oder schöne _Schein_. In der Wissenschaft wollen wir das Wirkliche
erkennen, in der Ethik dem Guten durch unser Handeln Wirklichkeit
verschaffen; der Gegenstand des ästhetischen Triebes dagegen ist der
bloße Schein der Dinge, an dem nur »der Blick sich zu weiden« vermag,
der Blick auf eine nur der »dichtenden« Seele wahrnehmbare eigene Welt.
Im Gegensatz zu der Arbeit der Wissenschaft, dem Tun des Guten erweist
der ästhetische Schein sich als bloßes _Spiel_: ein Spiel jedoch, das
die Gesamtheit der menschlichen Gemütskräfte in Anspruch nimmt. Die
Kunst versetzt sie in ein freies Spiel miteinander, d. h. eine rein
sich selbst genügende Bewegung, die an keinen bestimmten Zweck gebunden
ist, wie denn Kant die ästhetische Zweckmäßigkeit, im Gegensatz zur
praktischen, als »Zweckmäßigkeit ohne Zweck« bezeichnet hatte. Mit
dem Angenehmen, Guten und Wahren ist es dem Menschen _ernst_; mit dem
Schönen _spielt_ er, d. h. er erfreut sich an ihm mit seiner vollen
Menschennatur. »Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des
Wortes _Mensch_ ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« (15.
ästhetischer Brief.)
Die Wirkung des Schönen ist entweder eine schmelzende (auflösende) oder
eine energische (anspannende). Auflösend wirkt die Schönheit, indem sie
uns im Spieltrieb von der einseitigen Spannung des Stoff- (Sach-) oder
des Formtriebs befreit und _fühlen_ lehrt, sobald wir Gefahr laufen, zu
verknöchern, _denken_, wenn wir verdumpfen. Anspannend dagegen, wenn
sie beide Teile in ihrer Kraft erhält, der Erschlaffung entgegenwirkt.
So belebt das Schöne samt dem Erhabenen (denn nichts anderes ist
eigentlich die »energische« Schönheit) alle Kräfte unserer Seele und
stellt uns in der vollen Einheit unseres lebendigen Wesens dar.
Wenden wir uns nun zum Schlusse Schillers Anwendung der ästhetischen
Theorie auf sein eigenstes Schaffensgebiet, die _Dichtung_, zu. Die
Hauptschrift, zugleich diejenige, nach deren Vollendung er von der
Philosophie wieder zum poetischen Schaffen übergeht, ist die große
Abhandlung von 1795/96
Ueber naive und sentimentalische Dichtung,
die man wohl »ein einziges Zwiegespräch mit Goethe« genannt
hat, der dem naiven, so wie Schiller dem sentimentalen, Dichter
entspricht. Sie geht aus von dem Reiz, den das _Naive_, Natürliche
auf den Kulturmenschen ausübt. Die Naivität eines Kindes oder eines
Naturmenschen erfreut und rührt uns als ein Sieg der Natureinfalt
über die Künstelei der Zivilisation. Auch das Genie ist naiv, reine
Naturkraft; wobei Natur als das Dasein der Dinge nach eigenen und
unabänderlichen Gesetzen verstanden wird. In der Blume, der Quelle,
dem bemoosten Stein, dem Vogelsang, der Kindheit lieben wir das ruhige
Wirken aus sich, die ewige Einheit mit sich selbst. »Sie sind, was wir
_waren_ und was wir wieder werden sollen.«
Bewahrer der Natur sind nun in erster Linie die _Dichter_, sei es, daß
sie »Natur« sind oder die verlorene suchen. Das dichterische Genie
ist gleichsam der zur Person gewordene Spieltrieb, der ja ebenfalls
nach seelischen Einfällen und Gefühlen, nicht nach logischen Begriffen
verfährt. Naive Dichter sind Homer und Shakespeare; sentimental
(gefühlvoll) ist Werther, der den Homer liest. Dem Naiven ist die
Natur eine Selbstverständlichkeit, dem Sentimentalen ist sie ein Ziel
seiner Sehnsucht. Naiv ist deshalb die Antike in ihrer Blütezeit,
ihrer ungebrochenen Einheit von Natur und Kultur; sentimental das
Christentum, in dem sich dieser Bruch vollzogen hat, aber auch
der _moderne_ Mensch überhaupt. Und ferner kehrt in dem Kontrast
»naiv-sentimental« der uns bekannte Gegensatz der harmonischen schönen
Seele auf der einen, des sittlich-erhabenen Charakters auf der anderen
Seite wieder.
