Neben der friedlichen Wirkung, die Spinoza auf sein Inneres übte,

fühlt er sich in seinem Zutrauen auf ihn auch dadurch bestärkt, daß

auch seine ihm von der Klettenberg her (S. 153) »werten Mystiker«, ja

sogar Leibniz des Spinozismus verdächtigt worden waren und der berühmte

holländische Anatom Boerhave aus demselben Grunde von der Theologie

zur Medizin hatte übergehen müssen. Aber auch für seine religiöse und

Naturanschauung wird ihm Spinoza der Führer, oder besser gesagt: kam

Spinozas Pantheismus seinem innersten Drang entgegen. Von Kindheit

an war er mit einem tiefinnerlichen Gefühl für das Walten der Natur,

vom Kleinsten bis zum Größten, insbesondere in allem Lebendigen,

begabt gewesen. Die ganze Welt ist ihm Werden, Bewegen, Wirken einer

allmächtigen Kraft, das er in der Entfaltung der Blume ebenso erblickt

wie in dem Kreisen der Wandelsterne um den Sonnenball. Daher --

worauf Gundolf (S. 106) aufmerksam macht -- auch seine Vorliebe für

Wortverbindungen mit »_All_«: allgegenwärtig, alliebend, allsehnend,

Allumfasser, Allerhalter und ähnliche, und für die damit verbundene

religiöse Grundstimmung sein Lieblingswort »heilig«. Nur daß der

Allgott, der bei Spinoza sozusagen in mathematischer und doch auch

wieder mystischer Ruhe erscheint, bei ihm zu lauter Kraft, Wirksamkeit

und Leben wird. Ganz diesem pantheistischen Naturgefühl ist auch sein

»Ganymed« entsprungen. In die Zeit seines ersten Spinoza-Studiums fällt

auch sein berühmtes pantheistisches Glaubensbekenntnis, das er dem von

Gretchen gefragten Faust in den Mund legt. Zuerst die ehrfürchtige

Demut vor dem Unendlichen:

»Wer darf ihn nennen?

Und wer bekennen:

Ich glaub' ihn!

Wer empfinden

Und sich unterwinden

Zu sagen: Ich glaub' ihn nicht!«

Dann die kurze Formulierung:

»Der Allumfasser,

Der Allerhalter

Faßt und erhält er nicht

Dich, mich, sich selbst?«

Darauf das astronomische All:

»Wölbt sich der Himmel nicht da droben?

Liegt die Erde nicht hier unten fest?

Und steigen hüben und drüben

Ewige Sterne nicht herauf?«

Gewandt zum Menschlichen, Körperlich-Seelischen:

»Und drängt nicht alles

Nach Haupt und Herzen dir

Und webt in ewigem Geheimnis

Unsichtbar, sichtbar, neben dir?«

Und zuletzt das ganz gefühlsmäßige Ende:

»Erfüll' davon dein Herz, so groß es ist,

Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,

Nenn' das dann, wie du willst,

Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott!

Ich habe keinen Namen

Dafür. Gefühl ist alles,

Name Schall und Rauch,

Umnebelnd Himmelsglut.«

Trotz alledem wollte auch er, ebenso wie Herder und Lessing, kein

Spinoz_ist_ heißen: »Denke man aber nicht, daß ich seine Schriften

hätte unterschreiben und mich dazu buchstäblich bekennen mögen.« Denn

man werde »dem Verfasser von Faust und Werther« wohl zutrauen, daß er

nicht »den Dünkel gehegt, einen Mann vollkommen zu verstehen, der als

Schüler von Descartes durch mathematische und rabbinische Kultur sich

zu dem Gipfel des Denkens hervorgehoben«.

