zu Ende gekommen ist,[26] und dem er eine knapp zusammenfassende und
populäre »Kurze Vorstellung der Kantischen Philosophie« von der Hand
des Wittenberger Theologieprofessors Reinhard beigelegt hat. Daß er
mit kritischem Auge gelesen hat, ergibt sich aus einzelnen im Nachlaß
darüber gefundenen Bemerkungen, von denen wir allerdings nicht mit
Sicherheit wissen, ob sie schon aus dieser _ersten_ Zeit seines
Kant-Studiums stammen. Noch interessanter war mir es, aus Goethes
eigenem Handexemplar, das ich mit Erlaubnis des damaligen Direktors
des Goethe-National-Museums (d. h. des Goethe-Hauses) zu Weimar ~Dr.~
Ruland auf längere Zeit mit mir nehmen durfte, an der Hand seiner
zahlreichen Anstreichungen und Unterstreichungen festzustellen, was
ihn darin am meisten interessierte. Ich habe darüber im Anhang zu
meinem »Kant -- Schiller -- Goethe« (S. 272 bis 279) einen genauen
Bericht gegeben und verweise alle diejenigen Leser darauf, die sich
für diese Einzelheiten interessieren. Hier, wo ich keine eingehendere
Kenntnis des Kantischen Systems voraussetzen darf, muß ich mich näheren
Eingehens enthalten.
Die im Jahre 1788 erschienene ethische Hauptschrift Kants, die »Kritik
der _praktischen_ Vernunft«, scheint Goethes Interesse in geringerem
Grade erregt zu haben. Er hat sie auch nicht selbst besessen; wohl
dagegen die in Kants Ethik am besten einführende populär geschriebene
»Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« (1785), und zwar, was für die
Zeit seiner Kant-Studien bezeichnend ist, erst in der Auflage von
1792.[27]
Weit tiefer wirkte, und zwar alsbald nach ihrem Erscheinen (1790)
die »_Kritik der Urteilskraft_« auf ihn ein. Ihr hat er noch nach 27
Jahren bekannt »eine höchst frohe Lebensepoche schuldig zu sein«.
Während die Kritik der reinen Vernunft seinen philosophischen
»Dämmerzustand« noch nicht völlig zu heben vermocht, während er die
»Metamorphose der Pflanzen« 1790 noch geschrieben hatte, ohne zu
wissen, daß sie ganz im Sinne der Kantischen Lehre sei, fand er das
neue Werk des kritischen Philosophen in seinen Hauptgedanken seinem
eigenen »bisherigen Schaffen, Tun und Denken ganz analog«. Das
Wichtigste aus seiner höchst lebendigen Selbstschilderung scheint
uns in einer dreifachen Übereinstimmung zu liegen. Einmal, daß auch
nach Kant, der ja in seinem Werk die Kritik der ästhetischen mit
derjenigen der teleologischen vereinigt hatte, Kunst und vergleichende
Naturkunde miteinander nah verwandt seien, sich derselben Urteilskraft
unterwerfen. Zweitens (was noch wichtiger), daß jede von beiden, Kunst
und Natur, um ihrer _selbst_ willen da sei und beide »unendliche
Welten« doch _für_einander existierten.[28] Und drittens, daß er seine
alte Abneigung gegen die »Endursachen«, d. h. die Verwischung des
Kausalitäts-(Ursache-)Prinzips durch den Zweckbegriff nun »geregelt und
gerechtfertigt« sah.