Die Hauptgattungen der sentimentalen, mithin spezifisch modernen
Poesie sind die Satire, die Elegie und die Idylle, über die sich
dann der Verfasser im einzelnen geistreich und mit anschaulichen
Beispielen aus der ganzen Weltliteratur ergeht. Alle drei betreffen das
Verhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit: die Satire, die strafende
wie die spottende, stellt den Abstand beider voneinander, die Elegie
das Ideal als ein verlorenes, die Idylle dasselbe als erreicht dar.
Groß und echt ist die Dichtung nur, wo Gedanken und Gefühle von
allgemeinmenschlicher Bedeutung, nicht bloß subjektives Fühlen des
Dichters den Stoff beseelt. So muß aus der scherzhaften Satire die
Überlegenheit der schönen Seele, aus der strafenden oder pathetischen
der erhabene Charakter sprechen; muß die Sehnsucht der Elegie nach
einem verlorenen Ideal gehen, die Idylle uns nicht in ein arkadisches
Schäferleben, sondern in den Zukunftsstand einer neuen, harmonisch
vollendeten Menschheit -- also das, was der Sozialist Utopie nennt
-- führen. _Schillers_ »Sentimentalität« bedeutet jedenfalls keine
Rousseau-Klopstock-Ossiansche Empfindsamkeit, im Gegenteil herben
Lebensrealismus.
Er unterscheidet auch »wirkliche« und »wahre« Natur. Wir wollen in
dem Werk des Dichters nicht die Zufälligkeiten der Wirklichkeit,
etwa die natürlichen Ausbrüche der Leidenschaft, dargestellt sehen,
wenigstens nicht als sein eigentliches Ziel, sondern »eine innere
Notwendigkeit des Daseins«. Mit dem »Affentalent gemeiner Nachahmung«,
wie es auch heute noch der extreme Naturalismus predigt, ist es nicht
getan; nur in Kopf und Herz von künstlerisch-menschlich ausgebildeten
Dichterpersönlichkeiten formt sich auch der niedere Stoff zu edlem
Gebilde. Die Gefahr für den naiven Dichter besteht im Herabsinken
zum Platten, Geistlosen, Gewöhnlichen; die für den sentimentalen in
der Überspannung zum Gehalt- und Gestaltlosen einer schwärmerisch
schrankenlosen Einbildungskraft. Die Aufgabe der Poesie ist weder
angenehme Erholung im gewöhnlichen Sinne des Wortes noch moralische
Besserung und Belehrung. Der Geisteszustand der meisten Menschen
ist -- wie wahr trifft Schillers tief sozialer Blick hier auch noch
die Gegenwart! -- »auf der einen Seite anspannende und erschöpfende
Arbeit, auf der anderen erschlaffender Genuß«. Die Dichtkunst aber
verlangt einen ganzen und vollen _Menschen_, »einen offenen Sinn, ein
erweitertes Herz, einen frischen und ungeschwächten Geist«. Darum --
das Wort behält auch heute noch seine volle Geltung -- die Seltenheit
wirklich guten Geschmacks und entsprechenden Urteils in Fragen der
Poesie, die nur aus feinster und edelster Bildung des Herzens und des
Geistes hervorgehen können.