Den besten Beweis dafür, daß auch ganz andere, entgegengesetzte Gefühle

mit dieser ergebungsvollen Resignation in seinem Innern rangen, beweist

sein beinahe gleichzeitig (Ende 1774) entstandenes wundervolles

»_Prometheus_«-Gedicht, in dem der uralte Titanentrotz sich auflehnt

gegen die vermeinten Götter da droben, die nur in der Hoffnung

törichter Kinder und Bettler leben. Es stimmt allenfalls noch mit

Spinozas Denkart, wenn die _alte_ Gottesvorstellung tapfer aufgegeben

wird, als wenn jenseits der Sonne »ein Ohr« wäre, »zu hören meine

Klage«, und »ein Herz wie meins, sich der Bedrängten zu erbarmen«,

und ein »ewiges, als Herr über Menschen und Göttern« gleichmäßig

waltendes Schicksal angenommen wird. Aber ganz anders gestimmt ist

doch die trotzige Zuversicht auf das eigene »heilig glühende Herz«, das

»alles _selbst_ vollendet hat«, und die Ablehnung jedes weltflüchtigen

Entsagens, weil »nicht alle Blütenträume reiften«. Ein Symbol festen,

bewußten, tatenfreudigen Manneswillens und Persönlichkeitsbewußtseins

ist vielmehr dieser Prometheus, der »Menschen formt nach seinem Bilde«:

»Ein Geschlecht, das mir gleich sei,

Zu leiden, zu weinen,

Zu genießen und zu freuen sich,

Und dein (des Zeus!) nicht zu achten,

Wie ich!«

Hier haben wir nicht den in das All aufgehenden, sich selbst

_aufgebenden_, sondern den sich selbst behauptenden Menschen vor uns.

Wir können hier leider nicht die Wirkung dieses Gedichts auf die

bedeutenderen Zeitgenossen -- Lessings haben wir bereits gedacht --

verfolgen, sondern erwähnen nur noch das gleichgeartete bekannte von

1777:

»Allen Gewalten

Zum Trutz sich erhalten,

Nimmer sich beugen,

Kräftig sich zeigen,

Rufet die Arme

Der Götter herbei.«

Während »_Die Grenzen der Menschheit_« (1781) im Gegensatz dazu, wieder

mehr die Beschränktheit menschlichen Wollens und Wirkens gegenüber dem

ewig flutenden Schicksalsstrom betonen:

»Uns hebt die Welle,

Verschlingt die Welle

Und wir versinken.«

Endlich das dritte im Bunde jener herrlichen Gedankendichtung mit der

Überschrift »_Das Göttliche_«, entstanden 1783, das in gewissem Sinne

beide Gedanken miteinander verbindet. Gegenüber der »unfühlenden«

_Natur_, der über Böse und Gute gleichmäßig leuchtenden Sonne,

gegenüber dem blind unter die Menge tappenden Glück steht der _Mensch_,

der »unterscheidet, wählet und richtet«, der allein dem Augenblick

Dauer zu verleihen vermag und diese Kraft dazu benutzen soll, »edel,

hilfreich und gut« zu sein und »unermüdet das Nützliche und Rechte zu

schaffen«.

~B~. Das erste Weimarer Jahrzehnt

Die italienische Reise

(1776 bis 1788)

Mit diesen philosophischen Gedichten -- eine Gedankenlyrik von ganz

anderer Art wie diejenige Schillers und doch nicht minder philosophisch

als sie -- sind wir bereits in die _Weimarer_ Epoche unseres Dichters

getreten, deren erste Jahre in jenem jugendlich-genialen Treiben, das

uns allen aus seinem Leben bekannt ist, dahinflossen, um dann einer

fleißigen und gewissenhaften Beamtenarbeit im Dienste des kleinen

Landes zu weichen, die man oft allzusehr als etwas Besonderes gerühmt

hat, während Franz Mehring über sie sarkastisch, aber nicht ohne

Grund gemeint hat, daß »jeder passable preußische Landrat« sie auch

heute noch leiste »ohne jeden Anspruch auf die Lorbeeren der Mit-

und Nachwelt«. Die philosophische Entwicklung unseres Helden tritt

zwar in diesen Jahren (1776 bis 1784) zurück, aber sie bleibt nicht

stehen. Zeugnis davon die eben besprochenen drei Gedichte, dann aber

ein interessantes und bedeutsames philosophisches Fragment, betitelt

»_Die Natur_«, das als Manuskript für einen engeren Kreis zuerst im

»Tiefurter Journal« von 1782 erschien; ein »dichterischer Hymnus und

ein philosophisches Bekenntnis« zugleich (Gundolf), das wir den Leser

Satz für Satz -- sie sind alle ebenso voll Lebens wie einfach und

allgemeinverständlich -- zu lesen bitten.