Freilich faßte er auch jetzt wieder den Philosophen nach seiner
Dichter- und Künstlerart auf, die er schon bezüglich seiner Lektüre der
Kritik der reinen Vernunft mit den Worten charakterisiert hatte: »Wenn
ich nach meiner Weise über Gegenstände philosophierte, so tat ich es
mit unbewußter Naivität und glaubte wirklich, ich sähe meine Meinungen
vor Augen.« Er sprach dann auch bloß aus, »was in mir aufgeregt war«,
nicht, was er gelesen hatte. Damit stimmt genau, was _Schiller_ über
seine erste vertrautere philosophische Unterhaltung mit dem ihm damals
noch kühl gegenüberstehenden Nebenbuhler am 1. November 1790 an Freund
Körner berichtet. Es ist zugleich für die Wesensart beider Männer so
bezeichnend, daß wir das Wichtigste davon hierhersetzen müssen: »Goethe
war gestern bei uns, und das Gespräch kam bald auf Kant. Interessant
ist's, wie er alles in seine Art kleidet und überraschend zurückgibt,
was er las ... Ihm ist die ganze Philosophie _subjektivisch_, und da
hört denn Überzeugung und Streit zugleich auf. Seine Philosophie mag
ich auch nicht ganz; sie holt zuviel aus der _Sinnen_welt, wo ich aus
der _Seele_ hole. Überhaupt ist seine Vorstellungsart zu sinnlich und
betastet mir zuviel. Aber sein Geist wirkt und forscht nach allen
Direktionen und strebt, sich ein Ganzes zu erbauen, und das macht ihn
mir zum großen Manne.«
Auch Körnern war Goethe »zu _sinnlich_ in der Philosophie«, was
freilich für sie beide (Schiller und Körner) als Gegengift gegen
ihre vorherrschend intellektuelle Anlage ganz heilsam sei. Er
bezeugt übrigens, daß Goethe, im Unterschied von Schiller, nicht der
ästhetische, sondern der teleologische Teil des Werkes zuerst gefesselt
habe. Gerade, weil Goethe nun bei den strengeren Kantianern (zu denen
allerdings Schiller damals noch nicht zählte) mit seiner eigenartigen
Auffassung Kants wenig Anklang fand, studierte er, »auf sich selbst
zurückgewiesen«, dessen Buch immer aufs neue. Auch in diesem Falle hat
er sein Exemplar mit zahlreichen Strichen -- besonders im zweiten,
naturphilosophischen Teil -- versehen, die ihn »später noch erfreuten«;
ja auch mit einzelnen Randbemerkungen. Durch ein Fragezeichen am Rande
protestiert er gegen Kants Herabsetzung des Kunst- zugunsten des
Naturschönen; außerdem interessieren ihn namentlich die Bestimmung des
Kunstzwecks, das Verhältnis der Kunst zur Moral und die Vergleichung
der einzelnen Künste in bezug auf ihren Wert. In dem zweiten, die
organische Naturwissenschaft behandelnden Teile erregten vor allem
die Definition des Naturzwecks, die Selbstorganisation der Natur,
das Problem eines »anschauenden« Verstandes und ganz besonders der
interessante achtzigste Paragraph vom Verhältnis des mechanischen zum
Zweckprinzip mit seiner berühmten Vorausahnung darwinistischer Ideen
sein Interesse.
Das nähere Studium der »Kritik der Urteilskraft« führte ihn dann auch
wieder zu demjenigen der theoretischen Vernunftkritik zurück. »Beide
Werke, aus _einem_ Geist entsprungen, deuten immer eins aufs andere.«
Auch Kants »Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft« (die
er in den beiden ersten Auflagen von 1786 und 1787 besaß) hatte er
damals schon studiert und daraus den Satz gezogen, daß Anziehungs- und
Abstoßungskraft zum Wesen der Materie gehören, so daß er beruhigt war,
seine Weltanschauung nach dieser Seite hin »unter Kantischer Autorität
fortsetzen zu können«.
Dagegen stößt Kants _religions_philosophischer Standpunkt, jedenfalls
seine Annahme eines radikalen Hanges zum Schlechten seine damals, wie
wir schon von Herder her wissen, besonders antichristlich-hellenisch
gestimmte Natur entschieden ab. In einem Briefe an Herder (7. Juni
1793) geht er so weit, zu schreiben, Kant habe »seinen philosophischen
Mantel, nachdem er ein langes Menschenleben gebraucht hat, ihn von
mancherlei sudelhaften Vorurteilen zu reinigen, freventlich mit dem
Schandfleck des radikalen Bösen beschlabbert, damit doch -- auch
Christen herbeigelockt werden, den Saum zu küssen«. Und einen Monat
später gebraucht er dasselbe ebenso unästhetische wie ungerechte Bild.
