Schon die beschränkenden Zusätze zeigen, daß er Kant persönlich in

Schutz nehmen will, der überdies die teils in »grobem Materialismus«,

teils in »nicht weniger bedenklichen Perfektionsgrundsätzen«

(»Vervollkommnungs«-Moral) aufgehende Zeitmoral unnachsichtlich habe

angreifen und deshalb der harte »Drako« seiner Zeit habe werden

müssen, weil sie ihm des weisen und milden »Solon« »noch nicht wert

und empfänglich schien«. Aber, fährt er fort, »womit hatten es die

Kinder des Hauses verschuldet, daß er nur für die Knechte sorgte?«

Weil der moralische Weichling dem Gesetz der Vernunft gern eine

Laxheit geben möchte, die es zum Spielball seines Beliebens macht,

mußte ihm deshalb eine Starrheit beigelegt werden, welche »die

kraftvolle Äußerung moralischer Freiheit nur in eine rühmlichere

Art von Knechtschaft verwandelt«? Wir wollen hier nicht näher auf

Kants Verteidigung eingehen, der gerade auf diesen Punkt in seiner

»Religion innerhalb usw.« erwiderte und auch seinerseits eine frohe

und mutige, nicht ängstlich-sklavische Gemütsstimmung als das der

Tugend eignende Temperament angesehen wissen wollte. Inwieweit auch er

das Sittlich-Schöne anerkennt, haben wir an anderem Orte (»Kant --

Schiller -- Goethe«, S. 94 bis 107) ausführlich dargelegt. Hier haben

wir es nur mit Schillers Entwicklung der sittlichen Schönheit zu tun,

die sich auf die Beschaffenheit des Menschen als »vernünftig-sinnlichen

Wesens« gründet.

Nach Schiller muß des Menschen sittliche Denkart aus seiner »gesamten«

Menschheit hervorquellen, sie muß ihm zur _Natur_ geworden sein.

Denn »der bloß niedergeworfene Feind kann wieder aufstehen, aber

der versöhnte ist wahrhaft überwunden«. Hiergegen läßt sich meines

Erachtens der Einwand machen, daß der wirkliche Mensch, wie er _ist_,

mit allen seinen Schwächen, eben immer wieder jenes »Aufstehens«

bedarf, weil er das Ideal der »_schönen Seele_«, die Schiller als das

»Siegel der vollendeten Menschheit« preist, in der Tat nie erreicht.

Wie denn Schiller selbst am Anfang des Abschnitts über »Würde«

zugesteht, daß jene »Charakterschönheit, die reifste Frucht seiner

Humanität, bloß eine _Idee_« ist, »welcher gemäß zu werden er mit

anhaltender Wachsamkeit streben, aber die er bei aller Anstrengung

nie ganz erreichen kann«. Also ist doch auch die schöne Seele bloß

ein schönes Ideal, und es ist vom methodischen Standpunkt aus gesehen

sogar gefährlich, wenn Schiller in diesem Zusammenhang zugunsten der

Sinnlichkeit anführt, sie erst leihe dem sittlichen Menschen »das ganze

Feuer ihrer Gefühle« zu dem »Triumph, der über sie selbst gefeiert

wird«. Denn was ist nicht schon alles in der Weltgeschichte, namentlich

in Religion und Politik, mit dem »Feuer der Gefühle« gerechtfertigt

worden!

Aber _ein_ tiefer und schöner Gedanke liegt sicher im Begriff der

»schönen Seele«, nämlich, daß der Mensch »nicht dazu bestimmt ist,

_einzelne_ sittliche _Handlungen_ zu verrichten, sondern ein sittliches

Wesen zu sein«, wie Schiller es in dem bekannten Doppelvers ausgedrückt

hat:

