Schon als »Eleve« auf der von dem Württemberger Herzog gegründeten

»Karlsschule«, welche die Söhne seiner Beamten bekanntlich zwangsweise

besuchen mußten, hat der heranwachsende Knabe und Jüngling weit mehr

als unsere Primaner, mehr auch als vor ihm Lessing, Kant oder Herder,

von Philosophie erfahren. Wurde doch bereits der Vierzehnjährige mit

sechs Wochenstunden Logik, Metaphysik und Philosophie-Geschichte,

der Sechzehnjährige sogar mit nicht weniger als fünfzehn Stunden

Philosophie und Rhetorik geplagt! Trotzdem, ja vielleicht eben wegen

solcher Massenzufuhr philosophischen Stoffes trug dieser Unterricht,

selbst unter einem so anregenden Lehrer, wie ihn die Karlsschüler

zu Schillers Zeit in Professor Abel bekamen, noch dazu unter dem

herrschenden Zwangssystem, verhältnismäßig wenig Frucht. Die ersten

philosophischen Produkte des Neunzehn- bezw. Zwanzigjährigen sind

zwei dem rhetorisch begabten jungen Manne von dem alten Sünder von

Herzog »gnädigst auferlegte« _Lobreden_ zum Preise der Tugend »im

Tempel der Tugend«, d. h. zum Geburtstag der freilich leidlich

tugendhaft gewordenen herzoglichen Mätresse Franziska von Hohenheim.

Die eine betitelt sich: »Gehört allzuviel Güte, Leutseligkeit und

große Freigebigkeit im engsten Verstand zur Tugend?«, die zweite: »Die

Tugend, in ihren Folgen betrachtet.« Wir gehen am besten über diese

freilich schon von dem glänzenden Formtalent ebenso wie von der üppigen

Phantasie ihres Verfassers zeugenden rhetorischen Stilübungen mit

Schweigen hinweg.

Gedanklich höher stehen die beiden fast zur selben Zeit entstandenen

medizinischen Dissertationen, die der Zwanzigjährige als Probestück

seiner medizinischen Kenntnisse bei dem Abgang von der Akademie

einreichen mußte. Die erste, eine »_Philosophie der Physiologie_«,

die uns nur zu etwa einem Viertel (11 von 41 Paragraphen) erhalten

geblieben ist, enthält von wirklicher Physiologie ziemlich

wenig. Wurde doch auf der Akademie die Medizin fast ohne jedes

Demonstrationsmaterial betrieben. Es sind eben nur phantasievolle

Gedanken, die ein begabter Dilettant ohne den soliden Untergrund von

genauen Fachkenntnissen oder fester Methode entwickelt. Das Urteil

der Professoren tadelte an der Arbeit den »gefährlichen Hang zum

Besserwissen«, der sich in der verwegenen Sprache »auch gegen die

würdigsten Männer« äußere, den teils zu freien und schwulstigen, teils

zu blühenden und witzigen Stil, der den Sinn oft dunkel lasse; sie

wurde deshalb auch nicht zum Druck zugelassen und der Verfasser, um

»sein Feuer doch ein wenig zu dämpfen«, noch zu einem weiteren Jahr

Aufenthalt auf der Akademie verurteilt. Mehr Gnade fand im folgenden

Jahre (1780) die in allen Ausgaben der »Sämtlichen Werke« abgedruckte

Dissertation: »_Über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen

mit seiner geistigen._« Beide Abhandlungen betreffen im Grunde das

gleiche Thema: das Verhältnis zwischen Seele und Geist. In der ersten

glaubt er, bezeichnend für die Philosophie des reifen Schiller, in

dem von dem berühmtesten Physiologen der Zeit Albrecht v. Haller

angenommenen »Nervengeist« eine »Mittelkraft« zwischen Geist und

Materie, Seelischem und Sinnlichem gefunden zu haben. Die zweite kommt

dem Materialismus mehr entgegen.