Trotz allen Interesses, trotz aller Hochschätzung steht indes bis
Sommer 1794 zwischen Goethe und dem Kritizismus, ja zwischen ihm und
der Philosophie überhaupt noch etwas Fremdes, Unausgeglichenes, wie es
noch am 24. Juni dieses Jahres in einem Brief an Fichte zum Ausdruck
kommt, dem er sich zum größten Danke verpflichtet fühlen würde, wenn
er ihn »endlich mit den Philosophen versöhne, die ich nie entbehren
und mit denen ich mich niemals vereinigen konnte«. Diese Versöhnung,
soweit sie bei seiner Eigenart überhaupt möglich war, sollte ihm
nun zwar nicht von der seinem Wesen ganz entgegengesetzten Person
Fichtes kommen, aber von anderer Seite. Er stand unmittelbar vor dem
»glücklichen Ereignis« seiner dauernden Verbindung mit _Schiller_.
~D~. Der Freundschaftsbund mit Schiller
(1794 bis 1805)
Die Altersjahre (1805 bis 1832)
Unter den Ursachen, die bis zum Jahre 1794 ein näheres Verhältnis zu
Schiller nicht aufkommen ließen, führt Goethe in seinen »Annalen« zu
eben diesem Jahre als eine der wichtigsten Schillers Begeisterung für
die Kantische Philosophie an. Bei Schiller und Kant scheinbar alles
Vernunft, Geist, Wille -- bei ihm und Herder Erfahrung, Natur, Gefühl.
Eine »ungeheure Kluft« schien zwischen den zwei »Geistesantipoden«
befestigt zu sein. Und doch sollte es anders kommen. Hatte nicht zum
wenigsten gerade _Kant_ sie bisher getrennt, so sollte der nämliche
Kant sie nunmehr zusammenführen zu jenem »Bunde«, der bis zu Schillers
frühzeitigem Tode »ununterbrochen gedauert und für uns und andere
manches Gute gewirkt hat« (Goethe).
Es geschah durch eine wahrscheinlich Ende Juni oder Anfang Juli
1794[29] stattgefundene Unterredung, die uns Goethe selber erzählt
hat. Gelegentlich einer zufälligen gemeinsamen Heimkehr aus einer
Sitzung der Jenaer Naturforschenden Gesellschaft trägt Goethe dem
bisherigen Gegner seine »Metamorphose der Pflanze« vor, läßt vor
seinen Augen eine symbolische Pflanze entstehen. Als er geendet,
schüttelt Schiller den Kopf und sagt: »Das ist keine _Erfahrung_, das
ist eine _Idee_.« Goethe, als »hartnäckiger Realist«, ist erstaunt,
dann verdrießlich, widerstreitet. Schließlich wird für den Abend
Waffenstillstand geschlossen. Aber der »Realist«, der sich nach seinem
eigenen Geständnis bei den Einwürfen des »gebildeten Kantianers«
Schiller anfangs ganz unglücklich fühlte, ahnt bald, daß zwischen
seiner »Erfahrung« und Kants »Idee« etwas »Vermittelndes, Bezügliches«
obwalten müsse, ohne es schon klar zu erkennen. Diese Erkenntnis hat
ihm in den folgenden Jahren Kants Philosophie gebracht, die nun erst
durch einen ihrer geistvollsten Jünger voll und eindringlich auf ihn zu
wirken begann.
