Und so schildert denn das letzte Buch (20) das Heraufziehen einer neuen

Zeit: nach dem Rittergeist und der »heiligen Narrheit« der »tollen«

Kreuzzüge das Erwachen des Handelsgeistes in den Städten Norditaliens

und der Hansa, das Entstehen eines Bürgerstandes, das Aufkommen der

Landessprachen, das allmähliche Wiedererstehen der Wissenschaften, die

Erfindungen und Entdeckungen: kurz den Beginn einer neuen europäischen

Kultur durch Betriebsamkeit, Wissenschaften und Künste. Freilich, »an

eine allgemeine durchgreifende Bildung _aller Stände_ und Völker«

war damals noch nicht zu denken, und »_wann wird daran zu denken

sein_?« »Indessen«, mit diesem tröstlichen Ausblick schließt das Werk,

»geht die Vernunft und die verstärkte gemeinschaftliche Tätigkeit

der Menschen ihren unaufhaltbaren Gang fort.« So ist denn doch noch

etwas anderes möglich als ein Zerfallen in Einzelindividuen und deren

Wohlbehagen: es gilt eine Vernunft und eine _gemeinsame_ Tätigkeit der

Menschen, die vielleicht dermaleinst eine »durchgreifende Bildung aller

Stände und Völker« herbeiführen wird.

In Herders Nachlaß hat sich noch ein Entwurf für einen folgenden

fünften Teil (21. bis 25. Buch) gefunden. Allein auch er führt nur bis

ins siebzehnte Jahrhundert. So wäre also das Werk sowieso ein Torso

geblieben. Ein vollendetes geschichtsphilosophisches System wollte ja

der Verfasser ohnehin nicht geben, sondern nur Ideen zu einem solchen.

In einem knappen Gesamturteil Herders »Ideen« wirklich gerecht zu

werden, ist schwer. Vielleicht darf man zu seinem Lobe rühmen, daß

niemand vor ihm die Menschheit »so einheitlich, so allumfassend und

in so tiefen Perspektiven gesehen hat« (E. Kühnemann) oder, wenn man

bescheidenere Worte vorzieht, sagen, daß er den von Leibniz zuerst

zu nachdrücklicher Geltung gebrachten _Entwicklungs_gedanken von der

Natur auf die Geschichte übertragen und sie in selbständiger Tat,

übrigens auch mit großer Belesenheit und einer Fülle von Anregungen,

durchgeführt hat. Diesen bedeutsamen Vorzügen stehen freilich auch

bedeutende Schwächen gegenüber. Schon die ihm von manchen Kritikern

als Lob angerechnete Methode, daß er die _Natur_ als _Geschichte_,

die _Geschichte_ als _Natur_ behandelt, hat doch auch eine gewisse

begriffliche Verschwommenheit und Unbestimmtheit im Gefolge, die wir

schon in Kants Besprechung hervorgehoben sahen. Mit seiner ganzen Art

hängt auch das immer wieder hervortretende Überwiegen der Empfindung

über den Verstand, des Gefühls über den Begriff; der Phantasie über die

Wissenschaft zusammen.

Und ebenso die mangelnde Nachwirkung des Werks. Während Lessing, ganz

männlich-kräftig in seinem Wesen, uns heute noch anzieht, so hat

Herder etwas frauenhaft Weiches an sich, was den modernen Leser auf

die Dauer nicht zu fesseln vermag. Ich wenigstens fühle mich, muß

ich offen bekennen, außerstande, stundenlang hintereinander der oft

zerfließenden und zudem heute wissenschaftlich veralteten Darstellung

der »Ideen« mit Aufmerksamkeit zu folgen. Auf seine Zeit dagegen hat

ihr Verfasser stark gewirkt. Nicht nur sein engerer Freundeskreis,

darunter Männer von der Bedeutung eines Hamann und Goethe, sondern

auch Naturforscher von dem Rang eines Blumenbach, Forster, Sömmering

haben mit Begeisterung davon gesprochen. Von Philosophen haben sie

besonders auf Schelling und Hegel eingewirkt, und aus uns näher

liegender Zeit hat Hermann Lotze bekannt, daß sein »Mikrokosmus«

eine mit den fortgeschrittenen wissenschaftlichen Anschauungen der

Gegenwart begonnene Wiederholung des Herderschen Unternehmens sei.

