jeder haltbaren Philosophie erscheint, von einer allem
Darauflos-Philosophieren voraufgehenden eindringenden
_Erkenntniskritik_, ist bei ihm sehr wenig zu spüren. Philosophie ist
für ihn _nicht_, wie für Kant, in erster Linie _Wissenschaft_, die auf
das Faktum von Mathematik und mathematischer Naturwissenschaft sich
gründet. Er steht vielmehr der ersteren gleichgültig, der letzteren,
zumal in ihrer von den Zeitgenossen fast allgemein akzeptierten
Verkörperung in Newtons Methode, sogar beinahe feindlich gegenüber. Das
Zerlegen in Berechenbares und Meßbares, welches das Ziel der modernen
Physik ist, widerstrebt seiner durchaus auf das Organische gerichteten,
nicht dem Allgemeinen, sondern dem Einzelnen, nicht dem Sein, sondern
dem Werden zugewandten Natur. Und wenn er auch durch Schiller, den
Gundolf einmal den »Gesandten« aus dem »Reiche Kants« an Goethe nennt,
für den idealistischen Grundgedanken von der Spontaneität, d. h.
selbständigen Zeugungskraft des menschlichen Geistes, gewonnen wurde,
so blieb doch sein Denken, vor allem in der äußeren Natur, aufs engste
mit den Gegenständen verbunden, weshalb es denn auch unter seinem
Beifall der Anthropologe Heinroth 1823 geradezu als »gegenständlich«
bezeichnen konnte.
Oder vielmehr, er sucht eine Verbindung zwischen beiden. In dem für
die Kenntnis seiner philosophischen Methode besonders wichtigen, 1799
für die »Propyläen« verfaßten Aufsatz »_Der Sammler und die Seinigen_«
heißt es z. B. ganz idealistisch: »Es gibt keine Erfahrung, die nicht
produziert, hervorgebracht, erschaffen wird.« Selbst das Göttliche
würden wir nicht kennen, »wenn es der Mensch nicht fühlte und selbst
hervorbrächte«. Und in den »Sprüchen in Prosa« sagt er: »Suchet _in_
euch, so werdet ihr alles finden, und erfreuet euch, wenn da draußen,
wie ihr es immer heißen möget, eine Natur lieget, die ja und amen
zu allem sagt, was ihr in euch selbst gefunden habt.« Daher auch,
nebenbei bemerkt, sein Spott gegen die »Philister«, die das »Innere der
Natur« für ein undurchdringliches Geheimnis hielten. Rudolf Steiner in
seinem Büchlein »Goethes Weltanschauung« will darin einen Gegensatz zum
Kritizismus erblicken. Das Gegenteil ist der Fall. Vielmehr wendet sich
gerade Kant in der »Kritik der reinen Vernunft« (2. Auflage, S. 333 f.)
gleichfalls ausdrücklich gegen die »ganz unbilligen und unvernünftigen«
Klagen mancher Leute, daß »wir das Innere der Dinge gar nicht
einsehen«, und erklärt dazu: »Ins Innere der Natur dringt Beobachtung
und Zergliederung der Erscheinungen, und man kann nicht wissen,
wieweit dieses mit der Zeit gehen werde.« Diesen vielsagenden Satz hat
Goethe in seinem Handexemplar doppelt angestrichen: so daß vielleicht
anzunehmen ist, daß er gerade durch ihn zu seinem »heiteren Reimstück«
vom »Inneren der Natur« angeregt wurde. In gleichem Sinne erklärt er an
einer anderen Stelle: »Aber wie weit und wie tief der Menschengeist in
seine und der Welt Geheimnisse zu dringen vermöchte, werde nie bestimmt
noch abgeschlossen.«
Mit dieser Voraussetzung eines immer weiteren Vorwärtsdringens echter
wissenschaftlicher Forschung ist die von Anfang an in Goethes Natur
liegende, aber durch Kant in ihm bestärkte Neigung zu kritischer
_Selbstbescheidung_ gegenüber dogmatischem Allwissenheitsdünkel
durchaus vereinbar, wie sie sich vor allem in dem berühmten Spruche
(Nr. 1019) ausprägt: »Das schönste Glück des denkenden Menschen ist,
das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig
zu verehren.« Wozu man jedoch die beiden ihn umrahmenden Sprüche
hinzunehmen muß: »Je weiter man in der Erfahrung fortrückt, desto näher
kommt man dem Unerforschlichen; je mehr man die Erfahrung zu nutzen
weiß, desto mehr sieht man, daß das Unerforschliche keinen praktischen
Nutzen hat.« (1018.) Und andererseits: »Derjenige, der sich mit
Einsicht für beschränkt erklärt, ist der Vollkommenheit am nächsten.«
(1020.) Auch dies letzte Wort ist gesund kritisch gedacht und durchaus
nicht im Sinne skeptischen Verzichts auf die Wissenschaft aufzufassen.