»Nach diesem glücklichen Beginnen«, um wieder Goethes eigene Worte zu
gebrauchen, »entwickelten sich in Verfolg eines zehnjährigen Umganges
die philosophischen Anlagen, _inwiefern meine Natur sie enthielt_,
nach und nach.« Und noch deutlicher sprechen die Annalen von 1795 es
aus, daß er mit der Kantischen Philosophie und »daher auch« ihrer
damaligen Hauptpflanzstätte Jena »durch das Verhältnis zu Jena immer
mehr zusammenwuchs«. »Wir wissen nun,« schreibt Goethe nach einer
»vierzehntägigen Konferenz« am 1. Oktober an den neugewonnenen Freund,
»daß wir in _Prinzipien einig_ sind und die Kreise unseres Empfindens,
Denkens und Wirkens teils koinzidieren (zusammenfallen), teils sich
berühren.«
Ich bin weit entfernt davon, wie mir es von mehreren Seiten angedichtet
worden ist, Goethe um solcher Selbstäußerungen willen zum »Kantianer«
machen zu wollen. Dafür sind und bleiben die Naturen beider zu
verschieden. »Intuitive« Geister wie Goethe haben, nach der berühmten
Charakteristik Schillers in den ersten großen Briefen vom 23. und
31. August desselben Jahres an den neuen Freund, »wenig Ursache, von
der Philosophie zu borgen, die nur von ihnen lernen kann«. Philosoph
im strengen Sinne des Wortes ist Goethe auch jetzt nicht geworden.
Ihm ging das Scheiden und Trennen, das Abstrahieren und Zergliedern,
das die Philosophie notwendig betreiben muß, in weit stärkerem Grade
als Schiller wider seine Dichternatur. Er fühlt sich auch weiterhin,
nach mehrfachem eigenen Bekenntnis, in der speziell philosophischen
»Denkart« nicht bewandert. Ja, gegenüber seinem Kunstfreund Heinrich
Meyer versteigt er sich einmal zu der Äußerung: »Für uns andere, die
wir doch eigentlich zu Künstlern geboren sind, bleiben doch immer die
Spekulation sowie das Studium der elementaren Naturlehre« -- womit
die theoretische Physik im Gegensatz zu der von Goethe bevorzugten
Biologie gemeint ist -- »falsche Tendenzen.« Auch braucht er öfters
Kantische Begriffe in seinem eigenen, von Kant abweichenden Sinne. Und
gegenüber Schiller fühlt und bekennt er sich stets gewissermaßen als
das philosophische Naturkind, dem jener als der theoretische Helfer und
Lenker, Autorität und Richter in allen philosophischen Fragen gilt,
wie Schiller mit Stolz einmal seinem Kollegen Fichte meldet (3. August
1795).
Allein die Philosophie wird ihm doch »immer werter«, weil sie ihn
»täglich immer mehr lehrte, mich von mir selbst zu scheiden«, und weil
sie »durch die höhere Vorstellung von Kunst und Wissenschaft, welche
sie begünstigte«, ihn »vornehmer und reicher« machte. Er ist nicht mehr
der alle Philosophie abweisende »steife Realist« von früher (an Jacobi,
17. Oktober 1796), sondern bekennt, daß er durch »treues Vorschreiten
und bescheidenes Aufmerken« von jenem »steifen Realismus« und einer
»stockenden Objektivität« dahin gekommen sei, Schillers philosophische
Ausführungen vom Tage vorher als »mein eigenes Glaubensbekenntnis
unterschreiben« zu können (an Schiller 13. Januar 1798). Und diese
»Ausführungen« sind eben doch kritische Philosophie, wenn auch mit
Schillerscher Färbung. Vor allem erregen sein höchstes Wohlgefallen
die »Ästhetischen Briefe«, in denen er, was er »für recht sei langer
Zeit erkannt, was ich teils lebte, teils zu leben wünschte, auf eine so
zusammenhängende und edle Weise vorgetragen fand«. Mit Eifer wird alles
Neue von Kant gelesen und besprochen; ja Goethe ist es jetzt zuweilen,
der den Freund auf eine neu erschienene Schrift des Königsberger
Philosophen aufmerksam macht.