Von unseren Geschichtschreibern erinnert Ranke am meisten an ihn.

Aber in der heutigen Geschichtswissenschaft und im geistigen Leben

der Gegenwart spielt Herders reifstes Werk keine Rolle mehr, und

die realistisch-wirtschaftliche Geschichtsauffassung, wie sie Marx

und Engels vertreten haben, hat ihm kaum etwas zu verdanken. Trotz

alledem kann man mit einem gewissen Recht mit Gundolf Herder als »den

_ersten_ Mensch mit _historischem_ Sinn bezeichnen, der Griechentum

oder Bibelwelt, Naturvölker oder Shakespeare als _geschichtliche_

Erscheinungen in ihrer individuellen Besonderheit und Mannigfaltigkeit

faßte und darstellte«. Darin besteht sein unvergängliches historisches

Verdienst.

2. Die Gespräche über »Gott«

Diejenige Schrift Herders, welche die seinen »Ideen« zugrunde

liegenden philosophischen Anschauungen seiner Reifezeit vielleicht am

konzentriertesten zusammenfaßt, ist das 1787 erschienene, nur wenige

Druckbogen umfassende kleine Buch »_Gott_. Einige Gespräche«, auch wohl

das Spinoza-Büchlein genannt.

Herder war philosophiegeschichtlich von _Leibniz_ ausgegangen. Schon

Magister Kants Vorlesungen hatten ihn auf diesen bis dahin größten

deutschen Philosophen aufmerksam gemacht. Christian Wolff hat ihn, der

fünfzehn Jahre jünger als Lessing war, schon nicht mehr beeinflußt.

Dagegen studierte er mit Eifer Leibniz an der Quelle, d. h. dessen 1765

bekannt gewordene, gegen den englischen Empiristen Locke gerichtete

»Neue Versuche über den menschlichen Verstand«. In Leibniz fand er

den seinen eigenen Grundanschauungen verwandten Gedanken von der

auf lebendige, göttliche Kräfte zurückgeführten, zweckbeherrschten

Entwicklung im Reiche der Natur und des Geistes, welche beide sich

zuletzt zu einer großen, vorausbestimmten Harmonie des gesamten

Weltalls zusammenschließen. Damit verband er dann die damit leicht

zu vereinende, ihm gleichfalls sympathische Gefühlsphilosophie des

»liebenswürdigen Platos Europas«: des Engländers _Shaftesbury_ mit

seinem Optimismus und seiner, freilich die Wirklichkeiten des Lebens

stark verkennenden poetischen Schönheitsphilosophie, derzufolge die

Schönheit und Harmonie des Alls auf das Dasein eines weisen und gütigen

Weltgeistes führt. Shaftesbury aber wurde für ihn schließlich nur ein

dichterischer Dolmetsch des großen _Spinoza_, auf den ihn, wie wir

sahen, eigene Studien schon früher geleitet hatten, und der ihm dann

seit 1783 durch F. H. Jacobi noch näher gebracht worden war.

Schon um die Mitte der siebziger Jahre hatte er eine Schrift über

diese seine drei philosophischen »Schutzheiligen« geplant. Nun kam

Lessings Bekenntnis zu der All-Eins-Lehre Spinozas und der durch Jacobi

angefachte große Philosophenstreit über Lessing-Spinoza hinzu. In

diesen fühlt nun auch Herder sich veranlaßt, durch seine fünf Gespräche

über »Gott« einzugreifen. Das heißt: er wollte sich eigentlich nicht

an dem Streit beteiligen. »Gespräche sind keine Entscheidungen,

noch minder wollen sie Zank erregen, denn über Gott werde ich _nie

streiten_,« so erklärt er von vornherein in seiner Vorrede.