Oder gar im Sinne der Mystik. Denn wie wenig auch Goethe, schon als
Dichter, geneigt ist, das Rätselhafte, das Geheimnisvolle, das
»Wunder« in uns und der äußeren Natur einfach wegzuleugnen, so bedeutet
es doch für ihn niemals ein Durchbrechen der Naturgesetze, sondern
höchstens eine Grenze, bis zu der unser Erkennen hinanführt.
Die eben zitierte Wendung vom »praktischen Nutzen« endlich, die sich
in anderen Sprüchen zu allgemeineren Sätzen erweitert, wie: »Was
_fruchtbar_ ist, ist wahr«, »Ich halte für wahr, was mich _fördert_«,
»Wir sind aufs _Leben_, nicht auf die Betrachtung angewiesen«, scheinen
freilich Goethe ganz in die Nähe des heutigen »Pragmatismus« eines
James und Bergson oder, wenn man will, auch Nietzsches zu rücken.
Allein dem stehen doch genug Aussprüche anderer Art gegenüber, wie
der aus dem »Faust«, daß »_Vernunft_ und _Wissenschaft_« des Menschen
»allerhöchste Kraft« darstellen, die beweisen, daß ihm der Geist über
das Blut, das apollinisch-klare Element, um mit Nietzsche zu reden,
über das dionysisch-trunkene geht. Wir bekennen uns, sagt er einmal,
zu »dem Geschlecht, das aus dem Dunklen ins _Helle_ strebt«. Und
derselbe Gundolf, der ihn eben jenem Pragmatismus annähern will, hat,
wir sahen es S. 167, von seiner Läuterung aus dem _Gefühls_-Goethe der
jungen in den _Gedanken_-Goethe der reiferen Jahre gesprochen, hat mit
der Neigung zur Übertreibung, die sein geistvolles Werk kennzeichnet,
erklärt, daß Goethe, »der Anlage nach einer der dunkel-drangvollsten,
gefühlsüberschwenglichsten, widerrationalsten Menschen, sich zur
Heilung in die intellektuelle Klarheit begab, sich zur vollkommensten
_Denkordnung_ erzog und es fertig brachte, die ganze dunkle angeborene
Tiefe seiner Lebensfülle in _helle Begriffe_, Einsichten, Reflexionen,
Maximen, Sentenzen heraufzuholen«, so daß er in ein ganz anderes
geistiges »Klima« kam, das der »_Ideale_ und _Grundsätze_« statt der
»Qualen und Wonnen«. Diese größere »Helligkeit« der Begriffe hat ihm
eben die Philosophie, hat ihm, wenn es Gundolf auch nicht Wort haben
will, in erster Linie Kants Kritizismus gegeben; wie es sich auch
einmal in Goethes Gelegenheitsäußerung zu dem jungen Schopenhauer
widerspiegelt: »Wenn ich eine Seite im Kant lese, wird mir zumute, als
träte ich in ein helles Zimmer.«
2. Die »Ideale und Grundsätze« führen uns auf ein anderes Gebiet: das
der _Ethik_. Auch hier läßt sich der Unterschied zwischen dem Prediger
der Natur (Goethe) und denen der Freiheit, die zugleich sittliche
Gebundenheit unter die Pflicht ist (Kant, Schiller), natürlich nicht
verwischen. Wir erinnern an des ersteren entschiedene und fortdauernde
Abneigung gegen den radikalen Hang zum Bösen, der dem Christentum
und Kant zufolge in der Menschennatur unausrottbar liegen soll.