Endlich: dem naiven Dichter entspricht der _Realist_, dem sentimentalen
der _Idealist_. Der erste läßt sich in seinem Denken und Tun durch
die bloße Erfahrung bestimmen, der zweite durch die Vernunft. Während
der Realist nur an das Nächste, an den Einzelfall denkt, strebt
der Idealist bis zu den obersten Voraussetzungen aller Erkenntnis
vorzudringen, worüber er freilich oft das Besondere vernachlässigt, so
daß er an Einsicht verliert, was er an Übersicht gewinnt. Des letzteren
Charakter wird eine Hoheit und Größe zeigen, deren der Realist nicht
fähig ist. Dieser redet in Sachen des Geschmacks dem Vergnügen,
in Sachen der Moral der Glückseligkeit das Wort; ja selbst in der
Religion vergißt er seinen Vorteil nicht gern, wenn er ihn auch durch
den Begriff des höchsten Gutes zu veredeln und zu heiligen sucht. Der
Idealist erstrebt die Freiheit selbst auf Kosten seines Wohlstandes. Er
vergißt freilich über seinem Säen und Pflanzen für die Ewigkeit häufig
die Gegenwart, über dem Ganzen, für das er leben möchte, den einzelnen.
Der Realist wird oft würdiger handeln, als es seine Theorie zuläßt,
während der Idealist öfters erhabener denkt, als er handelt. Beide
unterliegen noch besonderen Gefahren: der Realist der einer blinden und
wahllosen Ergebung in die Macht der Umstände, der Idealist derjenigen,
ein Phantast zu werden. Auch hier liegt das wahre Ideal in der
Vereinigung: beide sind notwendige Menschentypen, aber beide ergänzen
einander.
Wie wahr der Dichter hier die Wirklichkeit gesehen, wird jeder Leser
mit uns gefühlt haben. So mündet auch Schillers, des »Idealisten«
Ästhetik wie seine Dichtung, wie sein ganzes Schaffen schließlich in
eine Philosophie des Lebens aus.
7. Schiller als Politiker
Es würde uns etwas an unserem Schiller fehlen, wollten wir nicht von
seinem Verhältnis zu demjenigen reden, was auf der großen Weltbühne vor
sich geht,
»Wo um der Menschheit große Gegenstände,
Um Freiheit und um Herrschaft wird gerungen,«
mit anderen Worten von seiner Stellung zur _Politik_. Schiller ist von
Anfang an politisch interessiert gewesen. Freilich besteht ein großer
Unterschied zwischen dem jungen und dem älteren Schiller. Uns ist
leider nur ein kurzer Überblick möglich.[19]
Die politische Stimmung des aus kleinen, engen Verhältnissen
stammenden, dann in der Karlsschule unter härtestem Druck und Drill
gehaltenen Jünglings ist leidenschaftliche Opposition, repräsentiert
durch »_Die Räuber_«, über deren allgemeine Bedeutung wir uns schon
auf Seite 101 f. ausgesprochen haben, und die schon in ihrem Motto
~In tyrannos~ (gegen die Tyrannen) und mit ihrer Titelvignette, dem
aufsteigenden, grimmig seine Pranken erhebenden Löwen die revolutionäre
Gesinnung ihres Dichters ausdrücken. Dasselbe Gesicht zeigen die
gleichzeitig entstandenen leidenschaftlichen Gedichte der »Anthologie
auf das Jahr 1782«, z. B. »Die schlimmen Monarchen«. Kein Wunder, wenn
ein zeitgenössischer, anscheinend etwas größenwahnsinnig angelegter
Fürst über den von der Jugend vergötterten jungen Dichter-Revolutionär
die Äußerung getan haben soll: Wenn ich mit dem Gedanken umgegangen
wäre, die Welt zu erschaffen, und vorausgesehen hätte, daß Schillers
»Räuber« darin würden geschrieben werden, so hätte ich die Welt _nicht_
erschaffen! -- Der »_Fiesko_« ist zwar schon wesentlich zahmer, aber
doch ein »republikanisches Trauerspiel«, das den Pfälzer Philistern, in
deren Adern »kein römisches Blut floß«, schon zu weit ging.
»_Kabale und Liebe_« dagegen ist wieder eine _soziale Tragödie_, in
der selbst nach dem Urteil eines politisch so gemäßigten Mannes wie
H. Hettner »Fäulnis und Verderbnis« als »der Grundzug aller unserer
staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen« zum Vorschein kommen.