Aber nicht in diesen Schülerarbeiten, auch nicht in der schulmäßigen

Beschäftigung mit dem deutschen Popularphilosophen Garve und dem

englischen Popularphilosophen Ferguson, die beide einen verdünnten

Aufguß von Shaftesburys Schönheitsphilosophie darstellten, fand die

Seele des jungen Philosophen ihren wahren Ausdruck. Wohl hat der

englische Philosoph der Schönheit und der Harmonie des Eindrucks auf

sein dichterisches Gemüt nicht ganz verfehlt. Aber weit mächtiger

war der Einfluß des die ganze junge Dichtergeneration jener Tage

befeuernden Jean Jacques _Rousseau_. In Rousseau fand nach seinem

eigenen Geständnis »die Indignation« seiner in der Tyrannei der

Karlsschule beständig verletzten »Menschenwürde Gehalt und Gestalt,

Erfüllung und Ziel«. Seiner Verherrlichung als eines »Riesen« gegenüber

den »Zwergen« seiner Splitterrichter, »denen nie Prometheus' Feuer

blies«, gilt eines seiner frühesten Gedichte. Und ein späteres, in die

Sammlung der »Werke« aufgenommenes begrüßt Rousseaus Grab als »Monument

von unserer Zeiten Schande«, als das Grab dessen, »der aus Christen

Menschen wirbt«. Rousseaus »Zurück zur Natur!« beim einzelnen und im

Staat gibt überhaupt Schillers ganzer Jugendzeit das Gepräge.

Insbesondere auch seinen ersten _Dramen_. Denn wie Lessing in seinem

»Nathan« noch einmal seine »alte Kanzel«, das Theater bestieg, so hat

der junge Schiller, wie die Überschrift seines bekannten Aufsatzes

zeigt, »die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet«. Gewiß, seine

»_Räuber_« sind noch stark von religiös-biblischen Gedanken durchsetzt:

wir brauchen nur an die erschütternde Schilderung des Jüngsten Gerichts

in der Szene zwischen Franz Moor und dem alten Daniel zu erinnern.

Und eben diesem Bösewicht Franz legt er mit Vorliebe materialistische

Gedankengänge in den Mund: einmal sogar eine Stelle aus seiner eigenen

Dissertation. Aber den Hauptton gibt doch Rousseaus Natur- und

Freiheitsbegeisterung an, Rousseaus, der ihn hingewiesen gegenüber dem

»tintenklecksenden Säkulum« auf Plutarchs »große Menschen«, Rousseaus,

dessen Opposition gegen die sogenannte Zivilisation sich in dem Munde

seines Karl Moor erweitert zu einer Art genialen Anarchismus: »Da

verrammeln sie die Natur mit abgeschmackten Konventionen ... Ich soll

meinen Leib pressen in eine Schnürbrust und meinen Willen schnüren in

Gesetze. Das _Gesetz_ hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug

geworden wäre. Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber

die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus.« Freilich, zum

Schluß des Dramas kommt sein Held zu einem anderen Ergebnis: »O über

mich Narren, der ich wähnte ..., die Gesetze durch Gesetzlosigkeit

aufrechtzuhalten«, und der jetzt einsieht, daß »zwei Menschen wie

ich den ganzen Bau der sittlichen Welt zugrunde richten würden«, der

sich sodann ganz folgerichtig der Justiz ausliefert, um sich aufs Rad

flechten zu lassen.

Aus den _Gedichten_ des ersten Jahrzehnts greifen wir drei zur

Kennzeichnung seiner weiteren philosophischen Entwicklung heraus.

Zunächst die beiden einander verwandten: »_Freigeisterei der

Leidenschaft_« (später gekürzt unter der Überschrift »Kampf«) und

»_Resignation_«: beide aus seinem leidenschaftlichen Verhältnis zu

Charlotte von Kalb entsprungen und beide nicht mit Unrecht in Franz

Mehrings »Schiller« (1905) zugleich als die einzigen wirklichen

Liebesgedichte Schillers bezeichnet (wenn man etwa von Theklas

»Der Eichwald brauset« absieht. K. V.); denn die überspannten Oden

an »Laura« können ebensowenig als solche zählen wie gelegentliche

spätere Albumverse an seine Frau und andere Damen. Beide Gedichte,

namentlich das zweite, zeigen eine Weltanschauung, die sich bereits

der Kantischen nähert, ohne daß er Kant schon näher kennt oder gar

nennt: die Kluft zwischen Pflicht und Sinnlichkeit. Im ersten bäumt

sich die Sinnlichkeit auf gegen die grausame Härte des Sittengesetzes;