Natürlich werden auch andere, alte und neue, Philosophen besprochen und
studiert. So zum Beispiel im April 1797 Aristoteles' Politik. Anfangs
häufig gemeinsam mit den Brüdern Humboldt. Später auch in einer Art
philosophischem Kränzchen, an dem die in Jena habilitierten jungen
Philosophen Niethammer, Schelling und Hegel teilnehmen, von denen der
Erstgenannte ihm in der zweiten Hälfte des Jahres 1800 auch die neueste
Philosophie in sogenannten Colloquiis (Unterredungen) vorträgt. Von den
neuesten Philosophen ist ihm der durch und durch subjektive _Fichte_
am unsympathischsten. Er bekennt, dessen Denkweise »nur mit Mühe und
von ferne folgen« zu können. »An eine engere Verbindung mit ihm ist
nicht zu denken,« meint er 1798 ähnlich wie Schiller. Das bezeugt auch
Goethes Handexemplar von Fichtes »Begriff der Wissenschaftslehre«
(1794), das von dem Dichter mit zahlreichen Bleistiftstrichen,
Fragezeichen und einzelnen Randbemerkungen versehen ist. Bedenklich
erscheint ihm besonders, daß alles mögliche menschliche Wissen in der
»allgemeinen Wissenschaftslehre« schon enthalten sein soll; unter
Fichtes »ersten Grundsatz«: »Ich bin Ich« schreibt Goethe spöttisch:
Alles ist alles; neben Fichtes Wendung: »die von uns unabhängige Natur«
die Worte: »aber doch mit uns _verbunden_, deren lebendige Teile wir
sind« u. ä.
Auch von _Schelling_ hatten die Freunde anfangs mehr erhofft. Schiller
war freilich von dieser neuen Art Idealismus noch mehr enttäuscht
als Goethe, der z. B. am 31. Dezember 1798 entschuldigend bemerkt,
Schellings Ideen müßten »freilich noch manchmal durchs Läuterfeuer«.
Schellings Philosophie ist bekanntlich aus dem Läuterfeuer überhaupt
nicht herausgekommen! Bei Gelegenheit von dessen Naturphilosophie gibt
unser Dichter übrigens einmal eine gute Charakteristik seines eigenen
naturphilosophischen Standpunktes. Während die Natur_philosophen_ ~à
la~ Schelling und Hegel alles »von oben herunter«, die Natur_forscher_
im engeren Sinne alles »von unten hinauf« leiten wollten, so finde er
selbst als Natur_schauer_ sein Heil »nur in der Anschauung, die in der
Mitte liegt« (an Schiller, 27. und 30. Juni 1798); wie er denn schon
sechs Jahre vorher einen in derselben Richtung gehaltenen Aufsatz
»Der Versuch als Vermittler zwischen Subjekt und Objekt« geschrieben
hatte. -- _Hegel_, der zur Zeit von Schillers Tod allein noch von dem
spekulativen Dreiblatt (Fichte, Schelling, Hegel) in Jena war, wurde
es, wie Goethe klagt, schon damals schwer, sich anderen mitzuteilen,
und er hatte sein erstes bedeutendes Werk noch nicht geschrieben.
Von _Herder_ entfernt sich, wie wir schon in unserem Herder-Abschnitt
sahen, Goethe durch seine Freundschaft mit Schiller immer mehr.
Überhaupt fühlt er mit Schiller und den wenigen anderen Freunden (den
Humboldts, H. Meyer) sich als eine geschlossene Partei gegenüber
den Streithändeln Kants mit dem gesamten Herderschen Kreise, den
Geschichtsphilosophen von der Art Jacobis und Goethes eigenem Schwager
Schlosser und den Berliner Aufklärern ~à la~ Nicolai auf der einen, der
beginnenden Romantik auf der anderen Seite. Es sind die unseren beiden
Dichter-Klassikern mit der klassischen Philosophie (Kants) gemeinsamen
Gegner, denen der lustig-scharfe Xenienkrieg des Jahres 1796 gilt. Noch
stärker fast tritt das gelegentlich der letzten gehässigen Angriffe
Herders gegen den Kritizismus hervor, weshalb denn auch die Wut des
gesamten Herderschen Kreises gegen unsere beiden Weimarer Dioskuren
ging.
Aus den letzten mit Schiller gemeinsam zu Weimar verlebten Jahren sind
begreiflicherweise nur wenige briefliche Zeugnisse über ihre Stellung
zur Philosophie erhalten. Wennschon bei Schiller, so tritt erst recht
bei Goethe der spezielle Kantianismus in diesen bei beiden überhaupt
mehr dem dichterischen Schaffen gewidmeten Jahren zurück. Aber das
neue philosophische Fundament, das ihm gegenüber seinem früheren teils
Spinozismus, teils »Realismus« der kritische Idealismus gegeben hatte,
ist geblieben.