»Adel ist auch in der sittlichen Welt. Gemeine Naturen

Zahlen mit dem, was sie _tun_, edle mit dem, was sie _sind_.«

Eine solche Seele weiß auch gar nicht um ihre eigene Schönheit: »mit

einer Leichtigkeit, als wenn bloß der Instinkt (!) aus ihr handelte« --

freilich wieder ein gefährlicher Vergleich --, »übt sie der Menschheit

peinlichste Pflichten aus«. Die Sinnlichkeit sieht jetzt nicht mehr

am Vernunftgesetz schwindelnd empor, sondern der Gesetzgeber selbst,

nämlich der »Gott in uns«, hat sich zum Sinnlichen herabgeneigt und

sieht sich befriedigt durch »die Übereinstimmung des Zufälligen der

Natur mit dem Notwendigen der Vernunft«. Das in dem aus Lust und Unlust

gemischten Gefühl der _Achtung_ angespannte Gemüt kommt zur Auflösung,

Ruhe und Harmonie in dem ungemischten Gefühl der _Liebe_.

Soweit die philosophische Erörterung in »Anmut und Würde«. Es würden

sich dazu selbstverständlich noch zahlreiche Parallelstellen aus

anderen Abhandlungen, namentlich aus den Briefen über ästhetische

Erziehung, die ja gerade diesen ästhetischen Zustand zum pädagogischen

Endziel machen, sowie aus den Bruchstücken der Vorlesungen über

Ästhetik, aus den Gedichten und den Briefen beibringen lassen. Unter

den letzteren möchten wir den Leser besonders auf zwei hinweisen.

Einmal auf den schon in anderem Zusammenhang erwähnten vierzehn

Seiten langen Brief an Körner vom 18. Februar 1793, wo unter anderem

in Anknüpfung an eine der Geschichte vom barmherzigen Samariter

verwandte Erzählung der Unterschied einer gutherzigen, nützlichen,

rein moralischen, großmütigen und sittlich-schönen Handlung beleuchtet

wird. Und auf den zehn Tage später an denselben Freund gerichteten

Brief, der ein wundervolles Gleichnis, das wir ähnlich auch in

Vischers »Auch einer« gefunden zu haben uns erinnern, zu unserem Thema

bringt. Einen Vogel im Fluge nennt dort der Dichter »die glücklichste

Darstellung des durch die _Form_ bezwungenen _Stoffes_, der durch die

Kraft überwundenen _Schwere_«. Die Schwerkraft verhalte sich nämlich

»ungefähr ebenso gegen die lebendige Kraft des Vogels, wie sich bei

reinen Willensbestimmungen die Neigung zu der gesetzgebenden Vernunft

verhält«. Der Adler also, der durch den reinen Äther, die Wolken unter

sich (bei Vischer: ~nunc pluat~, jetzt möge es regnen!) der Sonne

zuschwebt, ist an sich das Symbol des Erhabenen, und Flügel werden als

»Symbol der Freiheit« gebraucht. Er stellt aber zugleich auch den Sieg

der _reinen Schönheit_ dar, denn »Schönheit nehmen wir überall wahr, wo

die Masse von der Form und ... von den lebendigen Kräften ... völlig

beherrscht wird«.

Dem entspricht dann genau, um von anderen Gedichten zu schweigen, die

vielleicht durch jenes Kantische Gleichnis von Herakles als »Musaget«

(Führer der Musen) im Olymp angeregte herrliche Schlußstrophe der Krone

von Schillers Gedankenlyrik »Das Ideal und das Leben«, welche die

»Himmelfahrt« des von seinen Erdenleiden erlösten Herakles und seine

Begrüßung durch Hebe, die Göttin der ewigen Jugend, schildert:

»Bis der Gott, des Irdischen entkleidet,

Flammend sich von Menschen scheidet

Und des Äthers leichte Lüfte trinkt.

Froh des neuen, ungewohnten Schwebens

Fließt er aufwärts, und des Erdenlebens

Schweres Traumbild sinkt -- und sinkt -- und sinkt.

Des Olympus Harmonien empfangen

Den Verklärten in Kronions Saal,

Und die Göttin mit den Rosenwangen

Reicht ihm lächelnd den Pokal.«

4. Stellung zu Griechentum und Christentum und zur Religion überhaupt

Mit Gedankengängen wie dem letzten befinden wir uns ganz im Banne

griechischer, genauer allerdings _neu_hellenischer Anschauungen, wie

sie der Humanitätsstandpunkt unserer Klassiker: Lessing und Herder,

Schiller und Goethe, wenn auch bei den einzelnen in verschiedenem Maße

und verschiedener Färbung, enthält. Wie sollen wir Heutigen uns dazu

stellen?

