Mitarbeit an den »Horen« an Goethe und -- Kant nebst einem dankbar
bescheidenen Begleitschreiben an den letzteren, der freilich erst am 1.
März des folgenden Jahres mit nicht allzu großem Verständnis seinem
berühmtesten Jünger erwidert hat. Wieder läßt dieser im Sommer 1794
eine Zeitlang »alle Arbeiten liegen, um den Kant zu studieren«. Er
steht jetzt auf dem Höhepunkt seiner _Abwendung_ von der _Poesie_, so
daß ihm sogar vor der Arbeit am eigenen Entwurf zu seinem »Wallenstein«
graut (!), »denn ich glaube mit jedem Tage mehr zu finden, daß ich
eigentlich nichts weniger vorstellen kann als einen Dichter (!)« --
eine seltsame, aber für diese Zeit bezeichnende Selbsttäuschung --,
»und daß höchstens da, wo ich philosophieren will, der poetische Geist
mich überrascht«! Er habe »im Poetischen seit drei oder vier Jahren« --
also genau seit seiner Wendung zur kritischen Philosophie! -- »einen
völlig neuen Menschen angezogen«. Vor allem aber gibt er in einem
bedeutsamen Briefe vom 28. Oktober dieses Jahres dem neugewonnenen
Freunde _Goethe_ gegenüber seinem »_Kantischen Glauben_« einen so
lebendigen Ausdruck, daß wir seine Sätze wörtlich hierhersetzen müssen:
»Die Kantische Philosophie übt in den Hauptpunkten selbst keine Duldung
aus und trägt einen viel zu rigoristischen (strengen) Charakter, als
daß eine Akkomodation (Anpassung) mit ihr möglich wäre. Aber dies
macht ihr in meinen Augen Ehre, denn es beweist, wie wenig sie die
Willkür vertragen kann. Eine solche Philosophie will daher auch nicht
mit bloßem Kopfschütteln abgefertigt sein. Im offenen, hellen und
zugänglichen Felde der Untersuchung erbaut sie ihr System, sucht nie
den Schatten und reserviert dem Privatgefühl nichts, aber so, wie sie
ihre Nachbarn behandelt, will sie wieder behandelt sein, und es ist
zu verzeihen, wenn sie nichts als Beweisgründe achtet. Es erschreckt
mich gar nicht zu denken, daß das Gesetz der Veränderung, vor welchem
kein menschliches und kein göttliches Werk Gnade findet, auch die
Form dieser Philosophie sowie jede andere zerstören wird; aber die
Fundamente derselben werden dies Schicksal nicht zu fürchten haben,
denn so alt das Menschengeschlecht ist und solange es eine Vernunft
gibt, hat man sie stillschweigend anerkannt und im ganzen danach
gehandelt.«
Im Jahre 1795 endlich erscheint die philosophische Hauptschrift
Schillers, seine »_Briefe über die ästhetische Erziehung des
Menschen_«, die Goethe »wie einen köstlichen, seiner Natur analogen
Trank« hinunterschlürfte, und die gleichzeitig auch Kant »vortrefflich«
fand. Lagen ihnen doch nach Schillers eigenem Bekenntnis »größtenteils
Kantische Grundsätze« zugrunde. Wie denn überhaupt »über diejenigen
Ideen, welche in dem praktischen Teil des Kantischen Systems die
herrschenden sind, nur die Philosophen entzweit, die Menschen von
jeher einig gewesen« seien. Schade, daß der einundsiebzigjährige Kant
nicht mehr zu der von ihm geplanten Besprechung der Ȁsthetischen
Briefe« gekommen ist, zu der er sich schon Notizen gemacht hatte,
die ich zuerst in dem Nachlaßwerk des großen Königsbergers entdeckt
habe (vergl. »Kant -- Schiller -- Goethe«, S. 36, Anmerkung). Wie
sehr übrigens damals Kants Philosophie in alle möglichen Kreise
eingedrungen war, davon gibt der Schillersche Briefwechsel dieser Zeit
zwei hübsche Belege. Nach einer Mitteilung Goethes wurden Kantische
Ideen von Künstlern in allegorischen Bildern dargestellt. Und Schillers
»Ästhetische Briefe« wurden zusammen mit Kants und Reinholds Schriften
von einem Zirkel -- preußischer Husarenoffiziere, die am Rhein gegen
die Franzosen zu Felde lagen, eifrig studiert, demselben Kreise, in dem
später auch Schillers prächtiges Reiterlied aus »Wallensteins Lager«
»mit Enthusiasmus gesungen« wurde.