Die ungeheure Lücke, die Schillers Hinscheiden in Goethes geistige
Existenz riß -- er verlor mit ihm, wie er am 1. Juni 1805 an Zelter
schreibt, »die Hälfte seines Daseins« --, machte sich natürlich
in philosophischer Hinsicht besonders fühlbar. Trotzdem ist seine
Bemerkung in den Annalen von 1817, daß er sich seitdem »von aller
Philosophie entfernt« habe, nicht buchstäblich aufzufassen. Gewiß,
zahlreiche andere Interessen nehmen ihn wieder mehr als in dem
stark philosophischen Jahrzehnt 1790 bis 1800 in Beschlag. Aber das
philosophische Interesse verschwindet doch fortan nie völlig mehr.
Ich habe an anderer Stelle[30] -- zum ersten Male in der Geschichte
der Goethe-Literatur -- Jahr für Jahr genau zusammengestellt, was
an Goethes philosophischen Studien, Äußerungen und Beziehungen aus
den 27 Jahren von Schillers Tod bis zu seinem eigenen Ende (1805 bis
1832) bezeugt ist, weil nur so ein begründetes, nicht phrasenhaft und
ins Blaue hinein phantasierendes Urteil über seinen philosophischen
Standpunkt in diesen Jahren zu gewinnen war. Allein ich will mich hier
nicht wiederholen und schon der Kürze halber nur eine summarische
Zusammenfassung der wichtigsten dort gewonnenen Ergebnisse geben.
Goethe fährt auch in diesem Zeitraum fort, neue philosophische
Erscheinungen von Belang zu lesen, studiert z. B. von 1807 bis 1809
für seine »Geschichte der Farbenlehre« zahlreiche ältere und neuere
Philosophen an der Hand von Buhles (eines Göttinger Professors)
»Philosophiegeschichte« und hebt in seiner Schrift, außer der berühmten
vergleichenden Schilderung der beiden antiken Philosophenhäupter
Plato und Aristoteles, namentlich die Bedeutung des lange verkannten
mittelalterlichen Neuerers Roger Baco kräftig hervor. Er bildet
sich ein selbständiges Urteil in dem von 1811 bis 1813 währenden
Philosophenstreit zwischen der Glaubensphilosophie seines alten
Freundes Jacobi und dem damaligen Pantheismus des wandlungsfähigen
_Schelling_ zugunsten des letzteren, wobei er sich zeitweise wieder von
seiner alten Liebe Spinoza und von Giordano Bruno beeinflußt zeigt. Er
steht in den Jahren 1815 bis 1819 in näheren Beziehungen zu dem damals
in Weimar lebenden jungen _Schopenhauer_ und liest im letztgenannten
Jahre dessen eben erschienene »Welt als Wille und Vorstellung«.
Wobei sich jedoch, bei aller »wechselseitigen Belehrung«, die innere
Verschiedenheit beider bald so stark bemerkbar macht, daß sie wie
zwei Freunde, von denen »der eine nach Norden, der andere nach Süden
will«, einander »schnell aus dem Gesicht« kommen. Über den inzwischen
zu immer größerer Berühmtheit aufgestiegenen _Hegel_ hat er sich zu
verschiedenen Zeiten verschieden, im ganzen aber doch mehr ablehnend
als zustimmend ausgesprochen. Auch die Entwicklung der auswärtigen
Philosophie, z. B. den Eklektizismus des Franzosen Viktor Cousin
und die Nützlichkeitslehre des Engländers Bentham, verfolgt er mit
Teilnahme.
Die Vorarbeiten zu der höchst lesenswerten »Geschichte meines
botanischen Studiums« führen ihn dann im Jahre 1817 noch einmal zu
erneutem _Kant_-Studium zurück. Dem verdanken wir eine Reihe kleinerer,
später unter seine Schriften »Zur Naturwissenschaft im allgemeinen«
aufgenommene Aufsätze: »Einwirkung der neueren Philosophie«,
»Anschauende Urteilskraft«, »Bedenken und Ergebung«, »Bildungstrieb«.