Das erste Gespräch stellt eine Ehrenrettung des so lange verkannten

niederländischen Weisen dar: sowohl seines Charakters als seiner

Lehre. Ein Spinozist im strengen Sinne will zwar auch Theophron, der

offenbar Herders Standpunkt vertritt, nicht heißen. Er gibt vielmehr

eine Auslegung des Spinozismus, wie sie Herders eigener Persönlichkeit

entspricht, und das bedeutet bei Herders Subjektivismus etwas noch ganz

anderes als bei Lessing. Vor allem wird die ihm nicht passende streng

logische Seite desselben als »kartesianische« Schlacken beseitigt, das

Religiöse hervorgehoben. Spinoza ist nicht der Atheist, als den ihn

haßerfüllte Gegner ausgegeben haben. Vielmehr ist die Gottheit für

ihn sogar der Urquell alles Denkens und Seins, andererseits auch das

Ziel alles Denkens und Fühlens. Er ist im Gegenteil, wie Herder mit

Goethe sagt, der stärkste Gottesgläubige und beste Christ (~theissimus

et christianissimus~), eher ein Schwärmer für Gottes Dasein als ein

Leugner desselben zu nennen. Freilich ist dieser Gott nicht außerhalb,

sondern _in_ der Welt, die er -- was freilich nicht bei Spinoza,

sondern bei Leibniz steht -- mit seiner alles durchdringenden Kraft

erfüllt, indem er, die Urkraft, sich in unendlichen Einzelkräften

auf unendliche Weisen offenbart. Und diese Urkraft stellt, wie das

dritte Gespräch beweisen will, zugleich die höchste Weisheit und

Güte dar. Spinozas »Gott« ist für Herder gleichzeitig ein denkendes,

wollendes und wirkendes Wesen. Und doch kein Gott der Willkür. Deshalb

bedeutet die Naturgesetze erforschen ebensoviel als: Gottes Gedanken

nachdenken. Was den Streit zwischen Jacobi und Mendelssohn betrifft,

so sucht das vierte Gespräch beide Standpunkte, den der Glaubens- und

der Aufklärungsphilosophie, miteinander zu verbinden. Gottes Dasein

ist schon durch den gesunden Verstand erweisbar. Die einzige Richtung,

gegen die er sich wendet, ohne sie ausdrücklich beim Namen zu nennen,

ist der Kritizismus. Auch zustimmende Aussprüche von Dichtern aller

Zeiten werden zitiert; wie denn überhaupt die Gespräche, an deren

letztem auch eine Frau (Theano) -- zu denken ist wohl an Karoline,

Herders Gattin -- teilnimmt, die Herder eigentümliche poetische

Stilfärbung tragen.

Schließlich wird das Ergebnis, in dem die drei Unterredner zuletzt

übereinstimmen, in zehn Sätzen formuliert. Das Wichtigste davon ist

folgendes: Da Gott selbst Macht, Weisheit und Güte ist, so besitzt auch

alles von ihm Geschaffene diese Eigenschaften. Alle die unzähligen

Organismen sind Systeme lebendiger Kräfte, die der Weisheit, Güte und

Schönheit einer Hauptkraft nach ewigen Regeln dienen. Jedes Wesen

beharrt in sich selbst, vereinigt sich mit Gleichartigem, scheidet

sich von Entgegengesetztem und verähnlicht sich in Abdrücken, die eine

stetige Reihe bilden. Es gibt in der gesamten Schöpfung keinen Tod,

sondern nur Verwandlung, keine Ruhe, sondern nur lebendiges Wirken

von Kräften, die aus dem Chaos Ordnung, aus schlafenden wirkende

Fähigkeiten schafft. Alles »Böse« ist nur Schranke und Gegensatz. Auch

die Fehler der Menschen sind in den Augen eines verständigen Geistes

gut; denn sie helfen ihm, als Kontraste, zu mehr Licht, Güte und

Wahrheit.