Neben dem umgearbeiteten Aufsatz »Über das Erhabene« (S. 110) erschien
dann Ende 1795 und Anfang 1796 in den »Horen« als letzte ästhetische
Abhandlung Schillers die »_Über naive und sentimentalische Dichtung_«,
die für ihn eine »Brücke« zu der über dem Philosophieren der letzten
Jahre gänzlich zurückgetretenen »poetischen Produktion« darstellen
sollte. Diese regt sich nun endlich wieder, und zwar, gewissermaßen zum
Abschied von seiner philosophischen Epoche, in jenen _philosophischen
Gedichten_, die eine Vereinigung von tiefstem Gedankengehalt mit
schwungvoller, formvollendeter Sprache darstellen, wie sie seit
Platos Tagen nicht dagewesen war und vielleicht nur von Nietzsche,
wenigstens was die formale Seite betrifft, wieder erreicht worden
ist. Philosophische Lektüre und Erörterungen über sie, namentlich mit
dem neugewonnenen Freunde Goethe, der jetzt immer mehr an die Stelle
Körners tritt, kommen zwar auch in Zukunft noch vor, sind aber nicht
mehr das Ausschlaggebende. An den _Grundgedanken_ der kritischen
Philosophie hat er auch in diesem seinem letzten Lebensjahrzehnt,
sowohl gegenüber den älteren Gegnern Kants (Herder und seinem Kreis)
als auch den neuesten, über ihn hinausgewachsen sich dünkenden (Fichte,
Schelling, der Romantik überhaupt) festgehalten. Wir wenden uns nun
einer zusammenhängenden systematischen Betrachtung von Schillers
Philosophie zu, soweit eine solche möglich ist.
~D.~ Schillers Philosophie in der Reifezeit
1. Methodisches. Theoretische Philosophie
Die erste Aufgabe der Philosophie muß eine _methodische_ sein:
reinliche Scheidung der drei Gedankenwelten, die dem Erkennen, dem
Wollen und der schaffenden Phantasie in unserer Seele entsprechen
und seit Platos Zeiten unter den populären Namen des Wahren, Guten
und Schönen jedem von uns bekannt sind; mit anderen Worten: der
_Wissenschaft_, _Sittlichkeit_ und _Kunst_. Dieser von Kant an den
Anfang aller philosophischen Arbeit gestellten methodischen Scheidung
stimmt auch Schiller sogleich in seiner ersten ästhetischen Abhandlung
»Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen« zu. Auch
er will die Kunst von ihren »ernsteren Schwestern« unterscheiden: der
durch den Verstand geleiteten Wissenschaft, der durch die Vernunft
geleiteten Sittlichkeit. Ebenso hat er von Kant gelernt, daß der
»Transzendental«-, also der kritische Philosoph »sich keineswegs dafür
ausgibt, die Möglichkeit der Dinge selbst zu erklären, sondern sich
damit begnügt, die Kenntnisse festzusetzen, aus welchen die Möglichkeit
der Erfahrung begriffen wird« (19. ästhetischer Brief). Er hat ferner
den idealistischen Kern von Kants Philosophieren wohl erfaßt, wenn
er dessen ganze theoretische Philosophie in den Satz zusammenfaßt:
»Die Natur steht unter dem Verstandesgesetz«, demnach weiß, daß die
sogenannten Naturgesetze von unserem Verstand selbst gefunden und
»gemacht« werden. Und er hat in seiner ersten großen und folgenreichen
philosophischen Unterredung mit Goethe, die wir bei diesem noch näher
kennenlernen werden, auch den grundlegenden Unterschied zwischen
Erfahrung und Idee in seiner ganzen Tiefe begriffen.
