Genau dasselbe sagt er im vierten Briefe an den Prinzen (November

1798): »Der Mensch ist noch sehr wenig, wenn er warm wohnt und sich

satt gegessen hat; aber er muß warm wohnen und satt zu essen haben,

wenn sich die bessere Natur in ihm regen soll.« Schon der zweite Brief

hatte ausgeführt, daß »das Bedürfnis und der Drang der physischen

Lage, die Abhängigkeit des Menschen von tausend Verhältnissen, die ihm

Fesseln anlegen«, seinen Aufflug in die »Regionen des Idealischen«,

speziell auch die der Kunst, verhindern, womit die wirtschaftliche

Grundlage jenes in den »Briefen« von 1795 gepredigten idealen Reiches

der ästhetischen Kultur zugegeben ist. »Mit der Verbesserung ihres

_physischen_ Zustandes«, heißt es demgemäß im vierten Briefe ganz

marxistisch, »muß man das Aufklärungswerk bei einer Nation beginnen.«

Denn »der zahlreichere Teil der Menschen wird durch den harten Kampf

mit dem physischen Bedürfnis viel zu sehr ermüdet und abgespannt,

als daß er sich zu einem neuen und inneren Kampfe mit Wahnbegriffen

und Vorurteilen aufraffen sollte«. Er ergreift daher mit hungrigem

Glauben die Formeln, mit denen es Staat und Priestertum »von jeher« --

wie nicht bloß die französischen Materialisten, sondern auch Kant und

Heinrich Heine sagen -- »gelungen ist, das erwachte Freiheitsbedürfnis

ihrer Mündel abzufinden«.

Auch die seelische Verstümmelung des Menschen durch geisttötende

Fabrik- oder Facharbeit hat Schiller bereits klar gesehen: »Ewig nur

an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich

der Mensch selbst nur als Bruchstück aus; ewig nur das eintönige

Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die

Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur

auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner

Wissenschaft.« So müssen die Individuen »unter dem Fluche dieses

Weltzwecks«, nämlich des (aus Kants Geschichtsphilosophie übernommenen)

Widerstreits der menschlichen Kräfte, leiden und ihre Natur durch

jahrtausendelange Sklavenarbeit »verstümmeln« lassen, bis dereinst

einmal der »_freie Wuchs der Menschheit_« sich entfalten kann. Und

nicht mit Unrecht hat es Mehring auf den modernen Klasssenkampf der

Lohnarbeiterschaft angewandt, wenn Schiller ein anderes Mal erklärt,

daß zwar Sklaverei »niedrig« und eine sklavische Gesinnung in der

Freiheit gar »verächtlich« ist, eine bloße »sklavische _Beschäftigung_«

dagegen, falls sie mit Hoheit der Gesinnung verbunden ist, ins Erhabene

übergehen kann. Wieder an einer anderen Stelle kritisiert er schon

vor Fichte, wenn auch nicht so scharf wie dieser, den bürgerlichen

Eigentumsbegriff: »Eine solche Ausdehnung des Eigentumsrechts, wobei

ein Teil der Menschen zugrunde gehen kann, ist in der bloßen Natur

nicht gegründet.«

Wir haben diese Stellen zitiert, um Schillers soziale Einsicht

zu beweisen. Aber es liegt uns fern, unseren Dichter deshalb zum

_Sozialisten_ stempeln zu wollen. Im Gegenteil, in den auf 1795

folgenden Jahren zieht er sich mehr und mehr, wie von der Philosophie,

so erst recht von aller Politik, ja überhaupt aus der rauhen

Wirklichkeit in das schöne Reich des Ideals zurück. »Glühend für

die Idee der Menschheit, gütig und menschlich gegen den einzelnen

Menschen«, aber »_gleichgültig_ gegen das ganze Geschlecht, wie

es _wirklich_ vorhanden ist«, bezeichnet er dem jungen kant- und

menschheitsbegeisterten Mediziner Erhard im Mai 1795 als seinen

»Wahlspruch« und rät auch ihm, sich von dem Weltbürgertum »ganz und gar

zurückzuziehen«, um »mit Ihrem _Herzen_ sich in den engeren Kreis der

Ihnen zunächst liegenden Menschheit einzuschließen, indem Sie mit Ihrem

_Geist_ in der Welt des Ideals leben«!