Kühner als Lessing in seiner »Emilia Galotti« wagt der Dichter es,
die Handlung nach Deutschland zu verlegen. Die gewissenlose Kabale
der Hofkreise gegenüber den natürlichen Rechten des Herzens, die
Mätressenwirtschaft, die Klassenjustiz, der Verkauf der Landeskinder:
das alles wird mit solcher Lebenswahrheit und in so glühenden Farben
geschildert, daß das Drama auch heute, nach 140 Jahren, noch wie ein
Blitz in ein empfängliches, natürlich empfindendes Publikum einschlägt,
wenn es mit Feuer gespielt wird, wie ich es selbst bei einer Aufführung
durch Schüler im Jahre nach der Revolution erlebte.
In einer öffentlichen Vorlesung vor der »Kurpfälzischen Deutschen
Gesellschaft« zu Mannheim am 26. Juni 1784 -- später unter dem Titel
»Über die Schaubühne, als moralische Anstalt betrachtet« unter seine
Werke aufgenommen -- verkündet Schiller es geradezu als den Beruf der
Bühne, ihre Gerichtsbarkeit da auszuüben, »wo das Gebiet der weltlichen
Gesetze sich endigt«. »Wenn die Gerechtigkeit für Gold verblindet und
im Solde der Laster schwelgt, wenn die Frevel der Mächtigen ihrer
Ohnmacht spotten und Menschenfurcht den Arm der Obrigkeit bindet,
übernimmt die Schaubühne Schwert und Wage und reißt die Laster vor
einen schrecklichen Richterstuhl.« Wie stark in jenen Zeiten sein
politisches Interesse war, geht unter anderem auch daraus hervor,
daß ihm damals ein zukünftiges Wirken als _Staatsmann_ als Wunsch
vorschwebte. Einer seiner Jugendfreunde hat einmal geäußert: Wenn
Schiller nicht ein großer Dichter geworden wäre, so hätte er gewiß
eine bedeutsame Rolle im politischen Leben gespielt, freilich mit dem
bezeichnenden Zusatz: er würde sie dann wohl als Festungsgefangener
geendet haben. Und der Musiker Andreas Streicher, der 1782 mit ihm aus
Stuttgart floh, berichtete von ihrer Trennungsstunde im März 1785: wie
er (Streicher) Kapellmeister, so hätte Schiller damals -- Minister
werden wollen!
Vielleicht hängt damit innerlich schon der Keim zu dem späteren »_Don
Carlos_« zusammen, in dem ja Marquis Posa seine völkerbeglückenden
Pläne als Minister König Philipps verwirklichen will. Anfangs
war bekanntlich das Stück anders gedacht: als ein tragisches
»Familiengemälde im königlichen Hause« und zugleich als ein
Tendenzstück gegen die Jesuiten: »eine Menschenart, welche der Dolch
der Tragödie bisher nur gestreift hat«, und gegen die Inquisition,
deren »Schandfleck« er, um die »prostituierte Menschheit zu rächen«,
»fürchterlich an den Pranger stellen« wollte. Während der jahrelangen
Ausarbeitung änderte sich dann, mit der inneren Entwicklung des
Dichters, auch der Plan des Dramas. So wie es jetzt vorliegt, stellt es
eine Anwendung der ethischen Zeitgedanken: Humanität, Weltbürgertum,
Glaubens- und Gedankenfreiheit auf den _Staat_ dar, verkündet durch
den begeisterten Mund des idealistischen und dabei doch als weltklug
geschilderten Malteserritters. Mit »Kabale und Liebe« verglichen,
haben wir freilich nur einen stark abgeblaßten Liberalismus vor uns:
nicht mehr Rousseau, sondern Montesquieu, dessen »Geist der Gesetze«
er ungefähr gleichzeitig studiert. Gewiß wird »Männerstolz vor
Königsthronen« -- »ich kann nicht Fürstendiener sein!« -- und Kampf
gegen den Despotismus gepredigt. Aber von der Masse des Volkes ist
kaum, von einem sozialen Untergrund gar nicht mehr die Rede. Das Ganze
spielt sich in der Sphäre des Hoflebens ab. Auf den Thronfolger setzt
Posa seine Hoffnung. Also Kronprinzenliberalismus!