So hat sich Schiller auch _theoretisch_ auf den Boden der kritischen
Philosophie gestellt. Allein für die genauere Aus- und Durchbildung
dieser allgemeinen Grundgedanken, für die Philosophie der
_Wissenschaft_ hat er sich, wohl schon infolge seiner Dichternatur,
weniger interessiert. Stand er doch namentlich den sichersten und
exaktesten Wissenschaften, die in Kants System eine so große Rolle
spielen, der Mathematik und der mathematischen Naturwissenschaft,
ziemlich fremd gegenüber. Kants Philosophie ist ihm vielmehr in erster
Linie »geläuterte _Lebens_philosophie« gewesen. Er würde daher wohl
auch den bekannten Satz Fichtes unterschrieben haben: »Was für eine
Philosophie man wähle, hängt davon ab, was für ein _Mensch_ man ist.«
Jedenfalls ist sein stoffliches Interesse in der Philosophie in erster
Linie auf deren praktischen Teil, d. h. auf die _Ethik_ und _Ästhetik_
gerichtet; daneben werden wir seine _politisch_-philosophischen
Gedanken und seine, freilich stark in den Hintergrund tretende,
_Religions_philosophie zu betrachten haben.
2. Die Ethik
Die Ethik oder wissenschaftliche Lehre der Sittlichkeit hat sich
allezeit vor ihrer Vermischung mit dem _Gefühl_ zu hüten gehabt. So eng
auch jedes sittliche Wollen mit einem Gefühl, sei es der Kraft oder
der Freiheit, sei es der Lust oder auch der Unlust, verbunden ist: es
darf nicht davon abhängig sein. Gewiß, ohne die Wärme und Weichheit des
Gefühls erscheint der Wille, und gerade der reinste und energischste
am meisten, hart und kalt; man spricht dann von einem eisernen oder
rauhen Willen, von starren, kalten, nüchternen Grundsätzen. Ebenso
wie man von bitteren oder grausamen Wahrheiten redet, wenn sie
langgehegte Lieblingsträume zerstören. Und so drängt sich denn echt
menschlich das _Lust_gefühl -- am verlockendsten in seinen feinsten
Gestalten, den geistigen Freuden und religiösen Gefühlen -- an das
reine, sittliche Wollen mit einer fast unwiderstehlichen Macht heran,
sucht ihm die Reinheit und Selbständigkeit zu rauben, die als etwas
Eingebildetes, Hohles, Unwirkliches hingestellt wird, das sich der
lebendigen Wirklichkeit der Gefühle beugen müsse. Oder auch es zu
überbieten, zur moralischen oder religiösen Schwärmerei zu übertreiben,
der auch der Schlaffste zuweilen gern sich hingibt, um nur, wie Lessing
seinen Nathan sagen ließ, »gut handeln nicht zu dürfen«. Diesem
Andringen des Gefühls und damit der Gefährlichkeit einer bloßen Lust-
oder Glückslehre gegenüber, die schließlich von den individuellen
und beliebigen Gefühlen jedes einzelnen abhängt, muß die Ethik ihre
Selbständigkeit zu wahren bestrebt sein, auf die Gefahr hin, als
»rigoristisch«, d. h. überstreng verschrien zu werden.
Das ist denn auch der Kantischen Ethik, welche diese Züge trägt,
bis zum heutigen Tage oft genug, ja meist begegnet. Und es heißt
gewöhnlich, das philosophische Verdienst _Schillers_ bestehe darin,
den schroffen, sittlichen »Rigorismus« Kants »ästhetisch gemildert«
zu haben. Wir sind anderer Meinung, und wir können uns auch nicht der
Ansicht Kuno Fischers (allerdings nur in der _ersten_ Auflage seines
»Schiller als Philosoph«) anschließen, daß unser Dichter-Philosoph den
ästhetischen Gesichtspunkt anfangs _unter_, dann _neben_, zuletzt aber
_über_ den moralischen gestellt habe. Er hat vielmehr nicht bloß in
den ersten Zeiten seiner Kantbegeisterung, sondern auch später Kants
ethischen »Rigorismus« in dem von uns bezeichneten _methodischen_ Sinne
durchaus gebilligt.