Damit hängt seine völlige Rückwendung zur Poesie in seinem letzten

Lebensjahrzehnt (1795 bis 1805) zusammen. Seinen deutschen Mitbürgern

aber rief er die Worte zu:

»Zur _Nation_ euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens,

Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu _Menschen_ euch aus!«

Und doch hat ihn auch in der Dichtung das Politische nie losgelassen.

Zeugnis seine historischen Dramen: der »Wallenstein«, »Maria Stuart«,

»Die Jungfrau von Orleans«, der »Tell« und der »Demetrius«. Auch das

Schicksal seiner Nation hat ihn nicht gleichgültig gelassen, wie aus

den Fragmenten des Nachlasses zu ersehen ist, auf die vor allen Tönnies

aufmerksam gemacht hat. Wie auf unsere _Gegenwart_ gemünzt erscheinen

Sätze wie die folgenden: »Darf der Deutsche in diesem Augenblick, wo

er ruhmlos aus seinem tränenvollen Kriege geht, wo zwei übermütige

Völker ihren Fuß auf seinen Nacken setzen und der Sieger sein Geschick

bestimmt -- darf er sich fühlen? Darf er sich seines Namens rühmen und

freuen?« Und er antwortet: »Ja, er darf's. Er geht unglücklich aus dem

Kampfe; aber das, was seinen Wert ausmacht, hat er nicht verloren ...

Die Majestät des Deutschen ruhte nie auf dem Haupte seiner Fürsten ...

Die deutsche Würde ist eine _sittliche_ Größe, sie wohnt im Charakter

der Nation, die von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist.« Und

schließlich können und wollen wir, in der inneren wie in der äußeren

Politik, die auch von Franz Mehring als »herrliches Bekenntnis«

gepriesenen Worte Stauffachers in der Rütliszene als sein politisches

Testament an uns betrachten:

»Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht.

Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,

Wenn unerträglich wird die Last, -- greift er

Hinauf getrosten Mutes in den Himmel

Und holt herunter seine ew'gen Rechte,

Die droben hangen unveräußerlich

Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst.«

8. Schiller, der Idealist

Schillers philosophische Gedankenwelt ist eigentlich unerschöpflich,

denn ihr innerster Lebenskern, die _Idee_, kann ihrer Natur nach

nie versiegen. Das empfinden wir immer wieder, so oft wir in seine

philosophischen Aufsätze, in den Ideengehalt seiner Dramen und

nicht zum wenigsten auch in seine vortreffliche _Gedankenlyrik_ uns

versenken. Werfen wir auf diese zum Schluß noch einen kurzen Blick!

Wir haben schon seine »Resignation«, seinen »Kampf«, seine »Götter

Griechenlands«, seine »Künstler« und vor allem die herrlichste

und auch von ihm selbst am höchsten gestellte Schöpfung dieser

Art: »Das Ideal und das Leben« berührt. Ich erinnere des weiteren

an das Goethe besonders wohlgefallende »_Die Ideale_«, die den

schwärmerischen Idealismus des Jünglings zu dem scheinbar nüchternen,

aber gehaltvolleren und bleibenderen des reifen Mannes vertiefen:

dem Idealismus der nie ermattenden und rastlos, obzwar mit kleinen

Schritten vorwärtsdringenden _Arbeit_ (»Beschäftigung«, sagt Schiller)