Gewiß, auch das Sittliche darf den Menschen nicht von seiner

natürlichen Grundlage lösen wollen. Weltflüchtiges, sinnen-

und schönheitsfeindliches Mönchtum, sei es buddhistisches oder

christliches, das in allem Sinnlichen nur Sünde sieht und daher einen

aufs schärfste zu bekämpfenden Feind in ihm erblickt, kann nicht das

Ideal eines mit Fleisch und Blut bekleideten Wesens sein, das eine

gleichmäßig harmonische Ausbildung _aller_ seiner Fähigkeiten erstrebt.

Noch nie ist, nach einem bekannten Spruche des römischen Dichters

Horaz, die Natur gewaltsam unterdrückt worden, ohne sich dafür zu

rächen. So gesehen, war es eine Art Akt geschichtlicher Notwendigkeit,

daß aus der Mönchszelle selbst Luther, der Befreier vom Mönchtum,

erstand. Die natürlichen Neigungen sind, auch nach dem Urteil eines so

strengen Ethikers wie Kant, an sich keineswegs etwas Böses; sie müssen

nur in die Bahn des Guten gelenkt werden, damit das Gefühl, das zur

wahren Freudigkeit des sittlichen Handelns unentbehrlich ist, um mit

Schiller zu sprechen, »eifrige Teilnehmerin an der reinen Sittlichkeit«

wird.

Trotz alledem vermögen wir, scheint mir, heute zu jenem hellenischen

Harmoniegefühl, jenem optimistischen Glauben an die Güte alles

Natürlichen, jener lebensfrohen Schönheitsreligion, wie sie das

Zeitalter des Perikles beseelte, dann nach zwei Jahrtausenden noch

einmal im lebensfrohen Geiste der Renaissance und des Humanismus zum

Ausdruck kam und auch noch in einzelnen philosophischen Nachzüglern des

achtzehnten Jahrhunderts, wie Shaftesbury, lebendig wurde, ebensowenig

zurückkehren wie zu der glücklichen Naivität unseres Kindesalters.

Und wenn selbst in dem schönheitsdurstigen Volke der alten Griechen

-- wobei wir von der Volks- und Mysterienreligion ganz absehen

wollen -- ein Xenophanes, ein Sokrates und vor allem, bei all seinem

Schönheitsgefühl, ein Plato zur reinen Geistigkeit hinstreben, so ging

es mit jenem naiven Sich-eins-fühlen von Natur und Sittlichkeit erst

recht zu Ende, seitdem das _Christentum_ mit seinem Sündenbewußtsein in

die Welt trat, das nun kaum mehr auszurotten ist.

Und hat es, auch von einem ganz undogmatischen und unkirchlichen

Standpunkt aus, der für uns selbstverständlich ist, wirklich so

unrecht damit? Wir verstehen dabei unter der »Sünde« freilich kein

mystisch-religiöses Gefühl, sondern den _Egoismus_, der nur den eigenen

Vorteil sucht, anstatt sich dem Ganzen hinzugeben, den Eigenwillen,

den »zu bändigen« Schiller selbst im »Kampf mit dem Drachen« als »der

Pflichten schwerste« bezeichnet hat. Trotzdem gibt er doch in einem

Brief an Goethe vom 9. Juli 1796, im Anschluß an seine Beurteilung

von dessen »Wilhelm Meister«, Goethe recht: »Die _gesunde_ und

_schöne Natur_ braucht keine _Moral_« und, wie er hinzusetzt, auch

keinen _Gott_ und keine _Unsterblichkeit_, die für die »_ästhetische

Geistesstimmung_« seines Erachtens »nie zu ernstlichen Angelegenheiten

und Bedürfnissen werden können«. Aber wo gibt es, fragen wir, solche

Naturen, die ohne inneren Kampf durch den bloßen Instinkt des Gefühls

in allen Fällen von selber das Richtige treffen? Sagt doch Schiller

selbst zu Anfang seines »Ideal und Leben«, daß die »Vermählung« von

»Sinnenglück« und »Seelenfrieden« nur dem olympischen Zeus gegeben

sei, während dem Menschen zwischen beiden »nur die bange Wahl« bleibe.