Demgegenüber bekennt Goethe bis zum letzten Augenblick, und das denn
doch wieder in Übereinstimmung mit Kant, im Gegensatz dagegen zu dem
Nirwana des Buddhismus, der Maja der Brahminen und dem irdischen
Jammertal des Christentums: »Wie es auch sei, das Leben, es ist _gut_.«
Goethe ist und bleibt überhaupt ein durchaus _diesseitsfroher_ Mensch.
»Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt«, ist seine theoretische
Weltansicht, und daraus entspringt unmittelbar sein praktischer Glaube:
»Das Drüben kann mich wenig kümmern«; vielmehr:
»Aus _dieser_ Erde quillen meine Freuden,
Und diese Sonne scheinet meinen Leiden.«
Die Beschäftigung mit Unsterblichkeitsfragen ist seiner Meinung nach
»für vornehme Stände und besonders für Frauenzimmer, die nichts zu tun
haben. Ein tüchtiger Mensch, der schon hier etwas Ordentliches zu sein
gedenkt, und der dafür täglich zu streben, zu kämpfen und zu wirken
hat, läßt die künftige Welt auf sich beruhen und ist tätig und nützlich
in dieser.«
Gewiß, Goethe verkörpert das sittliche Ideal am liebsten in weiblicher
Gestalt: Iphigenie, Leonore, Natalie und anderen. Aber es muß doch
jedem Unbefangenen auffallen, wie stark und häufig er sich, seit
seiner Freundschaft mit Schiller, namentlich aber in seinen späteren
Jahren, zu den großen Grundgedanken von Kants Ethik bekannt hat. So
zu dem _Pflicht_begriff: »Erfüllte Pflicht empfindet sich immer noch
als Schuld, weil man sich nie ganz genug getan« (Spruch 44), zum
_kategorischen Imperativ_, der in der Naturforschung ebenso am Platze
sei wie im Sittlichen (915), zur Anerkennung des _guten Willens_ als
»Hauptfundaments des Sittlichen«. Und vor allem auch zum Gedanken
der sittlichen _Autonomie_ (Selbstgesetzgebung): Pflicht ist, »wo man
liebt, was man _sich selbst_ befiehlt« (565). Denn
»Das selbständige Gewissen
Ist Sonne deinem Sittentag«,
das _Gewissen_, »das keines Ahnherrn bedarf«, mit dem »alles gegeben
ist«, das »nur mit der inneren eigenen Welt zu tun hat«.
Sicherlich, die Motive sind vielfach bei Kant und Goethe, ihrer völlig
entgegengesetzten Naturanlage entsprechend, sehr verschieden, und die
methodische Begründung fehlt bei dem Dichter-Denker durchaus. Aber in
ihrem Ergebnis kommen sie doch, wie man sieht, mannigfach überein.
3. Das stimmt denn auch bis zu einem gewissen Grade für ihre
_Religions_auffassung. Gewiß sind auch hier grundlegende Unterschiede,
ja Gegensätze vorhanden. Goethes vielseitigem Wesen entspricht es
recht, wenn er sie auf einem Zettel seines Nachlasses einmal in die
Worte kleidet: »Wir sind naturforschend _Pan_theisten, dichtend
_Poly_theisten, sittlich _Mono_theisten.« Von Spinoza her, aber auch
aus seinem innersten Gefühl heraus hat er sich auch später gegen
einen Gott gewehrt, der nur »von außen stieße, das All im Kreis am
Finger laufen ließe«. _Sein_ Gott lebte und webte _in_ der Natur, war
schließlich nichts anderes als deren geistiger Inbegriff. Aber daneben
ist ihm doch die Gottheit auch Verkörperung der höchsten Sittlichkeit.