im zweiten siegt das moralische Reich, freilich nur so, daß für den

entgangenen Genuß des Diesseits die Hoffnung auf einen Lohn im Jenseits

in Aussicht gestellt wird. Später sucht er die Versöhnung zwischen

beiden, die Überbrückung jener Kluft.

Schon das berühmte _Lied an die Freude_ (Ende 1788), im Kreise seiner

Dresdener Freunde gedichtet, zeigt ihn in ganz anderer Stimmung und

Weltauffassung. Die Freude ist es jetzt, welche die Menschen verbindet,

einander gleich macht, sie zur Güte und zu Gott, dem liebenden Vater

des Alls, erhebt, sie, die Urkraft und zugleich das Endziel der Natur.

»Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt!«, so klingt

es jetzt zu uns und dringt vertiefter noch in den freudevollen Tönen

von Beethovens unsterblicher Neunten -- vielleicht dem Schönsten, was

Musik je geschaffen hat -- in unsere Seele.

~B.~ Die Übergangszeit

(1787 bis 1790)

»Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein!« --

Schiller _war_ es gelungen: er hatte in Gottfried _Körner_ (dem Vater

Theodors) einen Freund fürs Leben gefunden. Man kann nicht leicht den

Einfluß überschätzen, den Körner während des Jahrzehnts 1784 bis 1794

auf die philosophische Entwicklung des jüngeren Freundes gewonnen

hat. Er spiegelt sich zunächst wider in den bis 1786 entstandenen

»_Philosophischen Briefen_« zwischen Julius (Schiller) und Raphael

(Körner).

Eingeschoben ist in sie ein wahrscheinlich schon aus Schillers

Stuttgarter Zeit herrührendes Stück: die »_Theosophie des Julius_«,

die sich in poetisch-gefühlsmäßigen Betrachtungen über das Universum

als Gedanke Gottes, über unser Verstehen der anderen Geister

durch Philosophie und Dichtung, über die Liebe als »allmächtigen

Magnet in der Geisterwelt«, als Quelle der Andacht und erhabensten

Tugend und über Aufopferung ergeht, um schließlich wieder zu der

Gleichung Gott-Universum-Natur zurückzukehren. Diese ganze Art zu

philosophieren wird von Julius-Schiller selbst später sehr gut dadurch

charakterisiert, daß er von ihr sagt: »Mein _Herz_ suchte sich eine

Philosophie, und die Phantasie unterschob ihre Träume. Die _wärmste_

war mir die wahre.«

Von dieser Gefühlsphilosophie hat ihn Raphael-Körner befreit. Ehe wir

das schildern, müssen wir jedoch eines neuen Momentes gedenken, das

gegen Ende der achtziger Jahre entscheidend in Schillers geistige

Entwicklung eingreift: des _Griechentums_. Er liest, wie er im August

1788 an Freund Körner schreibt, »fast nichts als Homer« (den er leider,

weil des Griechischen unkundig, nicht an der Quelle genießen kann)

und will in den nächsten zwei Jahren keine modernen Schriftsteller

mehr lesen, weil sie ihn nur »von sich selbst abführen«. Er bedarf

nach seinem Bekenntnis der Alten »im höchsten Grade«, um seinen

eigenen Geschmack zu reinigen, ihn von Spitzfindigkeit, Künstlichkeit

und Witzelei zur wahren Einfachheit, zur »Klassizität« zu führen.

Der poetisch-philosophische Ertrag dieser Zeit sind vor allem die

beiden großen Gedichte »_Die Götter Griechenlands_« (1788) und »_Die

Künstler_« (1789).