Und hat gerade er doch in seinen Dramen keine rein harmonische »schöne

Seele«, wie Goethe in seiner Iphigenie oder der Prinzessin im »Tasso«,

zu schaffen vermocht, sondern gerade in seinen hervorragendsten

Frauengestalten, wie Maria Stuart, Johanna, Thekla, die Erhebung

des »schönen« Charakters zu sittlicher Größe dargestellt. Die reine

Harmonie mag uns als schönes Ideal vorleuchten, fürs Leben taugt der

sittliche Kampf.

Schiller und noch stärker, wie wir gleich hinzufügen können,

Goethe stehen jedenfalls _mehr_ auf der Griechenseite und gegen

das Christentum. Daher auch ihre Unzufriedenheit mit dem von Kant

angenommenen »Hang zum radikalen Bösen in der Menschennatur«. Die

Griechen dagegen erscheinen ihm als Muster jener ungebrochenen Einheit

und Ganzheit des Menschenwesens: »Zugleich voll Form und voll Fülle,

zugleich philosophierend und bildend, zugleich zart und energisch,

sehen wir sie die Jugend der Phantasie mit der Männlichkeit der

Vernunft in einer herrlichen Menschheit vereinigen.«

Bei dieser Gelegenheit einige Bemerkungen über Schillers Verhältnis zur

_Religion_ überhaupt. Wir haben schon früher bemerkt, daß von einem mit

schweren inneren Kämpfen verbundenen schroffen Bruch mit den biblischen

Jugendanschauungen in des Dichters religiöser Entwicklung nichts zu

merken ist. Die Stellung des reifen Schiller zur Religion kennzeichnet

sich am kürzesten durch sein bekanntes Distichon, das »Mein Glaube«

überschrieben ist:

»Welche Religion ich bekenne? -- Keine von allen,

Die du mir nennst! -- Und warum keine? -- _Aus_ Religion!«

Daraus ergibt sich eine Ablehnung aller sogenannten »positiven«

Religionsbekenntnisse aus reinem, das »Göttliche« mit dem _Guten_

gleichsetzendem Religionsgefühl, stärker fast noch als bei Lessing

und Herder. Es ist daher auch unglaublich töricht, wie es zuweilen

geschieht, aus seiner »Jungfrau von Orleans« oder »Maria Stuart« --

im ersten Falle aus der sympathischen Charakterisierung der frommen

Titelheldin, im zweiten aus der schwärmerischen Schilderung des

katholischen Kultus durch den jungen Fanatiker Mortimer -- eine

»Verherrlichung« der römischen Kirche herauszulesen. Gerade so töricht,

nebenbei bemerkt, wie die der mittelalterlich-feudalen Anschauung des

Ritters Dunois entsprechende:

»Für seinen König muß das Volk sich opfern,

Das ist das Schicksal und Gesetz der Welt«

als Schillers persönliche politische Ansicht auszugeben.

Er stand seiner ganzen Bildung und Gesinnung nach hoch über

konfessionellen Gegensätzen und wußte daher beiden ihr historisches

und ästhetisches Recht zu geben, wobei in letzterem Falle der

englisch-schottische Kalvinismus natürlich ungünstig abschneiden mußte.

Bezeichnend für seine ablehnende Stellung zum kirchlichen Christentum

waren schon seine »Götter Griechenlands«, ist aus der späteren Zeit

sein Urteil über Kants Religionsschrift von 1792, die aus Rücksichten

auf die preußische Zensur in Jena gedruckt und von dem eifrig

interessierten Dichter schon vor Vollendung des Drucks eingesehen

wurde. Mit Kants freier, sinnbildlicher bezw. moralischer Auslegung

der christlichen Lehren von der Erlösung, vom Logos, von Himmel

und Hölle, vom Reiche Gottes erklärt er sich zwar einverstanden.