und der _Freundschaft_, die wir uns erweitert denken können zur

Gesinnungsgemeinschaft überhaupt. Oder an den »_Spaziergang_«, der, von

der Einzelpersönlichkeit ablenkend, in der anspruchslosen Form eines

Spazierganges uns ein Bild des kulturgeschichtlichen Werdeganges der

Menschheit entwirft und von der ersten Einfalt der Natur durch die

Spannungen und den Streit des Kulturlebens uns zuletzt in den Schoß

der reinen Natur wieder zurückführt. Oder an seine in köstlicher Fülle

vorhandene, in der Regel in die antike Form des Distichons (Hexameter

mit Pentameter) gegossene _Spruchdichtung_. Hervorgehoben seien hier

nur die unsere früheren Ausführungen über des Dichters ethische

Anschauungen erläuternden: »Die moralische Kraft«, »Die Führer des

Lebens«; die zum Politischen hinüberleitenden: »Pflicht für jeden«

und »An einen Weltverbesserer«, sowie das fein psychologische kurze

Distichon über die »Sprache«. Und an das Wort von der »Philosophie«,

das uns zum Schlusse noch einmal so recht Schillers allem pedantischen

Richtungs- und Schulwesen abgewandte philosophische Art vor Augen zu

führen geeignet ist:

»Welche wohl bleibt von allen Philosophi_en_? Ich weiß nicht.

Aber _die_ Philosophie, hoff' ich, soll ewig bestehn.«

So wird denn auch der Dichter Schiller, solange deutsche Philosophie

besteht, d. h. hoffentlich noch für lange Zeiten, als ihr zugehörig

betrachtet werden. Und was für eine Philosophie war, besser _ist_ das?

Das hat er uns in den letzten Zeilen seiner »Worte des Wahnes« gesagt.

Das Schöne, das Wahre und (wir dürfen in seinem Sinne hinzusetzen) auch

das Göttliche oder Gute,

»Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,

Es ist _in_ dir, du bringst es ewig hervor!«

Es ist mit anderen Worten die Philosophie des _Idealismus_ von Platon

bis Kant und Schiller und über sie hinaus bis zu uns, die »ewig

bestehen« wird und soll.

Denn der Mensch bedarf einer Erhebung über die alltägliche

Wirklichkeit. Er wird sich nie völlig befriedigt fühlen allein durch

die »Erfahrung«, d. h. durch die auch noch so vollständig bis in alle

Einzelheiten erforschte Welt der _Wissenschaft_. Er wird sich immer

aus der Tiefe seines eigenen Innern noch eine andere, eine ideale Welt

schaffen, die allerdings keine logisch oder naturwissenschaftlich

benennbare Welt des Seienden sein wird, sondern eine von ihm selbst

»gedichtete« Welt der _Werte_. Es kommt nur darauf an, was man unter

»Dichten« versteht, und ob diese Werte haltbar sind. Eine solche Welt

aber hat uns Friedrich Schiller gelehrt, wenn er uns »die Angst des

Irdischen von uns werfen«, wenn er uns »aus dem engen, dumpfen Leben«

fliehen heißt »in des Ideales Reich«, in das Gedankenland der Idee, wo

alle Arbeit ihre Ruhe, aller Kampf seinen Frieden, alle Not ihr Ende

findet. Damit steht er dem ursprünglichen Christentum vielleicht näher

als die Dogmatik der Aufklärung seiner Zeit, die zwar den Gottes- und

Unsterblichkeitsbegriff festhielt, aber die Lehre von der Erlösung als

vernunftwidrig fahren ließ.

Freilich diese Erlösung ist nicht die kirchliche, von außen an uns

herangetragene, und durch das Blutopfer eines Gottes uns erkauft,

sondern, wie bei Kant, eine _Selbst_erlösung des wahrhaft »glaubenden«

Menschen, der das Überirdische, Unaussprechliche, »Göttliche« als sein

wahres Wesen wieder erkennt und es deswegen »in den eigenen Willen

aufzunehmen« vermag. Gewiß, solche Augenblicke reinster religiöser

Erhebung können bei der Natur unserer Seele nicht beständig andauern.