Immerhin ist Schiller in dieser und der zunächst folgenden Zeit noch
lebhaft politisch interessiert. »Was ist den Menschen wichtiger als die
glücklichste Verfassung der Gesellschaft, in der alle unsere Kräfte
zum Treiben gebracht werden sollen?« schreibt er an die Schwestern von
Lengefeld am 4. Dezember 1788. Auch seine »Geschichte des Abfalls der
Vereinigten Niederlande« (1788) ist, wie der einleitende Abschnitt
zeigt, von der ja schon im »Don Carlos« hervortretenden Sympathie für
den Freiheitskampf eines kleinen, bedrängten Volkes um sein Recht
»gegen die furchtbaren Kräfte der Tyrannei« diktiert.
In diesen Zusammenhang gehören auch die schon unter dem Einfluß Kants
geschriebenen kleinen _geschichtsphilosophischen_ Aufsätze; vor allem
aber die bereits behandelte _Antrittsrede_ über das Studium der
Universalgeschichte, welche Sätze enthält wie den folgenden: »Alle
denkenden Köpfe verknüpft jetzt ein weltbürgerliches Band.« Oder:
»Unser _menschliches_ Jahrhundert« -- an einer anderen Stelle heißt
es statt dessen: »Das Zeitalter der _Vernunft_« -- »herbeizuführen,
haben sich alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt.« Und zum Schlusse
den Appell an seine jugendlichen Zuhörer, auch ihrerseits zu diesem
weltgeschichtlichen Ergebnis beizutragen.
Fast zur selben Zeit, als Friedrich Schiller vom Jenaer
Universitätskatheder diese Worte sprach (Mai 1789), hatte man
jenseits des Rheins den Staat der Vernunft in die Wirklichkeit zu
übersetzen begonnen: in der _Französischen Revolution_. Sie hat in
ihren ersten Jahren, wie wohl alle großen Geister des damaligen
Deutschlands, darunter sogar den alten Messiassänger Klopstock und
den konservativen Minister Goethe, selbstverständlich auch Schiller
in ihren Bann gezogen. Aber nur wenige dieser Größen, darunter der
alte Immanuel Kant, blieben diesem politischen Idealismus auch über
die sogenannte Schreckenszeit hinaus treu. Auch Schiller fühlte
sich durch die terroristischen Handlungen des Konvents, vor allem
die Hinrichtung des Königs, dermaßen abgeschreckt, daß er an Körner
am 8. Februar 1793 die entsetzten Worte schrieb: »Ich kann seit
vierzehn Tagen keine französische Zeitung lesen, so sehr ekeln
diese elenden Schindersknechte mich an!« Das schrieb der einstige
»Stürmer und Dränger«, den der Konvent selbst im August 1792 zusammen
mit Washington, Klopstock und Pestalozzi zum »Ehrenbürger« der
französischen Republik ernannt hatte. Und diese ablehnende Stimmung
hat er dann beibehalten. Sie spiegelt sich wider in den bekannten
abschreckenden Schilderungen des »Aufruhrs« und der weiblichen »Hyänen«
in der »Glocke«; wo der Dichter des Idealismus sich sogar dahin
versteigt, von »ewig Blinden« zu sprechen, denen man »des Lichtes
Himmelsfackel« nicht leihen dürfe, hingegen als höchstes staatliches
Gut die »heilige« bürgerliche »Ordnung« preist. Man kann zur
psychologischen Erklärung dieser Tatsache auf seine veränderten äußeren
Lebensverhältnisse hinweisen. Er war nicht mehr der »literarische
Vagabund« von ehedem, sondern ein seßhaft gewordener Jenaer Professor,
ein ehrsamer Ehemann und Familienvater, ein Weimarischer Hofrat, der
sich schließlich mit Rücksicht auf die höfischen Beziehungen seiner
Frau auch die sogenannte »Erhebung« in den Adelstand gefallen ließ.
Für uns ist es wichtiger, die innere, die philosophische Wandlung zu
verfolgen, die dieser politischen Wandlung zugrunde lag.