Alles in allem, wie der Kenner sieht, in der Tat eine Vereinigung

von Spinoza mit Leibniz und Shaftesbury. Von den eigentlich und naiv

Frommen: Lavater, Jacobi, Matthias Claudius hatte sich Herder damit

gelöst. Um so enger war der Bund mit _Goethe_, der Herders Büchlein zu

seinem Geburtstag 28. August 1787 in Rom empfing und sich in wahrhaft

begeisterter Weise darüber äußerte, da er seine eigenen Gedanken darin

wiederfand. Er sah in dem damit besonders verwandten dritten Teil der

»Ideen« sein »liebwertestes Evangelium«, fand das neue Büchlein »voll

würdiger Gottesgedanken«; er werde es in seiner »Einsamkeit noch oft

lesen und beherzigen«, auch -- was ja den inneren Anteil eines Lesers

am besten zeigt -- »Anmerkungen dazu machen, welche Anlaß zu künftigen

Unterredungen geben können«. Herder aber hatte mit seinem Herzblut

oder, wie er an seinen Schweizer Freund G. Müller schrieb, »mit

sonderbarer innerer Überzeugung daran geschrieben«. Es enthielt, wie er

sich zu Schiller äußerte, seine eigene, vollständig überzeugende Idee

von Gott. Er hatte es (nach Karolinens »Lebenserinnerungen«) »mit der

frömmsten Seele« verfaßt, und sie teilte beim Vorlesen des Manuskripts,

wie auf gemeinsamen Spaziergängen, das Glück der Empfindungen und

Vorstellungen, die Spinoza in ihm erweckt, in dem Grade, daß »Himmel

und Erde ihnen neu waren«! Und als ein Göttinger Rezensent von den

»bedenklichen Folgen« gesprochen hatte, die Herders Spinozismus für

fromme Gemüter haben könnte, da fuhr Herder mit berechtigtem Grimme

und im Vollgefühl seiner tiefreligiösen Weltanschauung los: Solche

»Altweibertröstungen« seien keine Wahrheiten, »so wenig sie einen

vernünftigen Menschen trösten werden«. »Die Leute wollen keinen Gott

als in ihrer Uniform, ein menschliches Gabeltier, dem sie höchstens

den Reichsapfel in die Hand geben; und dabei verkleistern sie sich

die Vernunft, die einzige hohe Idee wahrzunehmen, die ihnen überall

entgegenstrahlt, an der alles hängt und die alles, was man hoffen kann,

gibt: Trost, Heiterkeit, Wahrheit, Gewißheit, ernstes, ewiges Dasein.

Wer einen Tropfen dieses Wassers gekostet hat, der wird nicht dürsten

in Ewigkeit.«

~C.~ Das Ende

Altersjahre. Der Kampf gegen Kant. Tod

Herders allzufrüh zur Reife gelangtem Geist entspricht ein frühes

Veralten. Man merkt es schon an der Wirkung seiner 1788/89

angetretenen italienischen Reise. Dasselbe Ereignis, das Goethe erst

zur vollen Mannes- und Dichterreife entwickelte, läßt bei dem erst

vierundvierzigjährigen Herder, obwohl auch er sich von Jugend auf nach

Italien gesehnt, bereits den Beginn des Greisentums hervortreten. Er

fühlt sich durch die neuen Eindrücke weder beglückt noch gefördert.

Auch die innere Differenz mit Goethe fängt wieder an sich zu regen.

Sie wird verstärkt durch Herders Enthusiasmus für die _Französische

Revolution_. Eigentlich politisches Verständnis hat ja diese ganze

gefühls- und empfindungsmäßig eingestellte Natur nie besessen. Aber er

begeisterte sich anfangs mehr als die übrigen Weimarer Größen für die

Erhebung des Nachbarvolkes, in der sein Humanitätsideal zum ersten Male

sich ihm zu verwirklichen schien. Starke antimonarchische Äußerungen,

die sogar in seinen Predigten zuweilen einen gewissen Nachhall fanden,

wurden über ihn kolportiert. Er, der sonst das Recht der Tradition

so hochgehalten hatte, bekannte sich jetzt in seinen »_Briefen, die

Humanität betreffend_«, die 1792 entworfen, freilich erst später zur

Ausführung kamen, zur uneingeschränkten Demokratie, der gemäß im Staate

»nur ein einziger Stand, das _Volk_, existiert, zu dem der König sowohl

als der Bauer gehört«. Die Französische Revolution erklärte er für

das wichtigste Ereignis der Weltgeschichte seit Völkerwanderung und

Reformation. Er sieht in ihrem Gefolge -- sehr unprophetisch! -- ein

neues Zeitalter der Literatur, Philosophie und Religion für Deutschland

heraufkommen.