Dennoch wirken sie, so oft sie wiederkehren, befreiend und läuternd

auf das Gemüt. So hat unter anderen einer der edelsten Jünger und

Dolmetscher unseres Dichter-Philosophen, Friedrich Albert Lange (1828

bis 1875), seinen Schiller aufgefaßt. Und ebenso steht es mit der

_Kunst_. Denn wer will, um ein Wort desselben Lange zu variieren, die

Neunte Sinfonie Beethovens oder die Lyrik Goethes »widerlegen« oder

Raffaels Madonna des »Irrtums« zeihen?

Unser praktisches Handeln aber stelle sich, damit Schillers »Staat

der Vernunft« einst heraufgeführt werde, unter das Banner jener

Wille und Herz erhebenden großen Idee, die, wie Lange sagt, »den

Egoismus hinwegfegt und menschliche Vollkommenheit in menschlicher

Genossenschaft an die Stelle der rastlosen Arbeit setzt, die allein den

persönlichen Vorteil ins Auge faßt«. Auch das ist, wenngleich nicht mit

den Worten des geschichtlichen Schiller, ja vielleicht nicht einmal

genau in den Grenzen seines in der Hauptsache noch individualistisch

befangenen politischen Sinnes, wohl aber in der Richtung seiner

weltumspannenden Liebe -- »Seid umschlungen, Millionen!« --, seines

Glühens für die Idee der Menschheit gedacht, den wir uns nur auf die

sozialen Verhältnisse der Gegenwart übertragen denken, wenn wir für die

Verwirklichung des weltumspannenden Gedankens eintreten, den Schiller

noch nicht gekannt hat: den des _Sozialismus_.

Goethe

Goethe sagte einmal gegen Ende seines Lebens, am 4. Februar 1829, von

sich: »Von der Philosophie habe ich mich selbst immer frei gehalten;

der Standpunkt des gesunden Menschenverstandes war auch der meinige.«

Und ein andermal gesteht er sogar, daß ihm »für Philosophie im

eigentlichen Sinne« das Organ gefehlt habe. Er hat auch in seinem

langen Leben nie eine philosophische Abhandlung geschrieben, geschweige

denn ein philosophisches System entworfen. Und dennoch, ein so

allumfassender nicht bloß Dichter-, sondern auch Denkergeist wie er muß

ein positives Verhältnis zur Philosophie besessen haben: wenn nicht

im Schulsinne, so doch im Sinne einer Weltanschauung. Nicht minder

als Lessing oder Herder. Freilich, der _Philosoph_ in ihm war, wie er

selbst sagt, nur _eine_ der »verschiedenen Richtungen seines Wesens«,

und er nahm aus der Philosophie immer nur, »was seiner Natur gemäß

war«. Noch weniger als Lessing, Herder und Schiller konnte Goethe je

ein -ist oder -aner, etwa der Spinozist, als der er früher vielfach

angesehen wurde, oder ein Kantianer werden. Mit dieser Einschränkung

also wollen wir seinen philosophischen Entwicklungsgang betrachten.

Denn vor allem bei ihm, der eine so entwicklungsfähige Natur besaß,

der immer beflissen war, zu lernen und Neues seinem geistigen Ich

anzugleichen, der mit der wechselnd ihn umgebenden geistigen,

wissenschaftlichen, politischen Welt sich auch vielfach gewandelt

hat, müssen wir den Weg der _entwicklungs_geschichtlichen Darstellung

einschlagen. Der jugendliche Goethe ist auch philosophisch ein

anderer als der reife Mann, und von diesem ist wieder der alte Goethe

unterschieden.

~A~. Die Anfänge

1764 bis 1776 (Leipzig, Frankfurt, Straßburg)

Wolfgang Goethe war ein frühreifer Knabe. Schon der Fünfzehnjährige

wirft sich, wie er uns im sechsten Buche von »Dichtung und Wahrheit«

erzählt, angeregt von einem älteren Freunde, teils um sich von seinem

ersten Liebeskummer zu zerstreuen, teils um sich zur Universität

vorzubereiten, auf das ihm bis dahin »ganz neue und fremde« Feld der

Philosophie. Aber die theoretische Philosophie stößt ihn schon damals

ab. Er findet, eine »abgesonderte« Philosophie sei gar nicht nötig,

sie sei vielmehr bereits in Religion und Poesie vollkommen enthalten.