Wir haben dafür seit einigen Jahrzehnten eine ausgezeichnete Quelle in
den _ursprünglichen_, 1793 geschriebenen philosophischen Briefen an den
Prinzen von Augustenburg, von denen die spätere Fassung der gedruckten
»Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen« (1795) in sehr
wesentlichen Stücken abweicht. Ohne hier auf alle Einzelheiten eingehen
zu können, müssen wir doch das für unser Thema Wichtigste, schon weil
es manche Ähnlichkeiten mit der Gegenwart aufweist, herausheben. Es
findet sich namentlich in dem ausführlichen zweiten Briefe vom 18.
Juli 1793, wobei ich allerdings eine andere, rein sachlich bestimmte
Reihenfolge einzuschlagen mir gestatte.
Vor den in der Revolution gemachten Erfahrungen, schreibt er hier an
den übrigens freidenkenden Prinzen, »konnte man sich allenfalls mit dem
lieblichen Wahne schmeicheln, daß der unmerkliche, aber ununterbrochene
Einfluß denkender Köpfe, die seit Jahrhunderten ausgestreuten Keime der
Wahrheit, der aufgehäufte Schatz von Erfahrung die Gemüter allmählich
zum Empfang des Besseren gestimmt und so eine Epoche vorbereitet haben
müßten, wo die Philosophie den moralischen Weltbau übernehmen und das
Licht über die Finsternis siegen könnte«. Man sei in der »theoretischen
Kultur«, also in der Erkenntnis schon so weit vorgedrungen gewesen,
daß »auch die ehrwürdigsten Säulen des Aberglaubens zu wanken anfingen
und der Thron tausendjähriger Vorurteile erschüttert ward«. Und als
nun »eine geistreiche, mutvolle, lange Zeit als Muster betrachtete
Nation« daran ging, ihren »positiven« Gesellschaftszustand gewaltsam
zu verlassen, um sich in den »Naturstand« zurückzuversetzen, »für den
die _Vernunft_ die alleinige und absolute Herrscherin ist«, da mußte
»jeder, der sich Mensch nennt«, vor allem jeder »Selbstdenker« den
lebhaftesten Anteil daran nehmen. Denn wenn ein Gesetz des weisen
Solon denjenigen Bürger verdammt, der bei einem Aufstand keine
Partei nimmt, wie konnte man in diesem Falle, »wo das große Schicksal
der Menschheit zur Frage gebracht ist«, neutral bleiben, »ohne
sich der strafbarsten Gleichgültigkeit gegen das, was dem Menschen
das Heiligste sein muß, schuldig zu machen«! Denn hier ist »eine
Angelegenheit, über welche sonst nur das Recht des Stärkeren und die
Konvenienz zu entscheiden hätte, vor dem Richterstuhl reiner Vernunft
anhängig gemacht«, die, wie es an einer anderen Stelle im Anschluß
an Kants Ethik heißt, »den Menschen als Selbstzweck respektiert und
behandelt«.[20] Und bei den Gesetzen hat ein jeder Selbstdenker, als
Beisitzer jenes Vernunftgerichts, mitzusprechen, indem er sie »als
mitbestellter Repräsentant der Vernunft zu diktieren berechtigt und
aufrechtzuerhalten verpflichtet ist«.
Aber, wie es in einem Distichon von 1797 heißt, »der große _Moment_
fand ein kleines _Geschlecht_«. Der Gebrauch, den das französische
Volk von diesem großen Geschenk des Augenblicks machte, bewies, »daß
das Menschengeschlecht der vormundschaftlichen Gewalt noch nicht
entwachsen ist, daß das liberale Regiment der Vernunft da noch zu
frühe kommt, wo man kaum damit fertig wird, sich der brutalen Gewalt
der Tierheit zu erwehren, und daß derjenige noch nicht reif ist zur
bürgerlichen Freiheit, dem noch so vieles zur menschlichen fehlt«.
»Rohe, gesetzlose Triebe« -- man hört den Dichter der »Glocke« --, die
»nach aufgehobenem Band der bürgerlichen Ordnung ... mit unlenksamer
Wut ihrer tierischen Befriedigung zueilen« in den niederen, und der
»noch niedrigere« Anblick der Erschlaffung und Entartung des Charakters
in den »zivilisierten« Klassen: das ist die Signatur der Gegenwart.