In seinem Handexemplar der »Kritik der Urteilskraft« schreibt er zu
einer Stelle des § 86, wo ihr Verfasser den Gottesglauben rein auf
die Moral baut, ein ~optime~ (»sehr gut!«) an den Rand, und wenige
Seiten später: »Gefühl von Menschenwürde« objektiviert (zum Gegenstand
gemacht) = Gott.
Im übrigen hat er in »Wilhelm Meisters Wanderjahren« das schöne
Wort von den drei Stufen der _Ehrfurcht_ gesprochen: der Ehrfurcht
vor dem _über_ uns, vor dem _unter_ uns und vor uns selbst, also
vor dem _in_ uns. In jenem Wort von der ruhigen Verehrung des
»Unerforschlichen« sprach sich die erste Ehrfurcht aus; mit ihr
verwandt ist auch das Gefühl dankbarer Hingabe in den bekannten Zeilen
des Vierundsiebzigjährigen:
»In unseres Busens Reine wogt ein Streben
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben.«
Aber die höchste Art der Ehrfurcht ist ihm doch eben die vor dem
Göttlichen _in_ uns selbst. Und darum ist auch der Grundgedanke
seiner größten Dichtung, des _Faust_, ganz Kant und Schillers Denkart
entsprechend, der der _Selbsterlösung_: der Erlösung nicht durch
irgendeine von außen kommende Gnade, sondern durch die eigene Tat: sei
es die Tat des Gedankens (»Wer immer strebend sich bemüht ...«), sei
es die des tätigen Wirkens für andere, womit der alte Faust sein Leben
beschließt. Und ebenso in der Iphigenie: »Alle menschlichen Gebrechen
Sühnet reine Menschlichkeit.«
4. Obwohl Goethe als einziger unter unseren vier Klassikern
jahrzehntelang, offiziell oder inoffiziell, ein höheres Staatsamt
bekleidet hat, ist gerade sein Wesen im Grunde doch _unpolitisch_. Das
tritt schon in der in der Hauptsache lyrischen Art seiner Dichtkunst
und vielleicht noch mehr in seinen historischen Dramen wie »Götz«
und »Egmont« hervor, die zwar vielerlei politischen Stoff enthalten,
aber letzten Endes doch unpolitischen Charakter tragen. Auch in der
_Geschichte_ ist ihm das Individuelle und Biographische interessanter
als das Politische und Kulturgeschichtliche. Die größten politischen
Ereignisse seiner Zeit: die große Revolution von 1789, die Knechtung
Europas durch Napoleon und die Wiederbefreiung von ihm haben ihn
verhältnismäßig kalt gelassen. Auffallend ist insbesondere, wie wenig
die weltgeschichtliche _Französische Revolution_, im Vergleich mit
Kant, Schiller, aber auch dem ihm in der historischen Anschauung sonst
wesensverwandteren Herder (vergl. S. 92) ihn innerlich gepackt hat.
Denn sein vielzitiertes Wort gelegentlich der Kanonade von Valmy,
daß mit diesem Tage eine neue Epoche der Weltgeschichte beginne,
oder der sechste Gesang von Hermann und Dorothea können doch nicht
entschuldigen, daß ein so weltbewegendes Ereignis ihn nur zu so
kläglichen dichterischen Erzeugnissen wie »Der Großkophta«, »Die
Aufgeregten« und »Der Bürgergeneral« veranlassen konnte. Im Grunde
ist er eben in politischen Dingen eine durchaus _konservative_
Natur, wenn auch natürlich nicht im landläufigen Sinne geistigen
Rückschritts, sondern etwa im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus
gewesen. Politische Zielsetzungen, Forderungen, »Lockrufe« (Gundolf)
wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder auch Patriotismus,
Befreiungskampf, haben für ihn, den im wesentlichen bloß Betrachtenden,
keine Schlagkraft besessen. Unordnung erscheint ihm unerträglicher als
selbst Ungerechtigkeit. Die politische Geschichte hat er gelegentlich
als einen bloßen »Mischmasch von Irrtum und Gewalt« bezeichnet. Die
große Revolution seiner Tage hatte in seinen Augen nur den Nachteil,
gleich der religiösen des sechzehnten Jahrhunderts: »ruhige Bildung
zurückzudrängen«.