Wir heben eine Reihe daraus hervor: »Wir leben mitten in der Natur

und sind ihr fremd. Wir wirken beständig auf sie und haben doch keine

Gewalt über sie. Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu

haben und macht sich nichts aus den Individuen. Jedes ihrer Werke

hat ein eigenes Wesen, und doch macht alles eins aus. Sie spielt ein

Schauspiel, ob sie es selbst sieht, wissen wir nicht, und doch spielt

sie's für uns, die wir in der Ecke stehen. Sie hüllt den Menschen in

Dumpfheit ein und spornt ihn ewig zum Lichte. Sie hat keine Sprache

noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen, durch die sie fühlt und

spricht. Sie ist ganz und doch immer unvollendet. Sie verbirgt sich in

tausend Namen und ist immer dieselbe. Sie hat mich hereingestellt, sie

wird mich auch herausführen. Sie mag mit mir schalten. Ich vertraue

mich ihr.«

Das ist in der Tat, wie Goethe 44 Jahre später davon gesagt hat,

eine Stufe zum _Pantheismus_, und so kehrt er denn auch bald darauf

zu dessen philosophischem Vertreter Spinoza zurück. Den äußeren

Anstoß hatte wohl der Besuch Fritz Jacobis in Weimar von Mitte

bis Ende September 1784 gegeben, der ihm von seinem uns bekannten

Spinoza-Gespräch mit Lessing erzählt hatte. Wie Lessing, hatte auch

Goethe schon früher (Juni 1784) gegen Charlotte v. Stein erklärt:

»Ich begehre keinen freien Willen.« Und: »Wie eingeschränkt ist der

Mensch, bald an Verstand, bald an Kraft, bald an Gewalt, bald an

Wille!« Diesmal treibt er sein Spinoza-Studium zusammen mit _Herder_.

Im November des Jahres 1784 liest er nun mit Frau v. Stein gemeinsam

von neuem Spinozas Ethik, die er am 19. von Jena in einer lateinischen

Ausgabe mitbringt, »wo alles viel deutlicher und schöner ist«. »Ich

fühle mich ihm sehr nahe,« schreibt er am 11. November an Knebel,

»obgleich sein Geist viel reiner als der meine ist.« Die Lektüre

Spinozas bildet den ganzen Winter 1784/85 hindurch, neben Herders

»Ideen«, einen Teil der vertrauten Abendunterhaltungen mit dem Ehepaar

Herder und Charlotte Stein. Herder schreibt darüber am 20. Dezember an

Jacobi: »Goethe hat, seit Du weg bist, den Spinoza gelesen, und es ist

mir ein großer Probierstein, daß er ihn ganz so verstanden, wie ich ihn

verstehe.« Und am 27. desselben Monats meldet Goethe selbst Charlotte,

seiner »Seelenführerin«: »Ich las noch zuletzt in _unserem Heiligen_.«

Noch bedeutsamer spricht sich sein Briefwechsel mit Jacobi aus. Nach

einem Briefe vom 12. Januar 1785 liest Goethe den Spinoza immer wieder

und »übt sich an ihm«. In seinem Urteil über ihn ist er mehr mit Herder

als mit Jacobi einverstanden. Am 9. Juni wird der jüdische Denker

von Goethe lebhaft gegen den alten Vorwurf des Atheismus verteidigt,

im Gegenteil als ~theissimus et christianissimus~ gepriesen. »Er

_beweist_ nicht das Dasein Gottes, das Dasein _ist_ Gott«, das man

freilich nur in den Einzeldingen und aus ihnen erkennen könne, zu

deren näherer und tieferer Betrachtung er sich gerade durch Spinoza

aufgemuntert fühle, obwohl vor dessen Blick alle einzelnen Dinge

zu verschwinden scheinen. Allerdings -- und nun kommen für seine

philosophische Sinnesart wieder sehr charakteristische Bemerkungen

-- habe er nie »die Schriften dieses trefflichen Mannes in einer

Folge gelesen«; auch habe ihm nie dessen ganzes Lehrgebäude »völlig

überschaulich vor der Seele gestanden«. »Meine Vorstellungs- und

Lebensart erlauben's nicht.« Aber wenn er in ihn hineinsehe, glaube er

ihn zu verstehen; er stehe für ihn nie mit sich selbst in Widerspruch;