Wir wollen diesen Sätzen nicht entgegenhalten, was Immanuel Kant in
demselben Jahre 1793 in seiner Religionsschrift über die angeblich
mangelnde »Reife zur Freiheit« schreibt. Schiller jedenfalls stellt
sich auf einen pessimistischen Standpunkt. Auch für ihn bleibt
gewiß »_politische_ und _bürgerliche Freiheit_ immer und ewig das
_heiligste_ aller Güter, das würdigste Ziel aller Anstrengungen und
das _große Zentrum aller Kultur_«. Und wenn das Vernunftgesetz auf
den Thron erhoben und wahre Freiheit zur Grundlage des Staatsgebäudes
gemacht wäre, schreibt er, »so wollte ich auf ewig _von den Musen
Abschied nehmen_ und dem herrlichsten aller Kunstwerke, der _Monarchie
der Vernunft, alle meine Tätigkeit widmen_«. Allein »jeder Versuch
einer Staatsverfassung aus _Prinzipien_« -- und jede andere ist »bloßes
Not- und Flickwerk«! -- kann für ihn nur in Frage kommen, wenn »der
Charakter der Menschheit von seinem tiefen Verfall wieder emporgehoben
ist«, und das sei -- »eine Arbeit für mehr als ein Jahrhundert«!
Daraus zieht nun unser Dichter die Folgerung: weniger die Aufklärung
des _Verstandes_, für die schon genug geschehen sei, als die sittliche
Reinigung und Stärkung des _Willens_, vor allem aber die Veredlung
der _Gefühle_ sei für jetzt das Wichtigste. Es ist das Programm der
_ästhetischen Kultur_, das dann die »Ästhetischen Briefe« von 1795 in
reicher Begründung und Ausführung weiter entwickeln. Hierauf näher
einzugehen, zu zeigen, wie nach Schillers Auffassung die ästhetische
Erziehung den Menschen aus dem »Notstaat« der Wirklichkeit allmählich
zum »Vernunftstaat« emporführt, dürfen wir uns um so eher versagen,
als wir ja die ganze Frage von Schillers ethisch-ästhetischem Ideal
schon oben ausführlich genug behandelt haben und -- diese ganze,
ihm als _Dichter_ freilich naheliegende und durch den Verkehr mit
gleichgesinnten Geistern wie Goethe und Wilhelm v. Humboldt sicherlich
noch gestärkte ästhetische Auffassung mit Bezug auf _politische_ Dinge
sich doch eigentlich als ein großer Trugschluß erwiesen hat. Rein
ästhetische Kultur vermag nicht einmal den einzelnen politisch reif
und mündig zu machen, geschweige denn ein ganzes Volk. Gewiß, eine
starke Beimischung ethisch-ästhetischer Kultur würde dem deutschen
Machtstaat von 1866 bis 1918 nichts geschadet haben und auch unserem
heutigen angeblichen Kulturstaat nichts schaden. Indes, das ist nicht
die _erste_ Frage. Die Vorbedingung für einen wahrhaften Staat der
Vernunft, wie ihn ja auch Schiller letzten Endes erstrebt, ist, wie
_wir_ inzwischen gelernt haben, die politisch-ökonomische Befreiung der
Massen.
Und da können wir mit Befriedigung feststellen, daß der »Idealist«
Schiller in dieser Beziehung, d. h. hinsichtlich der _ökonomischen_
Grundlage alles staatlichen Lebens, wenigstens nicht ganz blind
gewesen ist.[21] Sie alle werden seine bekannte Strophe aus dem
Erscheinungsjahr der »Ästhetischen Briefe« (1795) kennen:
»Einstweilen, bis den Bau der Welt
Philosophie zusammenhält,
Erhält sie das Getriebe
Durch _Hunger_ und durch _Liebe_.«
Und vielleicht auch den noch deutlicheren Doppelvers, den er den bloßen
Moralpredigern von »Menschenwürde« entgegenhält:
»Nichts mehr davon, ich bitt' euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen.
Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.«