Über sein _Weltbürgertum_ brauchen wir uns nicht weiter zu verbreiten.
Das ist ihm mit Lessing, Herder und Schiller gemein. Dagegen hat
man ihn neuerdings wohl mit Bezug auf die »Pädagogische Provinz« in
»Wilhelm Meisters Wanderjahren« zum _Sozialisten_ machen wollen. Diese
seine _pädagogisch-soziale Utopie_, etwas seinem sonstigen auf die
unmittelbare Wirklichkeit gerichteten Wesen ganz Widerstrebendes,
erinnert ihrer Gattung nach vielleicht am ehesten an Platos »Staat«,
ist aber weit unlebendiger, schemenhafter und nüchterner als
dieser. Im Grunde ist sie wohl, ähnlich wie Hegels gleichzeitige
Staatsphilosophie, eine Mahnung an die in fast reinem Individualismus
aufgehende Zeit, sich des Gemeinschaftlichen zu erinnern, wie er schon
in dem bekannten Distichon von 1797 gemahnt hatte:
»Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes
Werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.«
Jeder soll sich in _einem_ Fache, am besten in einem Handwerk,
aufs beste ausbilden, das gibt »höhere Bildung als Halbheit im
Hundertfältigen«; und dann warten, welche Stelle im Gemeinleben ihm
zugeteilt wird. Die Leitung seiner in letzter Linie zu einem »Weltbund«
sich zusammenschließenden idealen Gesellschaft sollen, ähnlich wie bei
Plato, weitschauende, das Ganze der gesellschaftlichen Zusammenhänge
überblickende, über Sonderwünsche und -interessen erhabene Greise
haben. Schon der Nebentitel »Die Entsagenden« zeigt das Unfrische,
Resignierende des Entwurfs. Von wirtschaftlichen Grundlagen des neuen
Gemeinwesens ist keine Rede, nur von Religion und Sitte, Obrigkeit und
Polizei wird einiges gesagt.
Die Hauptsache ist die _Erziehung_, die in einer großen Anstalt
gemeinschaftlich stattfindet, damit der Knabe frühzeitig »selbstische
Vereinzelung« aufgebe. Auf körperliche Ausbildung und praktische Arbeit
wird großer Wert gelegt, der ganze Unterricht auf Anschauung gegründet,
auch die Sprachen lebendig-praktisch übermittelt, alles tote Wortwissen
vermieden; Willkür und Laune übrigens nicht geduldet. Das eigentliche
Leitmotiv des »Weltbundes« ist Gemeinnützigkeit, »trachte jeder überall
sich und anderen zu nützen« sein Wahlspruch. Nur nach dem, was einer
leistet, wird gefragt, jeder Standesunterschied soll aufgehoben sein.
Alles, auch das äußere Milieu: Landschaft, Wohnung, Kleidung, Gerät
wird von oben herab bestimmt. Interessant ist das Voraussehen eines
wesentlich sozialen, technischen und werktätigen Zeitalters.
Daß Goethe auch in seinen jüngeren Jahren nicht ohne soziales Empfinden
war, zeigt eine noch wenig bekannte Stelle aus einem Briefe vom März
1779 an Frau von Stein, wo er klagt, er komme in der Arbeit an seinem
Humanitäts-Drama, der »Iphigenie«, nicht recht vorwärts, weil ihn dabei
beständig die Gedanken an die -- hungernden Weber in Apolda störten.
Ebendahin gehört ja auch das: »Wer nie sein Brot mit Tränen aß« und,
in anderem Zusammenhang, das: »Vom Rechte, das mit uns geboren, von
dem ist leider nie die Frage.« So finden wir auch in dem Plane der
»Wanderjahre« nicht bloß, wie es bei einem Goethe selbstverständlich,
allerlei anregende, sondern auch sozialistische Gedanken, die er zum
Teil mit dem gleichzeitigen Saint-Simonismus in Frankreich gemein hat.