was Jacobi über ihn schreibe, scheine ihm nicht im eigensten Sinne

Spinozas gedacht. Übrigens habe er (Goethe) nie auf »metaphysische

Vorstellungsart Ansprüche gemacht«. Herder werde es demnächst besser

ausdrücken. Er (Goethe) suche jetzt auf Bergen und in den Bergwerken

Ilmenaus das Göttliche »in Kräutern und Steinen«!

Am 21. Oktober 1785 äußert er nochmals gegenüber Jacobis

Spinoza-Büchlein, den Spinozismus dürfe man nur aus sich selbst

erklären, und bezeichnet sich selbst wiederum in der ihm eigenen Weise

als dessen Anhänger: daß er nämlich, »ohne seine Vorstellungsart von

Natur zu haben, doch, wenn die Rede wäre, ein Buch anzugeben, das unter

allen, die ich kenne, am meisten mit der meinigen übereinkommt, die

Ethik des Spinoza nennen müsse«. Die Briefe von Ende 1785 und Anfang

1786 drehen sich um den bekannten Philosophenstreit Jacobi-Mendelssohn

über Lessings Spinozismus, der Goethe, wie aus einem Februarbrief 1786

an Frau v. Stein zu schließen, gegenüber Spinozas Größe recht kleinlich

und armselig erscheint.

Bei dieser Gelegenheit nun predigt ihm Jacobi zum ersten Male von --

_Kants_ Philosophie vor, natürlich wie _er_ ihn auffaßt: den »wahren

Kern« derselben, den Kant selbst noch nicht gekostet habe! So ist

der Glaubens- und Gefühlsphilosoph F. H. Jacobi einer der ersten

in der zahlreichen Reihe derer, die Kants »wahren Kern« besser als

dieser selbst begriffen zu haben beanspruchten. Leider existiert eine

Antwort Goethes auf diesen Brief nicht. Einen nachhaltigen Eindruck

hat er jedenfalls nicht hervorgerufen; denn in dem nächsterhaltenen

Briefe Goethes vom 14. April 1786 berichtet dieser fast nur von

seinen mancherlei naturwissenschaftlichen Studien, um bloß einmal

die bezeichnende Frage dazwischen zu werfen: »Was machst Du alter

Metaphysikus? Was bereitest Du Freunden und Feinden?« (Homerische

Wendung. K. V.)

Der letzte Brief Goethes aus dieser ganzen Zeit (5. Mai 1786) geht

sogar ziemlich aggressiv gegen Jacobis eigentümliche Glaubensmetaphysik

vor mit den Worten: »Gott hat _Dich_ mit der _Metaphisik_ (so!)

gestraft und Dir einen Pfahl ins Fleisch gesetzt, _mich_ mit der

_Phisik_ (so!) gesegnet.« Und weiter recht antitheologisch: »Ich halte

mich fest und fester an die Gottesverehrung des Atheisten (gemeint ist

natürlich Spinoza) und überlasse Euch alles, was Ihr Religion heißt

und heißen müßt.« Im Gegensatz zu Jacobis »Glauben« will er sich an

Spinozas »Schauen« (~scientia intuitiva~, eigentlich anschauendes

Wissen) halten und sein ganzes Leben der Betrachtung der »Dinge«

widmen, einerlei, wie weit er damit kommt.