Aber radikaler als Kant und sein Freund Körner, hegt er Bedenken

gegen den pädagogischen Zweck, den der Philosoph in dieser Schrift

mit ihrer Anknüpfung der »Resultate des philosophischen Denkens an

die -- Kindervernunft (!)« verfolge: nämlich »das Vorhandene nicht

_wegzuwerfen_, solange noch ein Nutzen davon zu erwarten sei, sondern

es vielmehr zu _veredeln_«. Die sogenannten »Religionsverteidiger«

würden bei ihrer bekannten Beschaffenheit, wie er sich recht

sarkastisch äußert, seine »Unterstützung annehmen«, seine

»philosophischen Gründe aber wegwerfen«; so habe »Kant dann weiter

nichts getan, als das morsche Gebäude der Dummheit geflickt«. So scharf

stand Schiller der Orthodoxie gegenüber.

Auch über das Verhältnis der Religion zur Ethik äußert er sich zur

selben Zeit in der Abhandlung »Vom Erhabenen« ziemlich absprechend:

»Nur die _Religion_, nicht aber die _Moral_ stellt Beruhigungsgründe

für unsere Sinnlichkeit auf. Die Moral befolgt die Vorschrift der

Vernunft unerbittlich und ohne alle Rücksicht auf das Interesse unserer

Sinnlichkeit; die Religion aber ist es, die zwischen den Forderungen

der Vernunft und dem Anliegen der Sinnlichkeit eine Aussöhnung, eine

Übereinkunft zu stiften sucht.« Ebenso in einer aus 1794 stammenden

Äußerung zu einer Kritik seines auch von uns bereits (S. 102) berührten

Jugendgedichts »Resignation«: »So (d. h. sich in ihrer Rechnung

betrogen zu sehen) kann und soll es jeder Tugend und jeder Resignation

ergehen, die bloß deswegen ausgeübt wird, weil sie in einem anderen

Leben gute Zahlung erwartet. Unsere moralischen Pflichten binden uns

nicht kontraktmäßig, sondern unbedingt. Tugenden, die bloß gegen

Assignation an künftige Güter ausgeübt werden, taugen nichts. Die

Tugend hat _innere_ Notwendigkeit, auch wenn es kein anderes Leben

gäbe. Das Gedicht ist also nicht gegen die wahre Tugend, sondern nur

gegen _die_ Religionstugend gerichtet, welche mit dem Weltschöpfer

einen Akkord schließt und gute Handlungen auf Interessen ausleiht, und

diese interessierte Tugend verdient mit Recht jene strenge Abfertigung

des Genius.«

Entgegenkommender spricht sich ein Brief an Goethe vom 17. August

1795 im Anschluß an eine Besprechung der »Bekenntnisse einer schönen

Seele« in »Wilhelm Meister« aus: »Ich finde in der christlichen

Religion virtualiter die Anlage zu dem Höchsten und Edelsten, und

die verschiedenen Erscheinungen derselben im Leben scheinen mir bloß

deswegen so widrig und abgeschmackt, weil sie verfehlte Darstellungen

dieses Höchsten sind. Hält man sich an den eigentümlichen Charakterzug

des Christentums, der es von allen monotheistischen Religionen

unterscheidet, so liegt er in nichts anderem als in der Aufhebung

des Gesetzes oder des Kantischen Imperativs, an dessen Stelle das

Christentum eine freie Neigung gesetzt haben will. Es ist also

in seiner reinen Form Darstellung schöner Sittlichkeit oder der

Menschwerdung des Heiligen und in diesem Sinne die einzige ästhetische

Religion.« Worauf dann freilich die beißende Schlußbemerkung folgt:

»Daher ich es mir auch erkläre, warum diese Religion bei der

weiblichen Natur so viel Glück gemacht und nur in Weibern noch in einer

gewissen erträglichen Form angetroffen wird.«

5. Zusammenfassung und Ergebnisse

Doch kehren wir noch einmal zu unserm Hauptthema zurück: Genügt die

bloß _ästhetische_ Gemütsstimmung »schöner« Sittlichkeit wirklich zu

einer uns völlig befriedigenden Weltanschauung? Können Sittlichkeit

und Menschennatur in der Tat restlos ineinander aufgehen? Wir meinen:

Auf die Dauer _nein_!, und berufen uns dabei auf das Urteil aller

erfahrenen Menschenkenner, unter anderem auch auf das in Kants

»Anthropologie« zitierte eines so wenig christlich Denkenden wie

Friedrich der Große »von der verfluchten Rasse, der wir angehören«.