Der erste gibt uns nächst einem anderen, »Glückliches Ereignis«
betitelten, der seine Verbindung mit Schiller behandelt und später
den Annalen von 1794 eingefügt wurde, die reichsten, in unserer
Darstellung benutzten historischen Aufschlüsse. Der zweite gewährt
das meiste systematische Interesse. Wir gewahren hier den Punkt, wo
der Dichter und »Naturschauer« über die verstandesmäßige Erkenntnis
des reflektierenden Philosophen zum »schauenden« Urteil des Künstlers
hinstrebt.
Allein Goethe hat nicht vergessen, was er der kritischen Philosophie
verdankt. Gerade in seinem letzten Lebensjahrzehnt gedenkt er ihrer
häufig mit dankbarer Wärme. Er betitelt den »Alten vom Königsberge«
mit den lobendsten Ausdrücken wie: unser Meister, der köstliche Mann,
unser herrlicher, unser vortrefflicher Kant. Wir wollen aus den von
uns an anderer Stelle wiedergegebenen Zeugnissen über ihn nur die
beiden letzten, aus seinem _letzten_ Lebensjahr stammenden anführen.
Am 8. Juli 1831 gibt er in einem Brief an den Musiker Zelter den
Künstlern der Gegenwart den Rat, wenn anders sie sich »Natur und
Naturell« bewahren wollten, zu Kant zurückzukehren und dessen Kritik
der Urteilskraft zu studieren. Und am 18. September des gleichen
Jahres zieht der mehr als Zweiundachtzigjährige in einem Brief an
Staatsrat Schultz gleichsam die Summe dessen, was die Philosophie
des klassischen deutschen Idealismus ihm gewesen, mit den Worten:
»Ich danke der kritischen und idealistischen Philosophie, daß sie
mich auf _mich selbst_ aufmerksam gemacht hat; das ist ein ungeheurer
Gewinn.« Freilich vermißt er an ihr, an der »idealistischen« der
Fichte, Schelling, Hegel wohl noch mehr als an der kritischen Kants,
das unmittelbar anschauliche Ergreifen des _Gegenstandes_: »Sie
kommt aber nie zum Objekt; dieses müssen wir so gut wie der gemeine
Menschenverstand zugeben, um vom unwandelbaren Verhältnis zu ihm die
Freude des Lebens zu genießen.«
Suchen wir uns nun, nach dieser langen geschichtlichen Entwicklung, in
einem letzten Abschnitt in knapper Zusammenfassung klarzumachen, was
von philosophischen Gedanken in Goethes Weltanschauung dauernd haften
geblieben ist.
~E.~ Goethes Philosophie in seiner Reifezeit
Bei Lessing und Herder, ja auch noch bei Schiller ließ sich ihre
philosophische Weltanschauung in wenigen großen Zügen zusammenfassen;
bei Goethe ist das nicht möglich. Selbst nicht, wenn wir -- seine
von uns bereits geschilderte frühere Entwicklung beiseite lassend
-- auf den reifen, auf den alten Goethe, auf den Dichter »in der
Epoche seiner Vollendung«, wie Otto Harnack es in dem Titel seines
gleichnamigen Buches ausgedrückt hat, uns beschränken. Dafür ist Goethe
zu vielseitig, man möchte beinahe sagen: zu _all_seitig. Außerdem
hat er seine philosophischen Gedanken noch weniger als die anderen
systematisch oder auch nur zusammenhängend entwickelt; sondern nur
gelegentlich in Briefen, Gesprächen, Dichtungen, Tagebüchern und sonst
hingeworfenen Gedanken, in zahllosen »Maximen und Reflexionen« ihnen
Ausdruck gegeben. Wir können also mit unserem folgenden Versuch nur die
allgemeine Richtung angeben, die seinen allgemein-philosophischen,
ethischen, politischen, religiösen, ästhetischen Anschauungen zugrunde
liegt; und auch dies nur in groben Umrissen. Der aufmerksame Leser
des Bisherigen wird sich danach hoffentlich doch ein einigermaßen
anschauliches Bild von Goethes »Philosophie« machen können.