Einverstanden dagegen war er in diesen Jahren ganz mit _Herder_,

wie wir schon in unserem Herder-Abschnitt und soeben wieder an

verschiedenen Stellen gesehen haben. Herder überträgt er, weil ihm

selbst die nötigen Vorkenntnisse fehlen, die weitere philosophische

Verteidigung Spinozas gegen Jacobi. Herders »Ideen« findet er

»köstlich«, sagt zu ihrem ganzen Inhalt »Ja und Amen« (20. Februar

1785). Und noch am 17. Mai 1787 schreibt er ihm aus Rom: »Wir sind so

nah in unseren Vorstellungsarten, als es möglich ist, ohne eins zu

sein, und in den Hauptpunkten am nächsten.« Am 12. Oktober 1787 von

ebendort: »Sie (d. h. der dritte Teil der »Ideen«) sind mir als das

liebenswerteste Evangelium gekommen, und die interessantesten Studien

meines Lebens laufen alle da zusammen. Woran man sich so lange geplackt

hat, (das) wird einem nun so vollständig vorgeführt. Wieviel Lust zu

allem Guten hast Du mir durch dieses Buch gegeben und erneut.« Und

auch vierzehn Tage später, nachdem er den ganzen dritten Teil zu Ende

gelesen, findet er alles »durchaus köstlich gedacht und geschrieben«,

auch den Schluß »herrlich, wahr und erquicklich«. Weiter kann man doch

in Anerkennung und Lob nicht gehen! Und auch anderen gegenüber äußert

er sich mit der nämlichen Begeisterung. Auch Herders Büchlein über

»Gott« gefiel ihm aufs beste, wie wir bereits S. 91 sahen; es leistete

ihm »die beste Gesellschaft«, zusammenstimmend mit dem spinozistischen

»Eins und Alles«, dem er gerade jetzt auch in der Botanik auf der Spur

war.

Schon mehrmals sind wir in unseren letzten Betrachtungen auf

die _naturwissenschaftlichen_ Studien Goethes gestoßen, die dem

bisherigen Städter (Frankfurt, Leipzig, Straßburg) ganz natürlich

aus der »Land-, Wald- und Gartenatmosphäre« des kleinen Weimar,

desgleichen aus seiner amtlichen Beschäftigung mit dem weimarischen

Forst- und Bergwesen erwachsen waren, während ihn zur Anatomie und

Osteologie (Knochenlehre) unter anderem die zeitweise Teilnahme an

den physiognomischen Bestrebungen seines Freundes Lavater anregte.

Wissenschaft »auf dem Papier und zum Papier« hat ihn nie gereizt,

sondern immer nur die Beziehung zum Lebendigen. Deshalb sind auch seine

Sätze nie ganz abstrakt, losgelöst von der sinnlichen Wirklichkeit.

Aber seine Naturbetrachtung ist zugleich auch immer philosophisch. Ihm

lag stets bloß daran, wie er in seinem Alter einmal zu Eckermann gesagt

hat, »die einzelnen Erscheinungen auf ein allgemeines Grundgesetz

zurückzuführen«. So sucht er in den verschiedenartigen Organen der

Pflanze ein einheitliches Gebilde zu erkennen, das er Blatt nannte, und

dessen mannigfaltigen Umbildungen er nun nachspürte, bis er zu seiner,

ihm erst in Italien völlig aufgegangenen Lehre von der _Metamorphose

der Pflanze_ gelangte, die er bekanntlich auch dichterisch dargestellt

hat, die wir jedoch inhaltlich hier nicht näher behandeln können. Lesen

Sie über alles das seine vortreffliche »Geschichte meines botanischen

Studiums« (1817) nach. Und ähnlich in der _Zoologie_. Hier entdeckt er,

von seinem Glauben an die Einheitlichkeit der Natur zu aufmerksamster

Beobachtung des einzelnen getrieben, im Frühjahr 1784 das Dasein des

bei den übrigen Tieren vorhandenen Zwischenkieferknochens auch beim

Menschen, der damit, dem Affen noch näher verwandt, in die große

Ordnung der Natur eingereiht wurde. Er jubelte darüber, daß sich ihm

»alle Eingeweide bewegen«. Bis er dann zuletzt in einem Aufsatz »Über

einen aufzustellenden Typus zur Erleichterung der vergleichenden

Anatomie« (1796) zu einer die heutige Deszendenzlehre in ihrem

Grundgedanken schon völlig vorausnehmenden Formulierung gelangt: »Daß

alle vollkommenen organischen Naturen, worunter wir Fische, Amphibien,

Vögel, Säugetiere und an der Spitze der letzteren den Menschen

sehen, alle nach einem Urbild geformt seien, das nur in seinen sehr

beständigen Teilen mehr oder weniger hin und her weicht und sich noch

täglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet.«

So ist Goethe nicht bei jener fast mystischen, jedenfalls

pantheistischen Metaphysik, wie sie das Fragment von 1782 mit

seiner Unendlichkeit und Tiefe, aber auch Unbestimmtheit des

_Gefühls_ enthielt, stehengeblieben, sondern den schwierigen Weg der

beobachtenden, rechnenden und vergleichenden _Wissenschaft_ gegangen,

um zur klaren und bestimmten Einheit des Natur_gesetzes_ zu gelangen,

wie er es dichterisch in die Worte gefaßt hat:

»Willst du ins Unendliche schreiten,

Geh nur im Endlichen nach allen Seiten.«

Oder:

»Willst du dich am Ganzen erquicken,

So mußt du das Ganze im Kleinsten erblicken.«

Gerade in der keuschen und reinen Hingabe an das einzelne, wie Ernst

Cassirer einmal in seinem schönen Buche »Freiheit und Form« sagt,

gestaltet sich ihm eine neue Anschauung vom Zusammenhang des Ganzen.

Indem sich der Dichter durch Spinoza in seinem Glauben einerseits an

die Einheitlichkeit der gesamten Natur, anderseits an die Notwendigkeit

alles Geschehens bestärkt sah, war auch sein innerer Sturm und Drang

einigermaßen zur Ruhe gelangt. Ende 1775 schon schreibt er: »Ich lerne

täglich mehr steuern auf der Woge der Menschheit. Bin tief in der See.«

Die neue Weltfrömmigkeit löst ihn im letzten Grunde schon jetzt von

den Neuchristen von der Art Hamanns, F. Jacobis und Lavaters. An den

letzteren schreibt er z. B. um diese Zeit: »Alle Deine Ideale sollen

mich nicht irreführen.« Er will vielmehr vor allem »_wahr_ sein, gut

und böse wie die Natur«.

Die _italienische Reise_ (1786 bis 1788) hat mehr Bedeutung für den

Dichter und Künstler Goethe gehabt als für den Philosophen. Für

die Weiterbildung seiner philosophischen Anschauungen dürfte das

Wichtigste gewesen sein, daß ihm hier der tiefe innere Zusammenhang

zwischen Kunst und Natur aufging. Die Natur in der Kunst, die Kunst

in der Natur zu entdecken, war in der Tat auch kein Ort so geeignet

wie Rom, wo nicht bloß die Denkmäler der Antike, sondern selbst die

Landschaft, die Bäume, die Sitten stilisiert erscheinen. So schreibt

er denn auch von dort: »Die hohen Kunstwerke sind zugleich als die

höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen

hervorgebracht worden: alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen.

Da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.« Nicht, wie früher, die Kraft

des leidenschaftlich bewegten Künstlers oder Dichters, sondern Maß

und Regel, kurz die _Form_ wird jetzt als das entscheidende Moment

hervorgehoben. Auch in der Kunst dringt er nunmehr, wie schon vorher

in der Natur, auf das »Urbildliche« und »Typische«. Das in voller

Freiheit, nach seinen eigensten Bedingungen (wie bei Schiller!)

wirkende _Gesetz_ bringt das objektiv Schöne hervor.

In einer in Italien entstandenen Abhandlung unterscheidet er als die

drei Stufen, die der echte Künstler durchlaufen müsse, die einfache

Nachahmung der Natur, die Manier, den Stil. Unter der »_einfachen

Nachahmung_« versteht er die ruhige, treue, sorgfältige und reine

Hingabe an den Stoff, den die Natur uns darbietet. Die »_Manier_«

bedeutet in dem »hohen und respektablen« Sinne, in dem Goethe das

Wort gebraucht, die Unterwerfung des bloß Stofflichen unter den

einheitlichen, persönlichen Künstlerwillen. Der »_Stil_« endlich

stellt den höchst erreichbaren Grad der Kunst durch Überwindung des

bloß Stofflichen der Natur einer-, des subjektiven Künstlerbeliebens

andererseits dar. Er »ruht auf den tiefsten Grundfesten der Erkenntnis,

auf dem Wesen der Dinge, insofern uns erlaubt ist, es in sichtbaren und

greiflichen Gestalten zu erkennen«.