Das erste, das übrigens, abgesehen von seinen in der Tat großen Längen,

auch den Beifall des eben aus Italien zurückgekehrten Goethe bei seinem

ersten Zusammentreffen mit Schiller zu Rudolstadt fand, repräsentiert

zwar nicht eigentlich den antiken Geist selber; dafür ist es, um zwei

spätere Schillersche Begriffe zu brauchen, zu wenig »naiv«, zu sehr

»sentimentalisch« gedacht. Es ist ein Sehnsuchtslied, der Sehnsucht

nach Poesie und Natur, darum gegen die bloß »mechanische« Wissenschaft

gerichtet, die »knechtisch dem Gesetz der Schwere« dienende,

»entgötterte« Natur:

»Wo jetzt nur, wie unsere Weisen sagen,

Seelenlos ein Feuerball sich dreht,

Lenkte damals seinen goldnen Wagen

Helios in stiller Majestät.«

Und nicht minder wider -- das Christentum:

»Einen zu bereichern unter allen,

Mußte diese Götterwelt vergehn«,

der statt »finsteren Ernstes und traurigen Entsagens« einzig und allein

»das Schöne heilig war«.

In demselben Geiste, dem Schiller _fortan treu blieb_, sind »Die

Künstler« gehalten, welche die _Kunst_ an die höchste Stelle unter

allen geistigen Mächten setzen, höher selbst als Erkenntnis, Moral

und Religion. »Nur durch das Morgentor des Schönen drangst du in der

Erkenntnis Land«, mit dem mahnenden Schlußwort an die Künstler selbst:

»Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,

Bewahret sie!«

Die Kunst ist ihm nunmehr Anfang und letzte Vollendung der

Menschenbildung. Ja, sie kann dem damaligen Schiller selbst Ethik

und Religion ersetzen. »Kann man«, so schreibt im Einklang mit

solcher Anschauung der todkranke Friedrich Albert _Lange_, dieser

große Sozialist, »den christlichen Gedanken der Ergebung schöner auf

_philosophisch_ ausdrücken« als mit jenen prachtvollen Versen aus den

»Künstlern«:

»Mit dem Geschick in hoher Einigkeit,

Gelassen hingestützt auf Grazien und Musen,

Empfängt er das Geschoß, das ihn bedräut,

Mit freundlich dargebotnem Busen

Vom sanften Bogen der Notwendigkeit!«

Noch ein weiteres Moment endlich gehört in die Entwicklung Schillers zu

Ende der achtziger Jahre: das Studium der _Geschichte_, das er bisher

fast völlig verabsäumt hatte. »Täglich wird mir die Geschichte teurer,«

schreibt er am 15. April 1786 an Körner. »Ich wollte, daß ich zehn

Jahre hintereinander nichts als Geschichte studiert hätte. Ich glaube,

ich würde ein ganz anderer Kerl sein.« Aus diesen seinen eifrigen

historischen Studien sind dann seine »Geschichte des Dreißigjährigen

Krieges«, »Der Abfall der Niederlande« und einige kleinere Arbeiten

hervorgegangen. Trotzdem war die Geschichtschreibung nicht das Feld,

auf dem sein Geist glänzen konnte. Um Geschichts_forscher_ zu sein,

war er zu sehr Dichter und Philosoph. Seine historischen Dramen sind

vielmehr der eigentliche Spiegel seiner Geschichtsauffassung, wo es um

»der Menschheit große Gegenstände« geht, geworden.

Immerhin gaben seine geschichtlichen Arbeiten wenigstens den äußeren

Anlaß, ihn als _Professor_ nach Jena zu berufen. Am 26. und 27. Mai

des Revolutionsjahres 1789 eröffnete er dort sein Kolleg, dessen beide

ersten Vorlesungen unter dem Titel »_Was heißt und zu welchem Ende

studiert man Universalgeschichte?_« in Wielands »Teutschem Merkur«

erschienen. In der ersten entwarf er sein Vorlesungsprogramm: er wollte

nicht für »Brotgelehrte«, sondern für »philosophische Köpfe« lesen. Und

so hat er sich auch ferner als wahrer Professor der _Philosophie_ in

seinen Geschichtsvorlesungen bewährt.[14]