Aber als Ganzes wirkt doch die in Romanform weitläufig, oft bis ins
Pedantische ausgeführte Utopie schemenhaft und weltabgewandt, daher
auf die Dauer -- langweilig. Wäre nicht Goethe der Verfasser, man
würde sie nicht lesen. An eine praktische Wirkung des Romans, den er
übrigens erst in seinem achtzigsten Lebensjahr vollendete, hat der
Dichter ohnehin nicht gedacht; er läßt zum Schlusse die Mitglieder
seiner Gesellschaft, des zähen Schlendrians in der Alten Welt müde, zur
Fortsetzung ihrer Arbeit -- nach Amerika auswandern.
_Wir_ erblicken das sozialistische Ideal, wenn wir es denn einmal mit
Goethe in inneren Zusammenhang bringen wollen, viel schöner formuliert
in den letzten Worten des sterbenden Faust:
»Eröffn' ich Räume vielen Millionen,
Nicht sicher zwar, doch _tätig frei_ zu wohnen
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn,
Auf _freiem Grund_ mit _freiem Volke_ stehn.«
5. Das oberste und eigenste Gebiet ist und bleibt indes für Goethe doch
schließlich die _Kunst_. Auch hier hat er -- von einzelnem zu sprechen,
ist nicht der Raum vorhanden -- je länger je mehr der _Philosophie_ die
Ehre gegeben, die ihr gebührt. »Wer gegenwärtig über Kunst schreiben
oder gar streiten will, der sollte einige Ahnung haben von dem, was die
Philosophie in unseren Tagen geleistet hat und zu leisten fortfährt.«
(Spruch 704.) Auch hier hat sich sein philosophisches Denken letzten
Endes zu dem schöpferischen Idealismus des selbsterzeugenden
menschlichen Geistes bekannt: »Kein Porträt kann etwas taugen, als
wenn es der Maler im eigentlichen Sinne erschafft« (Der Sammler). Und
verallgemeinert: »Es gibt einen allgemeinen Punkt, aus welchem alle
ihre (der Kunst) Gesetze ausfließen: das menschliche Gemüt.« »Die Kunst
ist nur _durch_ den Menschen und für ihn.«
Die Kunst und ihr philosophischer Ausdruck, die Ästhetik, bildet aber
nur ein für sich bestehendes Gebiet des menschlichen Bewußtseins neben
Natur und Sittlichkeit: gleich diesen in letzter Linie der Gesetzgebung
des Menschen untergeordnet, der überall, »wo er bedeutend auftritt«
-- in Wissenschaft und Staat, Sittlichkeit, Kunst und Religion --,
»gesetzgebend sich verhält«. Diese Gesetze aufzusuchen ist die Aufgabe
der _Philosophie_; und insofern er sich darum sein Leben lang bemüht,
hat auch Wolfgang Goethe seinen Anteil zur deutschen Philosophie
beigetragen. So gehört auch er -- neben Lessing, Herder und Schiller --
als vierter und letzter, aber mit nicht minderem Recht als sie, in die
Reihe
_unserer Klassiker-Philosophen_.
Anhang
Zur Literatur
Es wäre unangebracht, unseren Lesern an dieser Stelle eine möglichst
vollständige Zusammenstellung aller Schriften, die über die
philosophischen Anschauungen unserer Dichter-Klassiker oder irgendeine
Seite derselben handeln, zu geben. Wir verweisen diejenigen, die sich
dafür interessieren, auf den bibliographischen Anhang zu _Ueberwegs_
»Grundriß der Geschichte der Philosophie«, 3. Band, dessen neueste
(11.) Auflage (besorgt von Professor M. Frischeisen-Köhler, Berlin
1914) allein über Lessing nicht weniger als 52 Schriftentitel anführt.
Der Leser würde dabei nur vor einem Heere von Namen und Titeln stehen,
mit denen er wenig anzufangen wüßte. Wir beschränken uns vielmehr im
folgenden auf eine Angabe derjenigen literarischen Hilfsmittel, die wir
für die wichtigsten und förderndsten halten.
Von den allgemeinen literaturgeschichtlichen Darstellungen halten wir
noch immer für eine der besten Hermann _Hettners_ »Literaturgeschichte
des achtzehnten Jahrhunderts«, 3. Teil; daneben ist, namentlich für
Lessing, auch des alten Gervinus »Geschichte der deutschen Dichtung«
(1842) noch sehr brauchbar.