Dagegen unterhält ihn die Geschichte der Philosophie mit ihren

wechselnden Meinungen. Aber auch hier eigentlich nur die Praktiker:

der weise Sokrates, der ihn an Christus erinnert, der wackere Stoiker

Epiktet aus dem ersten Jahrhundert der römischen Kaiserzeit, der

bekanntlich in seiner Ethik ebenfalls vieles mit dem Christentum gemein

hat, obwohl er es noch nicht gekannt hat, wie ich vor Jahren einmal in

einem besonderen Aufsatz nachgewiesen habe.[22] Später vertieft er sich

auch zeitweise in das große Diktionnaire des französischen Skeptikers

Pierre Bayle, das er in seines Vaters Bücherei entdeckt hat.

Im Herbst 1765 bezieht dann der eben Sechzehnjährige -- ein

Abiturientenexamen war damals ja noch nicht nötig -- die _Leipziger_

Universität. Aber auch hier stößt ihn das übliche ~Collegium Logicum~

ab, wie es der Mephisto dem Schüler in der berühmten Faustszene so

ergötzlich beschreibt:

»Da wird der Geist euch wohl dressiert,

In spanische Stiefeln eingeschnürt usw.«

Das »Auseinanderzerren, Vereinzeln und gleichsam Zerstören« der von uns

in Wirklichkeit so leicht und bequem vollzogenen Geistesoperationen,

das die Logik notwendig betreiben muß, widerstrebt dem jungen

Dichtergeist, der aufs Schauen gerichtet war. Kein Wunder, daß

ihm die damalige _Wolff_sche Schulphilosophie mit ihrem dürren,

nichtssagenden Gerede über alles mögliche mißfiel, deren Verdienst, wie

er in »Dichtung und Wahrheit« sehr richtig sagt, in dem Ordnen unter

bestimmte Rubriken und einer »an sich respektabeln« Methode bestand,

während »das oft Dunkle und unnütz Scheinende ihres Inhalts«, die

unzeitige Anwendung jener Methode[23] und die »allzu große Verbreitung

über so viele Gegenstände« sie dem Publikum »fremd, ungenießbar und

endlich entbehrlich« machte. Unter den Philosophen des »gesunden

Menschenverstandes«, die dieser gelehrten Schulphilosophie schließlich

den Garaus machen, hebt er als vielbewunderte Schriftsteller Moses

Mendelssohn und Garve, später, in einer Rezension der »Frankfurter

Gelehrten Anzeigen« 1773, auch Kant hervor. Mehr zogen Lessing, daneben

der Kunsthistoriker Winckelmann und Oeser, der ausübende Künstler und

Direktor der Leipziger Zeichenakademie, seinen künstlerischen Sinn an.

Nachdem er dann in der Frankfurter Heimat (1768 bis 1770) eine

Zeitlang unter dem Einfluß des frommen Fräuleins von Klettenberg die

Schriften der Herrnhuter gelesen und mystisch-chemische Beschäftigungen

getrieben, geriet er während seines _Straßburger_ Aufenthalts 1770/71,

wie wir bereits wissen, in den geistigen Bann Herders; jedoch zunächst

mehr in literarischer Beziehung. Von den französischen Enzyklopädisten

fühlten er und sein engerer Freundeskreis, die jungen »Stürmer und

Dränger« sich wenig angezogen, am ehesten noch von dem der deutschen

Art verwandteren Diderot. Religiös glaubten sie sich selbst schon

genügend aufgeklärt zu haben. »Auf philosophische Weise erleuchtet und

gefördert zu werden«, hatten sie überhaupt »keinen Trieb noch Hang«.