Allein sein Feuer ist nur ein Strohfeuer. Wie so viele andere, wie

Klopstock und Wieland und leider auch -- Schiller, fühlt er sich

durch die Gewalttätigkeiten, die der Verlauf der Dinge in Frankreich

brachte, ebenso rasch wieder abgestoßen und pflegte später zu sagen:

die Revolution habe uns ein Jahrhundert zurückgebracht. Und die

Humanitätsbriefe (1793 bis 1794), anfangs ein Stück Zeitgeschichte,

verlieren sich immer mehr ins Breite und verwandeln sich allgemach in

uferlose Betrachtungen über alle möglichen Dinge: Literatur, Kunst,

Religion, Erziehung, Recht, Geschichte und Völkerkunde. Daneben gibt

er in den Jahren 1794 bis 1798, zu den theologischen Interessen seiner

Bückeburger Periode zurückkehrend, eine Reihe »Christlicher Schriften«

heraus, auf die wir nicht weiter einzugehen brauchen.

Zu dem vorzeitigen Altern Herders tragen auch eine Reihe äußerer

Umstände bei: zunehmende Kränklichkeit, finanzielle Sorgen, die durch

die anwachsende und heranwachsende Familie immer drückender wurden.

Vor allem aber das Gefühl steigender Vereinsamung. Schon 1788 war

ihm im fernen Münster sein geliebter Hamann gestorben. Und die neuen

Freundschaften, die in den neunziger Jahren kamen, wie die des jungen

Jean Paul, oder das zeitweise nähere Verhältnis zu einem Vertreter

der alten Generation wie Wieland, gaben ihm, abgesehen davon, daß

sie vorübergehender Natur waren, keinen Ersatz: während doch gerade

seine weiche Natur für die Entfaltung ihres Innenlebens von jeher der

Anregung durch andere bedurft hatte.

Vor allem aber war es die endgültige Abwendung _Goethes_, die ihn

seine Isolierung am bittersten empfinden und ihn immer grämlicher und

verbitterter werden ließ: Goethes, der im Jahre 1794 seinen Geistesbund

mit Friedrich _Schiller_ schloß. Ich kann diese Ihnen ja aus der

Literaturgeschichte bekannten Dinge hier nicht im einzelnen erzählen,

zumal da wir auf ihre philosophische Seite eben bei Schiller und Goethe

noch einmal zurückkommen werden, und begnüge mich daher mit der kurzen

Zusammenfassung, daß in der geistigen Entwicklung Goethes Herder-_Nähe_

Schiller-_Ferne_ und wiederum Schiller-Nähe Herder-Ferne bedeutet.

Gewiß, äußerlich bleibt der Bruch zunächst noch verschleiert. Im Jahre

1795 arbeiten alle drei noch gemeinsam an der vornehmsten literarischen

Zeitschrift, die Deutschland wohl je besessen hat, an Schillers

»Horen«, zusammen. Indes er läßt sich auf die Dauer nicht hintanhalten.

Vor allem begriff Herder, der ja selbst nie ein schaffender Dichter,

sondern stets nur ein feiner Nachempfinder fremder Poesie gewesen ist,

den tief künstlerischen Standpunkt der beiden anderen nicht, der sie

die Aufgabe der Kunst nicht in Moralpredigt und -lehre, sondern in

freiem, schöpferischem Gestalten, ihren Wert nicht in irgendwelchem

bürgerlichen oder erzieherischen Nutzen, sondern in der Tiefe des

Schauens erblicken ließ, mit der echte Dichterkraft das Leben erfaßt.

So fällt Schiller später, bei Gelegenheit einiger besonders schwacher

Erzeugnisse des immerfort weiterschreibenden Herder, das scharfe

Urteil: »Herder verfällt wirklich zusehends, und man möchte sich

zuweilen im Ernst fragen, ob einer, der sich jetzt so unendlich

trivial, schwach und hohl zeigt, wirklich jemals außerordentlich

gewesen sein kann.« Und Goethe erklärte ebenfalls den ihm einst so nahe

Stehenden für eine »pathologische«, d. h. krankhafte Natur.