Körner, zu dem wir jetzt wieder zurückkehren, wollte darin Spuren

_kantischen_ Philosophierens spüren. Damit kommen wir zu unseres Helden

allmählicher Bekehrung zu Kant, die eben unter Körners vorherrschendem

Einfluß erfolgt ist, der ihm schon früh, aber anfangs »immer vergebens

von Kant vorgepredigt« hatte. K. L. _Reinhold_ zwar, der aus einem

Kloster entsprungene österreichische Barnabitermönch, der in Weimar

Wielands Schwiegersohn geworden war und soeben durch seine gut

geschriebenen »Briefe über Kantische Philosophie« Wesentliches zur

Verbreitung der neuen Lehre beigebracht hatte, hat ihn zuerst, als

er im August 1787 eine Woche bei ihm wohnte, zur Lektüre einiger

kleiner Aufsätze Kants in der Berliner Monatsschrift veranlaßt, unter

denen ihn namentlich die »Idee zu einer allgemeinen Geschichte in

weltbürgerlicher Absicht« befriedigte, so daß er Körner schrieb:

»Daß ich Kant noch lesen und vielleicht studieren werde, scheint mir

ziemlich ausgemacht.« Bis dahin hatte Schiller überhaupt, seiner

Dichternatur folgend, aus den »wenigen« philosophischen Schriften,

die er gelesen, sich »nur das genommen, was sich dichterisch fühlen

und behandeln läßt« (so an Körner am 15. April 1788). Aber der

spießbürgerlich-ängstliche Reinhold war ihm nicht sympathisch.

»Reinhold« -- so lautet eine Schillers Eigenart noch weit mehr als

diejenige Reinholds charakterisierende Bemerkung gegen Körner -- »wird

sich nie zu kühnen Tugenden oder Verbrechen, weder im Ideal noch in

der Wirklichkeit (!), erheben, und das ist schlimm.« So beruht denn

Schillers Wendung zur kritischen Philosophie weniger auf dem Einfluß

des begeisterten neuen Kantjüngers Reinhold, der damals erklärte, daß

Kant »nach hundert Jahren die Reputation (den Ruf) von Jesus Christus

haben« werde, als auf dem des kritischeren Körner.

Schon in dem ersten der »Philosophischen Briefe« hatte er seinen

Julius dem Raphael schreiben lassen: »Was hast Du aus mir gemacht,

Raphael? Was ist seit kurzem aus mir geworden! ... Ich _empfand_ und

war glücklich. Raphael hat mich _denken_ gelehrt, und ich bin auf dem

Wege, meine Erschaffung zu beweinen.« Wenn er ihn dann weiter klagen

läßt: »Du hast mir den Glauben gestohlen, der mir Frieden gab; Du hast

mich verachten gelehrt, wo ich anbetete«, so haben wir das letztere

schwerlich auf Körner und _Schiller_ zu beziehen.

Denn von schweren religiösen Kämpfen bei letzterem besitzen wir sonst

nirgends das geringste Zeugnis, weder in seinen Tausenden von Briefen

noch in seinen Werken. Aber das erstere wird zutreffen. Durch Körners

Einfluß war an die Stelle der bloßen Empfindung, die sein bisheriges

Philosophieren beherrschte, immer mehr das Denken getreten. Den

Abschluß der »Philosophischen Briefe« nun bildet ein letzter Brief

des Raphael, der _wirklich_ von Körner an Schiller am 4. April 1788

geschrieben worden ist und, noch ohne Kants Namen zu nennen, ganz in

dessen Sinne darauf hinweist, daß aller Philosophie eine anscheinend

»etwas trockene Untersuchung über die Natur der menschlichen

Erkenntnis« vorangehen müsse.

Schiller vermutet in seiner Antwort vom 15. April richtig, daß des

Freundes Wendung von den »demütigenden Grenzen des menschlichen

Wissens« eine »entfernte Drohung mit dem _Kant_« enthalte!

Noch sträubt sich seine Dichternatur gegen diese Nüchternheit.