So behauptet er dem anders gearteten Goethe gegenüber in seinem großen
Bekenntnisbrief vom 28. Oktober 1794, daß der »rigoristische« Charakter
der kritischen Philosophie ihr in seinen Augen gerade Ehre mache.
Und dem Gefühlsphilosophen Schlosser, Goethes Schwager, der Kants
strenge Methode angegriffen hatte, liest er in einem Briefe an Goethe
vom 9. Februar 1798 gründlich genug den Text. Es sei unverzeihlich,
»daß ein Schriftsteller, der auf eine gewisse Ehre hält, auf einem
so reinlichen Feld«, wie es das philosophische durch Kant geworden
sei, »so unphilosophisch und unreinlich sich betragen darf«. Er und
Goethe wüßten doch auch, daß der Mensch auf der höchsten Stufe seiner
seelischen Tätigkeit selbst als ein »verbundenes Ganze« handle; darum
würde es ihnen aber doch niemals einfallen, dem Zergliedern und
Unterscheiden, »worauf alles Forschen beruht«, in der Philosophie den
Krieg zu machen, wie ja auch der Chemiker die Synthesen der Natur
absichtlich und künstlich aufhebe. Aber »diese Herren Schlosser« wollen
sich auch durch die Metaphysik hindurch »riechen und fühlen«, wollen
»das Physische vergeistigen und das Geistige vermenschlichen«. Und bald
darauf, am 2. März, wird auch die Anwendung auf Ethik und Ästhetik
gemacht. Es sei bemerkenswert, daß »die Schlaffheit über ästhetische
Dinge immer sich mit der moralischen Schlaffheit verbunden zeigt«, und
daß umgekehrt »das reine Streben nach dem hohen Schönen«, also reine
und strenge Ästhetik, bei aller Duldsamkeit gegen die menschliche
Natur, dennoch »den Rigorismus im Moralischen, mithin reine und strenge
Ethik« mit sich führen werde.
Die Entgegensetzung von Sinnlichkeit und Sittlichkeit, das »Heroische«
(Kühnemann), lag ja eigentlich von Anbeginn in Schillers Natur. Schon
die Schulrede des Neunzehnjährigen hatte den stoischen Gedanken
vertreten, daß das Sittliche im Kampfe sich am besten bewähre. Wir
erinnern ferner an die Gedichte »Kampf« und »Resignation« (S. 102).
Auch in seinen ästhetischen Abhandlungen tritt sie von Anfang an
hervor. Gleich in der ersten vom Januar 1792 finden sich Gedanken wie:
Das Prinzip der Sittlichkeit erfordert eine von jeder Naturkraft,
also auch von moralischen Trieben unabhängige Vernunft; das sittliche
Verdienst nimmt in umgekehrtem Grade ab, wie Lust und Neigung zunehmen;
das höchste moralische Vergnügen wird jederzeit von Schmerz begleitet
sein. Ebendeshalb seine Vorliebe für die Tragödie! Aber die gleiche
methodische Anschauung bleibt auch späterhin herrschend. Wir verweisen
auf die zahlreichen Belegstellen in unserem »Kant -- Schiller --
Goethe« und heben hier nur die wichtigsten hervor.