Der Riß zwischen Sein und Sollen, Wirklichkeit und Ideal besteht nun

einmal, so gewiß wie das Schlechte, andere sagen: die Schwachheit

der menschlichen Natur. Und solange das Böse nicht ausstirbt, darf

auch der Kampf dagegen nicht aufhören, ist immer neue Erhebung,

tägliche »Wiedergeburt« des Guten in uns notwendig. Mögen wir uns

zeitweise in jenen Zustand vermählter Natur (»Sinnenglück«) und

Sittlichkeit (»Seelenfrieden«) versetzen können: er hält nicht

dauernd stand vor den tausend Widerwärtigkeiten des Lebens. In

Lagen, wo wir die moralische Feuerprobe bestehen müssen, reicht das

Natürliche, auch in seiner veredelten Gestalt als Sittlich-Schönes

nicht aus; das Sittlich-Erhabene muß hinzutreten, uns emporziehen in

die unbezwingliche Burg unseres besseren Selbst. Schönheit ist, im

Körperlichen wie im Seelischen, allzu häufig nicht gepaart mit Stärke.

Lassen sich ferner mit schöner Sittlichkeit, mit den edlen Neigungen

des Mitleids (Schopenhauer) und der Sympathie (Shaftesbury) allein die

großen _öffentlichen_ Aufgaben in _Staat_ und Gesellschaft lösen? Nein.

Der reine »Ästhet« neigt zur ruhigen Betrachtung der Dinge anstatt

zur Tat, zu beschaulichem Selbstgenuß statt des Wirkens für andere,

trägt daher einen ausgesprochen geistesaristokratischen, dagegen

unpolitischen und unsozialen Charakter. Doch wir werden auf Schillers

Verhältnis zum _Staat_ noch besonders zu sprechen kommen. Jedenfalls

fordert das Sittengesetz der Pflicht andere Taten von uns als das

Schwelgen in Gefühlen. Das Ideal der Pflanze, das der lyrischen, am

liebsten in sich selbst ruhenden Natur Herders so zusagte, eignet sich

nicht zum Vorbild für den Menschen, der nicht zum Vegetieren, sondern

zum Handeln geboren ist. Schiller, der in Kants Schule gegangen war,

setzt darum in seinem Distichon »Das Höchste« bezeichnenderweise ein

»wollend« hinzu; denn er wußte, daß im Gegensatz zur »ganzen Natur«

der Mensch »das Wesen ist, welches _will_«. Auch die Tatsache, daß er

in »Anmut und Würde«, übrigens auch darin Kant folgend, _Anmut_ als

besonderen Ausdruck der _weiblichen_ Tugend darstellt, die sich nach

seiner Meinung »selten zu der höchsten Idee sittlicher Reinheit erhebt

und es selten weiter als zu affektierten (gefühlsmäßigen) Handlungen

bringt«, beweist, daß sie dem Dichter nicht als Kennzeichen des

vollen Menschen gilt, wie andererseits freilich auch nicht allein die

»_Würde_« des _Mannes_.