Insbesondere das sehr konsequent materialistische, aber sehr trocken

und weitschweifig geschriebene ~Système de la nature~ erschien ihnen

»so grau, so kimmerisch (d. h. nebelhaft-finster), so totenhaft, daß

wir ... davor wie vor einem Gespenst schauderten«. Und wenn sie von

den _Enzyklopädisten_ reden hörten oder einen Band ihres ungeheuren

Werkes aufschlugen, so war es ihnen zumute, »als wenn man zwischen

den unzähligen bewegten Spulen und Weberstühlen einer großen Fabrik

hingeht und vor lauter Schnarren und Rasseln, vor allem Aug' und Sinn

verwirrenden Mechanismus, vor lauter Unbegreiflichkeit einer auf das

mannigfaltigste ineinandergreifenden Anstalt in Betrachtung dessen,

was alles dazu gehört, um ein Stück Tuch zu fertigen, sich den eigenen

Rock selbst verleidet fühlt, den man auf dem Leibe trägt«. Wieder eine

Auflehnung des Gefühls gegen das Abstrahieren der Wissenschaft!

Mehr mußte dem gefühlsmäßigen Denken der jugendschäumenden Genossen

natürlich Rousseau zusagen, dessen Geist ja Werther entflammt, während

seine eigentliche Philosophie auf Goethe keinen besonders tiefen

Eindruck gemacht zu haben scheint. Auch Voltaire, »das Wunder seiner

Zeit«, imponierte ihnen bis zu einem gewissen Grade. Überhaupt dürfen

wir nicht verschweigen, daß Goethe sein abfälliges Urteil von damals

später doch selbst korrigiert hat. Am 3. Januar 1830 erklärte er

Eckermann: »Es geht aus meiner Biographie (er meint »Dichtung und

Wahrheit«) nicht deutlich hervor, was diese Männer (_Voltaire_ und

seine großen Zeitgenossen) für einen Einfluß auf meine Jugend gehabt

und was es mich gekostet, mich gegen sie zu wehren und mich auf eigene

Füße in ein wahres Verhältnis zur Natur zu stellen.«

Gegenüber stand er den französischen philosophischen Hauptwortführern

also doch. Gefesselt dagegen fühlte er sich von einem Philosophen,

der in »Dichtung und Wahrheit« nicht erwähnt wird, dem italienischen

Pantheisten und Wahrheitsmärtyrer Giordano _Bruno_, der bekanntlich

um seiner Überzeugung willen am 17. Februar 1600 öffentlich zu Rom

von der Inquisition verbrannt wurde: wie Goethe ein Dichter und

Denker zugleich, wie Goethe auf die Einheit von Gott und Natur,

als den Urquell alles Wahren, Guten und Schönen, gerichtet. Der

Einundzwanzigjährige hat schon damals Brunos Hauptschrift »Von der

Ursache, dem Prinzip und dem Einen« gelesen und ihn in den Notizen

seines Tagebuchs gegen die Angriffe Bayles verteidigt. Er ist auch

später (1812) aus anderem Anlaß wieder auf ihn zurückgekommen. Übrigens

bemerkt Goethe von seinem Wissen um 1773, daß es »noch sprunghaft und

ohne eigentlichen Zusammenhang gewesen sei«.

Spinoza-Studium. Philosophische Gedichte

(1774 ff.)

Durch sein frühes Bruno-Studium, aber auch durch seine Naturanschauung

und seine ganze bisherige Entwicklung war Goethe für das Verständnis

eines größeren, wenn auch scheinbar ihm ganz entgegengesetzten Denkers

herangereift, desselben, den wir auch auf Lessing und Herder einwirken

sahen: Baruch _Spinozas_.