Noch einmal rafft sich dann in den letzten Jahren vor seinem Tode

Herders einst so reger, jetzt müde gewordener Geist zu zwei wenigstens

quantitativ größeren Leistungen auf, die beide gegen diejenige

Philosophie gerichtet sind, der er seinen eigenen Rückgang in der

Schätzung des Publikums zuschrieb, die _kritische_. Wir meinen die

»Metakritik« von 1799 und die »Kalligone« von 1800. Heute ist man sich

wohl in allen, auch den nicht kantfreundlichen Kreisen darüber einig,

daß diese beiden ziemlich umfangreichen Schriften -- die »Metakritik«

umfaßte zwei, die »Kalligone« gar drei Bände -- mit ihrem trockenen

und geschmacklosen Stil, ihrer anmaßlichen Selbstgefälligkeit und

ihrer giftig-hämischen Kritik des großen Königsberger Philosophen

einen beklagenswerten Abfall von den Leistungen des jungen und des

reifen Herder darstellen. Nur der Inhalt wird, zum Teil wenigstens, von

einigen, z. B. dem schon von uns genannten G. Jacoby,[13] verteidigt.

Wir können uns darüber kurz fassen.

Das erste Werk, die Meta-, also eigentlich _Nach_kritik -- der Titel

ist einer gleichartigen Schrift Hamanns nachgeahmt -- richtet sich

gegen Kants Kritik der reinen Vernunft. Aber Herder hat den Kern

des Kantischen Problems _überhaupt nicht verstanden_. Selbst ein

ihm günstig gesinnter Schriftsteller wie C. Siegel erklärt: »Herder

hatte keinen Sinn und konnte keinen haben für das eigentliche

Kantische Problem: er ist nicht _Erkenntnistheoretiker_, sondern

Erkenntnis_psychologe_.« (S. 89.) Für den erkenntniskritischen

Standpunkt Kants fehlt ihm jedes Verständnis. Man darf ihm zufolge

die Natur, also auch die daraus hervorgegangene Vernunft nicht

kritisieren, sondern höchstens psychologisch untersuchen. Daraus

erklärt sich alles Weitere. Hier und da findet sich gewiß einmal

ein geistreicher, wenn auch nicht durchschlagender Gedanke, wenn er

z. B. bei der ersten Antinomie Kants die Unendlichkeit des Raumes

der Einbildungskraft, seine Endlichkeit dem Verstand zuschreibt.

Bezeichnend für Herder wie für alle Dogmatiker (Spinoza, Schelling,

Hegel!) ist auch, daß für ihn die »Gottheit« nicht das Ende, sondern

den Ausgangspunkt, nicht die oberste Spitze, sondern die unantastbare

Grundlage aller Erkenntnis darstellt.

Wie die Metakritik gegen die erste, so ist die 1800 veröffentlichte

_Kalligone_ gegen die dritte Kritik Kants, die Kritik der Urteilskraft,

d. h. gegen den ästhetischen Teil gerichtet. Sie will also Herders

ästhetische Theorie geben. Allein das »schöne Kind des Himmels«, wie

er selbst den Titel verdeutscht, verdient seinen Namen keineswegs.

Sie gibt höchstens bezüglich der einzelnen Künste, z. B. über ihren

Zusammenhang mit den praktischen Bedürfnissen des Menschen, hier und

da einen anregenden Gedanken, hat aber ebenso wie das erste Buch das

Kantische Problem überhaupt nicht erfaßt, reißt vielmehr den Gegner

nur einfach herunter. Schon der Grundgedanke der kritischen Methode,

die begriffliche Scheidung und Abgrenzung des Nichtzusammengehörigen

voneinander, z. B. die des Schönen vom bloß Angenehmen und vom Guten

oder die zwischen Schönem und Erhabenem, erregt Herders Mißfallen. Er

versteht nicht, was der feine Begriff der »Zweckmäßigkeit ohne Zweck«

für das Ästhetische bedeutet. Er faßt einen anderen ästhetischen

Grundbegriff Kants, den des freien »Spiels« der Empfindungen, den

Schillers ästhetische Schriften so meisterhaft ausgelegt und weiter

ausgebildet haben, einfach in dem kindischen Sinne von Willkür und

Tändelei, im Gegensatz zu _seinem_ eigenen »Ernst der Notwendigkeit«.