Mit einem Worte: Erhabene und schöne Sittlichkeit besitzen _beide_

ihren eigenen Wert. Keine Harmonie ohne voraufgegangenen Kampf, aber

das Ziel des Kampfes Harmonie! Will dagegen ein jedes von beiden für

sich allein alles bedeuten, so wird es notwendig einseitig, wie das die

großen geschichtlichen Erscheinungen gezeigt haben. Der christliche

Dualismus traut der menschlichen Natur zu wenig zu und ist deshalb oft

sinnen-, ja menschenfeindlich geworden. Selbst ein Luther, der doch

ein neues, weltförmiges Christentum stiften wollte, verzweifelt an der

eigenen Vernunft und Kraft. Das alte Griechentum dagegen und seine

Wiedergeburt in der Zeit der Renaissance des fünfzehnten Jahrhunderts

und wiederum in der Zeit unserer klassischen Dichtung traut ihr zuviel

zu, wenn es allen Halt und Maßstab in das souveräne Belieben des

Einzelmenschen verlegt. Was soll nun unser sittliches Zukunftsideal

sein? Um es einmal mit F. A. Lange in religiös-ästhetischem Bilde

auszudrücken: erhabene Domeshallen mit himmelanstrebenden Türmen

oder die klassisch-schönen Säulenordnungen hellenischer Tempel? Ich

denke, viele von uns werden doch mit dem Sozialisten Lange neben jenem

heiteren Tempel der Freude wenigstens eine »gotische Kapelle« für

»bekümmerte Gemüter« schon im Hinblick auf das soziale Elend nicht

entbehren wollen. Die moderne Ethik sollte meines Erachtens beide

Elemente, das antike Harmoniegefühl und den sittlichen Idealismus der

Tat, der sich umsetzt in kräftiges politisch-soziales Handeln, in sich

aufzunehmen und womöglich zu einer höheren Einheit zu verbinden suchen.

6. Die Grundzüge von Schillers Ästhetik[17]

In dem Grundstandpunkt, daß das künstlerische Schaffen und Genießen

eine besondere, von denen der Wissenschaft und Sittlichkeit

grundsätzlich geschiedene Provinz des menschlichen Geistes darstellt,

sahen wir unseren Dichter-Philosophen dem Verfasser der »Kritik der

Urteilskraft« folgen. Desgleichen teilt er mit ihm die Ansicht, daß

das künstlerische Erleben eine Bewegung des Gefühls darstellt und die

Lust am Schönen weder durch logische Begriffe vermittelt noch durch

sittliche Gebote beeinflußt ist.

Aber er sucht, über Kant hinausgehend, einen _objektiven_ Maßstab

der Schönheit festzustellen und glaubt ihn in einem langen Schreiben

an Körner vom 18. Februar 1793, das er zu einer besonderen Schrift

»Kallias« auszuarbeiten gedachte, in dem Satze: »Schönheit ist Freiheit

in der Erscheinung« gefunden zu haben. Dieser an und für sich etwas

dunkle Satz soll besagen: Im ästhetischen Urteil erscheint uns die

ganze Natur, einschließlich des Menschen, als die Darstellung von

freien, ihr eigenes Leben und Gesetz erfüllenden Wesen.

Den Ausdruck dieses eigentümlichen Wesens einer jeden Person, eines

jeden Dinges nennt Schiller, vielleicht durch Aristoteles und seine

modernen Nachfolger, vielleicht auch schon durch Fichte beeinflußt,

dessen _Form_. Schon auf dem theoretischen und dem ethischen Gebiet

des Kritizismus spielt die Form eine sehr bedeutsame Rolle, wie ich in

meiner Doktor-Dissertation[18] nachgewiesen habe. Schiller überträgt

das nun auch auf das ästhetische Gebiet.

Er unterscheidet drei Begriffe: die gestaltende Form, den zu

gestaltenden Stoff und den schaffenden Künstler. Künstlerisch arbeiten

heißt eben: dem Stoffe Form geben, den Stoff durch die Form vertilgen,

wie es in der neunten Strophe von »Ideal und Leben« von den »heiteren

Regionen, wo die neuen Formen wohnen«, beschrieben wird:

»Aber dringt bis in der Schönheit Sphäre,

Und im Staube bleibt die Schwere

Mit dem _Stoff_, den sie beherrscht, zurück.

Nicht der Masse qualvoll abgerungen,

Schlank und leicht, wie aus dem Nichts gesprungen

Steht das Bild vor dem entzückten Blick.

Alle Zweifel, alle Kämpfe schweigen

In des Sieges hoher Sicherheit,

Ausgestoßen hat es jeden Zeugen

Menschlicher Bedürftigkeit.«

Die Philosophie unserer Klassiker: Lessing, Herder, Schiller, Goethe · 第 11 / 17 段