Und äußere Hindernisse (Berufung nach Jena, Verlobung, Heirat)

verhindern zunächst weiteres philosophisches Studium, auch die

geplante Antwort des »Julius« auf Raphaels letzten Brief. Aber

im Novemberheft 1790 der »Thalia« erscheint ein Abschnitt seiner

Vorlesung über Universalgeschichte als Aufsatz unter der Überschrift

»Etwas über die erste Menschengesellschaft« mit der Bemerkung: »Es

ist wohl bei den wenigsten Lesern nötig zu erinnern, daß diese

Ideen auf Veranlassung eines Kantischen Aufsatzes in der Berliner

Monatsschrift entstanden sind.« Es war dies Kants geistreiche und

durchaus allgemeinverständliche Abhandlung »Mutmaßlicher Anfang der

Menschengeschichte« (Januar 1786).[15] Wenige Monate später erfolgte

die entscheidende Wendung zu dem kritischen Philosophen.

~C.~ Die Höhezeit. Schiller als Jünger Kants

(1791 bis 1795)

Das erste Bekenntnis Schillers zu Kant stammt vom 3. März 1791. Er

überrascht Freund Körner mit der Nachricht, daß er sich Kants »Kritik

der Urteilskraft« angeschafft habe und sie eifrig studiere. Sie »reiße

ihn hin durch ihren lichtvollen, geistreichen Inhalt«, der ihm als

Ästhetiker ja schon ziemlich vertraut sei, und er lerne bei dieser

Gelegenheit auch die übrige Kantische Philosophie kennen. Sie erscheine

ihm als kein »unübersteiglicher Berg« mehr; er hege das größte

Verlangen, sich nach und nach in sie hineinzuarbeiten!

Ich will nun nicht, wie ich es im ersten Teil meines Buches »Kant

-- Schiller -- Goethe« getan, die ganze Reihe der in den nächsten

fünf Jahren entstehenden philosophischen Aufsätze Schillers in

chronologischer Folge durchmustern, sondern lieber seine Philosophie

im ganzen, d. i. in _sachlichem_ Zusammenhang zu schildern versuchen.

Vorausschicken möchte ich allerdings doch im folgenden eine Reihe

besonders wichtiger persönlicher Bekenntnisse Schillers über seine

philosophische _Entwicklung_ in diesen Jahren. Die Titel seiner

Abhandlungen werden dabei, mit einigen zwanglosen Bemerkungen dazu, von

selbst erwähnt werden.

Seit Mitte Dezember 1791 war Schiller durch ein Jahresgehalt

schleswig-holsteinischer Verehrer, eines Prinzen von Augustenburg und

eines Grafen Schimmelmann, zum ersten Male in seinem Leben instand

gesetzt, ohne Nahrungssorgen ganz seinem inneren Drange zu leben. »Ich

habe endlich einmal Muße,« schrieb er seinem Körner, »zu lernen und zu

sammeln und _für die Ewigkeit_ zu arbeiten.« Und wie ernst betrieb er

diese Arbeit! Er studierte -- _Kantische_ Philosophie. »Mein Entschluß

ist unwiderruflich gefaßt, sie nicht eher zu verlassen, bis ich sie

ergründet habe, wenn mich dieses auch drei Jahre kosten könnte,«

schreibt er am Neujahrstag 1792. Er hat sich kurz vorher die beiden

anderen Kritiken Kants angeschafft. Und er hat Wort gehalten. So sehr,

daß er sich in den folgenden drei Jahren aller dichterischen Produktion

enthält, um nur endlich einmal philosophisch mit sich selbst ins reine

zu kommen.

Im Januar 1792 erscheint in der »Thalia« die erste jener durch

Gedankengehalt wie durch glänzende Sprache gleich ausgezeichneten

Abhandlungen meist ästhetischen Inhalts, die gleichmäßig den Dichter

wie den Philosophen verraten: »_Über den Grund des Vergnügens an

tragischen Gegenständen_«, im folgenden Monat eine zweite »_Über die

tragische Kunst_«. Beide sind in streng Kantischem Geiste geschrieben.