In dem noch nicht von uns erwähnten Aufsatz »_Über die notwendigen
Grenzen beim Gebrauch schöner Formen_« erklärt er, daß die moralische
Bestimmung des Menschen »völlige Unabhängigkeit des Willens von allem
Einfluß sinnlicher Antriebe erfordere«, während die, noch heute von so
vielen Über-Modernen verkündete, _ästhetische_ Moral die »große Gefahr«
in sich berge, daß der Ernst der moralischen Gesetzgebung sich nach
dem Interesse der Einbildungskraft richte und so -- ein Kantischer
Ausdruck! -- »die Sittlichkeit in ihren Quellen vergiftet« werde. Die
Sinnlichkeit wird als der »natürliche innere Feind aller Moralität«
bezeichnet (»Über den moralischen Nutzen ästhetischer Sitten«), vor
dem wir uns in die heilige Freiheit der Geister (»Über das Erhabene«)
in die unbezwingliche Burg unserer moralischen Freiheit (Ȇber das
Pathetische«), in den heiteren Horizont der sittlichen Ideen (»Über die
tragische Kunst«), in die Freiheit der Gedanken (»Ideal und Leben«)
flüchten müssen. Ja, der letzte (24.) der »Briefe über die ästhetische
Erziehung des Menschen«, die doch gewiß den ästhetischen Gesichtspunkt
so hoch wie möglich stellen, bezeichnet ausdrücklich »alle ...
Glückseligkeitssysteme, sie mögen den heutigen Tag oder das ganze
Leben oder, was sie um nichts ehrwürdiger macht, die _ganze Ewigkeit_
zu ihrem Gegenstand haben«, als »bloß« einem »Ideal der _Begierde_«
entsprungen, »mithin einer Forderung, die nur von einer ins Absolute
strebenden _Tierheit_ kann aufgeworfen werden«. Hier wird sogar Kants
»Rigorismus« von dem Dichter-Philosophen noch übertroffen!
Kurz, wir dürfen als das Ergebnis dieser Erörterungen über Schillers
Stellung zu Kants reiner Ethik seinen Satz aus »Anmut und Würde«
bezeichnen: »Über die Sache selbst kann nach den von Kant geführten
Beweisen unter denkenden Köpfen, die überzeugt sein wollen, kein
Streit mehr sein, und ich wüßte kaum, wie man nicht lieber sein ganzes
Menschensein aufgeben, als über diese Angelegenheit ein anderes
Resultat von der Vernunft erhalten wollte.«
Freilich, das ganze und volle Menschentum ist mehr als bloße Ethik.
»Die menschliche Natur«, sagt der Dichter in Schiller, »ist ein
verbundeneres Ganze in der Wirklichkeit, als es dem Philosophen, der
nur durch Trennen etwas vermag, erlaubt ist, sie erscheinen zu lassen.«
Die reine Ethik, das hat Schiller nirgends verhehlt, bedarf in ihrer
Anwendung auf den wirklichen, vollen Menschen einer _Ergänzung_ nach
der Seite des _Gefühls_. Diese Gefühlsergänzung kann auf zweierlei
Weise erfolgen: durch die _Ästhetik_ und durch die _Religion_. Die
letztere Lösung hat er nur angedeutet, die erstere dagegen, die seiner
Dichternatur zumeist am Herzen lag, in breiter Ausführung gegeben. Ihr
wenden wir uns zunächst zu.
3. Die ästhetische Ergänzung der Ethik: das Sittlich-Erhabene und das
Sittlich-Schöne
Wenn strenge methodische Scheidung der verschiedenen Richtungen
menschlichen Bewußtseins auch die erste Aufgabe einer Philosophie als
Wissenschaft ist, so darf es doch dabei nicht sein Bewenden haben.
Wenn und nachdem Selbständigkeit und Eigentümlichkeit der einzelnen
Gebiete durch ihre methodische Isolierung gesichert sind, können,
ja müssen nunmehr die Verbindungsbrücken geschlagen werden. Das
verbindende Element aber, das zunächst ferngehalten werden mußte,
damit sie, damit Wissenschaft, Sittlichkeit und Kunst ihre Reinheit
nicht verloren, ist das _Gefühl_. Ein Sittenwesen ohne Gefühl wäre ein
leerer Schemen ohne Fleisch von unserem Fleisch und Blut von unserem
Blut. Und mag es auch das Vorrecht des Dichters sein, diesen »Quell aus
verborgenen Tiefen« in seiner ganzen Allgewalt darzustellen, so ist es
doch nicht, wie Schiller einmal sagt, »die Dichtung beinahe allein,
welche die getrennten Kräfte der Seele wieder in Vereinigung bringt,
welche ... gleichsam den _ganzen Menschen_ in uns wiederherstellt«.