So war Goethe fast als ein antiker Mensch aus Italien zurückgekommen.

Und so stammen denn auch, beiläufig gesagt, aus den Jahren nach dieser

Rückkehr die stärksten Äußerungen gegen das Christentum, die wir bei

ihm gelesen zu haben uns erinnern. Sie finden sich namentlich in den

Briefen an Herder. So schreibt am 4. September 1788 der erste Minister

an den -- Generalsuperintendenten Sachsen-Weimars das oft zitierte Wort

von dem »Märchen von Christus« und erklärt, daß er das Christentum

»_auch_ von der Kunstseite« recht erbärmlich finde. Am 15. März 1790

will er nach Venedig, um am Palmsonntag »als ein Heide von den Leiden

des guten Mannes (!) auch einigen Vorteil zu haben«!

Sittlich und theoretisch aber war aus dem »_Gefühls_«-Goethe ein

»_Gedanken_«-Goethe geworden, wie Gundolf sich einmal in prägnanter

Zusammenfassung ausdrückt. Dem jungen Werther war das Gefühl noch

alles gewesen: »Dies _Herz_, das ganz allein die Quelle von allem ist,

aller Kraft, aller Seligkeit und -- alles Elends.« Jetzt war diese

Werther-Stimmung endgültig überwunden. Fortan herrscht in seiner Seele

-- von einzelnen Rückfällen vielleicht abgesehen -- ein unbezwingliches

Vertrauen auf die eigene Kraft zur Lebenssteuerung, wie es der

wundervolle Schluß des schon in den ersten Weimarer Jahren entstandenen

Gedichts »Die Seefahrt« ausdrückt:

»Doch er stehet männlich an dem Steuer,

Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen,

Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen

Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe

Und vertrauet, scheiternd oder landend,

Seinen Göttern.«

Aber es fehlte noch eine tiefere philosophische Begründung. Diese

sollte ihm -- _Kant_ geben.

~C.~ Das erste Kant-Studium

(1789 bis 1794)

Als Goethe 1788 aus Italien heimkehrte, fand er, dank ihres eifrigen

Verkünders Reinhold Bemühungen, Jena voll von der neuen Kantischen

Lehre und mußte schon deshalb notwendig »von ihr Notiz nehmen«. Aber

wichtiger war der innere Drang. Immer schon hatte er sich seine

eigene »naturgemäße« Methode gebildet, allein er _suchte_ nach einer

»metaphysischen« Grundlage, der seine Denkweise sich angleichen

könnte; denn er hatte gemerkt, daß er in einer, wenn auch noch so

»fruchtbaren«, Dunkelheit dahinlebte. Nun studierte er, wie durch

Wieland bezeugt ist, seit etwa Beginn 1789 mit großem Eifer Kants

»_Kritik der reinen Vernunft_«,[25] wollte auch mit Reinhold »eine

große Konferenz darüber« halten, zu der es indes nicht gekommen zu sein

scheint. Freilich nur einzelnes sagte ihm zu. So gefiel ihm gleich

der Eingang des Werkes, und seinen vollkommenen Beifall fand Kants

Satz: Wenngleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung angeht, so

entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Aber

ins »Labyrinth« selbst konnte und wollte er sich nicht wagen: »Bald

hinderte mich die Dichtungsgabe, bald der Menschenverstand, und ich

fühlte mich nirgend gebessert.« Und er versteht manches, z. B. die

wichtigen Begriffe Analytisch und Synthetisch, ganz anders wie Kant.

Als die Hauptfrage erscheint ihm die _psychologische_: »Wieviel

unser Selbst und wieviel die Außenwelt zu unserem geistigen Dasein

beitragen«, während für Kant das Wesentliche die _erkenntniskritische_

Frage nach der Gewißheit unseres Erkennens und damit nach einer

Philosophie als Wissenschaft ist. Immerhin glaubt er einzelne Kapitel

besser als andere zu verstehen und »gewann gar manches zu seinem

Hausgebrauch«.

Die Philosophie unserer Klassiker: Lessing, Herder, Schiller, Goethe · 第 14 / 17 段