Über _Lessing_ besitzen wir, nachdem die beiden früh verstorbenen
Danzel und Guhrauer mit einer für ihre Zeit (1850 bezw. 1854) sehr
verdienstlichen Darstellung vorangegangen waren, seit 1884 eine
vorläufig abschließende biographische Darstellung in dem zweibändigen
Werke von _Erich Schmidt_ »Lessing. Geschichte seines Lebens und
seiner Schriften«, 3. Auflage 1909, die freilich gerade philosophisch
nicht ausreicht. Eine gute Ergänzung dazu bietet die knappe, aber
bedeutende Darstellung, die _Wilhelm Dilthey_ 1867 in den »Preußischen
Jahrbüchern« gab, und die erweitert seit 1905 in Diltheys »Das Erlebnis
und die Dichtung« (4. Auflage 1912) aufgenommen ist. Die eindringendste
Monographie über »Lessing als Philosoph« hat bis jetzt Christoph
_Schrempf_, der eigenartige schwäbische Theologe und Philosoph, in
Band 19 von Frommanns »Klassikern der Philosophie« (Stuttgart 1905)
geliefert. Vom marxistischen Standpunkt aus hat _Franz Mehring_ ein
umfassendes Gemälde der Zeit Friedrichs des Großen und Lessings gegeben
in seiner »_Lessing-Legende_« (Stuttgart 1922, Dietz, 8. Auflage),
in der Lessing als der literarische Wortführer des aufstrebenden
Bürgertums gezeichnet wird.
Für _Herder_ hat eine hervorragende große und grundlegende
Gesamtdarstellung in zwei mächtigen Lexikonbänden von zusammen über
1600 Seiten _Rudolf Haym_, »Herder nach seinem Leben und seinem
Wirken« (Berlin 1880 bis 1882), geliefert. Eine knappere, darum vielen
unserer Leser vielleicht willkommenere Darstellung in einem immerhin
noch starken Bande gibt _Eugen Kühnemanns_ »Herder« (zweite, neu
bearbeitete Auflage, München 1912, O. Beck): geistreich, freilich
auch stark subjektiv, das Seelische stark herausholend. Eine noch
kürzere Sonderdarstellung von »Herder als Philosoph«, an Umfang
der Schrempfschen von Lessing entsprechend, enthält die Arbeit des
österreichischen Gelehrten C. _Siegel_ (Stuttgart 1907, Cotta),
sorgfältig und klar, freilich auch etwas trocken. In unserem Text haben
wir außerdem auf das eigenartige Buch von Günther _Jacoby_ »Herder als
Faust« (Leipzig 1911) hingewiesen, der auch den letzten Kampf Herders
gegen Kant und beider Begründung der Ästhetik in besonderen Schriften
behandelt hat.
Über _Schiller_ liegt eine große Biographie, die auch philosophisch
völlig befriedigte, nicht vor. Die kürzere von E. _Kühnemann_
(München 1906) steht in dieser Beziehung hinter seiner eben genannten
Herder-Biographie zurück. Tiefer philosophisch geht seine kleinere
Schrift »Kants und Schillers Begründung der Ästhetik 1895«. Aus der
Masse der bei Ueberweg (11. Auflage 1914) S. 105 bis 107 zitierten
Arbeiten über Schillers Philosophie ragen hervor: _Kuno Fischer_,
Schiller als Philosoph, 1858, 2. Auflage, Heidelberg 1892; _K.
Tomaschek_, Schiller in seinem Verhältnis zur Wissenschaft, Wien 1862;
_F. A. Lange_, Einleitung und Kommentar zu Schillers philosophischen
Gedichten, aus dem Nachlaß herausgegeben von O. A. Ellissen, Leipzig
1897. Ferner das Festheft der Kant-Studien: »Schiller als Philosoph
und seine Beziehungen zu Kant«, Berlin 1905; _Karl Vorländer_, Kant --
Schiller -- Goethe, 1. Teil, Leipzig 1907, 2. Auflage 1922.