Die Philosophie hat vielmehr dasselbe Interesse daran. Ist doch
ohne das Gefühl keine Anwendung des durch die rein formale Methode
gefundenen obersten Sittengesetzes auf den wirklichen Menschen,
dies sinnlich-vernünftige Mischwesen, kurzum keine angewandte Ethik
möglich. Schon indem wir es als Triebfeder unseres Handelns denken,
wird notwendig ein Gefühl mitgedacht. Dadurch nun, daß die Sittlichkeit
gefühlt wird, tritt sie in den Bereich der _Ästhetik_. Die beiden
ästhetischen Grundbegriffe aber, wenigstens zu Kants und Schillers
Zeiten, waren das Erhabene und das Schöne.
Die Form, unter der das Sittliche unserem Gefühl _zunächst_ erscheint,
ist das
Sittlich-Erhabene
Mit Recht konnte Kant unserem Dichter an jener einzigen Stelle, wo er
ihn in seinen Schriften behandelt hat,[16] zurufen: daß das Gefühl des
Erhabenen unserer eigenen Bestimmung »uns mehr hinreiße als alles
Schöne«, und daß Herakles »erst nach bezwungenen Ungeheuern« in den
Olymp emporsteige, um hier Führer der Musen zu werden. Wem konnte
eine solche Lehre sympathischer sein als Schiller, dem »Prediger der
Freiheit«, wie Goethe ihn einmal, in bewußtem Gegensatz zu sich selber,
charakterisiert. Und wenn derselbe Goethe an anderer Stelle von dem
toten Freunde sagt: »Die Kantische Philosophie, die den Menschen so
hoch _erhebt_, indem sie ihn einzuengen scheint, hatte er mit Freuden
in sich aufgenommen«, so hatte er gerade dasjenige mit einem treffenden
Worte gekennzeichnet, was die Ähnlichkeit beider Persönlichkeiten, die
auch Körner auffiel, ausmacht, die auf ihrem vorzugsweise sittlichen
Charakter beruht. Daher auch Schillers Vorliebe für die _Tragödie_,
deren Begriff er ausdrücklich aus der Lust am moralisch Zweckmäßigen
abgeleitet und im Zusammenhang mit dem Erhabenen entwickelt hat.
Goethes Lieblingscharaktere (wir denken dabei etwa an Gretchen und
Klärchen, Egmont und Faust) handeln nach dem Affekt, sagt Gervinus
einmal, diejenigen Schillers (Verrina, Posa, Max Piccolomini) nach dem
kategorischen Imperativ der Pflicht.
Dieser Grundrichtung des _Dichters_ Schiller, im _Sittlichen_ den
würdigsten Stoff für die vollendete Kunstform zu suchen, entspricht
auch sein philosophisches Verhalten. Wie stark er gerade von Kants
Begriff des _Erhabenen_ gepackt wurde, beweist schon die äußere
Tatsache, daß die Mehrzahl seiner ästhetischen Aufsätze mit ihm, und
zwar vorzugsweise dem Sittlich-Erhabenen, sich beschäftigt. Die beiden
Abhandlungen über das Tragische, die beiden Vom und Über das Erhabene,
der größte Teil der »Zerstreuten Betrachtungen über verschiedene
ästhetische Gegenstände«, der zweite Teil von »Anmut und Würde«
gehören hierher: während der Entwicklung des Begriffs des _Schönen_
eigentlich nur die »Anmut« und die »Ästhetischen Briefe« dienen, die
hier nicht genannten Aufsätze aber beide Begriffe ungefähr gleich stark
berücksichtigen. Wir begnügen uns daher vorläufig mit diesen kurzen
Ausführungen, zumal da wir später noch einmal auf die Vereinigung
beider zurückzukommen haben.
