria, daß sie doch mit ihm, ihrer Gesundheit halber, in
die gesunde Gegend seines Vaters Farm ziehen möge, sie würde sich dort
gewiß recht bald erholen, und wenn Theodor noch unter den Lebendigen
sei, er gewiß nach seines Vaters Hause kommen würde, aber Maria
dankte, und bemerkte dabei, daß sie hier auf ihrem Posten bleiben
müsse, denn Frau Mühlenberg sei schwer erkrankt und sie müsse der guten
Frau treue Pflegerin bleiben.
Neuntes Kapitel.
Die Einsiedlerin.
Wer nur den lieben Gott läßt walten,
Und hoffet auf ihn alle Zeit,
Den wird er wunderlich erhalten
In aller Noth und Traurigkeit.
Nicht lange hatte Maria die brave Frau Mühlenberg zu pflegen, denn nur
einige Tage nach Leinbach’s Abreise von Philadelphia, zerstörte die
kalte Hand des Todes ein Leben, das seinen Mitmenschen so nützlich
gewesen war. Der Pfarrer, welcher in seinen Lebenstagen viel Bitteres
erfahren, und durch das Alter sehr geschwächt war, wurde jetzt durch
den Tod seiner treuen Lebensgefährtin so sehr erschüttert, daß er
beschloß, seinen eigenen Haushalt aufzugeben und zu seiner Tochter
zu ziehen. -- Auch die Mutter Kreuderin war bald nach der Pfarrerin
gestorben und die irdischen Reste der im Leben so Wohlthätigen, der
kühlen Erde übergeben, auf deren Grab viele schwere Thränen Maria’s
fielen. Nun entschloß sich Maria nach Leinbach’s Farm zu ziehen, und
ging mit dem Segen Mühlenberg’s bald dahin ab.
Der Empfang auf der Farm war ein überaus herzlicher, von der Mutter und
den Töchtern geliebkost und ihr die Versicherung gegeben, daß sie nicht
anders als ein Familienglied betrachtet werden würde. Besonders sprach
ihr der alte Leinbach Trost zu, und bat sie, die Hoffnung noch nicht
aufzugeben, mit ihrem Gatten vereint zu werden. Aber Maria deutete mit
dem Finger zum Himmel und sprach mit zitternder Stimme: Ja dort, dort
über den Sternen.
Eines Tages, da ihr Vater Leinbach wieder Trost zugesprochen, sagte
sie: Vater Leinbach, wenn ihr mich lieb habt und erfreuen wollt, so
laßt mir auf dem Lande meines armen Theodors eine Hütte bauen, habt
dann keine Sorge für mich, denn mein Vorhaben dort ist etwas Gutes
auszuführen, wird mich in Thätigkeit bringen und gar manchen Kummer von
mir scheuchen.
Nach diesen mit Festigkeit gesprochenen Worten, erlaubte sich der gute
Mann keine Einwendungen mehr, und sprach nur, indem er dem Mädchen die
Hand reichte: Dein Wille soll geschehen.
Schon in aller Frühe am nächsten Morgen ging Leinbach mit einigen
Arbeitern nach dem Lande in Pike Township, welches er seinem braven
Knechte geschenkt und ließ, nach Maria’s Wunsch, nahe Mott’s Mühle in
der Nähe einer Quelle, ein kleines Hüttchen bauen.
Es war im Beginn des Monats März, als Maria mit den Segenswünschen
der Familie Leinbach in ihr Hüttchen einzog, worin sie vor Sturm und
Kälte geschützt war; ein mächtiger Kastanienbaum umschattete dasselbe.
Nachdem Maria im Innern Alles geordnet, vor die Thür trat und die
schöne Gebirgsgegend betrachtete, wo hier und da schon aus den Wäldern
grünes Laub emporsproß und auf den Farmen die Bäume zu blühen anfingen,
da erfüllte sich ihr Herz mit Liebe und Dank gegen den Schöpfer, der
diese schöne Welt gebaut, sie nahm sich’s vor, nicht mehr so viel
mit ihrem Schicksal zu hadern und eifrig das Vorhaben, den Menschen
nützlich zu sein, durchzuführen.
Bald sahen die Bauern der Nachbarschaft die stille, bleiche, schwarz
gekleidete Frau die Wälder durchstreifen und nach heilenden Kräutern
suchen, deren Aussehen und Heilkraft sie in einem Buche beschrieben
fand, welches ihr Pastor Mühlenberg mit der Bemerkung zum Geschenk
gemacht hatte, daß im Lande ein Jeder sein eigener Doktor sein müsse.
Nachdem Maria sich während der Frühlingszeit reichlich allerlei
Kräuter gesammelt, erkundigte sie sich bei ihren Wanderungen bei
den Bauersleuten, ob sie keine Kranke wüßten, denen sie ihre Hülfe
unentgeldlich anbieten könne, denn es sei ein Trost für sie, den
Leidenden Hülfe zu bringen.
Bald wurde das Anerbieten der Maria in der ganzen Umgegend bekannt und
fanden sich auch sofort Hülfesuchende in ihrem Hüttchen ein, denen sie
mit Rath und That, großem Eifer und Gewissenhaftigkeit stets zu helfen
suchte. Die Kräuter und gute Pflege, die sie den Kranken widmete,
hatten meistens die beste Wirkung und wo diese nicht mehr helfen
konnten, saß sie außerdem gar manche Nacht an dem Bette der Kranken
und Sterbenden Trost zusprechend. Von allen Seiten her kamen ihr die
herzlichsten Grüße zu, überall wo sie hinkam, war sie zu Hause. Viele
verehrten sie wie eine Heilige. Unter dem Namen:
=Die Berg-Maria=,
war sie weit und breit bekannt geworden, und manche Kranke kamen aus
der Ferne, um Trost und Hülfe bei ihr zu suchen.
Trotzdem dieses Schaffen und Walten ihren Kummer bedeutend gestillt, so
kam doch immer wieder neue Trauer und Wehmuth über die Arme, denn der
Tod hatte ihre besten Freunde, Pfarrer Mühlenberg, Friedrich Leinbach
und dessen braves Weib, schnell nach einander hingerafft und ruhten
im Schooße der kühlen Erde. -- Von Theodor hatte sie nie wieder etwas
gehört.
So lebte Maria in ihrem Hüttchen bei Mott’s Mühle, Pike Township,
Berks County, dreißig Jahre lang, bis sie im Jahre 1819 in hohem Alter
das Ewige mit dem Zeitlichen segnete und von ihrem Jammer, Kummer und
Sorgen befreit wurde. Die Nachricht von ihrem Hinscheiden versetzte
die ganze Nachbarschaft in tiefe Trauer, und aus weiter Ferne kamen
Männer und Frauen, um noch einmal das Antlitz derjenigen zu sehen,
die der Menschheit so viel Gutes gethan. Das Leichenbegängniß war das
größte, welches jemals in Pike Township stattgefunden. Kein Haus war in
Oley und den angrenzenden Townships, das nicht seine Repräsentanten zu
demselben gesandt, und weit her kamen Trauernde zu Wagen und zu Pferde,
um der Maria die letzte Ehre zu erweisen.
Der Sarg war mit den schönsten Kränzen und Blumen geschmückt.
Als Pfarrer Conrad Miller die Leichenrede hielt, blieb kein Auge
thränenleer.