Noch im Oktober des Jahres, kurz vor Beginn seines Privatissimums über

Ästhetik, »steckt er bis an die Ohren« in Kants Urteilskraft. Gegenüber

Körner haben sich jetzt die Rollen umgetauscht: Schiller ist jetzt

der eifrigere Kantianer, der den Freund kritisch zurechtweist. Auch

in Kants theoretische Philosophie hat er jetzt einzudringen begonnen.

Aus einem großen Briefe vom 18. Februar 1793 stammt sein begeistertes

Bekenntnis: »Es ist gewiß von einem sterblichen Menschen kein größeres

Wort noch gesprochen worden als dieses Kantische, was zugleich der

Inhalt seiner ganzen Philosophie ist: _Bestimme dich aus dir selbst!_

Sowie das in der theoretischen Philosophie: _Die Natur steht unter dem

Verstandesgesetz._« Und an seinen nach Bonn übergesiedelten jungen

Freund Fischenich schreibt er fast zur selben Zeit auf die frohe Kunde

hin, daß Kants Philosophie dort bei Lehrern und Lernenden gute Aufnahme

finde: »Bei der studierenden Jugend wundert es mich übrigens nicht

sehr, denn _diese_ Philosophie hat keinen anderen Gegner zu fürchten

als _Vorurteile_, die« -- ach, könnte man das von der _heutigen

studierenden_ Jugend doch auch sagen! -- »in jungen Köpfen doch nicht

zu besorgen sind.« Die neue Philosophie sei zudem, fügt er am 20. März

desselben Jahres hinzu, viel _poetischer_ als die Leibnizsche und habe

einen weit größeren Charakter!

In »_Anmut und Würde_« (Februar 1793), die zum ersten Male Schillers

eigene ästhetische Theorie, wenn auch nur als eine Art Vorläufer

der »Ästhetischen Briefe« entwickelt, wendet er sich zum ersten Male

in seinen Schriften ausdrücklich an den »unsterblichen Verfasser

der Kritik«, dem der Ruhm gebühre, »die gesunde Vernunft aus der

philosophierenden wiederhergestellt zu haben«, und unter dem die Moral

»endlich aufgehört habe, die Sprache des Vergnügens zu reden«. Freilich

der Zustimmung folgen jetzt auch die Einwände, die unsere systematische

Darstellung später zu schildern haben wird. Im folgenden Jahre (1794)

kam dann Kant, der übrigens schon im Jahre 1789 durch einen gemeinsamen

Bekannten dem Dichter einen Gruß hatte zugehen lassen, in der zweiten

Auflage seiner »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft« in

einer neu hinzugefügten Anmerkung (S. 22 meiner Ausgabe) ausführlich

und in sehr freundlicher Weise auf Schillers Einwände gegen ihn zurück,

was den letzteren natürlich mit großer Freude erfüllte.

Im März und April erschien weiter die Abhandlung »_Vom Erhabenen_« in

zwei Teilen, deren erster später (1801) in einer umgearbeiteten, von

Kant stärker abweichenden Gestalt unter dem Titel »_Über_ das Erhabene«

in die Sammlung seiner »Kleinen prosaischen Schriften« aufgenommen

wurde, während der zweite die Überschrift »_Über das Pathetische_«

erhielt. Sehr kantisch sind auch die vom Februar 1793 bis Anfang 1794

an den _Prinzen von Augustenburg_ gerichteten zehn _Briefe_ gehalten.

Kants Philosophie, heißt es z. B. im ersten dieser Briefe, »die sich

so oft nachsagen lassen müsse, daß sie nur immer einreiße und nichts

aufbaue« -- was man bekanntlich auch so und so oft vom Sozialismus

behauptet hat --, sei so fruchtbar, daß sie die festen Grundsteine

zu einem System der Ästhetik darbiete. Und der zweite unterscheidet

das eigentliche Gebäude (Kants) von dem »Gerüst«, das die Handwerker

(die Kant_ianer_) darum gelegt. Im sechsten, zu Anfang Dezember 1798

verfaßten bekennt er, daß er »im Hauptpunkte der Sittenlehre vollkommen

kantisch denke«.

Die Philosophie unserer Klassiker: Lessing, Herder, Schiller, Goethe · 第 9 / 17 段