Zunächst muß freilich seine Hinneigung zu dem Amsterdamer Weisen

auffallen. Hatte er doch als das Ergebnis jener Straßburger Berührung

mit der französischen Philosophie die Tatsache festgestellt, »daß wir

aller Philosophie, besonders aber der _Metaphysik_, recht herzlich gram

wurden und blieben, dagegen aber aufs lebendige Wissen, Erfahren, Tun

und Dichten uns nur desto lebhafter und leidenschaftlicher hinwarfen«:

der Metaphysik, von der er seinen Mephisto dem Schüler sarkastisch

vororakeln läßt:

»Da seht, daß ihr tiefsinnig faßt,

Was in des Menschen Hirn nicht paßt,

Für, was drein geht und nicht drein geht,

Ein prächtig Wort zu Diensten steht!«

Und nun _war_ Spinoza ein Metaphysiker, und sogar ein recht

dogmatischer, dessen »Ethica« alles andere als eine Ethik in unserem

Sinne, vielmehr ein in sich geschlossenes System von streng logischem

Aufbau nach »geometrischer«, ja beinahe scholastischer Methode

darstellt. Wie reimt sich das zusammen?

Wir können in Goethes Spinoza-Studium zwei auseinanderliegende

Perioden unterscheiden: die erste um die Mitte der siebziger Jahre,

die zweite von 1783 bis 1786. Zunächst hatte er »das Dasein und die

Denkweise« des »außerordentlichen Mannes« nur »unvollständig und wie

auf den Raub« in sich aufgenommen. Und was fesselte ihn an dieser

der seinen so entgegengesetzten Persönlichkeit? Nun, hier bewährte

sich einmal der bekannte Satz, daß die Gegensätze sich anziehen. Nach

seinem eigenen Geständnis zog ihn zu Spinoza gerade die zu dem eigenen

»alles aufregenden« Streben in stärkstem Gegensatz stehende, »alles

ausgleichende« Ruhe, die das »Widerspiel« seiner poetischen Sinnes- und

Darstellungsweise bildende mathematische Methode, die auch die Welt

des Sittlichen eben dieser Methode unterwerfende Behandlung. Gerade

das machte ihn zum »leidenschaftlichen Schüler«, zum »entschiedensten

Verehrer« des jüdischen Denkers. Er fand hier, was er suchte:

Beruhigung seiner Leidenschaften und »eine große und freie Aussicht

über die sinnliche und sittliche Welt«. Ganz besonders fesselte ihn

Spinozas »grenzenlose Uneigennützigkeit«, wie sie sich in dessen Satze

aussprach: »Wer Gott recht liebt, muß nicht verlangen, daß Gott ihn

wieder liebe.«[24]

Zunächst freilich sieht es in Goethes Innerem noch wie »ein siedendes

und gärendes Chaos« aus. Der auf einer Reise an den Niederrhein

neugewonnene Freund Fritz Jacobi in Düsseldorf, in philosophischem

Denken und auch in der Kenntnis Spinozas ihm schon weit voran, sucht es

zu klären. Wir hören von leidenschaftlicher Freundschaftsverbindung in

stillen Mondscheinnächten.

Später in Frankfurt, nachdem er längere Zeit nicht an Spinoza gedacht,

treibt ihn das zufällige Auffinden eines gegen diesen gerichteten

Pamphlets in der väterlichen Bibliothek sowie die Lektüre von Bayles

Artikel »Spinoza« von neuem zu den nachgelassenen Werken des großen

Denkers. »Dieselbe Friedensluft wehte mich wieder an.« Nie glaubte

er »die Welt so deutlich erblickt zu haben«, wie durch diese von

der öffentlichen Meinung der damaligen Zeitphilosophie noch »so

gefürchtete, ja verabscheute Vorstellungsart«. Vor allem befriedigte

ihn aufs tiefste Spinozas Lehre vom gelassenen Entsagen gegenüber

dem Ewigen, Notwendigen, Gesetzlichen, also der sittliche Kern im

Spinozismus, wie er selbst ihn später dichterisch ausgedrückt hat in

den Versen:

»Nach ewigen, ehernen

Großen Gesetzen

Müssen wir alle

Unseres Daseins

Kreise vollenden.«

Die Philosophie unserer Klassiker: Lessing, Herder, Schiller, Goethe · 第 13 / 17 段