Darüber ist natürlich kein Wort zu verlieren. Am bedauerlichsten ist,

daß er, der selbst einst ein anerkannter Führer der jungen Genies der

siebziger Jahre in der deutschen Literatur gewesen, jetzt nicht einmal

die glänzende Bestimmung der Merkmale des Genies durch seinen einstigen

Lehrer anerkennt, sondern aus reiner Oppositionslust bemäkelt.

Natürlich hat Herder in seinem engeren Kreise und darüber hinaus bei

einzelnen aus der Reihe der allmählich zahlreicher gewordenen Gegner

der Kantischen Philosophie, zum Teil begeisterte, Zustimmung gefunden,

von der ich eine Anzahl heute nur humoristisch anmutender Beispiele

in meinem kürzlich in zweiter Auflage erschienenen Buche »Kant --

Schiller -- Goethe« (S. 180 bis 185) gesammelt habe. Aber an den

größten Zeitgenossen, an Goethe und Schiller, ging seine im Grunde

nur aus ohnmächtiger Wut entsprungene heftige Opposition gegen die

erkenntnistheoretischen und ästhetischen Grundlagen der kritischen

Philosophie, die in Privatbriefen von geradezu abstoßenden Wendungen

noch überboten wurde, ebenso wirkungslos vorüber wie an der ganzen

Folgezeit. Diese letzten Schriften bilden eines der traurigsten und

beschämendsten Kapitel im literarischen Lebensweg Herders, der am 18.

Dezember 1803, nicht ganz zwei Monate vor Immanuel Kant, seinen letzten

Atemzug getan hat.

Doch nicht mit diesem trüben Eindruck wollen wir von ihm Abschied

nehmen. Sondern lieber an dasjenige denken, was er in seinen jüngeren

und seinen Reifejahren für das deutsche Schrifttum und für deutsches

Wesen, für eine tiefere und freiere Auffassung der Poesie und der

Religion und vor allem der _Natur_ und der _Geschichte_ geleistet

hat. Und wenn seine Verdienste um die strengere Philosophie auch

nicht so groß sind wie die unserer anderen Klassiker, wenn er auch im

Geistesleben unserer Gegenwart keine bedeutsame Rolle mehr spielt, so

wollen wir an die edle Gesinnung denken, aus der sein bestes Wirken

hervorgewachsen ist, und an den sie zusammenfassenden Wahlspruch der

auch auf seinem Grabe steht und »_Licht! Liebe! Leben!_« lautet.

Schiller

Kommt man von Johann Gottfried Herder zu Friedrich Schiller, namentlich

dem _jungen_ Schiller, so ist es einem, als sei man von einem friedlich

leuchtenden Lichte geschieden und nahe sich einer hell lodernden

Flamme. Schiller, der schon als sechsjähriger Knabe in Lorch gern

vor seinen Geschwistern den Prediger auf der Kanzel gespielt hat,

ist in Wahrheit dem ganzen deutschen Volke ein feuriger Prediger

der _Freiheit_ geworden. Darum ist er auch von jeher ein Liebling

des _Volkes_ und der _Jugend_ gewesen. Dem tut die Tatsache keinen

Eintrag, daß mancher von uns, vielleicht weil er auf der Schule mit

Schillers Gedichten und Dramen gewissermaßen überfüttert worden ist,

vielleicht auch, weil das unseren Dichter kennzeichnende Pathos den

reifer Gewordenen von sich abstößt, eine Zeitlang seiner überdrüssig

geworden ist: um so sicherer kehrt er später, wenn er, älter und reifer

geworden, sich von neuem in seine Weltanschauung vertieft, dauernd und

endgültig zu ihm zurück. Vor allem der, welcher im allgemeinsten Sinne

des Wortes philosophisch angelegt ist. Denn Friedrich Schiller ist der

_philosophischste_ unter unseren Dichter-Klassikern.

~A.~ Die Anfänge

(1779 bis 1786)

Die Philosophie unserer Klassiker: Lessing, Herder, Schiller, Goethe · 第 8 / 17 段