Schon im Erhabenen liegt, wie widerspruchsvoll es im ersten Augenblick
auch klingen möge, das Schöne verborgen. Denn in das demütigende
Gefühl unserer Unterwerfung unter das Sittengesetz mischt sich bereits
ein Gefühl des Stolzes und der Lust darüber, daß wir selbst in unserem
eigenen Inneren die Idee dieses obersten Gesetzes unseres Handelns
erzeugt haben, daß wir somit unsere eigenen Gesetzgeber (»autonom«),
daß es unsere eigene Persönlichkeit, unser »besseres Selbst« ist,
dem wir nach Kant im »freien Selbstzwang« gehorchen. Jetzt steht das
Göttliche, d. i. das Gute, nicht mehr in feierlicher Majestät vor
unseren Augen, sondern es steigt hernieder von seinem Weltenthron in
die Tiefe unseres Herzens.
»Des Gesetzes strenge Fessel bindet
Nur den Sklavensinn, der es verschmäht,
Mit des Menschen Widerstand verschwindet
Auch des Gottes Majestät.«
Nunmehr werden Sittlichkeit und »Natur« einander vermählt, die Natur
ist sittlich geworden und das Sittliche erscheint als Natur: beide
zusammen machen erst den ganzen vollendeten Menschen aus. Das ist das
Ideal des
Sittlich-Schönen,
das zwar, wie wir an anderem Orte nachgewiesen haben, bei Kant nicht
völlig fehlte, aber erst von Schiller in seiner ganzen Herrlichkeit
uns vor Augen gestellt worden ist. Es erinnert an das altgriechische
»Schön-und-Gute«, aber die dort -- außer bei Plato -- und dann
wieder in der Renaissance hervortretende Vermischung beider ist
jetzt vermieden, die unbewußte Naivität vertieft durch das sittliche
Bewußtsein. Die Kultur soll uns -- ein von Kant übernommener Gedanke!
-- auf dem Wege der Vernunft und Freiheit zurückführen zur wahren und
echten Natur und Menschlichkeit: ein Gedanke, der übrigens in der
ganzen, von Rousseau durchtränkten Zeit liegt und dem wir ja auch bei
Herder begegneten.
Wie der Gegensatz, so lag auch das Streben nach einer _Harmonie_
zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit von Anfang an in Schillers
Natur. Wir haben es schon in seiner »Philosophie der Physiologie«, in
seinem Begriff der »Mittelkraft« kennengelernt. Und ebenso klingt es
aus zahlreichen Gedichten, dramatischen Stellen und Briefen wieder.
Von seinen philosophischen Abhandlungen behandelt »_Anmut und Würde_«
eben dieses Problem. Die sinnliche Natur des Menschen, heißt es hier,
ist seiner »reinen Geistesnatur« beigesellt nicht als Last, die er
abwerfen, oder als »grobe Hülle«, die er abstreifen soll -- wie es oft
genug mystische Verzückung oder mönchische Askese gefordert und zu
üben versucht hat --, sondern »um sie aufs innigste mit seinem höheren
Selbst zu vereinbaren«. An dieser Stelle glaubt er denn auch zum ersten
Male Kant _entgegen_treten zu müssen, dessen Moralphilosophie »die
Idee der Pflicht mit einer Härte vorgetragen habe, die alle Grazie
davon zurückschreckt und einen schwachen Verstand leicht versuchen
könnte, auf dem Wege einer finsteren und mönchischen Asketik die
moralische Vollkommenheit zu suchen«. Sicherlich würde eine solche
»Mißdeutung« dem »heiteren und freien Geist« des »großen Weltweisen«
unter allen »die empörendste« sein; indes habe doch er selbst durch die
»strenge und grelle Entgegensetzung« beider Prinzipien (_Pflicht_ und
_Lust_) einen »starken, obgleich bei seiner Absicht vielleicht kaum zu
vermeidenden Anlaß dazu gegeben«.